Manager des Umbruchs
Zum Tod Jürgen Pontos am 30. Juli 1977
von
Ralf Ahrens
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Veröffentlich: Juli 2014

 

Am Abend des 30. Juli 1977 starb Jürgen Ponto, der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, an den Folgen mehrerer Schüsse, die die RAF-Terroristen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt in seinem Wohnhaus im Frankfurter Vorort Oberursel auf ihn abgegeben hatten. Ponto war zu dieser Zeit wohl der prominenteste deutsche Bankier und zudem das erste RAF-Opfer aus der Wirtschaft, die gegen solche Attentate noch kaum Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte. Eine live im Fernsehen übertragene Trauerfeier in der Paulskirche und ein Schweigemarsch von über 4.000 Bankangestellten durch die Frankfurter Innenstadt kündeten von seiner Popularität. In der bundesdeutschen Erinnerungskultur verblasste sein Tod dennoch hinter der spektakulären Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers einige Monate später.

Mit Ponto war ein Topmanager zur Zielscheibe der Terroristen geworden, der ähnlich wie der zwölf Jahre später ermordete Alfred Herrhausen seine Bekanntheit gerade der Tatsache verdankte, dass er weit über den Tellerrand des Kreditgewerbes hinausdachte, den Dialog mit den Medien suchte und als Reformer galt. Der studierte Jurist, der seine gesamte Karriere innerhalb der Dresdner Bank absolviert hatte, galt bei seiner Ernennung zum Vorstandssprecher 1969 vielen als unbeschriebenes Blatt. Bald darauf personifizierte er jedoch bereits einen radikalen Imagewandel der reformbedürftigen Großbank, an deren Spitze er in einer Zeit der Ertragsschwächen und Reorganisationen berufen worden war. Ponto war ein ausgemachtes Kommunikationstalent und hatte besser als andere Bankiers verstanden, dass inzwischen auch von Vertretern der Wirtschaft eine andere mediale Präsenz erwartet wurde als in den geruhsamen Wirtschaftswunderjahren.

Die 1970er Jahre, die unter Zeithistorikern allgemein als Krisenphase „nach dem Boom“ gelten, waren für die deutschen Banken zugleich eine Zeit der Aufbrüche. Zwar nahm der Wettbewerbsdruck vor allem im „Massengeschäft“ mit Sparbüchern, Gehaltskonten und Kleinkrediten zu, während das angestammte Industriekreditgeschäft riskanter wurde. Doch bescherten ihnen gerade jene Krisenphänomene, die einen Großteil der deutschen Wirtschaft nach dem Auslaufen der langen Nachkriegskonjunktur zusätzlich belasteten, wachsende Geschäftsfelder: Die Ölpreiskrise spülte mit den „Petro-Dollars“ anlagesuchendes Kapital nach Europa, der Zusammenbruch der Währungsordnung von Bretton Woods und zunehmende Direktinvestitionen im Ausland vergrößerten tendenziell den Bedarf an grenzüberschreitenden Bankdienstleistungen. Der Übergangscharakter dieser Jahre zeigt sich auch an der Internationalisierung der deutschen Großbanken selbst: Die Errichtung großer Auslandsfilialen und die Gründung europäischer Bankenverbünde kündeten zwar von einem schnell wachsenden Bewusstsein für die künftige Bedeutung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, doch war diese Expansion noch weit entfernt von jenem globalisierten Investmentbanking, dessen Auswüchse uns die jüngste Weltfinanzkrise vor Augen geführt hat.

Ponto agierte in diesem unsicheren Umfeld als Modernisierer, indem er – stets als Sprecher eines arbeitsteilig organisierten Kollegialvorstands, der im eigenen Haus auf Konsens angewiesen war – der Dresdner Bank eine zeitgemäße Organisation und ein hochmodernes Corporate Design verpassen ließ, sie von einem Ruf als etwas altbackene „Händlerbank“ mit Schwerpunkt im Börsengeschäft befreite und sie besonders durch Internationalisierung profilierte. Konkret waren dafür zwar oft andere Vorstandsmitglieder zuständig, doch das Image des Sprechers verschmolz in der Öffentlichkeit mit dem seines Unternehmens. Dazu gehörte die Partizipation an jenem Netzwerk aus Großbanken, großen Versicherungen und Industriekonzernen, für das sich heute die Metapher „Deutschland AG“ eingebürgert hat. Ponto war Mitglied und teils Vorsitzender der Aufsichtsräte etlicher „erster Adressen“ der westdeutschen Wirtschaft. Die finanzielle und personelle Verflechtung der deutschen Großwirtschaft, die sich heute zu weiten Teilen aufgelöst hat, zeigte zwar in den 1970er Jahren schon erste Auflösungserscheinungen, aber gerade die Krisen und Strukturprobleme solcher Flaggschiffe der deutschen Industrie wie AEG oder Krupp vergrößerten die Nachfrage nach einem Kommunikator mit Zugriff auf finanzielle Ressourcen, der die diskrete Diplomatie ebenso beherrschte, wie er notfalls als Krisenmanager durchgreifen konnte.

In gewisser Weise stärkten die krisenhaften Umbrüche der 1970er Jahre also auch auf diesem Feld die Banken, auch wenn ihr Einfluss auf die industrielle Großkundschaft nicht überschätzt werden darf. In der Debatte über die „Macht der Banken“, die zu dieser Zeit wieder einmal aufbrach, profilierte sich Jürgen Ponto als Verteidiger des historisch gewachsenen Universalbankprinzips, während manche Kritiker das in den USA vorgeschriebene Trennbankensystem propagierten, um den gesamtwirtschaftlichen Einfluss großer Kreditinstitute zu begrenzen. Dass der Sprecher der Dresdner Bank in kurzer Zeit zu einer Symbolfigur der deutschen Wirtschaft geworden war, lag nicht zuletzt an solchen Stellungnahmen, deren rhetorische Verknüpfung von Modernität und Tradition in gewisser Weise symptomatisch für die alte Bundesrepublik in Zeiten des Umbruchs war. Ponto plädierte energisch für die internationale Öffnung des deutschen Kapitalmarkts und dachte gleichzeitig in den überkommenen Traditionen eines durch Unternehmenskooperationen (auch zwischen den Großbanken) regulierten Wettbewerbs. Er stand der CDU nahe und geißelte sozialliberale Pläne einer privaten Vermögensbildung aus Gewinnabschöpfungen als „Etappensieg für Karl Marx“, hatte aber – anders als manche Vertreter der alten Industrieelite – keinerlei Berührungsängste gegenüber Sozialdemokraten.

So war der „Mann, der in Millionen denkt“ (so 1974 der Titel einer NDR-Fernsehdokumentation), wohl auch für die Medien gerade als konservativer Modernisierer interessant. Dynamische Weltoffenheit und Kulturbürgertum (Ponto war auch als Mäzen aktiv und mit einer Pianistin verheiratet) verbanden sich mit der grundsoliden Einstellung, dass Banken mit dem Geld ihrer Kunden sorgsam umzugehen und sich deren Vertrauen ebenso zu erarbeiten hatten wie das der Öffentlichkeit. Pontos damals vielgelobte Reden und Aufsätze scheinen oft aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen; sie wirken mitunter erstaunlich aktuell, wenn es um das Selbstverständnis eines Bankiers geht.