Kriegsende Mai 1945 – Legenden über die Kapitulationen am 7. und 8. Mai
Als Angelpunkt der Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkrieges stehen die beiden Kapitulationen am 7. und 8. Mai in Reims und in Berlin-Karlshorst, sichtbare Akte des Kriegsendes und des Beginns der langen Nachkriegszeit. Über diese Kapitulationsakte halten sich hartnäckig etliche Fehlinformationen und Legenden, nicht zuletzt durch die Jahre des Kalten Krieges geformt, in denen beide Seiten ihre jeweils eigene Geschichte pflegten. Das Museum Berlin-Karlshorst am Ort des zweiten Kapitulationsaktes, in seiner Arbeit der Kritik an historischen Legenden und der historischen Genauigkeit verpflichtet, informiert Sie über einige dieser Legenden - in der Hoffnung, der historischen Realität in der Medien-Erinnerung einen Platz verschaffen zu können.
Die Oberkommandierenden der deutschen Wehrmacht(sitzend v.l.: Generaloberst Stumpf, Generalfeldmarschall Keitel, Generaladmiral v. Friedeburg) vor der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde im Speisesaal des Offizierskasinos, Berlin-Karlshorst, 8./9. Mai 1945Foto: Timofej Melnik, Museum Berlin-Karlshorst
Legende 1: Die deutsche Wehrmacht kapitulierte in Reims, dem Hauptquartier der „Allierten Expeditionsstreitkräfte“, also der britischen und US-Streitkräfte, am 7. Mai vor den Westallierten und am 8. Mai in Karlshorst vor den sowjetischen Streitkräften. Realität: Beide Kapitulationen erfolgten vor den Vertretern aller Alliierten, also der britischen, sowjetischen und der US-Streitkräfte (Vertreter der französischen Streitkräfte waren jeweils als Zeugen anwesend). So unterzeichneten am 7. Mai in Reims der amerikanische General B. Smith, Stabschef bei Eisenhower, für die Westfront und der sowjetische Generalmajor Susloparow, Verbindungsoffizier im westlichen Hauptquartier, für die Ostfront die Entgegennahme der Kapitulation. Der französische General Sève unterschrieb als Zeuge (siehe die Kapitulationsurkunde von Reims). Am 8./9. Mai nahmen als Stellvertreter Eisenhowers der britische Air Marshal Tedder für die Westfront und der sowjetische Marschall Shukow für die Ostfront die Kapitulation entgegen. Als Zeugen unterschrieben hier der US General Spaatz und der französische General de Lattre de Tassigny (s. Anlage 3).
Luftmarschall Tedder und Marschall Shukow nehmendie bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht entgegen,Berlin-Karlshorst, 8./9. Mai 1945 Foto: Timofej Melnik, Museum Berlin-Karlshorst
Legende 2 (Ost): In Reims wurde keine Kapitulation, sondern nur ein vorbereitendes Protokoll unterzeichnet. Der wirkliche Kapitulationsakt erfolgte erst am 8./9. Mai in Karlshorst. Realität: Am 7. Mai wurde in Reims eine rechtswirksame Kapitulation unterzeichnet. Der Text des Dokuments ist eindeutig (siehe die Kapitulationsurkunde von Reims). Auch die Sowjetunion hat das so gesehen und am 7. und 8. Mai die deutschen Truppen durch Flugblätter darüber informiert. Erst im Kalten Krieg wurde die erste Kapitulation von Reims totgeschwiegen oder zum vorbereitenden Protokoll herabgestuft.
Ort der bedingungslosen Kapitulation:Offizierskasino der Wehrmachts-Pionierschule I in Berlin-Karlshorst, 8. Mai 1945Foto: Iwan Schagin, Museum Berlin-Karlshorst