Ein anonymer Augenzeuge berichtet, 25. Oktober 1956

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Der dritte Tag unseres Freiheitskampfes ... Riesige Mengen wälzen sich auf den Straßen. Die Leute lächeln einander zu und begrüßen sich wie alte Bekannte. »Nicht wahr, wir siegen?« fragen sich Wildfremde, und in ihren Fragen schwingt Optimismus mit.

Es ist 8.45 Uhr.

Ich stehe mit dreien meiner Freunde an der Ecke Lajos-Kossuth- und Museumsstraße, beim Hotel Astoria. Ringsum Menschen, Menschen, Menschen, gut dreitausend Leute. An allen Straßeneinmündungen stehen russische Panzer. Sie sehen leblos und verlassen aus. Die Luken sind geschlossen, nur die Geschützrohre weisen bedrohlich in unsere Richtung.

In der Lajos-Kossuth-Straße stehen weitere acht Schützenpanzerwagen. Die russischen Mannschaften sitzen drinnen und bewegen sich nicht. Mit steifen Gesichtern hören sie die Stakkato-Rufe der Menge: »Nieder mit Gerö! Russen, geht nach Hause! Nieder mit der AVH!«, und immer wieder: »Wo ist Imre Nagy?« In dieser Minute höre ich einen großen Lärm von einem Panzer her. Ich laufe hin.

Ein Junge, kaum älter als 14 Jahre, ist auf den Panzer hinaufgeklettert und hat eine Nationalfahne mit dem Kossuth-Wappen in das Geschützrohr gesteckt. Großer Applaus. Immer mehr Menschen strömen zu diesem Panzer. Ich sehe mich um, nein, nicht nur bei diesem Panzer, überall stehen so viele Leute. Auf der Fahrbahn der Straße ist jeder Verkehr unmöglich.

Plötzlich folgen dem Jungen fünf oder sechs Studenten. Geschickt klettern sie auf den Panzer und versuchen, die Luken von außen zu öffnen. »Kommt heraus! Wir tun euch nichts! Warum versteckt ihr euch vor uns?« rufen sie fröhlich. Die Leute machen mit. Gemeinsam mit den jungen Männern auf dem Panzer rufen sie: »Kommt heraus! Versteckt euch nicht vor uns!«

Unbewegt beobachten die Russen in den Schützenpanzerwagen die Szene.

Plötzlich tauchen auch auf den anderen russischen Panzern junge Leute auf und hissen die ungarischen Fahnen. Die Hochrufe der Menge lassen die Fenster der Häuser in der Umgebung klirren.

Da öffnet sich die Turmluke eines Panzers. Ein Russe erscheint. Die. Jungen springen jedoch nicht von diesem Panzer ab. Mit einem Gemisch von Neugier und Angst warten sie das Kommende ab. Der junge Russe, ein Zugführer, spricht die Jungen an. Sie schütteln die Köpfe. Einige rufen: »Wer kann russisch?« Ich gehe hin, war ich doch fast vier Jahre in russischer Gefangenschaft und habe ihre Sprache ganz gut gelernt.

»Sagen Sie bitte den Russen, daß sie ruhig herauskommen können. Sie brauchen keine Angst vor uns zu haben!« meinen die Leute ringsum. Ich übersetze das. Der Zugführer sieht mich an und nickt mit dem Kopf, als er die freundlichen Gesichter sieht, und sagt: »Sitschas!« [sofort] Und schon verschwindet sein Kopf in der Luke.

Zwei Minuten gespannte Erwartung. [...]

Plötzlich erscheint der Zugführer wieder in der Luke. Er klettert heraus, und andere Soldaten folgen ihm, als letzter ein Unterleutnant. Die Menge jubelt ihnen zu. Die Russen wirken verstört, aber mit sichtbarer Freude schütteln sie die Hände der Leute.

Auch aus den anderen Panzern tauchen jetzt die Soldaten auf. Und auf einmal sehe ich, daß der Zugführer seine Mütze unter die Leute wirft und eine ungarische Soldatenmütze, die man ihm hinaufreicht, aufsetzt. Seine Geste wird von der Menge verstanden und mit Hochrufen quittiert.

Ich komme mit dem russischen Unterleutnant, dem Panzerkommandanten, ins Gespräch. »Warum seid ihr hier? ... Was wollt ihr von uns? ... Warum geht ihr nicht nach Hause?« frage ich ihn.

Sein Befehl, sagt er, laute, die Ordnung in der Stadt aufrechtzuerhalten und gegen faschistische konterrevolutionäre Banden zu kämpfen. Wort für Wort übersetze ich das den Umstehenden, die sogleich beginnen, auf die kommunistischen Führer zu schimpfen, und rufen: »Glaubt nicht dem Radio! Das Radio lügt!«

Der Unteroffizier möchte wissen, was die Leute rufen, warum sie plötzlich wütend geworden seien. Ich übersetze ihm. Er denkt einen Moment nach, und dann sieht er mir in die Augen. »Sagen Sie den Leuten, sie sollen eine Minute ruhig sein. Ich will ihnen etwas sagen!« Es dauert eine Weile, bis Ruhe herrscht. Der Unterleutnant stellt sich neben den Panzerturm und sagt laut auf russisch:

»Uns wurde gesagt, daß in Budapest eine Konterrevolution ausgebrochen sei.« Ich übersetze laut. Die Menge horcht auf, Zwischenrufe ertönen, dann ist es wieder still. Der Russe fährt fort: »Man sagte uns, daß faschistische Banden die Straßen beherrschen, plündern und morden! Aber ich und die anderen Soldaten [...] sehen, daß das eine Lüge ist ... Wir schießen nicht auf das Volk! «

Mit unbeschreiblichem Jubel nehmen die Leute die Worte des Russen auf. Eine Frau wird auf den Panzer hinaufgehoben und heftet dem Unterleutnant eine Kokarde mit den ungarischen Farben an die Brust. Manche unter uns bekommen feuchte Augen.

Der Unterleutnant umarmt die Frau und streckt seinen Arm aus - er will noch etwas sagen. »Ich sehe da keine Faschisten! Das Volk ist hier ... Arbeiter ... Frauen ... junge Leute, die das Recht haben, ihr Schicksal allein in die Hand zu nehmen!« Laut übersetze ich seine Worte. Die Leute umarmen sich und fallen auch den russischen Soldaten um den Hals. Der Unterleutnant zieht nun seine Pistole und streckt sie einem Jungen hin. Der sieht die Waffe zögernd an. Einige aus der

Menge rufen ihm zu: »Nimm doch die Waffe! Auch den anderen muß man die Waffen abnehmen!« Aber die Mehrheit denkt anders: »Laßt sie in Ruhe ...! Wir wollen mit ihnen in Frieden leben... ! Sollen sie nur ihre Waffen behalten und nach Hause gehen, zu ihren Familien ...!« [...]

Unter dem Jubel der nach Tausenden zählenden Menge setzt sich nun ein Panzer in Bewegung. Im offenen Turm sitzt ein russischer Soldat, eine ungarische Militärmütze auf dem Kopf. Auf dem Panzer hocken Russen und Ungarn durcheinander. Die Russen tragen ungarische Kokarden an der Brust. Die Szene ist kaum zu beschreiben. Jemand stimmt die ungarische Hymne an, und wie aus einer Kehle beginnt die Menge zu singen...

Als die Hymne verklungen ist, ruft jemand aus der Menge: »Leute, gehen wir zum Parlament! Gehen wir zusammen mit den Russen! Zeigen wir der ganzen Welt, daß wir keine Feinde sind! Die Panzer sollen mit uns kommen!« Ich übersetze das meinem Offizier und sage ihm, auch er solle mitkommen. Er starrt vor sich hin. Sichtlich kämpft er mit sich selbst. Er darf seinen Posten nicht verlassen. Er ist Soldat. Und doch gibt er dann seinen Soldaten den Befehl. Der Motor heult auf, der Panzer kommt in Bewegung. Im Nu ist das Deck voller Ungarn, so, daß man von der Panzerung kaum etwas sieht. Und schon folgen wir dem ersten Panzer, der die Richtung zum Parlament einschlägt. [...]

Unterwegs schließen sich uns immer mehr Menschen an. Die Jungen auf den Panzern rufen den Passanten zu: »Kommt mit uns! Wir wollen zum Parlament! Wir wollen mit Imre Nagy sprechen!« Und dann wieder und wieder: »Nieder mit der AVH! Nieder mit den Mördern des Volkes! «

Nicht weit vom Parlament, am Szabadság-Platz, bleibt der Panzer, auf dem ich fahre, plötzlich stehen. Der Offizier taucht auf und schüttelt den Kopf: »Motorschaden!« Während ich mich von ihm verabschiede, erreicht die Menge den Lajos-Kossuth-Platz, auf dem das Parlamentgebäude steht. Als ich meine Freunde einhole, sehe ich die gleichen Szenen wie eine halbe Stunde vorher vor dem Hotel Astoria. Die

russischen Panzer und Soldaten, die das Parlament bewachen, stehen inmitten von Zivilisten, die sie fröhlich umarmen und hochleben lassen. Die Verbrüderung ist allgemein. Das anfängliche Mißtrauen weicht aus den Gesichtern der Russen. Sie kommen aus ihren Panzern heraus und mischen sich unter die Menge.

Ein junges Mädchen stellt sich auf die oberste Stufe der Parlamentstreppe und beginnt ein Gedicht zu rezitieren. Kaum hat sie geendet, fordern andere laut, die Nationalfahne auf dem Parlament zu hissen. Andere wieder rufen im Chor: »Nieder mit Gerö! Nieder mit der AVH! Wir wollen Imre Nagy sehen!« [...]

Jemand stimmt die Nationalhymne an, und die ganze Menge auf dem riesigen Platz nimmt das Lied auf. Dabei bemerke ich, daß vier oder fünf Panzerschützenwagen und ein Panzer sich anschicken, den Platz zu verlassen. »Komisch«, sage ich zu meinen Freunden und ziehe mich instinktiv in den Schutz der Arkaden des Parlamentsgebäudes zurück. Ich komme mit einem russischen Offizier ins Gespräch. Doch kaum haben wir einige Sätze gewechselt, da detoniert eine ohrenbetäubende Salve. Danach einzelne Schüsse. Und dann wiederum eine Salve. Ich, meine Freunde und andere, die sich bei den Arkaden befinden, werfen sich auf den Boden. Aus dieser Lage erkenne ich, daß auf dem Lajos-Kossuth-Platz ein unbeschreibliches Chaos herrscht. Frauen und Männer, Junge und Alte versuchen sich vor den Kugeln in Sicherheit zu bringen - vor den Kugeln, von denen wir nicht wissen, von wem sie stammen und wem sie gelten...

Jetzt beginnt auch der russische Schützenpanzer, mit dessen Offizier ich soeben gesprochen habe, zu feuern. Er schießt weit über die Köpfe der Leute hinweg in die Dachböden der dem Parlament gegenüberliegenden Häuser.

Ein höllischer Lärm herrscht auf dem Platz. Salve folgt auf Salve.

Um uns ist alles leer. Nur einige Dutzend Leute liegen auf dem Beton. »Warum verstecken sie sich nicht irgendwo?« frage ich mich. »Warum liegen sie auf dem offenen Terrain?«

Hinter den Arkaden, in meiner Nähe, sind etwa 30o bis 350 Menschen, die sich in den ersten Minuten der Schießerei hierher gerettet haben. Sie liegen dicht aneinandergedrängt, da die Säulen nur wenig Schutz bieten. Es sind Frauen, Kinder, junge und alte Männer, Arbeiter und Beamte mit ihren Aktenmappen...

Von der Wand her höre ich das Weinen und Stöhnen eines von der Menge fast erdrückten Kindes: »Drückt mich nicht ...! Ich ersticke ...!«

Draußen dauern die Salven an.

Jetzt erst kommen wir zur Besinnung. Zorn und Bestürzung brechen aus uns hervor. »Mörder ...! Schießt nicht...! Wir haben keine Waffen...! Bei uns sind Kinder...! Schießt nicht!!!« schreien wir, was die Kehle hergibt. Einige versuchen, die Mauer entlangzurennen, um sich aus dem Gedränge zu retten. Sie stolpern, bleiben liegen. Die Salven dauern an. Plötzlich sehe ich ein rot-violettes Licht und höre dann eine Detonation. »Jetzt beschießen die Russen die umliegenden Häuser mit Panzergranaten«, durchzuckt es mich.

Dann streift mein Blick diejenigen, die an der Wand liegengeblieben sind. Sie bewegen sich nicht. »Ja«, denke ich, »so ist es gut ... in diesem Fall ist es das beste, sich nicht zu bewegen...«

Ich drücke mich noch enger an die rettende Säule ... Das Herz sitzt mir in der Kehle, mir wird übel...

Einer meiner Freunde liegt dicht neben mir ... Den anderen sehe ich nicht...

Vom Platz her höre ich eine Frau schreien: »Ich verblute ... Hilfe! Ich bin verwundet ... Mörder ...!« Aber niemand eilt ihr zu Hilfe. Die Angst fesselt unsere Beine...

Die zusammengedrängten Leute unter den Arkaden kämpfen zäh und unbarmherzig miteinander, um in die Mitte der Menge zu gelangen. Dort wären sie verhältnismäßig sicher. Von der Mitte drängt man die Leute wieder hinaus, und andere, die an den Rand geraten sind, versuchen wiederum, einen Platz drinnen zu erreichen. Dies alles wird von Schreien, Fluchen und Jammern begleitet.

Drei, die sich am Rande der Menge befanden, stürzen und bleiben auf dem Pflaster liegen. Eine Frau schreit hysterisch auf: »Mein Mann...! Um Gottes willen, sie haben meinen Mann getötet...! Helft mir!« Aber niemand kümmert sich um sie. Nur einige brüllen die Frau an: »Bewegen Sie sich nicht ... Bleiben Sie ruhig! Ihm können Sie ohnehin nicht mehr helfen!«

Ein dicklicher junger Mann, schneeweiß im Gesicht, schreit: »Wer hat eine weiße Fahne? Stecken wir eine weiße Fahne raus! Ergeben wir uns ...!«

Doch man winkt ab: »Sind Sie verrückt?! Wie sollen wir uns ergeben? Wir wollten niemandem ein Leid antun...! Wir kämpfen gegen niemand! Wir haben doch keine Waffen!«

Allmählich werde ich an den Rand der Menge hinausgedrängt. Auf den »Todesstreifen«, denke ich bei mir. Meine Beine zittern, und der Schweiß fließt mir in Strömen den Rücken hinunter. Ich suche mit den Augen meinen Freund und rufe ihm halblaut zu: »Wir können nicht mehr hierbleiben ...! Sie würden uns wie Hunde abknallen! «

Mein Freund gibt mir ein Zeichen. Ich folge seinem Blick und sehe, daß unter denjenigen, die an der Wand liegen, rote Bächlein auf dem Beton fließen…

»Von dem gegenüberliegenden Haus schießt man auf uns!« sagt jemand hinter mir. [...]

Vor uns steht ein russischer Panzerwagen. Ein Soldat sieht halb heraus und bedient so das Maschinengewehr. Er schießt auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses...

Jetzt trifft noch jemanden hinter uns eine Kugel. Er schreit auf und stürzt zu Boden ... Der Russe hört es, schaut zurück, springt aus dem Wagen und zieht den Verwundeten in den Schutz seines Panzerwagens. Und dann steht er wieder neben dem Maschinengewehr und setzt es erneut in Gang. [...]

Für einige Sekunden hört die Schießerei auf. Wir, mein Freund und ich, benutzen diese Atempause und rennen etwa 60 Meter weit - in einer schrecklichen Angst vor dem Tode. Wir rennen, rennen und rennen, und dann, als ich nicht mehr in der Lage bin zu denken, werfe ich mich nieder. Ich falle auf einige Leute, die im Schutz einiger dünner Bäume Deckung gesucht haben. Niemand sagt ein Wort. Nach zehn Sekunden bellt wieder ein Maschinengewehr auf. Und dann setzten die Salven erneut ein. Ich wage nicht aufzusehen ... Ich verberge mein Gesicht in den Händen ... Weiß nicht, wo mein Freund geblieben ist. Der Mann, auf dem ich liege, ein älterer Arbeiter im Overall, bittet mich mit leiser Stimme: »Wenn Sie können, liegen Sie bitte nicht auf meinem Bein ... Es tut sehr weh ...!« Ich versuche sein Bein freizubekommen. Darunter ist eine große Blutlache.

»Tut es sehr weh?« frage ich ihn und vergesse für eine Minute meine Lage. Sein Gesicht ist kreideweiß, kaum kann er seine Lippen bewegen. »Es wäre gut, es zu verbinden. Aber ich kann es nicht, ich bin viel zu schwach ... Sind Sie auch verwundet?«

Ich schüttle den Kopf. [...]

Seit ungefähr zehn Minuten liege ich unter den Bäumen, aber die Salven wollen nicht aufhören. Plötzlich erscheint auf dem Platz ein Ambulanzwagen. Mit Vollgas braust er über den Platz und bleibt wenige Meter vor unserer Baumgruppe stehen. Eine Frau im weißen Kittel und zwei Zivilisten springen heraus. Geduckt rennen sie zur Platzmitte, wo ganze Haufen Verwundeter liegen. Ununterbrochen pfeifen die Salven - aber die Frau und die zwei Männer rennen trotzdem weiter. Die Frau trägt einen Verbandkasten und die Männer eine Tragbahre.

Die Menschen erkennen ihre Helfer. Frauen und Männer schreien ihnen entgegen: »Kommt hierher ...! Helft mir...! Ich verblute doch...! Kommt ...!« Jetzt stürzt einer mit der Tragbahre. Ihn hat es erwischt. Aber die anderen beiden erreichen die Verwundeten. Und schon sehe ich, wie sie eine blutende Frau zum Ambulanzwagen tragen, unter dem Feuer der Maschinengewehre. Wie aus einem Mund brüllt jetzt der gesamte Platz: »Mörder ...! Schießt doch nicht auf die Ambulanz ...!« Aber die AVH auf den Dächern der umliegenden Häuser hört nicht auf ... Ihre Salven fegen immer weiter über den Platz.

Quelle: Gosztony, Peter (Hg.), Der ungarische Aufstand in Augenzeugenberichten, Düsseldorf 1966, S.222ff.



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in Kooperation mit Zeitgeschichte-online