Manifest der Ungarischen Arbeiterpartei, 26.10.1956

_________________________________________________________

Seit den beiden Weltkriegen hat unser Land keine derart tragischen Tage erlebt wie diese. Ein Bruderkrieg tobt in der Hauptstadt unseres Vaterlandes. Die Zahl der Verwundeten dürfte in die Tausende gehen, die der Toten in die Hunderte. Dem Blutvergießen muß unverzüglich ein Ende bereitet werden. Um das zu gewährleisten, greift das Zentralkomitee zu folgenden Maßnahmen:

1. Eine Empfehlung. zur Wahl einer neuen Nationalregierung. Dieser Regierung soll es obliegen, die Fehler und Verbrechen der Vergangenheit wiedergutzumachen. Das Zentralkomitee unter Vorsitz des Genossen Imre Nagy legt Empfehlungen hinsichtlich der Mitglieder einer Regierung vor, die auf breitester nationaler Grundlage zu bilden ist.

2. Die neue Regierung wird auf der Basis der Unabhängigkeit, der völligen Gleichberechtigung und Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten Verhandlungen mit der sowjetischen Regierung aufnehmen, um die beiderseitigen Be­ziehungen zu regeln. Als erster Schritt werden die sowjetischen Truppen nach Wiederherstellung der Ordnung unverzüglich in ihre Stützpunkte zurückkehren. Die absolute Gleichberechtigung zwischen Ungarn und der Sowjetunion entspricht den Interessen beider Länder, denn nur so kann eine wahrhaft brüderliche, unverbrüchliche ungarisch-sowjetische Freundschaft aufgebaut werden. Auf eben dieser Basis werden gerade die Beziehungen zwischen Polen und der Sowjetunion umgestaltet.

3. Das Zentralkomitee befürwortet die Wahl von Arbeiterräten in den Fabriken unter Einschaltung der Gewerkschaftsorgane Lohnerhöhungen sind durchzuführen.

4. Die Regierung gewährt sämtlichen Teilnehmern an den Kämpfen volle Amnestie, unter der einzigen Bedingung, daß sie die Waffen sofort niederlegen, spätestens jedoch bis heute abend 22 Uhr.

5. Das Zentralkomitee und die Regierung lassen keinen Zweifel daran, daß sie auf dem Boden sozialistischen Demokratie stehen, sind jedoch zugleich fest entschlossen, die Errungenschaften der Volksdemokratie zu verteidigen und nichts davon aufzugeben.

Das Zentralkomitee erläßt die Warnung, daß diejenigen, die gegen die Staatsmacht unserer Volksrepublik die Waffen erheben und sie nicht innerhalb der gesetzten Frist niederlegen, erbarmungslos vernichtet werden.

6. Sobald die Ordnung wiederhergestellt ist, werden wir unverzüglich daran gehen, alle vorzunehmenden Veränderungen im einzelnen auszuarbeiten.

Wir brauchen Frieden und Ordnung. Nicht einziges Menschenleben darf mehr verlorengehen. und Kinder, Verheiratete und Verlobte müssen sich wiederfinden, so daß wir die Wunden heilen und die Trauernden trösten können. Wir brauchen Ordnung und Frieden zur Wiederaufnahme der Arbeit.

Ungarische Soldaten! Gebt ein Beispiel bei der Wiederherstellung der Ordnung. Auf Euch vertraut die Bevölkerung der Hauptstadt. Duldet keine Provokationen und reinigt die Straßen, von denen, die im trüben fischen wollen.

In diesen Schicksalstagen fällt den Kommunisten eine große Aufgabe zu. Laßt sie mit dem Volk aufrichtig sprechen, laßt sie die. Herzen der wirklichen Patrioten bewegen. Sie werden die Vorgänge erklären, und die Bevölkerung beruhigen. Mit reifem Sinn für Verantwortung werden - sie der Jugend sagen: Was Ihr mit Recht gefordert habt, das habt Ihr erreicht!

Die oberste Parteileitung ist so gut wie völlig erneuert worden. Wie neu aber ist die Parteiführung? Es genügt, zu sagen, daß alle drei Sekretäre - János Kádár, Ferenc Donáth und Gyula Kállai - jahrelang die Gefangenen des Rákosi-Despotismus waren. Als Opfer betrügerischer, Gerichtsverfahren brachten sie viele Jahre im Gefängnis zu, aus dem sie erst kürzlich entlassen wurden. Wenn irgend jemand weiß, daß der alte Weg nicht weiterverfolgt werden darf, dann sind& sie es. Lagt Euch von den Kommunisten erklären, daß jeder, der Mißtrauen gegen diese Männer verbreitet und das Volk gegen sie aufzuheben versucht, allen anderen hilft, nur nicht dem Volke.

Quelle: Lasky, Melvyn J. (Hg.): Ein Weißbuch. Die ungarische Revolution. Die Geschichte des Oktober-Aufstandes nach Dokumenten, Meldungen, Augenzeugenberichten und dem Echo der Weltöffentlichkeit, Berlin 1958, S. 97

_________________________________________________________

in Kooperation mit Zeitgeschichte-online