"Es dämmert..." Leitartikel der Zeitung "Szabad Nép", 29.10.1956

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Wenn wir heute nur auf unsere Herzen hören würden, könnten wir auf die Rede Imre Nagys nur dies eine sagen: Warum hat man ihm [Nagy] diese Gelegenheit nicht schon

früher gegeben, warum wurde nicht früher eingesehen, daß die ganze Nation von einem leidenschaftlichen Begehren erfüllt war, das jetzt nicht länger unterdrückt werden kann, daß Ungarn wahrhaft ungarisch sein sollte, daß unser Wappen ein nationales Wappen sein sollte, daß der 15. März ein großer nationaler Feiertag sein sollte, daß die sowjetischen Truppen aus Ungarn abziehen sollten, daß die berechtigten Forderungen der Arbeiter erfüllt werden sollten, daß die Regierung statt prächtiger Worte und Versprechungen für ein besseres Leben sorgen sollte, daß die dauernden Belästigungen aufhören und daß schließlich die Zwangskollektivierung aufgehoben und die Bodenreform abgeschlossen werden sollten?

Warum konnten die Reste der Rákosi-Clique es selbst in diesen letzten schrecklichen Tagen wagen, diese Entwicklung aufzuhalten und zu erschweren? Wieviel Blut echter ungarischer Patrioten mußte dafür geopfert werden! Wenn wir jedoch nicht nur auf die Stimmen unserer Herzen hören, müssen wir zuerst von anderen Themen reden. Wir müssen sagen, daß die Forderungen des ungarischen Volkes im wesentlichen erfüllt wurden und daß die Voraussetzungen für eine bessere Zukunft gegeben sind.

Der Abzug der sowjetischen Truppen aus Budapest begann am Abend des 28. Oktober, wie Imre Nagy dem Land mitteilte. Das ist der erste Schritt auf dem Wege zurück zu ihren Stützpunkten und weiter zu ihrem endgültigen Abzug aus unserem Lande. Die Regierung wird den Staatssicherheitsdienst auflösen und eine einheitliche demokratische Polizei schaffen. [...]

Dieser glänzende Sieg der ungarischen Jugend ist auch ein Triumph im Kampf des Volkes um die Anerkennung unserer gerechten Sache. Ohne sie und ohne ihre Mitarbeit kann die Ordnung nicht wiederhergestellt und die Zukunft nicht gesichert werden. Es geht nur mit ihr, weil diese Jugend gezeigt hat, daß sie heroischer Taten fähig ist, daß sie das Vaterland mehr als ihr Leben liebt; sie hat bewiesen, daß sie die Interessen des Volkes repräsentiert. Diese Jugend hat ihre politische Reife, hat ihr unglaubliches Verantwortungsgefühl gegenüber dem Volk und dem Land bewiesen. Sie zeigte, daß sie eine politische Kraft verkörpert, die einmal die führende Kraft werden kann [...].

Das wird so bleiben; denn schon bei den ersten Demonstrationen und Kämpfen erklärten sie immer wieder und bewiesen es auch während der Kämpfe, daß sie nicht die Macht im Lande ergreifen wollen und daß sie auch keine Faschisten, Konterrevolutionäre und Plünderer sind. Es ist sehr wichtig, dies einmal angesichts der vielen bewußten und unbewußten Verleumdungen und Lügen festzustellen. [...]

Viele dieser Studenten und jungen Arbeiter, die noch vor einigen Stunden gekämpft haben, bringen jetzt mit Lastwagen Verpflegung aus den Provinzen für die Bevölkerung von Budapest, helfen bei der Verteilung an die Geschäfte, pflegen Verwundete, bringen ihnen Essen und Zigaretten, spenden Blut und tun alles in ihren Kräften Stehende. [...]

Es muß jetzt eine Menge getan werden; aber wir können es mit friedlichen Mitteln schaffen. Die Elite des ungarischen Volkes kämpft vereint für die Unabhängigkeit des Landes, für die Freiheit, für die volle Demokratisierung des Landes und die endgültige Abschaffung der Willkür. [...]

Über dem ungarischen Vaterland bricht die Morgendämmerung an. Wir grüßen diesen neuen Morgen mit dem wachsamen Auge einer gereiften und siegreichen Nation...

Quelle: Gosztony, Peter (Hg.), Der ungarische Aufstand in Augenzeugenberichten, Düsseldorf 1966, S. 10f.



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