Ein Ungar antwortet den sowjetischen Schriftstellern, 25. Januar 1957

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Drei sowjetische Schriftsteller und einige Mitglieder der sowjetischen Botschaft besuchten den Schriftstellerverband, um „ein freundschaftliches Gespräch über ernste Probleme" zu führen. Zuerst benahmen sie sich betont umgänglich, waren für den Anlaß etwas zu fröhlich und trugen die herablassende Jovialität des höherstehenden „Sowjetmenschen" zur Schau. Wir Ungarn waren nicht so heiter wie unsere „Gäste", die alte Witze rissen und darüber schallend lachten. Wir saßen da, dachten an die Ruinen Budapests, unsere kalten und fensterlosen Wohnungen. Wir konnten nicht lachen.

Schließlich begannen unsere Gäste huldvoll eine ernsthafte Unterhaltung und befragten uns über die jüngsten Ereignisse. István Erkeny, der Romancier, antwortete als erster. Er war. jahrelang in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen und hatte ein freundliches Buch über das russische Volk geschrieben ... Von seinen Erlebnissen in Rußland ausgehend, sprach er über das freundschaftliche Verhältnis, das sich zwischen den einfachen Ungarn und den einfachen Russen entwickelt hatte. Das ungarische Volk habe niemals eine chauvinistische Abneigung gegen die Russen gehegt, nicht einmal während der Revolution. Russen und Ungarn kämen sehr gut miteinander aus, und jene russischen Soldaten, die sich im Verlauf der Revolution geweigert hätten, gegen ungarische Arbeiter und Bauern zu kämpfen, seien wie liebe Freunde behandelt worden.


Die anwesenden sowjetischenSchriftsteller hörten das höchst ungern. Erkeny betonte, vielen russischen Kommandeuren sei während der Revolution klargeworden, daß ihnen friedliche Demonstranten gegenüberstanden; sie hätten deshalb keinen Feuerbefehl gegeben. Bei solchen Gelegenheiten sei den sowjetischen Truppen zugejubelt worden. Romanows Zusammenfassung dieser Berichte war, Erkeny versuche zu beweisen, was nicht zu beweisen sei. Es ist jedoch eine Tatsache, daß sich viele sowjetische Soldaten unserer Revolution angeschlossen haben.

Erkeny und Vési sprachen ausführlich über die sogenannte „jüdische Frage“. Vési meinte, in Ungarn seien konterrevolutionäre Bewegungen oder Episoden stets mit Ausbrüchen des Antisemitismus verbunden gewesen. Während der Oktoberrevolution aber habe es nicht das geringste Anzeichen für antisemitische Tendenzen gegeben, obwohl die „Kaderpolitik" der Rákosi-Gerö-Clique alle Voraussetzungen dafür geschaffen habe… Dies wiegt um so schwerer, als Erkeny und Vési selbst dem ungarischen Judentum angehören, so daß sie kaum verdächtigt werden können, irgend etwas zu verbergen.

Danach stellte Romanow uns eine Reihe von Fragen. In seinem Artikel behauptet er, keine Antwort erhalten zu haben. Alle Zeugen des Gesprächs wissen aber, daß jede einzelne seiner Fragen beantwortet wurde – nur nicht in dem ihm gewünschten Sinne. Romanow zufolge hätten die Antworten der ungarischen Schriftsteller das sowjetische Volk empört, ich glaube aber, daß sie nur einige seiner Führer empört hätten.

Mit dröhnender Stimme fragte er, wer denn das ungarische Nationalmuseum und die Nationalarchive in Brand gesteckt hätte, wenn nicht Konterrevolutionäre ... Hierauf erwiderten die anwesenden ungarischen Schriftsteller, sie stimmten mit ihm überein, es sei tatsächlich zu konterrevolutionären Handlungen gekommen – Handlungen, die die Revolution niederschlagen sollten. Sie seien jedoch von den Sowjets begangen worden. Sowjetische Truppen hätten die beiden fraglichen Gebäude in Brand gesteckt. Jedermann in Ungarn wisse das ... Tausende hätten mit eigenen Augen gesehen, wie das Nationalmuseum und die Nationalarchive von sowjetischen Panzern und Geschützen unter Beschuß genommen worden seien, obwohl sich keine Widerstandskämpfer in ihnen befunden hätten...

Romanow und seine Kollegen fragten nach den mit sowjetischen Büchern veranstalteten Freudenfeuern. Tatsache ist, daß die Propaganda-Buchläden ... erst nach der sowjetischen Intervention verwüstet wurden ... Davon aber wollte Romanow gar nichts wissen; er fragte nur: „Warum wurden die Bücher Tolstois, Tschechows, Gorkis und anderer in Budapest verbrannt?" Die ungarischen Schriftsteller erklärten ihm, was geschehen war. Selbstverständlich seien auch sie gegen derartige Bücherverbrennungen. Aber die Wut eines unterdrückten Volkes, das sich gegen seine Tyrannen auflehne, führe nun einmal zu Ausschreitungen, die historisch und menschlich entschuldbar seien. Im übrigen habe die aufgebrachte Menge das gesamte Inventar der sowjetischen Buchläden verbrannt, auch Übersetzungen ungarischer und westlicher Romane sowie Schallplatten mit Stücken von Lehár, Liszt, Kalmán usw. Das Ganze habe symbolische Bedeutung gehabt; es sei ein symbolischer Ausdruck des Protestes gegen die Vorherrschaft des Stalinismus über das ungarische kulturelle Leben gewesen. Dies werde durch die Tatsache bewiesen, daß kein anderer Buchladen zerstört worden sei – nicht einmal Partei-Buchläden, in deren Schaufenstern die Werke von Stalin, Molotow, Wyschinski, Schdanow usw. ausgelegen hätten.

Wie die ungarischen Schriftsteller erklärten, waren sie sich vollkommen darüber im klaren, daß es ihren sowjetischen Gästen schwerfallen würde, dies zu verstehen; sie beurteilten alles „von oben", vom Standpunkt der Macht.

Tatsächlich verstanden sie es nicht oder behaupteten wenigstens, nicht zu verstehen. Sie klammerten sich an „die Tatsache, daß große Klassiker verbrannt wurden und daß solche Akte nur auf einen extremen Nationalismus und Faschismus zurückgeführt werden können". Die ungarischen Schriftsteller erklärten mit großer Geduld noch einmal, die Bücherverbrennung sei der elementare Protest eines kleinen Volkes gegen den Chauvinismus einer Großmacht und gegen ein ihm aufgezwungenes Kulturmonopol gewesen. Es habe eine Rebellion stattgefunden, das erbitterte Volk sei gegen die von den Sowjets gestützte Tyrannei aufgestanden, und dabei hätten einige Protestaktionen eine vielleicht bedauerliche Form angenommen.

Romanow zog es vor, diese Erklärungen zu vergessen. Die ungarischen Zeugen des Gespräches aber, und es sind ihrer viele, erinnern sich sehr wohl, daß allein diese „unbeantwortete Frage" annähernd zwanzig Minuten lang beantwortet wurde.

Eine weitere Frage galt der an AVO-Leuten und einigen kommunistischen Führern geübten Lynchjustiz. Auch diese Frage wurde klar und detailliert beantwortet.

Die ungarischen Schriftsteller betonten, daß sie auf das entschiedenste gegen diese Lynchakte gewesen seien. Sie hatten auf Flugblättern, in Zeitungen, über den Rundfunk, in Ansprachen und Erklärungen dagegen protestiert. In der am 2. November erschienenen „Revolutionsausgabe" der Literaturzeitung wurde eine Erklärung des Ungarischen Schriftstellerverbandes veröffentlicht, die sich gegen Pöbelherrschaft und Lynchjustiz wandte. Dank dieser Proteste und dank der Ernüchterung des Volkes im Verlauf der letzten beiden Tage vor der zweiten sowjetischen Intervention hörten diese Scheußlichkeiten dann auch auf. Die Schriftsteller sprachen jedoch nicht nur von den Ausschreitungen und der Haltung, die sie ihnen gegenüber eingenommen hatten. Sie erläuterten auch die Gefühle des ungarischen Volkes gegenüber der AVO. Und das war der entscheidende Faktor.

Die Kolonialherrschaft der Sowjets wurde dem ungarischen Volk durch eine mit Geld, Kleidung und Lebensmitteln verhätschelte Armee von Totschlägern, genannt AVO, aufgezwungen. Ohne die AVO hätte das ungarische Volk Rákosi verjagt und nach seiner eigenen Vorstellung gelebt; ohne die AVO hätte es jenen ungarischen Traditionen treu bleiben können, die Sowjetrußland so oft zu respektieren versprach und gleichzeitig mit allen Mitteln zu unterdrücken suchte... Zehntausende unschuldiger Menschen wurden von der AVO deportiert und gefangengehalten. 1954 wurde offiziell bekanntgegeben, daß Tausende unschuldiger Menschen gefoltert und getötet worden waren. Die AVO war das Organ des Terrors und der Unterdrückung. Nicht der Kommunismus, sondern ein imperialistisches Kolonialregime beruhte auf dieser AVO. Zehn Jahre lang litt das ungarische Volk unter ihrer Herrschaft. Die einzige Möglichkeit, die AVO loszuwerden, bestand in ihrer Auflösung. Natürlich lechzten viele Menschen nach Rache. Rache ist schrecklich, aber der Durst nach Rache brannte in den Herzen von Millionen. Es galt, der AVO zehn Jahre des Schreckens heimzuzahlen; es galt, jene Frauen zu rächen, die sich in den Revolutionstagen nach Brot und Milch angestellt hatten und von der AVO mit Maschinengewehren beschossen worden waren. Die AVO wollte die Bevölkerung aushungern, um der Revolution ein Ende zu bereiten...

„Gewiß", so sagten die ungarischen Schriftsteller, „einige Dutzend oder hundert Mitglieder der AVO wurden im Verlauf der Revolution getötet. Aber was ist mit der weit größeren Zahl von Menschen, die während der Revolution von ihnen getötet wurden? Was ist mit den Hunderten unbewaffneter Frauen und Kinder, die während der Revolution von ihnen umgebracht wurden? Und was ist mit jenen Zehntausend, die sie in den letzten zehn Jahren ermordeten?"

All dies müsse berücksichtigt werden, so führten sie aus, und noch einiges mehr. Als einige Arbeiter AVO-Leute verhafteten, Arbeiter, deren Monatslohn durchschnittlich 900 Forint betrug, fanden, sie in den Taschen der Offiziere Zehntausende von Forint ... manchmal sogar noch mehr. Was Wunder, daß die Menge in der Überzeugung handelte, Verräter, Strolche und Mörder zu töten?

Auch die ungarischen Schriftsteller stellten Fragen. Ihre Fragen jedoch wurden tatsächlich nicht beantwortet.

Ich kann hier nicht alle Einzelheiten des Gespräches wiedergeben; es dauerte immerhin länger als zwei Stunden. Zwei Dinge jedoch sollten noch erwähnt werden.

Einmal die Äußerungen Péter Kuczkas. Romanow schrieb überlegen-spöttisch, Kuczka habe „versucht, eine ideologische Rechtfertigung" der jüngsten Ereignisse zu geben. Wir, die wir Kuczka zuhörten, hatten das Gefühl, daß er nicht nur den Versuch unternahm, sondern wirklich alles Geschehene rechtfertigte. Die arbeitende Bevölkerung, so erklärte er, habe sich zum wirklichen Eigentümer der Produktionsmittel machen ... und die Verfassung endlich in die Tat umsetzen wollen... Um dies zu erreichen, hätten die Arbeiter den ungarischen Staat bekämpfen müssen, denn dieser Staat sei ein Kolonialorgan der Sowjetunion gewesen. Am 23. Oktober habe es vielleicht noch einige Leute gegeben, die diese Feststellung bezweifelten. Einen Tag später aber hätten die sowjetischen Panzer auch den letzten überzeugt, daß dieser „Staat" nichts anderes als ein Unterdrückungsorgan in den Händen der Kremlherrscher gewesen sei. Das ungarische Volk habe die Nabelschnur zwischen dem „ungarischen" Staat und den Kremlführern nur mit Hilfe einer Revolution durchschneiden können. Daher seien soziale und nationale Faktoren miteinander verknüpft gewesen. Um sich selbst regieren zu können, habe das arbeitende Volk für die nationale Unabhängigkeit kämpfen müssen.

Kuczka betonte, er sei Marxist und könne als solcher mit Bestimmtheit feststellen, daß es sich in Ungarn um eine Revolution und nicht ... um eine Konterrevolution gehandelt habe ... Eine Revolution bleibe eine Revolution, gleichgültig welche Grausamkeiten sie begleiten. Während der, ungarischen Revolution sei es aber nur vereinzelt zu Ausschreitungen gekommen. Alle Journalisten, die seinerzeit in Ungarn gewesen seien, einschließlich der Polen, hätten die ungarische Revolution als sauber bezeichnet...

Warum ist Romanow in der Literaturnaja. Gazeta nicht auf diese Argumente eingegangen? Warum unterstellt er uns Äußerungen, die nie gefallen sind? Der Grund ist natürlich, daß man ein Argument erst einmal zitieren muß, um es zu widerlegen, und das konnte Romanow sich nicht leisten.

Aber es war denn doch ein merkwürdiges Gefühl, zu lesen, daß Gyula Fekete und Zoltán Fábian die „verleumderischen" Debatten in der UNO-Vollversammlung, und vor allem die Verleumdungen des kubanischen Delegierten, „nicht gebrandmarkt" hätten. Sie konnten diese Verleumdungen schon deshalb nicht „brandmarken", weil weder von der UNO-Debatte noch von den fraglichen „Verleumdungen" die Rede gewesen war. Andererseits stellte Fábian fest, daß Geschütze und Maschinengewehre nicht das geeignete Mittel zur Propagierung einer Ideologie seien. Die sowjetischen Panzer hätten den Glauben an die Kommunistische Partei in Trümmer geschossen..

Das traurigste Nachspiel dieser Diskussion war jedoch die wenig später erfolgte Verhaftung Gyula Feketes, eines der führenden Mitglieder des Schriftstellerverbandes. Fekete war während des Gesprächs sehr vorsichtig gewesen. Er hatte versucht, alle Tatsachen in möglichst gemäßigten Worten vorzubringen und niemanden zu beleidigen. Sind die sowjetischen Schriftsteller, und besonders Romanow, der Meinung, man könne ihre ungarischen Kollegen überzeugen, indem man sie einsperrt?

Es stimmt zwar, daß sich einer unserer jungen Kollegen durch die überhebliche und spöttische Art Romanows und seiner sowjetischen Kollegen zu dem Ausruf hinreißen ließ: „Ja, ich mag Sie, nicht! Ja, ich habe gegen Sie gekämpft!" und mit Gesten ausmalte, wie er gekämpft hatte. Die ungarischen Schriftsteller beruhigten ihn, gaben aber niemals zu verstehen, daß sie für die sowjetische Intervention dankbar gewesen seien.

Romanow schließt seinen Artikel mit der Frage, auf wessen Seite die ungarischen Schriftsteller ständen. Ich glaube, die ungarischen Schriftsteller haben der Welt bewiesen, daß sie „auf der Seite" des ungarischen Volkes, der Revolution stehen. Wir glauben, es gibt noch eine andere „offene Frage": Auf welcher Seite werden die sowjetischen Schriftsteller, die Literaturnaja Gazeta und ihre Mitarbeiter in Zukunft stehen? Werden sie es wagen, den Tatsachen ins Auge zu sehen? Werden sie jemals wagen, sich ihrem eigenen Gewissen zu stellen?

Ein Vertreter des Ungarischen Schriftstellerverbandes,

BBC (Russisches Programm), 25. Januar 1957

Quelle: Lasky, Melvyn J. (Hg.), Ein Weißbuch. Die ungarische Revolution. Die Geschichte des Oktober-Aufstandes nach Dokumenten, Meldungen, Augenzeugenberichten und dem Echo der Weltöffentlichkeit, Berlin 1958, S. 301ff.



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