Mai 2007

Die RAF als Geschichte und Gegenwart

Texte und Materialien zum »Deutschen Herbst« und seinen Folgen

von Jan-Holger Kirsch, Annette Vowinckel
2007 jährt sich zum dreißigsten Mal der so genannte „Deutsche Herbst“ von 1977. Die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF, die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ nach Mogadischu und die Befreiung der darin festgehaltenen Geiseln durch ein Kommando der GSG 9 sowie die Selbstmorde von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim markierten im September und Oktober 1977 eine drastische Zuspitzung der Ereigniskette, die mit den Frankfurter Kaufhausbrandstiftungen im April 1968 begonnen hatte. Die terroristischen Aktivitäten, die ihren offiziellen Abschluss erst mit der schriftlichen Auflösungserklärung der RAF vom April 1998 fanden, waren – um das Mindeste zu sagen – für Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik eine enorme Belastungsprobe.
 
Dass diese Ereignisse nicht einfach der Vergangenheit angehören, sondern nach wie vor – oder gerade jetzt – eine besondere Gegenwärtigkeit besitzen, hat die Diskussion über eine eventuelle Begnadigung des ehemaligen RAF-Terroristen Christian Klar sehr deutlich gemacht. Die Entscheidung von Bundespräsident Horst Köhler, Klars Gnadengesuch abzulehnen, hat die politische Debatte im Mai 2007 vorerst beendet. Gesellschaftlich ist dieses Thema hingegen nach wie vor kaum verarbeitet – dies haben die zum Teil eruptiven und emotionalen Stellungnahmen vor Augen geführt. Auch die zeithistorische Forschung, die allmählich intensiver in die 1970er-Jahre vordringt, steht bei der gesellschafts-, medien-, politik-, rechts- und geschlechtergeschichtlichen Einordnung des RAF-Terrorismus und vergleichbarer Phänomene in anderen Ländern noch am Anfang. Andererseits gibt es bereits zahlreiche Einzelforschungen, die für ein differenzierteres Bild sorgen als manche Aufgeregtheiten in den Medien – und die das „Medienphänomen RAF“ auch selbst zum Thema machen.

Die Redaktion Zeitgeschichte-online nimmt die dreißigste Wiederkehr des „Deutschen Herbstes“ zum Anlass, in einem Schwerpunkt ausgewählte Texte zur Geschichte des deutschen Linksterrorismus zu bündeln und im Internet zugänglich zu machen. Außerdem bieten wir hier einen Pressespiegel zu den Debatten der letzten Monate sowie Hinweise zur neueren Forschungsliteratur, zu Rezensionen und Online-Ressourcen. Der Themenschwerpunkt wird nach und nach weiter ausgebaut; Vorschläge und Manuskriptangebote nimmt die Redaktion gern entgegen (E-Mail: kirsch@zeitgeschichte-online.de)

Beiträge

  • Jan-Hendrik Schulz
    Einführung: Zur Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF) und ihrer Kontexte
    Eine Chronik
  • Jan-Hendrik Schulz
    Wichtige Phasen in der Geschichte der RAF
  • Jan-Hendrik Schulz
    Zur Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF) und ihrer Kontexte: Eine Chronik
  • Jan-Hendrik Schulz
    Die Beziehungen zwischen der Roten Armee Fraktion (RAF) und dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in der DDR
  • Matthias Dahlke
    Der blinde Fleck
    Transnationaler und nationaler Terrorismus auf dem Weg zum „Deutschen Herbst“
  • Jörn Ahrens
    Die Zelluloid-Zeit
    Die Rote Armee Fraktion (RAF) im deutschen Spielfilm
  • Rebecca Wittmann
    Zweierlei Maß
    Nazis und Terroristen vor westdeutschen Gerichten
  • Anna Pfitzenmaier
    Einführung: RAF, Linksterrorismus und „Deutscher Herbst“ im Film
    Eine kommentierte Filmographie (1967–2007)
  • Anna Pfitzenmaier
    Fiktionale Produktionen: RAF, Linksterrorismus und „Deutscher Herbst“ im Film
    Eine kommentierte Filmographie (1967–2007)
  • Anna Pfitzenmaier
    Dokumentarische Produktionen: RAF, Linksterrorismus und „Deutscher Herbst“ im Film
    Eine kommentierte Filmographie (1967–2007)

Reprints

  • Irene Bandhauer-Schöffmann
    Deutsche Terroristinnen in Österreich
    Konstruktionen von Geschlecht und Nation in den österreichischen Sicherheitsdiskursen anlässlich der Palmers-Entführung 1977
  • Svea Bräunert
    Soundscape Stammheim
  • Nicolas Büchse
    Von Staatsbürgern und Protestbürgern
    Der Deutsche Herbst und die Veränderung der politischen Kultur in der Bundesrepublik
  • Gisela Diewald-Kerkmann
    Bewaffnete Frauen im Untergrund
    Zum Anteil der Frauen in der RAF und in der Bewegung 2. Juni
  • Gisela Diewald-Kerkmann
    »Im Vordergrund steht immer die Tat…«
    Gerichtsverfahren gegen Mitglieder der RAF
  • André Gottschling
    Biographisches Porträt: Andreas Baader
  • Regine Igel
    Linksterrorismus fremdgesteuert?
    Die Kooperation von RAF, Roten Brigaden, CIA und KGB
  • Christian Jansen
    Brigate Rosse und Rote Armee Fraktion
    ProtagonistInnen, Propaganda und Praxis des Terrorismus der frühen siebziger Jahre
  • Eckhard Jesse
    Biographisches Porträt: Ulrike Marie Meinhof
  • Sven Kramer
    Demarcations and Exclusions
    Terrorism, State Violence, and the Left in German Novels of the 1970s and 1980s
  • Wolfgang Kraushaar
    Einleitung. Zur Topologie des RAF-Terrorismus
  • Wolfgang Kraushaar
    1968 und die RAF
    Ein umstrittenes Beziehungsgeflecht
  • Jan Philipp Reemtsma
    Was heißt „die Geschichte der RAF verstehen“?
  • Rolf Sachsse
    Pentagramm hinter deutscher Maschinenpistole unter Russisch Brot
    Zur Semiosphäre der Erinnerung an die Rote Armee Fraktion
  • Martin Steinseifer
    Terrorismus als Medienereignis im Herbst 1977
    Strategien, Dynamiken, Darstellungen, Deutungen
  • Alexander Straßner
    Die 68er-Bewegung und der Terrorismus in der Bundesrepublik
  • Petra Terhoeven
    „Der Tod und das Mädchen”
    Linksterroristinnen im Visier der italienischen und deutschen Öffentlichkeit
  • Klaus Weinhauer
    Terrorismus in der Bundesrepublik der Siebzigerjahre
    Aspekte einer Sozial- und Kulturgeschichte der Inneren Sicherheit