Jürgen Kocka
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Last als Lust. Arbeit und Arbeitsgesellschaft in der europäischen Geschichte
Ein Themenschwerpunkt auf
Zeitgeschichte-online
Man weiß viel über die Geschichte
der Arbeit in verschiedenen Arbeitsverhältnissen, Berufen, Städten, Gütern,
Unternehmen und Arbeitskonflikten, auch über die Geschichte des Arbeitsbegriffs
und der Arbeitsdiskurse in der Philosophie, den Sozialwissenschaften und der
schönen Literatur. Auch an Überblicksdarstellungen fehlt es nicht ganz.
Trotzdem bleibt das Feld als ganzes unstrukturiert.
Vielleicht liegt es daran, dass es
am Konsens über die Fragen fehlt, die zu verfolgen sind, wenn man über die
Geschichte der Arbeit im allgemeinen handelt. Vielleicht liegt es auch daran,
dass der Begriff „Arbeit“ nur schwerlich klar umrissen werden kann, sich im
Lauf der Zeit sehr gewandelt hat, von einer Sprache und Kultur zur anderen
variiert und überhaupt sehr umstritten bleibt. Erschwerend kommt hinzu, dass in
den meisten historischen Konstellationen das, was der Begriff „Arbeit“ meint,
auf das engste mit anderen Tätigkeiten und Lebensäußerungen verknüpft und
verschlungen war – was die Thematisierung von „Arbeit“ als eines isolierbaren
Phänomens zu einem anachronistischen Unternehmen zu machen droht. Schließlich ist
unübersehbar, dass „Arbeit“ ein hoch aggregiertes und hoch abstrahiertes
begriffliches Konstrukt darstellt und so viel Verschiedenes umfasst, dass es
schwierig ist, Beschreibungen und Erklärungen zu formulieren, die für das ganze
Aggregat, also für Arbeit generell, gültig sind.
Trotzdem ist es verführerisch und
lohnend, über die Geschichte der Arbeit im allgemeinen nachzudenken. Zum einen
verlangt das Thema die Verknüpfung der verschiedensten methodischen Ansätze und
stellt somit eine interessante Herausforderung an den Historiker dar. Zum
andern haben die verbreitete Massenarbeitslosigkeit, die Veränderung der Arbeit
unter dem Einfluss von Globalisierung und Computerisierung wie auch die
Notwendigkeit und die Schwierigkeit der Reform unserer gesellschaftlich-politischen
Verhältnisse seit einiger Zeit zu lebhaften Grundsatz-diskussionen über den
Zugang zu Arbeit als ökonomischer und sozialer Ressource, ihrer politischen
Relevanz und kulturellen Bedeutung geführt, auch über die „Arbeitsgesellschaft“
und über mögliche Alternativen zu ihr, wenn sie denn, wie manche meinen, ein
Auslaufmodell darstellt.
Durch Untersuchungen und Reflexionen zur Geschichte der Arbeit im allgemeinen
können Historiker zu dieser grundsätzlichen Selbstverständigungsdebatte der
Gegenwart beitragen, die, wenn sie ohne historische Dimension geführt würde,
wenig weit käme und deshalb oft mit Annahmen über vergangene Zustände operiert,
ohne dass diese immer zureichend geprüft und interpretiert werden könnten.
Begriff
und Aufwertung der Arbeit
Zunächst zur Begriffsgeschichte und
zum Problem der Definition. Auf diesem Teilgebiet ist der Forschungsstand am
besten, wenngleich zumeist auf den Westen konzentriert und ohne die dringend
notwendigen Vergleiche der Arbeitsbegriffe in den verschiedenen Zivilisationen.
Es gab und gibt Kulturen und
Sprachen, die keinen allgemeinen Arbeitsbegriff kannten und kennen. Kulturen
und Sprachen unterscheiden sich überdies sehr darin, welche Tätigkeiten sie als
„Arbeit“ (oder mit Hilfe eines teilidentischen Begriffs) zusammenfassen und von
anderen Tätigkeiten abgrenzen. Das macht den Vergleich interessant und die
Übersetzung schwierig.
Beispielsweise wird berichtet, dass
die Yir-Yoront, ein einheimischer Stamm in Australien, Arbeit und Spiel mit dem
gleichen Wort bezeichneten, und dass die Dogon in Mali ein und dasselbe Wort
für Ackerbau und für den Tanz bei religiösen Zeremonien benutzen, während sie
keinen allgemeinen Begriff für Arbeit besitzen.
– Den Griechen der klassischen Epoche wäre es unsinnig erschienen, die
Handarbeit der Sklaven am Feld, die untergeordnete Arbeit der Frauen im Haus,
die literarische Produktion eines Schriftstellers und die Tätigkeit eines
Politikers mit ein und demselben Begriff zu belegen. Für verschiedene
Aktivitäten benutzten sie verschiedene Worte, sie verfügten über keinen
allgemeinen Arbeitsbegriff.
– Die Begriffsbildung im frühen und hohen Mittelalter war komplex und im Wandel
begriffen, doch der Tendenz nach blieben „labor“, „Arbeit“, „travail“ und
„labour“ auf körperliche Arbeit eingeengt.
– Noch in Zedlers Universallexikon von 1763 tut sich der Artikel „Arbeit“
schwer, eine allgemeine Definition zu geben. Im wesentlichen begnügt er sich
mit der Aufzählung unterschiedlicher Beispiele für Arbeit, darunter allerdings
neben „etwas Gutes schaffen mit den Händen“ auch schon, mit Hinweis auf Paulus,
das Reisen, die Lehre und der Disput, übrigens auch die „schwere Amts- und
Erlösungsarbeit Christi“.
Es sollte nicht wundern, dass ein
allgemeiner Begriff von Arbeit – etwa im Sinn zielstrebiger Anstrengung
körperlicher und geistiger Kräfte zur Erfüllung von Bedürfnissen (oder so
ähnlich) – nur sehr allmählich und längst nicht überall entstand. Denn ein
solcher Begriff wird erst dann benötigt und sinnvoll, wenn tatsächlich sehr
verschiedene Tätigkeiten unter bestimmten Gesichtspunkten als formal
ähnlich erscheinen und gleichzeitig von anderen Tätigkeiten abgrenzbar sind. In
vielen Gesellschaften fehlte und fehlt es an solcher Ausdifferenzierung wie
auch an praktischen Konstellationen, die den semantischen Abstraktions- und
Subsumtionsakt nahe legen. Umgekehrt lassen sich in der europäischen Geschichte
Konstellationen – diskursive Situationen – identifizieren, in denen es Anlässe
zur Entwicklung eines allgemeinen Arbeitsbegriffs gab, Schübe zu seiner
Entwicklung stattfanden und damit Schritte auf dem Weg der Konstituierung von
Arbeit als einem allgemeinen, mehrere Tätigkeiten umfassenden und von anderen
Tätigkeiten unterschiedenen Phänomen.
Da war einmal der
religiös-theologische Kontext des christlichen Glaubens, seiner Auslegung und
Institutionalisierung, der Gelegenheit bot, über menschliche Arbeit im
allgemeinen zu reflektieren, ansatzweise schon in spätantiker und
mittelalterlicher Zeit, dann besonders deutlich in der Reformation, als
beispielsweise Luther Arbeit als „Beruf“ und Gottesdienst, als Teil von Gottes
Ordnung in der Welt umschrieb: die Magd, die den Besen schwingt, tut in dieser
Hinsicht nichts anderes als das, was Bischöfe und Könige tun, sie tut ihre
Arbeit, denn vor Gott gilt alle Arbeit gleich. – Da war zum andern die
obrigkeitliche Politik. Zunächst begannen die Städte des 14. und 15.
Jahrhunderts, Armut und Müßiggang zu bekämpfen und Arbeit positiv zu
assoziieren: mit Tugend, Wohlstand und Macht. Dabei ging es um Arbeit im
allgemeinen. Dies setzten dann die absolutistischen Territorialstaaten der
Frühen Neuzeit mit ihrer Politik der Arbeitsbekämpfung, Arbeitserziehung und
Sozialdisziplinierung fort.
– Drittens glichen sich unterschiedliche Tätigkeiten unter den Gesichts-punkten
des sie bewertenden Marktes. „A man’s labour also is a commodity exchangeable
for benefit, as well as any other thing“, schrieb Thomas Hobbes 1651 in
England, wo der Kapitalismus als Kommerzialisierung weit vorgedrungen war.
Schließlich das Denken, die Schriften der Aufklärer, für die Arbeit im
allgemeinen zur menschlichen Tätigkeit schlechthin wurde.
Im 18. Jahrhundert war jedenfalls
ein allgemeiner Begriff von Arbeit entstanden, der von verschiedenen Autoren
leicht unterschiedlich gefasst wurde, aber in der Regel durch folgende
Minimalmerkmale definiert war: Arbeit hatte einen Zweck außerhalb ihrer selbst,
den Zweck, etwas herzustellen, zu leisten, zu erreichen; Arbeit hatte etwas von
Verpflichtung oder Notwendigkeit an sich, diente einer von anderen gestellten
oder selbst gesetzten Aufgabe; Arbeit war immer auch mühsam, hatte Widerstand
zu überwinden, erforderte Anstrengung und ein Minimum an Beharrlichkeit, über
den Punkt hinaus, an dem die Aufgabe aufhörte, ausschließlich angenehm zu sein.
Im großen und ganzen ist dies eine auch heute noch akzeptable
Minimalumschreibung von Arbeit im umfassenden Sinn. Spiel, Muße,
Nichtstun sind Gegen-begriffe.
Hand in Hand mit der Herausbildung
eines allgemeinen Arbeitsbegriffs fand eine ständige Umwertung und Aufwertung
der Arbeit statt. In der Antike herrschte eine skeptische Einschätzung
der Arbeit vor, ihre Wirklichkeit war durch Unfreiheit und Inferiorität
geprägt, Arbeit und Freiheit, Arbeit und Bürgerrecht standen in Spannung
zueinander wie oikos und polis. – Die wortgeschichtliche
Wurzel von „Arbeit“, althochdeutsch „arebeit“, ist dunkel, düster und hart.
Das Lexikon verzeichnet als Entsprechungen: mühe, mühsal, not, die man leidet
oder freiwillig übernimmt; kampfesnot, strafe, kindesnöte. Ähnlich war es in
anderen Sprachen. – Ambivalenz in vielen Schattierungen kennzeichnete das
Verständnis der Arbeit in der jüdisch-christlichen Tradition: Arbeit als
Fluch und Segen, Strafe und göttlicher Auftrag zugleich. Selbst in den
entschiedensten Plädoyers für die Anerkennung der Arbeit – jeder Arbeit – als
göttlich gewollt, so in den Mönchsregeln des Mittelalters und den Schriften der
Reformatoren, lief immer ein Subtext mit, gemäß dem mit der Mühsal und Qual der
harten Arbeit auch ein Stück Buße für menschliche Sündhaftigkeit geleistet
werden sollte – „im Schweiße deines Angesichts“ (Genesis 3, 17-19). – In der
europäischen Stadt des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, mit dem
zünftigen Handwerk und dem ständischen Handel als sozialökonomischer Basis,
gewann Arbeit zentrale Bedeutung. Arbeit – vor allem qualifizierte,
berufsförmige, ehrbare, also sozial und kulturell genormte Arbeit – war nun mit
Freiheit und Stadtbürgerrecht innerlich verknüpft, diametral anders als in der
antiken Polis. Arbeit wurde für die entstehende Stadtbürgerkultur prägend, mit
anti-feudaler Spitze. Stadtbürgerliche Kultur wirkte aufwertend auf Arbeit
zurück, indem sie sie ehrte und als Legitimationsquelle nutzte, auch zur
Legitimation von Eigentum, Vermögen und sozialen Vorsprüngen. – Schließlich
das 17. und 18. Jahrhundert: In den Schriften der Aufklärer und der frühen
Nationalökonomen kam es zur geradezu emphatischen Aufwertung der Arbeit als
Quelle von Eigentum, Reichtum und Zivilität bzw. als Kern menschlicher Existenz
und Selbstverwirklichung – dies oft mit anti-aristokratischer Spitze, in
bürgerlichem Geist und mit neuprotestantischer Selbstgewissheit, befördert vom
sich durchsetzenden Kapitalismus und technologischen Fortschritt, auch von der
inneren Staatsbildung der Territorialstaaten, Hand in Hand mit beschleunigtem
Wandel auf vielen Gebieten.
Jedoch sind zwei begriffsgeschichtliche Entwicklungen zu unterscheiden:
Zum einen ist in der Philosophie der
Aufklärung und dann des Deutschen Idealismus eine emphatische Fundamentalisierung
des Arbeitsbegriffs zu beobachten. Thomas Hobbes brachte Mitte des 17.
Jahrhunderts die Arbeit (operatio) und Handlung (actio) mit Macht (potentia) in
enge Verbindung. Wenig später machte John Locke Arbeit zu einem
gesellschaftlichen Grundbegriff. Für ihn verlieh Arbeit, und zwar individuelle
Arbeit, dem Menschen sein Recht auf Eigentum und den Dingen erst ihren Wert. Und im Standardwerk der
französischen Aufklärung, in der von D’Alembert und Didérot herausgegebenen
„Encyclopédie“ (1751-72) hieß es über „travail“: „occupation journaliere à
laquelle l’homme est condamné par son besoin & à laquelle il doit en même
temps sa santé, sa subsistance, sa sérénité, son bon sens & sa vertu
peut-être ». Allmählich
begann sich die alte Verbindung von « Arbeit“ mit „Mühe und „Last“ zu
lockern. Die Techniken (artes) sollten zur Arbeitserleichterung führen, so
spätestens Descartes: Arbeit als Lust statt Arbeit als Last dank fortschrittlicher
Technologie.
Radikaler noch formulierte Immanuel
Kant. Er wertete die Muße als „leere Zeit“ ab und die Arbeit zum Lebenssinn
auf: „Je mehr wir beschäftigt sind, je mehr fühlen wir, dass wir leben, und
desto mehr sind wir uns unseres Lebens bewusst. In der Muße fühlen wir nicht
allein, dass uns das Leben so vorbeistreicht, sondern wir fühlen auch sogar
eine Leblosigkeit.“ Friedrich Schiller gab dem Gedanken die volkstümliche Form
und die sozialgeschichtliche Einordnung: Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen
seiner Mühe Preis. Ehrt den König seine Würde, ehret uns der Hände Fleiß.“
Neben der philosophischen
Fundamentalisierung des Arbeitsbegriffs fand, zum andern, seine Ökonomisierung
statt. Hierfür findet man Beispiele bei den schottischen Moralphilosophen und
Politökonomen des 18. Jahrhunderts, insbesondere beim einflussreichen Adam Smith,
seinen Vorläufern, Übersetzern und Nachfolgern. Arbeit erschien bei Smith als
eigentliche Quelle des Reichtums und der Wertschöpfung, als wichtigster
Produktionsfaktor, als wahrer Maßstab des Tauschwerts der Güter, als
Hauptbegriff der ökonomischen Theorie und der entstehenden
Wirtschaftswissenschaft. Aus diesem wirtschaftswissenschaftlichen Verständnis
von Arbeit war Mühsal, Pein und Verachtung geschwunden. Arbeit wurde in diesem
Denken zur grenzenlos dynamischen Kraft. Sie schaffe Reichtum, Luxus und
Kapital – und dies wurde akzeptiert, in der Hoffnung und Überzeugung, dass eben
diese Akkumulation letztlich dem allgemeinem Wohl zugute kommen werde. Dies war
der Arbeitsbegriff des durchbrechenden Kapitalismus, noch vor Beginn der
Industrialisierung, denn diese setzte sich in England ja erst seit dem späten
18. Jahrhundert, auf dem europäischen Kontinent erst im 19. Jahrhundert durch.
Bei Smith wurde die Gesellschaft als
Wirtschaftsgesellschaft gedacht: auf Arbeitsteilung und Handel beruhend, durch
Märkte und aufgeklärtes Eigeninteresse der vielen Einzelnen verknüpft
(allerdings auch durch Recht und Sitte zusammengehalten), mit Produktion und
Konsum, Arbeit und Bedürfnis als zentralen Momenten. Von dieser modernen,
bürgerlich-kapitalistischen, fortschrittsoptimistischen
Gesellschaftsvorstellung her, in der Arbeit eine Schlüsselfunktion hielt,
konnte Kritik an herkömmlichen und zeitgenössischen Formen politischer
Herrschaft geübt werden: an Adelsmacht und absolutistischem Staat. Zugleich war
das System von Smith ein System der „Politischen Ökonomie“, das die Wirtschaft
auf Politik, Nation und Staat bezog, und in dem Arbeit als Grundlage von
Wohlstand und Macht des Nationalstaats geschätzt wurde.
Viele Differenzierungen wären nötig,
Ausnahmen wäre zu nennen, auch gegenläufige Evidenz lässt sich aufführen. Bei
aller emphatischen Aufwertung der Arbeit ging der Sinn für ihre Ambivalenz
nicht ganz verloren. Beispielsweise sah Diderots Encyclopédie, wie zitiert, die
Arbeit eben nicht nur als Grundlage des Nutzens, Segens und der Tugend, sondern
auch als etwas, zu dem der Mensch aufgrund seiner Bedürfnisse verdammt war. –
Viele von jenen Intellektuellen, die die ökonomische Zentralität und die
zivilisierende Macht der Arbeit herausstrichen, wussten zugleich, dass menschliche
Wesen, und besonders die „common people“, in der Regel Muße der Arbeit
vorziehen, denn die sei immer auch „toil and trouble“. Eben deshalb bedürfe es
– vor allem bei „inferior employments“ – der „recompensation“.
Auch unterschieden Autoren wie Adam Smith und Adam Ferguson durchaus zwischen
Arbeiten unterschiedlicher Qualität – zwischen produktiven und unproduktiven,
geistigen und mechanischen, gelernten und ungelernten, hochwertigen und
gemeinen Tätigkeiten zum Beispiel. Und sie wussten, dass die einen aufwerten,
die anderen erniedrigen und somit soziale Ungleichheit bekräftigen.
Gleichwohl, der Haupttrend ist nicht zu bezweifeln: Bis 1800 hatte sich der
Arbeitsbegriff in den intellektuellen Diskussionen ein Stück weit aus seiner
ehemals engen Verbindung zu Kampf, Not und Mühsal gelöst, aufs
Schöpferisch-Kreative hin bewegt und als Kern menschlicher – jedenfalls
bürgerlicher – Identitätsbildung empfohlen. Ich sehe nicht, dass sich in
anderen Kulturkreisen eine ähnliche Apotheose der Arbeit entwickelt hat. In der
Konsequenz erschien Arbeit als Menschenrecht.
Arbeit
als Last und Utopie
Zweifellos gingen die
Arbeitserfahrungen der Angehörigen der verschiedenen sozialen Kreise in den
geschilderten Arbeitsdiskursen nicht auf. Was die Arbeitsverhältnisse und
Arbeitserfahrungen betrifft, zerfielen ständische und bürgerliche Gesellschaft
geradezu in Teilgesellschaften. Arbeit bedeutete Verschiedenes für Adelige,
Bürger und Bauern, Handwerker und unterständische Existenzen auf dem Land und
in den Städten. Wessen Arbeit wird von der Begriffsgeschichte beschrieben? Wer
selbst mit den Händen arbeitete, sei es als Bauer oder Landarmer, als Magd oder
Knecht, als Handwerker, Heimarbeiterin oder Tagelöhner, häufig in Unfreiheit
oder an der Grenze zur Verarmung, dürfte die Last und die Mühe, die Härte und
das Elend der Arbeit nicht so beiseite gerückt oder relativiert haben, wie es
in den philosophischen und sozialwissenschaftlichen Abhandlungen geschah.
Doch die mehr als punktuelle Rekonstruktion von Arbeitserfahrungen, -haltungen
und
–gewohnheiten bleibt methodisch schwierig. Ich wähle zunächst einen sehr
indirekten Weg. Auf der Suche nach Quellen, die darüber Auskunft geben können,
wie die Menschen Arbeit früher eingeschätzt haben und wie man sich früher die
Zukunft der Arbeit gewünscht hat, habe ich utopische Romane durchgesehen, also
Exemplare einer literarischen Gattung, die der heutigen Sciencefiction
verwandt ist. Diese Schriften entwarfen (und entwerfen) Visionen der Zukunft,
die als kritische Kommentare zu den Verhältnissen der Gegenwart gelesen werden
können, in der sie entstanden.
Die Schrift „Utopia“ von Thomas
Morus wurde 1516 veröffentlicht, sie gab der literarischen Gattung den Namen.
Für Morus, den englischen Philosophen und Staatsmann, war Arbeit „Knechtschaft
des Leibes“. Auf der Insel „Utopia“ (Nirgend-Ort) werde die tägliche Arbeitszeit
auf sechs Stunden pro Tag beschränkt sein, um genügend Zeit für „andere
nützliche Beschäftigung“ zu haben, für literarische Studien oder
wissenschaftliche Kontemplation, aber auch für Sport und Spiel, für Gespräch,
Musik und Erholung. Sechs Stunden sollten genügen, um alles Nötige zu erzeugen,
und mehr. Die dafür nötige hohe Produktivität sollte durch zentrale Planung und
Organisation erreicht werden. Dazu gehörten die allgemeine Arbeitspflicht für
Männer und Frauen, eine Art von Gütergemeinschaft, die Abschaffung der
Lohnarbeit und das Verbot des Müßiggangs: ein utopisches Gegenmodell mit kurzer
Arbeit und ausgiebiger Freizeit, durch Disziplin und autoritäre Organisation
erkauft.
In Johann Gottfried Schnabels „Insel
Felsenburg“ findet sich ein gutes Jahrhundert später noch immer das nämliche
Bild, aber mit einer bezeichneten Neuheit: jetzt träumte man von Maschinen und
abgerichteten Affen, die die Menschen der Zukunft von der „grausame[n] Mühe und
Arbeit“ befreien, die Arbeit erleichtern und die Arbeitszeit radikal verkürzen
würden – ein Motiv, dass sich hielt und in Gestalt immer effektiverer
technischer Erfindungen noch in den Utopien des
20. Jahrhunderts ausgemalt wurde: als Fortschritt zumeist, als bedrohliche
Maschinerie zuletzt.
Der französische Aufklärer Louis
Sébastien Mercier schrieb um 1770 einen in ganz Europa gelesenen utopischen
Roman, einen Bestseller mit dem Titel „Das Jahr 2440“. Das Handlungsgerüst
bildet ein Traum. Der Erzähler erwacht mitten im Paris des Jahres 2440 und
macht sich auf zu einer Wanderung durch die Straßen und Plätze der Metropole:
man lebt vernünftig, fleißig, sparsam, friedlich, grundehrlich und sehr ernst.
Armee und Prostitution sind abgeschafft, die Bastille ist längst abgerissen,
universelle Gastfreundschaft ersetzt Restaurant und Kneipe, das Theater ist
ausschließlich moralische Anstalt; Physiker und Astronomen sind die Priester
und Katecheten der von allen geachteten Vernunftreligion. Über die Arbeit im
Jahr 2440 heißt es: „Jeder Hausvater gibt ein Beispiel. Das Tagewerk ist mäßig,
und sobald es geschafft ist, beginnt das Vergnügen. Ruhepausen regen den
Arbeitseifer an, der durch Spiele und ländliche Tänze immer weiter angeregt
wird. [...] Die Arbeit bereitet nicht mehr jenen hässlichen und widerlichen
Anblick, weil sie nicht mehr als das Los von Sklaven erscheint. Eine sanfte
Stimme lädt einen zu seiner Pflicht, und alles geht leicht, gemächlich, ja
sogar angenehm. Da [man] nicht mehr jene ungeheure Menge Müßiggänger [hat], und
die Faulheit abgeschafft ist, so darf nun endlich jedes Individuum seine Muße
genießen, und es muss keine Klasse mehr darben, zum Vorteil einer anderen. Ihr
werdet leicht einsehen“, schreibt der Autor, „dass, da wir weder Mönche noch
Pfaffen, noch zahllose Dienstboten und unnütze Knechte noch Hersteller
kindischer Luxusartikel mehr haben, einige wenig Arbeitsstunden bereits weit
mehr einbringen als der öffentliche Bedarf es erfordert.“ – Die Geschlechterdifferenz
aber hatte sich gehalten: die Frauen waren auch noch 2440 zu häuslichen
Arbeiten bestimmt, die Feldarbeit verblieb für die Männer. Und für die
unangenehmsten Arbeiten hielt der aufgeklärte Autor eine besondere Lösung
bereit. „Hat uns die Natur schon dazu verdammt, das Fleisch der Tiere zu essen,
so wollen wir uns wenigstens den Anblick ihres Todes ersparen. Das
Fleischerhandwerk wird von Ausländern ausgeübt, die ihre Heimat verlassen
mussten. Sie werden vom Gesetz geschützt, aber nicht in die Klasse der Bürger
aufgenommen. Keiner von uns betreibt diese blutige und grausame Tätigkeit.“
Auch die Frühsozialisten des frühen
19. Jahrhunderts träumten von kürzester Arbeitszeit und waren bereit, sie durch
vorübergehende Arbeitspflicht zu erkaufen, zentral organisiert. Ein Senat
sollte entscheiden, nicht aber der Markt. Lohnarbeit gehöre abgeschafft. Als
neues utopisches Moment kam nun hinzu, dass die lebenslange Festlegung auf
einen Beruf überwunden werde. Durch einen Arbeitswechsel alle zwei Stunden
sollte jeder die Möglichkeit haben, gleichzeitig in mehreren Berufen tätig zu
sein. All das forderte Wilhelm Weitling in Anlehnung an Charles Fourier, der
Arbeit und Genuss zusammenführen wollte. Der junge Marx nahm das auf, als er in
den 1840er Jahren zur Utopie der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft
rechnete, dass sie „die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch
möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags
zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, auch das Essen zu kritisieren, ohne je
Jäger, Fischer oder Hirt oder Kritiker zu werden, wie ich gerade Lust habe“.
Spätere Sozialisten setzten
verstärkt auf Planung, begrenzte Arbeitspflicht und durchgreifende Organisation
der Arbeit – gegen Lohnarbeit, Markt und Müßiggang, für Gleichheit und Großunternehmen,
mit öffentlichem Wohlstand, verringerter Arbeitszeit und Abschaffung schwerer,
gefährlicher Arbeit. So schrieb es der Amerikaner Edward Bellamy in seinem
Bestseller „Ein Rückblick aus dem Jahr 2000“ von 1888, so August Bebel in „Die
Frau und der Sozialismus“. Beide sahen eine Zukunft voraus, die die Hausarbeit
abschaffen, d. h. die Frauen und Dienstboten davon befreien würde – dank
öffentlicher Waschanstalten und städtischer Küchen, dank Elektrizität und
technischen Fortschritts.
Anders, radikaler die Utopie des
anarchistischen Sozialismus, die wir bei Paul Lafargue, Marxens Schwiegersohn,
1883 finden, in seiner schmalen Schrift „Das Recht auf Faulheit“. „Eine
seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die
kapitalistische Zivilisation herrscht, eine Sucht, die das in der modernen
Gesellschaft herrschende Einzel- und Massenelend zur Folge hat. Es ist dies die
Liebe zur Arbeit.“ Die Muße sei verloren gegangen, mit dem Ethos des Bürgertums,
den Märkten des Kapitalismus und den Maschinen der Industrialisierung.
Sehnsüchtig blickte er in eine idealisierte Vergangenheit zurück und entdeckte
in ihr das Maß für die erwünschte Zukunft. „Meint man aber, dass die Arbeiter,
obwohl sie damals von sieben Tagen der Woche nur fünf arbeiteten, nur von Luft
und Wasser gelebt hätten [...]? Geht doch! Sie hatten Muße, Zeit, um die
irdischen Freuden zu kosten, um der Liebe zu pflegen und Possen zu treiben, und
vergnügt zu Ehren des Gottes der Nichtstuerei Tafel zu halten.“ Man müsse
weniger arbeiten und mehr konsumieren. „Oh Faulheit, Mutter der Künste und
edlen Tugenden, sei Du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit!“
Zuletzt ein Stück aus dem 20.
Jahrhundert, da aus dem Wunschtraum ein Albtraum wird. Als Beispiel diene
Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ von 1937. In diesem „Roman der Zukunft“
leiden die Menschen nicht mehr unter schwerer Arbeit, sondern sie sind Rädchen
in einer großen, selbsttätig laufenden Maschinerie und ihnen werden alle Wünsche
so erfüllt, dass sie kaum noch wirkliche Wünsche haben. Rauschmittel werden
fabrikmäßig hergestellt. Man kann mit ihnen Urlaub von der Wirklichkeit nehmen,
bevor man auf den „sicheren Boden täglicher Arbeit und Unterhaltung“
zurückkehrt. Die Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit verschwindet, weil
die Arbeit leicht und die Freizeit ausgefüllt ist. „Heutzutage“ – gemeint ist
die schöne neue Welt der Zukunft – „arbeiten [auch] die alten Leute, erfreuen
sich ihrer sexuellen Triebe, sind immer beschäftigt, das Vergnügen lässt ihnen
keine Muße, keinen freien Augenblick, um sich hinzusetzen und nachzudenken.“
Soviel zur Zukunft der Arbeit in den
Utopien der Vergangenheit. Zukunftsutopien können als historische Gegenbilder
zu ihrer Gegenwart verstanden werden. Es ist deutlich, wogegen sie sich
wandten, was ihren Autoren an der Arbeit, wie sie sie kannten, besonders
unvollkommen oder unerträglich erschien:
Vor allem und fast durchgehend war
es die Härte der Arbeit, die Arbeit als Mühe und Last, die überwunden werden
sollten – durch Arbeitszeitverkürzung, Affen und Maschinen.
Dann war es, und zwar schon im 18.
Jahrhundert, die Ungleichheit in der Verteilung der Arbeit und ihrer Erträge,
die es in Zukunft zu verändern galt.
Lohnarbeit galt den Autoren keineswegs
als Quelle der Freiheit, sondern als Ärgernis, das durch Organisation ersetzt
werden sollte – im Interesse von Solidarität, Ordnung und Effizienz, und sogar
um den Preis begrenzten Zwanges.
Schließlich war es die lebenslange
Eintönigkeit der Arbeit, die durch dauernden Wechsel behoben werden sollte, auf
dass die Arbeit besser der menschlichen Selbstverwirklichung dienen könne. Dies
Motiv tauchte erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf.
Zugegeben, dies sind nur indirekte
Belege, keine Berichte über Arbeitserfahrung aus erster Hand. Aber sie stammen
aus viel gelesenen Schriften. Sie müssen mit weit verbreiteten Erfahrungen und
Erwartungen harmoniert haben. Um gute Utopien schreiben zu können, mussten die
Autoren realistische Beobachter sein. Zweifellos konnten auch anstrengende,
wenig geschätzte und schlecht bezahlte Arbeiten Anlass zu Genugtuung,
Zufriedenheit und Ergebnisstolz bieten, Freude machen, überhaupt die
unterschiedlichsten physischen, psychischen und sozialen Bedürfnisse erfüllen.
Aber es ist doch bemerkenswert, wie eindeutig in den hier ausgewerteten
Quellen, den utopischen Romanen, Arbeit im Sinn von Erwerbsarbeit als
unangenehme Mühe, drückende Last und ungeliebte Verausgabung erscheint, die man
tut, weil es notwendig ist, und die man möglichst zu verkürzen sucht. Andere
Belege weisen in dieselbe Richtung. So finden sich in einschlägigen
Volksliedern und Sprichwörtern kaum Erwähnungen von Arbeitslust und
Arbeitslob, eher schon Erwähnungen der Sympathie für Faulheit und Sinn für
Ruhe.
Keith Thomas sammelte Hunderte von Textstellen zur Bedeutung der Arbeit über
die Jahrhunderte. In der Auswertung zitierte er einen Autor aus dem 17.
Jahrhundert, aus dessen Sicht Tätigkeiten, die Vergnügen bereiten, keine Arbeit
sind, da diese sich dadurch auszeichne, dass sie keine Freude errege. Das mag
übertrieben sein. Doch Thomas fügt hinzu, dass seine Anthologie diesen Eindruck
bestätige. Sie führe vor allem die Monotonie, Unannehmlichkeit, Langweiligkeit,
Leiden und Zwänge des Arbeitens vor. „It confirms the inescapable fact that, through the
centuries, the lot of most of the human race has been hard toil for small
reward.“
In dieses Bild passt
letztlich auch, wie sich Gewerkschaften und Sozialdemokratie seit der Mitte des
19. Jahrhunderts zur Erwerbsarbeit stellten: die Forderung nach ihrer
Verkürzung war dominant. Und als Adolph Levenstein Anfang des 20. Jahrhunderts
die ersten Umfragen unter Industriearbeitern veröffentlichte, war wenig von
Arbeitslust, dagegen viel von Arbeitsleid zu lesen, verbunden mit der Hoffnung
auf mehr freie Zeit und eine ökonomische Situation, die es wenigstens der
eigenen Frau erlauben würde, zu Hause zu bleiben statt „zur Arbeit zu gehen“.
Je näher die Quellen an den Alltag und die Erfahrungen der landwirtschaftlich
und gewerblich arbeitenden breiten Bevölkerung heranführen, desto weniger ist
von jener Glorifizierung der Arbeit zu spüren, die den Diskurs der
Intellektuellen schon im 18. und in anderer Form auch noch im 19. Jahrhundert
bestimmte.
Arbeit
als Ideal und Erwerbsarbeit als Realität: die Arbeitsgesellschaft entsteht
In der Geschichte der Arbeit reicht
vieles über die Jahrhunderte zurück. Der Begriff bildete sich lange vor der
Industrialisierung heraus, und auch die „Glorifizierung der Arbeit“ (Hannah
Arendt) war vorindustriellen, nämlich frühneuzeitlichen Ursprungs. Doch die
Industrialisierung des „langen 19. Jahrhunderts“
veränderte das Feld. Erst jetzt entstand die „Arbeitsgesellschaft“, die noch
unsere heutige Wirklichkeit prägt, wenngleich viele meinen, dass ihre
Subsistenz zerrinnt und ihre Zeit ausläuft.
1.
Erst nach den Revolutionen und
Reformen um 1800 und erst mit der Industrialisierung setzten sich die
Mechanismen der kapitalistischen Marktwirtschaft auf breiter Front durch. An
sich viel älter, wurden sie erst im 19. Jahrhundert zum dominanten Prinzip der
wirtschaftlichen Ordnung, das zunehmend auch die Welt der Arbeit – der
Erwerbsarbeit – strukturierte. Arbeit hatte über die Jahrhunderte in
unterschiedlichen institutionellen und rechtlichen Rahmen stattgefunden: im
Haus und im Haushalt, in verschiedenen Formen persönlicher Unfreiheit (u. a.
Sklaverei), unter feudalen und korporativen Bedingungen. Im größten Teil
Europas und zweifellos in Deutschland war vertraglich frei geregelte,
marktbezogene Erwerbsarbeit vor 1800 ein Minderheitenphänomen gewesen,
wenngleich die Grenzen zunehmend verschwammen und Marktelemente seit langem
schrittweise in die Organisation von Landwirtschaft und Gewerbe eingedrungen
waren.
Erst jetzt, im 19. Jahrhundert, wurde marktvermittelte Arbeit dominant,
natürlich in unterschiedlichen Formen, unter denen die Lohnarbeit nur eine war.
2.
Zunehmend fand Erwerbsarbeit in
Manufakturen und Werkstätten, Fabriken und Bergwerken, Büros und Verwaltungen
statt. Es gab zwar unzählige Übergangs- und Zwischenformen, auch
Gegentendenzen. Doch insgesamt traten der Ort, an dem Erwerbsarbeit geleistet
wurde und die Sphäre des Hauses bzw. der Familie auseinander. Solch räumliche
Trennung war früher seltener gewesen. Bauern und Heimarbeiter, Handwerker und
Kaufleute, aber auch Gelehrte und Verwalter waren vornehmlich dort ihrer Arbeit
nachgegangen, wo sie und ihre Familien auch lebten und wohnten, wenngleich
Jäger und Karawanenführer wie auch Fernkaufleute, Wanderarbeiter und andere
auch in vorindustrieller Zeit Arbeit in räumlicher Distanz zu Haushalt und
Familie leisteten.
Erwerbsarbeit war gewöhnlich eng mit sonstigen Arbeiten und Lebensäußerungen
verknüpft, war „eingebettet“ gewesen. Das änderte sich nun für viele, bald für
die meisten. Die Unterscheidung zwischen Arbeit im Sinn von Erwerbsarbeit und
Nicht-Arbeit (einschließlich mancher anderen Tätigkeit) wurde jetzt schärfer
gezogen, leichter erfahrbar und häufiger diskutiert. Die Erwerbsarbeit erhielt
ihren eigenen Raum, der „Arbeitsplatz“ entstand. Die Erwerbsarbeit erhielt auch
ihre eigene Zeit. Vorindustrielle Arbeit war meist unregelmäßig gewesen, nicht
scharf begrenzt. Die natürlichen Rhythmen des Tages und des Jahres waren
maßgebend, sie ergaben keine scharfen Zäsuren. Arbeit hatte oft sehr lange
gedauert, war aber meistens porös, pausenhaltig, von anderen Tätigkeiten und
Muße durchdrungen. Die Messinstrumente ließen zu wünschen übrig. Mit der
Industrialisierung und der Ausdifferenzierung der Erwerbsarbeit in einem
eigenen Bereich wurde nun das Zeitregiment genauer. Auch in dieser Hinsicht
prägte sich der Unterschied zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit schärfer aus.
Genauer gehende Uhren, Glocken, Sirenen, das Durchschreiten des Fabriktores
oder die routinemäßige Eingangskontrolle beim Portier – so und auf andere Weise
wurden Anfang und Ende der Arbeit klarer markiert. Bis zur Mitte des 19. Jahres
dehnte sich die durchschnittliche Arbeitszeit aus, seitdem nahm sie ab, bis vor
kurzem. Arbeit wurde damit messbarer als je zuvor und: umstreitbarer.
Erst auf dem Hintergrund dieser Ausdifferenzierung wurde das Fehlen von Arbeit
zu einem identifizierbaren Phänomen, zu einem Thema und bald zum Problem. Erst
in den 1880er Jahren tauchten die Begriffe „Arbeitslosigkeit“, „unemployment“
und „chômage“ in den Lexika und sozialen Diskursen auf.
3.
Arbeit – auch und besonders
Erwerbsarbeit – war immer nach Geschlechtskriterien verteilt. Männer und Frauen
hatten immer sehr ungleichen Zugang zu den verschiedenen Arten von Arbeit, für
Männer und Frauen besaß Arbeit verschiedene Bedeutung, und die Arbeitsordnung
war immer eng mit der Geschlechterordnung verknüpft. Streit und Kompromiss in
dem einen Bereich hatten oft mit Streit und Kompromiss im andern Bereich zu
tun. Die Verbindung von Geschlecht und Arbeit, von Geschlechter- und
Arbeitsordnung änderte sich im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der
zunehmenden Ausdifferenzierung von Arbeitsplatz und Haushalt. In
haushaltsgebundener und haushaltsnaher Erwerbsarbeit hatten Mann und Frau meist
eng kooperiert, meist arbeitsteilig und asymmetrisch – mit Tendenz zu
männlicher Dominanz, aber in vielen Varianten und mit vielen Ausnahmen. Jetzt
liefen Männerarbeit und Frauenarbeit weiter auseinander. Dies war im Bürgertum
noch ausgeprägter der Fall als in der Arbeiterschaft, wo es fast durchweg
notwendig und die Regel blieb, dass sich die Frau – wie früh auch die Kinder –
am Einkommenserwerb der Familie beteiligten, und sei es nur mit einem geringen
Anteil des „Hinzuverdienens“ in der einen oder anderen Form. Aber in dem Maß,
in dem die Familie aufhörte, Produktionseinheit zu sein, verlor die
arbeitsteilige Erwerbs-Kooperation der Paare an Bedeutung, verteilten sich Mann
und Frau, Männer und Frauen auf unterschiedliche Arbeitsplätze und rückten
damit – auch räumlich – auseinander. Überdies gewann nicht nur im Bürgertum,
sondern ein Stück weit auch in der Arbeiterschaft das Modell der „male
breadwinner family“ an Boden, gemäß dem der Mann und Vater die Erwerbsarbeit
leistete und das Einkommen für die Familie erwirtschaftete, während der Frau
und Mutter die unbezahlte Arbeit im Haus oblag, die einerseits die
Erwerbsfähigkeit des Mannes ermöglichte, andererseits für die Geburt und die
Erziehung der Kinder – und damit für die intergenerationelle Reproduktion –
zuständig war und schließlich vielerlei Funktionen für die Organisation des
Lebens außerhalb der Erwerbsarbeit wahrnahm. Dieses Modell setzte sich, wie
gesagt, außerhalb des Bürgertums nicht flächendeckend durch, sein Realisierungsgrad
variierte stark über die Berufsgruppen, Regionen, Länder und Jahrzehnte.
Gleichwohl setzte es sich – in der Arbeiterschaft in Verbindung mit der
Forderung nach dem Familienlohn – im Lauf des 19. und in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts zunehmend durch und ermöglichte damit neue, vielfältige
Formen der Ungleichheit – auch der Distanz – zwischen den Geschlechtern, die in
vorindustrieller Zeit selten gewesen waren. Seit den letzten Jahrzehnten des
20. Jahrhunderts hat sich dieser Trend, mit zunehmender Erwerbsarbeit der
Frauen, umgekehrt.
4.
Es hatte immer Unterschiede,
Spannungen und Konflikte zwischen den Inhabern unterschiedlicher Positionen im
sozialen System der Arbeit gegeben: zwischen Guts- bzw. Grundherrschaft und
Bauern, zwischen Meistern und Gesellen, Verlegern und Heimarbeitern, Unternehmern
und Arbeitern sowie den vielen Mischexistenzen dazwischen. Jetzt, da die
marktbezogene Erwerbarbeit bis zu einem gewissen Grad aus ihrer Einbettung in
andere Tätigkeiten und Lebensäußerungen gelöst und zu einer klar
unterschiedenen, eigenen Sphäre wurde, konnten sich diese Unterschiede,
Spannungen und Konflikte, natürlich in sich ändernder Form, voll entfalten. Die
Klasse wurde zu einer zentralen Dimension kollektiver Selbstidentifikation, der
Klassenkonflikt zum großen Thema des Jahrhunderts.
5.
Arbeit war immer von Regierungen,
Behörden und anderen politischen Instanzen reguliert worden. Der Durchbruch der
Marktwirtschaft und die rechtliche Liberalisierung reduzierten die öffentliche
Regulierung der Arbeit, vor allem im zweiten Drittel und dritten Viertel des
19. Jahrhunderts. Aber nur für eine begrenzte Zeit. Schon in den beiden letzten
Dekaden des 19. Jahrhunderts setzte die rechtliche und administrative
Regulierung der Arbeit neu ein. Da es sich nun um die Regulierung der
Erwerbsarbeit als eines aus anderen sozialen und kulturellen Bezügen ein Stück
weit herausgelösten, unterschiedenen Bereichs handelte, konnten sich dafür ein
spezialisiertes Recht – das Arbeitsrecht – und ein darauf spezialisierter Arm
von Regierung und Verwaltung entwickeln – deren Tätigkeit umgekehrt die
„aparte“ Existenz der Arbeit als besonderer Sphäre unterstützte und zu ihrer
Kodifizierung bzw. Normierung beitrug, und zwar durch das ganze 20. Jahrhundert
hindurch.
Ich habe in den letzten Absätzen
häufig von Erwerbsarbeit statt von Arbeit generell gesprochen. Tatsächlich
betrafen die fünf genannten Strukturveränderungen nicht jede Tätigkeit, die
unter den breiten Arbeitsbegriff fällt, der weiter vorn (Seite 5) als Ergebnis
der Wahrnehmungs- und Diskussionsprozesse bis etwa 1800 festgehalten wurde.
Vielmehr betrafen sie nur die Arbeit, von der man lebte und durch die man
verdiente, größtenteils indem man Leistungen erbrachte und Güter herstellte,
die auf Märkten einen Gegenwert erzielten – sei es als unterschiedlich qualifizierte
Arbeitskraft, sei es als deren Produkt. Damit war nicht nur Arbeit für Lohn und
Gehalt gemeint, wenngleich diese am schnellsten zunahm und bald den Großteil
der Erwerbsarbeit wie die Mehrheit der Erwerbstätigen umfasste; damit war
vielmehr auch die Arbeit von selbständigen Handwerkern, Kaufleuten,
Unternehmern, Freiberuflern, Künstlern und später Politikern etc. gemeint, die
ihre Dienste und Produkte auf dem Markt anboten, um davon zu leben und daran zu
verdienen. Arbeiten dieser sozialökonomischen Qualität waren es, die von den
großen Strukturveränderungen des 19. Jahrhunderts umgeformt wurden. Sie
gerieten dadurch ins Zentrum der Erfahrungen und Erwartungen, der Reflexion und
der Diskussion, sie rückten im Sprachgebrauch der Zeit nach vorn und prägten
zunehmend den Arbeitsbegriff, der sich damit ein Stück weit auf sie verengte.
Dafür standen und stehen verschiedene Bezeichnungen zur Verfügung, doch
„Erwerbsarbeit“ trifft das Gemeinte am besten.
Erwerbsarbeit stand auch schon in
der Frühen Neuzeit häufig im Vordergrund, wenn über Arbeit diskutiert wurde. Im
Grunde ging es in den weiter vorn diskutierten utopischen Romanen seit Thomas
Morus um die Verkürzung, Organisation und Erleichterung von Erwerbsarbeit. Im
Grunde waren Adam Smith und die anderen Autoren der entstehenden
Wirtschaftswissenschaft an Arbeit als Erwerbsarbeit interessiert, während
jedoch die Theologen und die Philosophen, die Schriftsteller und der
allgemeine Sprachgebrauch ihrer Zeit einem breiten Verständnis von Arbeit
folgten. Es war erst im 19. Jahrhundert, dass sich in Verbindung mit den
genannten Zeiterfahrungen die Einengung des gängigen Arbeitsbegriffs auf
Erwerbsarbeit weiter durchsetzte, in den öffentlichen Diskussionen wie in den
öffentlichen Statistiken, in der Sozialpolitik wie im allgemeinen
Sprachgebrauch, allerdings ohne die breiteren Bedeutungen ganz abzuwerfen. Auf
diesem begriffsgeschichtlichen Weg von der Arbeit zur Erwerbsarbeit gerieten
Tätigkeiten ganz an den Rand, die vorher als Arbeit gegolten hatten und nun
nicht mehr als Arbeit im vollen Sinn zählten. Man denke an die Tätigkeiten im
Haus, speziell die Arbeiten der Frauen im Haushalt, beim Gebären und in der
Kindererziehung; an nicht-bezahlte Tätigkeiten in der Gesellschaft und im
öffentlichen Interesse; an die Arbeit für sich selbst.
Zur Geschichte der Arbeit im langen
19. Jahrhundert gehört im übrigen ein grundlegender Widerspruch. Er verschärfte
sich, wurde politisiert und entwickelte sich zu einem wichtigen Antrieb
gesellschaftlicher Dynamik. Ich meine den Widerspruch zwischen der
emphatisch-anspruchsvollen Bedeutung der Arbeit in der Tradition des
frühneuzeitlich-aufklärerischen Denkens (sh. oben Seite 6) einerseits und der
Realität der Arbeit, wie sie sich im 19. Jahrhundert als Erwerbsarbeit entwickelte
(sh. oben Seite 19) andererseits. Der emphatische Diskurs über Arbeit als
konstitutives Element menschlicher Existenz brach ja im 19. Jahrhundert nicht
ab, wurde vielmehr durch Hegel und Marx noch einmal intensiviert und lief in
anderer, nüchterner Weise mindestens bis Max Weber weiter.
Auf der anderen Seite war die wirkliche Arbeit als Erwerbsarbeit, wie
ausgeführt, durch zunehmende Arbeitsteilung und Spezialisierung gekennzeichnet,
häufig höchst abhängig von Märkten, Vorgesetzten oder Maschinen, oft hart,
monoton, erschöpfend, abnutzend und elend. Diese Inkonsequenz, dieser Gegensatz
oder Widerspruch war nicht neu, doch wurde er im 19. Jahrhundert weiter
zugespitzt, und vor allem: er wurde im Zuge des Aufstiegs der bürgerlichen
Gesellschaft ein Gegenstand öffentlicher Debatte. Aus diesem Widerspruch
entstand einerseits die entschiedene und mobilisierende Kritik an der
Arbeit im Kapitalismus als entfremdet, ausgebeutet, menschenunwürdig – am
schärfsten bei Marx; und andererseits der Anspruch – am deutlichsten und
wirkungsvollsten in der sozialistischen Arbeiterbewegung – auf Aufwertung und
Humanisierung der Arbeit wie auf Einbeziehung und Teilhabe der Arbeiter als
Bürger. Arbeit wurde zum Gegenstand fundamentaler Kritik und zur
Legitimationsgrundlage emanzipatorischer Forderungen. Dies war nicht nur eine
Sache der Theoretiker und politischen Programme. Blickt man genauer in die
„Basis“ der entstehenden Arbeiterbewegung, erkennt man, dass die sich
engagierenden Handwerker-Arbeiter, weit jenseits oder unterhalb marxscher
Gedankengänge, ein anspruchsvolles Verständnis ihrer Arbeit als qualifizierter,
produktiver, übrigens sehr männlicher Arbeit mit großer Kulturbedeutung
besaßen, ein Verständnis, das ihrer Forderung auf Besserstellung, Mitsprache
und staatsbürgerliche Gleichstellung Substanz gab und ihre oft scharfe Kritik
an Schmarotzern und Müßiggängern motivierte.
Dass die größte Protest- und
Emanzipationsbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die
Arbeiterbewegung, auf Erwerbsarbeit als Basis fußte, ist bekannt. Sie
rekrutierte ihre Mitglieder vor allem unter den abhängig Arbeitenden, vertrat
ihre Interessen und nutzte ihre Erfahrungen mit abhängiger Arbeit und damit
verbundener Ungleichheit zur Festigung ihres inneren Zusammenhalts und zur Selbstdarstellung
nach innen und außen, bis hinein in ihre Ikonographie. Darüber hinaus, so das
hier vorgetragene Argument, dienten Arbeitserfahrungen und –vorstellungen ihren
Mitgliedern und ihren Forderungen als Motivations- und Legitimationsbasis.
Daran zeigt sich exemplarisch, wie sehr die Vorstellungen von Arbeit im 19.
Jahrhundert das Selbstverständnis der Menschen und das
gesellschaftlich-politische System beeinflussten.
Das zeigt sich auch an anderen
sozialen Bewegungen und politischen Strömungen. Beispielsweise war die
Erringung neuer Arbeitsmöglichkeiten für die Frauenbewegung des späten 19.
Jahrhunderts zentral, um darauf die Forderung nach Emanzipation,
Gleichberechtigung und politischem Einfluss zu gründen. Umgekehrt wurden neue
politische Einflussmöglichkeiten zur Erringung neuer Arbeitsmöglichkeiten für
Frauen genutzt.
Und der Glaube an die Möglichkeit menschlicher Selbstverwirklichung durch
freie Arbeit wirkte in der Rhetorik und vielleicht auch der Politik der
Liberalen weiter. „Ist früher das Vorrecht heilig gewesen, so ist heute die
Arbeit heilig; die freie Arbeit, der Fleiß und die Tätigkeit ... ist heute die
höchste Ehre.“ So formulierte ein liberaler Abgeordneter in der Paulskirche
1848. Und Mitte der 1860er Jahre hielt der liberale Genossenschaftsgründer
Hermann Schulze-Delitzsch die Arbeit – und er hatte zumindest auch
Erwerbsarbeit im Blick – für die „Hauptmacht im Haushalt der Menschheit“.
Seinen Vortrag vor einem liberalen Arbeiterverein in Berlin schloss er mit den
Worten: „Die freie Arbeit allein, wie sie die innere Erlösung zugleich mit der
äußern Befreiung der Arbeiter mit Notwendigkeit nach sich zieht, wird die
Menschheit im ganzen und großen frei machen, indem sie den Eintritt bewusster
Massen in die Kulturbewegung vermittelt, welche ohnedem nicht durchführbar ist.
Der endlich vollständige Sieg dieses großen Prinzips ist der Sieg der
Menschlichkeit, das Endziel unserer gesellschaftlichen Entwicklung.“
Die Idee der Arbeit veränderte sich,
sie breitete sich aus und gewann an alles durchdringender Kraft. Sie wurde
weniger christlich und weniger idealistisch, sie wurde empirisch gewendet und
bisweilen in naturwissenschaftliche Sprache gefasst – z. B. als Arbeitskraft,
in Anlehnung an die Sprache der Thermodynamik. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts
war der zu bekämpfende Gegner weniger der moralisch verwerfliche Müßiggang als
die arbeitswissenschaftlich zu behandelnde Müdigkeit.
Doch daneben gab’s Anderes: weiterhin die bürgerliche Stilisierung der Arbeit
als Tugend und Pflicht, das bürgerliche „Berufsethos“, das die Selbstverpflichtung
zur Arbeit an die Idee des Berufs und damit der „Berufung“ knüpfte, sich damit
von Arbeit als bloßem Mittel zum Broterwerb und Ansammlung wechselnder
Beschäftigungen (jobs) absetzte und dennoch Teil des Arbeitsdiskurses blieb.
Weiterhin gab es den Arbeitsbegriff der sozialistischen Arbeiterbewegung, mit
dem gegen die angeblichen Flaneure, Faulenzer und Schmarotzer in der
Oberschicht angekämpft wurde. Die als Schicht gegen Ende des Jahrhunderts
entstehende und dann rasch wachsende Angestelltenschaft gewann ihr kollektives
Selbstverständnis, soweit sie es denn erlangte, durch Verständigung über die
gemeinsame Stellung im Arbeitsprozess – in Absetzung von der Handarbeit und der
Arbeiterschaft, aber trotzdem in arbeitsbezogenen Kategorien. Man hat den
Eindruck, dass Arbeit nun anders als früher kaum noch der Rechtfertigung durch
anderes bedurfte, sondern selbstbegründend wurde, den Sinn in sich trug und als
rechtfertigende Basis für Ansprüche der verschiedensten Art dienen konnte. Wer
sein Leben erzählte, ging fast immer ausführlich auf seine Arbeit ein.
Jedenfalls berufliche Arbeit definierte persönliche Identität mit und war –
schon aufgrund der Arbeitsteilung – ein verbindendes, verknüpfendes Element,
das zu Kooperation und Konflikt führte. Das zeigt sich exemplarisch an der
vergesellschaftenden Wirkung der Arbeit als Kitt von Arbeiterkultur und
Arbeiterbewegung, aber auch, wenn auch anders, für den Zusammenhalt der sich
herausbildenden Professionen; zum andern am Klassenkonflikt, der die
Gesellschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zunehmend durchfurchte
und im sozialen System der Arbeit seine Wurzeln besaß. Arbeit wurde überdies
zum zentralen Begriff der entstehenden Sozialwissenschaften. Sozialkategorien,
die mit Arbeit zu tun hatten, waren dominant, wenn Statistiker die Gesellschaft
vermaßen und Publizisten sie kritisierten.
Der Zusammenhang zwischen Arbeit und
Nationsbildung ist diffizil und indirekt. Spätestens 1848/49 tauchte das
Schlagwort von der „nationalen Arbeit“ auf, bald schrieb Wilhelm Heinrich Riehl
darüber ein Buch. Seit den 1850er Jahren führten Weltausstellungen Arbeit und
ihre Produkte vor, nach Nationen differenziert und mit nationalen Ansprüchen.
Ein Prager Professor schrieb 1875: Die Arbeit präge dem Menschen „den Stempel
seines Wesens auf, sie bildet die Nation. Nationalität und nationale Arbeit
sind gleiche Begriffe.“
Auch in den transnationalen
Verflechtungen spielte Arbeit eine gewichtige Rolle. Der Zusammenprall
unterschiedlicher Arbeitsvorstellungen war ein Dauerthema für europäische
Besucher nicht-westlicher Zivilisationen und ein Dauerkonflikt im Verhältnis
von Kolonialherren und Kolonisierten. Beobachtungen, Vorstellungen und
Vorurteile über unterschiedliche Haltungen zur Arbeit definierten die sich
einwurzelnden Unterscheidungen zwischen Europäern und Afrikanern, Europäern und
Asiaten, dem Westen und den anderen mit. Durch Arbeit, Arbeitspraktiken und
Arbeitsvorstellungen war das vielleicht wichtigste Feld abgesteckt, auf dem
sich im kolonialen und imperialen Zusammenhang Disziplinierung und Resistenz,
Belehrung und Ausnutzung, Herrschaft und Unterwerfung, manchmal auch Lernen und
Befreiung abspielten.
In den Wirkungen kaum zu
überschätzen war die Weichenstellung, die jedenfalls in Deutschland dazu
führte, dass der Sozialstaat seit den 1880er Jahren auf der Basis der
Erwerbsarbeit aufgebaut wurde. Die Arbeiter – nicht die Armen – wurden zu
Adressaten von Bismarcks staatlicher Kranken-, Unfall- und Altersversicherung.
Die Beiträge der Arbeiter und Arbeitgeber, nicht aber Steuern oder Ersparnisse
finanzierten das System. Es wurde im 20. Jahrhundert ausgebaut und
perfektioniert. Steuern und Verpflichtungen wie auch Transferzahlungen und
Anrechte knüpfte man an den Status, den der Einzelne im sozialen System der
Arbeit einnahm; der wurde eben dadurch befestigt und dauerhafter. Die Arbeit –
als Erwerbsarbeit verstanden – avancierte damit zum entscheidenden Faktor, der
über die Inklusion oder Exklusion der Einzelnen in das System der sozialen
Rechte und Pflichten, über gesellschaftliche Zugehörigkeit, Randstellung und
Außenseitertum entschied. Was Individuen und ggf. ihre Familien zur
Allgemeinheit beitrugen und umgekehrt von ihr zu erwarten hatten, wurde zum
großen Teil abhängig von der Erwerbsarbeit, zu der sie Zugang fanden – oder die
sie verloren. Auch in diesem Sinn wurde die Erwerbsarbeit zum zeitweise
wichtigsten Bindemittel, das den Zusammenhalt des Gemeinwesens trotz
zentrifugaler Tendenzen gewährleistete – oder daran versagte.
Damit sind die wichtigsten Elemente
dessen aufgezeigt, was spätestens seit Hannah Arendts Buch „The Human
Condition“ von 1958 als „Arbeitsgesellschaft“ bezeichnet wird, im 19.
Jahrhundert entstand und für das 20. Jahrhundert charakteristisch blieb, nicht
nur in Deutschland, sondern wohl überall, wo die Industrialisierung sich
durchsetzte und prägend wurde, wenngleich mit bezeichnenden und hier nicht
untersuchten Unterschieden von Land zu Land und im ständigen Wandel begriffen:
eine Gesellschaft, deren wirtschaftliche Leistungskraft, sozialer Zusammenhalt,
kulturelle Orientierung und politische Steuerung in entscheidender Weise auf
Erwerbsarbeit beruhen. Niemals zuvor hatte Arbeit als derart zentraler Pfeiler
der Architektur einer ganzen Gesellschaftsordnung gedient.
Ausblicke
Selbst noch der flüchtigste Blick
auf das 20. Jahrhundert zeigt, dass die Arbeitsgesellschaft in Deutschland und
anderswo typische Veränderungen durchlief. Diese hingen mit dem Ende der
Industrialisierung und dem Übergang in eine postindustrielle Ordnung sowie mit
der radikalen Umverteilung der Erwerbstätigen vom landwirtschaftlich und
gewerblich-industriellen zum Dienstleistungssektor zusammen, mit der
technologischen Entwicklung, mit der nachhaltigen Gewichtsverschiebung von der
manuellen zur nicht-manuellen Arbeit, mit der Zunahme der Freizeit und dem
Aufstieg der Konsumgesellschaft, deren Identitäts-angebote mit denen der
Arbeitsgesellschaft konkurrieren, während sie von dieser abhängig bleibt und
ihre zentrale Bedeutung bekräftigt. Darüber hinaus müssten Untersuchungen zur
Geschichte der Arbeit im 20. Jahrhundert einige grundsätzliche Probleme
ansprechen, die bisher nur am Rande anklangen.
Zum einen ist da das Verhältnis von
Arbeit und Destruktion. Traditionell wird in Europa – und wurde in diesem
Aufsatz – Arbeit als produktiv empfunden: als die Herstellung oder
Bereitstellung von etwas, als zukunftsorientierte Handlung, als Lösung von
Problemen, als Überwindung von existenzieller Not und Gefahr.
Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts
bieten dagegen reichhaltiges Anschauungsmaterial, wie Arbeit und Zerstörung
zusammengehen können. Man braucht die beiden Definitionen von Arbeit im breiten
Verständnis (oben S. 5) und von Arbeit als Erwerbsarbeit (oben S. 19) nicht
oder kaum zu verändern, um die Arbeit des Krieges, die Tätigkeit der Soldaten
und die Aggressionen Krieg führender Regierungen darunter zu fassen. Man möchte
es wünschen, doch gibt es prima vista keinen stichhaltigen Grund, das
Kriegshandwerk in seinen vorindustriellen, industriellen und postindustriellen
Formen aus der Arbeit auszugrenzen. Überdies: führten nicht die Exzesse des
Ersten Weltkriegs zu verstärkter Bewunderung für den Typus des „Arbeiters“
(Ernst Jünger), der sich anders als „der Bürger“ für illiberale Heroisierung
eignet? Setzten die tiefen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs nicht ungeahnte
Energien für angestrengte Arbeit und ihre Hochschätzung frei, die in den
folgenden Jahren zu großen Produktivitätsgewinnen und Aufbauerfolgen führten –
wie ähnlich bereits nach den Zerrüttungen des Dreißigjährigen Kriegs des 17.
Jahrhunderts, auf den die frühneuzeitliche Glorifizierung der Arbeit folgte?
„Arbeit macht frei“. Es lohnt sich –
zweitens – der Blick auf die ungemein zentrale Stellung, die der Arbeit – breit
und fundamental verstanden, gerade nicht auf Erwerbsarbeit verengt – in den
großen totalitären Ideologien und Systemen des 20. Jahrhunderts zukam. Bleiben
wir beim Nationalsozialismus und erinnern daran, dass Goebbels’ Roman „Michael“
von 1929 die Arbeit als Quelle der Selbstachtung und persönlichen Identität wie
als Mittel der Verbindung mit Boden und Mitmenschen glorifizierte; dass Alfred
Rosenbergs Einheit der Arbeit von Stirn, Faust und Schwert die
nationalsozialistische Propaganda prägte; dass die Ehrung der Arbeit – nach der
Zerschlagung der selbständigen Arbeiterbewegung und der Verfolgung ihrer Führer
– vielfältigen Niederschlag in der Symbolik und Praxis der „Volksgemeinschaft“
fand; dass der Reichs-Arbeits-Dienst die Arbeit als Waffe gegen innere
Zerreißung propagierte, während er die Arbeit für die Herstellung der Waffen
gegen den Feind organisierte; dass die deutsche Gesellschaft 1933-1940 als eine
autoritäre Leistungsgesellschaft analysiert werden kann; dass Rudolf Höß ein
leidenschaftlicher Arbeiter war und den zynischen Spruch ernst genommen haben
mag, der am Tor des von ihm kommandierten Lagers in Auschwitz angebracht war.
Das komplizierte Thema ist hier
nicht auszuschöpfen. Doch sollte seine Erwähnung darauf aufmerksam machen, wie
kompliziert und spannungsreich das Verhältnis von Freiheit und Arbeit sein kann
und in der Geschichte war. Die Befreiungs- und Freiheitspotentiale, die der
Arbeit aus der Sicht der Aufklärer und Liberalen, der klassischen Politischen
Ökonomie und der dialektischen Philosophie von Hegel und Marx – in jeweils
anderer Weise – eignen, sind nicht zu bestreiten. Eindeutige Belege für diesen
Zusammenhang finden sich in großer Zahl in der Geschichte des Bürgertums seit
dem Hohen Mittelalter, in der Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte, in den
Erfolgen der nicht-kommunistischen Arbeiterbewegungen und den sie tragenden
Erfahrungen von Arbeitern, im Protestantismus und beim Blick auf den
Zusammenhang von Erwerbsarbeit und Emanzipation im Verhältnis der Geschlechter
zueinander seit dem 19. Jahrhundert. Die Aufzählung ist nicht erschöpfend. Doch
das umgekehrte Verhältnis scheint – in vielen Varianten – das historisch
dominante gewesen und auch in der Moderne nicht abwesend zu sein. Die
langdauernde Geschichte von Sklaverei und Leibeigenschaft, die Dauerhaftigkeit
gebundener Arbeit mit ausgeprägten unfreien Elementen im Feudalismus, die
Ubiquität der Arbeit als eines Mittels der Disziplinierung von unteren
Schichten und fremden Völkern, die konstitutive Asymmetrie des Lohnarbeitsverhältnisses
mit der Unterordnung als Konsequenz und der Ausbeutung als Möglichkeit, die
zwanghaften Elemente, die zu jeder disziplinierten Arbeit gehören, wenn sie
auch mit Art, Ort und Qualifikation der Arbeit stark variieren – all das belegt
die enge Verbindung von Arbeit und Unfreiheit geradezu als historischen
Regelfall, wenngleich nicht als historische Notwendigkeit. Und die Erfahrung
mit den kommunistischen und faschistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts –
so unterschiedliche sie im übrigen waren – zwingen zu dem Schluss, dass der
Arbeit als solcher keine hinreichende Widerstandskraft gegen ihre totalitäre
Instrumentalisierung eingebaut ist; das gilt nicht nur für Arbeit im engen Sinn
der Erwerbsarbeit, sondern erst recht für Arbeit in darüber hinaus zielenden,
umfassenden Bedeutungen. Es kommt auf den gesellschaftlich-kulturellen Kontext
und die politisch-moralischen Rahmenbedingungen der Arbeit an, wie diese zur
Freiheit steht und ob sie mehr zur Befreiung oder mehr zur Verkrümmung beiträgt.
Schließlich: Geht die
Arbeitsgesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts derzeit zuende? Darauf
hinauslaufende Vermutungen finden sich schon bei Hannah Arendt 1958 und sind
damit so alt wie die Einführung des Begriffes selbst. In den 1980er Jahren
erhielten sie neue Dringlichkeit, immer wieder werden sie vorgebracht. Das
Kernargument ist: „Art und Menge der verfügbaren Arbeit reichen nicht mehr
aus, um Gesellschaften und das individuelle Leben zu strukturieren.“
Dabei kann auf Globalisierung und Digitalisierung als strukturelle Gründe, auf
die zähe Massenarbeitslosigkeit und die Zunahme der nicht der Erwerbsarbeit
gewidmeten Lebenszeit als Haupterscheinungen, aber auch auf die beobachtbare
Fragmentierung der Arbeit in Raum und Zeit – Jobs statt „Normalarbeitsverhältnis“,
Entgrenzung der Arbeitsplätze, „Entberuflichung“ – als unbestreitbare Phänomen
verwiesen werden, wie auch auf die Veränderung dominanter Wertorientierungen:
von der bürgerlichen Arbeitsethik zurückliegender Jahrhunderte ist unsere Zeit weit
entfernt, und selbst die Bibel hat man korrigiert. Luther hatte den Psalm 90,10
sehr eigenwillig und arbeitsfreundlich übersetzt: „Unser Leben währet siebzig
Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich
gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen.“ Generationen von Bürgern haben
das zitiert. Der hebräische Urtext spricht aber von „amal“ und „aven“, die
Vulgata von „labor et dolor“ – weit vom lutherschen Arbeitslob entfernt. Die
neue evangelisch-katholische Einheitsübersetzung ist realistischer: „Unser
Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig. Das beste
daran ist nur Mühsal und Beschwerd’, rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin.“
Gravierender noch ist die
Überlegung, dass sich das Regelsystem der Arbeitsgesellschaft selbst in die
Quere kommt. Es hat der Erwerbsarbeit als ihrer tragenden Säule zuviel
zugemutet und sie dadurch – ökonomisch gesprochen – zu teuer gemacht bzw. –
sozial und politisch gesprochen – überfordert. Deshalb wird die mit Lohnnebenkosten
hoch belastete, bis ins Einzelne normierte Erwerbsarbeit knapp, zieht sich
zurück und entzieht damit dem System seine Basis. In der jüngsten Diskussion
finden sich interessante Alternativvorstellungen: vom Primat der Erwerbsarbeit
(zurück) zu einem breiteren Arbeitsverständnis einschließlich
zivilgesellschaftlicher Bürgerarbeit (Ulrich Beck) und nicht durch Marktbezug
vermittelter Eigenarbeit, von der Arbeitsgesellschaft zur
„Tätigkeitsgesellschaft“ (Dahrendorf), die der Erwerbsarbeit ihren zentralen
Rang nimmt. Das ist der Stoff, aus dem heutige Utopien zur zukünftigen
Arbeitswelt gefertigt sind.
Andererseits ist unübersehbar, dass
von der Arbeitsgesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts viel überlebt. Es gibt
weiterhin genug zu tun. Trotz der Vernichtung von Arbeitsplätzen in unserem
Teil der Welt durch den technologischen Wandel der digitalen Revolution und die
ungemein verschärfte Konkurrenz im Zuge der Globalisierung gibt es weiterhin
auch in den ökonomisch entwickeltsten Gesellschaften keinen wirklichen Mangel
an Arbeit. Die immense Verbreitung der Schwarzarbeit und die viel geringeren
Arbeitslosenziffern in vergleichbaren Ländern außerhalb Deutschlands weisen
darauf hin. Aus der Geschichte der menschlichen Bedürfnisse weiß man auch von deren
Flexibilität und Ausdehnungsfähigkeit. Unsere hohen Arbeitslosenziffern
verweisen auf die Notwendigkeit tiefgreifender institutioneller Reformen, nicht
auf das Ende der Arbeitsgesellschaft. Erwerbsarbeit der einen oder anderen Art
entscheidet weiterhin über die Zuteilung von Status und Lebenschancen mehr als
jeder andere Regelungsmechanismus, mit Ausnahme der Herkunft. Die Verbreitung
von Erwerbsarbeit ist in den letzten Jahrzehnten sogar kräftig gewachsen; sie
ist nach dem massenhaften Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt heute mehr
die Regel als je zuvor. Angesichts der zunehmenden internationalen Konkurrenz
als Folge der Globalisierung ist die Leistungsfähigkeit der Ökonomie eines
Landes gefragter und unabdingbarer als je, will es entscheidende Wohlstandsverluste
vermeiden; es ist nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte aber nicht zu
sehen, welche Organisation der Arbeit es mit der marktbezogenen Erwerbsarbeit
an Effizienz aufnehmen könnte. Im gegebenen System wird die Verteilung von
Pflichten und Anrechten im Verhältnis von Allgemeinheit und Individuum
weiterhin sehr stark durch dessen Ort im System der Erwerbsarbeit geregelt. Was
an sozialer Gerechtigkeit existiert oder fehlt, wird größtenteils auf diese
Weise bestimmt, und zwar durch ein interdependentes arbeitsgesellschaftliches
Regelsystem, das sich gegen Änderungen – Reformen – wirksam sträubt. All das
weist nicht darauf hin, dass die Erwerbsarbeit weniger wichtig und die
Arbeitsgesellschaft ersetzbar geworden ist. Sie mag sich in den Fallen
verfangen, die sie selber gebaut hat. Sie mag die Ressourcen austrocknen, deren
sie bedarf. Doch ist völlig unklar, was an die Stelle des zentralen
Regelungselements „Erwerbsarbeit“ treten soll, wenn dieses nicht mehr
ausreichend zur Verfügung stehen oder bewusst marginalisiert werden sollte.
Wenn es gut geht, wird es auf eine
radikal reformierte und an die heutigen Umstände angepasste Arbeitsgesellschaft
hinauslaufen. Bis dahin ist noch viel Zeit für historische Reflexion. In der
historischen Langzeitperspektive, die hier gewählt wurde, erscheint manches am
heutigen Kampf um das richtige Verhältnis von Arbeit, Gesellschaft und Glück
wie die spannende Neuaufführung eines sehr alten Stückes, durchaus originell in
vielem, aber doch dem vorgegebenen Texte treu. Das gilt in dreierlei Hinsicht:
Immer wieder ging es und geht es
auch heute zentral um den Bedeutungsumfang von „Arbeit“, ihr Verhältnis zu und
ihre Unterscheidbarkeit von anderen menschlichen Tätigkeiten. Es wird deutlich
geworden sein: „Arbeit“ ist ein Konstrukt – nicht eines, das Einzelne beliebig
verändern könnten, aber eines, das unter bestimmten, praktischen
Gesichtspunkten entsteht, sich wandelt und immer auch stipulative Elemente
enthält, die allerdings erst in langen Diskussionen wirksam werden. Wenn heute
viel dafür spricht, die semantische Verengung der Arbeit auf Erwerbsarbeit zu
revidieren und die Arbeits- zur Tätigkeitsgesellschaft zu emanzipieren, wird
ein Dauerthema der Arbeitsgeschichte neu intoniert. Dazu gehört auch, dass in
Freizeit, Konsum und Spiel (Sport!) immer auch Elemente von Arbeit stecken und
die Grenzen verschwimmen.
Selbst in seiner engen und erst
recht in seinen breiten Varianten umfasst „Arbeit“ ungemein unterschiedliche
Tätigkeiten. „Ich glaube nicht an den Ruhestand bei meiner Art von Arbeit,
nicht solange mein Geist klar ist. Meine Arbeit ist mein Leben, ich kann mir
eines ohne das andere nicht vorstellen. Aufhören zu arbeiten heißt anfangen zu
sterben.“ So wird Pablo Casals zitiert.
Zu Recht grenzt der große Cellist diese Sicht auf seine Art von Arbeit ein.
Denn für die große Mehrheit der männlichen und weiblichen Erwerbstätigen gilt,
dass sie dem Ruhestand so früh wie möglich entgegensehen: sofern er denn
finanziell gut ausgestattet ist, stellt sich die mit ihm verbundene „Arbeitslosigkeit“
nicht als Problem und Persönlichkeitsbedrohung dar, sondern als begrüßte
Gelegenheit zu Muße, Nichtstun und anderen Tätigkeiten. Wenn Hochschullehrer,
beispielsweise Historiker, in einer der zahlreichen Erhebungen gefragt werden,
wie lang ihre effektive Wochenarbeitszeit währt, tun sie sich mit der Antwort
meist schwer. Denn wo ist die Grenze zu ziehen? Wohin gehört die Lektüre der
Zeitungen, eines historischen Romans? Diese Schwierigkeit hat die große
Mehrheit der abhängig Beschäftigten mit klar abgegrenztem Arbeitsplatz und fest
definierter Arbeitszeit (noch) nicht. Aber wie steht es mit dem Bauern in
Kenia, dem sich für Projekte verdingenden Programmierer in Indien, der
selbständigen Modeexpertin? „Arbeit“ umfasst so unendlich viel Verschiedenes,
dass generalisierende Beobachtungen, Problem-definitionen und Abhilfevorschläge
fast notwendig in Schieflage geraten. Man fragt sich, ob die Griechen der
Klassischen Antike nicht klarer denken und urteilen konnten, weil sie mit einem
allgemeinen, hoch Diverses umschließenden Arbeitsbegriff weder ausgestattet
noch belastet waren.
Schließlich zum Verhältnis von Lust
und Last, von Fortschritt und Preis, von Genuss und Anstrengung, um das es in
der Diskussion über Arbeitsgesellschaft (und Sozialstaat) auch immer geht. Es
wäre kurzsichtig, die Freuden und Gratifikationen zu übersehen, die immer
wieder mit Arbeiten verbunden waren und sind: Arbeit vertreibt Langeweile,
lenkt ab, verleiht Halt, hält gesund, erfüllt, verschafft Genugtuung und Stolz
über erbrachte Leistungen, schafft Kontakte und Bindungen, kann schön sein und
sich mit Ritualen verbinden, deren Wiederholung an sich Freude macht. Doch der
Durchgang durch die Geschichte der Arbeit zeigt, dass Arbeitslast und
Arbeitsleid für die meisten und meistens dominierten: die Härte und Mühsal, die
Eintönigkeit und die Abnutzung, Inferiorität und Unfreiheit, Zwang und
Verzicht, Verkrümmung und Beschädigung in den verschiedensten Formen. Arbeit
als Herrschaft und Disziplinierung – wie ein schwarzer Faden zieht sich das
durch die Zeiten, und man versteht das Lob der Muße, der Faulheit und des
Nichtstuns nur allzu gut, das sich als Antwort darauf ebenfalls über die Zeiten
hinweg hält. Angesichts dieser ungleichgewichtigen Koexistenz und Verknüpfung
von Arbeitslust und Arbeitslast – mehr Last als Lust – ist es nicht verwunderlich,
dass das Lob, die Aufwertung, die Glorifizierung der Arbeit sich in aller Regel
gerade nicht auf die Freude und den Genuss beriefen, die mit Arbeit bisweilen
verbunden sind, sondern den Wert, die Größe und den Sinn der Arbeit trotz und
oft gerade wegen des Verzichts, der Mühsal und Härte herausstreichen, die zur
Arbeit meistens gehören. Gefordert, gelobt und gerühmt wird Arbeit als Dienst
und Pflicht, als Ressource des Wohlstands und Kern zivilisatorischer Leistung,
als Investition in die Zukunft und mühsamer Königsweg des Menschen zu sich
selbst – selbst dann, wenn sie als Selbstzweck bezeichnet wird. Wenn man sich
in dieses Gewirr von Last, Lust und Lob der Arbeit rekonstruierend begibt,
stößt man letztlich auf die Widersprüchlichkeit menschlicher Existenz in sehr
grundsätzlicher Weise. Man begreift etwas vom dialektischen Zusammenhang
zwischen Fortschritt und seinem Preis. Vielleicht kann diese Perspektive von
Nutzen sein, wenn es um die richtige Mischung von Disziplin und Freiheit,
Zumutung und Gewährung, Pflichten und Rechten in der heutigen und zukünftigen
Arbeitsgesellschaft geht.