Dieter Thomä
Warum es nicht genügt, an
sich selbst zu arbeiten.
Arbeit als Bildung im Spiel
der Generationen
Ein Themenschwerpunkt auf
Zeitgeschichte-online
Es war
spätabends oder frühmorgens, jedenfalls mitten in einer Berliner Nacht und fern
aller Werktage, als ich bei einer Party Zeuge einer kleinen Abschiedsszene
wurde: Jemand brach auf mit der Begründung, er müsse »noch arbeiten«; auf die
neugierige Rückfrage, woran er denn jetzt noch zu arbeiten hätte, sagte er: »An
mir selbst.« Mir ist diese Antwort nicht mehr aus dem Sinn gegangen, und je
länger sie in meinem Kopf herumschwirrte, desto mehr ging sie mir auf die
Nerven. Am liebsten hätte ich den nächtlichen Schlauberger direkt gefragt, was
er — nach Abzug aller Ironie, die sicher auch im Spiel war — eigentlich gemeint
hat; ersatzweise muss ich hier nun meinen Ärger und meine Gedanken dazu
nachtragen. Dabei will ich gleich vorwegschicken, dass mich diese Gedanken am Ende
über den Gegenstand meines Ärgers hinausführen werden. Der Selbst-Arbeiter ist
nur eine kleine Figur in dem großen Panorama, auf dem das moderne Individuum,
seine Lebensführung und sein Verhältnis zur Arbeit zur Schau gestellt sind;
einen Blick auf dieses Panorama will ich erhaschen.
Wer nur an
sich selbst arbeitet, redet zwar noch von Arbeit, doch faktisch gehört er zu
denjenigen, die versuchen, das wahre Leben jenseits der Welt der Arbeit
anzusiedeln. Sie schwärmen von der Muße, dem Fest, dem Spiel, der Freizeit oder
dem Konsum — und auch wenn diese Bereiche nicht allesamt miteinander kompatibel
sind, gehen von ihnen doch Ver-lockungen aus, denen man sich nur schwer
entziehen kann. Legt man diese Kontrastfolien aus, dann sieht man, wie sich
über die Welt der Arbeit ein Grauschleier legt. Bis vor kurzem ging diese
Entwicklung noch mit der Absicht auf die reale
Abschaffung der Arbeit einher: Man gab sich der Hoffnung hin, mit einer
weitgehend automatisierten Produktion im Rücken sein Leben in Muße zu verbringen
und nach Höherem streben zu können. Diese Hoffnung ist, wenn ich das richtig sehe,
zerstoben, doch geblieben ist die ideelle Demontage
der Arbeit, in deren Folge man sich fast dafür schämen müsste, wenn man
irgendwo zupackte oder Hand anlegte.
Die
Gegenstrategien, die sich gegen diese Abwertung der Arbeit richten, tun sich
schwer; es sind dies Strategien, die im Übrigen auch heftig miteinander im
Streit liegen. Da gibt es zunächst die Strategie der Desillusionierung,
die in dem Hinweis gipfelt, dass jenes vermeintliche Paradies der Nicht-Arbeit
allenfalls in eine kleine Nische gehört und das Leben insgesamt, weit über den
Beruf hinaus, von Arbeit bestimmt und gezeichnet ist. Eigentlich arbeiten wir
demnach fast immer, ob wir damit nun Geld verdienen oder nicht. Wer so denkt,
steckt die Freizeitgesellschaft in die Ausnüchterungszelle, aber besonders verführerisch
wirkt diese Strategie nicht.
Anders gehen
jene vor, die auf die Transformation der Arbeit setzen. Sie wollen den
Bereich der Arbeit nicht einfach ausdehnen, sondern verwandeln. Wer arbeitet,
soll sich demzufolge nicht damit begnügen, stereotype Handgriffe auszuführen,
er soll sich vielmehr darum bemühen, anders
zu arbeiten: kreativer, unternehmerischer. Der Ausweg aus dem Reich der Not,
der Notdurft, der Notwendigkeit liegt dort, wo man sich nicht mehr als Rädchen
im Getriebe fühlt, sondern als Subjekt seines Tuns gefragt und gefordert ist,
das sein Produkt und sich selbst optimiert. Man kann der Arbeit zuliebe den
Akzent aber auch noch etwas anders setzen. Dann enthält man sich nassforscher
Forderungen, wonach jeder Arbeiter zum Selbst-Unternehmer mutieren soll, doch
man behält die Intuition bei, dass der Prozess der Arbeit selbst nicht unter Wert
gehandelt werden darf. Man betreibt eine Rehabilitierung
der Arbeit als Möglichkeit, sich einzusetzen, zu entfalten, zu bewähren, zu
spüren, dabei zugleich die Welt zu gestalten und das Leben zu bewältigen. So
schrieb Henry David Thoreau Mitte des 19. Jahrhunderts: »Es ist bemerkenswert,
dass wenig oder nichts Denkwürdiges darüber geschrieben wurde, wie man den
Lebensunterhalt verdient; wie man das Bestreiten des Lebensunterhalts nicht nur
ehrbar und ehrenwert, sondern insgesamt zu etwas Verlockendem, Wunderbarem
machen könnte; denn wenn der Lebens-Unterhalt
es nicht ist, dann ist es auch das Leben
nicht.«
Ich mache
keinen Hehl daraus, dass ich die Idee von der realen Abschaffung zu den
Illusionen der Fortschrittsideologie rechne; die ideelle Demontage der Arbeit
ist nur ein parasitärer Effekt dieser Idee, vor dem man sich hüten sollte.
Wenig hilfreich finde ich dann aber die Strategie der Desillusionierung, wonach
am Ende fast das ganze Leben aus Arbeit besteht und man nur noch darüber
nachdenkt, wie deren Anerkennung über verschiedene Entlohnungssysteme organisiert
werden kann. Unbehaglich ist mir auch bei dem Versuch, den Arbeiter in einen
Unternehmer zu transformieren (oder ihn zum Unternehmer zu befördern). Nicht
nur geht dieser Versuch mit einer erheblichen Schönfärberei über die faktischen
Handlungsspielräume der Menschen heutzutage einher; selbst wenn man diesen
Ansatz als Anweisung an alle generalisieren könnte, bliebe doch die Frage, ob
den Betroffenen damit gedient ist, wenn sie alles, was sie tun, auf dessen
Verwertbarkeit in einem von Konkurrenz bestimmten sozialen Umfeld abklopfen.
Wenn man
freilich auf die Geschichte der Idee des Unternehmers zurückgeht, zu der Joseph
Alois Schumpeter, Werner Sombart und indirekt auch Friedrich Nietzsche Beiträge
geleistet haben, dann merkt man, dass die Grenze fließend ist zwischen der Energie
und Dynamik des Unternehmers einerseits, der aktiven
Lebensgestaltung und der Arbeit des Subjekts, wie sie von Hegel, Max Weber und
anderen beschrieben wurden, andererseits. Auch Schumpeter betont die »Freude am
Tun«, die »Freude am Werk«. Damit gelange ich zu dem Anliegen einer
Rehabilitierung der Arbeit — und dieses möchte ich mir zu eigen machen. Es wäre
abwegig, in der Arbeit, sofern sie der Selbsterhaltung dient, nur einen quasi-natürlichen
Prozess, ein blindes, zwanghaftes Funktionieren zu sehen. Immerhin sind die
Tätigkeiten, die in diesen Bereich gehören, eingebettet in komplexe technische
Lernprozesse, soziale Zusammenhänge und kulturelle Traditionen. Nichts hindert
deshalb daran, die Arbeit als positiven Ausdruck der Lebensführung des
Individuums zu rehabilitieren.
Damit ist der
Moment erreicht, an dem ich zu dem Stein des Anstoßes zurückkehren kann, der
mich am Anfang stolpern ließ: jene aus einer Berliner Nacht heraussickernde
Auskunft, da wolle jemand »an sich selbst arbeiten«. Man könnte einwenden, dass
ich mich an eine kleine Abstrusität verliere, wenn ich auf dieser Wendung, »an
sich zu arbeiten«, so herumhacke. Ich will der Sache auch nicht mehr Gewicht
geben als nötig, aber sie kommt nicht allein, sondern gehört zu einem ganzen
Reigen rhetorischer Figuren, die sich bei der Selbstverständigung des modernen
Individuums in den Vordergrund gespielt haben. Ihr gemeinsamer Grundzug ist, dass
sie zu einem Kurzschluss im Selbst führen: Es werden Ziele verfolgt, bei denen
man gewissermaßen immer schon an der richtigen Adresse ist — bei sich selbst.
So trifft man neben der Arbeit an sich selbst etwa auf die Rede von
Selbstinszenierung, Identitätsmanagement, Ego-Marketing und — besonders
verbreitet — Selbstverwirklichung. »Selbstdesign« sei »der nächste Trend«,
behauptet das Hamburger Trendbüro.
Tückisch an der speziellen Figur der Arbeit an sich selbst ist nun, dass
sich in ihr die Bewegung, in der man sich von der Arbeit abkehrt, gewissermaßen
selbst überschlägt. Man verabschiedet sich von der Arbeit, wie man sie früher
gekannt hat, doch man redet sich selbst und anderen ein, dies, was man da tut,
sei doch wieder nichts anderes als eben — Arbeit. Wer nur »an sich selbst« arbeiten
will, versucht offenbar, die Anforderungen herkömmlicher Arbeit ad absurdum zu
führen. In Abwandlung einer berühmten (Fehl-)Übersetzung aus der Luther-Bibel
wäre demnach zu sagen: »Und wenn das Leben köstlich gewesen, so ist es Arbeit
an sich selbst gewesen.« Dies finde ich nun aber alles andere als köstlich.
Vor allem
vergeht man sich dabei an einer Eigenart der Arbeit, die ihren besonderen Reiz ausmacht:
dass sie nämlich eine Brücke zwischen Selbst und Welt errichtet. Wenn man
arbeitet, hat man, kurz gesagt, die Welt am Wickel — und ist sich zugleich
seiner selbst, seiner eigenen Tätigkeit bewusst. Man kann dies noch etwas anders
ausdrücken, und dann ist man — oh Wunder! — bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Er
führt einen ganz einfachen Gedanken ins Feld, mit dem man die schlechte Laune,
die um die Arbeit kreist wie eine Krähe, vertreiben kann. Dieser Gedanke lautet
in seiner kürzestmöglichen, also unweigerlich sperrigen Formulierung: »Die
Arbeit […] bildet.« Hegel spielt hier
mit der Doppeldeutigkeit des Bildens, das einerseits das Formen und Gestalten,
also das Bilden des Dinges,
andererseits die Bildung oder Entfaltung des
Menschen meint. Alexandre Kojève hat hierzu in seiner
Hegel-Interpretation bemerkt: »Die Arbeit ist Bildung im doppelten Sinne des
Wortes: einerseits bildet sie die Welt, bildet sie um […]; andererseits bildet sie
den Menschen um, bildet, erzieht […] ihn«.
Blickt man von
Hegel her auf den Selbst-Arbeiter, dann merkt man sofort, was an ihm faul ist: Er
meint, mit halber Kraft, mit einer halbierten Arbeit, die sich nur auf sich
selbst kapriziert, reüssieren zu können. Von Hegel her kann man sagen, mit dem
Selbst-Arbeiter sei das Ende der Bildung
besiegelt. Er begnügt sich damit, sich selbst zu bilden, und schneidet sich
dabei von den Ressourcen ab, auf die die Bildung doch angewiesen ist. Wenn man
die Verbindung zwischen Arbeit und Bildung ernst nimmt, dann muss man sich nun
auch jenem Schauplatz zuwenden, auf dem die Bildung seit jeher heimisch ist:
dem Schauplatz der Erziehung. Zur Bildung gehört das Verhältnis von Erziehenden
und Erzogenen, also das Verhältnis zwischen den
Generationen. Damit kommt ein weiteres Defizit des Selbst-Arbeiters ans
Licht. Indem er sich aus diesem Verhältnis heraushält, erscheint er als Symptom
einer Krise, von der die moderne Gesellschaft insgesamt ergriffen ist: einer Krise
im Spiel zwischen den Generationen.
Diese Krise im
Generationenspiel steht in einem engen Zusammenhang mit der modernen
Vorstellung, dass man als fertiges, über sich selbst verfügendes Individuum
eine Soll-Distanz zur Welt einhalten und sich erst nach eingehender Prüfung auf
sie einlassen will. Wer so denkt, pfeift auf die Verwicklungen und
Verstrickungen, in denen man erst wird, wer man ist; sie sind ihm lästig oder
geradezu unerträglich. Ein Mensch kommt aber nicht zur Gesellschaft wie ein
Gast zur Abendeinladung: aus freien Stücken, fertig eingekleidet, ein Lächeln
auf den Lippen. Ein Mensch gehört schon zur Gesellschaft, wenn er als kleines
Bündel im Arm der Mutter oder des Vaters liegt. Entsprechend ist er auch in
seinem Bildungsprozess auf das Zusammenspiel mit anderen angewiesen.
Fast alle
Helden der Emanzipation, die in der Moderne auftraten, waren besessen von
Szenarien der Neugründung, vom totalen Neuanfang. Dies gilt etwa für den self-made
man, von dem es in der amerikanischen Populärkultur des 19. Jahrhunderts
heißt, er sei ein »Genie«, das ohne »alle fremde Hilfe« auskommt und sich auf
dem »Weg zum Ruhm« selbst »unterrichtet«. Wer so denkt, lügt sich aber nur in
die eigene Tasche. Es ist bemerkenswert, dass der Ökonom Joseph Alois
Schumpeter, der den Unternehmer doch wie kein zweiter gefeiert hat, genau
Bescheid wusste über die Unzulänglichkeit der Versuche, alles von sich aus
schaffen und erreichen zu wollen. Bei ihm heißt es: »Es müßte jeder Mensch […] ein
Riese an Einsicht in alle Bedingungen des sozialen Lebens und an Willen sein,
um nur durch seinen Alltag zu kommen, wenn er alle die kleinen Akte, aus denen
dieser besteht, jedesmal geistig erarbeiten und schöpferisch gestalten müßte.«
Die
Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, die sich selbst im Griff haben, sich
selbst bilden, souverän an sich selbst arbeiten; sie bildet im Glücksfall ein
Netzwerk, das Halt gibt und die Generationen untereinander verbindet. Der
Bildungsprozess der Menschen ist nur denkbar als Spiel von Überlieferung,
Anpassung und Abweichung. Energie wird hier nur freigesetzt, wenn die
Beziehungen, die zu diesem Prozess gehören, ihre hohe Intensität behalten. Ich
will drei Entwicklungen herausheben, die aus meiner Sicht eine Gefährdung
dieser Intensität und damit auch des Generationenspiels mit sich bringen; dabei
komme ich auch nochmals auf die Verbindung zwischen Bildung und Arbeit zu
sprechen.
Die Austreibung der
Arbeit aus dem privaten Leben
Bildung und
Erziehung finden heutzutage in einem eigenen, geschützten Raum statt, der durch
die Privatsphäre und pädagogische Institutionen aller Art gebildet wird. Die
Bildung ist auf eine solche Sphäre angewiesen, denn sonst gäbe es keinen Schutz
dagegen, dass die Kinder direkt von der Arbeitswelt vereinnahmt und in ihr
›verwertet‹ werden. Doch keineswegs ist die Arbeit im geschützten Raum der
Bildung die große Abwesende. Zum Heranwachsen gehört auch, dass man eigene
Aufgaben übernimmt, Fähigkeiten unter Beweis stellt, Anstrengungen aushält und
Verantwortung trägt. An diesem Punkt liegt, was die Privatsphäre der Familie
betrifft, heute einiges im Argen. Dass das Stichwort vom Hotel Mama überhaupt
aufkommen kann, dass die Kinder den Raum der Familie als bloße
Versorgungsstation ansehen, liegt darin begründet, dass sie den Schutzraum, der
ihnen jenseits der Arbeitswelt gegönnt wird, zum Freizeitpark umdeuten.
Auffällig ist die Untüchtigkeit, die
sich deshalb bei vielen Heranwachsenden ausbreitet; sie tun sich in vielerlei Hinsicht
schwer mit Belastungen, auch mit der alltäglichen Lebensbewältigung, wenn sie diese
denn mal selbst in Angriff nehmen müssen. Dass der private Haushalt doch auch
ein Haushalt, ein oikos ist, dass in ihm Kompetenzen eingeübt werden,
die der Selbsterhaltung dienen, darf nicht in Vergessenheit geraten. Beschädigt
wird sonst die Verbindung von Bildung und Arbeit, also auch die Bildung selbst.
Der Abschied von der Vergangenheit in der peer
group
Eigentlich
haben Kinder und Jugendliche ein akutes Bewusstsein ihrer Unfertigkeit; dies
ist auch Quelle ihrer Neugier und ihrer Bereitschaft, Neuland zu betreten und Neues
zu schaffen. Angewiesen ist dieses Bewusstsein jedoch auf den Kontrast zu den
Erwachsenen, die aus der Sicht der Jugendlichen ›fertig‹ sind (ich lasse offen,
ob damit eine Form der Vollendung oder eine Form der Erledigung — ›Mein Gott,
ist der fertig!‹ — gemeint ist). Nun wachsen viele Jugendliche heute aber in
einer Welt fast ohne Erwachsene auf; ihr Heil suchen sie in der peer group.
Kurioserweise versuchen auch viele Erwachsene, sich dieser peer group anzuschließen,
indem sie sich in Berufsjugendliche verwandeln. So steht gar die Verwandlung der
ganzen Gesellschaft in eine peer group an, die dem Ideal der
Jugendlichkeit nacheifert. Wenn die Eltern selbst in den Bann des Jugendkults
geraten, dann ergeht an die Kinder das Signal, dass sie so bleiben können wie
sie sind, dass ihre Lebensreise schon ans Ziel gelangt ist. Mit der
Idealisierung der Jugend redet man ihr ein, sie sei nicht zu ›toppen‹. Das
Bewusstsein der Jugend von der eigenen Unfertigkeit verwandelt sich in
Selbstgefälligkeit. Damit geht die Ignoranz der Vergangenheit einher: Wenn alle
jung sind oder sein wollen, hat das Alte ausgespielt. Dagegen ergeht der
Bescheid Alexis de Tocquevilles: »Wenn die Vergangenheit die Zukunft nicht mehr
erhellt, tappt der Geist im Dunkeln.« Dem Geist fehlt dann, anders gesagt, Bildung.
mixed signals ohne Ende
Das
Generationenspiel in Deutschland nach 1945 ist eine Geschichte von mixed
signals, die Geschichte eines in verschiedenen Formen wiederkehrenden double
bind. Die Elterngeneration der Nachkriegszeit war eine in Normalität
erstarrte und doch zugleich gebrochene Generation; entsprechend war der
Aufstand von 1968 ein Protest gegen das Sitzfleisch der Alten, gegen die
Verlogenheit, die tief in das Wirtschaftswunder hineingewebt war, aber auch
eine Suchanzeige für ein anderes Verhältnis zwischen den Generationen.
Wie wirkte nun
diese Generation, die selbst mit den mixed signals ihrer Eltern
umzugehen hatte, ihrerseits auf die Nachgeborenen? Wenn man das Zeitfenster
hier nun etwas weiter fasst und über die Achtundsechziger im engsten Sinne hinausgeht,
dann trifft man auf eine Generation, die unter anderem dadurch in die
Geschichte eingehen wird, dass sie die Schulden der öffentlichen Hand in
Deutschland zwischen 1970 und 2008 von 63 Milliarden auf rund 1.500 Milliarden Euro
hochgetrieben und gleichzeitig ihren Beitrag zu der ökologischen Katastrophe geleistet
hat, in die ihre Kinder hineingeraten werden. Aktuell wird noch eine Finanz-
und Wirtschaftskrise frei Haus geliefert. Es gibt also haufenweise Gründe dafür,
die Älteren als Vorbilder für die eigene Bildung abzulehnen. Und doch fällt die
Ablehnung gar nicht so leicht, denn die jüngere Generation hat nun Eltern, die so
verständnisvoll, nachsichtig und großzügig gegenüber ihren Kindern sind, dass
es schwer fällt, sie in Bausch und Bogen zu verdammen. Diejenigen, die im neuen
Jahrtausend erwachsen werden oder geworden sind, müssen also — aus ganz anderen
Gründen als ihre Vorgänger und Vorvorgänger — mit mixed signals umgehen,
die schrill klingen wie Warnglocken.
Mit welchem
Selbstbild, mit welchem Selbstverständnis könnten die Mitglieder dieser neuen Generation
— sowie auch alle Älteren, die deren Ehrenmitglieder werden wollen — antreten? Sie
würden, wie mir scheint, gut daran tun, auf Arbeit und Bildung zu setzen. Dazu
gehört die Bereitschaft, sich den Anstrengungen zu stellen, in die die Welt den
Genuss eingewickelt hat; dazu gehört auch die Bereitschaft, sich zu bilden, und
das heißt: Geduld mit sich selbst zu haben und in den Fluss des Lebens
einzutauchen, der die eigene Zukunft aus der Vergangenheit hervorgehen lässt.
Wie würde man wohl diejenigen beschreiben, die sich diese Haltung zu eigen
gemacht haben? Von ihnen könnte gesagt werden: Sie sind diejenigen, auf die sie
gewartet haben.
»Wir sind
diejenigen, auf die wir gewartet haben. « Dieser Satz aus einer Rede Barack
Obamas vom 5. Februar 2008 bringt Schwung ins Verhältnis zwischen Vergangenheit
und Zukunft. Hier wird eine Stimmung verbreitet, in der der Knoten platzt, in
der plötzlich möglich erscheint, was vorher undenkbar war. Doch in diesem Satz
feiern nicht Selbstgefälligkeit und Machbarkeitswahn neue Triumphe — und zwar deshalb
nicht, weil er neben der Hoffnung auch Demut zum Ausdruck bringt. Diejenigen,
die auf sich ›warten‹, müssen sich in Geduld fassen; ihnen liegt nicht daran,
sich nach Belieben aus dem Hut zu zaubern oder selbstverliebt an sich zu
arbeiten. Sie begeben sich auf eine Reise, in der sie — um ein Wort Heinrich
von Kleists abzuwandeln — durch die schöne Anstrengung, die auf sie zukommt,
mit sich selbst bekannt gemacht werden. Früher nannte man so etwas eine Bildungs-Reise.
Gute Fahrt!
Dieter
Thomä ist seit 2000 Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen.
Zitierhinweis:
Dieter
Thomä, Warum es nicht genügt, an sich selbst zu arbeiten. Arbeit
als Bildung im Spiel der Generationen. Ein Themenschwerpunkt auf
Zeitgeschichte-online, in: zeitgeschichte-online Januar 2010,
URL: http://www.zeitgeschichte-online.de/zol-generation-2010