Peter Hübner
Arbeitsgesellschaft
in der Krise?
Eine Anmerkung zur
Sozialgeschichte der Industriearbeit im ausgehenden 20. Jahrhundert.
Ein Themenschwerpunkt auf
Zeitgeschichte-online
Den industriellen
Arbeitsgesellschaften der OECD-Länder und inzwischen auch der sogenannten
Schwellenländer wird nicht erst seit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise von
2008 eine eher schwierige Zukunft prophezeit. Schon vor rund vier Jahrzehnten
tauchten die ersten Voraussagen einer postindustriellen Ära auf.
Während aber eine insbesondere politik-, sozial- und
wirtschaftswissenschaftlich geführte Debatte das Ende der Arbeit und des Industriezeitalters
erörterte,
hielt sich die sozialgeschichtliche Diagnose in dieser Hinsicht bemerkenswert
zurück.
Das lag nicht nur daran, daß die Voraussage der Zukunft nicht ihr Metier sein
kann, oder daß die zeithistorischen Quellenvoraussetzungen Grenzen zogen. Vor
allem hatte und hat man es mit der Tatsache zu tun, daß die Geschichte der
Arbeit, der Arbeiterschaft und der Arbeitsgesellschaft allen Prophezeiungen
zum Trotz nach wie vor stattfindet. Das läßt nach dem Zustand der industriellen
Arbeitswelt ebenso fragen wie nach den Gründen, ihr Ende an die Wand zu malen.
Noch im dritten Viertel des 20.
Jahrhunderts schien es für die Mehrheit der Bevölkerung in den europäischen
Industrieländern, die „abhängig Beschäftigten“, zu den Selbstverständlichkeiten
einer „Normalbiographie“ zu gehören, einen Beruf zu erlernen und diesen dann
auch bis zum Eintritt in das Renten- oder Pensionsalter auszuüben, möglichst
ohne die Arbeitsstelle zu wechseln. Das war mit einem bis dahin kaum erreichten
Maß an sozialer Absicherung und Berechenbarkeit des aktiven Arbeits-lebens und
des Altersruhestandes verbunden. Michael S. Aßländer schreibt dazu: „Spätestens
seit Mitte des 20. Jahrhunderts gehören lebenslange Berufsarbeit, durchgängige
Beschäftigung in möglichst einem Unternehmen und eine klar strukturierte
berufliche Karriere zu den Erwartungshaltungen innerhalb der modernen
Arbeitsgesellschaft. Der sichere Arbeitsplatz garantiert materiellen Wohlstand
und bildet die Voraussetzung zahlreicher sozialer und politischer Rechte. Wie
keine Epoche zuvor definiert das 20. Jahrhundert Vollbeschäftigung als
Normalzustand der Arbeitsgesellschaft.“
Dennoch, über einen größeren Zeitraum betrachtet, handelte es sich um eine
historische Ausnahmesituation: „Das ‚Normalarbeitsverhältnis’ war selten
normal.“
Vielleicht, so ließe sich vermuten, käme hierfür neben dem von Aßländer
genannten Zeitraum auch noch die Zeit zwischen Jahrhundertwende und 1.
Weltkrieg in Betracht.
Die nach dem Zweiten Weltkrieg
ziemlich bald erreichte relativ komfortable Beschäftigungssituation stand in
einem chronologischen und strukturellen Zusammenhang mit der Wiederaufbauperiode
nach dem Zweiten Weltkrieg. In Ost und Westeuropa hatte sie trotz aller
systembedingten Unterschiede in erstaunlicher Parallelität für viele Menschen
zu einer einigermaßen auskömmlichen Existenz geführt.
Nicht ohne Grund galten die 1950er und 1960er Jahre in der englischsprachigen
Welt im sicher auch etwas verklärenden Rückblick als „Golden Age“. In
Frankreich sprach man von „les trentes glorieuses“ und die (West)-Deutschen
hatten ihr „Wirtschaftswunder“.
Aber auch in den mittel- und osteuropäischen Regionen des sowjetischen
Machtbereichs sorgte ein beachtliches Wirtschaftswachstum trotz innerer Krisen
und systembedingter Bremswirkungen zur selben Zeit für einen deutlichen Anstieg
des Lebensstandards.
Es wirkte wie eine Fortschreibung
dieser positiven Tendenzen, ergänzt freilich durch die neuen Technologien des
heraufziehenden Computer-zeitalters, wenn Daniel Bell, Zbigniew Brzezinski,
Herman Kahn, Raymond Aron u. a. in den späten 1960er Jahren ihr Konzept der
„postindustriellen“ Gesellschaft entwickelten und „eine Welt des vermehrten
Überflusses und deshalb hoffentlich auch des verminderten Wettbewerbs“ in
Aussicht stellten.
Den historischen Hintergrund dieser attraktiven Projektion bildete jedoch ein
neuer industrieller Technologieschub, ein Vorgang, der für das hier zu
betrachtende Problem maßgebend werden sollte. Man hat hierfür verschiedene
Bezeichnungen gefunden. Relativ weit verbreitet ist der 1978 von dem deutschen
Wirtschaftsjournalisten Dieter Balkhausen mit Blick auf den Einzug
elektronischer Rechentechnik in Wirtschaft und Verwaltung eingeführte Begriff
der „dritten industriellen Revolution“.
Die, wenn man so will, „Leitfossilien“ der ersten und zweiten industriellen
Revolution waren die Dampfmaschine bzw. der Elektromotor. Nun folgte also die
Mikroelektronik. Daniel Bell nannte dies die „dritte technologische
Revolution“.
Ein anderes Drei-Stufen-Modell präsentierte Dieter Otten, der von einer
industriellen Revolution des Mittelalters, der zweiten industriellen Revolution
des 19. Jahrhunderts und einer in den 1970er und 1980er Jahren einsetzenden
dritten Revolution ausging.
Manche sprachen von einer „digitalen Revolution“ oder auch von einem
„Informationszeitalter“,
mit der die einen eine „Postmoderne“
bzw. eine „postindustrielle“ Ära, wieder andere eine „zweite Moderne“
heraufziehen sahen.
Der Blick blieb dabei auf die
westlichen OECD-Länder fixiert. Das war einerseits nachvollziehbar, machte
sich doch der neue industrielle Technologieschub gerade dort zuerst und
deutlich bemerkbar. Im Verlauf der 1960er Jahre registrierte man im Bereich der
„alten“ Industrien, vor allem bei Kohle und Stahl sowie in der Textilbranche
einen zunehmenden strukturellen Druck. Sie schienen ihre Zeit gehabt zu haben,
während anderen Zweigen wie der Elektronik- und der Chemieindustrie eine
glänzende Zukunft vorausgesagt wurde. Das gab auch zu euphorischen Erwartungen
Anlaß. Neue Werkstoffe, fortschreitende Automatisierung und höhere
Qualifikation der Beschäftigten ließen auf mehr Wohlstand bei weniger Arbeit
hoffen. Insofern kam es nicht überraschend, wenn zugleich nach den künftigen
Formen von Arbeit, insbesondere der Erwerbsarbeit gefragt wurde.
Doch gerade während das verlockende
Bild einer auf „High-Tech“ gründenden Zukunftsgesellschaft aufschien, begann es
im Gebälk der Weltwirtschaft hörbar zu knacken. Die industrielle Welt
registrierte nach Jahren eines scheinbar unerschöpflichen Nachkriegsaufschwungs
nicht nur neue technologische Herausforderungen, sondern auch wirtschaftliche
und soziale Turbulenzen. Im harten Kontrast zur bisherigen Erfolgsgeschichte
sahen sich die westlichen Volkswirtschaften seit den späten 1960er Jahren mit
steigenden Inflationsraten und zunehmender Arbeitslosigkeit, stagnierendem
Sozialprodukt und Zahlungsbilanzungleichgewichten, wachsenden
Haushaltsdefiziten und instabilen Wechselkursen, desintegrativen Tendenzen auf
dem Weltmarkt und mit einer Reihe anderer Probleme konfrontiert.
Man reagierte zunächst mit der Aufgabe des „Bretton-Woods“-Systems der festen
Wechselkurse. Wenig später, 1973/1974, sorgte der auf die erste Ölpreiskrise
folgende Konjunktur-einbruch für neue Irritationen, nicht zuletzt im Hinblick
auf die Konsequenzen für die abhängige Erwerbsarbeit. Selbst Länder wie Japan
und die Bundesrepublik Deutschland, die „relativ unbeschädigt“ aus diesen
Schwierigkeiten hervorgingen, registrierten eine sich verfestigende
strukturelle Arbeitslosigkeit und, daraus folgend, eine stärkere Belastung der
sozialen Sicherungssysteme.
Schon im letzten Viertel dieses
Jahrhunderts wandelte sich das Bild der Erwerbsarbeit sehr schnell und zu
Beginn des 21. Jahrhunderts schienen verzögerte Berufskarrieren, fragmentierte
Erwerbsbiographien, Niedriglohnsektoren und „Minijobs“ zum Standard zu werden.
Versagende Arbeitsmärkte und eine sich verfestigende Massenarbeitslosigkeit
waren die andere Seite der Medaille. Die „fordistisch“
geprägte Arbeitsgesellschaft geriet offensichtlich in eine Krise.
Das war kein abrupter Vorgang, vielmehr vollzog er sich, nach Ländern und
Branchen abgestuft, in den 1960er und 1970er Jahren als Übergang von einer
Arbeitswelt mit hohem Arbeitskräftebedarf zu einer kapitalintensiveren
Produktion mit sinkendem Arbeitsplatzangebot.
Die in den frühen 1970er Jahren
einsetzende Beschäftigungskrise hatte weniger mit dem Ölpreis zu tun als
vielmehr mit einem einschneidenden Strukturwandel der modernen Industriegesellschaft.
Erstmals trat eine Situation ein, in der „die Nachfrage nach Arbeit dauerhaft
und in wachsendem Ausmaß hinter dem Arbeitsangebot zurückbleibt“.
Von nun an hinterließ jeder Konjunkturzyklus mehr Arbeitslose als der vorige.
Treffend beschrieb der französische Soziologe Robert Castel den Vorgang als
„Bruch einer Verlaufskurve“.
Eine anhaltende Massenarbeitslosigkeit wurde zum „Krebsschaden“ – nicht nur
der Wirtschaft.
Seither verunsicherten steigende Arbeitslosenquoten die Arbeitsmärkte und
setzten die Sozialsysteme unter Druck. Der in den 1960er Jahren kräftiger gewordene
„Expansionstrend des Sozialsektors“
hielt zwar an, aber er speiste sich nun nicht mehr aus einem forcierten
Wirtschaftswachstum, wie das von 1949 bis zum Beginn der 1970er Jahre der Fall
gewesen war. Damit bahnte sich ein normativer Konflikt zwischen Marktwirtschaft
und Sozialstaat an.
Bereits in der zeitgenössischen
Wahrnehmung galt die abhängige Erwerbsarbeit als bedroht. Die Furcht vor einer
Wiederkehr der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er Jahre mit ihrer
Massenarbeitslosigkeit erschien nicht unbegründet.
Dies war um so mehr der Fall, als die politischen Klassen der einschneidenden
Konsequenzen erst allmählich gewahr wurden.
Tatsächlich waren die maßgeblichen Akteure der Politik, der Unternehmerseite
und der Gewerkschaften über den Fortgang der Entwicklung gar nicht sicher.
Geradezu zwangsläufig gingen ihre Vorstellungen weit auseinander, wie Alain
Touraine zeigt: „In einigen Fällen schon in den sechziger Jahren und in den
siebziger Jahren in fast allen Teilen der Welt begann das umfassende
Nachkriegsprojekt einer auf Technologie basierenden nationalen Entwicklung
seine Kraft und Wirksamkeit zu verlieren und löste sich allmählich in seine
Bestandteile auf. Eine international ausgerichtete neoliberale Politik, oft
‚strukturelle Anpassung’ genannt, setzte an die Stelle von Produktion den
Markt, an die Stelle von Entwicklung Wettbewerbsfähigkeit, an die Stelle von
Wohlfahrt Flexibilität und an die Stelle von Ausbeutung soziale Ausgrenzung
oder Unsicherheit. Nur eine Minderheit setzt die Prioritäten auch weiterhin bei
internen Fragen einer neuen Form der Wirtschaftsgesellschaft. Eine größere
Gruppe betont die negativen Auswirkungen der alten Formen wirtschaftlicher
Organisation und von Staatseingriffen, die noch vor einer Generation positive
Effekte hatten. Eine ganz andere Minorität, die eher aus Intellektuellen und
Sozialarbeitern als aus Gewerkschaftern und Politikern besteht, fordert die
vollständige Abkehr von der Industrie-gesellschaft. Gruppen auf der extremen
Linken teilen die Kritik an der industriellen Organisation mit den
Neoliberalen, die fordern, daß die Marktkräfte von staatlichen Eingriffen
befreit werden müßten, weil sie ein Hindernis auf dem Weg zu wirtschaftlichen
Innovationen seien und sogar auf dem Weg zur Angleichung der Lebensbedingungen.
Der Staat dürfe nicht länger aktiv handelnd in die Einkommensverteilung eingreifen.“
Dieses höchst widersprüchliche
Meinungsspektrum war symptomatisch für die um 1970 registrierte
Umbruchsituation. Insofern überraschte es nicht, wenn auch die „transnationale
soziologische Makroperspektive […] keine eindeutige, historiographisch tragfähige
Bezeichnung der 1970er Jahre hervorgebracht“ hat.
Die Unsicherheit beeinflußte nicht zuletzt die Debatte über die Zukunft der
Arbeit in der „dritten industriellen Revolution“. Dagegen stellte kaum jemand
die Tatsache einer Zäsur in der Geschichte der Erwerbsarbeit in Frage. Der spanische
Soziologe Manuel Castells qualifizierte die Zeit um 1970 als eine der
wichtigsten Tendenzwenden des 20. Jahrhunderts. Sie schied seiner Meinung nach
zwei Perioden in der Entwicklung moderner Industrieländer. Die eine umfasse
ungefähr die Jahre 1920 bis 1970 und sei durch einen „massive(n) Rückgang der
landwirtschaftlichen Beschäftigung“ gekennzeichnet gewesen, die andere
erstrecke sich etwa über den Zeitraum von 1970 bis 1990 und habe zu einem
„schnelle(n) Niedergang der industriellen Beschäftigung“ geführt.
Das schien überzeugend, zumal die Erwerbsstatistiken in Europa und Nordamerika
diesen Prozeß offenbar bestätigten.
Castells’ Bemerkung zielte im
Prinzip auf die westlichen OECD-Länder, sie galt mutatis mutandis jedoch auch
auf die Länder des sowjetischen Blocks. Diese hatten ebenfalls einen
industriellen Entwicklungspfad gewählt, der nahezu zeitgleich die
technologische Schwelle der „dritten industriellen“ oder, wie es in Mittel- und
Osteuropa bevorzugt hieß, der „wissenschaftlich-technischen Revolution“
erreichte. Und auch sie sahen sich mit der Frage nach der Zukunft der Arbeit
und den sozialen Konsequenzen der neuen Technologien konfrontiert. Allerdings
schienen ihre beschäftigungspolitischen Perspektiven günstiger zu sein als die
der westlichen Industrieländer.
Zwei Argumente sprachen dafür: (1.) In Mittel- und Osteuropa hatten das Recht
auf Arbeit und Vollbeschäftigung Verfassungsrang. (2.) Was die aktuelle und
künftige Arbeitskräftesituation betraf, überstieg der Bedarf im allgemeinen
noch die Arbeitskraft-ressourcen, wobei Polen zeitweise eine Ausnahme machte.
Die Beschäftigungssituation der
RGW-Länder war ambivalent. Zum einen hatten die meisten von ihnen aufgrund
starker Nachkriegsjahrgänge eine erhöhte Zahl von Arbeitsfähigen mit
Arbeitsplätzen zu versorgen. Zum anderen blieb ihr Arbeitskräftebedarf
angesichts relativ niedriger Produktivitätszuwächse, einer nach wie vor
extensiven Industrialisierung und eines hohen Personalbedarfs der Staats- und Parteibürokratien
sowie der Militär- und Sicherheitsapparate außerordentlich hoch. Im Hinblick
auf das politische Grundziel der Vollbeschäftigung erwies sich diese Situation
als vorteilhaft, in der ČSSR, Polen und Ungarn trat Ende der 1970er Jahre
sogar ein Arbeitskräftemangel ein. Die DDR sah sich, bedingt durch eine besonders
schwierige demographische Situation, damit schon länger konfrontiert, und es
entstanden auch in den 1970er Jahren mehr Arbeitsplätze als Arbeitskräfte
verfügbar waren. In diesen Ländern setzte man zu dieser Zeit verstärkt auf
Rationalisierungsmaßnahmen und Automatisierung.
Auch in der UdSSR machten sich Personalengpässe bemerkbar, weniger hingegen in
Bulgarien und Rumänien.
Die Beschäftigungszunahme setzte sich dennoch fort, wobei der Schwerpunkt nach
wie vor auf der Industrie lag. Insgesamt sind die Zahlen der Industriebeschäftigten
in den 1970er Jahren in Mittel- und Osteuropa gestiegen. Während der 1980er
Jahre gingen sie mit Ausnahme Bulgariens und Rumäniens etwas zurück, wobei hier
vor allem demographische Prozesse, strukturpolitische Entscheidungen und
Rationalisierungsmaßnahmen zu Buche schlugen:
Tabelle 1
Industriepersonal
im Jahresdurchschnitt (1.000 Personen)
|
Jahr
|
1970
|
1980
|
1989
|
|
Bulgarien
|
1.087
|
1.271
|
1.476
|
|
ČSSR/ČSFR
|
2.485
|
2.687
|
2.664
|
|
DDR
|
2.843
|
3.209
|
3.189
|
|
Polen
|
4.115
|
4.783
|
4.503
|
|
Rumänien
|
2.064
|
3.327
|
3.796
|
|
UdSSR
|
31.593
|
36.891
|
36.414
|
|
Ungarn
|
1.790
|
1.684
|
1.440
|
Quelle:
Совет
экономической
взаимопомощи,
Секретариат
(Изд.):
Статистическй
Ежегодник
стран-членов
совета
экономической
взаимопомощи
1981,
Москва 1981 [Rat für gegenseitige
Wirtschaftshilfe, Sekretariat (Hg.): Statistisches Jahrbuch der Mitgliedsländer
des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe, Moskau 1981], S. 126; Совет
экономической
взаимопомощи,
Секретариат
(Изд.):
Статистическй
Ежегодник
стран-членов
совета
экономической
взаимопомощи
1990,
Москва 1990 [Rat für gegenseitige
Wirtschaftshilfe, Sekretariat (Hg.): Statistisches Jahrbuch der Mitgliedsländer
des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe, Moskau 1990], S.280.
Ohne dieses Thema hier näher
auszuführen bleibt festzuhalten, daß in den Ländern des sowjetischen Blocks
von einer Beschäftigungskrise nicht die Rede sein konnte. Der Herausforderung
des raschen technologischen Wandels hoffte man mit einer planmäßigen Beschäftigungs-
und Sozialpolitik entsprechen zu können. Diese Erwartung fand ihre Ergänzung im
Verweis auf die Krise der westlichen Industrieländer. Exemplarisch für eine
solche Sicht hieß es im Bericht des ZK an den IX. Parteitag der SED von 1976, während sich der RGW-Raum zur
„dynamischsten Wirtschaftsregion der Erde“ entwickelt habe, zeige sich im Westen seit Beginn der
1970er Jahre „eine ganz besondere Art der Verflechtung von allgemeiner und zyklischer
Krise“.
Zu dem Zeitpunkt glichen solche
Zustandsbeschreibungen zwar dem Pfeifen im dunklen Wald, gleichwohl verdient
der implizit enthaltene Aspekt von Vollbeschäftigung und Beschäftigungskrise
Beachtung. Denn die in Mittel- und Osteuropa praktizierte Beschäftigungspolitik
ist nicht nur aus einem Modernisierungsrückstand zu erklären. Sie führte auch
bei lokalem und regionalem Arbeitskräfteüberschuß zum Angebot von
Arbeitsplätzen, die unter rein wirtschaftlichen Kriterien nicht erforderlich
waren. Die Annahme, es handele sich hier um versteckte Unterbeschäftigung oder
Arbeitslosigkeit, ist nicht unbegründet, aber auch nicht ganz zu Ende gedacht.
Man kann in diesem Beschäftigungsmodell nämlich auch einen im großen und ganzen
erfolgreichen Versuch sehen, Arbeitslosigkeit durch einen staatlich
subventionierten Beschäftigungs-sektor zu verhindern.
Eines fällt auf: So unterschiedlich
die Perzeption der Beschäftigungs-problematik in den westlichen und den
östlichen Industrieländern war, so sehr ähnelten sich die politischen Reaktionen
darauf. Sie waren nämlich im wesentlichen durch den Rückgriff auf vorhandene
Arbeitsmarkt- bzw. Beschäftigungsinstrumente bestimmt. Der Erhalt oder die
Wieder-gewinnung der Vollbeschäftigung blieb die eigentliche Option. Der Fall,
daß sich in absehbarer Zeit ein mehr oder minder großer Teil der
Erwerbsbevölkerung schlicht als „überzählig“ erweisen würde, kam
– zumindest öffentlich – nicht in Betracht. Auch daß sich unter dem Einfluß
neuer Technologien ein Teil der bislang dauerhaften Arbeitsplätze in prekäre
Beschäftigungsverhältnisse verwandeln würde, war in den 1970er Jahren noch kein
Thema. Hier aber lag der Ausgangspunkt einer sozialen Frage, die sich nicht
auf die Peripherie moderner Arbeits-gesellschaften beschränkte, sondern in
deren Zentren hineinreichte. Robert Castel benannte drei Kristallisationskerne
für dieses Problem: (1.) die Destabilisierung des Stabilen; (2.) das
Sich-Einrichten in der Prekarität; 3.das Entstehen einer Schicht von
„Überzähligen“.
Das war von anderer Qualität als die
„klassische“ Erwerbslosigkeit, deren fatale Folgen u.a. in der berühmten
Marienthal-Studie beschrieben worden sind: „Losgelöst von ihrer Arbeit und ohne
Kontakt mit der Außenwelt haben die Arbeiter die materiellen und moralischen
Möglichkeiten eingebüßt, die Zeit zu verwenden. Sie, die sich nicht mehr
beeilen müssen, beginnen auch nichts mehr und gleiten allmählich ab aus einer
geregelten Existenz ins Ungebundene und Leere.“
Jetzt ging es um das Vordringen struktureller Arbeitslosigkeit in zentrale
Bereiche der industriellen Arbeitsgesellschaft und um die dauerhafte
Verdrängung in weitgehend von Sozialtransfers abhängige Unterschichten. Das
über Jahrzehnte hinweg dominierende „fordistische“ Arbeitsparadigma geriet
unter diesen Umständen in akute Bedrängnis.
Während in Ost und West das
Bestreben erkennbar war, die Beschäftigungsprobleme mit den bisher schon
praktizierten Methoden zu lösen bzw. zu steuern, fiel die katholische
Soziallehre in gewisser Weise aus dem Rahmen. Von den anderen zeitgenössischen
Reaktionen auf den Umbruch der industriellen Arbeitswelt unterschied sie sich,
indem sie die neue Qualität des heraufziehenden Beschäftigungsproblems klar
erfaßte, aber auch voreilige Festlegungen und unausgegorene Schlußfolgerungen
tunlichst vermied: Bereits im Mai 1971 reagierte der Vatikan mit dem von Papst
Paul VI. an Kardinal Maurice Roy, Präsident des Laienrates und der Päpstlichen
Kommission „Iustitia et pax“, gerichteten apostolischen Schreiben „Octogesima
adveniens“. Darin wurde der Übergang von der deduktiven Anwendung einer
„fertigen“ Soziallehre auf konkrete Situationen zur induktiven „lernenden“
Ableitung aus solchen Situationen postuliert.
Das Schreiben lenkte den Blick auf „die schweren Probleme unserer Zeit“ und auf
„bedrohliche Spannungen“ im Dasein einer „ganzen, nach ihrer Zukunft, nach Richtung
und Bedeutung der sich derzeit abspielenden Vorgänge fragenden Menschheit“.
Vor dem Hintergrund einer eben erst eingetretenen qualitativen Zäsur in der
sozialen Entwicklung der modernen Welt sprach dies für die frühzeitige
Wahrnehmung einer systemübergreifenden Problemlage.
Eine im Hinblick auf die Arbeit wesentliche Positionsbestimmung erfolgte dann
1981 mit der Enzyklika „Laborem exercens“ Johannes Paul II.
Offensichtlich trat in den 1970er
Jahren ein Wechsel der Arbeitsparadigmas ein. Im Grundsatz war das nicht neu. Der
vor ca. 12.000 Jahren im nördlichen Bereich des
„Fruchtbaren Halbmondes“ erfolgte relativ rasche Durchbruch neuer
Subsistenzstrategien im Zuge der neolithischen Revolution dürfte ein solcher
Wendepunkt gewesen sein.
Ein wachsender und seßhaft werdender Teil der Menschheit erarbeitete seither
sein Brot nicht nur im Schweiße des Angesichts, sondern auch in zunehmend
fester gefügten, funktional organisierten und sozial differenzierten Kontexten.
Das helle Vergnügen war das kaum. Im Buch Genesis der Bibel findet sich eine
Spur, die bis ins hohe Mittelalter zu verfolgen ist: Arbeit als Strafe nach dem
Sündenfall (Genesis 3, 17-18). Erst im Mittelalter, unter dem Einfluß
eines christlichen Ständekonzepts, verlor Arbeit das „Stigma der moralischen
Minderwertigkeit“.
Mit dem Bedeutungsgewinn der Stadt, die wachsende Akzeptanz des
Kaufmannsgewerbes und des Handwerks, nicht zuletzt gefördert durch die
Reformationsbewegung, wandelte sich das gesellschaftliche Verständnis der
Arbeit. „Die Geburtsstunde unserer heutigen Arbeits- und Erwerbs-mentalität ist
auf das engste mit der Entstehung dieser bürgerlichen Gesellschaft verknüpft.“
Man wird zum Vergleich den Blick auf China richten können. Das Reich der Mitte
habe sich im 14. Jahrhundert kurz („um Haaresbreite“) vor der
Industrialisierung befunden, meint Eric L. Jones.
Noch unter der Ming-Dynastie im 15. Jahrhundert richteten Kaufleute Betriebe
mit Lohnarbeitern ein. Im 16. und 17. Jahrhundert dominierten staatliche Handwerksbetriebe
und Manufakturen, die allerdings weitgehend auf Fron- und Zwangsarbeit
basierten. Gleichwohl entstanden auch private, wenngleich streng reglementierte
Privatmanufakturen, vor allem im Textilgewerbe. Unter der Mandschu-Herrschaft
im 17. und 18. Jahrhundert brachen diese Parallelen zur europäischen
Entwicklung zwar nicht völlig ab, doch zogen staatliche Kontrolle,
Gewinnabschöpfung und Selbstisolation nach außen enge Grenzen. Man kann von
einer Modernisierungsblockade sprechen.
Daher blieb für das im 18.
Jahrhundert heraufziehende Industriezeitalter vorläufig nur die europäische
Wurzel relevant. Die abhängige Erwerbsarbeit wurde für die entstehende Industriegesellschaft
konstitutiv. Hier nahm eine Entwicklung ihren
Ausgang, die Michael S. Aßländer mit Blick auf die jüngere Zeit so resümierte: „Wohl
kaum ein anderer Lebensbereich bestimmt die soziale Selbstwahrnehmung des
modernen abendländischen Menschen mehr als seine berufliche Arbeit. Neben der
Ermöglichung materieller und sozialer Chancen bildet die Berufsarbeit für den
einzelnen neben der Familie den wohl wichtigsten Bereich sozialer
Identifikation.“
Ein zentrales Element dieses Übergangs
war der Wandel des Arbeitsparadigmas. Er vollzog sich in enger Bindung an die
Veränderung des individuellen und kollektiven Zeitmanagements.
Es ist „die Maschine, die eine neue Zeit schafft“, konstatierte Thomas
Nipperdey. Zeit werde rationalisiert und gemessen. „Arbeitszeit wird etwas ganz
anderes als gelebte Zeit. […] Die arbeitsmoralische Erziehung zu Fleiß,
Pünktlichkeit (und Frühaufstehen) war davon geprägt, Unternehmer und Fabrik
haben
– gegen Widerstände und mit großen Schwierigkeiten – dieses neue Prinzip
durchgesetzt; die Arbeiter aus der alten Welt haben es übernommen. Erst danach
wurde der Kampf um die Verkürzung von Arbeitszeit oder die Bezahlung von
Überstunden möglich.“
Hier entstanden die Voraussetzungen des „fordistischen“ Jahrhunderts, das
wiederum der „dritten industriellen Revolution“ den Boden bereitete. Seither
bildete sich in der Erwerbsarbeit die Dominanz der Industriebeschäftigung
heraus. In Europa weitete sich der Industriesektor zwischen 1950 und den frühen
1970er Jahren zum größten Beschäftigungsbereich, womit, wie Hartmut Kaelble es
formulierte, der Höhepunkt der Industriegesellschaft erreicht wurde.
Der Begriff des Höhepunktes legt den
des Wendepunktes nahe oder sogar den des Bruchs, wie ihn Castel im Bild von der
„Verlaufskurve“ verwendete. Damit steht auch die Frage im Raum, ob das Signum
„1970“ für ein Ausscheren aus den Koordinaten der Industriemoderne steht. In
Theorieansätzen, wie sie mit den Begriffen der „Postmoderne“ oder auch des
„Postindustrialismus“ verbunden sind, deutet sich eine entsprechende
Perspektive an.
Unübersehbar machte sich im politischen Raum der 1970er und 1980er Jahre eine
technikkritische Strömung bemerkbar. „Die optimistischen Zukunftsvisionen
verloren ihre Attraktivität angesichts der Grenzen des Wachstums, der
limitierten Energievorräte und bedrohten Umwelt, der drohenden neuen
Epidemien, aber auch der immer weiter wachsenden Arbeitslosigkeit.“
Es scheint sich hier ein in besonderer Weise deutsches Phänomen reaktiviert zu
haben, das durchaus auch auf eine Auflösung des modernen industriellen
Arbeitsparadigmas zusteuerte. Seine Vorläufer hatte es in „romantischen“
Reaktionen auf die Industrialisierungsschübe des 19. und 20. Jahrhunderts, wie
man bei Rüdiger Safranski lernen kann. In seinem Buch „Romantik. Eine deutsche
Affäre“
spannt er einen Bogen von der Frühromantik (im Kontext der
Frühindustrialisierung) über die „völkischen Bewegungen“ und „1968“ bis hin zum
Paradigma der „Postmoderne“ und zeigt deren technik- und industriekritischen
Attitüden als Folge einer sozialen wie auch mentalen und intellektuellen
Verunsicherung durch Industrialisierung und deren gesellschaftlichen
Begleiterscheinungen. Während allerdings der frühen Romantik die Ironie zu
Gebote stand, verschob sich der industriekritische Denk- und Argumentationsstil
hin zur „ökologisch“ drapierten „Romantik“ der Gegenwart, die über zahlreiche
Querverbindungen mit „German ‚Angst’“ in Beziehung zu stehen scheint. Die
Konsequenzen für das Arbeitsparadigma waren erheblich, stellten sie doch das
industriell geprägte Arbeitsethos in Frage.
Allerdings, wird man daraus nicht ohne weiteres auf das Ende der Industrie und
der Industriearbeit schließen dürfen, sagt doch Safranskis These nicht mehr,
als daß solche „romantischen“ Konjunkturen als Resonanzen eines jeweils neuen
industriellen Modernisierungsschubes zu verstehen sind.
Wie aber steht es nach „1979“ um die
an die Existenz der Industrie gebundene Erwerbsarbeit? Ohne Zweifel zeigte sich
seither in den OECD-Ländern eine Tendenz zum Abbau von Industriearbeitsplätzen.
Mitte der 1990er Jahre proklamierte der in den USA wirkende Ökonom Jeremy
Rifkin das Ende der Arbeit.
Eine gewisse Ähnlichkeit mit Francis Fukuyamas Postulat vom Ende der Geschichte
liegt auf der Hand, womit die globale Durchsetzung des liberalen
Gesellschaftsmodells des Westens nach dem Ende des Kommunismus gemeint war.
Wenn der Kommunismus als etatistischer Gegenspieler des Kapitalismus verschwinden
konnte, so die naheliegende Schlußfolgerung, würde das Ende der Arbeit nun auch
den sozialen Kontrahenten, die Arbeiterschaft, aus dem Rennen werfen. Hinter
dem Argument wetterleuchtete noch etwas Klassenkampf.
Der Vorstellung vom Ende der Arbeit
geht eine von der großen Arbeitsverweigerung voraus. Klassisch hat Georg
Herwegh 1863 im Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV)
die Idee auf den Punkt gebracht: „Mann der Arbeit aufgewacht! Und erkenne deine
Macht! Alle Räder stehen still. Wenn dein starker Arm es will“. Den
Zeitgenossen des Maschinenzeitalters erschien das einleuchtend. Rifkin setzte
hierzu einen radikalen Kontrapunkt. Seiner Meinung nach hat der „starke Arm“
ausgedient: „Jetzt geht es um Maschinen, die mit Maschinen reden. Der Mensch
wird überflüssig.“
Diese beiden Sequenzen, nimmt man sie beim Nennwert, flankieren einen Zeitraum,
der im Zeichen einer raschen Industrialisierung vor allem Europas,
Nordamerikas und Japans stand. Näher betrachtet, lagen und liegen die Dinge
aber doch nicht so einfach, wie die beiden Zitate suggerieren. So ließe sich
Herweghs griffiger Formel entgegenhalten, daß sich ganze Betriebsbelegschaften
oder gar die Arbeiterschaft überhaupt nur selten in ihrer Gesamtheit zur
Arbeitsniederlegung bewegen ließen, und außerdem war die Geschichte der
Arbeitskämpfe meist auch begleitet von Versuchen des Streikbruchs.
Szenen dieser Art fanden bald Niederschlag in der Literatur, etwa in Bernhard
Kellermanns 1913 erschienenem Roman „Der Tunnel“, in dem nach einer
Explosionskatastrophe beim Bau eines transatlantischen Tunnels Ingenieure die
Räder am Laufen hielten, während die Arbeiter streikten.
Aber auch der Notbetrieb der Deutschen Bahn während des Streiks von 2007 folgte
einem solchen Muster. Die Konsequenz lautet: Der starke Arm ist ersetzbar, und
zwar nicht in erster Linie durch die „Ingenieure“, sonder durch automatisierte
Produktions- und digitalisierte Informationstechniken, aber auch durch
billigere Arbeitskräfte anderswo.
Rifkins Interpretation hingegen ist
der Umstand entgegenzuhalten, daß die Zahl der Industriearbeitsplätze zwar in
einigen „alten“ Industrieländern rückläufig wurde, in anderen Ländern aber auch
nach Beginn des 21. Jahrhunderts weiter zunahm. Das spräche für eine globale
Dynamik der Industriearbeit, die sich in regionalen Zentren und in deren
tektonischen Verschiebungen manifestiert. Vor diesem Hintergrund wäre die Industrialisierung
Europas zwar als eine zentrale Komponente des Industriezeitalters, nicht aber
als dessen ultima ratio wahrzunehmen.
Die industriegeschichtliche Tektonik
rückte inzwischen demographische Schwergewichte ins Zentrum des Geschehens: Brasilien
mit rund 200 Mio. Einwohnern, China mit 1,3 Mrd., Indien mit 1,1 Mrd. und
Rußland mit 140 Mio. Sie sind dabei, den „alten“ Industrieländern Europas und
den USA den Rang abgelaufen – und zwar nach deren eigenem Industrialisierungsmodell.
So hatten sie entscheidenden Anteil am weiteren Anstieg der
Industrieproduktion. Setzt man den Index der industriellen Produktion für 1995
= 100, so standen im Jahr 2004 die USA bei 129,2, die Russische Föderation bei
130,5, Indien bei 165,6. China erreichte jeweils gegenüber dem Vorjahr (=100)
112,7 im Jahr 2002, 116,7 im Jahr 2003 und 116,3 im Jahr 2004. Deutschland lag
bei 103,4, während seine östlichen Nachbarn Polen auf 179,1 und die
Tschechische Republik auf 141,0 verweisen konnten.
Gewiß wird man die unterschiedlichen Ausgangsniveaus zu beachten haben, doch
bot etwa die Sowjetunion im 20. Jahrhundert ein Beispiel, wie schnell sich die
Relationen verändern konnten. Das gilt auch dann, wenn die hohen Kosten des
sowjetischen Hyperindustrialismus für Mensch und Natur in Rechnung gestellt
werden.
Als Indikatoren dieser industriellen
Schwerpunktverlagerungen sind auch andere Daten zu verstehen. Nach Angaben der
Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verteilten sich die jährlichen
Wachstumsraten bei der Arbeitsproduktivität, den Arbeitskräften und beim BIP
zwischen 1993 und 2003 wie folgt:
Tabelle 2
Arbeitsmarkt
und ökonomische Indikatoren (Welt und Regionen, ausgewählte Jahre, Prozent)
|
|
Beschäftigungsquote
|
Zunahme
der Arbeitsproduk-tivität 1993-2003 in %
|
Jährliche
Zunahme der Arbeitsproduk-tivität in %
|
Jährliche
Zunahme der Arbeitskräfte in %
|
Jährliche
Zunahme des GDP (gross domestic product = BIP) in %
|
|
|
1993
|
2003
|
1993-2003
|
|
Welt
|
63,3
|
62,5
|
10,9
|
1,0
|
1,8
|
3,5
|
|
Lateinamerika
und Karibik
|
59,3
|
59,3
|
1,2
|
0,1
|
2,3
|
2,6
|
|
Ostasien
|
78,1
|
76,6
|
75,0
|
5,8
|
1,3
|
8,3
|
|
Südostasien
|
68,0
|
67,1,
|
21,6
|
2,0
|
2,4
|
4,4
|
|
Südasien
|
57,0
|
57,0
|
37,9
|
3,3
|
2,3
|
5,5
|
|
Mittlerer
Osten und Nordafrika
|
45,4
|
46,4
|
0,9
|
0,1
|
3,3
|
3,5
|
|
Subsaharisches
Afrika
|
65,6
|
66,0
|
-1,5
|
-0,2
|
2,8
|
2,9
|
|
Transitionsökonomien
|
58,8
|
53,5
|
25,4
|
2,3
|
-0,1
|
0,2
|
|
Industrialisierte
Ökonomien
|
55,4
|
56,1
|
14,9
|
1,4
|
0,8
|
2,5
|
Quelle:
ILO (Hg.): World Employment Report 2004-2005: Employment, productivity and
poverty reduction, S. 27, 07.12.2004 [www.ilo.org/public/English/employment].
Die in Asien deutlich steigende
Arbeitsproduktivität sowie die hohen Zuwächse des GDP sprechen für einen
fortdauernden Industrialisierungsprozeß. Das Bild wird deutlicher, wenn man die
Daten des Gross domestic product (GDP) aus dem Jahr 2008, den Gini-Index und
den Human Developement Index (HDI) der neu industrialisierten Länder (Newly
Industrialized Countries, NIC) vergleicht. Hier fallen besonders
China und Indien mit sehr hohen Wachstumsraten des GDP auf.
Tabelle 3
GDP (gross
domestic product = BIP), Gini-Index, HDI und reale Wachstumsraten der neu
industrialisierten Länder (Industrieländer (Newly Industrialized Countries,
NIC)
|
Kontinent
|
Land
|
GDP * (Mio. USD,
2008 IMF)
|
GDP pro Kopf
(USD,
2008 IMF)
|
GDP
pro Kopf *
(USD,
2008 IMF)
|
Einkom-mensver-teilung (Gini) (2006)
|
Human Development Index (HDI, 2007)
|
Länder nach GDP (reale Wachstumsrate)
|
Länder nach GDP (reale
Wachstumsrate pro Kopf)
|
|
Afrika
|
Südafrika
|
495.990
|
6.170
|
10.187
|
57,8
|
0.674
(mittel)
|
4.50
|
4.92
|
|
Nord- Amerika
|
Mexiko
|
1.550.257
|
10.747
|
14.582
|
47,3
|
0.829
(hoch)
|
3.00
|
3.30
|
|
Süd- Amerika
|
Brasilien
|
1.975.904
|
8.676
|
10.298
|
54
|
0.800
(hoch)
|
5.40
|
4
|
|
Asien
|
China
|
7.890.277
|
3.180
|
5.943
|
44,7
|
0.777
(mittel)
|
11.10
|
9.95
|
|
|
Indien
|
3.305.435
|
1.043
|
2.787
|
32,5
|
0.619
(mittel)
|
9.70
|
7.02
|
|
|
Malaysia
|
388.313
|
7.866
|
14.225
|
49,2
|
0.811
(hoch)
|
5.40
|
3.65
|
|
|
Philippinen
|
319.773
|
1.108
|
3.539
|
44,5
|
0.771
(mittel)
|
7.50
|
7.40
|
|
|
Thailand
|
556.410
|
4.099
|
8.380
|
42
|
0.781
(mittel)
|
4.40
|
3.93
|
|
Eurasien
|
Türkei
|
937.143
|
11.463
|
13.447
|
38
|
0.775
(mittel)
|
5.20
|
4.10
|
*
Kaufkraftparität.
Quelle:
Newly
Industrialized Countries, in: www.en.wikipedia.org.
Die hohen Wachstumsraten erklären
sich nicht allein aus Produktivitätszuwächsen, wie aus einem Vergleich der beiden
vorstehenden Tabellen zu erkennen ist. Sie werden zu einem beträchtlichen Teil
durch eine Zunahme des Arbeitskräftepotentials getragen. So teilt Castells für
die Beschäftigung in der Fertigung einige Zahlenreihen mit, die ziemlich klar für
eine Ausweitung der Industrie-beschäftigung und für deren geographische
Schwerpunktverlagerung sprechen. Diese Daten sind hier in einer etwas
vereinfachten Übersicht und gerundet wiedergegeben:
Tabelle 4
Beschäftigung
in der Fertigung in wichtigen Ländern und Regionen 1970-1997 (in Mio.)
|
Jahr
|
USA
|
EU
|
Japan
|
Brasilien
|
Mexiko
|
China
|
Indien
|
Südkorea
|
|
1970
|
19,4
|
38,4
|
-
|
2,5
|
-
|
-
|
4,6
|
0,9
|
|
1975
|
18,3
|
36,6
|
13,4
|
4,0
|
-
|
42,8
|
5,1
|
2,7
|
|
1980
|
20,3
|
35,2
|
13,7
|
7,4
|
2,6
|
67,1
|
5,9
|
3,0
|
|
1985
|
19,2
|
30,7
|
14,5
|
7,9
|
-
|
83,5
|
6,2
|
3,5
|
|
1990
|
19,1
|
30,2
|
15,1
|
9,4
|
4,5
|
97,0
|
6,1
|
4,9
|
|
1995
|
18,5
|
28,0
|
14,6
|
8,5
|
4,9
|
98,0
|
6,8
|
4,8
|
|
1997
|
18,7
|
29,9
|
14,4
|
8,4
|
6,1
|
96,1
|
-
|
4,5
|
Quelle:
Manuel Castells: Das Informationszeitalter. Teil 1: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft,
Opladen 2004, S. 349.
In den Jahren um 1990 beschäftigte
die Industrie in Europa noch 36% der Erwerbstätigen, in Japan 34% und in den
USA 26%.
Diese Anteile sind seither weiter zurückgegangen. So werden für 2007 folgende
Anteile der im produzierenden Gewerbe Beschäftigten an den Erwerbstätigen
insgesamt mitgeteilt: Deutschland 29,8%; Frankreich 23,2%; Italien 30,2%; Polen
30,7%; Spanien 29,3%; Ungarn 22,0%; Vereinigtes Königreich 22,5%; Türkei 32,7%;
Brasilien 22,9%; Mexiko 29,3%; Japan 32,1%.
Der Rückgang wird allerdings durch die steigende Zahl der Erwerbstätigen (vgl.
Tab. 2) und durch einen wachsenden Anteil industrienaher Dienstleistungen sowie
oft durch „Outsourcing“ verlagerte Produktionen in Niedriglohngebiete relativiert.
Dieser Prozeß hat einen beträchtlichen Umfang angenommen. Er setzte in größerem
Maßstab in den 1960er Jahren bei Industrieunternehmen ein, die ihre Produktion
an Auftragsfertiger auslagerten und damit die Wertschöpfungstiefe verringerten.
Das begann mit technologisch weniger anspruchsvollen Erzeugnissen, Textilien etwa,
und setzte sich bei komplizierteren Produkten fort, deren Herstellung von
„Fertigungsdienstleistern“ übernommen wird.
Offenkundig hat man es im globalen Kontext
und bei unterschiedlichen ordnungspolitischen Rahmenbedingungen mit einer
weiteren absoluten Zunahme der Industriearbeitsplätze und mit einem relativ
stabilen Anteil des sekundären Wirtschaftssektors zu tun.
Das belegen auch andere, geradezu klassische Industrialisierungsindikatoren wie
die Kohle- und Ölförderung, Elektroenergie-, Eisen- und Stahlerzeugung. Einige
Beispiele mögen verdeutlichen, daß man nicht aus der Schrumpfung einiger alter
Industriestandorte auf einen allgemeinen Rückgang der industriellen Leistung schließen
sollte:
Die Weltförderung an Braunkohle
stieg von 890 Mio. t 1980 auf 1.166 Mio. t 1989, um 10 Jahre später auf 840
Mio. t abzusinken, was maßgeblich von der Schrumpfung des ostdeutschen
Braunkohlebergbaus beeinflußt wurde. Im Jahr 2005 erreichte die Weltförderung
bereits wieder 909 Mio. t, bei derzeit verfügbaren Reserven von 283.184 Mio. t.
Eindeutiger stellt sich die Entwicklung der Steinkohleförderung dar: Sie stieg
von 2.909 Mio. t 1980 mit einigen Schwankungen in den 1990er Jahren auf 4.978
Mio. t 2005. Die zu dieser Zeit förderungswürdigen Reserven beliefen sich auf 736.112
Mio. t.
Allein zwischen 1990 und 2003 hat
sich der Energieverbrauch der OECD-Staaten von 197,4 auf 234,3 Quadrillionen
Btu (British thermal unit; 1 Btu = 252 cal = 1055 J) erhöht (OECD
Nordamerika von 100,8 auf 118,3, OECD Europa von 69,9 auf 78,9, OECD Asien von
26,7 auf 37,1), unter den Nicht-OECD-Staaten stechen China (von 27,0 auf 45,5)
und Indien (von 8,0 auf 14,0) hervor. Rußland machte mit negativem Trend eine
Ausnahme (von 39,0 auf 29,1).
Die Weltproduktion an Stahl lag
1960, also noch zur Zeit des Nachkriegsbooms, bei 346 Mio. t, 1970 bereits bei
595 Mio. t, 1980 bei 716 Mio. t, 1990 bei 771 Mio. t und 2007 bei 1.344 Mio. t.
Die bedeutendsten Herstellerländer sind China, Japan und die USA, gefolgt von
Rußland, Deutschland und der Ukraine.
Im globalen Maßstab ist von einem
Rückgang der Industrieproduktion oder gar von einem Niedergang der Industrien,
nicht einmal der „alten“, wenig zu erkennen. Vor dem Hintergrund des Wachstums
der Weltbevölkerung überrascht das nicht. Manuel Castells kommentierte
sarkastisch, als „die Analysten in den 1980er Jahren die De-Industrialisierung
Amerikas oder Europas verkündeten, übersahen sie einfach, was im Rest der Welt
passierte.“
Auch die sogenannte Tertiärisierung,
die Ausweitung des Dienstleistungssektors gegenüber Industrie und
Landwirtschaft, erweist sich als gar nicht so eindeutig.
Im Hinblick auf die USA machten Stephen Cohen und John Zysman auf einen hohen
Anteil der Dienstleistungen aufmerksam, der unmittelbar mit der Industrie
verbunden blieb, und sie erklärten die Existenz einer postindustriellen
Ökonomie schlichtweg zu einem Mythos.
Wie dieser Mythos zustande kam, wer
ihn lancierte und welche Interessen dabei im Hintergrund wirkten, steht auf
einem anderen Blatt. Hier öffnet sich ein Forschungsfeld, in dessen Zentrum das
Entstehen, die Rekrutierung und Finanzierung sowie das Agieren technikkritischer
Politikströmungen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts stehen. Zu fragen ist
auch, welche Folgen daraus für das Arbeitsparadigma und das von ihm geprägte
Wertesystem der Industriemoderne erwuchsen. Festzuhalten bleibt in jedem Fall
der Zusammenhang mit einem neuen Technologieschub des
Industrialisierungsprozesses, der in der Zeit um 1970 seine Wirkung zu
entfalten begann.
Ein weiterer Gesichtspunkt betrifft
die Geschichte der Arbeit unmittelbar. Der übliche und legitime Ansatz, die
Entwicklung der Arbeit als sozialen, technischen, ökonomischen und kulturellen
Prozeß von den europäischen und nordamerikanischen Industriezentren her zu
betrachten und, was nicht einmal selbstverständlich ist, dann die industrielle
Evolution oder Revolution in anderen Teilen der Welt vergleichend zu
betrachten, vernachlässigt die „Temporalität“ der nordatlantischen Kernregion
der Industriegeschichte.
Es bleibt dabei weitgehend außer Betracht, was es mit den oben genannten
Indikatoren eines andauernden industriellen Wachstums auf sich hat. So wären
etwa empirische Befunde zur Arbeit, vor allem zur industriellen Erwerbsarbeit
in Afrika, Lateinamerika und Asien genauer zu prüfen. Man findet hier zum
Beispiel Lohnformen, deren Wurzeln nicht im industriellen Kapitalismus liegen,
die aber für die Verlagerung von Industriearbeitsplätzen überaus relevant sind.
Auch das gehört zur „Globalisierungsgeschichte der Arbeit“.
Man wird im Urteil darüber, was in Deutschland oder Europa geschieht, nicht
ohne diese erweiterte Perspektive auskommen. Es ergibt zum Beispiel ein
schiefes Bild, die Demontage einer erst 1992 im Ruhrgebiet in Betrieb
genommenen Kokerei als Zeichen für das Ende der Industriearbeit und für den
Beginn einer postmodernen Zeit zu nehmen, wenn man dabei außer acht läßt, daß diese
Kokereianlagen 2004, sorgfältig zerlegt und in Kisten verpackt, via Rotterdam nach
China verschifft, dort wieder aufgebaut wurden.
Das Gegenstück der in Dortmund entstandenen Industriebrache findet sich jetzt nahe
der Stadt Zaozhuang im Nordosten Chinas. Die ehemalige Kokerei „Kaiserstuhl“,
eine der modernsten der Welt, produziert dort seit 2006. In Dortmund hat man 2007
die beiden noch stehenden 165-m-Schornsteine gesprengt, einen davon so
unglücklich, daß er auf die bislang erhaltenen Kokereigebäude stürzte.
Aber dies war wohl eher ein Symbol für die Wandlung, nicht für das Ende der
industriellen Welt.