Rüdiger
Hachtmann
Vom „Geist der Volksgemeinschaft durchpulst“– Arbeit,
Arbeiter und die Sprachpolitik der Nationalsozialisten
Ein Themenschwerpunkt auf
Zeitgeschichte-online
Am
13. Mai 1939, also ein gutes Vierteljahr vor Beginn des Zweiten Weltkrieges,
ließ Robert Ley, Reichsorganisationsleiter der NSDAP und Chef der
Massenorganisation Deutsche Arbeitsfront, unter dem Titel „Nachlese und Bilanz
vom 1. Mai 1939“, der nationalsozialistischen Tageszeitung „Der Angriff“ einen
Leitartikel publizieren. In diesem Artikel heißt es u.a.: „Die große Erkenntnis
des Nationalsozialismus vom Adel der Arbeit hat sich von Jahr zu Jahr seit der
Machtübernahme immer tiefer in die Werkstätten, Bauernhöfe, Fabriken und
Kontore und in die Menschen, die dort arbeiten, [...] eingegraben. [...] Wir
Schaffenden huldigen der Arbeit, die unsere Leistung begründet, als dem
Ausdruck unserer Ehre. [...] Wir sind Arbeitsfanatiker. Wir erklären, daß die
Arbeit dem Menschen nicht schadet, solange der Geist der Volksgemeinschaft die
Arbeit durchpulst und durchflutet“ - einer „Volksgemeinschaft“, die das gesamte
„Volk“ und die ganze „Rasse“ umfaßte, für die „alles Gerede von den bayerischen
Belangen [oder] von der österreichischen Gemütlichkeit [...] nichts als leeres
Geschwätz voll Heuchelei und Betrug bedeutet.“ Zwei Jahre später, am 1. Mai
1941, wenige Wochen vor dem Angriff auf die Sowjetunion, machte derselbe Robert
Ley in derselben Zeitung noch deutlicher, worauf diese nur scheinbare
Nobilitierung der Arbeit hinauslaufen sollte:
„Arbeit ist für uns Nationalsozialisten nicht nur ein wirtschaftlicher Begriff,
sondern eine zutiefst weltanschauliche These. Arbeit ist Ausdruck des
Lebenskampfes [...] Der Krieg steht nicht im Gegensatz zum Frieden, sondern er
ist uns die letzte, höchste und edelste Ausdrucksweise des Lebenskampfes.“ Arbeiten
und Krieg, als der höchste Ausdruck sozialdarwinistischen Lebenskampfes, waren
nach nationalsozialistischer Lesart also zwei Seiten derselben Medaille. Ley
weiter: „Der Soldat war in allem unser Vorbild [...]. So war es ganz klar, daß
auch der deutsche Arbeiter in seinem alltäglichen Leben, in der Fabrik, am
Arbeitsplatz, immer mehr in das soldatische Denken und Empfinden unseres Volkes
hineinwuchs. [...] Wir [haben] die soldatischen Tugenden, die in unserer Rasse
und in unserem Volk vorhanden sind, auch für die Organisation unseres
Arbeitslebens eingesetzt. Wecke im Deutschen den Soldat[en], und du wirst immer
die höchste Leistung und den größten Erfolg aus ihm herausholen können!“ Der
Prototyp des Arbeiters, wie ihn sich die Nationalsozialisten wünschten, war der
„Frontarbeiter“, der mit der Errichtung militärischer Anlagen befaßt war und
unmittelbar militärischer Befehlsgewalt unterstand. „Er [der Frontarbeiter]
ist die sichtbare Synthese zwischen Arbeiter und Soldat und damit auch
sichtbarer Ausdruck unseres neuen, revolutionären deutschen Arbeitertums! [...]
Der Frontarbeiter ist zum Vorbild für das zukünftige deutsche Arbeitertum
insgesamt geworden.
Bereits
auf den ersten Blick geht vor allem zweierlei aus den Zitate hervor, die
Artikeln Leys zum „Nationalen Feiertag der Arbeit“ der Jahre 1939 und 1941
entnommen wurden. Erstens: Arbeit und „Volksgemeinschaft“ gehören in
nationalsozialistischer Perspektive auf das Engste zusammen. Darüber hinaus
bringt das zweite Zitat unverblümt zum Ausdruck, daß die Nationalsozialisten
‚Arbeit und Kampf‘ und ‚Arbeit und Krieg‘ zusammendachten.
Nun
könnte man einwenden, Ley habe das 1939 und 1941 gesagt, als der Krieg
unmittelbar bevorstand bzw. schon längst geführt wurde. Man könnte vermuten,
daß dahinter kurzfristige, taktisch-psychologisch motivierte
Mobilisierungsabsichten standen. Das allerdings wäre kurzschlüssig. Denn
derselbe Robert Ley hat den Begriff „Soldaten der Arbeit“ bereits 1937/38
geprägt, als Titel eines Buches, das in hoher Auflage erschien und Reden
enthielt, die Ley in den ersten Jahren nach der Machtergreifung hielt. Zurück
geht das Schlagwort von den „Soldaten der Arbeit“ zwar auf eine beiläufige
Bemerkung Hitlers in einem Aufruf vom 4. Mai 1933.
Popularisiert wurden die „Soldaten der Arbeit“ jedoch erst durch das
gleichnamige Buch Leys, in dem die Unternehmer terminologisch zu „Offizieren
der Wirtschaft“ und die Arbeitnehmer zu einfachen „Soldaten der Arbeit“ mutierten.
Soldat und Arbeiter wurden sprachlich unmittelbar verklammert. Deutlich wird
dies auch z.B. in den Passagen des Buches, in denen Ley fünf Jahre nach der
Machtübernahme von „dem Soldaten“ als „dem schönsten Vorbild“ der Betriebs- und
Volksgemeinschaft fabulierte und das „soldatische Empfinden“ und die „soldatische
Gemeinschaft“ in den höchsten Tönen pries.
Daß
hier Zitate vom bellizistischen „Arbeitsfanatiker“ Robert Ley ausgewählt
wurden, war nicht zufällig. Ley war seit Mitte der zwanziger Jahre einer der
engsten Paladine Hitlers, der ihm bis zum bitteren Ende 1945 die Treue hielte.
In der Nachfolge Gregor Strassers ernannte Hitler Ley im November 1932 zum
„Stabsleiter der Obersten Parteiorganisation“ bzw. „Reichsorganisationsleiter“
der NSDAP; damit stieg er zum Rivalen zunächst von Rudolf Heß und später Martin
Bormann auf.
Wichtiger
als das Amt des Reichsorganisationsleiters war Leys Funktion als Führer der
Deutschen Arbeitsfront (kurz: DAF), einer riesigen Organisation, die
unmittelbar nach der Zerschlagung der Gewerkschaften auf den Trümmern der
Arbeitnehmerorganisationen als (zugespitzt formuliert) volkspädagogische
Vorfeldorganisation der NSDAP errichtet wurde. Entgegen manchem immer noch
kolportierten Vorurteil besaß die DAF keine gewerkschaftsähnlichen Züge. Sie
sollte vielmehr die autoritär-patriarchale Integration der deutschen Arbeiterschaft
in das NS-System in die Wege leiten – einer Arbeiterschaft, die bis 1933 als
soziale Großgruppe der wohl entschiedenste Gegner der Hitler-Bewegung gewesen
war, gleichgültig ob sozialdemokratisch, kommunistisch oder christlich
orientiert.
Als Leiter dieser Arbeitsfront war es vor allem Robert Ley, der innerhalb der
NS-Führungsriege für unser Thema, den Arbeitsbegriff und die „Arbeiter der
Stirn und der Faust“, zuständig war. Die Tageszeitung „Der Angriff“ wiederum,
der die Zitate entnommen sind, wurde nominell von Joseph Goebbels
herausgegeben. Tatsächlich war sie im Besitz der Arbeitsfront, das Sprachrohr
dieser Massenorganisation und mit einer Auflagen von 150.000 (1939) nach dem
„Völkischen Beobachter“ die auflagenstärkste nationalsozialistische Tageszeitung,
mithin in erheblichem Maße politisch mentalitätsprägend.
Ley
war der Lautsprecher des „Führers“. Hitler seinerseits bezeichnete Ley nicht
grundlos als „meinen Idealisten“. Tatsächlich äußerte in seinen Artikeln über
den 1. Mai 1939 und 1941 Ley keine Privatmeinung. Der Chef der Arbeitsfront
elaborierte lediglich, was „der Führer“ schon vorher geäußert oder zu Papier
gebracht hatte, beispielsweise die enge Verknüpfung von Arbeitsbegriff und
„Volksgemeinschaft“. So erklärte Hitler in „Mein Kampf“ etwa, daß der Arbeiter
durch seine Arbeit „mit Fleiß und Redlichkeit der Volksgemeinschaft [nur]
zurückerstatte, was sie ihm selbst gegeben hat.“ Jeder deutsche Mensch müsse,
so Hitler in einer Passage über den „ideellen Wert“ der Arbeit, „die Kräfte, welche
die Natur ihm gab und die Volksgemeinschaft zur ausbildung brachte, dem Dienste
seine Volkstums widmen“.
Als Individuum war der Arbeiter nichts; nur als Glied der „Volksgemeinschaft“
besaß er Wert. Auch für die rassistische und bellizistisch-sozialdarwinistische
Aufladung des Arbeitsbegriffs konnte Ley nicht das Urheberrecht beanspruchen,
auch in dieser Hinsicht besaß der „Führer“ das Copyright.
Die
folgenden Ausführungen kreisen um die Umwertung des Arbeitsbegriffs
durch die Nationalsozialisten – und zwar sowohl während der zwölf Jahre der
NS-Herrschaft als auch bereits während der 15 Jahre der Weimarer Republik, als
die später führenden Nationalsozialisten ihren Arbeitsbegriff zu entwickeln
begannen. Es geht um die rassistische Aufladung des Arbeitsbegriffs und um den
Arbeitsbegriff als Instrument der Inklusion wie Exklusion. Zudem wird deutlich,
daß entgegen mancher Auffassung auch unter Historikern die Arbeit und der
Arbeitsbegriff trotz inflationärer Verwendung während der NS-Herrschaft keine
Aufwertung erfuhr.
Im
ersten Teil der folgenden Ausführungen steht der Terminus „Arbeit“ im
Mittelpunkt, und mit ihm der Begriff „Arbeiter“, genauer: die während des
„Dritten Reiches“ inflationär gebrauchten Wortschöpfungen „Arbeiter der Faust“
und Arbeiter der Stirn“. Es werden Lexika und Wörterbücher aufgeschlagen, um
nachzuschauen, was dort zu diesen Begriffen zu lesen haben, um so die
NS-spezifischen Konnotationen des Arbeits- und des Arbeiterbegriffs genauer
herausarbeiten zu können. Im zweiten Teil wird die sprachliche Sphäre mit der
harten sozialpolitischen Praxis der Hitler-Diktatur konfrontiert – und zwar mit
den sozialen Verhältnissen der Arbeiterschaft, als dem Kern der „Arbeiter der
Faust“. Anschließend werden knappe Schlaglichter auf die „Arbeiter der Stirn“
gesetzt, indem der Fokus auf eine zeitgenössische Elite dieser „Arbeiter der
Stirn“ gerichtet wird, auf eine Art ‚wissenschaftlichen Hochadel‘ im
Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auf die Direktoren und
wissenschaftlichen Mitarbeiter der Kaiser-Willhelm-Gesellschaft (KWG), dem
Forschungsverbund der reichsdeutschen Spitzenforschung, der 1945 auch
international eine einzigartige Stellung besaß, und die Vorgängerinstitution
der heutigen Max-Planck-Gesellschaft (MPG) gewesen ist.
I. Sprache und
Begriffe
„Arbeiter
der Faust“ und „Arbeiter der Stirn“ - die Suche nach dem Ursprung
Der
erste Griff, den man macht, wenn man die Bedeutung und die Herkunft eines
Wortes genauer klären will, ist der zum Grimm’schen Wörterbuch, buchstäblich
ein Jahrhundertwerk, 1854 begonnen und erst 1954, mit Band 32, abgeschlossen.
Unsere zentralen Begriffe „Arbeit“ und „Arbeiter“ werden gleich im ersten Band
erläutert, den die Gebrüder Grimm noch selbst besorgt haben. „Arbeit“ sei
(heißt es dort) „ein uraltes, viel merkwürdige seiten darbietendes wort“.
Im selben Band, fünf Seiten später, findet sich unter dem Stichwort „Arbeiter“
folgender Eintrag der Gebrüder Grimm: „Unter den arbeitern, der arbeitenden
classe denkt man sich vorzugsweise handarbeiter, im haus, im felde, in den
fabriken“.
Im Kontext der Grimm’schen Darlegungen zum Arbeitsbegriff finden sich außerdem
verwandte, davon abgeleitete Begriffe wie „kopfarbeit, geistige arbeit, bücherarbeit,
gelehrte arbeiten“. Die von den Nationalsozialisten inflationär gebrauchten
Termini „Arbeiter der Faust“ und „Arbeiter der Stirn“ sucht man dagegen sowohl
im Deutschen Wörtenbuch der Gebrüder Grimm als auch in anderen Wörterbüchern
des 19. Jahrhunderts vergeblich. Wann und wo aber tauchen die Begriffe
„Arbeiter der Stirn und Arbeiter der Faust“ das erste Mal auf?
Der
nächste Griff in die Lexika, diesmal in die zeitgenössischen Lexika des
„Dritten Reiches“. Im Ergänzungsband des Großen Brockhaus aus dem Jahre 1935
wird unfreiwillig lakonisch notiert: „Die nationalsozialistische Sozialpolitik
ist darauf gerichtet, den A[rbeiter] als ‚sozialen Gegenspieler‘ im Sinne der
Klassenkampfideen des Marxismus zu beseitigen, ihn in den Stand zu erheben,
d.h. ihn zum vollwertigen Mitglied der Volksgemeinschaft zu machen, den
‚Arbeiter der Stirn‘ ebenso wie den ‚Arbeiter der Faust‘. [...] Der für die
nationalsozialistische Weltanschauung entscheidende Begriff der Ehre [soll]
auch das Arbeitsleben fruchtbar gestalten und dem A[rbeiter] diejenige Achtung
sichern, die ihm bei der Erfüllung seiner Pflichten im Betrieb zusteht.“
Der
Begriff „Arbeit“ wiederum, heißt es im Großen Brockhaus ähnlich wie in den
eingangs zitierten Sätzen Leys, sei „nach nationalsozialistischer Auffassung
jede im Dienste an der Volksgemeinschaft stehende Betätigung körperl[icher] und
geistiger Kräfte als [ein] alle Volksgenossen zur Leistungsgemeinschaft
verbindendes Schaffen.“
Auch im „Volksbrockhaus“ von 1939 wird im Eintrag „Arbeit“ bzw. „Arbeiter“ der
„Nutzen von Volk und Staat“ als zentrales Element des Begriffes hervorgehoben.
„Arbeit“ und „Arbeiter“ haben also, so wird hier deutlich, mit
„Volksgemeinschaft, mit „Pflicht“ und deutscher „Ehre“ zu tun. Marxistische
Konnotationen der Begriffe „Arbeit“ und „Arbeiter“ sollen – das ist gleichfalls
unmißverständlich - verschwinden. Der inflationären Verwendung der Schlagworte
„Arbeiter der Stirn und der Faust“ liegt die Absicht zugrunde, die
klassisch-marxistischen und ebenso die klassisch-nationalökonomischen
Bedeutungsinhalte der Begriffe „Arbeit“ und „Arbeiter“ zu tilgen. Hier sind die
NS-Lexika eindeutig.
Zu
den Wortwurzeln, zur Entstehungsgeschichte der Begriffe „Arbeiter der Faust“
und „Arbeiter der Stirn“ finden sich jedoch weder in diesen noch in anderen
Lexika Angaben. Also weiter gesucht. In der 29. Auflage des so genannten
Büchmann/Rust, Obertitel: „Geflügelte Worte“, Untertitel: „Zitatenschatz des
deutschen Volkes“, aus dem Jahre 1942 wird man schließlich fündig. Dort heißt
es: „Der von Hitler geprägte Ausdruck „Arbeiter der Faust und der Stirn“ findet
sich gedruckt zuerst im Völk[ischen] Beob[achter] vom 5. Juni 1921.“
Er ist also offensichtlich eine genuine Erfindung der Nationalsozialisten und
ihres Führers, und fand bereits kurze Zeit nach Umbenennung der Münchner DAP in
NSDAP - und noch einen Monat, bevor Hitler offiziell zum Vorsitzenden der NSDAP
gekürt wurde - Eingang in den Sprachhaushalt dieser Bewegung.
Schaut
man in späteren Hitler-Reden nach, stellt man fest, dass beide Begriffe
allmählich zur stehenden Redewendung werden. In einem Agitationsvortrag vom 24.
April 1923 beispielsweise, ein halbes Jahr vor dem Putschversuch in München,
erklärte der Führer der NS-Bewegung: „Der Arbeiter der Stirn und der Faust
[...] gehören zusammen, und aus diesen beiden muß sich ein neuer Mensch
herauskristallisieren – der Mensch des kommenden Deutschen Reiches.“
Die Reihe mit Zitaten, in denen die Worte „Arbeiter der Stirn und der Faust“
auftauchen, ließe sich fortsetzen.
Sprachpolitik gegen die Linke
Für
die Schöpfung sowie die inflationäre Verwendung der beiden Schlagworte
„Arbeiter der Stirn“ und „Arbeiter der Faust“ ist von Bedeutung, daß beide
Begriffe von der politischen Linken nicht benutzt. Die Klassiker des Marxismus
und ebenso übrigens die Nationalökonomen und die meisten Kathedersozialisten
des 19. Jahrhunderts sowie die spätere internationale
sozialistisch-kommunistische Bewegung bevorzugte die Termini „Hand-“ und
„Kopfarbeiter“ oder „Hand-“ und „Kopfarbeit“. Indem die Nationalsozialisten die
Begriffe „Kopf-“ und „Handarbeiter“ nicht oder nur selten und ungern verwandten
und statt ihrer die Schlagworte „Arbeiter der Stirn“ und „Arbeiter der Faust“
benutzten, betrieben sie eine kalkulierte Sprachpolitik. Sie zerschlugen nicht
nur die Organisationen der Arbeiterbewegung, auf eine bis dahin unbekannt
brutale Art und Weise. Die NS-Propaganda, die seit 1933 ja ein Monopol auf
die offizielle Sprache besaß, suchte darüber hinaus die Mentalitäten neu zu prägen,
in unserem Falle: die Arbeiterbewegung, deren Milieus und die dort verankerten
Normen und Wertsysteme vergessen zu machen, indem sie neue Termini schöpfte und
den Sprachgebrauch totalitär veränderte. Nicht zuletzt deshalb wurden die
Begriffe „Arbeiter der Faust“ und „Arbeiter der Stirn“ unter der
Hitler-Diktatur zur stehenden Redewendung.
Beide
Schlagworte sind nur ein Beispiel für die totalitäre Sprachpolitik der
Nationalsozialisten, ein anderes ist der Begriff „Arbeitertum“. Der Begriff
„Arbeitertum“ geht auf den völkisch-antisemitischen Kathedersozialisten Eugen
Dühring zurück. Dühring wiederum ist zu nachhaltiger Bekanntheit eigentlich nur
gekommen, weil sich Friedrich Engels in seiner berühmten Schrift „Anti-Dühring“
mit ihm und seinen Ansichten polemisch auseinandergesetzt hat. Dühring hat den
Begriff „Arbeitertum“ 1889 geprägt. Die Nationalsozialisten haben diesen
Begriff dann aufgegriffen und mit „Arbeitertum“ das Wort „Proletariat“ zu
ersetzen versucht – in der Absicht, damit auch die Vorstellung von einem wie
auch immer gearteten „proletarischen Klassenbewußtsein“ als politisch-ideologischer
Prämisse der organisierten linken Arbeiterbewegung aus den Köpfen zu
vertreiben.
Militaristische Aufladung des „Arbeits-“ und „Arbeiter“-Begriffs
Die
Schlagworte „Arbeiter der Stirn“ und „Arbeiter der Faust“ klingen anders als
die vordem gebräuchlichen Wörter Handarbeiter und Kopfarbeiter. Sie besitzen
etwas kriegerisches, aggressives. Man vermeint die typischen NS-Plakate vor
sich zu sehen: breiter, muskulöser Körper, vorgerecktes Kinn und ein, im
Vergleich zum Rumpf, relativ kleiner Kopf.
Die
Begriffe „Arbeiter der Faust und der Stirn“ sind keineswegs die einzigen, seit
1933 häufig gebrauchten Ausdrücke, die einen stark militärischen oder militaristischen
Klang besitzen. Es lassen sich zahlreiche weitere finden. Nur einige Beispiele:
Statt
von „Arbeitsmarkt“ sprachen die Nazis von „Arbeitseinsatz“, ein Begriff
übrigens, der den Realitäten der Hitler-Diktatur durchaus angemessen war, da
die Freiheit der Arbeitsplatzwahl bereits seit 1934 allmählich eingeschränkt
wurde. Einen vorläufigen Abschluß fand die Einschränkung der Arbeitsplatzwahl
in der Teildienstpflicht vom 22. Juni 1938 sowie der unbegrenzten Dienstpflicht
vom 13. Februar 1939. Im Begriff des „Arbeitseinsatzes“ drückt sich aus, daß
die Arbeiterschaft zu einer, ihrer Freiheiten beraubten Manövriermasse wurde,
die entsprechend den Zielsetzungen des NS-Regimes mal hierhin, mal dorthin
verschoben wurde. Nach 1939 wurden weitere Varianten dieses Begriffs ins Leben
gesetzt, z.B. „Fremdarbeitereinsatz“ oder „Europaeinsatz“.
Ein
zweites Beispiel für militaristisches Vokabular: Die Beseitigung der
Massenarbeitslosigkeit in den Jahren 1933 bis 1936 wurde zur „Arbeitsschlacht“.
Es wurden also bereits in den nur scheinbar friedlichen ersten sechs Jahren des
Tausendjährigen Reiches Kriege geführt und Schlachten, „Arbeitsschlachten“
geschlagen. Begriffe wie „Arbeitsschlacht“ fanden eine rasche, allgemeine
Akzeptanz selbst in den anfangs noch nicht gleichgeschalteten Zeitungen und
Zeitschriften. Dies verweist nicht zuletzt darauf, daß der Erste Weltkrieg
unmittelbar zum engeren Erfahrungs- und Begriffshorizont der Zeitgenossen gehörte.
Nicht zufällig wurde gern auch z.B. der Ausdruck „Hindenburg-Programm“ (in
Anspielung auf die forcierte Umstellung der deutschen Gesellschaft und des
Arbeitslebens auf den Krieg Ende 1916) benutzt, etwa um die Ausrichtung der
deutschen Wirtschaft auf eine forcierte Aufrüstung anschaulich, für die
Zeitgenossen nachvollziehbar, zu unterstreichen.
Das
Denken und Sprechen in militärischen und militaristischen Kategorien war in den
dreißiger Jahren selbstverständlich. Dabei mußten sich die Zeitgenossen gar
nicht an den Ersten Weltkrieg, an das Abschlachten namentlich an der Westfront,
zurückerinnern. Nach 1918 wurde der Krieg auf den Straßen deutscher Groß- und
Kleinstädte ja fortgesetzt. Begriffe wie „Arbeitsschlacht“ oder „Soldaten der
Arbeit“ bringen überdeutlich zum Ausdruck, daß der Krieg und das Denken in
militaristischen Kategorien zum Kernbestand der nationalsozialistischen Ideologie
gehörte und zentraler Bestandteil des Denkens, Handelns und Fühlens der
NS-Bewegung und der Hitler-Anhänger war. Nach der Installierung des Präsidialkabinetts
Hitler wurde daraus rasch eine entsprechende politische Praxis: Die Aufrüstung
des „Dritten Reiches“ wurde seit dem Austritt aus dem Völkerbund Ende 1933
offen betrieben, 1935 bekanntlich die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt
und die Gesellschaft auf den Krieg orientiert. Nicht nur der Terminus
„Soldaten der Arbeit“, auch der bei der NS-Propaganda ausgesprochen beliebte
Begriff der „Arbeitsschlacht“ macht aus dem Willen zur Militarisierung der
Arbeitswelt des „Dritten Reiches“ keinen Hehl. Noch mehr gilt dies für den
erwähnten, von Robert Ley kreierten Begriff des „Soldaten der Arbeit“.
In
denselben sprachlichen Kontext gehören schließlich zwei weitere Termini: der
Begriff der „Gefolgschaft“ und der Begriff des „Betriebsführers“.
Beide Termini markieren ein schroff hierarchisches Verhältnis, die absolute
Unterordnung der „Gefolgschaft“ unter den „Führer des Betriebes“. So heißt es
denn auch nicht zufällig im Artikel 2 des „Gesetzes zur Ordnung der nationalen
Arbeit“, das seit Januar 1934 die Betriebs- und Arbeitsverfassung in Deutschland
von Grundauf änderte:
„Der Führer des
Betriebes entscheidet der Gefolgschaft gegenüber in allen betrieblichen Angelegenheiten“.
Die Gefolgschaft „hat ihm die in der Betriebsgemeinschaft begründete Treue zu
halten.“
Der
Terminus „Gefolgschaft“, so hat Victor Klemperer, der durch seine Tagebücher
berühmt gewordene Philologe, diesen Begriff in seiner Analyse der
nationalsozialistischen Sprache kommentiert,
„belud
sie [die Arbeiter und Angestellten] mit altdeutscher Tradition, das machte sie
zu Vasallen, zu waffentragenden und zur Treue verpflichteten
Gefolgschaftsleuten adliger, ritterlicher Herren. War solche Kostümierung ein
harmloses Spiel? Durchaus nicht. Es bog ein friedliches Verhältnis ins Kriegerische“.
Darüber
hinaus signalisieren bereits die Termini „Betriebsführer“ und Gefolgschaft“,
daß dem inflationären Gebrauch des Begriffes „Arbeit“ in der NS-Propaganda
keine substantielle Aufwertung des Arbeitnehmers, keine Stärkung seiner
rechtlichen und sozialen Stellung in der industriellen Arbeitswelt
gegenüberstand. Im Gegenteil. Der Begriff „Gefolgschaft“ markiert einen
substantiellen Verlust an Rechten, keineswegs nur den Wegfall der Mitbestimmungsrechte
der 1933 beseitigten Betriebsräte.[19]
Der von der NS-Propaganda gleichfalls häufig benutzte, vormoderne, altdeutsch
anmutende Begriff der „Ehre“, oder „Arbeitsehre“, kaschierte die Aushöhlung
der Rechtsposition der Arbeitnehmerschaft nur schlecht.
Rassistische Konnotationen
Schließlich
sei eine weitere Bedeutungsebene angesprochen, die im nationalsozialistischen
Arbeitsbegriff immer mitzudenken ist: die rassistischen Konnotationen. Auch
hierzu erneut ein Hitler-Zitat, gleichfalls wiederum aus der Zeit, als die
NSDAP noch eine unbedeutende Sekte war, aus dem Jahre 1922:
„Arbeit fassen wir auf
in unserem germanischen Sinn als Pflichterfüllung für eine Volksgemeinschaft
[...]. Der Arier faßt Arbeit auf als Grundlage zur Erhaltung der
Volksgemeinschaft unter sich, der Jude [dagegen] als Mittel zur Ausbeutung
anderer Völker.“
Wenige
Jahre später heißt es in „Mein Kampf“,
daß der „Arier“ unter
Arbeit „keineswegs eine Tätigkeit zum Lebensunterhalt an sich versteht, sondern
nur ein Schaffen, das nicht den Interessen der [in der Volksgemeinschaft
zusammengefaßten] Allgemeinheit widerspricht. Im anderen Falle bezeichnet er
das menschliche Wirken [...] als Diebstahl, Wucher, Raub“ – Begriffe, die
Hitler, Streicher und anderen dem zum Stereotyp gewordenen „Juden“ als
angeblichem „Parasiten im Körper anderer Völker“ zuschrieben.
Arbeit
wird also als völkisch-rassische Pflichterfüllung definiert, die im übrigen
(aber das nur nebenbei) kein Recht auf Arbeit impliziert
- nicht einmal für den „arischen Volksgenossen“, der in Zeiten vorübergehender
Erwerbslosigkeit oder Kurzarbeit, die es namentlich in der Konsumgüterindustrie
auch nach 1936 immer wieder gab, komplikationslos ‚freigesetzt‘
werden konnte. Arbeit „als Pflichterfüllung für die Volksgemeinschaft“ hieß vor
allem, daß nicht mehr der Einzelne zählte, sondern jeder nur noch als Glied des
„Volkskörpers“ etwas wert war. Der Begriff „Arbeit“, und übrigens ebenso der
der „Ehre“ oder „Arbeitsehre“, war rassistisch aufgeladen. Der
nationalsozialistische Rassismus wiederum zielte nach außen, aber auch auf die
Binnenverhältnisse, auf die Stellung innerhalb der „deutsch-arischen Herrenrasse“.
Zum
Rassismus nach innen: Nur wer die erwartete Arbeitsleistung brachte,
galt als vollwertig, durfte sich als Glied der „deutsch-arischen
Volksgemeinschaft“ wähnen. Wer über die von „erbgesunden“ deutschen „Ariern“
erwartete Leistungskraft nicht verfügte, galt schnell als
„minderleistungsfähig“ – so der einschlägige Terminus. Und dies konnte in einer
biologistischen Gesellschaft wie der des „Dritten Reiches“ schnell zur
physischen Bedrohung werden, mindestens Zwangssterilisierung einbeschlossen.
Dem Arbeitswissenschaftlichen Institut der Deutschen Arbeitsfront, das Amt der
DAF, das langfristige Strategien und handlungsleitende Konzepte für die
Führungsriege der Arbeitsfront um Robert Ley entwickelte, galt als „allgemeine
Regel, daß der Nichtgelernte, insbesondere der Ungelernte, biologisch vielfach
minderqualifiziert ist.“
Der
Begriff der „Ehre“ wiederum, der (wie dem Großen Brockhaus von 1935 zu
entnehmen war) für das nationalsozialistische Arbeitsethos zentral war, wurde
an beides, an die vollwertige Leistung wie an die politische Konformität
gebunden. Dem deutschen „Volksgenossen“ wurde der „Gemeinschaftsfremde“
gegenüber gestellt. Der „Gemeinschaftsfremde“ wurde aus der „Volksgemeinschaft“
ausgestoßen und genoß nicht einmal das Minimum an Schutzrechten, das die
Arbeiterschaft nach 1933 nominell noch besaß. So konnten z.B. unbotmäßige
Arbeitnehmer nach dem Urteil der Arbeitsgerichte fristlos entlassen werden. Der
Kündigungsschutz galt nur für systemkonforme Arbeiter und Angestellte.
Darüber
hinaus – das machte die NS-Bewegung gleich Anfang April 1933 mit ersten Pogromen
und ihrem so genannten „Juden-Boykott“ deutlich – besaß der Arbeits-Begriff
scharf antisemitische Konnotationen. Arbeit, so hatte Hitler in seiner von mir
vorhin zitierten Rede 1922 deutlich gemacht, war „germanisch“ oder „arisch“.
Der zum alles umfassenden Feindbild gewordene „Jude“ verkörperte in der
Perspektive Hitlers und anderer führender Nationalsozialisten das schiere
Gegenteil von Arbeit. Ein nach den NS-Rassevorstellungen als „Jude“ stigmatisierter
Mensch konnte in dieser Diktion weder „Arbeiter der Faust“ noch „Arbeiter der
Stirn“ sein. Er verkörperte das Kapital, den Wucher, die Ausbeutung, also das
Gegenüber der „Arbeit“. Der Begriff „Kapital“ wiederum wurde von den
Nationalsozialisten weiter aufgesplittert, in „schaffendes“ und „raffendes
Kapital“. Die von der NS-Rassegesetzgebung als „Juden“ eingestuften Menschen
verkörperten (das ist bekannt) dagegen den „Wucher“ oder das „raffende
Kapital“, das sich zudem perfiderweise – so suggerierte die allumfassende
Verschwörungstheroie der Nationalsozialisten – auch noch als „Bolschewist“ und
„Weltrevolutionär“ verkleidete, um die ehrlichen Arbeiter zu verführen. „Der
Jude“ wurde zum Gegenpol der schöpferischen „Arbeit“, die angeblich (folgt man
Ley und Hitler) nur den „arischen“ oder germanischen Menschen adelte, hypostasiert.
Das
Denken in „Rassen“ war konstitutiv für die nationalsozialistische ideologie und
nationalsozialistisches Handeln. Auch gegenüber anderen angeblichen Rassen,
wurde der Arbeits-Begriff von den Nationalsozialisten umgedeutet, rassistisch
aufgeladen, nach dem Motto: Je entfernter eine Nation der deutschen oder
„germanischen Herrenrasse“ war, desto weniger war er zu schöpferischer Arbeit
prädestiniert. Dies hatte erhebliche Konsequenzen: Arbeit ist nicht gleich
Arbeit. Manche Arbeit ist monoton, andere anregend und kreativ. Wer sich für
welche Arbeit eignete, entsprechend eingestuft und vergütet wurde, war, nach nationalsozialistischer
Ansicht, rassisch determiniert. Das bereits erwähnte Arbeitswissenschaftliche
Institut der DAF gab auch in dieser Hinsicht die Richtung vor. Kurz vor der
gewaltsamen Besetzung Polens durch deutsche Truppen publizierte dieses Institut
im Kontext der damaligen Rationalisierungsdebatte als wissenschaftliche
Erkenntnis, daß „der vorwiegend ostische oder ostbaltische Mensch in der Regel
recht gut, der vorwiegend nordische oder fälische Mensch dagegen weniger für
Fließ- und im besonderen Bandarbeit geeignet ist.“
Das
hört sich wie eine billige Propagandaparole an. Die hinter dieser Formel
stehende Diskriminierung und Hierarchisierung wurde jedoch spätestens seit
1941 in wachsendem Maße in zahllosen Unternehmen Realität: Fremdarbeiter, vor
allem „Ostarbeiter“, standen am unteren Ende der Betriebshierarchie.
„Ostarbeiter“, in der Diktion des Arbeitswissenschaftlichen Instituts also die
„ostischen oder ostbaltischen Menschen“, wurden auf unqualifizierte, monothone
Arbeitsplätze gesetzt, während deutsche Arbeitnehmer, in den rassistischen
Termini „nordische Menschen“, zu Vorarbeitern und Werkmeistern aufgeschult
wurden.
Nicht
nur ausländische – männliche – Arbeitskräfte, auch Frauen – und zwar deutsche
wie ausländische – wurden biologistisch eingruppert wurden. So erklärte das
Arbeitswissenschaftliche Institut der Arbeitsfront:
„Die
schnell erlernbaren Handgriffe, die auch bald bis ins kleinste beherrscht und
fast automatisch ausgeführt werden, binden die Frau mit geringer Denkarbeit
nur lose an die Arbeit und vor allem nur lose an den Sinn der Arbeit. Sie kann
sich während der Arbeit mit ihren privaten und häuslichen Freuden und Sorgen
beschäftigen. [...] Das zwangsläufige Arbeitstempo bei der Bandarbeit kommt
den Wünschen der industriell tätigen Frau meistens auch entgegen, da ihr
dadurch die Verantwortung einer eigenen Initiative in einer Tätigkeit erspart
bleibt, deren Sinn ihr fremd ist.“
Die
Rede vom ‚Wesen der Frau‘ ist alt. Die Diskriminierung der Frauen unter dem
Nationalsozialismus – darüber sollte ihre relative, sukzessive Gleichstellung
während des Krieges nicht hinwegtäuschen – war jedoch, das macht dieses Zitat
deutlich, weit stärker als zuvor biologistisch aufgeladen und zeigte
rassistische Konnotationen.
II. Sozialpolitische Praxis und soziale Verhältnisse
Keine Fürsorge für die „Arbeiter der Faust“ – auch eine Replik auf Götz Aly
Um
den Kontrast zwischen sprachlicher Sphäre und der tatsächlichen sozialen Lage
der Arbeiterschaft seit 1933 besser herausarbeiten und pointierter zuspitzen zu
können, knüpfe ich an eine nur wenige Jahre zurückliegende Kontroverse an – an
die Thesen des Berliner Historikers und Journalisten Götz Aly in seinem Buch
„Hitlers Volksstaat“, die eine breite öffentliche Resonanz gefunden haben. Die
Kernthese Alys lautet: Der Nationalsozialismus habe die sozialen Unterschiede
eingeebnet; er sei anti-elitär und Hitler ein „Volkskanzler“ gewesen. Das
NS-Regime habe „Milde gegen die Massen“ walten lassen und „klassenbewußt innenpolitisch
die Lasten zum Vorteil der sozial Schwächeren verteilt“. Die NS-Diktatur müsse
folglich als „Gefälligkeitsdiktatur“ und „Volksstaat“ verstanden werden. Der
moderne Sozialstaat schließlich sei die weitgehend bruchlose Fortsetzung der
rassistischen „Fürsorgediktatur“ der Nazis gewesen.
Schauen
wir uns die vermeintliche „Fürsorge“ der Nazis etwas genauer an: Um die These
vom „Volksstaat“ zu stützen, der „die Lasten zum Vorteil der sozial Schwächeren
verteilt“ habe, hätte es nahe gelegen, sich den zentralen Indikator einmal
genauer anzuschauen, der über die Stichhaltigkeit der These eines egalitären
oder zumindest egalisierenden „Volksstaates“ entscheidet: die Lohn-, Einkommens-
und Arbeitszeitentwicklung. Aly geht auf die Lohn-, Einkommens- und
Arbeitszeitentwicklung jedoch gar nicht oder nur ganz beiläufig ein. Während er
die Steuerpolitik auf fünfzig Seiten wortreich abhandelt, spricht er Löhne und
Gehälter nur in fünf Zeilen an – und stellt deren Entwicklung zudem nicht
einmal korrekt dar.
Holen wir also nach, was Aly versäumt hat.
Zunächst
zu den nominellen Bruttostundenverdiensten. Die nominellen
Bruttostundenverdienste deutscher Arbeiter beiderlei Geschlechts lagen
1936 um sage und schreibe 22,8% und selbst 1943 noch um 8,0% unter dem Stand
von 1929. Selbst diese auf der amtlichen Lohnstatistik basierenden
Prozentwerte beschönigen die Einkommenskonstellationen zugunsten des
NS-Regimes. Denn in die Angaben zu den Stundenverdiensten flossen sämtliche
Überstunden-, Sonntagszuschläge etc., mithin die Veränderungen der Arbeitszeiten
ein. Und die hatten sich erheblich verlängert. Die Arbeitszeiten vor
allem männlicher Industriearbeiter erhöhten sich zwischen 1929 und 1941
erheblich: 1941 lag die durchschnittlichen Wochenarbeitszeit um 10,3% über dem
Niveau des letzten Jahres vor der Weltwirtschaftskrise. In zahlreichen Industriesektoren,
insbesondere in weiten Teilen der Rüstungsindustrie wurden die Arbeitszeiten
weit über die 60-, mitunter sogar über die 72-Stunden-Woche hinaus verlängert.
Allein dies macht vor allem den Vergleich der Wochen- und Jahreseinkommen, aber
auch den der Stundenverdienste problematisch. Hinzu tritt die vielfache
Aushöhlung der als Tarifordnungen zumeist weitergeltenden vormaligen
Tarifverträge und die steigende Zahl untertariflich Entlohnter in
vielen Branchen.
Betrachtet
man zudem den Gesamtumfang aller lohnbezogenen Abgaben, die die
Bruttoverdienste zu Nettoeinkommen machen, verliert schließlich das zentrale
Argument Alys, die steuerpolitische Begünstigung geringverdienender Arbeitnehmer,
vollends an Überzeugungskraft. Zwar blieben die Arbeitnehmerbeiträge zur
Sozialversicherung im wesentlichen konstant. Allerdings wurde 1930 mit der von
allen Lohn- und Gehaltsempfängern zu zahlenden „Bürgersteuer“ eine zusätzliche
Abgabe zur Finanzierung des staatlichen Haushaltsdefizits eingeführt. Sie wurde
– obwohl als nur vorübergehendes, krisenbedingtes „Notopfer“ gedacht – bis 1945
beibehalten und zur Rüstungs- und Kriegsfinanzierung genutzt. Nach der
NS-Machtergreifung traten quasi obligatorischen Spenden an das „Winterhilfswerk“
hinzu sowie die Mitgliedsbeiträge für die Deutsche Arbeitsfront, der seit 1937
mehr als 90% und bei Kriegsbeginn fast die gesamte deutsche Arbeitnehmerschaft
angehörte. Die letztgenannten Abgaben, deren Höhe immer wieder Unzufriedenheit
in Arbeiterkreisen hervorrief, tauchen in den offiziellen Angaben des
Statistischen Reichsamtes und ebenso bei Aly gar nicht erst auf. Entgegen dem
freundlich gefärbten Selbstbild des NS-Regimes erhöhten sich die Lohnabzüge in
Relation zu den Bruttowochenverdiensten von 12,5% 1929 auf 18,1% nach
Kriegsbeginn. Die Nettoverdienste abhängig Beschäftigter sanken also noch
stärker als die Bruttoverdienste. Auch die Angaben des Statistischen
Reichsamtes zur Entwicklung der Realeinkommen vermitteln ein stark
geschöntes Bild. Legt man dagegen interne Schätzungen der zuständigen
Ministerialbürokratie zugrunde, sanken die wöchentlichen Nettorealeinkommen im
Reichsdurchschnitt in den zehn Jahren vor Beginn des Zweiten Weltkrieges um
mindestens zehn Prozent.
Die
nähere Betrachtung der sozialen Verhältnisse ergibt also ein gänzlich anderes
Bild, als Götz Aly gezeichnet hat. Nimmt man die Diktion Alys auf, muß man von
einer ausgesprochenen „Härte gegen die arbeitenden Massen“ sprechen. Das NS-Regime
verteilte „klassenbewußt innenpolitisch“ die Lasten einseitig auf die
Schultern der „sozial Schwachen“, zum Vorteil der politischen Machthaber und
der Besitzenden. Nicht Götz Aly hat recht, sondern Hermann Göring. Der nicht
nur dicke, sondern auch mächtige Reichsmarschall, seit Herbst 1936 wirtschaftspolitisch
der starke Mann im „Dritten Reich“, hat die sozialpolitische Praxis der
Nationalsozialisten gegenüber der Arbeiterschaft, als der Kerngruppe der sog.
„Arbeiter der Faust“, während einer internen Besprechung in die prägnante
Formel: „Kanonen statt Butter“, gegossen. Mit der Formel „Kanonen statt Butter“
konnte man freilich schlecht öffentlich Politik machen. Man sucht sie deshalb
in der Propaganda vergeblich.
Die
„Arbeiter der Stirn“
Soweit
die „Arbeiter der Faust“. Wie war das nun mit den sog. „Arbeitern der Stirn“? Michael
Prinz hat in seiner bekannten Studie über „Die Entwicklung des sozialen Status
der Angestellten von der Weimarer Republik bis zum Ende der NS-Zeit“ als
Element nationalsozialistischer Propaganda die heftige Polemik „gegen den
Standesdünkel des ‚Stehkragenproletariats‘“ herausgestellt. Dieser
vermeintliche „Standesdünkel des Stehkragenproletariats“ sollte durch „eine
uneingeschränkte Kameradschaft mit den ‚Arbeitern der Faust‘“ abgelöst werden –
so wollten es nicht zuletzt die Propagandisten der Arbeitsfront. Der Begriff
des ‚Angestellten‘ dagegen sei, so Prinz, in der parteioffiziellen Propaganda
kaum mehr aufgetaucht und durch „Arbeiter der Stirn“ oder gleich ganz durch den
nivellierenden Terminus „Gefolgschaft“ ersetzt worden.
An
dieser Feststellung ist durchaus etwas dran. Der Kampf der NS-Propaganda gegen
den vermeintlichen oder tatsächlichen „Kastengeist“ der Angestellten hat in
mancherlei Hinsicht tatsächlich zu einer Statusabwertung geführt, allerdings
nur für bestimmte Angestelltenschichten. Der Befund von Prinz trifft vor allem
die einfachen Angestellten.
Die waren seit Mitte der zwanziger Jahre freilich auch zunehmend mit dem
Phänomen konfrontiert, das gemeinhin als Taylorisierung und betriebliche
Rationalisierung bezeichnet wird und mit einer zunehmenden Monotonie der
Tätigkeiten einfacher Angestellter einherging.
Indessen veränderten sich die Arbeitsplatzstrukturen nicht nur der
Angestellten, sondern auch die der Industriearbeiter. Facharbeiter waren im
Gefolge der Einführung von Fließbandfertigung und teilautomatisierter
Produktionssysteme seit den zwanziger und verstärkt seit Mitte der dreißiger
Jahre in wachsendem Maße mit Überwachungs- und Kontrolltätigkeiten befaßt,
während die eigentliche Handarbeit zurückging.
Eine Einebnung der Statusunterschiede zwischen den Facharbeitern und einfachen
Angestellten war in dieser Perspektive nur logisch und kein ideologischer
Kraftakt. Sie wurde im übrigen von vielen Großunternehmen antizipiert, indem
diese eine wachsende Zahl ihrer Facharbeiter auch nominell zu „technischen
Angestellten“ machte.
Wichtig
ist allerdings festzuhalten, daß die Einebnung der Statusunterschiede nur die
einfachen Angestellten und nicht die statushöheren „Arbeiter der Stirn“, also
nicht z.B. die führenden Techniker und Wissenschaftler betraf. Letztere wurden
zwar systematisch rassistisch ‚durchsiebt‘, so sie keine Juden waren jedoch
ansonsten ausgesprochen privilegiert behandelt. Zur Illustration eine kurze
Zusammenfassung der Ergebnisse meiner Untersuchungen zur
Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) unter dem Nationalsozialismus.
Sie bieten sich als Fallbeispiel deshalb besonders an, weil in der KWG die in
Deutschland und vielfach auch weltweit führenden Forscher vor allem der natur-
und technikwissenschaftlichen Disziplinen konzentriert waren.
In
den ersten Monaten nach der NS-Machtergreifung gab es zum Teil heftige
Konflikte zwischen anmaßend und rüpelhaft auftretenden Funktionsträgern aus der
Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) bzw. der Arbeitsfront
auf der einen, und den etablierten, hoch angesehenen Wissenschaftlern in den
Reihen der KWG auf der anderen Seite. Diese Spannungen, die weniger einen
politischen, als vielmehr einen sozialhabituellen, zum Teil auch
generationellen Hintergrund besaßen, verstummten seit Mitte 1934 – mit dem
„Röhm-Putsch“, also der blutigen Enthauptung der SA-Führung. Mit der
„Röhm-Affäre“ verschwanden auch der braune ‚Pöbel‘ aus den Gefilden der hohen
Wissenschaft. Danach wurden die Wissenschaftler, so sie nicht als „Juden“
stigmatisiert waren oder sich politisch-öffentlich oppositionell engagiert
hatten, vom Regime wie ‚rohe Eier‘ behandelt. Von einer Einebnung der
Unterschiede zwischen den „Arbeitern der Stirn“ und „der Faust“ konnte ihnen
gegenüber zu keinem Zeitpunkt die Rede sein. Irgendwelche egalitären
Anwandlungen zeigten die maßgeblichen NS-Funktionäre ihnen gegenüber nicht.
Warum?
Alle
führenden Nationalsozialisten waren sich der trivialen Tatsache bewußt, daß
sich moderne Kriege nur mit einer modernen Industrie und modernen
Wissenschaften führen ließen. Seit 1936/37 wurden vor dem Hintergrund der
forcierten Aufrüstung auch die Wissenschaften gefördert, und zwar vor allem
die kriegswichtigen natur- und technikwissenschaftlichen Fachdisziplinen – auf
Kosten der Geistes- und (nicht anwendungsorientierten) Sozialwissenschaften.
Ideologisch eifernde Nationalsozialisten wie etwa der „Deutsche Physiker“
Johannes Stark verloren schon bald an Einfluß und spielten spätestens bei
Kriegsbeginn. Macher vom Typus Göring und technokratische Nationalsozialisten
vom Typus Fritz Todt und Albert Speer begannen die wissenschaftspolitische
Szene zu beherrschen: Rudolf Mentzel, Erich Schumann u.v.a. Sie sicherten
Wissenschaftlern und ebenso Technikern die bestehenden Privilegien und Freiheiten.
In
der älteren historischen Forschung und in den Medien wird gern auf die
angebliche Wissenschaftsfeindlichkeit der Nationalsozialisten verwiesen.
Dieses liebgewonnene Vorurteil führt, wie die Wissenschaftsgeschichte in den
letzten Jahren überzeugend herausgearbeitet hat, in die Irre.
Typisch für die Nazis war zweifelsohne ein ausgeprägter Antiintellektualismus.
Sie wollten keine selbständig denkenden Intellektuellen, die sich zudem noch
öffentlich politisch exponierten – gleichgültig ob im linken Lager, als
Nationalliberale oder Konservative. Die Nationalsozialisten wollten ihre
politischen Ziele und Entscheidungen nicht kritisch kommentiert wissen. Gegen
Wissenschaften und Wissenschaftler hatten die führenden Nationalsozialisten
dagegen nichts, im Gegenteil. Sie wurden hofiert - soweit sie sich nicht öffentlich
mit eigenen politischen Positionen exponierten, also nicht zu Intellektuellen
wurden, und sofern sie sich dem Primat der Aufrüstung und Kriegführung
unterwarfen.
Dies
machte der Reichsminister für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung Bernhard
Rust unmißverständlich deutlich, als er sich in seiner Rede zu Beginn der
feierlichen Eröffnung des Reichsforschungsrates am 25. Mai 1937 ausdrücklich
und im Beisein Hitlers gegen das „liberalistische“ Vorurteil wandte, „daß der
Nationalsozialismus seinem Wesen nach wissenschaftsfeindlich ist und lediglich
aus politischen, d.h. taktischen Gründen die Wissenschaft leben läßt, nicht
ohne sie freilich ihrer eigensten Natur, d.h. ihrer Freiheit beraubt zu haben.“
Diesem Vorurteil widersprach Rust vehement: „Das deutsche Volk“, d.h. das
NS-Regime, das für sich in Anspruch nahm zu artikulieren, was Wille der
„Volksgemeinschaft“ sei, „verlangt nicht nach einer Wissenschaft, die nur
nachredet, was die politische Führung für richtig erkannt hat“.[38] Sie wolle, im Rahmen der
vorgegebenen allgemeinen politischen Zielsetzungen, die Freiheit der
Wissenschaften.
Rust
war selbstverständlich nicht der einzige. Göring erklärte Mitte 1942 mit
nationalistischen Pathos, daß trotz der Eitelkeit der „einzelnen Professoren“
und ihrer Konkurrenz untereinander, „der deutsche Geist eben doch geschürft
und trotz allem unendlich viel auf allen Gebieten erreicht“ habe, und lobte
hier vor allem die KWG mit ihren auch nach 1933 zahlreichen Nobelpreisträgern.
Der nach Hitler zweitmächtigste Mann der Diktatur und Rust waren keine einsamen
Rufer in der Wüste. Sie gehörten zu dem vielstimmigen Chor der selbstverständlich
nicht altruistischen Wissenschaftsförderer, darunter selbst eifernde
rassistische Ideologen wie Himmler, und ließen ihren Worten auch Taten folgen:
1936 hatte die Wissenschaftsförderung im „Dritten Reich“ das Weimarer Spitzenniveau
von 1929 überschritten. Danach wuchsen die Etats keineswegs nur der KWG,
sondern auch die anderer Forschungseinrichtungen in Sprüngen, die die
Max-Planck-Gesellschaft, die DFG und andere Wissenschaftsinstitutionen heute
vor Neid erblassen lassen würden.
„Freiheit“ der Wissenschaft, d.h. Methoden- und konzeptioneller Pluralismus
sowie die organisatorische Autonomie renommierter Wissenschaftsinstitutionen,
und ein barbarisches Herrschaftssystem – das wird hier deutlich - schlossen
sich keineswegs aus.
Infolgedessen
war es kein Zufall, daß der proletarisch anmutende Ausdruck „Arbeiter der
Stirn“, mit dem die habituell distinkten und auf ihren Individualismus stolzen
Wissenschaftler nicht gern etikettiert worden wären, im gesamten, für die
NS-Zeit gut erhaltenen Schriftwechsel der KWG kein einziges mal auftaucht.
Auch in den Untersuchungen z.B. zur Preußischen Akademie der Wissenschaften
finden sich keine Hinweise darauf, daß die dort versammelten, renommierten
Gelehrten irgendwann von wissenschaftspolitischen NS-Funktionsträger als
„Arbeiter der Stirn“ tituliert worden wären.
Für die Hochschulen im „Dritten Reich“ steht ähnliches zu vermuten.
Nicht
zuletzt dieser Befund läßt den Schluß zu, daß die Formeln von den „Arbeitern
der Stirn“ und „Arbeitern der Faust“ vor allem an die „Arbeiter der Faust“,
also die industrielle Arbeiterschaft adressiert waren. Sie und auch die
einfachen Angestellten sollten durch die gebetsmühlenartigen Wiederholungen des
Stereotyps von den „Arbeitern der Stirn“ und „der Faust“ in der Illusion
gehalten werden, daß die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ zur
Einebnung sozialer Unterschiede führen werde. Zwar wurden ab 1933 die Grenzen
zwischen den althergebrachten Ständen und Klassen durchlässiger, ein sozialer
Aufstieg und ebenso Abstieg leichter als vorher möglich. Das ändert jedoch
nichts an dem Tatbestand, daß die NS-„Volksgemeinschaft“ schroff hierarchisch
blieb.
III.
Schluß
Angesichts
der während der NS-Zeit bleibenden Proletarität der Arbeiterschaft und ein zunehmenden
Proletarisierung der einfachen Angestellten während des „Dritten Reiches“, die
seit 1939 bzw. 1941 allerdings durch eine Unterschichtung der deutschen
Stammarbeiterschaft mit Millionen von ausländischen Arbeitskräften relativiert
und kaschiert wurde, angesichts der (wie sich am Beispiel der KWG zeigen läßt)
privilegierten Behandlung vor allem der Wissenschaftler, aber auch des Gros der
Techniker wird man nicht von einer Aufwertung der „Arbeiter der Faust“ auf
Kosten der „Arbeiter der Stirn“ sprechen können.
Zweifelsohne
wimmelte es in der nationalsozialistischen Propaganda von Begriffen wie
„Arbeit“, „Ehre der Arbeit“, „Arbeiter der Faust“, „Arbeiter der Stirn“,
„Arbeitertum“, „Gefolgschaft“, „Arbeitseinsatz“, „Arbeitsschlacht“, „Soldaten
der Arbeit“ usw. Nachhaltig unterstrichen wurde die verbale Aufwertung der
„Arbeiter der Faust“ in der (wie Victor Klemperer formuliert hat) „ekelhaften
Brühe der Reden, Kommentare und Artikel“
des „Dritten Reiches“ zudem durch eindrucksvolle optische Inszenierungen
namentlich am 1. Mai, aber auch durch den choreographisch geschickt
inszenierten Aufmarsch riesiger Menschenmassen z.B. bei der Eröffnung von
Autobahnen oder auf Reichsparteitagen, die dann aufgrund nicht zuletzt
eindrucksvoller Kameraführungen über die Wochenschauen den Zeitgenossen
nachhaltig im Gedächtnis haften blieben.
Diese
Inszenierungen und die skizzierte NS-Sprachpolitik sowie die propagandistischen
Streicheleinheiten für die Arbeitnehmerschaft sollten nicht dazu verführen, von
einer Aufwertung des Arbeitsbegriffs zu sprechen. Er wurde vielmehr umgewertet,
nämlich militaristisch sowie vor allem rassistisch aufgeladen. Der
Arbeitsbegriff wurde zu einem Instrument der Diskriminierung, das Juden, aber
auch vermeintlich „minderleistungsfähige“, nicht-jüdische Deutsche als
„Gemeinschaftsfremde“ ausschloss und im Zweiten Weltkrieg dann das Millionenheer
der intern wiederum scharf hierarchisierten „Fremdarbeiter“ zu Arbeitnehmern
zweiter Klasse degradierte. Darüber hinaus sollte die inflationäre Benutzung
des Arbeitsbegriffs und pseudo-egalitärer Schlagworte wie „Volksgemeinschaft“
übertünchen, daß die sozialen Spaltungen schroff blieben. Die totalitäre
NS-Propaganda, ihr Monopol, Sprache zu prägen und Begriffe willkürlich
umzudeuten, kam der Hitler-Diktatur genauso zustatten wie die
staatsterroristische Zerschlagung der Arbeitnehmerorganisationen, durch die die
in der Weimarer Republik und überhaupt freien Gesellschaften
selbstverständliche Artikulation eigener Interessen gewaltsam unterdrückt
wurde. Eine Kritik der offiziösen Sprachpolitik war unmöglich. Da zudem die
NS-Propaganda von allen Seiten und auf allen Ebenen auf die Bevölkerung
eintrommelte, wurden die offiziellen Rhetoriken während des „Dritten Reiches“
viel stärker verinnerlicht als zu normalen Zeiten.
In
weit stärkerem Maß als in anderen Epochen „glitt der Nazismus“, und hier sei
noch einmal der sprachsensible Victor Klemperer zitiert, „in Fleisch und Blut
der Menge über, durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die
er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und
unbewußt übernommen wurden.“ Indem das Hitler-Regime – und dies gilt nicht nur
für den Arbeits- und den Arbeiterbegriff – in totalitärer Weise „Worte,
Wortgruppen und Satzformen mit ihrem Gift [durchtränkte], macht[e] sie die Sprache
ihrem fürchterlichen System dienstbar, gew[a]nn sie an der Sprache ihre
stärkstes, ihr öffentlichstes und geheimstes Werbemittel“. Die Sprache des
„Dritten Reiches“ sollte betäuben, der Einzelne sollte „zum gedanken- und
willenlosen Stück einer in bestimmter Richtung getriebenen gedanken- und
willenlosen Herde [werden], zum Atom eines rollenden Steinblocks“.