Eva
Berger
„Sie
laufen, als wüssten sie, wo es besser ist.“ - Auf
der Suche nach den Bildern der Arbeit im Film.
Ein Themenschwerpunkt auf
Zeitgeschichte-online
Die Geschichte des Kinos beginnt mit
der Arbeit, präziser: mit der Abwendung der Menschen von der Arbeit. In La
Sortie des usines Lumière à Lyon (Arbeiter verlassen die Fabrik, Frankreich
1895) richteten die Brüder Lumière die Kamera auf das Werktor ihrer eigenen
Fabrik und präsentierten 45 Sekunden lang den feierabendlichen Auszug „ihrer“ Arbeiterschaft aus dem Betrieb. Vorgeführt werden sollte hier vor allem die technologische
Revolution, die sensationelle Möglichkeit, Bewegung in Bildern wiederzugeben.
Und die Tatsache, dass der Film beim Proletariat und Kleinbürgertum im Kino
ungemein erfolgreich war, führt der Filmkritiker Georg Seeßlen darauf zurück,
dass man sich hier selbst erstmals aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen
vermochte, aus der Perspektive der Allmacht, mit den Augen und vom verbotenen
Ort des Fabrikbesitzers aus.1
Gleichzeitig ließe sich der Film
auch als bildlicher Kommentar gegenwärtiger Umbruchprozesse industrieller
Arbeitsordnung betrachten. Die Fabrik leert sich (zumindest in Westeuropa), sie
liegt am Ende verlassen da. Und die Arbeiter, sie ziehen weiter.
Und auch die Tatsache, dass Arbeit
für die meisten Menschen dieser Erde bis heute vor allen Dingen Zwang,
Enteignung und (Selbst-)Ausbeutung um des materiellen Überlebens willen
bedeutet, scheint dieser Film halb subversiv, halb eskapistisch in Szene zu
setzen. Mit dem Durchschreiten des Werktors wird die Grenze zwischen dem Reich
der Notwendigkeit und dem Reich der Freiheit überschritten. Die ironische
Pointe ist, dass nun nicht zuletzt die Filmfabriken mit und in der Nachfolge
der Lumière-Brüder dafür sorgen werden, dass der arbeitende Mensch den
Zwangswelten des Tages in die Spektakel und nächtlichen Traumwelten des Kinos
zu entfliehen vermag. Das Reich der Freiheit entschärft sich zum Reich der
Freizeit und feierabendlichen Zerstreuung.2
Der Berliner Filmemacher Harun
Farocki hat 1995 unter dem Titel Arbeiter verlassen die Fabrik eine
filmarchäologische Studie vorgelegt, die an das Filmmotiv des Lumière-Films -
eine Belegschaft beim Verlassen des Betriebes – andockt und einem
filmgeschichtlichen Bildervergleich unterzieht.3 In einer 37-minütigen,
mit sparsamer Kommentierung versehenen Filmmontage werden Werktor-Szenen aus
Dokumentar-, Industrie- und Propagandafilmen, aus Wochenschauen genauso wie aus
Spielfilmen herausfiltert, aneinandergereiht und daraufhin befragt, welche
Geschichten das Kino im Anblick des Werktors, der Fabrik und der an sie
gebundenen Menschen zu erzählen und nicht zu erzählen vermag.4
Wir sehen Arbeiter beim Verlassen
der Detroiter Ford-Werke 1926, deren Drängen zu den Toren vor allem dazu
genutzt wird, in einem langsamen Kameraschwenk das Fabrikgebäude in seiner
kathedralenartigen Imposanz in Szene zu setzen. Für einen kurzen Moment, im
Stau der Ausgänge, entsteht das Bild einer machtvollen Arbeiterschaft, genauso
wie hier von der Macht des Autoproduzenten Ford erzählt wird, der so viele Menschen
in Lohn und Brot zu setzen vermag. Im nächsten Moment jedoch löst sich die Menge schon
wieder auf, alles strebt eilig auf die Strassen, ins Jenseits der Arbeit, „als
zöge sie etwas fort, als hätten sie schon zu viel Zeit verloren“.5
Oder: die Volkswagenwerke in Emden
1975. Auf dem Platz vor dem Werktor ein Bus der Gewerkschaft, der
Arbeiterlieder, Verse von Majakowskij, gesungen von Ernst Busch, spielt und die
Fabrik als geschichtlichen Ort des Protests und Arbeitskampfes zu beschwören
sucht. Die Frühschicht verlässt das Werk, nur wenige bleiben stehen und nehmen
den Aufruf zu einer Kundgebung gegen die geplante Verlegung des Werks in die
USA zur Kenntnis. Der große Rest zerstreut sich ins Jenseits der Kamera, die
Erinnerungsspur, die mit dem Lied der Oktoberrevolution evoziert werden soll,
ist längst abgerissen.
Zu einem ergiebigen Schauplatz wird der Vorplatz der Fabrik, wenn es um Streik- und Streikbruch, um Fabrikbesetzungen und -räumungen geht.
Im Film Desertir (Der
Deserteur, UdSSR 1933) des neben Sergej Eisenstein und Alexander Dowschenko
führenden Regisseurs des Revolutionsfilms, Wsewolod Pudowkin, findet sich die
beeindruckende Darstellung einer Streik- und Streikbrecherszene im Hamburger
Hafen. In wechselnder Perspektive sehen wir zerlumpte Streikbrecher, die
Schiffe entladen. Unter den Blicken eines kühl und aufmerksam die Szenerie
beobachtenden Streikposten bricht einer unter der Last der Kisten langsam
zusammen. Die Schatten, die über das Gesicht des Streikposten huschen, werden
von den Arbeitslosen geworfen, die nun zum Eingangstor hasten, um die Stelle
des Zusammengebrochenen zu ergattern. Die Kamera schwenkt über die
ausgemergelten, vergreisten Gesichter der in Arbeitslosigkeit Verelendeten
hinter den Gitterstäben des Werfteinganges. Aus dem Gefängnis der
Arbeitslosigkeit blicken sie auf eine Freiheit, die Lohnarbeit heißt. Und, so
Farocki, durch die Gitterstäbe sieht es so aus, als habe man sie schon für
überflüssig erklärt und in Lager gesperrt - ein Vorblick auf das Kommende, den
Terror nationalsozialistischer und stalinistischer Vernichtungs- und
Umerziehungslager?6
In der modernen Episode von Intolerance
(Intoleranz/ Die Tragödie der Menschheit, USA 1916) des amerikanischen
Regisseurs David Wark Griffith wiederum findet sich die wohl größte Schießerei
vor einem Werktor in hundert Jahren Filmgeschichte. Streikende treten auf die
Strasse und werden von der anrückenden Polizei in Maschinengewehrfeuer
niedergemacht, entsetzt beobachtet von den Angehörigen der Arbeiter. Der
Arbeitskampf als Bürgerkrieg - die hier vorgeführte Brutalität bilde jedoch
laut Farocki eine Ausnahme, denn fast immer seien die Kämpfe der Arbeiter viel
weniger gewalttätig gewesen, als die, die in ihrem Namen geführt wurden.
Und auch der totalisierende Effekt,
der durch Farockis Filmmontage entsteht - als habe das Kino in hundert Jahren
immer nur dieses einzige Motiv bearbeitet - könne nicht darüber hinwegtäuschen,
„dass die Fabrik den Film kaum angezogen, eher abgestoßen hat. Der Arbeits-
oder Arbeiterfilm ist kein Hauptgenre geworden, der Platz vor der Fabrik ist
ein Nebenschauplatz geblieben.“7 Die industrielle Organisationsform mit
ihrer Zerlegung der Arbeit in kleinste Einzelschritte, dem Arbeitsprinzip der
monotonen Wiederholung und dem Ausschluss von Entscheidungsmöglichkeiten der
Arbeitenden eignet sich offenbar nur schwer, Wechselfälle, Bewegung, und das
Handlungsvermögen von Menschen darzustellen, also die zentralen Dinge, auf die
die Kamera und ihre Erzähllogik fixiert ist.
Als eine der wohl berühmtesten
Ausnahmen, in denen der Nebenschauplatz Fabrik ins Zentrum rückt, ist Modern
Times (Moderne Zeiten, USA 1936) von und mit Charlie Chaplin zu nennen,
eine satirische Zuspitzung des fordistischen Systems zu Zeiten des New Deal.
Der Arbeiter Chaplin wird hier vom unerbittlichen Rhythmus des Fließbands
erfasst, um in ein mitreißend groteskes Ballett verwickelt zu werden. Und
spätestens, als eine neu entwickelte Frühstücksmaschine Chaplin das Essen ins
Gesicht schleudert, ist die optimistische Fiktion von den Maschinen, die nur
dem Wohl der Menschen dienen, gestorben, in einer präzisen Bildersprache
aufgelöst. Der Filmkomiker Chaplin erweist sich hier als großartiger
De(kon)strukteur der Arbeit: „Die Würde des Menschen ist nur zu retten, wenn
man die Arbeit und ihre Bedingungen fachgerecht kaputtmacht.“8
Der Ausweg aus der Unerbittlichkeit
des Maschinensystems, den der Held Chaplin und mit ihm der Film am Ende findet,
führt in die Arme einer Frau, das kleine private Glück also. Das sei ihm
gegönnt und verweist aber gleichzeitig auf den Weg, den das Kino vor allem in
seiner Spielfilmvariante einschlagen wird. Die meisten Erzählfilme wählen sich
den Teil des Lebens als dramatischen Stoff, der die Arbeit hinter sich gelassen
hat.
Doch was für gegenwärtige Diagnosen
und Streitpunkte der geschichts- und sozialwissenschaftlichen Forschung zur
Arbeit gilt, ließe sich ebenso für den Spielfilm in allen Varianten festhalten:
Es wäre verfrüht zu behaupten, dass die Arbeit in der Traumfabrikproduktion
verschwindet bzw. verschwunden ist, bloß weil sie visuell abwesend ist oder
gemacht wird. Ohne Arbeit kein Leben9 und also kein Filmstoff.
Mit dieser Behauptung eröffnet sich
auch der Geschichtswissenschaft ein unermessliches, filmanalytisch
auszulotendes Terrain.
Wendet man den Blick von der
Filmhistorie auf aktuelle Produktionen im Bereich des Arbeitsfilms, so scheint
eine weitere Feststellung Seeßlens zutreffend: „Jetzt aber, da nicht die
Arbeit, dafür aber die Bereitschaft der Profiteure, für sie zu zahlen, knapp
wird, beginnen wir uns nach Bildern der Arbeit zu sehnen. [...] An die Stelle
der Leute, die sich endlos mit ihren Gefühlen beschäftigen, treten die
Konflikte der ‘Ressources humaines’. Gibt es etwas Schrecklicheres als Arbeit?
Keine Arbeit!“10
Als hilfreich, um sich einen ersten
Eindruck und Überblick über das Spektrum des Filmschaffens zum Thema
Arbeitsverhältnisse der Gegenwart zu verschaffen, erweist sich die Filmreihe Work
in Progress, die im Rahmen des Programms „Arbeit in Zukunft“ der
Kulturstiftung des Bundes von den Freunden der deutschen Kinemathek
zusammengestellt und in begleitenden Festivals 2007 auf eine bundesweite Reise
geschickt wurde.11
Der Filmindex der Reihe listet 172
Langfilme, von denen 128 in den 1990er und 2000er Jahren entstanden sind.
Konzentriert man sich bei der inhaltlichen Sichtung auf den
Dokumentarfilmbereich, der mit leichtem Übergewicht vertreten ist, so wird dies
zu einem Panorama aller denkbaren Facetten des (Arbeits-)Elendes dieser Welt.
Als Interessensschwerpunkte der
Filmschaffenden kristallisieren sich die Themen Globalisierung einerseits und
Prekarisierung von Arbeit und Arbeitslosigkeit andererseits heraus. Zu einem
Klassiker im (zumindest westlich geprägten) Kino der Globalisierung entwickelt
sich das Ins-Bild-Setzen von Warenströmen und damit verbundenen Arbeits- als
Ausbeutungsverhältnissen weltweit. Wo und unter welchen Verhältnissen wird
meine Jeans und mein H&M-Shirt made in China, Bangladesh, Indien, Mexiko
hergestellt? Welche menschlichen Schicksale verbinden sich damit?
Das Thema Migration vor allen Dingen
in ihrer illegalisierten Variante ist in diesem Kino der Globalisierung
ebenfalls gut vertreten, sei es, dass Grenzregionen an den Rändern westlicher
und nördlicher Wohlstandregionen in den Blick geraten und damit auch die Protagonisten
und Schicksale, die sich mit den mal gelingenden, mal scheiternden Versuchen
verbinden, die Grenzen in Richtung gelobter Länder zu queren, sei es, dass das
Los einer zunehmenden Zahl von Wanderarbeitenden in China visualisiert wird,
und damit Leben unter den neuen kapitalistischen Verhältnissen der
Volksrepublik Konturen gewinnt.
Der Übergang zum zweiten Themenkomplex Prekarisierung von Arbeit(sverhältnissen) und Arbeitslosigkeit gestaltet sich an diesem Punkt (ineinander)fließend, denn bei den Illegalisierten handelt es sich
(neben den Kindern) um die verletzlichsten Glieder im kapitalistischen System
der Arbeit, billig ausbeutbare Ressourcen ohne Rechte und Ansprüche.
Dementsprechend begibt sich der Dokumentarfilm auch hier auf die Suche, Arbeit
und Arbeitende, die in den Wohlstandsgesellschaften meist unsichtbar bleiben,
sichtbar zu machen und den System erhaltenden Charakter dieses Arbeitszusammenhanges
zu rekonstruieren und anzuklagen.
Beim Thema Arbeitslosigkeit wiederum
wendet sich der (euro-amerikanische) dokumentarische Blick überwiegend den
eigenen Gesellschaften zu. Die beiden großen Ursachenkomplexe der
(Massen-)Arbeitslosigkeit - Untergang des real existierenden sozialistischen
Systems zum einen und zum anderen, erneut, „die Globalisierung“ beziehungsweise
die befreiten Arbeitsverhältnisse und neuen Standort-konkurrenzsituationen
infolge der internationalen Deregulierungs- und Liberalisierungspolitiken seit
den 1980er Jahren - finden inzwischen gleichmäßig Beachtung in der dokumentarfilmerischen
Bearbeitung. Man begibt sich vor Ort und auf die Mikroebene, beobachtet
untergehende Industrien am konkreten Beispiel einzelner Betriebe, die im inter-nationalen
Wettbewerb als zu teuer produzierend nicht mehr mitzuhalten in der Lage sind.
Oder man verfolgt die längst sichtbaren Wirkungen und sich entfaltenden
(Über-)Lebensstrategien von Menschen, Städten, Landstrichen in den im
Wachstumssinne abgehängten schrumpfenden Regionen Ostdeutschlands, in den
ehemaligen Sowjetrepubliken und EU-Anrainern, aber auch der westeuropäischen
Provinzen. Neben einem eher strukturorientierten Zugang erfreut sich der
biographische Ansatz großer Beliebtheit, wird das Leben mit der
Arbeitslosigkeit oder mit prekären Beschäftigungsverhältnissen über die
Porträts einzelner Menschen erzählt.
In ihrer Herangehensweise werden bei
der Mehrzahl der Filme eher altmodisch-klassische Formen gewählt, d.h. Porträt
und Interviewfilm, Langzeitbeobachtung oder historische Dokumentation. Formen,
die sich ganz in den Dienst der inhaltlichen Wissensvermittlung, Abbildung und
Kommentierung stellen. Und auch, wenn die Bedeutung der dadurch geleisteten
Aufklärung über die weltweite Welt der Arbeit nicht herabgesetzt werden soll,
so vermisst man doch filmästhetisch, methodisch und inhaltlich experimentellere
Formen im Umgang mit dem Thema.
Eine wichtige Ausnahme bildet in
diesem Zusammenhang erneut Harun Farocki, der mit seinen Arbeiten
gesellschaftliche, arbeits- und lebens-weltliche Veränderungsprozesse seit den
späten 1960er Jahren begleitet und in einem filmethnographisch dichten
Beschreibungszugriff sichtbar zu machen versteht.
Farockis Filme kreisen, will man sie
auf einen abstrakten inhaltlichen Nenner bringen, immer um
Produktionsverhältnisse, und es ist das beharrliche, teilnahmslos
interessierte, entschleunigt konzentrierte Beobachten, das seinen Kamerablick
auf die Menschen, die Dinge und das Wie dieser Dinge kennzeichnet: Wie werden
Waren produziert, wie Schönheit, wie Überwachung, Strafsysteme und Krieg, wie
Shopping-Malls, Marketingkampagnen, Produkt-Images? Und wie menschliche
Identität?
In Die Bewerbung (1997)12
filmt Farocki Bewerbungsübungen und -Kurse, in denen Dauerarbeitslose genauso
wie Topmanager lernen, sich vor einer Kamera ins rechte Licht zu rücken.
Erklärende Kommentare dessen, was dort in verdoppelter Beobachtung entsteht,
werden überflüssig, denn in der Montage Farockis vermitteln die Bilder, welches
die gesellschaftlichen Normen sind, denen man sich anzupassen hat, welches die
Einsatz-strategien des Körpers und der Sprache sind, die Gewinn versprechen, in
welchen Verhaltensmustern man sich zu üben hat, um sich im Wettkampf um Arbeit
zu bewähren. Im Bewerbungsgespräch muss der ganze Mensch erscheinen, nicht mehr
nur seine in Zeugnissen und Noten mess- und bewertbare Eignung, und es wird
letztlich auch der ganze Mensch angenommen oder verworfen, wenn seine Bewerbung
erfolgreich ist oder wenn sie scheitert.
Es gerät in diesem Film nicht nur
der boomende Berufszweig der Coaching- und Lebensberatungsindustrie ins Blickfeld.
Vielmehr wird im Blick der Kamera auf die Arbeit diese als Instrument der
(Selbst-)Beobachtung und (Selbst-)Überwachung kenntlich gemacht, wird ihre
unsichtbare, menschliche Identität gebende und formende Arbeit und Macht
sichtbar.
Diese Wirklichkeit strukturierende
und -intervenierende Macht der Kamera wird ebenfalls in Schöpfer der
Einkaufswelten von 2001 mit hervorgearbeitet. Der 70minütige Film fragt
danach, wie der Akt des (Ver)Kaufens unter den gegenwärtigen,
überwachungstechnologisch gegebenen Möglichkeiten organisiert wird.
In alternierenden Szenen führt die
Kamera in Strategie- und Planungsrunden, in denen es unter Zugrundelegung
verschiedener architektonisch-räumlicher Gegebenheiten immer darum geht, die im
Verkauf anreizenden Sinne optimale Infrastruktur zu finden. Wir werden Zeuge
des Planungsprozesses zur Kreierung einer Shopping-Mall, bei der alles
auf das richtige, menschliche Verhalten im Raum vorausberechnende Arrangement
von Läden, Wegenetzen und Aufmerksamkeit bindenden Reizen ankommt; oder
beobachten einen Workshop, in dem um den passgenauen, Innenarchitektur und
Imagekampagne miteinander verschmelzenden Entwurf eines modernen Corporate
Designs für eine Salzburger Trachtenmodenfirma gerungen wird; und landen am
Ende vor Supermarktregalen, wo Verkaufsleiter und Firmenvertretern mit
Toastbroten in der Hand die im Verkaufssinne beste, vertikale und horizontale
Blickachsen mit einkalkulierende Anordnung von Backwaren suchen.
Schöpfer der Einkaufswelten macht uns nicht nur mit einem
Arbeits- und Berufsfeld bekannt, das kein Mensch braucht, das dafür aber umso
wichtiger für das Funktionieren des gegenwärtigen Kapitalismus als
Konsumanreizmaschine ist.
Es zeigt darüber hinaus, wie weit
eine in militärischen Zusammenhängen entwickelte Informations- und
Überwachungstechnologie in das Gewebe unseres alltäglichen Lebens längst
vorgedrungen, wie weit der Einkaufstrieb des Menschen inzwischen vermessen und
ausgeforscht ist. Allgegenwärtige Kameras in den Shopping-Malls berechnen
unsere Wege, registrieren, wo unser Blicke und unsere Aufmerksamkeiten hängen
bleiben oder zerstreut werden. Versuchssupermärkte werden in virtuellem Raum
aufgebaut, um impulsives Kaufverhalten in kalkulierte Planbarkeit zu überführen
und „intelligente“ Einkaufswagen machen es möglich, bei jedem Kunden
festzustellen, wo er stehen bleibt, welche Waren er in den Wagen lädt und
welche er wieder entfernt. Es entsteht das Szenario einer fremdbestimmten Welt,
in der der freiwillige Akt des Kaufens längst Teil eines ausgeklügelten
Manipulationssystems geworden ist.13
Farockis Filme über gegenwärtige
Produktions-, Arbeits- und Lebens-bedingungen sind für eine Historiographie,
die daran interessiert ist, die Geschichte der Arbeit unter Einbezug des
Mediums Film zu erforschen, in mindestens zweifacher Hinsicht wichtig.
Sie wenden sich Arbeits- und
Berufsfeldern zu, die im zeitgenössischen Film, wie er sich in der Work in
Progress-Filmreihe präsentiert, nur selten angesteuert werden, nicht
zuletzt, weil sie nur geringe Schauwerte zu bieten haben.
Wie die Arbeiterschaft Lumières, so
hat auch Farocki die Fabrik hinter sich gelassen, um eine immaterielle Arbeit
sichtbar zu machen, wie sie sich im Segment der so genannten postindustriellen
Dienstleistungsgesellschaft entfaltet. Rohstoff dieser Arbeit ist die
Kommunikation und Verhandlung, und der Berliner Filmemacher hat im Laufe der
Jahrzehnte zu einem äußerst instruktiven Umgang mit der Frage gefunden, diese
bildarme Arbeit spannend wie einen Krimi und gleichzeitig Erkenntnis fördernd
in Szene zu setzen.
Zum zweiten bestechen seine
filmethnographischen Beschreibungen dadurch, dass sie die technologischen
Entwicklungen, bildsprachlichen Konstruktionsprinzipien und manipulativen
Möglichkeiten des Film(en)s mitreflektieren und die konstituierende und
intervenierende Macht des Mediums bzw. des Kamerablicks in die Verhältnisse
unseres Lebens und seine Darstellbarkeit hervorarbeiten. Genauso wie um die
Aufklärung verdeckter gesellschaftlicher Strukturen und Machtmechanismen geht
es Farocki in seinen Filmen damit immer auch um die Auslotung der Möglichkeiten
eines eigenständig filmischen, nicht an Sprache orientierten Denkens und
Wahrnehmens.
Für eine schriftorientierte und im
analytischen Umgang mit bewegten Bildern eher ungeübte Geschichtswissenschaft
heißt dies auch, dass wir es hier mit einer veritablen Schule und Schulung des
Sehens zu tun haben. Sie lehrt, genau hinzusehen und über eine rein inhaltlich
fixierte Filmanalyse und Beschäftigung (nicht nur) mit dem Thema Arbeit
hinauszugehen.