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Rumänische Engel

Bereits in den 1930er Jahren gab es in Rumänien einen rasanten Aufstieg rechtsradikaler politischer Gruppierungen wie der „Legion Erzengel Michael“, die mit ihrer extremen antisemitischen und nationalistischen Einstellung die innere Krise des Landes verschärfte. Nach dem die faschistische Eiserne Garde im September einen Putschversuch gegen den rumänischen König Carol II. unternahm, ernannte dieser Ion Antonescu zum Ministerpräsidenten mit unbeschränkten Vollmachten. Im Juni 1941 trat Rumänien an der Seite Deutschlands in den Krieg gegen die Sowjetunion ein. Zu diesem Zeitpunkt lebten knapp 760.000 Deutsche in Großrumänien (ca. 4% der Gesamtbevölkerung).
Im Jahr 1940 traten die ersten Rumäniendeutschen in die Waffen-SS ein – auf insgesamt 63.000 stieg deren Zahl im Verlauf des Krieges. Die überwiegende Mehrzahl der Rumäniendeutschen tat dies freiwillig. Hinzu kam die Rekrutierung von ca. 12.000 Männern für den Dienst in der deutschen Wehrmacht. Etwa 2000 der rumäniendeutschen SS-Mitglieder übernahmen Aufgaben als KZ-Wachmänner, vorrangig in Auschwitz und Majdanek, 1500 Rumäniendeutsche befanden sich in den SD-Sondereinheiten, die Massenmorde begingen, brandschatzten, plünderten und vergewaltigten. Zu den Aufgaben dieser Sondereinheiten gehörte unter anderem die Erschießung russischer Kriegsgefangener.
Im August 1944 wechselte Rumänien die Seiten, König Mihai I. setzte Antonescu ab und erklärte Deutschland den Krieg.
In Rumänien begann die Rote Armee mit den Deportationen im Januar 1945.
Die sowjetische Regierung forderte die Deportation aller in Rumänien lebenden Deutschen zwischen 17 und 45 Jahren – Frauen und Männer, unabhängig davon, ob sie Kriegsverbrechen begangen hatten oder etwa minderjährig waren. Mindestens 75.000 Rumäniendeutsche wurden in die Sowjetunion verschleppt. Unter ihnen befand sich die Mutter Herta Müllers.
In ihrem jüngsten Roman „Atemschaukel“ beschreibt Herta Müller die Angst, die Demütigungen, die Kälte, den Hunger der Deportierten und vor allem beschreibt sie die unendliche Sehnsucht, die die Deutschen Heimweh nennen.

Annette Schuhmann



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Jerzy Kochanowski / Maike Sach (Hg.), Die "Volksdeutschen" in Polen, Frankreich, Ungarn und der Tschechoslowakei. Mythos und Realität, Osnabrück 2006 (Rezension)
Pertti Ahonen, Gustavo Corni, Jerzy Kochanowski, Rainer Schulze, Tamás Stark, Barbara Stelzl-Marx, People on the Move. Forced Population Movements in Europe in the Second World War and its Aftermath, aus der Reihe: Occupation in Europe, Oxford Verlag 2008
Michael Naumann: Kitsch oder Weltliteratur?
Herta Müllers neuer Roman über den sowjetischen Gulag-Alltag ist ein atemberaubendes Meisterwerk (Aus: Die Zeit vom 20.8.2009)

Iris Radisch: Kitsch oder Weltliteratur?
Gulag-Romane lassen sich nicht aus zweiter Hand schreiben. Herta Müllers Buch ist parfümiert und kulissenhaft (Aus: Die Zeit vom 6.9.2009)

 

Oskar Pastior

Oskar Pastior*

* Unter anderem auf der Grundlage von Gesprächen mit dem 1927 geborenen Oskar Pastior schrieb Herta Müller ihren Roman „Atemschaukel“ (Hanser 2009). Als Siebzehnjähriger wurde Pastior 1945 in ein sowjetisches Arbeitslager im Donbas deportiert – 1949 kehrte er nach Rumänien zurück. Seit 1969 lebte er als freier Schriftsteller in Berlin. Neben vielen anderen Preisen erhielt er im Jahr 2006 den Georg Büchner Preis. Oskar Pastior starb am 4. Oktober 2006 in Frankfurt am Main.

 

Der Hungerengel

„Der Hunger ist ein Gegenstand.
Der Engel ist ins Gehirn gestiegen.
Der Hungerengel denkt nicht. Er denkt richtig. Er fehlt nie.
Er kennt meine Grenzen und weiß seine Richtung.
Er weiß meine Herkunft und kennt seine Wirkung.
Er hat es gewusst, bevor er mich traf, und kennt meine Zukunft.
Er hängt wie Quecksilber in allen Kapillaren. Eine Süße im Gaumen. Da hat der Luftdruck Magen und Brustkorb gepresst. Angst ist zu viel.
Alles leicht geworden.
Der Hungerengel geht offenen Auges einseitig. Er taumelt enge Kreise und balanciert auf der Atemschaukel. Er kennt das Heimweh im Hirn und in der Luft Sackgassen.
Der Luftengel geht offenen Hungers andererseits.
Er flüstert sich und mir ins Ohr: Wo aufgeladen wird, kann auch abgeladen werden. Er ist aus demselben Fleisch, das er betrügt. Betrogen haben wird.
Er kennt das Eigenbrot und das Wangenbrot und schickt den weißen Hasen vor.
Er kommt wieder, bleibt aber da.
Wenn er kommt, dann kommt er stark.
Die Klarheit ist groß:
1 Schaufelhub = 1 Gramm Brot.
Der Hunger ist ein Gegenstand.“


Aus: Herta Müller, Atemschaukel, Carl Hanser Verlag, München 2009, S. 144.


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