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Zippel-05-2011
 

Katrin Zippel

„It's like trying to give aid to a wounded rattlesnake“

Die Vereinten Nationen im Kongo[1]

Ein Themschwerpunkt auf Zeitgeschichte-online

 

Abb. 1: Ein Soldat des U.N. Force's 2nd Queens Own Nigerian Regiment auf Wachtposten am Monument für Henry Morton Stanley in der von Stanley gegründeten kongolesischen Hauptstadt Leopoldville

 

Es ist der 14. Juli 1960 spät in der Nacht. UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld sitzt mit Beratern in seinem Büro im UN-Hauptquartier in New York. Aus der vor kaum zwei Wochen von Belgien unabhängig gewordenen Republik Kongo waren in den letzten Tagen Meldungen von immer schlimmeren Zuständen der Panik und des Chaos eingetroffen. In Reaktion auf Hilfsgesuche der neuen kongolesischen Regierung hatte der UN-Sicherheitsrat nun vor wenigen Stunden die Etablierung einer militärischen UN-Intervention beschlossen, die Opération des Nations Unies au Congo, kurz ONUC.[2] Es ist damit das zweite Mal, dass dieses während der Suezkrise 1956 entwickelte Instrument einer militärischen UN-Friedensmission eingesetzt werden soll. Fieberhaft arbeiten der schwedische UN-Generalsekretär und seine Berater in dieser Nacht daran, die Eckpunkte der Operation zu bestimmen. Alles muss schnell gehen, denn schon am nächsten Tag sollen die ersten Soldaten unter UN-Flagge im Kongo eintreffen.

 

Mit großem Enthusiasmus und großen Hoffnungen begann so eine UN-Friedensmission, die für die Vereinten Nationen eine der dramatischsten und wohl auch einflussreichsten Erfahrungen ihrer Geschichte werden sollte. Sie war die größte militärische UN-Friedensmission bis zum Ende des Kalten Krieges und ist bis heute immer noch eine der größten Operationen der UN-Geschichte.

 

Vier Jahre später, als die letzten UN-Soldaten im Sommer 1964 den Kongo verließen, war Dag Hammarskjöld im Rahmen von ONUC bei einem Flugzeugabsturz in Afrika ums Leben gekommen. Die UN stand kurz vor dem finanziellen Kollaps, und der Enthusiasmus inner- und außerhalb der Weltorganisation, mit dem die Mission begonnen worden war, war vollends verflogen. Niemand hatte einen solchen Verlauf erwartet: UN-Soldaten waren verschleppt, misshandelt und massakriert worden. Der Verzicht auf Gewalt außer zur Selbstverteidigung, eines der Grundprinzipien von Blauhelmeinsätzen, war während des Einsatzes schrittweise aufgehoben worden. ONUC begann als eine traditionell ‚sanfte‘ Mission, die der kongolesischen Regierung mit minimaler Intervention und nur für kurze Zeit unter die Arme greifen sollte. Nach zwei Jahren waren die Vereinten Nationen nicht nur immer noch im Kongo, sondern erzwangen mit dem Einsatz von Leichtbombern und schwer bewaffneten Bodentruppen de facto das Ende der Unabhängigkeitsbestrebungen der Provinz Katanga. Nie zuvor und kaum danach hatten und haben die Vereinten Nationen so stark in die inneren Angelegenheiten eines Mitgliedsstaates eingegriffen wie im Kongo in den 1960er-Jahren. Der Einsatz im Kongo blieb bis zum Ende des Kalten Krieges der letzte Einsatz militärischer Friedenssicherung der UN auf dem afrikanischen Kontinent.

 

Über die überraschende Entwicklung dieser Operation berichtete die internationale Presse ausführlich und fasziniert, so ein Reporter der TIME: "’This operation bears no comparison to anything else in United Nations history‘, said the U.N.'s senior officer in Katanga. Conor Cruise O'Brien was vastly understating the case. In recalcitrant Katanga last week, scattered bands of blue-helmeted troops—Indian, Swedish, Irish—were engaged in a battle to the death with a weird and formidable foe: the troops of Katanga President Moise Tshombe, some of them Baluba warriors smeared with warpaint, led by Europeans and backed by jet fighters.”[3]

 

Die so genannte ‘Kongokrise’, in der sich die UN engagierten, war bereits ohne ihre Beteiligung ein höchst komplexer Konflikt, der einerseits aus der kolonialen Vergangenheit und der Dekolonisation des Landes resultierte. Zugleich gilt er andererseits als eine der heißen Auseinandersetzungen im Kalten Krieg und als Auftakt für dessen Austragung auf dem afrikanischen Kontinent in den folgenden Jahrzehnten. Die ‘Kongokrise’ war sowohl eine lokale wie eine internationale Krise. In ihr überkreuzte und verband sich die Auseinandersetzung zwischen West und Ost im Kalten Krieg mit den Dekolonisationsprozessen in Afrika.

 

Der folgende Artikel soll einen allgemeinen Überblick über die Krise sowie die Geschichte und Hintergründe des UN-Einsatzes geben. Dazu werde ich zunächst auf die Vereinten Nationen zu Beginn des Kongoeinsatzes im Sommer 1960 eingehen, bevor es dann um die Situation im Kongo und eine erste Phase der so genannten ‘Kongokrise’ gehen wird. Der dritte Teil behandelt die Vereinten Nationen als internationales Forum und Akteur in der ‘Kongokrise’. Der vierte Teil befasst sich mit der Schilderung der zweiten Phase des Einsatzes und den Offensiven in Katanga. Und schließlich möchte ich noch kurz auf die Bedingungen des Einsatzes vor Ort und die Wahrnehmung durch die unmittelbar Beteiligten zu sprechen kommen, die eine dritte und häufig vernachlässigte Perspektive auf diesen Einsatz bieten.

 

 

 

1. Die Vereinten Nationen im Sommer 1960

 

Zu Beginn des Einsatzes der Opération des Nations Unies au Congo im Sommer 1960 waren die Organe der Vereinten Nationen am East River in New York ein zentrales Forum internationaler Politik. Die UNO von 1960 unterschied sich dabei in vielen Punkten von der Organisation, die 1945 mit 52 Mitgliedsstaaten gegründet worden war.[4] Gerade in der Zeit von 1955 bis 1965, der zweiten Dekade seit ihrer Gründung, machte die Weltorganisation eine Reihe von grundlegenden Veränderungen durch und stand neuen Herausforderungen gegenüber:

 

Der weltpolitische Hintergrund hatte sich verändert. Neben den Kalten Krieg als weltpolitisch relevante Entwicklung traten in dieser Zeit die rapiden und umfassenden Umwälzungen durch die Dekolonisierungsprozesse auf dem afrikanischen Kontinent. Höhepunkt dieses historischen Wandels war die Erlangung der Unabhängigkeit von 17 Einzelstaaten, darunter auch der Kongo, im „Jahr Afrikas“ 1960.

 

Die Vereinten Nationen wurden mehr und mehr zu einer echten „Weltorganisation“: Während der zweiten Dekade ihrer Geschichte traten insgesamt 42 neue Staaten bei. Damit hatten 1965 mehr als die Hälfte der dann 119 UN-Mitglieder eine koloniale Vergangenheit. Im Forum der Vereinten Nationen setzte das neue Themen auf die Tagesordnung, verschob die Mehrheiten in den UN-Organen und veränderte die Gewichtung der Organe untereinander zugunsten der UN-Generalversammlung. Für den Westen bedeutete es den Verlust seiner bis dahin sicheren Mehrheit. Fragen, die um koloniale Machtausübung und Unabhängigkeitsbestrebungen kreisten, bestimmten von da an immer mehr die Agenda der Weltgemeinschaft und die politischen Konflikte in ihrem Fokus.

 

Vor diesem veränderten und sich stetig weiter verändernden Hintergrund wurde innerhalb wie außerhalb der Vereinten Nationen eine Neubestimmung der Position und der Aufgaben der Weltorganisation diskutiert. Es ging dabei um eine ganze Reihe von Fragen: Was bedeuteten diese neuen Herausforderungen für die internationale Friedenssicherung – die zentrale Aufgabe der Vereinten Nationen – und wie sollte diese gestaltet werden? Waren koloniale Konflikte überhaupt Probleme internationaler Friedenssicherung, oder sollten sie eher als Angelegenheiten nationaler Akteure und ihrer Interessen behandelt werden, an denen die internationale Staatengemeinschaft keinen aktiven Anteil nehmen durfte? Welchen Preis war man bereit, für die Erhaltung des Friedens zu zahlen? Konnte eine Kolonialherrschaft, die zu ihrem Erhalt auf die gewaltsame Unterdrückung der Unabhängigkeitsbewegungen in ihren Kolonien angewiesen war, als „friedlich“ betrachtet werden? Welche Spannungen ergaben sich zu den anderen Grundsätzen der UN-Charta wie der Förderung von sozialem Fortschritt und einem besseren Lebensstandard in größerer Freiheit für alle Völker?[5]

 

Abb.2: Dag Hammarskjöld auf dem Cover des TIME Magazine August 1960

 

Eine zentrale Figur in diesem Prozess der Neuausrichtung der Organisation war UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld. Er genoss 1960 weltweiten Respekt und Anerkennung für seine Erfolge als Vermittler mithilfe seiner preventive diplomacy, die er etwa 1954 bei den Verhandlungen zwischen China und den USA zur Freilassung amerikanischer Soldaten mit Gewinn eingesetzt hatte. Er propagierte eine neutrale, aber starke UN mit international civil servants ohne nationale Bindungen. Die Staatengemeinschaft war zu diesem Zeitpunkt diesem Rollenverständnis durchaus zugeneigt. Das Vertrauen in die Fähigkeiten des Schweden war außerdem derart groß, dass Zeitgenossen gar von einer „leave it to Dag-Mentalität“ in der internationalen Politik sprachen.

 

Auf der Grundlage dieses Vertrauens konnten es die Vereinten Nationen also wagen, eine aktivere Rolle als eigenständiger Akteur bei der Lösung von Konflikten anzustreben. Für das Engagement jenseits der Konferenztische entwickelte man unter Hammarskjölds Federführung das Instrument der militärischen UN-Friedensmission. Erste Erfahrungen mit dem Einsatz von Blauhelmsoldaten wurden bei der ersten militärischen UN-Mission,[6] der United Nations Emergency Force, UNEF I (1956-1967),[7] in der Suezkrise gesammelt. Ihr Einsatz galt 1960 als erfolgreiches Vorbild und erleichterte sicherlich die Entscheidung für eine Mission im Kongo, welche dann ja auch sehr schnell getroffen wurde: Nur drei Tage vergingen zwischen dem Hilfsgesuch der kongolesischen Regierung und der Ankunft der ersten Soldaten in der kongolesischen Hauptstadt Leopoldville (dem heutigen Kinshasa). Der Sicherheitsrat war sich in dieser Frage einig. Und so wurde die erste Resolution zur Einrichtung von ONUC ohne eine einzige Gegenstimme[8] binnen eines Tages beschlossen.

 

Die gemeinsame Hoffnung war, dass das Engagement der Vereinten Nationen ein – sonst wahrscheinliches – direktes Eingreifen der USA oder der Sowjetunion verhindern könne. Einer damit einhergehenden Eskalation des Kalten Krieges in Afrika würde damit vorgebeugt und dem Kongo eine Chance auf eine eigenständige, erfolgreiche Zukunft ermöglicht. Die Mandate vom 14. und 22. Juli 1960 waren hinsichtlich der konkreten Aufgaben der Mission sehr vage formuliert: Sie überließen es dem UN-Generalsekretär, in Absprache mit der kongolesischen Regierung die notwendigen Schritte zu unternehmen, „to provide the Goverment with such military assistance as may be necessary until, through the efforts of the Congolese Government […] the national security forces may be able […] to meet fully their tasks.”[9] Bei der Umsetzung dieser Vorgaben in konkretes Handeln im Kongo wurden allerdings bald die Uneinigkeiten zwischen den Mitgliedern des Sicherheitsrates untereinander und mit dem UN-Generalsekretär deutlich, die die anfängliche Einigkeit schnell ablösten.

 

Der Einsatz im Kongo war in vielerlei Hinsicht als Experiment konzipiert – im engeren wie im weiteren Sinne. Zum einen sollte er der Prüfstein sein für das aktivere Selbstverständnis der Vereinten Nationen vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Dekolonisierung. Das war besonders das Werk des Generalsekretärs. Wie er die Vereinten Nationen und das Ziel von ONUC verstand, beschrieb er gegenüber dem Präsidenten der Republik Guinea, Sekou Touré, in einem Telegramm:

„The strongest support we can have in this great test of the instrument of the independent nations of the world – the United Nations – is the confidence and solidarity of the African States Members, acting with a common purpose, that of maintaining Africa in peace and free of all interferences alien to the African world.”[10]

 

Rolf Edberg betonte daher auch bei der posthumen Verleihung des Friedensnobelpreises an UN-Generalsekretär Hammarskjöld: „Africa was to be the great test for the philosophy he wished to see brought to life through the United Nations.“[11]

 

Zum anderen war es ein ganz praktisches Experiment: Das Instrument der militärischen UN-Intervention selbst war noch neu und in großem Maß von Improvisation geprägt. Zudem war die Kongomission hinsichtlich Personal und Anspruch von Anfang an deutlich größer als ihre Vorgängermission UNEF.[12] Auf die Erfahrungen aus dem Einsatz in der Suezkrise konnte man nur bedingt aufbauen, denn die Herausforderungen in einem Land von der Größe des Kongo mit teils schwierigen klimatischen Bedingungen und zusammenbrechender Infrastruktur waren neuartig und weitgehend unbekannt – zumal sich die von vornherein unübersichtliche Situation täglich zum Negativen zu verändern schien.

 

Mit dem Kongoeinsatz testeten die Vereinten Nationen ganz bewusst aus, wo ihre Grenzen lagen – zu einem Zeitpunkt, als ihnen die Grenzen von den Mitgliedsstaaten besonders weit gesteckt wurden. Die optimistischen Erwartungen an den praktischen Erfolg des Experiments basierten allerdings mehr auf theoretischen Annahmen und Hoffnungen als auf einer Kenntnis der Lage im Kongo, wie Brian Urquhart, einer der engsten Berater Hammarskjölds , später im Rückblick erklärte: “In the first place, I don’t think anybody understood what was at stake in the Congo when we got in – certainly I didn’t and I’m pretty sure that Hammarskjöld didn’t.”[13]

 

Was war nun also im Kongo geschehen, und wie sah die Situation aus, in der die ersten UN-Soldaten in der Hauptstadt Leopoldville eintrafen? Zum besseren Verständnis sind im Folgenden auch einige allgemeinere Ausführungen über den Kongo und seine koloniale Vergangenheit nötig.

 

 

 

2. Der Beginn der ‘Kongokrise’

 

Am 30. Juni 1960 fanden die Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit der jungen Republik Kongo in der Hauptstadt Leopoldville statt. Der künftige Staatspräsident Joseph Kasavubu hatte, ganz nach Protokoll, in einer ergebenen Rede seinen Dank an die vormalige Kolonialmacht Belgien ausgedrückt, als der neue Premierminister Patrice Lumumba die Bühne betrat und zur Empörung der belgischen Gäste mit flammenden Worten die Ungerechtigkeiten der Kolonialherrschaft anprangerte und ihre Opfer beklagte. Diese berühmte Rede Lumumbas markiert den Beginn der offiziellen Geschichte eines nachkolonialen, unabhängigen Kongo.

 

Die Kolonialherrschaft der Belgier im Kongo war bis dahin in der Tat eine der repressivsten auf dem Kontinent gewesen. Die sogenannten Kongogräuel, also der beispiellos brutale Umgang mit der kongolesischen Bevölkerung unter der Herrschaft des belgischen Königs Leopold II., dem der Kongo seit der Berliner Afrika-Konferenz von 1885 als Privatbesitz gehörte, hatten weltweite Empörung ausgelöst. Der Kongo war nicht zuletzt in Reaktion auf diese skandalösen Zustände 1908 in eine Kolonie des belgischen Staates umgewandelt worden. Aber auch dieses zweite Kolonialsystem zeichnete sich durch systematischen militärischen und administrativen Zwang aus. Europäische Wirtschaftsunternehmen beuteten unter Verwendung kongolesischer Zwangsarbeiter die immensen Bodenschätze des Landes aus. Der kongolesischen Bevölkerung blieb bis Ende der 1950er-Jahre nahezu jede Teilhabe an der Verwaltung oder Politik der Kolonie verschlossen.[14]

 

Nach Vorstellung der belgischen Administration war dieses Kolonialsystem auf lange Dauer angelegt. Auch im Verlauf der 1950er Jahre, als andere Kolonialmächte auf dem Kontinent erste Vorbereitungen für einen kontrollierten Übergang ihrer Kolonien in die Unabhängigkeit trafen, blieb im Kongo alles beim Alten. Während andere afrikanische Länder in einem allmählichen Prozess zu ihrer Unabhängigkeit gelangten, muss man bei der Dekolonisation des Kongo eher von einem abrupten Wechsel sprechen, für dessen Vorbereitung kaum Zeit blieb.

 

Was den Fall Kongo im Vergleich mit anderen afrikanischen Staaten so besonders macht, ist – neben der besonders repressiven Kolonialherrschaft Belgiens und dem schnellen Weg zur Dekolonisation – seine geostrategisch und wirtschaftlich potenziell weltpolitische Bedeutung als ein an Bodenschätzen immens reiches Land von der Größe Westeuropas im Herzen des subsaharischen Afrika. Belgien hatte seine Kolonie erfolgreich als ‚Musterkolonie‘ propagiert. Auch deswegen verband sich großes internationales Interesse mit hohen Erwartungen an die Zukunft dieses Landes. Dabei war das Wissen der internationalen Beobachter über die realen Verhältnisse im Kongo recht gering und die Überraschung daher groß, als das Land schnell im Chaos versank.

 

Die Situation eskalierte in der jungen Republik mit dem Tag der Unabhängigkeit. Die Armee meuterte gegen ihre belgischen Befehlshaber. Unruhen griffen um sich. Administration und Infrastruktur brachen immer mehr zusammen. Während der Kolonialzeit waren nahezu alle Positionen in öffentlichen Einrichtungen durch belgisches Personal besetzt gewesen. Jetzt fehlten die ausgebildeten kongolesischen Arbeitskräfte, die diese schnell hätten ersetzen können. Die kongolesische Regierung befand sich in einer Zwickmühle: Einerseits sollten so schnell als möglich alle Belgier das Land verlassen, andererseits waren nahezu alle wichtigen Infrastrukturen ohne sie kaum funktionsfähig. Vor allem aus der Hauptstadt Leopoldville kamen immer mehr Berichte über bürgerkriegsähnliche Zustände und es breitete sich Panik unter der weißen Bevölkerung aus. Die internationalen Medien verfolgten die Vorgänge im Kongo intensiv und prägten schnell den Begriff der „Kongokrise“. Belgien schickte nun zum Schutz der weißen Bevölkerung Truppen direkt nach deren Abzug zurück ins Land – allerdings ohne dies mit der kongolesischen Regierung abzustimmen. Premierminister Lumumba und Staatspräsident Kasavubu protestierten gegen dieses eigenmächtige Vorgehen der ehemaligen Kolonialmacht. Sie wandten sich jetzt, nur knapp zwei Wochen nach der Unabhängigkeit an die internationale Staatengemeinschaft mit der Bitte um Hilfe gegen diesen belgischen ‚Angriff auf einen souveränen Staat‘. Dies gab die völkerrechtliche Legitimation für die Entscheidung, UN-Soldaten in den Kongo zu entsenden. Ihr Mandat lautete entsprechend: Sie sollten den Abzug der belgischen Soldaten überwachen und daneben für eine Beruhigung der Situation sorgen. Dahinter stand auch die Absicht, mit dem Engagement der Vereinten Nationen die innerkongolesische Eskalation zumindest abzumildern und einer Intervention von Seiten der USA oder der Sowjetunion und damit einer Eskalation des Kalten Krieges zuvorzukommen. Zwei Tage nach dem kongolesischen Hilfsgesuch waren die ersten Soldaten unter UN-Flagge in der kongolesischen Hauptstadt.

 

Der neue Staat hatte schlechte Startvoraussetzungen. Das lag zum großen Teil an dem Erbe eines stark auf Belgien ausgerichteten Kolonialsystems. Es hinterließ dem Kongo Strukturen, die den Bedürfnissen eines unabhängigen Staates nicht gerecht wurden, weil sie vorrangig an jenen der belgischen Kolonialmacht orientiert waren und nun zudem durch ein Staatssystem ersetzt wurden, das sich am fernen belgischen Staatsmodell orientierte. Außerdem wurde das neue System gewissermaßen im Hauruckverfahren implementiert: Nur eine verschwindend kurze Übergangsphase von wenigen Monaten lag zwischen den Beschlüssen an den runden Tischen in Brüssel und der Unabhängigkeit. Über einige zentrale Fragen, etwa bei der wirtschaftlichen Verfassung, war überhaupt nicht entschieden worden. Zunächst handelte es sich bei der ‘Kongokrise’ also um eine Dekolonisierungskrise: Schwierigkeiten eines jungen Staates mit der kaum vergangenen kolonialen Herrschaft, wie sie auch in anderen gerade unabhängig gewordenen ehemaligen Kolonien zu beobachten waren.

 

Die ‚Kongokrise‘ wird in aller Regel aber in ein anderes Narrativ eingeordnet, das des Kalten Krieges, in dem die ‚Kongokrise‘ als eine seiner „gravierendsten Krisen“ gedeutet wird.[15] Die Krise im Kongo gilt in diesem Kontext als Auftakt des aktiven Engagements der beiden Supermächte USA und Sowjetunion auf dem afrikanischen Kontinent im Lauf der nächsten Jahrzehnte. Hauptperson in den Ereignissen während der Monate nach der Unabhängigkeit und tragische Figur in diesem dramatischen Narrativ war der erste Ministerpräsident des Kongo, Patrice Lumumba. Für die internationale Öffentlichkeit wurde er zum Gesicht des unabhängigen Kongo.

 

Abb. 3: Patrice Lumumba in New York

 

Der charismatische Premier mit einem legendären rhetorischen Talent und “fire-breathing spirit”[16] war keineswegs unumstritten. Als Vorsitzender der einzigen kongoweit vertretenen Partei MNC (Mouvement National Congolais) war er der Nationalist unter den kongolesischen Führungspolitikern, die sich in der Regel auf regional-ethnische Allianzen stützen – ein Nachteil für Lumumba im innerkongolesischen Machtkampf. Für die Belgier, sowohl im Kongo als auch in Belgien, war er spätestens seit seiner Rede anlässlich der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten und seiner Weigerung, der scheidenden Kolonialmacht die Anerkennung zu zollen, die diese verdient zu haben glaubte, eine persona non grata. Die UN-Beamten vor Ort und UN-Generalsekretär Hammarskjöld schätzten sein impulsives Wesen wenig, zumal Lumumba die UN-Truppen stärker für die Ziele seiner Regierung einsetzen wollte, was man ihm mit dem Hinweis auf die Neutralität der Operation verweigerte. Die USA brachte er massiv gegen sich auf, als er andeutete, zum Wohle seines Landes auch sowjetische Hilfe anzunehmen. Der Nationalist Lumumba wurde in den westlichen Medien zur „roten Bestie“ stilisiert. Die CIA verfolgte konkrete Pläne zu seiner 'Beseitigung'.[17]

 

Nach wenigen Wochen im Amt wurde Lumumba im September 1960 durch einen Coup von Staatspräsident Kasavubu und dem Chef des Militärs, Joseph Désiré Mobutu, gestürzt – Mobutu sollte einige Jahre später als Mobutu Sese Seko zum Diktator des bald in Zaire umbenannten Kongos werden. Nach einer missglückten Flucht aus Leopoldville wurde Patrice Lumumba im Januar 1961 in der Hauptstadt der südlichen Provinz Katanga erschossen.[18]

 

Offenbar waren die Wahrnehmung der Ereignisse und Akteure im Kongo und deren Einordnung in das eine oder andere Interpretationsschema durch die internationalen Beobachter ein entscheidender Faktor für die Entwicklung der Ereignisse im Kongo. Nur angesichts der erfolgreichen, öffentlich vermittelten Darstellung Lumumbas als „rote Bestie“, „Teufel mit Spitzbart“ oder aber „schwarzer Messias“, Held der antikolonialen und panafrikanischen Bewegung und „Märtyrer Afrikas“ lassen sich die divergierenden Haltungen zu seiner Person nachvollziehen: Die internationalen Bemühungen zu seiner Entmachtung und Ermordung, die Reaktionen auf die Nachricht von seinem Tod und die Tatsache, dass er bis heute als Symbol für die Hoffnungen und Ängste im Kalten Krieg und des afrikanischen Freiheitskampfes gilt. Exemplarisch für den letzten Punkt ist auch die Bildauswahl der Herausgeber zum Frontispiz dieses Themenschwerpunkts, auf dem Lumumba, kenntlich durch Hornbrille und Spitzbart, für ganz Afrika steht:

 

Abb. 4: Frontispiz des Themenschwerpunkts

 

Als zweiter wichtiger Punkt wird angesichts der so genannten „Lumumba-Affäre“ auch deutlich, dass die ‘Kongokrise’ weder nur als Dekolonisierungskrise oder als rein kongolesische Krise, noch allein als Auseinandersetzung des Kalten Kriegs interpretiert werden kann. Sie hat ihren Platz in jedem dieser Narrative; eine isolierte Analyse jedoch würde der Komplexität der Vorgänge nicht gerecht werden, in denen sich lokale Konflikte mit internationalen Auseinandersetzungen vermengten. Anders als die Bezeichnung ‘Kongokrise’ vermittelt, betraf sie eben nicht nur das Land Kongo und seine Bevölkerung. Neben den lokal-kongolesischen Schauplätzen wurde sie auch auf dem Parkett der Vereinten Nationen und in den Regierungssitzen in Washington, Brüssel, Paris, London oder Moskau ausgetragen.

 

Beide Ebenen verbanden sich durch die konkrete Einflussnahme internationaler Akteure vor Ort, darunter die UN-Mission ONUC mit ihrem militärischen und zivilen Personal. Daneben tummelten sich vor allem in der Hauptstadt Leopoldville ein umfangreicher Pressekorps, Botschaftsangestellte vieler Länder, europäische Vertreter von Wirtschaftsunternehmen und die offen oder verdeckt arbeitenden Geheimdienstvertreter, besonders der CIA und des KGB.

 

Das besonders große internationale Interesse und Engagement war dabei aber nicht nur durch ein Interesse am Kongo an sich motiviert. Es galt auch seiner exemplarischen Bedeutung für die Zukunft des afrikanischen Kontinents im Kontext des Kalten Krieges wie der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus. In den Aussagen der Akteure wird immer wieder deutlich, dass die Krise im Kongo als ein Angelpunkt galt, an dem man den zukünftigen Weg ganz Afrikas ablesen und entscheidend beeinflussen könnte. In mancher Hinsicht mag die ‚Kongokrise‘ sogar einen größeren Einfluss auf die internationale Politik ausgeübt haben als auf Teile der kongolesischen Bevölkerung abseits der großen Städte, die von den politischen Erschütterungen in der Hauptstadt nicht oder nur kaum erreicht worden waren.

 

 

 

3. Die Vereinten Nationen als internationales Forum und Akteur der ‘Kongokrise’

 

In den Organen der Vereinten Nationen fand diese weltpolitische Auseinandersetzung ihr internationales Forum. Dabei waren die Koalitionen nicht so eindeutig, wie man vermuten könnte – und wie es Chruschtschow offenbar erwartet hatte, als er zur 15. Sitzung der Generalversammlung im September 1960 aufbrach.[19] Nikita Chruschtschow nutzte hier die zunehmende Kritik, die am Verlauf der Kongo-Operation aufgekommen war, um seinen Vorschlag vorzubringen, Hammarskjöld solle ab- und durch eine Troika an der Spitze der Weltorganisation ersetzt werden. Dies gab dem Schweden Anlass, in seiner Replik sein Verständnis der Vereinten Nationen als „instrument of the independent nations of the world“,[20] vor allem der kleineren und weniger machtvollen Staaten auf den Punkt zu bringen und die Rücktrittsforderungen der Sowjets unter lautem Beifall abzulehnen. Chruschtschow verlieh seinem Ärger medienwirksam durch lautes Poltern mit den Fäusten auf dem Pult Ausdruck. Eine solide Koalition der afrikanischen Länder und anderer ehemaliger Kolonien mit der Sowjetunion kam nicht zustande.

 

Neben den beiden Blockmächten des Kalten Krieges und den Kolonialmächten nahmen auch die blockfreien Staaten, die ehemaligen Kolonien und afrikanischen Nachbarländer regen Anteil an den Debatten über ONUC. Insbesondere die letztgenannten Nationen sind bei einer Betrachtung des UN-Einsatzes im Kongo von besonderer Relevanz, denn ihr Engagement beschränkte sich nicht auf Debatten im internationalen Forum der UN. Sie waren vielmehr in großer Mehrheit auch die truppenstellenden Länder für ONUC (Troop Contributing Countries – TCCs). Insgesamt war die Kongomission nicht nur von der Truppenstärke her eine der größten Missionen der UN-Geschichte, sondern auch mit Blick auf die Anzahl der beitragenden Länder. Im Verlauf der Mission beteiligten sich 39 Staaten – mehr als ein Drittel aller Mitgliedsländer – aktiv an deren Ausstattung mit militärischen oder logistischen Mitteln. Der anfängliche Enthusiasmus für dieses Unternehmen zeigt sich nicht zuletzt in dieser Bereitschaft zur aktiven Unterstützung. Erstes Prinzip bei der Zusammenstellung der Teilnehmerländer war – neben dem Ausschluss der USA, der Sowjetunion und ehemaliger oder aktueller Kolonialmächte – die geografisch und politisch ausgewogene Repräsentation des afrikanischen Kontinents. Es sollte eine 'afrikanische Operation' sein. Dazu kamen praktische Erwägungen, weshalb auch einige wenige europäische Mittelstaaten, wie Schweden und Irland, vertreten waren. Die Länder, die ihre Soldaten in den Kongo schickten, waren an der Lage vor Ort nun natürlich noch stärker und konkreter interessiert und nahmen Einfluss auf den UN-Generalsekretär und die operative Planung.[21]

 

Nach dem Tod Lumumbas zogen eine Reihe von Staaten ihre Truppen aus Protest von der UN-Mission ab.[22] An ihre Stelle traten andere UN-Mitgliedsstaaten; vor allem Indien wurde jetzt der größte Truppensteller für ONUC. Durch die stärkere Teilnahme asiatischer und südamerikanischer Staaten war ONUC damit aber nun keine allein 'afrikanische' Mission mehr.

 

Abb. 5: eine Aufstellung der truppenstellenden Nationen (TCCs) von ONUC

 

Wenn man Organisation und Aufbau von ONUC betrachtet, unterschied sich die Kongomission im Prinzip kaum von nachfolgenden UN-Friedensmissionen. An der Spitze der Operation stand der UN-Generalsekretär. Er setzte mit Hilfe von Beratern und dem Sekretariatspersonal die Vorgaben der Mandate in Organisation und Handlungsvorgaben um. Ein ziviler Special Representative of the Secretary-General (im Kongo später Head of Mission genannt) leitete die Operation vor Ort. Ihm unterstanden dabei sowohl der zivile wie militärische Teil der Mission. Die Festlegung der Rahmenbedingungen der Mission lag aber in den Händen der UN-Mitgliedsstaaten. Diese entschieden in Resolutionen in den UN-Organen über die völkerrechtliche Verfasstheit und die finanzielle und materielle Ausstattung der Mission. Dabei waren – wie heute noch – die realen Bedürfnisse der Truppen nicht die einzige und häufig nicht die wichtigste Grundlage der Entscheidungen. Stattdessen ging es viel um politisches Taktieren und Koalieren.

 

 

 

4. „Saying 'no' to both sides“[23] – Die zweite Phase des Kongoeinsatzes

 

Als sich im Lauf der Monate die verschiedenen Erwartungen in die Operation nicht zu erfüllen schienen, sich die Situation im Kongo nicht wesentlich verbesserte und schließlich der Held der antikolonialen Bewegung, Lumumba, noch dazu „vor den Augen der Vereinten Nationen“ seinen gewaltsamen Tod fand, erreichte die internationale Kritik in den Vereinten Nationen einen Höhepunkt. Für die einen ging das Engagement der UN-Truppen zu weit, für die anderen nicht weit genug. Zwar war man sich zu Beginn einig in der Erwartung gewesen, dass eine UN-Operation die Lage zum Positiven verbessern würde. Das bedeutete aber nicht, dass man sich einig darüber war, worin das Kernproblem des Kongo bestand, wie dieses mit Hilfe der UN zu lösen sei und wie diese „positive Veränderung“ aussehen sollte. Unterschiedliche Auffassungen herrschten auch über die Einschätzung der Aufgaben, Fähigkeiten und Operationsmöglichkeiten von ONUC. Die Nachrichten über immer neue, unerwartete Entwicklungen im Kongo spitzten die Lage noch zu.

 

Es wurde zu diesem Zeitpunkt außerdem immer klarer, dass sich die Operation in einem Dilemma befand, was ihre Grundprinzipien betraf. Hammarskjöld hatte den folgenden Prinzipienkatalog auf Grundlage der Erfahrungen in der ersten UN-Friedensmission UNEF entwickelt. Er gilt mehr oder minder bis heute:

1. Das Konsensprinzip: UN-Blauhelme können nur mit dem Einverständnis der politischen Führung des Einsatzlandes bzw. der offiziellen Konfliktparteien stationiert werden.

2. Das Prinzip der Unparteilichkeit und des Nicht-Eingreifens in innere Angelegenheiten des Staates.

3. Das Prinzip, Gewalt lediglich als letztes Mittel zur Selbstverteidigung zuzulassen.

4. Das Prinzip der absoluten Bewegungsfreiheit für die UN-Truppen, die die Konfliktparteien im Einsatzland zu gewährleisten hatten.

5. Das Prinzip der neutralen Truppenzusammensetzung. Weder dürfen die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates noch solche Staaten in der UN-Truppe vertreten sein, die eigene Interessen mit dem Konfliktland verbinden, bzw. deren Einsatz eine ernsthafte Provokation für das Einsatzland darstellen würde.

 

ONUC hatte nun anfangs unter Beachtung der Prinzipien der Nicht-Einmischung und der Unparteilichkeit eher im Hintergrund agiert und sich damit der heftigen Kritik Lumumbas ausgesetzt. Es hatte sich aber gezeigt, dass das Handeln nach der Vorgabe der oben genannten Prinzipien durchaus den gegenteiligen Effekt haben konnte: So hatte die Befolgung des Prinzips der Unparteilichkeit mittelbar zum Erfolg des Putsches gegen Lumumba geführt. Nach Lumumbas Tod war die politische Stabilität im Land außerdem noch prekärer als zuvor. Die UN-Mission befand sich in einer ständigen Überforderungssituation, denn sie war nun im Grunde die einzige landesweit organisierte Ordnungsinstanz. Auch gewaltsame Übergriffe auf UN-Soldaten nahmen zu.

 

Wie ließ sich nun unterscheiden, was in dieser Situation richtiges Handeln zur Erfüllung der vom Mandat gesetzten Aufgabe einerseits und was illegitime Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Staates andererseits war? Niemand schien zufrieden, und die UN wurde von allen Seiten mit Vorwürfen konfrontiert: “We were being portrayed all over the world by them as communist destroyers of a great established peaceful colonial empire. At the same time we were being described by the Soviet Union as imperialist running dogs of the CIA.”[24] Die Brisanz der Kongomission führte dazu, dass sich der UN-Generalsekretär kaum noch mit anderen Fragen beschäftigte konnte: Nahezu alle öffentlichen Äußerungen Hammarskjölds seit dem Sommer 1960 hatten die Kongomission zum Thema.[25]

Neben und nach der ‚Lumumba-Affäre‘ waren die Sezessionsbestrebungen der Provinz Katanga das zweite bestimmende Thema der ‚Kongokrise‘ und der Kongomission. Die große Provinz im Süden hatte sich unmittelbar nach der Unabhängigkeit des Kongos im Sommer 1960 selbst für unabhängig erklärt. Das war für die Regierung in Leopoldville nicht akzeptabel – aus politischen Gründen, vor allem aber auch aus wirtschaftlichen Erwägungen: Der Kongo war und ist eines der rohstoffreichsten Länder der Erde. Dabei konzentrieren sich über 65% der immensen Bodenschätze von Kupfer, Kobalt, Zinn, Uran und Gold in Katanga. In der Kolonialzeit waren hier einige wenige europäische Mammutunternehmen entstanden, die den Bergbau gestützt auf kongolesische Zwangsarbeiter betrieben, dabei ungeheure Gewinne erzielten und dem Kongo einen der vorderen Plätze auf dem Weltmarkt sicherten. Eines dieser Unternehmen, die Union Minière du Haut-Katanga hatte so unter anderem die USA mit Uran aus Katanga zum Bau der Atombomben über Nagasaki und Hiroshima versorgt. Allein ihre Staatsabgaben sollen in den 1950er-Jahren durchschnittlich 27 Prozent der jährlichen Gesamteinnahmen der gesamten Kolonie ausgemacht haben.[26]

 

In der Provinz hatte sich seit dem Ende der belgischen Kolonialherrschaft wenig verändert. Es hatte kaum Unruhen gegeben und die europäischen Bergbauunternehmen führten ihre Arbeit ohne Unterbrechung und nahezu unverändert weiter fort. Moise Tshombé an der Spitze der Provinzregierung Katangas betonte den Anspruch der Provinz auf Eigenständigkeit und nutzte dabei auch die Hilfe von belgischen ‚Beratern‘ und Militärs. Die Interessen der vor allem belgischen, aber auch französischen oder britischen Unternehmer waren für diese Entwicklung wohl auch nicht unerheblich.

 

Abb. 6: Moise Tshombé auf dem Cover des TIME Magazine Dezember 1961

 

Zu Beginn hatte sich die UN sich auch hier abwartend verhalten und dem Drängen Lumumbas auf Intervention in der Provinz widerstanden. Zugleich hatte der UN-Generalsekretär wiederholt an den UN-Sicherheitsrat appelliert, den veränderten Bedingungen im Kongo mit neuen Mandaten für ONUC Rechnung zu tragen. Man war sich hier zwar einig, dass dringender Handlungsbedarf bestand, aber keiner der vorgestellten Entwürfe erreichte die notwendige Zustimmung. Erst im Frühjahr 1961 konnten sich die Mitgliedsstaaten in New York auf ein neues Mandat für ONUC einigen. Ursprüngliche Aufgaben von ONUC, wie sie die Mandate formuliert hatten, waren die Bewahrung von Ruhe und Ordnung und die Kontrolle des belgischen Abzugs gewesen. Dieser war mittlerweile beendet. Nun verstand man es als Aufgabe der UN-Mission, sich um die aktive Ausweisung anderer nicht kongolesischer Kampfeinheiten zu bemühen. Es ging konkret um die in Katanga tätigen Söldner und belgischen „Berater“ im Dienste Tshombés. Deren Ausweisung sollte den Konflikt auf den Kongo beschränken und die Lage beruhigen. In den Mandaten von 1961 wurden als Aufgaben von ONUC darüber hinaus nun auch die Verhinderung von Bürgerkrieg und die Bewahrung der territorialen Integrität und politischen Unabhängigkeit des Landes genannt. Hierzu wurde jetzt auch der Gebrauch von „force if necessary“ erlaubt.[27] Damit war das Gebot zum Gewaltverzicht der Blauhelmsoldaten teilweise aufgehoben. Ab dem Sommer 1961 unternahm die UN-Mission verstärkt militärische Offensiven in Katanga. Diese Maßnahmen waren unterschiedlich erfolgreich, führten aber im Ganzen zu keiner grundlegenden Veränderung der Situation.

 

Der plötzliche Tod des UN-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld am 18. September 1961 durch den bis heute nicht völlig aufgeklärten Absturz seines Flugzeugs auf dem Weg zu diplomatischen Verhandlungen mit Tshombé war dann ein Schock. Mit der Wahl des Birmesen U Thant zum Nachfolger Hammarskjölds als UN-Generalsekretär trugen die Vereinten Nationen auch bei der Besetzung ihres höchsten Amtes den oben geschilderten Veränderungen innerhalb und außerhalb der Weltorganisation Rechnung. Unter U Thant erweiterte der Sicherheitsrat das Mandat des Kongoeinsatzes ein weiteres Mal. Nun war es den UN-Truppen erlaubt, „to take vigorous action including the requisite measures of force“.[28] U Thant billigte nun ein massives militärisches Engagement der UN in Katanga, das 1962 auch den Einsatz schwerer militärischer Mittel der Luft- und Bodenstreitkräfte umfasste. Das bedeutete den Einsatz von Jet-Bombern über Katanga und Straßenkämpfe in der Provinzhauptstadt Elisabethville (dem heutigen Lubumbashi). De facto bedeutete das die Zerschlagung der Unabhängigkeitsbestrebungen dieser Provinz durch die Vereinten Nationen.

 

Ende 1962 war die Provinz Katanga wieder vollständig in die Republik Kongo eingegliedert. Die Situation im Kongo beruhigte sich nun, ohne sich aber vollständig zu stabilisieren. Die politische Krise war mit der Einigung auf eine westlich orientierte Regierung unter Cyrille Adoula ebenfalls bis auf weiteres abgewendet worden. Im Vordergrund standen für die Einsatzleitung nach der Beendigung der Katangaoffensiven der langsame Rückzug und eine Reduzierung der UN-Truppen bis zum Abzug im Juni 1964. Das geschah auch aus finanziellen Gründen: Die Operation im Kongo war ungemein kostspielig und die Vereinten Nationen hatten zunehmend Probleme, ONUC zu finanzieren. Am Ende hatte hatten die vier Jahre im Kongo eine Gesamtsumme von über 400 Millionen US-Dollar[29] verschlungen.

 

 

 

5. Die Erfahrungen der Vereinten Nationen im “blazing inferno of the Congo”[30]

 

Abschließend soll es nun um die Situation und die Erfahrungen von Beteiligten der UN-Operation am Schauplatz im Kongo gehen. Um den Fortgang der Mission nachvollziehen zu können, ist meines Erachtens nicht nur die Unterscheidung zwischen den Vertretern der Mitgliedsstaaten in den UN-Organen auf der einen, den UN-Beamten um den UN-Generalsekretär auf der anderen Seite – also die Unterscheidung zwischen der Doppelfunktion der Vereinten Nationen als Forum und Akteur – von zentraler Bedeutung. Ähnlich wichtig ist die analytische Trennung zwischen dem Hauptquartier in New York und dem Einsatzort mit seinen Bedingungen und Akteuren. Die Einsatzbedingungen im Kongo waren aufgrund der Schnelligkeit der Stationierung, der Zusammensetzung der Truppen und der Grundbedingungen im Kongo eine besondere Herausforderung.

 

Dies galt an erster Stelle auch für die geografischen Rahmenbedingungen, also die schiere Größe und die klimatischen Bedingungen des Landes im Zentrum des afrikanischen Kontinents. Mit 2.344.000 km² ist der Kongo heute knapp nach dem Sudan und Algerien der drittgrößte Flächenstaat Afrikas. Das entspricht im Vergleich etwa der achtzigfachen Größe des ehemaligen Kolonialherren Belgien, und die logistischen Probleme der ONUC waren enorm.

 

Über dieses Land wusste man wenig: “Well, few of us even knew where the Congo was. I went there at three hours notice the day the thing was decided on, and I was under the impression that the Congo was on the Indian Ocean. I'd never been to Africa before except for North Africa during the war, and I was much surprised when I got to Leopoldville to discover it was on the Atlantic. That's how prepared we were.”[31] Man mag Urquhart diese Unkenntnis abnehmen oder nicht, sein Zitat vermittelt in jedem Fall einen Eindruck von den Wahrnehmungen der unmittelbar Beteiligten, als sie sich im “blazing inferno of the Congo”[32] wiederfanden. Brian Urquhart, Veteran des Zweiten Weltkrieges, 1945 unmittelbar am Aufbau der Vereinten Nationen in New York beteiligt, Mitarchitekt der ersten UN-Mission UNEF und “Erfinder” der “Blauhelme” als Erkennungszeichen der UN-Friedenssoldaten, erlebte den Kongo als eine 'andere Welt'[33]. Er diente der Mission nicht zuletzt als Leiter der Mission in Katanga. Er erinnert sich an die Zeit zu Beginn: “things seemed completely out of control in that very large and, at that time, very strange country”; und: “The Congo was great fun. Life in Leopoldville was just one emergency after another, 24 hours a day.”[34]

 

Es gab eine deutliche Diskrepanz zwischen den politisch bestimmten Rahmenbedingungen und völkerrechtlichen Mandaten und Befehlen aus New York mit der Einsatzwirklichkeit vor Ort. Oft war die Befehlskette unterbrochen und New York erfuhr erst im Nachhinein, welche Entscheidungen die Verantwortlichen vor Ort getroffen hatten. In den UN-Organen und vor der internationalen Presse war es dann am Generalsekretär, diese Entscheidungen als völkerrechtlich legitimiert und als im Einklang mit dem Mandat darzustellen.

 

Die Arbeitsbedingungen waren höchst provisorisch und stellenweise primitiv. Es gab immer wieder Probleme mit der Infrastruktur. Das betont auch Sture Linner: Es war „a country where communications didn't work, where planes weren't available, and where everything had broken down. That is something in 1990 that nobody with all their intellectual brilliancy could possibly understand the working circumstances.”[35]

 

Linner war bereits seit der Unabhängigkeit im Kongo. Der UN-Generalsekretär hatte seinen Studienfreund aus Uppsala als seinen Stellvertreter zu den Feierlichkeiten am 30. Juni entsandt. Er war geblieben und diente der Mission in verschiedenen Positionen, unter anderem als Officer in Charge, als Leiter der gesamten Mission[36]

 

Man kann nur erahnen, welchen Einfluss die Einsatzbedingungen auf die Soldaten und ihre Arbeit hatten. Während der militärischen Offensiven in Katanga waren sie besonders prekär: “[O]ur headquarter [...] was under heavy mortar fire around the clock – in fact it began to diminish by about one story every two days, so we kept moving down as they knocked the top off it – which is not necessarily a healthy situation for a UN operation to be in.”[37]

Unter diesen Umständen war es auch nicht möglich, gute PR-Arbeit für die Mission zu leisten: “If you have, as I had during the second round of fighting in Katanga, your headquarters under 24 hour a day mortar fire, very few journalists are going to show up for press conferences.”

Zur Erfüllung seiner Aufgaben musste man improvisieren und sich auch mit unorthodoxen Methoden behelfen: “So, what we did was to steal trucks from the Congolese army who used them for mischief anyway and paint them with the UN emblem. This, of course, was highly unorthodox. [...] For years after I had finished there I remember someone was writing to me about it and asking for receipts and checks and so forth. So, I said to them quite simply, “we stole them. We saved people and that was what the whole thing was about.” We had to get the food to the people. If we had gone along with protocol they would have died, quite simply.”[38]

 

Es waren aber nicht nur die äußeren Bedingungen, sondern gelegentlich auch die UN-Truppen selbst, die für Überraschungen sorgten. Urquhart berichtet von den Kämpfen in Katanga, speziell der indischen Einheit, die die Canberra-Bomber flog: “We had a very unpredictable air component of Indian Canberras who, if you looked away for three minutes, would go and bomb something undesirable. They took tout the post office at one point, for example; it was extremely annoying because all the mail stopped. Things like that. They were completely out of control, and I was very bothered.”[39]

 

Überhaupt muss man die Truppen, ebenso wie einzelne Akteure in Führungspositionen, als eigenständige Akteure mit ihren je eigenen Erwartungen und Prägungen wahrnehmen, die die Zusammenarbeit und die Erfüllung ihrer Aufgaben erleichtern oder erschweren konnten. Ein Problem war die Sprachenvielfalt, ein anderes das Verständnis der Aufgabe als Blauhelme im Allgemeinen und des Mandats im Speziellen. Zu den Prägungen der Soldaten gehörte ihre militärische Ausbildung, die sie auf den Kampf gegen einen klar definierten Feind vorbereitet hatte. Nun waren sie im Kongo als Blauhelme gewissermaßen 'Soldaten ohne Feind' und zur Neutralität und Zurückhaltung verpflichtet. Auch beim militärischen Führungspersonal mangelte es während dieser zweiten Mission der UN-Geschichte durchaus hin und wieder an Verständnis für die neue Rolle als „Soldaten für den Frieden“ von der Hammarskjöld gesagt haben soll: „Peacekeeping is not a job for soldiers, but only soldiers can do it.“[40] 

 

Noch gibt es wenige Erkenntnisse darüber, wie sich die jeweilige nationale Herkunft und Ausbildung der Kontingente auf ihre Arbeit auswirkte. Wahrscheinlich ist aber, darauf deuten auch erste Hinweise in den Quellen hin, dass es keineswegs eine homogene UN-Blauhelm-Identität gab – wie hätte sie sich auch entwickeln sollen? Bisher gibt es nur die Erinnerungen einzelner Teilnehmer, die uns berichten, wie die unterschiedlichen Kontingente unter Kommandeuren wieder anderer Nationalität zusammenarbeiteten oder wo es auch zu Konflikten auf der Grundlage der Herkunft und Prägung kam – etwa zwischen Europäern und Afrikanern.[41] Hautfarbe und Nationalität der Einsatztruppen waren schließlich wohl auch im Kontakt mit der kongolesischen Bevölkerung und den verbliebenen Europäern nicht ohne Bedeutung. Lumumbas Frage war in ihrer Stoßrichtung daher nicht unberechtigt: „Warum sollte ein blau bemalter Helm die Komplexe eines konservativen schwedischen, kanadischen oder britischen Offiziers einfach wegzaubern können? Warum sollte eine blaue Armbinde immun machen gegen rassistische und paternalistische Einstellungen von Leuten, die mit „Afrika“ nicht mehr verbinden als Löwenjagden und Sklavenmärkte und koloniale Eroberung“?[42]

 

Abb. 7: UN-Soldaten unterschiedlicher Nationalität gemeinsam auf Wachtposten in Leopoldville

 

 

6. Fazit

 

Hatten die Vereinten Nationen die „rattlesnake“ des Titelzitats am Ende erfolgreich geheilt? Über eine abschließende Bewertung der Kongomission gingen und gehen die Meinungen auseinander. In der Reaktion der Zeitgenossen dominierte zunächst vor allem der Schock angesichts der unvorhergesehen und dramatischen Entwicklung der Mission: die Verluste an Menschenleben, die massiven Militäreinsätze und die Verschärfung der Mandate, die daraus resultierenden finanziellen Schwierigkeiten und die große internationale Kritik. Neben dieser Überraschung und Bestürzung über die Entwicklung von ONUC stand in der zeitgenössischen Bewertung allerdings oft auch die Anerkennung, dass die Vereinten Nationen – bei allen Schwierigkeiten und Enttäuschungen – tatsächlich eine echte Eskalation des Kalten Krieges auf dem afrikanischen Kontinent und den völligen Staatszerfall verhindert hätten. Immerhin verließen die UN-Truppen im Sommer 1964 ein Land, in dem es nach Monaten des Chaos und politischen Machtvakuums wieder eine zentrale anerkannte kongolesische Regierung gab, die zumindest teilweise auch handlungsfähig war. Der Kongo war 1964 ein politisch unabhängiger Staat, dessen Grenzen unangefochten waren und in dem die internen Unruhen zu diesem Zeitpunkt abgenommen hatten.

 

In der aktuellen, meist politikwissenschaftlichen Forschung zum ersten Kongoeinsatz wird der Einsatz dagegen meist als großer Misserfolg und tragischer Fehlgriff gewertet. Das liegt wohl nicht zuletzt am Wissen um die Geschichte des Landes Zaire bzw. Demokratische Republik Kongo unter der Herrschaft Mobutus und der beiden Präsidenten Kabila von 1964 bis heute. Schon 1965 kam es wieder zu Aufständen und auch nach dem Ende der beiden Kongokriege Mitte und Ende der 1990er-Jahre sind heute Gebiete im Osten des Landes immer noch einer der heißesten Krisenherde der Region. Der stabile und prosperierende unabhängige Kongo, den die Vereinten Nationen bei der Einsetzung von ONUC als Ziel vor Augen hatten, ist nie Wirklichkeit geworden.

 

An ihren eigenen Zielen gemessen ist ONUC jedenfalls sicherlich gescheitert. Diese Ziele waren jedoch weit davon entfernt, realistisch und der Situation im Kongo angemessen zu sein. Hammarskjölds Visionen einer neuen, aktiven UN und einer unabhängigen Zukunft des afrikanischen Kontinents hatten sich in der Praxis nicht bewährt. Man kann jedoch auch nicht von einem völligen Desaster sprechen. Angesichts der Schwierigkeiten und Hindernisse dieser Mission ist es sogar durchaus erstaunlich, wieviel – wenn auch oft durch Improvisation und auf unorthodoxe Weise – bei diesem „very remarkable experiment”[43] der Weltorganisation auch glückte. Für eine wirklich abschließende Beurteilung der ersten UN-Mission im Kongo fehlt es allerdings an einer empirischen Aufarbeitung der Mission, die insbesondere auch die Einsatzsituation im Kongo untersuchen würde.

 

Für die zeithistorische Forschung liefert ONUC neue Perspektiven auf gleich mehrere Forschungsbereiche: Eine Beschäftigung mit der Kongomission der 1960er-Jahre gibt Aufschluss über eine wichtige Umbruchphase in der Geschichte der Vereinten Nationen und hat eine Operation zum Thema, die prägenden Einfluss auf die weitere Geschichte der Organisation hatte. Dieser Einfluss beschränkte sich nicht nur den Bereich der militärischen Friedensoperationen 1956 bis heute – hierfür war sie jedoch ein wichtiger Referenzpunkt und ein frühes Beispiel für die teils traumatischen Erfahrungen der Vereinten Nationen mit Friedensoperationen vor allem in den 1990er Jahren.

 

Eine Beschäftigung mit ONUC erlaubt schließlich eine Untersuchung der zurzeit besonders im Fokus der Forschung stehenden Verflechtungen von Kaltem Krieg und Dekolonisierungsprozessen während einer Phase der Neustrukturierung der internationalen Politik Anfang der 1960er-Jahre auf internationaler wie auf lokaler Ebene. Und schließlich ist ONUC nicht zuletzt ein Kapitel der Geschichte der Demokratischen Republik Kongo und der ‚Kongokrise‘.

 

Die wichtigsten Punkte dieses Artikel zum Schluss noch einmal zusammenfasst: ONUC war das Ergebnis der spezifischen Situation in den Vereinten Nationen zu Beginn der 1960er Jahre. Die Kongomission ist sowohl Ergebnis als auch selbst Ursache von Veränderungen der Weltorganisation zu diesem Zeitpunkt. Sie war Ausdruck einer neu entwickelten Idee der Vereinten Nationen, für die vor allem ihr Generalsekretär Dag Hammarskjöld stand – eine neutrale, auf einem klaren Wertekanon basierte und aktive Organisation, die eine eigene Position, auch gegen die Interessen mächtiger Nationen, vertreten könne. Für Hammarskjöld waren die Vereinten Nationen die Organisation, die wie keine andere Instanz in der Lage sei, viele Probleme der Zeit lösen. Daraus ergab sich für ihn auch die Verpflichtung zum Einsatz.

 

Struktur und Verlauf der Operation im Kongo sind ein Resultat der Konstellationen auf der internationalen Bühne und der Einsatzbedingungen auf lokaler Ebene zu diesem Zeitpunkt – die spezifischen Umstände der ‚Kongokrise‘ und der Einfluss internationaler Interessen und Koalitionen auf die Arbeit der UN und den Verlauf der Krise im Kongo. Die Vereinten Nationen waren zu diesem Zeitpunkt ein zentrales Forum internationaler Politik, zugleich wurde ihnen durch die Staatengemeinschaft ein in der UN-Geschichte einmaliger Handlungsspielraum als eigenständiger Akteur im Kongo eingeräumt. So waren die Vereinten Nationen während der ‚Kongokrise‘ internationale Bühne und Akteur zugleich. Dadurch ergibt sich ein bisher kaum begangener Zugang zur ‚Kongokrise‘ selbst:

 

Die ‚Kongokrise‘ kann nicht allein als Dekolonisierungskrise oder als heiße Phase des Kalten Kriegs interpretiert werden, sondern muss gewissermaßen als eine Schnittstelle des Kalten Krieges und der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus während der Hochphase der Dekolonisierung auf dem afrikanischen Kontinent gesehen werden. Zur vollständigen Darstellung der internationalen Dimension der ‚Kongokrise‘ muss neben das Engagement der USA, der Sowjetunion oder Belgiens, auf das sich die Forschung bislang konzentriert hat, auch das Engagement der Blockfreien, der unabhängigen ehemaligen Kolonien Afrikas, Südamerikas oder Asiens gestellt werden, die ihre Soldaten unter den Befehl des UN-Generalsekretärs stellten und sie im Kongo der unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben aussetzten. Es hat sich gezeigt, dass Rezeption und Interpretation der Ereignisse offenbar eine wichtige Rolle für den Verlauf der Krise – insbesondere für die sogenannte ‚Lumumba-Affäre‘ – spielten. Dabei muss man auch berücksichtigen, dass die kongolesischen Akteure – wie Lumumba, Tshombé oder Mobutu – keine Marionetten der internationalen Mächte waren. Zwar versuchten die USA, die Sowjetunion, Großbritannien oder Belgien auch immer wieder erfolgreich, sich der kongolesischen, politischen Elite zur Durchsetzung ihrer Interessen zu bedienen. Die Handlungsspielräume, die sich für die Kongolesen aus der daraus resultierenden Berechenbarkeit der internationalen Mächte ergaben, konnten Lumumba, Tshombé oder Mobutu jedoch ebenso zur Durchsetzung eigener Interessen nutzen.

 

Vergleicht man ONUC in der längeren zeitlichen Perspektive mit anderen militärischen Interventionen der Vereinten Nationen, so nimmt die Kongomission eine Sonderstellung ein. Der Vergleich macht die in nahezu jeder Hinsicht gewaltigen Dimensionen der Operation deutlich: Zum Zeitpunkt der größten Truppenstärke war ONUC mehr als dreimal so groß wie ihr Vorgänger UNEF und ist bis heute einer der größten Einsätze überhaupt. Die Kongomission zeichnete sich durch eine besonders breite Multinationalität und deshalb Heterogenität sowohl der Truppenteile wie der Kommandostrukturen aus. Mehr als ein Drittel aller UN-Mitgliedsstaaten beteiligten sich an der Ausstattung von ONUC. Einzigartig macht ONUC aber vor allem die Eigendynamik der Mission, die sich von einem klassisch sanften Einsatz hin zu einem der militärisch massivsten Einsätze der UN-Geschichte wandelte, indem die UN in außergewöhnlich massiver Weise in die inneren Angelegenheiten eines ihrer Mitgliedsstaaten eingriff.[44]

 

Als zweiter Einsatz militärischer Friedenssicherung für die Vereinten Nationen überhaupt war ONUC eine große Lernerfahrung. Sie wurde dadurch zu einer Referenz für zukünftige UN-Friedensmissionen. Nach UNEF und ONUC etablierten sich Strukturen, die bis heute bestehen.[45] Es waren aber vor allem die Probleme und unvorhergesehenen Schwierigkeiten bei ONUC, die bei der Entscheidung für künftige Operationen bzw. bei der Organisation beschlossener Missionen eine Rolle spielten. ONUC blieb für die nächsten 26 Jahre der größte UN-Einsatz und einziger UN-Militäreinsatz in Afrika – bis zum Ende des Kalten Krieges und dem neuen Optimismus gegenüber militärischen UN-Friedensmissionen. Dann jedoch musste man in Somalia, in Ruanda oder im Kosovo erleben, dass sich die Erfahrungen des Kongoeinsatz in den 1960er-Jahren zum Teil wiederholten. Wieder stand man vor der schmerzhaften Erkenntnis, wie fatal sich etwa die Intervention in einem binnenstaatlichen Konflikt in einem zusammenbrechenden Staatsgefüge oder ein der Einsatzrealität nicht angemessenes, unzureichendes Mandat während einer UN-Mission auswirken können. Diese Erfahrungen führten einmal mehr vor Augen, dass eine UN-Friedensmission keineswegs automatisch für eine Besserung der Situation sorgen muss – auch wenn die öffentliche Meinung dies immer noch oft annimmt.

 

 


 [1] Aus einem Brief des Friedensnobelpreisträgers und ersten Leiters der UN-Mission im Kongo, Ralph Bunche, aus dem Kongo an seine Frau Ruth am 4. August 1960. Zitiert nach: Brian Urquhart, Ralph Bunche, New York 1993, S. 322.

[2] SC res S/4387, 14. Juli 1960.

[3] O. A., War in Katanga, TIME Magazine, Sep. 22, 1961.

[4] Vgl. für den folgenden Abschnitt immer noch Evan Luard, The age of decolonization 1955-1965, London 1965, S. 1-17.

[5] Erster Artikel der Präambel. http://www.un.org/Depts/german/un_charta/charta.pdf, 12.09.2010.

[6] Die reinen Beobachtermissionen der UN werden nicht zu den militärischen Peacekeeping-Missionen gezählt.

[7] Die Zählung UNEF I (1956-1967) unterscheidet diese erste Mission von ihrem Nachfolger, UNEF II (1973-1979).

[8] Für die Resolution votierten, neben den ständigen Mitgliedern USA und USSR, alle nichtständigen Mitglieder. Das waren zu diesem Zeitpunkt: Argentinien, Ceylon, Ecuador, Italien, Polen und Tunesien. China (Taiwan), Frankreich und Großbritannien enthielten sich der Stimme. Eine zweite, ausführlichere Resolution in gleicher Stoßrichtung, S/4405 vom 22. Juli 1960, wurde einstimmig angenommen. Vgl. Rosalyn Higgins, United Nations peacekeeping 1946-1967. Documents and commentary, Volume 3: Africa, Oxford 1980, S. 15.

[9] S/4387/ 14. Juli 1960.

[10] S/4417/Add. 1, 7. August 1960.

[11] “Acceptance speech by Rolf Edberg, Swedish Ambassador to Norway, on the occasion of the award of the Nobel Peace Prize in Oslo, December 10, 1961”, http://nobelprize.org/nobel_prizes/peace/laureates/1961/hammarskjold-acceptance.html, 10.03.2010.

[12] Maximale Truppenstärke ONUC: knapp 20.000 (Juli 1961); UNEF I: knapp 6100 (Feb. 1957). United Nations Department of Public Information, The blue helmets, New York 1996, S. 344 und 331.

[13] Interview mit Brian Urquhart im Rahmen eines Oral History Projekts der Universität Yale zur Geschichte der Vereinten Nationen aus den 90er Jahren. Protokoll als pdf: http://www.un.org/depts/dhl/dag/docs/history/urquhart6.pdf, 10.04.2010. S. 13.

[14] Vgl. für den folgenden Abschnitt vor allem die hervorragende Darstellung bei Albert Wirz, Krieg in Afrika. Die nachkolonialen Konflikte in Nigeria, Sudan, Tschad und Kongo, Wiesbaden 1982.

[15] Das gilt vor allem für die eher ältere Literatur zur ‚Kongokrise‘ selbst, die mehrheitlich noch während des Kalten Krieges verfasst wurde. Die zitierte Formulierung verwendet aber auch Bernd Stöver in seiner Überblicksdarstellung „Der Kalte Krieg“ von 2003. Bernd Stöver, Der Kalte Krieg, München 2003, S. 358; Auch im im zweiten Band der Reihe „Studien zum Kalten Krieg“, dem Sammelband von Bernd Greiner, Christan Müller und Dierk Walter zu den „Krisen im Kalten Krieg“ ist die ‚Kongokrise‘ Thema eines Beitrags von Sergej Mazow, der sich besonders mit der Beziehung der Sowjetunion mit dem Kongo auseinandersetzt: Sergej Masow, Die Sowjetunion und die Kongokrise 1960 bis 1964. In: Bernd Greiner, Christian Th. Müller, Dierk Walter (Hg.), Krisen im Kalten Krieg, Hamburg 2008, S. 274–296.

[16] Urquhart, vgl. Anm. 14, S. 11.

[17] In den USA liegt mit dem „Church-Bericht“ das Ergebnis einer staatlichen Untersuchung zu den Tätigkeiten der CIA im Kongo vor, der die Pläne zur Ermordung Lumumbas im Detail aufzeigt: U.S. Congress. Senate Selected Committee to Study Government Operations with Respect to Intelligence Activities, „Alleged Assassination Plots Involving Foreign Leaders“. Senate report no 94-465, 94th Congress, 1st session, Washington 1975. Siehe auch die kürzlich erschienenen Erinnerungen des CIA-Agenten Larry Devlin an seine Tätgkeiten im Kongo: Larry Devlin, Chief of station, Congo. Fighting the Cold War in a hot zone, New York 2007.

[18] Zuletzt hat der belgische Soziologe Ludo DeWitte in einer empirisch reichen Arbeit die Beteiligung Belgiens bei Planung und Durchführung des Mordes nachgewiesen. Eine daraufhin eingesetzte Untersuchungskommission der belgischen Regierung bestätigte diese Ergebnisse und stellte eine moralische, wenn auch nicht rechtliche, Verantwortung Belgiens an den Vorgängen fest. Ludo DeWitte, Regierungsauftrag Mord, Leipzig 2001.

[19] Vgl. hierzu z.B Il'ja V. Gajduk, New York, 1960: Die Sowjetunion und die dekolonisierte Welt auf der Fünfzehnten Sitzung der UN-Vollversammlung, in: Andreas Hilger (Hg.), Die Sowjetunion und die Dritte Welt. UdSSR, Staatssozialismus und Antikolonialismus im Kalten Krieg 1945-1991, München 2009, S. 107-120, hier S. 107.

[20] Hammarskjöld an Sekou Touré, vgl. Anm. 11.

[21] Es wurde etwa speziell ein Advisory Commitee des Generalsekretärs für die TCC‘s eingerichtet.

[22] Indonesien, die UAR, Guinea und Marokko zogen ab diesem Zeitpunkt ihre Truppen von ONUC ab. Jugoslawien hatte sich schon bei Bekanntwerden von Lumumbas Verhaftung zum Abzug entschieden und dies bereits umgesetzt.

[23] In einer Rede zitierte der UN Generalsekretär seinen Vater Hjalmar Hammarskjöld, den früheren Premierminister Schwedens (1914–1917), mit dem Satz: “Neutrality is not saying 'yes' to both sides, but saying 'no' to both sides.” Zitiert nach: Emery Kelen, Hammarskjöld, New York 1966, S. 34.

[24] Urquhart. Vgl. Anm. 14, S. 14. Der erste Vorwurf im Zitat wird von Seiten eines katangesischen Bergbauunternehmens in europäischer Hand erhoben. Siehe zur Union Minière den nächsten Textabschnitt.

[25] Andrew Cordier (Hg.), Public papers of the Secretaries-General of the United Nations, Vol. V Dag Hammarskjöld 1960-1961, New York 1975.

[26] Vgl. Wirz, Krieg in Afrika, S. 443.

[27] S/161 (1961).

[28] S/169 (1961).

[29] Higgins, United Nations Peacekeeping, Africa, S. 303. Nach S/5784, 29 June 1964, para.130.

[30] Thomas Kanza, Conflict in the Congo. The rise and fall of Lumumba, Harmondsworth 1972, S. 8.

[32] Thomas Kanza, Conflict in the Congo. The rise and fall of Lumumba, Harmondsworth 1972, S. 8.

[33] “It’s a whole world all by itself, the Congo.” Urquhart, vgl. Anm. 14, S. 19.

[34] Interview mit Brian Urquhart (aus der gleichen Interviewserie, vgl. Anm. 14), http://www.un.org/depts/dhl/dag/docs/history/urquhart5.pdf, 13.04.2010, S. 2 und S. 9.

[35] Interview mit Sture Linner, Protokoll als pdf: http://www.un.org/depts/dhl/dag/docs/history/linner.pdf, 13.04.2010, S. 17. Das Interview wurde 1990 aufgezeichnet. Hier wie in den folgenden Abschnitten greife ich immer wieder auf Zitate aus Interviews zurück, die unter anderen mit Brian Urquhart und Sture Linner im Rahmen des United Nations Oral History Projects an der Universität Yale durchgeführt wurden. Diese Zitate sollen in erster Linie ein Stimmungsbild und einen Eindruck der Bedingungen vor Ort vermitteln, wie sie die direkt Betroffenen erlebt haben, und wie sie sich ganz ähnlich auch in anderen Quellen von Beteiligten der ONUC finden.

[36] Officer in Charge vom 26. May 1961 bis zum 9. Februar 1962 (zuvor hieß die Position Special Representative of the Secretary-General, kurz SRSG, wie bis heute jeder Leiter einer UN-Peacekeeping-Mission im Einsatzland); zu Beginn war Linner Leiter des zivilen Arms der Operation und blieb dies auch während seiner Zeit als Leiter der gesamten Mission (insgesamt vom 16. Juni 1960 bis zum 31. August 1961). Higgins, United Nations Peackekeeping, Africa, S. 62.

[37] Urquhart, vgl. Anm. 14, S. 2.

[38] Linner, vgl. Anm. 35, S. 7.

[39] Urquhart, vgl. Anm. 34, S. 48.

[40] Oft zitiert gibt es aber keinen offiziellen Beleg für Hammarskjölds Autorenschaft oder Anlass und Ort des Zitats.

[41] Pikanterweise waren ja beispielsweise sowohl Italien als auch Italiens ehemalige Kolonie Äthiopien an ONUC beteiligt.

[42] DeWitte stellt dieses Zitat seinem Buch voran, allerdings leider ohne Quellenangabe.

[43] Urquhart, vgl. Anm. 34, S. 12.

[44] Eine solche Entwicklung wird heute häufig mit dem Begriff des „mission creep“ beschrieben.

[45] Das gilt beispielsweise für die Kommandostrukturen unter der Leitung eines zivilen SRSG (Special Representative of the Secretary General).

 

Katrin Zippel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Ulrich Herbert für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und promoviert hier zum Thema der UN-Intervention während der ‚Kongokrise’ (1960-1964).

 

Zitierempfehlung:

Katrin Zippel, „It's like trying to give aid to a wounded rattlesnake“. Die Vereinten Nationen im Kongo, in: zeitgeschichte-online Mai 2011
URL: http://www.zeitgeschichte-online.de/Themen-Zippel-05-2011
 

 

 

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