We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks reel

Geheimnisse im Medienzeitalter: We steal secrets. The Story of WikiLeaks
(Regie und Drehbuch: Alex Gibney, USA 2013)
von
Frank Bösch
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Die Enthüllungsplattform WikiLeaks und ihr Mitbegründer Julien Assange zählen zu den derzeit populärsten Aktivisten, die sich für öffentliche Transparenz einsetzen. Seit 2007 veröffentlichte WikiLeaks unzählige geheime Dokumente und nahm dabei nicht selten die Gefährdung von Whistleblowern in Kauf. Aber was wissen wir wirklich über Assange und WikiLeaks? Bezeichnenderweise geben gerade diejenigen, die für völlige Informationsfreiheit und Transparenz eintreten, aus Angst um ihre eigene Sicherheit kaum etwas über sich preis. So hüllt Assange seine Biographie und die Arbeit der Plattform in Mythen. Selbst der aufwendig produzierte und umfassend recherchierte Dokumentarfilm „We steal secrets“ von Alex Gibney kann über die Geschichte von WikiLeaks und seinem berühmtesten Aktivisten letztlich nur wenig zusammentragen. Assange lehnte bezeichnender Weise ein Interview für den Film ab. Dennoch gelingt Gibney ein atmosphärisch dichter Eindruck über die Genese von WikiLeaks.

Es gibt Filme, die erscheinen zufällig zur rechten Zeit. Nachdem WikiLeaks aus dem Focus der Medien zu verschwinden drohte, stießen Edward Snowdens Veröffentlichungen erneut eine Debatte über das Private und Geheime im Internetzeitalter an. Die Dokumentation startet mit einem klaren Befund hierzu: Nach 9/11 habe nicht nur die staatliche Sammlung von Informationen exponentiell zugenommen, sondern auch die Zahl derer, die Zugang zu diesen Informationen haben. Mit dem Ex-NSA- und CIA-Direktor Michael V. Hayden untermauert dies ein Zeitzeuge vor der Kamera und gesteht offen: „We steal secrets“.
Gibney entfaltet die Geschichte von WikiLeaks als eine kontrastierende Doppelbiographie von Julian Assange und dem Whistleblower Bradley Manning. Auf der einen Seite der smarte selbstbewusste Assange, der kompromisslos Geheimes veröffentlicht, zum Popstar wird und sich schließlich aufgrund seines zunehmenden Verfolgungswahns selbst isoliert. Auf der anderen Seite, der schüchterne, vereinsamte, seine Homosexualität unterdrückende Soldat Manning, der aus moralischen Gründen handelt und schließlich ohne Anklage in Isolationshaft landet. Kaleidoskopartig umkreist der Film die Motive der beiden für die von ihnen lancierten Enthüllungen. Neben Idealismus wird vor allem eine unbändige Abenteuerlust und Spielleidenschaft deutlich, aus der heraus sowohl Assange als auch Manning beim Hacken Grenzen suchten und diese soweit wie möglich überschritten. Vor allem aber sehnten sich beide danach, den Verlauf Geschichte durch ihre „open diplomacy“ zu verändern.

Der Film lebt von der Bildästhetik, die der digitalen Überwachung innewohnen kann: Zoomende Satellitenbilder, kunstvolle Informations-Netzwerke und die eingespielte Typographie der Chats der Aktivisten überwältigen den Zuschauer, ebenso die WikiLeaks-Videos. Gezeigt wird u. a. jener Film, der die amerikanischen Luftangriffe am 12. Juli 2007 in Bagdad dokumentiert. Das Video ging unter dem Titel „Collateral Murder“ um die Welt und erschütterte durch die zynischen Kommentare der Hubschrauberpiloten. 
Vor allem aber lädt uns „We steal secrets“ ein, über den Status des Geheimen nachzudenken. Der Film argumentiert nicht historisch und daher fällt es leicht, seine Fixierung auf das Internetzeitalter zu hinterfragen. Der Glaube, mit öffentlicher Transparenz dunkle Geheimnisse auszumerzen, hat schließlich spätestens seit der Aufklärung viele Konjunkturen erlebt. Enthüllende Kampagnen gegen Korruption und Machtmissbrauch zählen ebenso dazu wie das Sammeln von Daten über die eigene Bevölkerung, das in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts längst vor dem Internet und 9/11 die Verfolgung angeblicher Gegner ermöglichte. Die späten 1970er und frühen 1980er waren hierbei eine Wasserscheide, die der Film komplett übergeht. Denn gerade das Zusammenspiel zwischen der digitalen Überwachung aus Furcht vor dem Terrorismus und dem politisierten Protest gegen und mit Computern fand hier seinen Ausgangspunkt.

Interessant ist das Wechselspiel der Enthüllungen, das den Film trägt. Der Staat kontrolliert zunehmend Datenströme, Hacker kontrollieren über diese den Staat und schließlich scheitern beide, Assange und Manning, an der Eigendynamik, die die veröffentlichten Geheimnisse über sie entwickeln: Manning an einem vertraulichen verschlüsselten Chat, in dem er seine privaten Geheimnisse und das Leaking beichtet, und Assange an Veröffentlichungen über den Sex mit zwei Frauen, die ihm zunächst einen HIV-Test abverlangten, was dann in eine eigenständige polizeiliche Ermittlung mit Vergewaltigungsvorwürfen mündete.
Nur implizit nähert sich der Film den komplexen Beziehungen zwischen Geheimnis und Öffentlichkeit, Arkanum und Transparenz. Jede Enthüllung von Geheimnissen zeigt, dass wir nicht im Zeitalter der Transparenz leben. Eine gefräßige Öffentlichkeit versucht Geheimnisse permanent aufzuzehren und diese entstehen fortlaufend neu. Vielmehr bedarf selbst die Konstituierung von Öffentlichkeit des Geheimen. Geheime Überlegungen sind nicht nur für Militärs oder Außenpolitik, sondern auch für WikiLeaks nötig, um öffentlich relevante Entscheidungen zu treffen. Je mehr enthüllt wird, desto raffinierter werden die Methoden zur  Umgehung und Verhinderung von Enthüllungen.

Assange und Manning gelang es tatsächlich, Geschichte zu schreiben. Aber auch sie verloren in einer dynamisierten Medienwelt die Kontrolle über ihr Handeln, über ihre Veröffentlichungen und schließlich über ihr eigenes Bild in der Öffentlichkeit. Nun sind es die Medien, die gegen den Willen Assangs ihre tragischen Heldengeschichten entwerfen. Demnächst folgt der Hollywood-Spielfilm „Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt“, den Assange schon einmal vorab als Propaganda bezeichnet hat.