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Public viewing während der Berlinale am Potsdamer Platz, Februar 2017
Foto: Annette Schuhmann

Vom unersättlichen Hunger nach Geschichte(n) und den Zumutungen des globalisierten Kapitalismus
Zehn Tage auf der Berlinale
von
Annette Schuhmann
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Veröffentlicht am 23. Februar 2017

Die Welt gilt derzeit als unwirtlicher Ort. Das Ausmaß der Unwirtlichkeit wird allenthalben hoch eingeschätzt, so hoch, dass neuerdings selbst VertreterInnen der Geschichtswissenschaften verstärkt darüber nachdenken, wie eine Einmischung in die gegenwärtigen politischen Diskurse, auch jenseits selbstlegitimatorischer Verwertungsideen, aussehen könnte. 
Inmitten dieser unwirtlichen Ebene sollte die Berlinale Höhepunkte der Liebenswürdigkeit und Vielfalt bieten, wollten sich die Kreativen dieser Welt eng aneinanderschmiegen, angesichts des rauen Klimas draußen vor den Festzelten.[1]

Was bleibt von einer zehntägigen Tour durch ein Filmfestival, das sich weniger auf seine Stars als auf Geschichten verlässt? Und was könnten ZeithistorikerInnen erkennen, wenn sie sich auf die Geschichten, die hier erzählt wurden, einließen?
Was wären Fragen, wenn wir – so abgedroschen die Vokabel vom Seismographen klingen mag – Filme als einen solchen für die Bewertung politischer und sozialer Konfliktlagen nutzen würden? Die Berlinale des Jahres 2017, insbesondere in der Sektion Forum/Forum expanded, wäre als fein austariertes Messinstrument für die Auswirkungen globaler Problemlagen auf die Mikroebenen der Gesellschaft durchaus brauchbar.

Zukünftige ForscherInnen werden sich schließlich auch fragen, warum auf einem Festival der A-Klasse ein kleiner Film einer unbekannten ungarischen Regisseurin – ein Film, in dem sich Schönheit und Eleganz nicht anbiedern und Gewalt in Form industrialisierter Fleischproduktion dargestellt wird – warum im Jahr 2017 dieser Film den Goldenen Bären gewinnt.
Der Wettbewerbssieger wurde in den Medien hinlänglich beschrieben: Eine Liebesgeschichte, angesiedelt im Ambiente eines Schlachthofes und geeignet, der wahrscheinlich flexitarisch-urbanen Mehrheit im Publikum Demut vor der Kreatur abzuringen, und latent autistische und vom Leben lädierte Hauptfiguren, die um eine Liebe ringen, die auf ihrem schönsten Höhepunkt bereits das zukünftige Versagen vorwegnimmt. Und ja, auch in meiner Vorstellung im wunderbaren Sechzigerjahre-Bau der Berliner Festspiele gab es einen Ohnmachtsanfall und viel lautes Gestöhn aus den Sitzreihen. Die durch Schlachthausszenen bereits zerrütteten ZuschauerInnen wurden von der naturalistischen Darstellung eines glatten Schnittes durch die Pulsader der zarten Hauptdarstellerin förmlich überrumpelt.
Aber gut. Darum soll es nicht gehen.

 

Washington wird großräumig umfahren

Das Kino erzählt Geschichten. Dazu wurde es erfunden. Und diese Geschichten erzählt es, egal ob Systeme zusammenbrechen oder Großreiche geplant werden. Gelingt es den ErzählerInnen, ihren Filmen etwas beizugeben, was manche Seele nennen, andere Wahrhaftigkeit oder Tiefe, vor allem aber eben eine Geschichte, dann kann daraus ein Ereignis werden, das die Menschen in die Kinos bringt. Der Berlinale gelingt es seit vielen Jahren, Filme mit einer großen erzählerischen Kraft und politischer Relevanz zu zeigen. Eine halbe Million Menschen besuchten im Jahr 2016 dieses in Sektionen zersplitterte Festival (die Zahlen für 2017 liegen noch nicht vor, es werden mehr sein).
Die Feuilletons berichteten täglich, zehn Tage lang. Es wurde gefeiert und definiert: Das Festival war eines der Frauen, der schweigsamen Filme und natürlich der Helden. Und es wurde wie üblich kritisiert: das Berliner Wetter, die vielen Aufführungsorte, die fehlenden Ideen, das fehlende Lametta und die nervigen Koch-Events ... ein Lieblingsthema des Festivalleiters Dieter Kosslick.

Doch jenseits cinephiler Nörgelei bot die Berlinale für mich vor allem eines: die Möglichkeit der Orientierung in einer geistig, sozial und kulturell schwer überschaubaren Welt. Zehn Tage Berlinale waren eine Möglichkeit, gegenwärtige gesellschaftspolitische Themen in einem globalen Kontext wahrzunehmen und vielleicht ein Gefühl für Themen zu entwickeln, die unsere Arbeit in Zukunft bestimmen werden.

Der mediale Blick außerhalb des Kinos konzentrierte sich indes auf einen Zyniker in Washington; die Koordinaten Aleppos scheinen längst vergessen. Während man also vor dem Kino die „bizarrste Pressekonferenz des US-Präsidenten“ und das Chaos im Kabinett Trump diskutierte, wurde im Kino das getan, was den Alltag der meisten Menschen außerhalb des Weißen Hauses bestimmt: Es wurde gearbeitet, ob in Krankenhäusern, Minen, Schulen, Bordellen oder eben Schlachthäusern. 
Die Abwesenheit des T-Wortes im dunklen Kinosaal (nicht hingegen auf den Berlinale-Events) erlaubte eine klarere Sicht auf die eigentlichen Probleme der Welt und deren relativ leicht erkennbare (historische) Kontinuität.

 

Alles hier ist grau, trinken wir auf ein graues Jahrhundert

Der georgische Film „Mzis qalaqi“ (City oft the Sun) von Rati Oneli zeigt in seinen ersten Minuten eine Gebirgslandschaft, deren berückende Schönheit so überwältigend ist, dass der ganze Saal den Atem anhält. Unter dieser unglaublichen schönen Gebirgslandschaft befinden sich die Mangan-Minen Tschiaturas. Mangan ist ein unedles Metall, das in der Stahlindustrie eingesetzt wird. Manganstaub ist toxisch und verursacht neben einer ganzen Reihe schwerer Lungenkrankheiten Manganismus, eine dem Parkinson ähnliche Erkrankung des Zentralnervensystems. 
Arbeitsschutzmaßnahmen, so es sie überhaupt gibt, stammen aus den fünfziger Jahren, Belüftungsanlagen fallen regelmäßig aus, es rieselt allzeit durch knackende Stützpfeiler. Nicht nur die Mine, der ganze Ort wirkt wie eine todtraurige heruntergekommene Kulisse aus der Zeit des stalinistischen Industrialisierungsfurors. Nur, es ist keine Kulisse, es leben Menschen hier, die wenig zu Essen haben und deren Alltag darin besteht, an diesem Ort zu überleben und so glücklich zu sein, wie es eben geht. Sie spielen Laientheater in Gebäuden, die in ihrem Verfall ebenso gefährlich scheinen wie die Minen, sie schlafen in Häusern, von deren Fenstersimsen man die vorbeifahrenden Güterwaggons berühren kann, sie scharen sich um viel zu kleine Holzöfen und üben ihre Lieder ein. Zwei junge Mädchen trainieren täglich für irgendeine Olympiade und sind dabei derart unterernährt, dass die Trainerin sich weigert, sie an ihre Grenzen zu bringen. Kaum vorstellbar in einer Gegend, aus der doch einst „Helden“ stammten. Der ganze Ort wirkt wie ein Mahnmal des stalinistischen Industrialisierungswahns. Die Arbeitswelt in dieser Industrieruine und im Tagebau ist Lichtjahre von jeglicher Industrie-4.0-Idee entfernt, sie gleicht in Gefährlichkeit und Mühe all den Bildern, die wir aus dem 19. Jahrhundert kennen. Ein Forschungsdesiderat?

Die BewohnerInnen von Tschiatura scheinen müde, nicht nur von der täglichen Arbeit, sondern auch von den Spannungen, denen diese Region seit den 1980er Jahren ausgesetzt ist, und erschöpft von den Kriegen des 21. Jahrhunderts um die Abspaltung Abchasiens und Ossetiens. Sie wirken wie Überlebende einer großen Katastrophe.
Und dennoch zeigt jede Szene dieses atemberaubenden Films Menschen, die mit großer Gelassenheit, mit Zähigkeit und Freundlichkeit ihren Lebensbedingungen trotzen. Selbst die Obdachlosen in der Plattenbauruine lassen solidarisch die Flasche kreisen. Ihr Trinkspruch: Alles ist grau hier, auf ein graues Jahrhundert!

Als ich das Kino verlasse, finde ich mich auf dem glitzernden Potsdamer Platz wieder, weiter weg von den Mangan-Minen inmitten Georgiens kann man kaum sein.

 

Die starken, die stolzen, die stillen Frauen

Im kongolesischen Kinshasa kämpft eine Frau (Félicité) bis zur Selbsterniedrigung um Geld für die Operation ihres Sohnes. Umgeben von gnadenlosen Chefs, korrupten Polizisten, arroganten Kollegen kämpft sie sich in einer von Krieg und Gewalt geprägten Gesellschaft durch. Übersetzt man Félicité mit „Glückseligkeit“, so gilt dies vor allem für all jene, die die Schauspielerin Véro Tshanda Beya in ihrem Spiel beobachten dürfen. Hochgelobt und preisgekrönt vermittelt der Film von Alain Gomiz eine Ahnung davon, wie der Alltag der Menschen in einem „Gewaltraum“ aussieht. 

Weiter geht es in die Philippinen. Regiert wird das Land von Rodrigo Duterte, der die Bevölkerung in einem von ihm selbst definierten Kampf gegen den Drogenhandel und mithilfe von Todesschwadronen drangsalieren und zu Tausenden töten lässt. Inmitten Manilas befindet sich die größte Geburtsklinik der Welt. Vom Alltag in dieser Klinik erzählt die Dokumentation „Motherland“ von Ramona S. Diaz.
Wer jemals durch eine der pastellfarbenen anthroposophischen Geburtsstationen in Deutschland ging, mit ihren Sitzbällen, Badewannen, sanftem Globuli-Geplätscher im Vordergrund und Hightech für Frühchen und problematische Fälle im Hintergrund, kann sich kaum im Kinosessel halten angesichts der Zustände in dieser Klinik. Aber was heißt schon Zustände. Zwei Frauen in jeweils einem Bett, direkt nach der Entbindung, noch blutend, Frauen, denen das Geld für ein Laken fehlt, auf dem sie liegen können, und die keine Zeit haben sich zu erholen, weil sie darüber nachdenken müssen, wie sie die Rechnungen für die Medikamente bezahlen sollen. Krankenschwestern, die über Mikrofone in einen Raum rufen, in dem sich hundert und mehr Frauen mit ihren winzigen Babys, darunter viele Frühgeburten, aufhalten. Manche der Frauen sind selbst noch Kinder, die meisten jedoch haben schon vielköpfigen Nachwuchs. Das Klinikpersonal bemüht sich, die Frauen zur Familienplanung zu bewegen, auch gegen die katholische Familie, die davon nichts hält, und/oder Ehemänner, die dies ablehnen. Viele von ihnen haben kaum eine Schulbildung und kein eigenes Einkommen. Zusammen mit dem katholischen Glauben eine für Frauen stets toxische Mischung.
Aber auch in dieser Klinik, wenn nachmittags ein wenig Erschöpfungsruhe eintritt, kein Lautsprecher quäkt und nicht gerade ein Säugling vermisst wird, erzählen sich die Frauen ihre Geschichten. Es wird gelacht, man macht sich über Männer lustig, freut sich auf zu Hause und versucht den Gedanken an Adoption zu vermeiden. Trotz der Notlage, in der sich die Familien befinden, gibt es Humor und Herzlichkeit und ein schnelles Zupacken, wenn die Nachbarin strauchelt. Die Regisseurin mischt sich, ganz der Tradition des cinema direct verpflichtet, weder mit Interviews noch mit geschickten Schnitttechniken in den Ablauf der Handlung ein. Sie folgt den Frauen in dichter, sehr dichter Beobachtung. Es ist ein Film, der physisch wirkt und die ZuschauerInnen Hitze, Lärm und Gerüche förmlich spüren lässt.

 

Der erweiterte Kunstbegriff im Archiv

Der neue Film von Andres Veiel befasst sich in gewohnter Manier mit einem Phänomen der deutschen Zeitgeschichte. Ihm ist mit „Beuys“ ein durchkomponiertes Porträt des Künstlers und Einmischers gelungen. Wer sich heute die Frage stellt, was zu tun sei angesichts der Verrohung demokratisch gedachter Strukturen in Europa, wem der Mut oder die Ideen fehlen sich zu engagieren, wer gerne denkt und zweifelt statt Meinungen zu produzieren, dem sei dieser Film empfohlen. Nach anderthalb Stunden in Begleitung des Künstlers ist mein ganz privat-persönlicher Widerstand gegenüber der Konzeptkunst im Allgemeinen und der Fettecke im Besonderen gebrochen. Der Humor, die Gelassenheit und die kluge Standhaftigkeit dieses großen Künstlers, der ungeheuer wichtig war für eine sich erst noch herauszubildende Zivilgesellschaft in der dumpfen Adenauer/Erhard/Kiesinger-Ära, und nicht zuletzt sein Charisma erfüllen förmlich den gesamten Kinosaal. 

Neunzig Prozent dieser Dokumentar-Komposition besteht aus Archivmaterial. Und falls es an Einmischungsideen mangelt, sollten wir uns, und zwar möglichst intensiv und kollektiv, mit den Bedingungen und Praxen der Archive staatlich subventionierter „öffentlich-rechtlicher“ Sender, aber auch des Bundesarchivs einmischen. Wir sollten diskutieren, und zwar viel lauter als bisher, wie mit dem kulturellen Erbe im digitalen Zeitalter umgegangen werden kann, damit es als solches überhaupt erkannt, bewahrt und zugänglich gemacht wird. Das Bundesarchiv jedenfalls, so Veiel, verlangte zu Beginn der Recherchen zwischen 9.000 und 10.000 € pro Filmminute.[2] Veiel muss hartnäckig verhandelt haben, sonst hätte es diesen wunderbaren Film nicht gegeben.

Wenn man beschließt, das Kino als Orientierungsmittel zu definieren, dann kann man einige Forschungsfragen der Zeitgeschichte in den vielen wirklichkeitstrunkenen und poetischen Filmen, die es in den zehn Tagen der Berlinale zu sehen gab, finden.[3] Neben der Frage nach den Motiven der Jury, die sich für den stillen ungarischen Film mit seiner Liebesgeschichte vor der Kulisse des Schlachthofes entschieden hat, gab es noch einige offene Fragen von Relevanz im Kinosaal. Für die Beantwortung dieser Fragen könnten wir uns zuständig fühlen.  




[1] Elisabeth Binder, Zum letzten Mahl. Feiern, essen, trinken: Die Gewinner ließen beim exklusiven Dinner und einer Club-Party die Berlinale ausklingen,
Tagesspiegel, 20.2.2017, S. 11.
[2] Christiane Peitz im Interview mit Andres Veiel: Es lebe der Hase, Tagesspiegel vom 14.2.2017, S. 21.  (zuletzt: 22.2.17)
[3] Christiane Peitz, Helden unserer Zeit. Ob die Berlinale nun stark war oder schwach: Es gilt das poetische und persönliche Kino zu verteidigen - das Perspektiven verrückt und die stereotype Weltbilder aushebelt. Ein Kommentar. In: Tagesspiegel (online) vom 19.2.2017. (zuletzt am 23.2.2017)