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Auschwitz-Birkenau  ©User: Bill Hunt, Auschwitz-Birkenau, 12.02.2011. Quelle: Flickr (CC BY 2.0)

Auschwitz-Birkenau

©User: Bill Hunt, Auschwitz-Birkenau, 12.02.2011. Quelle: Flickr (CC BY 2.0)

27. Januar: Jahrestag der Befreiung von Auschwitz
Die Erinnerungen des Historikers Otto Dov Kulka an Auschwitz: Landschaften der Metropole des Todes
von
Martina Weibel
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Otto Dov Kulka wird für sein Buch "Landschaften der Metropole des Todes. Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft" am 18. November der Geschwister-Scholl-Preis verliehen. Die Preisverleihung findet um 19.00 Uhr in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität in München statt. Die Laudatio hält Dr. Susanne Heim (Institut für Zeitgeschichte).

 

Da war Stille. Da war Leere

Im Alter von fast 80 Jahren hat der renommierte Historiker Otto Dov Kulka seine lebenslang privat geführte Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheitsgeschichte, mit seinen persönlichen Erinnerungen an Auschwitz, öffentlich zugänglich gemacht: Das soeben in der Deutschen Verlagsanstalt erschienene Buch Landschaften der Metropole des Todes basiert auf einer Auswahl von Tonbandaufnahmen und Tagebuchaufzeichnungen, die Otto Dov Kulka jahrzehntelang nur für sich selbst anlegte und bearbeitete. Es reflektiert seine – wie er sie nennt – "Kindheitslandschaften aus Auschwitz" und bewahrt zugleich den fragmentarischen Charakter seine Erinnerungsbilder.

Das Erscheinen der deutschen Ausgabe im März 2013 begleitete Otto Dov Kulka mit einer Lesereise, in deren Rahmen er das Buch am 14. März 2013 in der Berliner Topographie des Terrors vorstellte. Die Audioslideshow verknüpft Tonaufnahmen von dieser beeindruckenden Veranstaltung mit im Buch verwendeten Abbildungen.

 

Audioslidefeature von Martina Weibel

 

Otto Dov Kulkas "Landschaften der Metropole des Todes. Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft"

Stille - dieses Buch atmet Stille. Es ist geboren aus einem tiefen, abgründigen Schweigen. Dieses Schweigen ist den Motiven, den Bildern des Buches eingeschrieben: Ziegelsteinchen, Schuhe, verwildertes Gras, schwarze Punkte im Schnee, Stacheldraht. Fragmente, die in Streifzügen durch die "fassungslos leeren" Landschaften des Todes geborgen und reflektierend verortet werden. Diese Landschaften des Todes sind Otto Dov Kulkas Kindheitslandschaften. Landschaften seiner 'privaten Mythologie', seines 'allerinnersten' Blicks auf Auschwitz, in die er wieder und wieder zurückkehrt, da er sie nie verlassen hat.

Das Buch bewegt sich an einer Grenze und tastet diese Grenze ab. Es tastet sich entlang an dem Riss, den Auschwitz in der Welt und in den Überlebenden hinterlassen hat. Dieser Riss ist der brennende Mittelpunkt von Otto Dov Kulkas "Landschaften der Metropole des Todes".

Diesseits des Risses ist vieles aus Otto Dov Kulkas Leben bekannt. Er war bis zu seiner Emeritierung ein international renommierter Historiker an der Hebrew University in Jerusalem. In seiner historischen Forschung verfolgte Kulka früh einen komplexen Ansatz, um die Radikalisierung der Judenverfolgung bis hin zur systematischen Ermordung erfassen zu können. Eine multiperspektivische Sicht, die sowohl die Ideologie und antisemitische Politik des Regimes wie auch das Verhalten der deutschen Bevölkerung gegenüber der Verfolgungspolitik betrachtet und die Selbstbehauptung der jüdischen Gemeinschaft einschließt. Eine seiner bekanntesten Publikationen ist die umfangreiche Quellenedition "Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten von 1933-1945", die er im Jahr 2004 gemeinsam mit Eberhard Jäckel herausgegeben hat.

Jenseits des Risses ist die immer anwesende Welt von Auschwitz. Verschlossen in Träumen, Tagebüchern und Tonbandaufnahmen. Aufgesucht in einsamen Reisen zu der 'Geistermetropole' mit ihrer verödeten Ruinenlandschaft und zu ihrer 'Satellitenstadt' Stutthof, auf der Suche nach dem Grab der Mutter. Das Auschwitz seiner Kindheit, in das er im September 1943, als Zehnjähriger, zusammen mit seiner Mutter aus Theresienstadt deportiert wurde. In dem er die zweimalige Liquidation des Familienlagers[1] überlebte. Und von dem aus er zusammen mit seinem Vater, Erich Kulka, bei der Evakuierung von Auschwitz 1945 auf den Todesmarsch geschickt wurde, den beide durch Flucht überlebten.

Zwischen diesen beiden Welten kann und will Otto Dov Kulka keinen Austausch stattfinden lassen. Durch den klaffenden Riss können und sollen die Worte, die Bilder und Träume nicht dringen.

Jahrzehntelang, so sagt er bei seiner Lesung in der Berliner Topographie des Terrors, glaubte er, dass er diese Vergangenheit ausschließlich auf dem streng objektiven, unpersönlichen Weg der Wissenschaft verstehen könne. Und erst nach diesem langen Zögern begann er vor nun zwanzig Jahren ein geheimes Gespräch mit der Lebensgefährtin seines verstorbenen Freundes, des Dichters Gerschon Ben-David:

"Sie fragte mich auch immer wieder: Warum willst Du deine Erinnerungen nicht aufnehmen? Einmal wollte ich die Erinnerungen schon loswerden und wir haben die erste Aufnahme gemacht. Ich vergaß es fast. Nach einem Jahr habe ich die Aufnahme wieder gehört  und ich war überwältigt. Aber ich glaubte nicht, dass es für jemanden anderen als für mich zugänglich ist. Ich habe große Zweifel gehabt. Allerdings haben wir jedes Jahr, wenn sie nach Israel zurückkehrte, die Tonbandaufnahmen weitergeführt - ungefähr zehn Jahre lang. Davon wusste keiner, nicht meine Familie, niemand. Später habe ich mich entschieden, die Tonbandaufnahmen und auch die Tagebücher, die über 3000 Seiten umfassen und in denen die Landschaften des Todes immer Gegenwart mit mir waren, abtippen zu lassen. Aber erst nachdem ich die letzten drei Forschungs- und Dokumentationsprojekte in den Jahren 1997 bis 2010 abgeschlossen hatte, beschloss ich, meine außerwissenschaftlichen, privaten Betrachtungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ich lebe in dieser Welt zweigeteilt in meinen Forschungen und in diesen Erinnerungen."

Das Buch ist von einer erschreckenden, zerbrechlichen Schönheit. Kunstvoll und schockierend verwebt Otto Dov Kulka zwei Betrachtungsweisen:

"Da ist zum einen die Dimension der unmittelbaren direkten Erfahrung der Welt von Auschwitz, die der Verstand des Kindes nicht in vollem Umfang erfassen konnte. Und gleichzeitig die zweite Dimension, betrachtet durch das Prisma meines reflektierenden Denkens, die in der Abstraktion der Realität der letzten Phase der Endlösung besteht. In letzterer geht es mir um die Bedeutung von Auschwitz als Quintessenz, als Inbegriff und Verwirklichung von politischen Ideen, die den Lauf der Menschheitsgeschichte verändern sollten. Dieses Buch war für sehr lange Zeit meine persönliche Welt. Eine private Mythologie, in einer metaphorischen Sprache. Die in ihr wiederkehrenden Motive wie 'Das unabänderliche Gesetz des Todes', 'der Große Tod', 'die Metropole des Todes', die in ihrer Deutung über die Erfahrung der Welt von Auschwitz hinausreichen, sind Metaphern für das, was sich damals in eine neue Weltordnung auszubreiten schien."

Diese beiden Dimensionen erzeugen einen radikalen Kontrast, der in einzigartig subjektiver Weise einen Blick auf die Undurchdringlichkeit der 'Grenzen der Erinnerung' erlaubt:

Das wunderschöne Blau des Himmels über Auschwitz an dem silberne 'Spielflugzeuge' vorbeiziehen, der 'Korridor des Lichts' bei der Ankunft am Lagertor bezaubern das Kind, bleiben auf ewig 'Traumbilder' von Auschwitz, an die alle späteren Erfahrungen gefesselt bleiben. Wie die Traumbilder selbst Gefangene bleiben, untrennbar verbunden mit 'den schwarzen Menschenkolonnen, die in den Krematoriumsanlagen verschwinden und in Rauchwolken aufgehen'. Es gibt keinen Ausweg aus der  'Heimat des Todes'.

Beim lesenden Betrachten von Otto Dov Kulkas  'Heimatlandschaften von Auschwitz' fühlt man sich an Claude Lanzmanns Shoah-Landschaften erinnert, in denen Gras, Ruinen, Verlassenheit eine eigene Sprache zu entfalten scheinen. Aber Otto Dov Kulka hat Claude Lanzmanns Film "Shoah" nie gesehen, wie er auch alle anderen Darstellungen der Shoah meidet: Die Bilder, Berichte und Erzählungen, 'wie sie in den Augen anderer entstanden sind' und wie diese sie der Welt zugänglich gemacht haben, lösen in ihm ein 'überwältigendes Gefühl der Entfremdung' aus. Nichts darin kann er mit seiner Welt, dem Auschwitz des elfjährigen Jungen und dessen Landschaften, verbinden. Dieses 'Tor', durch das andere in die Auseinandersetzung mit Auschwitz eintreten können, das für andere geöffnet ist, bleibt ihm verschlossen.

Auf die quälende Frage, warum dieses Tor für ihn verschlossen ist, sucht Otto Dov  Kulka lange eine Antwort und findet sie schließlich in Kafkas berühmter Parabel "Vor dem Gesetz". Wie Josef K. steht er vor einem großen Tor, das angeblich für alle Menschen geöffnet ist – doch weder findet er dort Einlass noch bittet irgendjemand außer ihm darum. Erst nach Jahren des Wartens begreift er, dass die Erinnerungswelten seiner 'privaten Mythologie' sein einziger und einzigartiger Zugang sind. Ein Tor, das nur für ihn offen steht und auch mit ihm geschlossen wird.

In dieser Metapher des Tores laufen die unterirdischen Ströme des Buches zusammen. Es ist ein Symbol für die unaufhebbare Einsamkeit beim Versuch über die Vernichtung zu sprechen: die Landschaften bleiben menschenleer. Es ist aber auch das Bild einer zarten Hoffnung: der Hoffnung, dass die Kindheitslandschaften von Auschwitz  nicht für immer verlorengehen, weil nun auch andere sie betrachten können, wenn das Tor geschlossen wird.




[1] Das sogenannte Familienlager war ein von der NS-Führung als „Propaganda-Lager“ eingerichteter Lagerabschnitt von Auschwitz-Birkenau. Hier sollte der Anschein erweckt werden, dass in den nationalsozialistischen Lagern keine Menschen getötet würden. In diesen Lagerabschnitt wurden im September 1943 5000 Juden aus Theresienstadt deportiert. Die Familien konnten zusammen bleiben, durften ihre Zivilkleidung und ihr Gepäck behalten. In den ersten drei Monaten starben hier 1000 Menschen. Drei Monate später traf ein zweiter Transport mit weiteren 5000 Juden aus Theresienstadt ein. Alle Überlebenden des ersten Transports wurden am 7. März 1944 in einer einzigen Nacht in den Gaskammern getötet. Zuvor wurden sie gezwungen, auf den 25.März vordatierte Postkarten an Familienangehörige und Bekannte zu schreiben, die suggerieren sollten, dass es ihnen gut gehe. Im Mai 1944 trafen zwei weitere Transporte ein. Anfang Juli 1944 fand eine Selektion statt. Diejenigen, die als „arbeitsfähig“ eingestuft wurden, kamen in andere Lager, alle übrigen wurden in den Gaskammern ermordet. Das „Familienlager“ selbst wurde aufgelöst.

 

Otto Dov Kulka: Landschaften der Metropole des Todes. Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft. DVA, 11. März 2013, € 19,99