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Denkmal für die Opfer des Vernichtungslagers Maly Trostenez. © User: Homoatrox, Maly Trastsianets memorial 1, 09.01.2012. Quelle: Wikimedia Commons  (CC BY-SA 3.0 or GFDL)

Denkmal für die Opfer des Vernichtungslagers Maly Trostenez.
© User: Homoatrox, Maly Trastsianets memorial 1, 09.01.2012. Quelle: Wikimedia Commons  (CC BY-SA 3.0 or GFDL)

Wem gehört der Große Sieg?
Die öffentliche Aushandlung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Belarus
von
Felix Ackermann
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70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wird in der belarussischen Öffentlichkeit derzeit verhandelt, wer in der Republik Belarus das Erbe des Sieges im Zweiten Weltkrieg antritt und wie denjenigen Opfern gedacht wird, die nicht in die sowjetische Erzählung vom Großen Vaterländischen Krieg Einzug gefunden haben. Fernab der Vorstellung einer gänzlich von oben nach unten durchregierten Diktatur zeigen einzelne Projekte, wie sich die belarussische Gesellschaft durch Impulse aus der Zivilgesellschaft verändert.

In der belarussischen Hauptstadt Minsk wurde am 8. Juni 2014 der Grundstein für ein Denkmal in Maly Trostenez gelegt.[1] Von den deutschen Besatzern im Sommer 1941 zunächst als Lager für Zwangsarbeiter errichtet, wurde es 1942 zur letzten Station für Zehntausende Juden aus Minsk sowie aus dem Deutschen Reich bevor sie im nahen Blagowschtschina ermordet wurden.[2] Durch die sowjetische Nachkriegsmodernisierung ist das Gelände von Maly Trostenez heute Teil eines Stadtviertels. Über Jahrzehnte wurde an das Vernichtungslager nur durch einen Obelisken erinnert, der kaum Auskunft über die hier Ermordeten gab.[3] Im Jahr 2014 griff die Stadtverwaltung von Minsk eine Initiative des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks (IBB) zur Einrichtung eines Mahnmalkomplexes auf, allerdings ohne Einbeziehung des Ortes, an dem die Erschießungen stattfanden, dem ca. 12km von Minsk entfernten Blagowschtschina-Waldstück.[4] Der autoritäre Präsident Aleksander Lukaschenka erklärte die Erinnerung an das Vernichtungslager zur Staatsangelegenheit und nutzte die Grundsteinlegung, um seine Sicht auf die Geschichte des Zweiten Weltkrieges darzulegen.[5] Dabei betonte er – ohne sich direkt auf die benachbarte Ukraine zu beziehen – dass es auch heute gelte, den noch immer schwelenden Faschismus zu bekämpfen und dies hohe Priorität in der Politik des belarussischen Staats habe.[6] Zudem verwies er in seiner Rede auf das Leiden und die Opfer aus der Bevölkerung. Lukaschenka nutzte die Gelegenheit auch, um seinen 10-jährigen Sohn Kolja erneut als öffentlichen Akteur im belarussischen Staat zu etablieren. Symbolträchtig ließ Kolja Lukaschenka eine Botschaft an zukünftige Generationen in einer Kapsel in den Grundstein ein.[7] Von vielen Belarussen wird dies als gezielte Einführung eines Nachfolgers gedeutet. Der Zeremonie wohnten Nachfahren von Überlebenden, Kriegsveteranen sowie Vertreter von Opfergruppen aus dem Ausland bei. Der deutsche Botschafter war zu diesem Zeitpunkt nicht in Belarus und nahm nicht an der Grundsteinlegung teil.[8]

Der Zeitpunkt der unerwarteten und späten staatlichen Erinnerung an die Opfer von Maly Trostenez fällt mit der Schließung des Museums des Großen Vaterländischen Krieges zusammen, das über Jahrzehnte den Ton für die sowjetische Erzählung vom Großen Sieg vorgegeben hatte.
Zurzeit wird ein neues Museum errichtet, um die Erzählung im Sinne des von Lukaschenka geschaffenen belarussischen Nationalstaats zu modernisieren. Obwohl es noch nicht eröffnet ist, steht bereits fest, was derzeit in Belarus verhandelt wird: Die öffentliche Auseinandersetzung zielt auf die Übernahme des Erbes der Veteranen, die diesen Sieg errungen hatten, ab. Parallel zum Abtreten der letzten Generation von Überlebenden des Holocaust – die jüdischen Opfer machten bei Weitem den größten Anteil der Opfer in Belarus aus – sterben derzeit die letzten aktiven Kriegsteilnehmer, die als Partisanen oder Soldaten der Roten Armee zum sowjetischen Sieg beigetragen haben. Die jährlich wiederkehrende Huldigung dieser Veteranen zum 9. Mai sowie die Festigung des Mythos vom Großen Vaterländischen Krieg waren schon zuvor Teil des ideologischen Fundaments der Republik Belarus. Zu ihren Schattenseiten gehörte stets die Ausblendung des Hitler-Stalin-Pakts sowie der sowjetischen Besatzung des heutigen Westens von Belarus, der bis 1939 Teil der Polnischen Republik war.[9] Der hohe Anteil an jüdischen Opfern unter dem sprichwörtlichen Ein Drittel der Bevölkerung der BSSR wurde im öffentlichen Gedenken jahrzehntelang nicht erwähnt. Umso erstaunlicher war es, dass es der jüdischen Gemeinde von Minsk bereits 1946 gelang, ein Denkmal zu errichten, das an die zentrale Erschießungsstelle des Minsker Ghettos erinnerte. Es war das einzige öffentliche Zeichen, das in der Sowjetunion namentlich an die jüdischen Opfer erinnerte und neben der russischen Inschrift eine in jiddischer Sprache trug. Im Jahr 2000 gestaltete der Bildhauer Leonid Levin den Ort der Erschießungsgrube mit einer Gruppe von 27 Bronzefiguren, die in die Grube hinabsteigen.[10] Die nahegelegene und von deutscher Seite mit betriebene Geschichtswerkstatt Minsk führt seit 2002 Projekte zur Erinnerung an die jüdischen Opfer durch. Und in der jüdischen Gemeinde von Minsk erinnert ein kleines Holocaust Museum an die Dimension der deutschen Verbrechen. Trotz dieser vereinzelten Initiativen herrschte in Belarus in allen Schichten der Gesellschaft eine  Amnesie vor.
Dass Städte wie Bobrujsk, Pinsk, Witebsk, aber auch die Hauptstadt Minsk selbst, jüdische Städte waren, ist kein Geheimnis. Ebenso ist auch bekannt, dass die Ermordung der jüdischen Bevölkerung - anders als im Generalgouvernement und in den in das Deutsche Reich angegliederten Gebieten -nicht in entlegenen Lagern erfolgte. Dennoch wurde das Wissen über die Massenerschießungen, die oft am Stadtrand oder wie in Minsk in nahegelegenen Lagern erfolgte, über Jahrzehnte nicht öffentlich thematisiert. Schüler und Studierende wachsen heute in Bobrujsk und Baranowitsche fast gänzlich ohne Wissen über die Vorkriegsgeschichte in ihrer Region sowie über den Holocaust auf. Der wichtigste Grund für diese Entwicklung liegt in der sowjetischen Geschichtspolitik, jüdische Opfer als sowjetische  Bürger zu deklarieren und den Grund ihrer Ermordung – den nationalsozialistischen Rassenwahn – nicht zu benennen. Ganz in diesem Sinne steht eine Benennung der Opfergruppen und damit auch der größten Gruppe unter ihnen nicht im Mittelpunkt des geplanten Denkmals. Alexander Lukaschenka erwähnte bei der Grundsteinlegung in Maly Trostenez dennoch verschiedene Gruppen – auch die Opfer des Holocaust.[11] Dabei stellt er das Minsker Lager einerseits in eine Reihe mit Auschwitz, Treblinka und Majdanek, um die Dimension der Vernichtung zu unterstreichen, nennt dann aber die jüdische Opfergruppe in einem Atemzug mit Slawen und Roma, obwohl beispielsweise Treblinka ausschließlich zur Ermordung von Juden errichtet wurde. Besonders selten werden sowjetische Kriegsgefangene als gesonderte und zahlenmäßig relevante Opfergruppe öffentlich benannt, weil sie nicht mit der Erzählung vom heroischen Sieg zu vereinbaren sind. Umso bemerkenswerter ist es, dass in Lukaschenkas Rede auch diese Opfergruppe Erwähnung fand.

In Maly Trostenez wurde durch Verhandlungen zwischen den deutschen Initiatoren und der Minsker Stadtverwaltung eine Kompromisslösung gefunden, um einerseits die belarussische Staatsdoktrin mit der Erinnerung an das Vernichtungslager zu vereinbaren, und andererseits auf die große Zahl jüdischer Opfer zu verweisen. So wurde zusätzlich zu dem von der Stadt Minsk verantworteten, zentralen Gedenkkomplex in Maly Trostenez ein Grundstein für ein Denkmal an der nahen Erschießungsstelle Blagowschtschina eingeweiht, das wie die Grube im Ghetto nach Entwürfen des im Frühjahr 2014 verstorbenen Bildhauers Leonid Levin gestaltet werden soll. Levin war zuvor als Vorsitzender der Belarussischen Jüdischen Gemeinden selbst als Akteur in den Prozess eingebunden. Die Teilung des Gedenkens ermöglicht der Administration Lukaschenkas Maly Trostenez neben der Festung Brest als (staatsbürgerlich, nicht ethnisch verstandenen) belarussischen Ort des Leidens zu etablieren – etwa für Exkursionen von Schulklassen. Angehörige von jüdischen Opfern sowie die am Holocaustgedenken interessierten Besucher aus Belarus und insbesondere auch aus Deutschland, haben die Möglichkeit von dort zu Fuß zur ehemaligen Erschießungsstelle Blagowschtschina zu gehen, um der Ermordung der Juden aus Minsk, Hamburg, Bremen, Wien und anderen Städten zu gedenken. Es bleibt die konkrete Ausgestaltung des Denkmals sowie den offiziellen Umgang damit abzuwarten. Besonders interessant ist dabei, in welcher Form anderer, bisher kaum präsenter Opfergruppen gedacht wird.

 

Erben des Sieges

Die Grundsteinlegung in Maly Trostenez sowie der Neubau des Museums des Großen Vaterländischen Krieges fallen zeitlich und räumlich weitgehend mit einem weiteren Minsker Projekt zusammen: Dem Freilichtmuseum „Linia Stalina“. Dieses wurde unweit der belarussischen Hauptstadt 2005 von einem Verein eingerichtet, der als Stiftung organisiert ist. Es wird dort an die Verteidigungsanlagen der Roten Armee erinnert, die noch in den 1930er Jahren an der damaligen polnisch-sowjetischen Grenze errichtet wurden. Die wenigen erhaltenen Bunker werden im Museum kurzerhand zum Teil einer Stalin-Linie erklärt, die die Sowjetunion vor dem Überfall der Wehrmacht schützen sollte. Dass die Anlage im Juni 1941 nicht die erhoffte Wirkung zeigte und der Oberbefehlshaber der sowjetischen Streitkräfte nicht auf einen deutschen Angriff vorbereitet war, wird in dem Museum ebenso verschwiegen wie die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit im Zuge des Ribbentrop-Molotow-Paktes. Stattdessen wird der zum Teil von Zivilisten vollzogene Ausbau der Verteidigungsanlagen zur Heldentat stilisiert. Der Bunker dient als Ausgangspunkt für die Nachbildung von Partisanenwaldlagern und für die Errichtung eines Parks mit unterschiedlichen deutschen und sowjetischen Waffengattungen. Die Linia Stalina ist als Ausflugsziel konzipiert, wo man gern hinfährt: Hier kann ein Abenteuerurlaub  für die ganze Familie gebucht oder ein Betriebsausflug mit Schießübungen und Panzerfahrten begleitet werden. Vor allem ist die Linia Stalina ein nahes Ausflugsziel für belarussische Schulklassen und Studierende, die dort hinfahren, um sich mit dem Großen Vaterländischen Krieg auseinanderzusetzen. Im Anschluss an die Führung durch einen Panzerfuhrpark kann man sich mit Soldatengrütze stärken und einen Schluck Wodka der Marke Linia Stalina  zu sich nehmen.[12] Zunächst wirkt die Linia Stalina wie eine kommerzielle Geschichtsfälscherwerkstatt, in der Stalin und die Verteidigung von Minsk in einenoch immer bestehende sowjetische Heldenerzählung eingefügt werden. Ungeachtet übrigens der hohen Opferzahlen sowjetischer Kriegsgefangener im Westen der Sowjetunion, die auf die mangelnde Vorbereitung der Roten Armee zurückzuführen sind. Doch bei genauerer Betrachtung ist der Reenactment-Park sowohl mit seiner kommerziellen Verharmlosung des Zweiten Weltkrieges, als auch mit der schwachen Konstruktion der Erzählung einer heldenhaften Verteidigung Teil einer öffentlichen Verhandlung über das Erbe des Großen Vaterländischen Krieges.

 

Alte Panzer auf dem Gelände des Freilichtmuseums „Stalin Linie“ bei Minsk

Alte Panzer auf dem Gelände des Freilichtmuseums „Stalin Linie“ bei Minsk.
© User: Pulkassa, Minsk, 23. Juni 2009. Quelle: Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Die Linia Stalina trägt zur Wiederkehr eines Stalin-Bildes als positiv besetzte Figur im öffentlichen Raum der Republik Belarus bei, obwohl die Bevölkerung auch in diesem Teil der Sowjetunion unter seiner Herrschaft millionenfaches Leid zu beklagen hatte. Doch die eigentliche Überraschung liegt nicht in dieser von vielen Belarussen insgeheim als Zumutung empfundenen Rehabilitation des Diktators, sondern bei dem Träger des Gedenkkomplexes vor den Toren von Minsk.[13] Der Verein Pamiat’ Afgana wurde von sowjetischen Kriegsveteranen gegründet. Jedoch nicht von Veteranen des Zweiten Weltkrieges bzw. des Großen Vaterländischen Krieges, sondern von Veteranen des sowjetisch-afghanischen Krieges. Dieser hatte zwischen 1979 und 1989 auch Tausende Soldaten aus der BSSR nach Afghanistan gebracht, wo sie ihre „Internationale Pflicht“ leisteten, wie es in der sowjetischen Propaganda hieß. Nachdem in den 1990er Jahren die Erinnerung an die militärischen Opfer in Afghanistan auf der Insel der Tränen zunächst in einem nationalen Kontext eingebettet wurde, suchten die gesellschaftlich aktiven Veteranen  nach 2000 nach neuen Herausforderungen. Die sowjetische Intervention in Afghanistan galt auch in der Belarussischen Öffentlichkeit keineswegs als heldenhafter Sieg. Die Frage nach dem Sinn wurde durch die Wahrnehmung des amerikanischen Afghanistankrieges nach 2001 erneuert. In diese Zeit fällt die Entscheidung eines Teils der sowjetischen Afghanistanveteranen, eine Neudeutung ihrer Rolle vorzunehmen. Im Jahr 2002 wurde die Stiftung Pamiat’ Afgana gegründet. In ihrem Statut verbindet sie die Erinnerung an die sowjetische Intervention in Afghanistan mit einem generellen Engagement für die militärisch-politische Erziehung der belarussischen Jugend.[14] In dieser Formulierung des Auftrags von Pamiat’ Afgana liegt bereits der Anspruch, das Erbe des Großen Sieges zu pflegen. Und da es in Afghanistan weder 1989 noch heute einen Sieg zu feiern gibt, haben sich die Gründer der Stiftung seither darauf konzentriert, die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg zu pflegen. So ist es kein Zufall, dass das Freilichtmuseum von ebenjener Stiftung gegründet wurde. Ein zentraler Bestandteil der Anlage ist ein Garten der Erben, in dem Bäume zur Erinnerung an den Großen Sieg gepflanzt werden. Dabei werden sie jedoch nicht mit den Namen der Opfer oder Helden versehen, sondern mit den Namen derjenigen, die sie gepflanzt haben. Dem Initiator der Linia Stalina ist es gelungen, weite Teile des Establishments der präsidialen Diktatur zu mobilisieren, um hier symbolisch einen Baum zu pflanzen, der die Beamten, Militärs und andere Vertraute von Lukaschenka zu Erben des Sieges macht.[15] Dieser Garten der Erben ermöglicht zudem den Veteranen des Afghanistankrieges, symbolisch Anteil am Sieg im Zweiten Weltkrieg zu erlangen. Während diese Metamorphose von vielen in Belarus unbemerkt bleibt, ist die schnelle Etablierung der Linia Stalina als zentrales staatlich etabliertes Ausflugsziel insbesondere für Eltern nicht zu übersehen. Für Schulkinder und Studierende aus Minsk ist das Freilichtmuseum inzwischen ebenso Teil ihrer Sozialisation wie der Erinnerungskomplex in Chatyn oder die Festung Brest. Dies konnte nur deshalb innerhalb von zehn Jahren erreicht werden, da die Veteranen aufgrund ihrer Netzwerke aus Afghanistan über beste Kontakte zur Administration des Präsidenten verfügen.

Neben diesen vor allem in und um Minsk errungenen symbolischen Siegen in einem opferreichen Krieg, lohnt der Blick in die Provinz, um ein kontrastreicheres Bild zu zeichnen. Zwar ist auch hier das Wissen über die unterschiedlichen Opfergruppen sowie ihre Präsenz in der Gesellschaft vor dem Zweiten Weltkrieg sehr gering, aber in den vergangenen Jahren sind dennoch bemerkenswerte Initiativen verwirklicht worden, die die im Westen gängige Vorstellung von der “letzten Diktatur Europas” in Frage stellen. So wurde im Novahrudak (Poln. Nowogródek) durch eine lokale Initiative der ehemalige Tunnel aus dem Ghetto freigelegt und ein Museum des Jüdischen Widerstands aufgebaut, in dem vom bewaffneten Kampf jüdischer Partisanen in der nahen Puszcza Nalibocka berichtet wird.[16] In Brest an der polnischen Grenze wurde in einer öffentlichen Diskussion der Erhalt der letzten Holzhäuser einer jüdischen Armenkolonie aus den 1920er Jahren verhandelt.[17] Außerdem erschienen gut recherchierte Bücher über die jüdische Bevölkerung in Witebsk, Turow, Pinsk und Grodno.[18] Jeden Sommer werden wissenschaftliche Expeditionen in ehemalige Shtetl wie Zhaludak unternommen, um die letzten Zeitzeugen zum Zusammenleben von Juden und Christen zu befragen.[19] In der Dauerausstellung über das Unesco-Welterbe „Mir“ wird erwähnt, dass die Schlossanlage aus dem 16. Jahrhundert von den deutschen Besatzern auch als Ghetto für die Bevölkerung des Shtetls genutzt wurde, bevor im August 1942 die letzten jüdischen Einwohner ermordet wurden.[20] Die für alle belarussischen Städte erarbeiteten Gedenkbücher Pamiat´ enthalten zumindest fragmentarische Hinweise auf das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen sowie der Angehörigen der polnischen Heimatarmee und anderer nicht belarussischer Opfergruppen in der BSSR.[21]

Auf den ersten Blick wirkt Belarus wie eine Gesellschaft, in die staatlich verordnete Geschichtspolitik eine heroische Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg diktiert.[22] Das auf sowjetische Muster zurückgehende Bild vom Großen Vaterländischen Krieg wird seit 2000 von der Regierung forciert. Dabei wird das Narrativ verändert und dem Gedenken an die Opfer eine andere Form gegeben, die noch vor 25 Jahren nicht möglich gewesen wäre. Die Priorität liegt dabei weniger auf der Legitimation sowjetischer Herrschaft als im Versuch dem Leiden der Bevölkerung in der besetzten BSSR sowie im besetzten Osten Polens nachträglich einen Sinn zu geben.[23] Diese Sinnkonstruktion wird immer weniger in einem sowjetischen, sondern zunehmend in einem nationalen Kontext der Republik Belarus verortet. Ähnlich wie in der sowjetischen Erinnerungskultur wird dabei, wenn möglich, noch immer auf eine Unterscheidung der Opfergruppen verzichtet. Das geflügelte Wort von “jedem dritten Belarussen” wird noch immer öffentlich als Sammelbegriff für alle ums Leben gekommenen sowjetischen Bürger sowie die Bürger des sowjetisch besetzten Ostens der Polnischen Republik verwendet.[24] Dabei wird nicht unterschieden, ob sie als belarussische Bauern, sowjetische Kriegsgefangene, Angehörige des polnischen Widerstandes oder als Juden umkamen.

Auf den zweiten Blick werden lokale Konstellationen zwischen Akteuren in Belarus, Polen, Israel und Deutschland sichtbar. Gedenkorte wie Maly Trostenez oder Navahrudak aktualisieren und konkretisieren das vage Wissen darum, dass die Städte und vor allem die Sthetl in Belarus vor 1939 von anderen Menschen bewohnt wurden als nach 1944. Sie sorgen dafür, dass Opfergruppen benannt werden[25] und initiieren zudem Projekte, die unter bestimmten Umständen von staatlichen Stellen unterstützt und in öffentlich finanzierte Strukturen integriert werden. Dabei existiert ein Gefälle zwischen dem Osten und dem Westen der heutigen Republik Belarus. Im Westen des Landes kommen durch die spätere sowjetische Besatzung sowie die enge Verbindung mit Polen und Israel häufiger Konstellationen zustande, in denen die offizielle Erzählung vom Großen Sieg mit der Erinnerung und Erfahrungen auf lokaler Ebene verbunden werden.[26] Dabei handelt es sich nicht um einen Konflikt verschiedener Erinnerungskulturen. Vielmehr lässt sich der Prozess als Aushandeln unterschiedlicher Positionen beschreiben, bei dem sehr wichtig ist, in welcher Form das Wissen legitimiert wird.  Zentral ist dabei die Vermittlung von historischem Wissen an staatlichen belarussischen Hochschulen und Instituten. Auch wenn die Hochschulen oft über deutlich schlechtere Ressourcen als ihre Kollegen im Ausland verfügen, sind sie in einer relativ starken Position, weil das von ihnen produzierte Wissen prinzipiell als legitim gilt.[27] Dass dabei das autoritäre Regime Lukaschenkas auch den Historiker/innen enge Grenzen setzt, lässt sich an einer Reihe von Entlassungen der vergangenen Jahre sehen. Im Falle der Staatlichen Janka Kupala Universität Grodno verloren seit 2012 insbesondere Historiker/innen ihre Arbeit.[28] Die meisten von ihnen lehrten und forschten aus belarussischer Perspektive - jedoch nicht aus belarussisch-staatlicher Perspektive.




[1] Grundstein für Gedenkstätte gelegt, Sendung auf Radio Bremen vom 10.06.2014. (25.07.2014)
[2] Rentrop, Petra: Tatorte der „Endlösung“. Das Ghetto Minsk und die Vernichtungsstätte von Maly Trostinez, Berlin 2011.
[3] IBB Dortmund (Hrsg.): Der Vernichtungsort Trostenez in der europäischen Erinnerung. Materialien zur internationalen Konferenz vom 21.–24. März 2013 in Minsk, Dortmund 2014, S. 44.
[4] IBB Dortmund: Trostenez: Der letzte große Vernichtungsort in Europa, an dem es bisher keine würdige Gedenkstätte gibt, 25.7.2014.
5] Internetportal des Päsidenten von Belarussland: Aleksandr Lukashenko prinjal uchastie v ceremonii zakladki pamjatnoj kapsuly na meste sozdanija memorial‘nogo kompleksa Trostenec, 10.6.2014.
[6] Er schlug dabei eine bereits zuvor eingeübte argumentative Pirouette, indem er öffentlich behauptete, der Neofaschismus gehe mit der Ausbreitung westlicher Demokratien einher. Lukashenko: Segodnja fashizm vnov podnimaet golovu – nas ubezhdajut, chto eto pravo na svobodu, in : Nahsa Niva vom 08.6.2014.
[7] Die Inschrift der Kapsel mit der Botschaft an die Nachfahren zeigt, dass im offiziellen Projekt auf neuste Forschungsergebnisse nicht eingegangen und weiterhin eine Maximalisierungsstrategie angewandt wird, da von Hunderttausenden Opfern die Rede ist statt von Zehntausenden. Zudem fällt auf, dass in post-sozialistischer Kontinuität die jüdische Opfergruppe - anders als im deutschsprachigen Diskurs über Trostenez - nicht hervorgehoben wird: Dokumentation und Übersetzung der Botschaft an die Nachfahren von IBB Dortmund, 8.7.2014.
[8] Auskunft per E-Mail vom 24.6.2014.
[9] Christian Ganzer, Alena Paškovič: „Heldentum, Tragik, Kühnheit.“ Das Museum der Verteidigung der Brester Festung.“ In: Osteuropa 12/2010, S. 81-96.
[10] Bernard Chiari & Robert Maier: Volkskrieg und Heldenstädte: Zum Mythos des Großen Vaterländischen Krieges in Weißrußland, in: Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen. Begleitbände zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, hrsg. von Monika Flacke, Berlin 2004, Bd. 2, S. 737-756.
[11] Dabei beharrt Lukaschenka auf der sowjetischen Behauptung, ein Drittel der Bevölkerung der BSSR sei Opfer der deutschen Besatzung geworden. Obwohl diese Opferzahlangabe mittlerweile u.a. von Christian Gerlach widerlegt wurde, wird sie nach wie vor als geflügeltes Wort verwendet. Dokumentation und Übersetzung der Rede Lukaschenkas von IBB Dortmund (25.07.2014)
[12] Homepage des Freilichtmuseums Linia Stalina  (25.07.2014)
[13] Kupalle or Stalin, in: Nasha Niva vom 25.6.2007 (25.07.2014)
[14] Aleksandr Mikhailovich Metla (Hrsg.): Linia Stalina. Pravda i Pamiat‘ Istorii, Minsk 2006.
[15] V Belarusi provoditsa akcija „My nasledniki Pobedy“, Belapan.by (25.07.2014)
[16] Website des Museums des Jüdischen Widerstandes in Novogrudok (25.07.2014)
[17] V Breste vykorchevyvajut pamjat’ o Evrejakh, in: Belorusskij Partizan vom 25.09.2013 (25.07.2014)
[18] Arkadij Zel´cer: Jevrei soveckoj provincii: Vitebsk i mestechki 1917–1941, Moskau 2006. Leonid L'vovič Smilovickij: Evrei v Turove : istorija mestečka mozyrskogo polesʹja, Jerusalem 2008. Mordekhai Nadav u.a. (Hrsg.): The Jews of Pinsk, 1506 to 1880, 2008 Stanford. Felix Ackermann: Palimpsest Grodno : Nationalisierung, Nivellierung und Sowjetisierung einer mitteleuropäischen Stadt 1919-1991, Wiesbaden 2010.
[19] V. Dymshitz u.a. (Hrsg.): Shtetl, XXI vek: Polevye issledovanija, St. Petersburg 2008.
[20] O. V. Nockaja, L. E. Prokopenko: Materialy o Velikoj Otechestvennoj Vojne iz chastnych arkhivov i muzejnykh kollekcij dlja ekspozicii Mirskogo zamka, in: N. Usava (Hrsg.): Mirski Zamak. Krynicy stvarennja muzejnykh ekspazicyjj: gistorzka-akumental´nya materyjaly i infarmacyjnyja tekhnalogii. Materyjaly navukova-praktychnaj kanferencyi, Minsk 2013, p.  93–109.
[21] Ivan Kren u.a.: Pamjac’ Hrodna. Historyka-dakumental’naja chronika horada Hrodna. Minsk 1999.
[22] David Marples: Memory Loss, in: Index on Censorship September (41) 2012, S. 133-138, ders.: History, Memory, and the Second World War in Belarus, in: Australian Journal of Politics & History, Volume 58, Number 3, 1 September 2012 , S. 437-448.
[23] Felix Ackermann: Gedächtnis und Sowjetisierung. Eine transnationale Erinnerung an kommunistische Verbrechen in Westbelarus?, in: Kaminsky, Anna, Erinnerungsorte an die Opfer des Kommunismus in Belarus, Berlin 2011, S. 67–77.
[24] Lukashenko: Revizija itogov Vtoroj Mirovoj Vojny nieumestna, naviny.by vom 10.6.2014 (25.07.2014)
[25] Trostenets - chetvertyj po velichine lager' smerti v Evrope, Novosti Belarusi (25.07.2014)
[26] Felix Ackermann: Gedächtnis und Sowjetisierung. Eine transnationale Erinnerung an kommunistische Verbrechen in Westbelarus?, in: Kaminsky, Anna, Erinnerungsorte an die Opfer des Kommunismus in Belarus, Berlin 2011, S. 67-77.
[27] Seit mehreren Jahrzehnten arbeitet Evgenij Rozenblat sehr aktiv an der Puschkin-Universität in Brest: Eine Liste seiner Publikationen findet sich hier (25.07.2014)
[28] Istorik Inna Sorkina uvolena iz GrGU im. J. Kupaly, in: Novosti Grodno vom 13.1.2014 (25.07.2014)