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„Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2“ von Rimini Protokoll (Haug & Wetzel) © Candy Welz

„Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2“ von Rimini Protokoll (Haug & Wetzel)
© Candy Welz

„Das, was wir machen, ist alles andere als eine Texthuldigung“
Oder: Wann über „Mein Kampf“ gelacht werden darf
von
Sebastian Brünger und René Schlott und Mirko Winkelmann
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Veröffentlicht: Januar 2016

 

Sebastian Brünger, Zeithistoriker am Zentrum für Zeithistorische Forschung und Doktorand an der Humboldt-Universität Berlin, ist seit 2007 Mitglied der Theatergruppe Rimini Protokoll. Anlässlich der Berliner Erstaufführung gibt er Auskunft über das ihr Projekt „Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 &2", an dem er als Dramaturg und Rechercheur mitgewirkt hat. Die Fragen stellten die Historiker René Schlott und Mirko Winkelmann.

Mehr dazu auf Zeitgeschichte-online: René Schlott und Mirko Winkelmann, „Halbheiten“. Auf der Hitlerwelle von Marx zu ISIS.

 

Wie kam es dazu, dass „Mein Kampf“ von Rimini Protokoll inszeniert wurde?

Sebastian Brünger:
Die Projekte von Rimini Protokoll haben oft diverse Ausgangspunkte. Mal ist es ein auratisch aufgeladener Ort, mal eine faszinierende Begegnung, mal ein außergewöhnlicher Text für die Bühne. Im Fall von Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" kam einiges zusammen. Am Anfang des Jahres 2013 stand die Einladung von Hasko Weber an Rimini Protokoll, sich zu Beginn seiner neuen Intendanz in Weimar mit Rechtsradikalismus zu beschäftigen. Zu diesem Zeitpunkt schwelte schon länger die Debatte, wie mit den auslaufenden Urheberrechten an Hitlers Werk umgegangen werden sollte. Zudem hatte das Buch in seiner lettischen Übersetzung im Jahr 2006 schon einmal einen kurzen Auftritt im Rahmen des Rimini-Projekts Karl Marx: Das Kapital, Erster Band". Damals verschwand es schnell im großen Bühnenbild-Bücherregal, das das Düsseldorfer Schauspielhaus inzwischen entsorgen wollte. Was würde aber passieren, wenn man das Buch auf der Rückseite des Regals, der Pfui-Seite", wieder hervorholen würde? Diese Frage war die Initialzündung.

Welche persönliche Beziehung hast Du zum Gegenstand?

Sebastian Brünger:
Im Frühjahr 2014 haben alle Produktionsbeteiligten angefangen im Familienkreis nachzufragen, ob ein Exemplar von „Mein Kampf“ vorhanden gewesen ist. Wo hat es gestanden, wer hat es gelesen, wo ist es jetzt? Erste Exemplare wurden im Produktionsbüro gesammelt. E-Mails wurden an Kollegen und Freunde im Ausland mit der Bitte verschickt, nach fremdsprachigen Ausgaben Ausschau zu halten. Erste Exemplare erreichten uns aus den USA, von den Philippinen, aus dem Libanon. Ich selbst habe bereits vor einigen Jahren eine Ausgabe von 1933 im Nachlass meiner Großmutter gefunden. Es hatte jahrzehntelang in der zweiten Reihe in ihrem Bücherregal gestanden. Ich habe es damals in Auszügen gelesen, was ein doppelter Lesevorgang war, da meine Großmutter auch Stellen im Buch markiert und unterstrichen hatte.

Du bist selbst Historiker. Wie hat das den Rechercheprozess für das Stück beeinflusst?

Sebastian Brünger:
Die Recherchen zu einem Projekt laufen in der Regel über gut eineinhalb Jahre, die eigentlichen Proben dauern nur sechs bis acht Wochen und sind vergleichsweise eher kurz. Recherche bedeutet dabei zweierlei: erstens Suche nach geeigneten Themen und Materialien, zweitens Suche nach geeigneten Performern, in anderen Worten Casting". Idealerweise fallen beide Suchbewegungen im Rahmen von Interviews zusammen. Diese persönlichen Gespräche sind das zentrale Medium der Recherche. Hier werden spannende Aspekte gesammelt, neue Spuren verfolgt, weitere Kontakte vermittelt. Von Gespräch zu Gespräch entwickelt sich so ein Netzwerk an Kontakten, ein dramaturgisches Spinnennetz, ein produktionsinterner Diskurs. Für die Auseinandersetzung mit „Mit Kampf“ war mein historisches Vorwissen sicherlich von Nutzen. Aber grundsätzlich stürzen wir uns stets mit einer gesunden Portion Naivität in die ersten Gespräche. Wer zu Beginn wenig weiß, hat viele Fragen und muss nicht über Meinungen streiten. Gerade bei Projekten über umfangreiche, berüchtigte Bücher ist das ein Startvorteil. Man muss nicht selbst erklären, sondern kann sich das Buch erklären lassen. Im Verlauf der Recherche entwickelte sich dann ein kollektiver Leseprozess und ein großer Berg an Aspekten und Materialien häufte sich an. Die alles begleitende Frage war dabei: Welche Personen verkörpern wichtige Themenkomplexe und bilden durch ihre eigenwilligen Perspektiven ein aufschlussreiches Spektrum für die Bühne ab? So verbinden sich historiographische Aspekte mit künstlerischen.

 

An welche Orte hat Euch die Recherche verschlagen?

Sebastian Brünger:
Wir haben an vielen Orten mit Bezug zu „Mein Kampf“ recherchiert, wie in Braunau, wo der Streit um Hitlers Geburtshaus exemplarisch für die Ratlosigkeit im Umgang mit dem braunen Erbe seit Jahren geführt wird. Oder in Landsberg, wo die Reste von Hitlers ehemaliger Zelle stehen. Wichtige Anlaufpunkte waren für uns auch Archive. Im Bundesarchiv haben wir diverse Ordnermappen mit Werbematerial zu „Mein Kampf“, Schriftwechsel zu ausländischen Übersetzungen und gesammelte Presseartikel der ausländischen Presse gefunden. Auf Mikrofiche dann noch Briefe aus den persönlichen Unterlagen Hitlers: Glückwunschschreiben, absurde Geschenke (vom kompletten Nachlass bis zu Selbstgestricktem), kuriose Nachfragen („Hat er blaue Augen? Hat er die Grippe überstanden? Darf ich mein Kind Hitlerine nennen?“), darunter auch direkte Übersetzungsfragen zu „Mein Kampf“ ins Französische, Ukrainische, Chinesische etc. Viele Details dieser zum Teil abstrusen Geschichten haben es aber nicht ins Stück geschafft.

Welche Rolle spielt historisches Faktenwissen für das bzw. im Stück? Warum habt ihr nicht nur „persönliche Rezeptionsgeschichten“ präsentiert?

Sebastian Brünger:
Die Recherchefragen werden zunächst aus der unmittelbaren Neugier am Thema gespeist, dann aus journalistischen und wissenschaftlichen Artikeln sowie Filmen, Büchern und Online-Fischzügen. Damit verbinden sich dramaturgische Überlegungen zu thematischen Schwerpunkten, zu besetzenden Positionen und idealtypischen Profilen. Es ist also nie allein der biographische Zugang, den wir suchen – der stößt in der Auseinandersetzung mit „Mein Kampf“ auch schnell an seine Grenzen, da von den Primärlesern kaum noch jemand auskunftsfähig ist und nach 1945 die Wirkungsgeschichte des Buches im Vergleich etwa zum „Kapital“ wesentlich kleiner gewesen ist.

Im Stück ist Othmar Plöckinger als der Experte für die Rezeption von „Mein Kampf“ zu sehen. Habt ihr im Vorfeld weitere Historikerinnen und Historiker befragt?

Sebastian Brünger:
Der Kontakt zu Othmar Plöckinger war unser allererster im Rechercheprozess und im Verlauf einer unserer wichtigsten. Plöckinger hat über fünfzehn Jahre zu dem Buch gearbeitet. Seine Forschung widerlegt einen zentralen Mythos: „Mein Kampf“ war mit fast zwölf Millionen Exemplaren nicht nur weit verbreitet, sondern wurde – entgegen der landläufigen Behauptung – auch sehr wohl gelesen. Mit ihm haben wir im Verlauf der Recherche viele Aspekte diskutiert: Gefährliche Stellen? Unlesbar? Wer verdient(e) an dem Buch? Aber auch diverse andere Historiker haben uns mit ihren Einschätzungen und Hinweisen sehr weitergeholfen, unter anderem Wolfgang Benz, Hermann Glaser, Andreas Nachama, Hans-Ulrich Thamer, Roman Töppel vom Institut für Zeitgeschichte oder Barbara Zehnpfennig.

Welche Erkenntnis hat Dich bei der Recherche am meisten überrascht oder schockiert?

Sebastian Brünger:
Spannend war unsere erste Probe mit Christian Spremberg, der seit Geburt blind ist. Er hatte ein Exemplar von „Mein Kampf“ mitgebracht – in Blindenschrift. Er ertastete auf der ersten Seite ein Symbol, das er erst nicht zuordnen konnte. Er hatte keine Vorstellung davon, wie ein Hakenkreuz aussieht. Auch nur eine ungefähre Idee, wie Hitler aussah (eher klein, gedrungen"). Für uns überlagern die tausendfach gesehenen Bilder und Hitlers Redeton jede Lektüre. Als Christian den Text jedoch eher sachlich vorlas, entstand sofort eine eindringliche Nähe jenseits der üblichen Karikatur.

Überraschend war sicherlich die Erkenntnis, wer mit dem Buch nach 1945 Geld verdient (hat). Unter anderem haben wir eine Ausgabe gefunden, die offenbar in der DDR hergestellt wurde und zwecks Devisenbeschaffung im Ausland verkauft wurde. Oder der Umstand, dass Random House die Lizenz an der englischsprachigen Ausgabe hält, und darüber der deutsche Mutterkonzern Bertelsmann bis heute vom Verkauf von „Mein Kampf“ profitiert.

Wie wurden die Protagonisten für das Stück ausfindig gemacht?

Sebastian Brünger:
Letztlich haben wir sechs Personen auf die Bühne eingeladen, die sich dem Buch aus verschiedenen Perspektiven nähern: Da ist die Juristin, die beschreibt, dass das Buch eben nicht verboten ist. Oder die heute 65-jährige Professorin, die mit 14 Jahren Ausschnitte aus „Mein Kampf“ abschrieb und ihren Eltern zu Weihnachten schenkte. Ein Blinder liest aus der Blindenschrift-Ausgabe vor, und ein Buchrestaurator erzählt, wie das Buch nach 1945 entsorgt wurde. Ein türkischstämmiger Musiker schildert, wie er heute in Deutschland mit Rassismus im Alltag konfrontiert ist – und ein israelischer Anwalt, der uns berichtet hat, wie ihn das Buch fasziniert, als gut gemachtes Propaganda-Werk.

Jeder Beteiligte hat dabei seine eigene Geschichte, wie er oder sie zum Projekt kam. Wir haben zum Beispiel einen Aufruf in der Facebook-Gruppe Israelis in Berlin gestartet: „Berliner Theaterprojekt sucht „Mein Kampf“-Besitzer und -Leser mit jüdischem Hintergrund“. Das ergab diverse Rückmeldungen. Keine Empörung, vielmehr Interesse. Eine Spur führte ins Goethe-Institut Tel Aviv. Dort gab es vor Jahren einen Mann, der im Deutschunterricht stets „Mein Kampf“ lesen wollte. Über Umwege ergab sich so ein Kontakt zu Alon Kraus, dem israelischen Anwalt.

Was hat es mit der Terroristin auf sich, die von Sibylla Flügge im Stück genannt wird?

Sebastian Brünger:
Sie erzählt von ihrer Schwester, die in den 1970er Jahren in den linksradikalen Untergrund ging – auch in Reaktion auf die Untätigkeit ihrer Eltern im „Dritten Reich“. Ein anderer Protagonist erzählt auf der Bühne von einem Freund, der sich vom Antifa-Rapper zum IS-Kämpfer entwickelte. Uns hat in der Auseinandersetzung mit „Mein Kampf“ die aufkommende Aggressivität, der Punkt des Umschwenkens, an dem propagandistische Schriften zur aktiven politischen Teilnahme führen, interessiert. So haben wir auch nach heutigen Propagandaformen und Mobilisierungsstrukturen gesucht.

Wie zufällig gestaltet sich der Verlauf des Stückes, beispielsweise beim Alphabet-Spiel"? Was ist vorgegeben, was ist spontan?

Sebastian Brünger:
Neunzig Prozent des Textes sind abgesprochen und geprobt. Zum Teil in Stichworten, zum Teil in ganzen Textpassagen. Es gibt aber immer wieder Szenen und Elemente, die die Protagonisten zu Spontanität und Improvisation nötigen sollen. Zum Beispiel das Alphabet-Spiel", bei dem die Beteiligten zu zufällig erscheinenden Buchstaben Begriffe zum Nationalsozialismus assoziieren sollen, die dann als Überschriften für die folgenden Szenen wirken. Oder das Abstimmungsspiel, wo sich die Beteiligten zu konkreten Fragen in einem Ja-Vielleicht-Nein-Spektrum positionieren sollen: Ist „Mein Kampf“ noch gefährlich? Sollte es in der Schule gelesen werden? So wird der öffentliche Diskurs über das Buch auf die Theaterbühne verlängert und in den Zuschauerraum zurückgespiegelt. Manche Antworten der Beteiligten verändern sich dabei von Vorstellung zu Vorstellung.

 

Seht ihr Euer Stück in einer bestimmten Dokumentartheater-Tradition?

Sebastian Brünger:
Viele bezeichnen das Theater von Rimini Protokoll als „neues dokumentarisches Theater“. Im Vergleich zu den Klassikern der 1960er Jahre wie „Der Stellvertreter“ oder „Die Ermittlung“ haben unsere Stücke sicherlich einen ähnlichen aufklärerischen Impuls. Im Unterschied zu Rolf Hochhuth und Peter Weiss beansprucht unsere Arbeitsweise jedoch keine eindeutige, richtige Position oder ein politisches Programm. Die Verwendung von dokumentarischem Material befragt in unseren Stücken häufig auch den vermeintlich klaren Gegensatz von Fakten versus Fiktionen und eröffnet im besten Fall neue Sichtweisen auf das, was wir auf Theater- und Lebensbühnen zu sehen gewohnt sind. In diesem Sinne müssen sich die Zuschauer selbst entscheiden, wie sie sich einer „historischen Wahrheit“ annähern wollen. Am Ende führen die Zuschauer selbst die Geschichten zusammen, schreiben sie zu Ende, verbinden die Fäden des Stücks zu einem eigenen Bild und gleichen es mit ihren Erfahrungen und ihrer Gegenwart ab.

Darf man über „Mein Kampf“ lachen? Muss man es fürchten?

Sebastian Brünger:
Der Historiker Othmar Plöckinger sagte uns: „Über ‚Mein Kampf‘ kann und darf man sehr wohl lachen, aber nicht zu Beginn der Auseinandersetzung.“ Ist es noch gefährlich? Für die Rechten ist das Buch ein Fetischobjekt, fast unabhängig von den genauen Inhalten. Die völkischen, antisemitischen Passagen wirken heute in ihrem theoretischen, pseudowissenschaftlichen Ton aus der Zeit gefallen. Aber die antidemokratischen Stellen sind leider äußerst aktuell. Nicht nur bei den Pegida-Demonstrationen hört man so etwas ganz ähnlich.

Dennoch scheint uns die Forderung nach einem Verbot des Buches zu einfach. Ein Verbot würde nur die Aura des Reizvollen verstärken. Im Übrigen war der Text ja nie weg, er ist im Ausland und über das Internet jederzeit zu bekommen. Jeder sollte sich selbst eine Meinung zu dem Buch bilden können – und dazu wollen wir einen Beitrag leisten.

Trägt ein solches Stück nicht weiter zur Mythenbildung um Hitler und „Mein Kampf“ bei?

Sebastian Brünger:
Ganz im Gegenteil: Das, was wir machen, ist ja alles andere als eine Texthuldigung. Vielmehr ist das Stück in weiten Teilen eine Dekonstruktion von diversen Mythen, die das Buch umgeben. Einem Dilemma entgehen wir natürlich nicht: Wenn wir entscheiden, dem Buch eine Bühne zu geben, schenken wir dem Buch neue Aufmerksamkeit – und vielleicht auch mehr, als ihm eigentlich zusteht. Die Frage, wie viel Bedeutung dem Buch zukommt, um den Nationalsozialismus und den Holocaust zu erklären, ist ja nicht nur in der Geschichtswissenschaft umstritten. Wenn man die Berichterstattung der letzten Wochen rund um die kritische Edition des IfZ verfolgt, könnte man meinen, dass der öffentliche Geschichtsdiskurs wieder stark von einem Hitlerzentrismus geprägt ist, wie er in den 1950er Jahren aus Motiven der Selbstentlastung sehr stark war. Solche Hitler-Konjunkturen hat es immer wieder gegeben – und da sind wir als Theatermacher bei aller Selbstreflexion auch Teil der gegenwärtigen Geschichtskultur.

 

Die Fragen von René Schlott und Mirko Winkelmann wurden von Sebastian Brünger am 13. Januar 2016 schriftlich beantwortet. Ein Vorgespräch wurde am 8. Januar 2016 im HAU 2 geführt.