alixejewitsch.jpg

Bild: Daníel | Soviet | 17.02.2007 | Flickr | CC BY-NC-ND 2.0

Chronistin des Leidens
Der Nobelpreis für Swetlana Alexijewitsch in zeithistorischer Perspektive
von
Jan C. Behrends
Druckversion

Veröffentlicht: Oktober 2015

 

«Я всегда хочу понять, сколько человека в человеке. И как этого человека в человеке защитить»*

Wir leben wieder in Zeiten, in denen der Nobelpreis für Literatur ein Politikum ist. Als im Jahr 1958 – mitten im Kalten Krieg – Boris Pasternak für seinen offiziell verfemten Roman „Doktor Schiwago“ die Auszeichnung erhielt, setzte die Schwedische Akademie ein Zeichen für die Freiheit des Wortes und gegen sowjetische Mythen. In der Gegenwart vertritt der Moskauer Machthaber die Vorstellung, der Zerfall der Sowjetunion sei „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“.[1] Die gestern geehrte Swetlana Alexijewitsch hingegen dekonstruiert bereits seit drei Jahrzehnten eben jenen Mythos der großen Sowjetunion, der schon im 20. Jahrhundert und nun wieder von den Lebens- und Machtverhältnissen im russischen Imperium ablenken soll. Indem Alexijewitsch diejenigen zu Wort kommen lässt, die unter dem Joch der Parteiherrschaft lebten und litten, präsentiert sie eine Vielzahl individueller Gegenerzählungen. Ihre Zeugen berichteten von Terror, Krieg und Willkür, aber auch von der alltäglichen Schikane, Demütigung und Korruption, die das offizielle Russland gern verdrängt, die aber den Alltag bestimmen. Die Leiden der einfachen Bürgerinnen und Bürger hat Swetlana Alexijewitsch minutiös dokumentiert und zu zeithistorischen Collagen verarbeitet, die beeindrucken und bedrücken. Nach der Lektüre ihrer Bücher blickt man anders in die müden Gesichter alter Menschen in postsowjetischen Ländern. Dank Alexijewitsch‘ Werk bekommen wir eine Vorstellung davon, welche Zumutungen und was für ein Unglück sowjetische Herrschaft bedeutete.

Swetlana Alexijewitsch‘ Bücher erzählen von einem Ausnahmezustand, der für sowjetische Bürger Normalität war. Noch während ihrer Arbeit als Journalistin dokumentierte sie die Erlebnisse sowjetischer Frauen im offiziell verklärten „Großen Vaterländischen Krieg“ und erforschte das Schicksal ihrer eigenen Familie während des Krieges und im Stalinismus. Anschließend wandte sie sich der Geschichte ihrer Gegenwart zu, indem sie in den achtziger Jahren begann, die Greuel des Afghanistankrieges und seine Folgen für die sowjetische Gesellschaft zu thematisieren. In „Zinkjungen“ zeigte sie, wie die Logik des Gewaltraums den Alltag am Hindukusch prägte und welche Folgen dieser wilde Krieg für die letzte sowjetische Generation hatte. Die Beschreibungen der Massaker und Gewaltexzesse erschütterten das Bild, das die sowjetische Öffentlichkeit von ihrer Armee hatte. Auch der zweiten Katastrophe des späten Sozialismus – der Atomunfall in Tschernobyl – widmete Alexijewitsch ein Buch. Schließlich erschien 2013 mit „Secondhand-Zeit“ ihre monumentale Collage (post-)sowjetischer Schicksale, die in epischer Breite vom Leben im zusammenbrechenden Imperium berichtet. Westlichen Lesern ermöglicht das Buch einen Einblick in Lebenswelten, die selbst Osteuropareisenden häufig verschlossen bleiben. Der homo sovieticus tritt uns bei ihr so entblößt entgegen, dass wir erschrecken.

Die Autorin selbst ist ein Kind des sowjetischen Imperiums. Geboren in der Ukraine, geprägt durch Belarus und auf Russisch schreibend, verkörpert sie geradezu idealtypisch den homo sovieticus, dem sie nun schon seit Jahrzehnten auf der Spur ist. Ihr Leben und Werk folgt dieser biographischen Prägung. Sie hat sich zu keiner Zeit von nationalen Kategorien vereinnahmen lassen. Ihr Blick und ihr Interesse gelten vielmehr der gesamten sowjetischen Zeit sowie der anschließenden Transformation. Sie steht dabei ganz in der aufklärerischen Tradition der russischen und kritischen sowjetischen Literatur. Wie Pasternak, Brodsky und Solschenizyn vor ihr steht die Auseinandersetzung mit dem autoritären Staat im Zentrum ihres Werkes. Auch unmittelbar nachdem sie die Nachricht von ihrer Auszeichnung erreicht hatte, nahm sie kein Blatt vor den Mund. Sie liebe „die Welt der großen russischen Kultur“, sagte sie, aber nicht diejenige von „Stalin, Beria und Putin. Das ist nicht meine Welt.“ Dennoch reproduziert sie nicht nur die Dichotomie zwischen Volk und Macht, die seit jeher Russland prägt. In „Secondhand-Zeit“ widmet sie sich auch den Brüchen im Leben der Funktionäre, die das System trugen, andere malträtierten und doch auch unter ihm litten.

Swetlana Alexijewitsch ist Journalistin, Schriftstellerin und Historikerin. Sie folgt als Nobelpreisträgerin Theodor Mommsen und Winston Churchill, die ebenfalls für die Darstellung historischer Stoffe ausgezeichnet wurden. Während Mommsen die römische Republik aus der Perspektive des 19. Jahrhunderts neu vermaß, schreiben Churchill und Alexijewitsch die Geschichte ihrer Gegenwart. Doch wo der britische Kriegspremier als Meister konventionellen Erzählens gefeiert wurde, setzt Alexijewitsch auf die Erinnerungen ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Ihre Quellen sind Gespräche, die sie führt und dann komponiert und verdichtet. Somit handelt es sich nicht nur um den seltenen Fall der Auszeichnung einer historischen Arbeit mit dem Nobelpreis für Literatur. Tatsächlich ist es ein Nobelpreis für Oral History, den die Akademie vergeben hat. Swetlana Alexijewitsch hat ein Genre geschaffen, das den Leser berührt und irritiert und doch ohne die Plattitüden einer Littérature engagée auskommt.

Seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich in Deutschland das Interesse an osteuropäischer Geschichte kontinuierlich verringert. Das gilt für die Wissenschaft, aber auch für die breite Öffentlichkeit. Die Revolution auf dem Maidan und die russische Aggression gegen die Ukraine haben das Interesse an der Region wiederbelebt. Mit der Wahl von Swetlana Alexijewitsch rückt Osteuropa erneut in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit. Ihr Werk kann dazu beitragen, den post-sowjetischen Raum besser zu verstehen und seinen Gesellschaften illusionslos, aber doch mit Anteilnahme zu begegnen. Hier unterscheidet sich das Leben noch immer vom „Westen“ oder von „Europa“. Swetlana Alexijewitsch hat einige unbequeme Wahrheiten über diese Welt aufgeschrieben: Nicht nur die Machthaber, sondern ganze Gesellschaften sind von sieben Jahrzehnten Kommunismus und zwei Dekaden krimineller Marktwirtschaft geprägt. Deshalb sei, so sagt sie, Osteuropa noch immer kein Boden, auf dem eine freie Ordnung entstehen kann. Zu sehr seien diese Gesellschaften von den Katastrophen des letzten Jahrhunderts geprägt. Dennoch unterstützt sie den Aufbruch in der Ukraine und verurteilt die Diktaturen in Minsk und Moskau und weist damit auch der westlichen Öffentlichkeit den Weg.

 

* „Ich versuche stets zu verstehen, wieviel Mensch(-lichkeit) im Menschen steckt. Und wie man diese Mensch(-lichkeit) im Menschen schützen kann.“ (Swetlana Alexijewitsch)

 




[1] Putin vor der Föderalen Versammlung der Russischen Föderation am 25.4.2005.