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Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Holocaust-Mahnmal in Berlin am 3. Oktober 2011
Foto: Tx0h (own work), Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Höcke und wir
von
Martin Sabrow
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Veröffentlicht am 25. Januar 2017

Ein beurlaubter Oberstudienrat für Sport und Geschichte und thüringischer Landessprecher der AfD hat sich am 17. Januar 2017 in Dresden zum Sprecher der deutschen „Mutbürger“ erklärt und in ihrem Namen öffentlich die „furchtbare Lage dieses Volkes“ angeprangert, das durch die „dämliche Bewältigungspolitik“ gelähmt werde. Mit seinem Appell hat er zu einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ aufgerufen, die wieder die „großartigen Leistungen der Altvorderen“ hervorhebe. Dafür hat er keine anderen Worte gebraucht, als sie seit 1945 tagtäglich über die deutschen Stammtische geflogen sind. Nicht anders sprachen die Deutschen, die schon am Ende der 1940er Jahre endlich ein Ende der „Naziriecherei“ forderten und seither immer wieder dafür plädierten, über den zwölf negativen nicht die 988 positiven Jahre der tausendjährigen deutschen Geschichte zu vergessen. Im gleichen Geist der Schuldabwehr verlangte die Münchner CSU noch  1997, dass Philipp Reemtsma statt einer Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht besser eine Ausstellung über die Opfer das Tabaks hätte veranstalten sollen.

Und doch bedeutet Höckes Rede mehr. Man spürt es am Entsetzen, das in der Woche danach durch die öffentlichen Kommentare wehte, man spürt es an der allgemeinen Hilf- und Ratlosigkeit der demokratischen Gesellschaft, wie man solchen Auslassungen entgegentreten kann, ohne in die bekannte Aufmerksamkeitsfalle zu tappen, die im Medienzeitalter regelmäßig nicht der klügsten, sondern der provokativsten Position die breiteste Anerkennung sichert. Woran liegt es, dass das nationalstolze Wortgeklingel eines thüringischen Rechtsextremisten so viel schockierte Aufmerksamkeit erfährt?

Der erste Grund liegt in der unverstellten Aufkündigung des erinnerungskulturellen Grundkonsenses der Bundesrepublik. Auch vor Höcke haben deutsche Politiker immer wieder versichert, dass Deutschland sich nicht mehr mit dem schlechten Gewissen traktieren lassen solle. Bedeutende Intellektuelle wehrten sich etwa mit Martin Walser gegen die „Dauerpräsentation unserer Schande“ oder mit Alfred Grosser gegen die billig hervorgeholte „Keule der Vergangenheit“. Aber weder Walser noch Grosser hatten je das Faktum der schandbaren NS-Verbrechen in Zweifel gezogen. Und auch die Franz Josef Strauß zugeschriebene – und von ihm selbst bestrittene – Äußerung, dass die Deutschen sich ein Recht auf Vergessen erworben hätten, enthält jedenfalls keine Relativierung der nationalsozialistischen Mordherrschaft. Höckes Klage über die Deutschen als „das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“, lässt hingegen absichtlich offen, ob dessen Schande in der Tatsache des Judenmords liege oder in der anklagenden Erinnerung an ihn. In dieser kalkulierten Vagheit tastet sich Höcke an die moralisch, politisch und rechtlich gezogene Grenze zur Leugnung historischer Lasten heran, die vielleicht in Polen, in Russland, in der Türkei sukzessive eingerissen wird, aber bis jetzt jedenfalls nicht in Deutschland.

Auf diesen erinnerungskulturellen Tabubruch vor allem hat sich – zweitens – die öffentliche Empörung konzentriert und damit Höcke die Gelegenheit gegeben, in bekannter AfD-Manier augenzwinkernd zurückzurudern – natürlich habe seine Rede von der deutschen Schande dem Verbrechen gegolten und nicht seinem Denkmal. Aber seine Rede markierte eben nicht nur ein kokettes Spiel mit dem zur staatlichen Identität der Bundesrepublik gewordenen Anspruch auf Bewältigung statt Verdrängung oder Leugnung der Vergangenheit, sondern sie bricht in nonchalanter Unbefangenheit die bisher geltenden Spielregeln der politischen Verständigung in Deutschland. Präziser: Seine Dresdner Rede holt die Sprache des Faschismus zurück in die Gegenwart. Sie nutzt das in der nationalsozialistischen „Kampfzeit“ entwickelte Argumentationsarsenal, indem sie die Politiker der verrotteten „Altparteien“ in absurdester Reihung – nämlich von Angela Merkel bis Erich Honecker – über denselben Kamm der „erbärmlichen Apparatschiks“ schert, „die nur noch ihre Pfründe verteilen wollen“. Die Rede bedient sich faschistischer Ausdrucksmuster, indem sie die eigene Partei zur „Bewegung“ erklärt, die allein „die furchtbare Lage dieses Volkes“ abwenden könne, das „in seiner Existenz unmittelbar bedroht“ sei. Sie bedient sich der nationalsozialistischen Massensuggestion, indem sie sich von der frenetischen Begeisterung ihrer Hörer zu immer neuen Höhen tragen lässt. Ihr Sprecher lehnt sich an den nationalsozialistischen Führerkult an, indem er sich zum Messias stilisiert, der aus seiner Erfurter Einsamkeit auf die Suche nach Gefolgschaft gegangen war, bis er „mit (m)einer kleinen Thüringer Gruppe dann endlich den Pegida-Spaziergang gefunden hatte“, der ihm zur mythischen Geburt eines neuen Marsches auf Berlin wird. Ganz im Repertoire des faschistischen Führers bewegt Höcke sich schließlich, wenn er einen „Neuen Menschen“ zu formen verlangt, der sich im Dienst für die Sache verzehrt und in unbeirrbarer Willensstärke auf den „langen und entbehrungsreichen Weg“ macht, der am Ende die „Neuen Preußen“ „zu einem vollständigen Sieg“ führen wird.
Wer so sprach, pflegte sich in seiner albernen Peinlichkeit in Deutschland siebzig Jahre lang von der politischen Bühne zu verbannen, wie vor vielen Jahren etwa der NPD-Begründer Adolf von Thadden oder noch vor wenigen Monaten der Pegida-Einheizer Lutz Bachmann zu erfahren hatten. Dass sich dies im Januar 2017 ein thüringischer Fraktionsvorsitzender herausnehmen kann, ohne umgehend aus seiner Partei ausgeschlossen zu werden, zeugt von einer beträchtlichen Verschiebung im Spektrum der politischen Kultur in Deutschland nach 1945.

Aber die eigentliche Bedeutung von Höckes Dresdner Rede liegt darin, dass sie das Paradigma der historischen Aufklärung in Frage stellt. Die Krise des Fortschrittsglaubens und der Abgesang auf die Zukunft als gesellschaftlicher Leitkategorie hatten sich bisher vorwiegend auf die materielle Seite des gesellschaftlichen Fortschritts bezogen; die Hoffnung auf kulturellen Fortschritt aber blieb bis heute im Wesentlichen ungebrochen. Die Krise der Wachstumsgesellschaft hat die Fundamentalliberalisierung nicht behindert, das ausgerufene Ende der Moderne die Hoffnung auf die Pazifizierung des sozialen Zusammenlebens und die Überwindung ideologischer Lagerkämpfe nicht beeinträchtigt. Nirgendwo tritt die ungebrochene Fortschrittserzählung der Zivilgesellschaft unverstellter zu Tage als im Umgang mit der Vergangenheit: Wir glauben an die heilende Kraft der historischen Aufarbeitung und rühmen uns der Zahl und Bedeutung unserer historischen Gedenkstätten. Wir sprechen von den „Ewiggestrigen“, die immer noch die eine oder die andere Diktatur des 20. Jahrhunderts eine im Grunde gute Idee finden, die nur schlecht ausgeführt worden sei. Wir reagieren auf antisemitische Ausfälle oder die Verharmlosung der kommunistischen Repression mit der Forderung, der Geschichte des 20. Jahrhunderts mehr Raum im Lehrplan einzuräumen. Wir versichern uns zu den Jahrestagen von 1914, 1933 und 1945, die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen zu haben.

Doch Europaskepsis und Neonationalismus, das Flüchtlingsleid an den europäischen Grenzen und die Wucht der populistischen Empörung gegen „das Establishment“ wecken in immer mehr Menschen die Angst, dass Friedrich Schillers Traum von der allmählichen Vervollkommnung des Menschengeschlechts, das mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Diktatursystems 1989/90 endgültig die Rückschläge des 20. Jahrhunderts überwunden zu haben schien, wieder zu zerbrechen droht. Die in Dresden offenbarte Denkwelt des thüringischen Provinzradikalen Höcke erschüttert über Ort und Anlass hinaus, weil sie sich mit der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten in Washington in derselben Absage an sicher geglaubte Tatbestände des gesellschaftlichen Miteinanders trifft. Dass „der Wohlstand, die Stärke und das Selbstvertrauen unseres Landes am Horizont verschwand“, behauptet der eine und proklamiert: „Von diesem Tag an heißt es Amerika zuerst, Amerika zuerst“; „unser einst intakter Staat befindet sich in Auflösung“, echot der andere und verspricht: „Wir werden unser Deutschland Stück für Stück zurückholen.“ Nichts sonst mag ihr Bramarbasieren miteinander verbinden, aber gemeinsam führen sie vor Augen, was längst unvorstellbar geworden war: dass der Rückfall möglich ist.

Putin und Trump, Orbán und Kaczyński, Erdoğan und Lukaschenko, sie drängen uns in eine täglich spürbarer werdende Defensive; sie machen unsere um das Jahr 1989 und den damit verbundenen Rückgewinn der Freiheit in Europa organisierte Fortschrittserzählung fragwürdig. Diese Erschütterung trifft auch den Glauben an die Kraft der historischen Aufklärung. Ihre Erinnerung an die Härte des Eisernen Vorhangs bis 1989 ließ die Gesellschaften des einstigen Ostblocks nicht vor der Errichtung hoher Zäune gegen die neuerlichen Flüchtlingsströme zurückschrecken; der Umstand, dass er als Gymnasiallehrer für das Fach Geschichte zuständig ist, minderte nicht Höckes Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern des Holocaust; dass eben erst der türkische Abgeordnete Garo Paylan verzweifelt nach einer Erklärung für den Rückgang des armenischen Bevölkerungsanteils in der Türkei von einst 40% auf heute 0,1% fragte, verkleinerte nicht die einhellige Wut des Parlaments, das ihn niederschrie und seine unbotmäßige Ansprache aus dem Sitzungsprotokoll streichen ließ.

Das kurze 20. Jahrhundert endete mit dem Sieg der Freiheit, aber kann deren Beschwörung uns auch durch das 21. Jahrhundert tragen? Müssen wir uns eingestehen, dass der Blick in die Vergangenheit nicht klüger macht, und droht vor unseren Augen das in den letzten vierzig Jahren eingeübte Konzept der historischen Aufarbeitung womöglich ebenso an sein Ende zu kommen wie zuvor der Glaube an die Weltverbesserung durch Wachstum? Nicht weil sie herausragend war, könnte Björn Höckes Dresdener Rede im Gedächtnis bleiben, sondern weil sie im Gegenteil von einer neuen Normalität zeugt: Sie symbolisiert die Auflösung der letzten Fortschrittsgewissheit unserer Zeit, sie steht für die Erschütterung des Glaubens, dass die Auseinandersetzung mit einer katastrophalen Vergangenheit vor ihrer Wiederkehr schütze. Höckes Rede macht den drohenden Zusammenbruch der liberalen Denkwelt und ihrer Fortschrittserzählung fassbar. Daraus  erklärt sich der entsetzte Nachhall, den sie auslöst, und darin liegt ihr Zäsurcharakter.

Unter dem Titel Blinde Flecken innerhalb der zeithistorischen Forschung in Deutschland. Eine Antwort auf Martin Sabrows Kommentar „Höcke und Wir“ formulierte die Historikerin Maria Angelopoulou am 9. Februar 2017 eine Antwort auf diesen Beitrag.