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Gebäudeteil des Staatlichen Museums für Politische Geschichte Russlands, Villa der Mathilde Kschessinskaya

Особняк Матильды Кшесинской в Санкт-Петербурге (Mansion of Mathilde Kschessinskaya in Saint Petersburg), 13. Juli 2013, Foto: Alex 'Florstein' Fedorov, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Im Labyrinth der russischen Geschichte
Ein Petersburger Museum erklärt den Kontext der Revolution von 1917 und zeigt deren Folgen
von
Felix Ackermann
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Veröffentlicht am 19. Oktober 2017

Das wichtigste Exponat des Museums für die politische Geschichte Russlands ist die Villa der Matilda Felixowna Kschessinskaja, die unweit der Peter-und-Paul-Festung und dem Panzerkreuzer Aurora liegt. Das prachtvolle Petersburger Jugendstilgebäude ließ Zar Nikolai II. für die polnische Prima-Ballerina errichten. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts befand sich hier eine Filiale des Museums der Großen Oktoberrevolution, das über Jahrzehnte die offizielle sowjetische Interpretation der Ereignisse des Jahres 1917 ausstellte. Das Museum der politischen Geschichte Russlands gibt heute einen Einblick, wie widersprüchlich die Sicht der russischen Gesellschaft auf die Oktoberrevolution 100 Jahre nach der Machtübernahme der Bolschewiki ist.

Das Museum bietet aktuell auf drei Etagen in mehreren Ausstellungen mit jeweils russischen und englischen Begleittexten einen Überblick über zweihundert Jahre russischer Geschichte. Derzeit wirkt der Versuch, die Vergangenheit des Russischen Reichs, der Sowjetunion und des ersten Jahrzehnts der Russischen Föderation als eine konsistente Geschichte zu erzählen, noch chaotisch und unübersichtlich. Doch in der thematischen Ausstellung Essen ist eine staatliche Angelegenheit sind zukünftige Konturen bereits erkennbar. Die Ausstellung erzählt eine Alltagsgeschichte der Ernährung über Epochengrenzen hinweg. Anhand von Rezepten, Preisen für Lebensmittel, Küchenutensilien und Gebrauchsgraphiken zeigen die KuratorInnen eine Geschichte der Modernisierung der Gesellschaft im größten Staat der Welt, die begleitet war von Mangel und Gewalt. Ein Sammelteller mit Fotos der Zarenfamilie ist hier ebenso ausgestellt wie die Metallschüssel eines politischen Gefangenen. Die Entstehung der sowjetischen Konsumgesellschaft ist reich illustriert – auch mit Fotos der Warteschlangen vor den staatlichen Geschäften. Zudem versammelt die Schau kommentarlos die Lieblingsrezepte russischer Herrscher: Nikolai II. mochte Taubensuppe mit Bandnudeln, Wladimir Putin bevorzugt angeblich Perlgraupen mit Trockenfrüchten. Mit Verweis in die Gegenwart endet die Schau mit einem Foto, dass die staatlich angeordnete Vernichtung von Fleisch zeigt, die in der Folge der Sanktionen nach der Krim-Annexion verhängt wurde.

Wer von hier aus zur Geschichte der russischen Revolutionen vordringen will, verliert sich leicht im Labyrinth zweier miteinander verbundener historischen Häuser.
Noch bevor die BesucherInnen die aktuelle Revolutionsausstellung erreichen, bewegen sie sich durch die aufwendig inszenierte Ausstellung Mensch und Macht. Im zentralen Saal über das 19. Jahrhundert hängen Bänder in den Staatsfarben der Russischen Föderation weiß, blau und rot von der Decke. Darunter sind einzelne hell erleuchtete Fenster den Reformen von Alexander II. sowie den kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Modernisierern im Russischen Reich gewidmet. Eiserne Ketten erinnern an die Attentäter, die den Zar im Jahr 1881 ermordeten.
Der kurze Weg von hier zur Revolution von 1905, in deren Folge das Russische Reich für ein dutzend Jahre zur konstitutionellen Monarchie wurde, erinnert an die Vorgeschichte politischer Gewalt und  innerrussischen Terrorismus. Ein hölzerner Waggon inszeniert die erzwungene Abdankung von Nikolai II. im März 1917 und auf dem Weg in den zweiten Stock erfahren die Besucher eher beiläufig Details der Hinrichtung der Zarenfamilie im selben Jahr.

Würde man der Chronologie folgen, wäre von hier aus der Übergang zur aktuellen Ausstellung Die Revolution in Russland 1917–1922 ein logischer Weg. Doch die Architektur des Museums zwingt den  BesucherInnen auf dem Weg dorthin zunächst einen musealen Gewaltmarsch durch das zwanzigste Jahrhundert auf. Der russische Bürgerkrieg wird in zahlreichen Zeitzeugeninterviews aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Die AusstellungsmacherInnen haben sich fast vollständig vom Duktus sowjetischer Propaganda befreit. Sie finden eine moderne Formensprache, um anhand einzelner Artefakte und einem großen Steinhügel an die Millionen Opfer sowjetischer Herrschaft zu erinnern.
Der Abschnitt über den Zweiten Weltkrieg beginnt mit einer Karte, die die Teilung Mitteleuropas im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts deutlich macht, und einem Foto von der gemeinsamen Parade deutscher und sowjetischer Soldaten in Brest im Herbst 1939. Daneben ist der Mantel von Richard Sorge zu sehen, jenem Spion, der Stalin im Jahr 1941 vergeblich vor dem bevorstehenden deutschen Angriff auf die Sowjetunion gewarnt hatte.

Wer sich weiter durch die Räume über die Nachkriegszeit sowie Aufbruch und Krise der Perestrojka-Zeit gearbeitet hat, kommt zu Videoinstallationen mit den Neujahrsansprachen von Boris Jelzin und Wladimir Putin. Zur Installation gehören geschmückte Tannenbäume, die kopfüber von der Decke hängen. Sie erinnern an die Machtübergabe von Jelzin an Putin zum Neujahrsfest am 31. Dezember des Jahres 1999. Putin verspricht im Jahr seiner Ernennung die Einhaltung der Verfassung sowie den Erhalt von Demokratie und Pressefreiheit.

Hinter einer versteckten Tür findet sich endlich die im Jahr 2017 eingeweihte Ausstellung, die der Chronologie der Ereignisse des Jahres 1917 folgt. Anhand einer Vielzahl von Reproduktionen historischer Fotos, Uniformen, Waffen und persönlichen Gegenständen erzählt die Ausstellung akribisch von den politischen und paramilitärischen Kämpfen im Zeitraum zwischen der Abdankung des Zaren und der gewaltsamen Machtübernahme von Lenin, Trotzki und ihren Anhängern.
Dazu gehören die Juliausschreitungen auf dem Newskij-Prospekt. Hunderttausende Arbeiter protestierten im Sommer 1917 gegen den Aufruf der russischen Regierung, bis zum Zusammenbruch des Deutschen Reichs an den Fronten des Ersten Weltkriegs weiterzukämpfen. Die Beerdigung der bei der Niederschlagung der Proteste Getöteten wird anhand von historischen Photographien als mobilisierendes Massenereignis dargestellt. Die Ausstellung zeigt auch, dass zu diesem Zeitpunkt für niemanden zu erkennen war, wer sich in den folgenden Kämpfen durchsetzen würde.

Es fehlen nicht die nachgestellten, etwas verstaubt wirkenden Arbeitsräume Lenins und dem Zentralkomitee der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Der Sturm auf das Winterpalais wird dagegen mithilfe einer zeitgenössischen Lageskizze wie eine Fernsehsendung des russischen Staatsfernsehens inszeniert.
Die Ausstellung beleuchtet jedoch auch die Motive und das Schicksal der Weißgardisten, die an den Rändern des zerfallenen Imperiums noch bis 1920 vergeblich gegen die Bolschewiki kämpften. Liest man die Ausstellung als erinnerungspolitischen Kommentar zur andauernden russischen Diskussion um die Bedeutung der Russischen Revolutionen, fällt vor allem die Zurückhaltung auf, mit der argumentiert wird. Es fehlt jedes Zeichen der Euphorie für die Revolution als Weltereignis, das am Beginn des Aufstiegs Moskaus zur Weltmacht des 20. Jahrhunderts stand. In den Begleittexten stellen die AusstellungsmacherInnen den Bürgerkrieg vor allem als Tragödie für Russland dar, die mehr als sieben Millionen Menschenleben forderte, etwa zwei Millionen in die Emigration zwang und schließlich Millionen Waisenkinder hinterließ. Der zentrale Verweis auf die Gewalt, die die Revolution im Zuge des folgenden Bürgerkriegs freigesetzt hat, fügt sich nahtlos in den gesamtrussischen Kontext, in dem 2017 die Russische Föderation auffällig wenig für eine offizielle Jubiläumsfeier „100 Jahre Oktoberrevolution“ vorbereitet hat.

Trotz dieser Übereinstimmung mit der offiziellen Linie des Kremls, die die radikale Partizipation von BürgerInnen auf der Straße und die daraus folgenden sozialen und politischen Umwälzungen aus innenpolitischen Gründen nicht feiern will, zeigt das Museum in der Gesamtschau , dass es in der Russischen Föderation auch im Jahr 2017 keinen verbindlichen Konsens über die Deutung der Geschichte gibt. Statt einer epochalen Jubelschau zeigt das Museum eine kleinteilige, abwägende Ausstellung neben mehreren Ausstellungen über die Folgen der Oktoberrevolution.

Ein weiterer Grund für diese widersprüchliche Kontextualisierung liegt auch in der Geschichte des Museums selbst. Das erste Museum der Großen Oktoberrevolution, das die Bolschewiki noch 1919 in Petrograd gegründet hatten, nutzte zunächst die einstigen Gemächer der Romanow-Familie im Winterpalais. Von dort wurde es bald verbannt und mit den Schauprozessen gegen Trotzki und andere Bolschewiki hatten die MitarbeiterInnen größte Schwierigkeiten, eine Geschichte zu erzählen, ohne allein durch die eigene Sammlung an die dunklen Seiten der gewaltsamen Machtübernahme zu erinnern. Erst nach dem Tod Stalins etablierte das Museum erneut eine heroische Erzählung, die für die folgenden drei Jahrzehnte verbindlich sein sollte.

Noch vor der formellen Auflösung der Sowjetunion machten sich die MitarbeiterInnen auf die Suche nach anderen historischen Perspektiven auf das 20. Jahrhundert. Nach wichtigen Sonderausstellungen über das sowjetische GULag-System und die blutige Herrschaft Lenins und Stalins wurden neue Interpretationen der Revolution gezeigt.
Heute stehen diese unterschiedlichen Phasen der Neubewertung in den Räumen des Museums gleichberechtigt nebeneinander. Sie zeigen, wie sich die russische Gesellschaft aus eigener Kraft aus dem Schatten des 20. Jahrhunderts bewegt, von diesen Schatten jedoch stets eingeholt wird.
Die aktuelle Sonderausstellung endet mit den Worten: Die Folgen der Revolution sind bis in die Gegenwart der russischen Gesellschaft spürbar.

 

Informationen über das Museum für Politische Geschichte finden sie hier.