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Ägyptische Streitkräfte überqueren den Suez-Kanal am 7. Oktober 1973, aus: "President Nixon and the Role of Intelligence in the 1973 Arab-Israeli War"

© CIA | flickr, U.S. Government work

Vor vierzig Jahren: Der Jom-Kippur-Krieg im Nahen Osten
von
Judith Berthold
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Samstag, 6. Oktober 1973, 14 Uhr:

240 ägyptische Flugzeuge überfliegen den Suez-Kanal und greifen israelische Stellungen im Sinai an. 2000 Geschütze eröffnen das Feuer auf der gesamten Länge des Kanals. Im Norden Israels dringen 700 syrische Panzer auf die Golanhöhen vor.
Der vierte Nahostkrieg hat begonnen.
Bis zum Abend hatte die ägyptische Armee den Suez-Kanal überquert, die als unüberwindbar geltende Bar-Lev-Linie[1] durchbrochen und war 30 km in das Innere der Sinai-Halbinsel vorgestoßen. Die syrische Armee hatte die gesamten Golanhöhen, die von Israel im Sechs-Tage-Krieg 1967 besetzt worden waren, zurückerobert.
Der Krieg begann zwar ohne Vorwarnung, jedoch nicht ohne Vorzeichen.
„Zwischen Siegestrunkenen und Gedemütigten kann es zu keinem Frieden kommen, wenn man unter Frieden mehr versteht als das Schweigen der Waffen“, so beschrieb der deutsche Politikwissenschaftler Bassam Tibi die Situation zwischen den arabischen Ländern und Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg.[2] Verhandlungen schienen nicht möglich; ein Frieden mit Israel wurde rundweg abgelehnt, dessen Existenz nicht anerkannt.

Israel hatte 1967 erhebliche Gebietseroberungen machen können. Trotz der militärisch-strategischen Vorteile, die die neuen Grenzen boten, war Israel bereit, den Sinai, die Golanhöhen und das Westjordanland zurückzugeben. Nicht bereit war man jedoch, den Gaza-Streifen und insbesondere Ostjerusalem wieder abzutreten. Verhandlungen zwischen den arabischen Staaten und Israel scheiterten, da die arabischen Staaten den bedingungslosen Rückzug der israelischen Armee forderten. Die Fronten verhärteten sich, die Besetzung blieb bestehen.
Bereits im Herbst 1967 setzten entlang des Suez-Kanals wieder Kampfhandlungen ein. In den bis zum Sommer 1970 dauernden Scharmützeln versuchte Ägypten, Israel zum Abzug zu zwingen. Im Gegenzug suchte die israelische Regierung, die Stärke ihrer Armee unter Beweis zu stellen und ihre strategischen Positionen zu festigen.

Während sich im Sechs-Tage-Krieg von 1967 mit einem Überraschungsangriff Israels auf die ägyptische Luftwaffe die seit Jahren aufgestauten Spannungen zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten Ägypten, Jordanien und Syrien entluden, war der Krieg des Jahres 1973 eine wohl kalkulierte strategische Handlung, die unter maßgeblicher Führung des ägyptischen Militärs stattfand.
Monatelang hatte sich die ägyptische Armee akribisch auf die Überquerung des Suez-Kanals vorbereitet. Zu diesen Vorbereitungen gehörte etwa der modellartige Nachbau des Suez-Kanals durch das ägyptische Militär, an dem man die Soldaten jeden Schritt der Überquerung üben ließ: vom Bau der Pontonbrücken über die Handhabung der sowjetischen Waffen und Panzer bis hin zur Bezwingung der Bar-Lev-Linie.
Der Zeitpunkt des Angriffs war genau gewählt: Außenpolitisch fand sich Israel zunehmend isoliert. Innenpolitisch war die Regierung mit den Vorbereitungen der Wahlen zur Knesset Ende Oktober beschäftigt. Und schließlich feierten die Israelis Jom Kippur (Versöhnungstag), den höchsten jüdischen Feiertag, an dem das gesamte öffentliche Leben zum Erliegen kommt.

Von Journalisten gefragt zögerte der israelische Verteidigungsminister Moshe Dayan dann auch keinen Augenblick und gab diesem Krieg den Namen Jom-Kippur-Krieg. Die arabische Welt nennt ihn Ramadan-Krieg. Der islamische Fastenmonat begann 1973 am 27. September und endete am 26. Oktober.[3]
Der Überraschungseffekt tat seine Wirkung. Israel rechnete nicht mit einem Angriff. Nicht während des Ramadan. Zwar hatte der israelische Geheimdienst Truppenbewegungen an der ägyptischen und syrischen Grenze gemeldet, jedoch ging die israelische Regierung davon aus, es handele sich um die üblichen Herbstmanöver. Übungen und Truppenbewegungen am Suez-Kanal waren keine Besonderheit.
Der Beginn eines Krieges war vom ägyptischen Staatspräsidenten Anwar as-Sadat in den vorangegangenen drei Jahren schon mehr als einmal angekündigt worden. Auch als am Morgen des 5. Oktober weitere Informationen über Truppenkonzentrationen gemeldet wurden, glaubte niemand in Israel, dass es Ägypter und Syrer wagen würden anzugreifen. Vierundzwanzig Stunden später wurde sich die israelische Regierung des Ernstes der Lage bewusst und erst am Morgen des 6. Oktober begann die Teilmobilisierung der Reservisten. Während in einer eilends einberufenen Kabinettssitzung über einen Präventivschlag gegen Syrien debattiert wurde, erreichte die Nachricht vom Angriff die Regierung in Tel Aviv. Das Heulen der Luftschutzsirenen setzte ein.
An Nord- und Südfront entbrannte in den folgenden Tagen eine verlustreiche Schlacht. Zum ersten Mal in seiner Geschichte wurde Israel in die Defensive gedrängt. 

Nach anfänglichen arabischen Erfolgen gewann Israel seine Überlegenheit wieder und ging in die Offensive. Bereits am 8. Oktober waren die Golanhöhen in israelischer Hand. Am Suez-Kanal gelang die Übersetzung israelischer Truppen zum Westufer. Im Norden drang die Armee über die Waffenstillstandslinien von 1967 hinaus weit in syrisches Gebiet ein.
Die großen Verluste an Kriegsmaterial wurden durch Lieferungen der USA an Israel und der Sowjetunion an Ägypten und Syrien ersetzt.
Gleichzeitig waren beide Supermächte von Anfang an bestrebt, den Krieg zu beenden. Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wurde am 22. Oktober die Resolution 338 eingebracht, die einen sofortigen Waffenstillstand verlangte. Zwei Tage später stimmten die kriegführenden Parteien zu.

Aber Israel legte die Waffen nicht nieder.
Aus dem zunächst regional begrenzten Konflikt drohte eine direkte Konfrontation der Supermächte zu erwachsen. Der UN-Sicherheitsrat forderte erneut den Waffenstillstand. Die Sowjetunion verlangte von den USA eine gemeinsame militärische Intervention und drohte mit einem Alleingang, sollten diese ablehnen bzw. Israel nicht Einhalt gebieten. Die Streitkräfte der Sowjetunion standen bereit. Die USA versetzten weltweit alle, auch die nuklearen Militärbasen in Alarmbereitschaft.
Die Situation schien den Zeitgenossen als äußerst dramatisch, auch wenn wir heute wissen, dass die USA und die Sowjetunion es nicht auf eine Konfrontation ankommen lassen wollten. Erst im Juni 1973 hatten beide Großmächte ein Abkommen zur Verhinderung eines Atomkriegs geschlossen. Zwar stellte die sowjetische Drohung einen Verstoß gegen dieses Abkommen dar, die Quellen belegen jedoch, dass es sich hier um Machtdemonstrationen beider Seiten handelte, die einen Gesichtsverlust verhindern sollten. Wie groß die Gefahren letztlich waren, wird bis heute kontrovers diskutiert. Als gesichert gilt indes, dass es weder im Interesse der USA noch der Sowjetunion lag, sich militärisch zu engagieren und eine direkte Konfrontation zu riskieren. Nichtsdestotrotz stellten die Auswirkungen des Jom-Kippur-Krieges die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen auf die Probe.
Am 26. Oktober 1973 war der Krieg beendet. Am 28. Oktober begannen – auf Druck der USA – erstmals direkte Verhandlungen zwischen Israel und Ägypten, die am 11. November 1973 zu einem Waffenstillstandsabkommen führten.

 

Sehenswert: Die zweiteilige Dokumentation „1973. Jom Kippur. Ein Krieg im Oktober“ auf ARTE (Wiederholung 22. Oktober 2013 9:00 Uhr; in der Mediathek: http://www.arte.tv/guide/de/047555-001/1973-jom-kippur-ein-krieg-im-oktober-1-2)

 




[1] Israelische Verteidigungslinie am Ostufer des Suez-Kanals, entlang seiner gesamten Länge.

[2] Bassam Tibi, Konfliktregion Naher Osten. Regionale Eigendynamik und Großmachtinteressen. 2., erw. Aufl. München 1991, S. 136.

[3] Neben der neutralen Bezeichnung Vierter Nahostkrieg wird auch der Name Oktoberkrieg benutzt.