Was von Margaret Thatcher bleibt
von
Sina Fabian
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Nach dem Bekanntwerden des Todes von Margaret Thatcher spielten sich ungewöhnliche Szenen in Großbritannien ab. Während einige auf Straßenpartys ihr Ableben mit dem Lied „Ding Dong the Witch is Dead“ aus dem Filmklassiker „Der Zauberer von Oz“ zelebrierten, versicherten andere tief betroffen und mit Union Jack-Flaggen geschmückt, dass Thatcher das „Great“ wieder zurück nach „Great Britain“ gebracht habe. Diese Szenen zeigen sehr eindrücklich, wie umstritten das Bild Thatchers in der Bevölkerung, aber auch in den Medien ist. Es oszilliert oft zwischen extremer Abneigung und patriotischer Verherrlichung. Im Zuge der Berichterstattung über ihren Tod wurde allerdings auch deutlich, dass sich die Narrative über Thatcher und ihre Politik auch 23 Jahre nach dem Ende ihrer Amtszeit kaum verändert haben. Es gibt Grundkonstanten, zu denen der Falklandkrieg, der Bergarbeiterstreik und die sogenannten „Poll Tax Riots“ gehören. Diese werden immer wieder im medialen Diskurs von Befürwortern und Gegnern gleichermaßen vorgebracht, während andere Faktoren, die die heutige Gesellschaft stärker beeinflussen als beispielsweise die Kopfsteuer, die schon nach kurzer Zeit wieder zurückgenommen wurde, hinter den medial gut darstellbaren, punktuellen Ereignissen verschwinden.

Dem langfristigen Einfluss, den Thatcher auf die britische Gesellschaft hatte, kommt man indes auf die Spur, wenn man sich die Wähler der Tories in den 1980er Jahren näher ansieht. Während immer wieder betont wird, dass Thatcher insbesondere die reiche Oberschicht mit Steuersenkungen hofierte, ist eine signifikante Unterstützung der Tories vor allem in der unteren Mittelschicht und unter den aufstrebenden Arbeitern zu beobachten. Diese breite Wählerschicht unterstützte die von den Konservativen propagierte Politik des „self-improvement“. Sie kommt jedoch in der Berichterstattung über die Thatcher-Ära kaum vor – ganz im Gegensatz zu den Bergarbeitern, die mit ihrem Streik große Aufmerksamkeit erreichten und deren Schicksal durch die mediale Inszenierung viel Mitgefühl erregte. In der Realität jedoch stellen die Bergarbeiter nur eine kleine Minderheit innerhalb der Gesellschaft dar.

Eine der starken Säulen des Thatcherismus war die Propagierung des Eigenheims auch für sozial schwache Schichten. Der Wunsch nach Besitz eines Hauses, und sei es auch noch so klein, war und ist tief im britischen Bewusstsein verankert und wesentlich stärker ausgeprägt als in Kontinentaleuropa. Durch das „Right to Buy“ bekamen Bewohner von Sozialwohnungen die Möglichkeit, diese für einen Preisnachlass von bis zu 50 % zu kaufen. Während Thatchers Regierungszeit machten knapp ein Drittel der dafür in Frage kommenden davon Gebrauch. Doch auch für besser Verdienende, die nicht auf Sozialwohnungen angewiesen waren, wurde der Erwerb eines Eigenheims bedeutend erleichtert.

Die Kreditvergabe zum Kauf eines Hauses wurde in den 1980er Jahren erheblich vereinfacht und unterlag dabei den Mechanismen eines umkämpften, deregulierten Marktes. Das führte dazu, dass hohe Kreditsummen immer leichter ohne Sicherheiten oder Rücklagen vergeben wurden.

Zudem erhielten Hausbesitzer massive Steuererleichterungen, die vor allem Haushalten mit zwei Berufstätigen die Möglichkeit gaben, zeitweise bis zu 50 % der Kosten steuerlich abzusetzen. Die stolzen Hausbesitzer, die Ende der 1980er immerhin knapp zwei Drittel der Bevölkerung ausmachten, standen zumeist loyal zu den Konservativen. Erst als der Immobilienmarkt 1990 außer Kontrolle geriet, trat die Ernüchterung ein. Dennoch änderte sich an der laxen Kreditvergabe kaum etwas, wie die Krise im Jahr 2008 zeigte.

Neben der Privatisierung großer staatlicher Unternehmen wie British Telecom und British Airways hatte die Deregulierung der Börse, die mit dem „Big Bang“ 1986 erfolgte, den nachhaltigsten Einfluss auf den britischen Finanzsektor. Ein Nebeneffekt der Privatisierung und Deregulierung des Finanzmarktes war die Entwicklung horrender Managergehälter und Boni in bisher unbekanntem Maße, die vorher strengen Regelungen unterlegen hatten. Eine weitere Folge war die Herausbildung einer jungen, wohlhabenden Mittelschicht, die unter den Akronymen Yuppies (Young Urban Professionals) und Dinkies (Double Income No Kids) zusammengefasst wurde. Die Voraussetzungen zum Aufstieg in diese Schicht waren weniger Bildung als vielmehr individueller Ehrgeiz und Risikobereitschaft. Gerade für junge Leute aus der Arbeiterschicht bot sich dadurch die Möglichkeit zu einem schnellen Aufstieg mit komfortablem Einkommen.

Die Entwicklungen seit dem Beginn der Wirtschaftskrise 2008, durch die Großbritannien in eine tiefe Rezession stürzte, die bis heute nicht ganz überwunden ist, sind daher nur zu verstehen, wenn man sich diese Facetten von Thatchers Politik anschaut, die in weiten Teilen unter New Labour fortgeführt wurden. Was lange Zeit als stabiles und vorbildhaftes Vermächtnis der Thatcher-Jahre galt, entpuppte sich nun als Koloss auf tönernen Füßen. Dennoch scheinen weder Politiker noch Bevölkerung gewillt zu sein, den Finanz- und Kapitalmarkt auch nur ansatzweise zu regulieren, wie die jüngste Klage der britischen Regierung gegen die Finanztransaktionssteuer der Euro-Länder zeigt.

Die tiefe Prägung der britischen Gesellschaft durch Margaret Thatcher bleibt in der Berichterstattung rund um ihren Tod erstaunlich marginal. Statt Thatchers tatsächlichem Einfluss auf den Grund zu gehen, werden ehemalige Bergarbeiter, die, wenig überraschend, den Tod Thatchers nicht bedauern, oder Kriegshelden aus der Schlacht um Falkland, die auch 30 Jahre später loyal zur „Iron Lady“ stehen, interviewt.
Und so verfestigt sich die Erinnerung an die „einflussreichste Premierministerin seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs“, ohne jedoch ihren tatsächlichen Einfluss zu benennen.