Der traurige Blick des Hauptmanns Wiesler
Ein Kommentar zum Stasi-Film „Das Leben der anderen“
von
Jens Gieseke
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Veröffentlicht: April 2006

 

Zugegeben, ich kann sie nicht mehr leiden, die Betroffenheit heischende Ästhetik zeithistorischer Filmstoffe, in denen wir mit Sophie Scholl und Traudl Junge fühlen, uns von den Irrwegen Albert Speers abstoßen lassen, die Heldentaten Oskar Schindlers bewundern oder der Verschmelzung von Bruno Ganz und Adolf Hitler im Führerbunker beiwohnen können. Ich verkenne nicht das Bedürfnis von Künstlern, sich an solchen Stoffen abzuarbeiten, und auch nicht das Interesse des Publikums, derlei Produkte zu konsumieren. Doch ob sie die öffentliche Reflexion über Geschichte wirklich befördern, ist noch nicht entschieden. Die Authentizität des nahen Blicks ist nur scheinbar und hinterlässt ein historisches Bewusstsein, dass durch die Eindringlichkeit der Bilder kontaminiert ist.

Bislang war dieses florierende Kunstgewerbe vom Nationalsozialismus dominiert. Die Beschäftigung mit der SED-Diktatur hat noch nicht richtig Tritt gefasst. Literaturkritiker warten auf den großen Wenderoman, und die Filmwelt bestaunt zwar die Erfolge von „Sonnenallee“ und „Good Bye, Lenin!“, will in solchen Satiren aber nicht den angeblich notwendigen Ernst walten sehen.

Der westdeutsche Regiedebütant Florian Henckel von Donnersmarck präsentiert nun an Stelle der Karikatur ein Melodram mit nachgerade fotorealistischem Anspruch an die historische Genauigkeit. Um in Sachen Stasi alles richtig zu machen, hat er sich von einem SED-Forscher und einem ehemaligen Oberstleutnant dieses Organs beraten lassen. Der Erfolg ist durchwachsen: der erstere konnte nur begrenzte Kenntnisse einbringen, der letztere hat sich vom Produkt entschieden distanziert.[1] Um nicht in den Gestus der Wehrmachtsexperten zu verfallen, die Uniformknöpfe nachzählen, um dann triumphierend „Fälschung!“ auszurufen, verzichte ich auf eine entsprechende Liste (die allerdings lang wäre). Beschränken wir uns auf das Wesentliche: die Geschichte und die Szenerie, die sie beleuchtet.

Herausgekommen ist ein Film, der die Atmosphäre in der halbdissidenten Künstlerszene der späten DDR einfängt und ein insgesamt zutreffendes Bild von den typischen Vorgehensweisen der Staatssicherheit bei der Überwachung dieser Szene zeichnet. Die Tonlagen in der Kulturszene, die Mischung aus halb erzwungener Parteitreue und der Suche nach künstlerischen Freiräumen, das Schwanken zwischen Anpassung und Aufbegehren, all dies hat hohen Wiedererkennungswert. Den sympathischen Künstlern steht die routinierte Menschenverachtung des Stasi-Apparats gegenüber. Der foltert und mordet nicht mehr, aber er bringt seine Observationsmaschinerie auf den Wink eines Ministers und ZK-Mitglieds hin aus dem Handgelenk in Stellung. Und er demonstriert, dass er immer noch Leben zu zerstören versteht. Zwar könnte man die Darstellung des Schriftstellerhelden als ein klein wenig zu heldenhaft bekritteln und sich auch fragen, ob man jemals ein solch edles Exemplar eines Journalisten treffen könnte, wie es der Spiegel-Redakteur Gregor Hessenstein verkörpert, doch lässt sich dies als dramaturgisch notwendige Vereinfachung verschmerzen.

Rätsel wirft jedoch die Hauptfigur des Filmes auf, der MfS-Hauptmann Gerd Wiesler. Auch in seinem Fall soll über vieles Ahistorische hinweggegangen werden. (Alle seine Funktionen als Vernehmer, Ausbildungsdozent, Abhörspezialist usw. waren im arbeitsteiligen Apparat natürlich auf zahlreiche Personen und Abteilungen verteilt, um nur einen Punkt zu nennen.) Desillusioniert vom Zynismus seiner Kollegen und Vorgesetzten, gerät er in den Sog der intellektuellen und emotionalen Anziehungskraft des von ihm überwachten Künstlerpaars und entwickelt sich schließlich zu einer Art heimlichen Schutzpatron über deren „Feindtätigkeit“. Es fällt schwer, an der Figur Wieslers etwas Glaubwürdiges zu entdecken. Schon in der Er- öffnungsszene, die ihn als knallharten, psychologisch versierten Verhörexperten präsentieren soll, blickt man in das melancholische Gesicht Ulrich Mühes, dem man noch die Magengeschwüre ansieht, die ihm im wirklichen Leben (als Wehrpflichtiger der Grenztruppen) der rauhe Ton der DDR-Sicherheitsorgane eingebracht hat.[2] Ein solcher Grübler hätte sich in den Reihen der Stasi, gar an der vordersten Front des Kampfes gegen prominente Dissidenten, nie im Leben zwanzig Jahre lang halten können. Alle Szenen, in denen Mühe die Härte des StasiOffiziers demonstrieren soll, wirken deshalb steril und künstlich.

Für die private Lebenswelt des Protagonisten reichen gerade einmal eine leere Wohnung im obligatorischen Plattenbau und die Absurdität einer hauseigenen Stasi-Hure. Henckel von Donnersmarck präsentiert in einem Promo-Interview die Leere des Wieslerschen Privatlebens  als bewussten Verzicht auf die einschlägigen Requisiten: Kein Bleikristallset, keine Zinnbecher, keine penibel ausgerichtete Minibuchsammlung über die Partisanen des Großen Vaterländischen Krieges, von den rustikalen Jagddevotionalien der Stasi-Oberen ganz zu schweigen, keine Ehefrau und keine Kinder. Dass der einsame Hauptmann sich aus solcher Tristesse heraussehnt, mag niemanden überraschen. Aber mit der kleinbürgerlich-autoritären Behaglichkeit der DDR-Apparatschiks und ihrer realen kulturellen Differenz zur schillernden Szene von Intellektuellen und Künstlern hat das wenig zu tun.

Ich frage mich, wie der Autor des Films auf den Gedanken verfallen sein könnte, dass es in einer Geheimpolizei wie der Staatssicherheit einen solchen Kontrast von negativ konnotierten Karrieristen einerseits und doch irgendwie sympathischen, jedenfalls mit einem guten Kern ausgestatteten Idealisten andererseits geben könnte. Nach allem was man heute über das Innenleben der Staatssicherheit weiß, lag die reale Konstellation ganz anders: den Zynikern der Macht, die ihre Privilegien pflegten, standen sehr wohl Idealisten gegenüber, die allerdings, als der vertraute Geist des Klassenkampfes in den achtziger Jahren erodierte, enttäuscht ein härteres Durchgreifen forderten. Reale Vorbilder für Wiesler muss man schon sehr gewaltsam an den Haaren herbeiziehen. (Der Berater Manfred Wilke führt in diesem Sinne kurioserweise sogar die beiden frühen DDR-Minister für Staatssicherheit Wilhelm Zaisser und Ernst Wollweber an.) Dagegen fällt es überhaupt nicht schwer, Beispiele für enttäuschte Stasi-Mitarbeiter zu finden, die angesichts der zunehmenden Lähmung des Parteistaats nach einer Revitalisierung ihrer Feindbilder riefen. Erinnert sei hier nur an die Aktionen einiger realer „Amtskollegen“ des Hauptmanns Wiesler, die nach dem Vorbild des polnischen StasiMordes am Priester Jerzy Popiełuszko planten, auf eigene Faust die Oppositionsszene mit durchgeschnittenen Bremsleitungen und gezielten Alkoholvergiftungen zu dezimieren.

Die Antwort auf die Frage nach dem Ursprung dieses grotesken Fehlgriffs liefert Autor Henckel von Donnersmarck im Buch zum Film: Bei Gorki habe er gelesen, dass kein geringerer als Lenin ihm einmal anvertraut haben solle, er könne Beethovens „Appassionata“ nicht häufig hören, „weil er sonst ‚liebevolle Dummheiten sagen und den Menschen die Köpfe streicheln’ wolle, auf die er doch ‚einschlagen, mitleidslos einschlagen’ müsse, um seine Revolution zu Ende zu bringen“[3]. Und so habe sich auch sein trauriger Hauptmann Wiesler durch die Reize des (bzw. in Person der Protagonistin Christa-Maria Sieland: der) Schönen auf den Pfad des Guten zurückrufen lassen. Mit wenig Mühe hätte Henckel von Donnersmarck sicher auch noch ein vergleichbares Zitat aus dem Munde Dzerzynskis oder Stalins auftreiben können (von Goebbels oder Himmler ganz zu schweigen …) So viel Revolutionsromantik kann sich nur ein Münchener Regiestudent auf der Suche nach seiner ersten Filmidee leisten.

Der Start des Streifens ist begleitet von einer nicht enden wollenden Serie von Filmpreisnominierungen und -verleihungen. Auch das Prenzelberger Küchenkabinett der Stasi-Aufarbeitung hat seinen Segen erteilt und von Wolf Biermann verkünden lassen[4]. Fast erlöst scheinen Schulsenatoren und Politiker aller Couleur, weil sie ihre Routine der „Erinnerungskultur“ nun auf neuem Terrain beweisen können: endlich ein DDR-Film, der nicht lustig ist. Und die Zuschauer strömen, dass es eine Freude ist. Macht das alles zusammen eine „neue Stasi-Debatte“? Was an ihr sollte neu sein, und was ihr Inhalt? Wird den Opfern, die noch heute an den Haftfolgen leiden, jetzt endlich die fällige Staatspension gewährt? Reichen sich reumütige Stasi-Offiziere und einstige Verfolgte die Hände? Das alles natürlich nicht. Die Stimmung des Films ist fraglos anrührend, die Schauspieler brillant. Doch ob man in fünf oder zehn Jahren beim Thema Stasi noch an Henckel von Donnersmarcks Spielfilm denken wird, kann man bezweifeln. Da werden andere Kunstwerke in Erinnerung bleiben, die ebenso kargen wie eindringlichen „Vernehmungsprotokolle“ von Jürgen Fuchs zum Beispiel, oder der Film „Das Ministerium für Staatssicherheit. Alltag einer Behörde“ von Jan Lorenzen und Christian Klemke. Beides sind eher dokumentarisch angelegte Arbeiten, keine Romane bzw. Spielfilme. Doch beide transportieren ungleich mehr, ohne noch eine gefällige Geschichte hinzu erfinden zu müssen.[5]

Postskriptum: Da häufig nach dem Realitätsgehalt des Dreymanschen Spiegel-Artikels zur Selbstmordrate in der DDR gefragt wurde, hierzu abschließend einige Worte jenseits der Filmkritik: Die Suizidforschung bestätigt den suggerierten Zusammenhang zwischen politisch-gesellschaftlicher Missstimmung und hoher Selbstmordrate nicht. Ende der 1980er Jahre rangierte die DDR international an dritter Stelle, bei den Männern nach Ungarn und Finnland, bei den Frauen nach Ungarn und Dänemark. Die hohe Selbstmordrate im Gebiet der DDR ist seit Beginn der amtlichen Todesstatistik im 19. Jahrhundert zu beobachten. Zutreffend ist allerdings, dass die DDR nicht bereit war, dieser bitteren Tatsache öffentlich ins Auge zu sehen und deshalb die entsprechenden Daten im Statistischen Jahrbuch der DDR nach dem Mauerbau zum Tabu erklärte und 1977, nach der Selbstverbrennung des Pfarrers Brüsewitz und einem Höchstwert der Gesamtzahl 1976, selbst die Verwendung für die Suizidforschung unterband. In den 1980er Jahren sanken die Suizidraten wieder.[6]

Siehe dazu außerdem den Beitrag auf filmportal.de

Zitierempfehlung: Jens Gieseke, Der traurige Blick des Hauptmanns Wiesler. Ein Kommentar zum Stasi-Film „Das Leben der anderen“, in: Zeitgeschichte-online. Zeitgeschichte im Film, April 2006, URL: http://www.zeitgeschichte-online.de/film/der-traurige-blick-des-hauptman....

 




[1] Vgl. Manfred Wilke, Wieslers Umkehr, in: Florian Henckel von Donnersmarck, Das Leben der anderen. Filmbuch, Frankfurt a.M. 2006, S. 205-217; Statement Oberstleutnant Wolfgang Schmidt: Zum Film „Das Leben der anderen“. Ein Bericht in eigener Sache; Interview: „Der Achtstundentag galt auch im MfS“. Stereotype und Zuspitzungen: „Das Leben der anderen“ Gespräch mit Wolfgang Schmidt, in: Junge Welt, 1.4.2006, Beilage, S. 1. Schmidt war zuletzt Leiter der Auswertungseinheit der Hauptabteilung XX, zuständig unter anderem für die Überwachung der Literaturszene, und ist Sprecher des Insiderkomitees ehemaliger MfS-Mitarbeiter.

[2] „Es hat ja schon viele Versuche gegeben, die DDR-Realität einzufangen.“ Ein Gespräch mit Ulrich Mühe, in Henckel von Donnersmarck, Das Leben der Anderen, S. 182-204, hier S. 190.

[3] Florian Henckel von Donnersmarck, „Appasionata“: Die Filmidee, in: ders., Das Leben des anderen, S. 169- 170.

[5] Jürgen Fuchs, Vernehmungsprotokolle. November ´76 bis September ´77, Reinbek bei Hamburg 1978; Jan Lorenzen/Christian Klemke, Das Ministerium für Staatssicherheit. Alltag einer Behörde, DVD 2003.

[6] Vgl. Sonja Süß: Politisch missbraucht? Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR, Berlin 1998, S. 91-95, Udo Grasshoff: Selbsttötungen in der DDR und das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit, Magdeburg 2004 (Broschüre der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Sachsen-Anhalt).