Januar 2018

„Erst die Geschichte mag solche Helden“

Anmerkungen zur Selbstverbrennung von Piotr Szczęsny in Polen

von Sabine Stach

Veröffentlicht am 11. Januar 2018

Am 19. Oktober 2017 hat sich Piotr Szczęsny, ein 54-jähriger Chemiker aus der Nähe von Krakau, vor dem Kulturpalast in Warschau selbst angezündet. Auf diese Weise demonstrierte er gegen die schrittweise Aushöhlung der Demokratie in seinem Land. In Deutschland wurde das Ereignis kaum wahrgenommen. Und auch in Polen scheiden sich die Geister daran, ob seine Tat eine angemessene Reaktion erfahren hat. Auf der Suche nach Gründen dafür erscheint nicht zuletzt eine historische Perspektive aufschlussreich, denn die Selbstverbrennung als Akt politischen Widerspruchs hat eine spezifische Tradition in Ostmitteleuropa: Spätestens 1969 ist sie mit Jan Palach Teil des europäischen Widerstandsrepertoires geworden. Ein Blick auf die „Vorläufer“ des jüngsten Protestaktes und deren Rezeptionsgeschichte beleuchtet die Schwierigkeiten, vor die ein politisch motivierter Suizid die ZeitgenossInnen stellt. Die Berufung auf den Appell fällt selbst – oder gerade – denjenigen schwer, die sich mit den Motiven des Protests identifizieren. Als Held taugt Piotr Szczęsny nur bedingt, oder – wie die Regisseurin Agnieszka Holland urteilt: „Erst die Geschichte mag solche Helden“[1]

Warschau im Herbst 2017
Am Nachmittag des 19. Oktober 2017 begab sich Piotr Szczęsny zum Warschauer Kulturpalast. Bei sich trug er ein Manifest, in dem er die polnische Regierung in 15 Punkten scharf kritisiert. Jeder Anstrich in diesem Katalog beginnt mit „Ich protestiere gegen…“ und benennt die Bereiche, in denen die Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) seit ihrer Machtübernahme im Jahr 2015 die Bürgerrechte, die Pressefreiheit und die Rechtsstaatlichkeit eingeschränkt hat und ihre Vision Polens durchsetzen will. Die Kritikpunkte umfassen etwa die Reformen des Verfassungsgerichtes, die Aushöhlung demokratischer Prinzipien durch nächtliche Eilbeschlüsse im Parlament, aber auch Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung von Frauen und LGBT sowie die Abholzung des Białowieża-Nationalparks. Dies, so der Verfasser, zementiere die Spaltung der Gesellschaft und isoliere Polen in Europa. Wenngleich die PiS-Regierung klar als Urheber der Situation benannt wird, ist sie doch nicht der Adressat des Schreibens. Vielmehr appelliert Szczęsny ausdrücklich an die Bevölkerung. Sein Schreiben endet mit dem Aufruf: „Ich, ein einfacher, durchschnittlicher Mensch wie ihr, fordere Euch alle auf – wartet nicht länger. Die Regierung muss schnellstens geändert werden, bevor sie unser Land völlig zerstört, bevor sie uns gänzlich unserer Freiheit beraubt. Und ich liebe die Freiheit über alles. Deshalb habe ich mich entschlossen, mich selbst zu verbrennen und ich hoffe, dass mein Tod das Gewissen vieler Menschen erschüttert, dass die Gesellschaft aufwacht […] Wacht auf! Noch ist es nicht zu spät!“[2]

Nachdem er Flugzettel verteilt und seine Botschaft verlesen hatte, übergoss er sich mit einer brennbaren Flüssigkeit und zündete sich an. Binnen weniger Sekunden konnten die Wächter des benachbarten Parkplatzes die Flammen löschen. Dennoch erlitt er schwerste Verbrennungen, denen er zehn Tage später erlag. Nicht nur die Nachricht von seiner drastischen Protestgeste verbreitete sich schnell, auch der Inhalt des Manifests. Zwei Abgeordnete des Stadtrates hatten es umgehend auf Facebook veröffentlicht. Bereits am Abend brachten Menschen Kerzen und Blumen an den Ort der Selbstverbrennung. Zitate des Schreibens tauchten auf Straßen und Mauern in Warschau auf. Nach der Todesnachricht riefen die zivilgesellschaftliche Initiative „ODnowa“ und später die Literaturwissenschaftlerin Maria Janion und der Priester Wojciech Lemański zum gemeinsamen Gedenken vor dem Kulturpalast auf. Am 6. November 2017 zog ein Schweigemarsch für Piotr Szczęsny mit einigen Hundert TeilnehmerInnen durch die Stadt. Die Beerdigung, die am 14. November in Krakau stattfand, wurde von etwa 1000 Trauernden besucht. Neben den sozialen Netzwerken waren es vor allem die liberale Gazeta Wyborcza und das unabhängige Nachrichtenportal OKO.Press, die sich in vielen Artikeln mit der Selbstverbrennung auseinandersetzten und sie als politischen Akt würdigten. 

Selbstverbrennungen in Ostmitteleuropa – Historische Perspektiven
Mit der Entscheidung, sich zu verbrennen, hat sich Piotr Szczęsny selbst in eine ostmitteleuropäische Widerstandstradition eingeschrieben, die sich bis in das Jahr 1968 zurückverfolgen lässt. Vier reale bzw. literarisch imaginierte Beispiele seien hier genannt: Im September 1968 zündete sich der Pole Ryszard Siwiec in einem Warschauer Stadion selbst an, um gegen die polnische Beteiligung am Einmarsch der Warschauer-Pakt-Armeen in die Tschechoslowakei zu protestieren. Wie Szczęsny bezeichnete sich der Familienvater als Teil der „grauen“ Masse. Seine Botschaft, die er auf Tonband aufzeichnete, endet mit einem teils wortgleichen Appell: „Hört meinen Schrei! Den Schrei eines durchschnittlichen, gewöhnlichen Menschen [….], der die eigene und die Freiheit der anderen über alles liebte, mehr als das eigene Leben! Kommt zur Besinnung! […] Noch ist es nicht zu spät!“[3] Ebenfalls im Kontext des Prager Frühlings stand die Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach im Januar 1969 in Prag. Im Gegensatz zu seinem polnischen „Vorläufer“ ging das Bild des jungen Mannes sofort weltweit durch die Medien. Wie Szszęsny heute sah Palach damals sein Land „am Rande der totalen Hoffnungslosigkeit“ und wollte seine Mitmenschen „wachrütteln“[4]. Nicht das Handeln Moskaus oder der ČSSR sorgte ihn, sondern die Resignation der Menschen, die heranschleichende „Normalisierung“. Den Zustand der Gesellschaft kritisierte auch Tadeusz Konwicki in seinem Roman Mała Apokalipsa (Kleine Apokalypse, 1979). In der Groteske, die nach 1989 zur schulischen Pflichtlektüre gehörte, beschreibt der Autor einen Tag im Leben des Ich-ErzähIers aus dem Oppositionsmilieu, der sich auf seine Selbstverbrennung vor dem Kulturpalast vorbereitet. Eine lokale Verbindung findet sich schließlich in der Person Walenty Badylaks, der sich 1980 in Krakau selbst angezündet hatte, um gegen das öffentliche Beschweigen des Katyń-Massakers zu protestieren, bei dem 1940 Tausende polnische Soldaten durch Mitglieder des NKWD ermordet worden waren.

Palach, Siwiec und andere, die sich im Staatssozialismus selbst verbrannten, sind heute als Vorkämpfer für Freiheit und Demokratie kanonisiert. So initiierte das Institut für Nationales Gedenken im Jahr 2008 das Projekt „An ordinary man’s cry“, welches Siwiec‘ Widerstand gegen das kommunistische Regime stärker bekannt machen sollte. Und auch die Geschichte Palachs stand seit 2009 immer wieder im Fokus öffentlicher Erinnerung. Nicht zuletzt der HBO-Film Burning Bush[5] von Agnieszka Holland hat die Auseinandersetzung mit ihm neu belebt. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Vorbilder auch in der Rezeption des jüngsten polnischen Falles sehr präsent sind: Ein „Bürgerprotest“ in Krakau fand etwa am dortigen Walenty-Badylak-Brunnen statt, viele JournalistInnen rekurrierten in ihren Berichten auf Palach oder Siwiec.

Doch nicht nur hinsichtlich Form und Motiven finden sich Parallelen zwischen damals und heute. Überblickt man das Spektrum der Reaktionen auf die jüngste Selbstverbrennung, zeigen sich genau jene Muster, die auch in der Geschichte zu finden sind. Es reicht von Pathologisierung auf der einen bis hin zur Heroisierung auf der anderen Seite. Ebenso wie Palach 1969 durch den Kommunisten Vilém Nový zum Opfer einer Verschwörung „rechter Elemente“ erklärt worden war, sprach der polnische Innenminister Mariusz Błaszczak Szczęsny die Selbstbestimmung ab. Er nannte Szczęsny, der wegen Depressionen in Behandlung war, ein „Opfer der Propaganda der totalen Opposition“[6] in Polen – ein Vorwurf, den dieser bereits vorausgesagt hatte: In einem Brief an die Presse hatte Szczęsny explizit erklärt, dass seine Erkrankung nicht in Verbindung mit der Tat stehe. Auf der anderen Seite finden sich jene, die zur Aufnahme des politischen Vermächtnisses aufrufen, wie etwa Jarosław Kurski, stellvertretender Chefredakteur der Gazeta Wyborcza.[7] Die Mehrheit der Reaktionen bewegt sich freilich zwischen diesen Polen. Besonders problematisch scheint der Umgang mit der Protestgeste für jene RegierungskritikerInnen, die die Meinung Szczęsnys prinzipiell teilen. Das seit 2015 aktive „Komitee zur Verteidigung der Demokratie“ (Komitet Obrony Demokracji – KOD) etwa tut sich schwer damit, den Tod zum Impuls für seine eigene Arbeit zu nehmen. Als „Märtyrer der Opposition“[8] tritt Szczęsny allein in den Unterstellungen der rechten Presse auf.

Protest eines „einfachen Menschen“? – Dilemmata
Warum ist das Anknüpfen an den Protestakt so schwierig? Zum einen spielen im katholisch geprägten Polen tief verwurzelte religiös-kulturelle Vorbehalte eine wichtige Rolle. Zum anderen liegt ein grundlegendes Dilemma im Akt des politischen Suizids selbst begründet. Einerseits braucht er die Öffentlichkeit, um überhaupt als solcher wahrgenommen zu werden. Andererseits widerspricht eine intensive Berichterstattung über Selbstmorde den Prinzipien der Medienethik. Eine positive Bewertung muss sich außerdem den Vorwurf gefallen lassen, einen Toten politisch zu instrumentalisieren. Darüber hinaus ist es gerade der Zustand der Öffentlichkeit, den die Selbstverbrennungen in den Fokus der Kritik rücken: Palach forderte die Aufhebung der Zensur, Badylak die öffentliche Aufklärung der Katyń-Morde und auch Szczęsny protestierte gegen die Umgestaltung des öffentlichen Rundfunks zu Propagandakanälen. Aus diesem Grunde ist es nicht verwunderlich, dass Debatten um die Selbstverbrennungen immer auch Debatten über Öffentlichkeit sind. Hierbei spielen nicht nur inoffizielle Kommunikationskanäle – seien es Flugblätter, Graffiti oder soziale Medien – eine wichtige Rolle. Auch gehört der Vorwurf, öffentliches Gedenken werde unterdrückt, selbst fest zum Rezeptionsrepertoire. So auch in Warschau 2017: Nicht nur, dass die Zitate aus Szczęsnys Manifest im öffentlichen Raum auftauchten, war Teil des Diskurses, sondern ebenso, dass sie regelmäßig abgewaschen und beseitigt wurden.

Das Hauptproblem liegt aber in der politischen Wirksamkeit der Protestgeste. Der Appell an die „einfachen Menschen“ taugt angesichts der drastischen Selbstopferung kaum als Handlungsimpuls. Denn Palach, Siwiec und Szczęsny erscheinen eben nicht als Durchschnittsmenschen, vielmehr exponierten sie sich durch ihren Widerstandsakt selbst. Unter dem Titel „Bemerkungen über Mut“ debattierten die DissidentInnen in der Tschechoslowakei genau dieses Problem anlässlich des zehnten Todestages von Jan Palach kritisch.[9] „Erst die Geschichte mag solche Helden“, urteilt auch Agnieszka Holland in ihrer eingangs zitierten Würdigung. Die Tat sei keineswegs ein verzweifelter Selbstmord, sondern ein bewusster, politischer Protestakt. Dieser jedoch überfordere die Mitlebenden, denn „was sollen wir damit anfangen, wir gewöhnlichen Menschen?“[10] Wie in der Tschechoslowakei 1969 scheint sich die Reaktion der Bevölkerung im Wesentlichen in Betroffenheits- und Trauerritualen zu erschöpfen. Der kleinste gemeinsame Nenner hierbei sind Schweigeminuten für einen verzweifelten Akt patriotischer Aufopferung: So gedachten die AnhängerInnen von KOD am polnischen Unabhängigkeitstag all jener „einfachen Menschen“, die je für die Freiheit Polens gekämpft haben. Und selbst die PiS-Abgeordneten ließen sich am 8. November 2017 überrumpeln: In Abwesenheit des Parteivorsitzenden Jaroslaw Kaczyński beteiligten sie sich an einer Schweigeminute im Sejm, die ein Abgeordneter der Opposition eingebracht hatte.




[1] Agnieszka Holland o samospaleniu Piotra: „Ogień niszczy, ale też oświetla. Jak gniew“, in: OKO.press, 22.10.2017 [07.12.2017].
[2] Brief im Wortlaut von Piotr Szczęsny, [07.12.2017].
[3] Ryszard Siwiec w nagranym Posłaniu, in: Karta 44 (2005), S. 95-97, hier S. 97.
[4] Jiří Lederer: Jan Palach. Ein biografischer Bericht, Zürich 1982, S. 111f.
[5] Vgl. dazu: Martina Winkler, Burning Bush - Die Helden von Prag. HBO verfilmt ein zentrales Erinnerungsmoment der tschechischen Geschichte, in: Zeitgeschichte-online, März 2014 [07.12.2017].
[6] Mariusz Błaszczak im Interview mit dem Radiosender RMF FM, Poranna rozmowa RMF FM, 21.10.2017.
[7] Jarosław Kurski: Nie dajmy Piotrowi spłonąć ponowie. To my mamy się obudzić, Gazeta Wyborcza, 25.11.2017, [07.12.2017].
[8] Etwa auf dem Internetportal niezlomni.com, [07.12.2017].
[9] Siehe dazu: Sabine Stach: Vermächtnispolitik. Jan Palach und Oskar BRüsewitz als politische Märtyrer, Göttingen 2017, S. 142-164.
[10] Agnieszka Holland o samospaleniu Piotra.