Anna Pfitzenmaier
EINFÜHRUNG
Welche Medienwirksamkeit die Geschichte und Nachgeschichte des bundesrepublikanischen Linksterrorismus und der RAF besitzt, wurde 2007, 30 Jahre nach dem „Deutschen Herbst“[1], besonders deutlich: Kaum eine Zeitung, kaum ein Fernsehsender, Magazin oder Internetportal ließ es sich nehmen, sich in verschiedensten Beiträgen mit dem Thema auseinanderzusetzen und Dossiers oder Chroniken zu veröffentlichen. Als filmische Verarbeitung des Themas war dabei vor allem eine Flut an Dokumentationen, Beiträgen in Fernsehmagazinen u.ä. zu verzeichnen. Ein weiterer filmischer Höhepunkt ist für 2008 angekündigt: der unter der Regie von Uli Edel gedrehte Spielfilm Der Baader-Meinhof-Komplex (Buch: Bernd Eichinger nach der Vorlage von Stefan Aust) mit Moritz Bleibtreu als Andreas Baader und Martina Gedeck als Ulrike Meinhof.
Die Beschäftigung mit filmischen Darstellungen der RAF-Geschichte ist zum einen deshalb aufschlussreich, weil Filme ganz eigene, oft vielschichtige Narrative enthalten; zum anderen hat die filmische Darstellung des deutschen Linksterrorismus inzwischen selbst eine Geschichte von mehreren Jahrzehnten, die als Ausdruck veränderter Perspektiven und als Vorgeschichte der heutigen Filme dokumentiert zu werden verdient. Darüber hinaus wirken die filmischen Repräsentationen selbst auf gesellschaftliche Bilder und Vorstellungen von der RAF-Geschichte zurück.
Die vorliegende Filmographie ist in zwei Sektionen gegliedert, die jeweils chronologisch aufgebaut sind: erstens fiktionale Produktionen, zweitens dokumentarische Formate. Sie soll einen Überblick geben und – soweit möglich – die einzelnen Produktionen inhaltlich erfassen und kontextualisieren. Berücksichtigt werden deutsche und ausländische Filme, die sich explizit oder implizit mit dem Thema auseinandersetzen. Nicht aufgenommen wurden die im Umfeld der Protestbewegung seit Ende der 1960er-Jahre entstandenen Dokumentationen, Agitations- und Agit-Prop-Filme. Die Filmographie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; es handelt sich um eine qualitative Auswahl, die vor allem zentrale, interessante und wirkungsmächtige Produktionen berücksichtigen soll.
Inhaltlich und filmästhetisch fand seit den 1970er-Jahren eine grundsätzliche Veränderung statt:
Der anfangs maßgebliche Einfluss von Filmemachern des Neuen deutschen Films und der oft linken,
polarisierenden Perspektiven einiger Dokumentarfilmer verschwand insbesondere im Laufe der
1990er-Jahre fast völlig und machte neuen Herangehensweisen Platz. Auffällig ist zudem eine
Verschiebung von der impliziten hin zu einer expliziten Thematisierung des Linksterrorismus.[2]
Generell ist fortan eine Enttabuisierung mancher Sachverhalte zu beobachten. Parallel dazu lässt
sich seit Ende der 1990er-Jahre eine zunehmende Popularisierung des Themas feststellen, die
ihren Höhepunkt möglicherweise noch nicht erreicht hat. Besonders im Bereich des
Dokumentarfilms geht dies mit einer deutlichen Zunahme der Produktionen und Bearbeitungen
einher. Das verweist auf einen Prozess der Historisierung, der auch in anderen Bereichen (wie der
Zeitgeschichtsforschung) zu beobachten ist und nicht zuletzt mit der Selbstauflösung der RAF
von 1998 zusammenhängen dürfte.
Im Bereich der dokumentarischen Produktionen bildet sich andererseits, gegenläufig zum Trend
der Historisierung, eine zunehmend standardisierte „Ikonographie des Terrors“ heraus. Zu
verzeichnen ist eine Engführung des gesamten Themenkomplexes auf einzelne Bilder und Zitate
– ob dies nun der 1972 abgemagert abgeführte Holger Meins oder der von Zeitzeugen
beschworene Händedruck zwischen dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt und der
trauernden Witwe Hanns Martin Schleyers ist. Umso aufschlussreicher ist die Beschäftigung mit
älteren und fast vergessenen Filmen, die andere, heute zum Teil fremde Perspektiven auf die
Geschichte der RAF bieten. Gerade der Spielfilm hat das Potenzial, narrative Reduktionen und
dominierende gesellschaftliche Selbstbilder immer wieder in Frage zu stellen.