Anna Pfitzenmaier
FIKTIONALE PRODUKTIONEN
1967
Tätowierung
(Drama, Jugendfilm)
Regie: Johannes Schaaf Drehbuch: Günter Herburger, Johannes Schaaf Kamera: Wolf Wirth
Musik: George Gruntz Darsteller: Helga Anders, Christof Wackernagel, Rosemarie Fendel,
Tilo von Berlepsch, Heinz Meier, Heinz Schubert, Wolfgang Schnell, Alexander May
Produktion: BRD 1967 Länge: 86 min erhältliche Fassung: VHS, Filmkopie:
nichtkommerzielle Ausleihe (unter dem Titel Der Täter ist unter uns)
Das Kinodebüt des Film- und Theaterregisseurs Johannes Schaaf (später u.a. Regisseur von
Momo) erzählt die Geschichte des 16-jährigen Außenseiters Benno, der von einem Industriellen-
Ehepaar aus einem West-Berliner Jugendheim heraus adoptiert wird (zuvor hatte er eine Waffe
gestohlen). Er beginnt eine Lehre als Koch, fühlt sich aber zunehmend unwohl in dem
bildungsbürgerlichen Milieu seines neuen Zuhauses – die demonstrativ verständnisvolle und
fürsorgliche Haltung der Adoptiveltern empfindet er als aufgesetzt und ihre belehrenden
Erziehungsbemühungen (von Grundlagen der deutschen Literatur bis zu bürgerlichen
Verhaltensregeln) sind ihm zuwider. Vielmehr fühlt er sich zur Welt des Kleinkriminellen Sigi
hingezogen und bandelt mit Gaby an, der Adoptivtochter des Ehepaars; auch bei der Arbeit
demonstriert er unangepasstes Verhalten. Der Versuch, Benno in die bürgerliche Welt zu
integrieren, misslingt zunehmend und endet schließlich in einer Katastrophe – als Gaby ihn fallen
lässt, erschießt Benno den Adoptivvater mit der zu Beginn gestohlenen Waffe.
Tätowierung ist ein Film, der die Befindlichkeiten der Jugend im geteilten Berlin am Vorabend der
Studentenbewegung einfängt. Eine Thematisierung von politischer Rebellion findet dabei nicht
explizit statt, eher kommen authentisch wirkende Bilder der Jugendkultur wie eine
unterschwellige, aber omnipräsente Protesthaltung und konfliktgeladene Unzufriedenheit zum
Ausdruck. Über eine indirekte Thematisierung von Rebellion stellt Tätowierung insofern eher
unfreiwillig einen direkten Bezug zum späteren bundesdeutschen Terrorismus her: Der
Hauptdarsteller Christof Wackernagel wurde später selbst aktives RAF-Mitglied. 1977 wurde er in
Amsterdam festgenommen und 1980 zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. In der Haft
distanzierte er sich jedoch bald von der RAF und konnte noch vor seiner vorzeitigen
Haftentlassung 1987 wieder seinen Aktivitäten als Schauspieler und Autor nachgehen.
In der narrativen und filmästhetischen Machart eher unkonventionell gehalten, ist der Film dem
Umfeld des Neuen deutschen Films zuzuordnen. Bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 1968
erhielt er mehrere Preise (Filmband in Gold für den besten Film, Alexander May für den besten
Schauspieler und Johannes Schaaf für die beste Regie).
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0062408/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%A4towierung_(Film)
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/2a/Uebersicht,,,,,,,,A268C47E6B24421B9D7962E400178A1B,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/sch_einzeln/schaaf_johannes/taetowierung.htm
Der Film beim DIF, Sozialgeschichte des deutschen Films:
http://www.deutsches-filminstitut.de/sozialgeschichte/mov/f011.htm
1969
Brandstifter
(Fernsehfilm, WDR-Produktion)
Regie: Klaus Lembke Drehbuch: Klaus Lembke Kamera: Robert von Ackern Darsteller:
Margarethe von Trotta, Iris Berben, Veith von Fürstenberg, Christian Friedel, Dieter Noss,
Georg Alexander, Marquard Bohm Produktion: BRD 1969 Länge: 65 min erhältliche
Fassung: –
Dieser Fernsehfilm ist im Umfeld der Studenten-Unruhen und der APO 1968 angesiedelt und
thematisiert indirekt die Ursprünge der RAF, indem er die Radikalisierung einzelner Studenten
darstellt.
Den Worten, nicht nur Flugblätter zu verbreiten, sondern aktiv „die autoritären Strukturen
bloßzulegen“, beschließt Anka, Taten folgen zu lassen. Sie deponiert im Alleingang einen
Brandsatz in einem Kölner Kaufhaus – eine Außenseiter-Geschichte, die deutlich Bezug nimmt
auf die Brandanschläge auf zwei Kaufhäuser in Frankfurt a.M. im April 1968 durch Andreas
Baader, Gudrun Ensslin, Horst Söhnlein und Thorwald Proll. Die Hauptfigur des Films wird
ebenfalls durch die Polizei gefasst.
Die Orientierung an tatsächlichen Begebenheiten ist kaum zufällig, zumal Regisseur Klaus
Lembke mit Andreas Baader bekannt war. Der Film versucht allerdings insbesondere durch eine
Verlegung der Geschehnisse nach Köln einen fiktionalen Abstand herzustellen. Darüber hinaus
stellt er eine aufschlussreiche Bestandsaufnahme der politischen Gemengelage zwischen
Spaßguerilla, Hochschulpolitik, Eskapismus und Radikalisierung sowie einen Einblick in
zeitgenössische Lebensgefühle und Gedankenwelten dar. Die dokumentarisch-experimentelle
und selbstreflexive Filmästhetik ist ebenfalls typisch für den zeitgenössischen Kontext. Bei dem
im Film verwendeten Brandsatz handelt es sich angeblich um ein Requisit aus dem Agit-Prop-
Film Herstellung eines Molotow-Cocktails (der Holger Meins zugeschrieben wird).
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0064108/
1970
Bambule
(Drama, Literaturfilm, Fernsehspiel/SWF)
Regie: Eberhardt Itzenplitz Drehbuch: Ulrike Meinhof Kamera: Ulrich Burtin Darsteller:
Petra Redinger, Christine Diersch, Dagmar Biener, Helge Henning, Barbara Schöne, Antje
Hagen, Marlene Riphahn Produktion: BRD 1970 Länge: 90 min erhältliche Fassung:
Fernsehmitschnitt
Bambule thematisiert die Situation von Heimkindern Ende der 1960er-Jahre und kritisiert die
autoritären Methoden der Heimerziehung. Der Film schildert den Alltag in einem Berliner
Mädchenheim, der geprägt ist von permanenten Konflikten, Rufen nach Freiheit, Widerstand
gegen die Oberaufpasserin, Widersetzungen und meist misslingenden Fluchtversuchen. Formen
des Widerstands finden dabei Ausdruck in Musik, exzessiv betriebenem Rauchen und Krach bzw.
„Bambule machen“ (was der Gaunersprache entstammt und das Trommeln mit allen möglichen
Gegenständen innerhalb und außerhalb von Gefängniszellen als Ausdruck von Protest
bezeichnet). Als schlimmer werden nur noch die Zustände in kirchlichen Heimen beschrieben.
Aber Alternativen sind nicht einfach zu bekommen – einem Mädchen, Irene, gelingt die Flucht;
nach einigen Versuchen, im Leben draußen Fuß zu fassen, die sich als völlig perspektivlos
erweisen, kehrt sie jedoch freiwillig wieder zurück. Und Frau Lack, die liberalere Vorstellungen
von Erziehung mit- und den Mädchen Verständnis entgegenbringt, steht zwischen den Stühlen
ihrer erzieherischen Aufgaben und der Unterstützung der Mädchen – auch hier gibt es keine
eindeutigen Antworten und kaum Perspektiven. Am Ende geben die unangepassten
Hauptprotagonistinnen ein klares Plädoyer für Aufstand und „Bambule machen“. Dabei erklären
sie, man müsse nur wissen, was man wolle, um eine „Aktion zu machen“. Nur indem man
„Terror mache“, könne man rauskommen – wer sich füge und anpasse, werde bald vergessen. So
ist die letzte Frage des Films – „Wer hat heute Nachtdienst?“ – eine deutliche Bejahung von
Aktion und Revolte gegen bestehende Strukturen.
Der Film wurde im Auftrag des Südwestfunks von Ulrike Meinhof produziert, die das Drehbuch
geschrieben hatte. Da diese sich zehn Tage vor der Erstausstrahlung an der Befreiung von
Andreas Baader beteiligte, landete der Film 1970 im „Giftschrank“ des SWF und wurde erst am
24. Mai 1994 gesendet. Das Drehbuch erschien 1971 unter dem Titel Bambule. Fürsorge – Sorge für
wen? bei Wagenbach.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0065449/
1975
Die verlorene Ehre der Katharina Blum
(Drama, Literaturverfilmung)
Regie: Volker Schlöndorff unter Mitarbeit von Margarethe von Trotta Drehbuch: Volker
Schlöndorff, Margarethe von Trotta; nach der gleichnamigen Erzählung von Heinrich Böll
Kamera: Jost Vacano Musik: Hans Werner Henze Darsteller: Angela Winkler, Mario Adorf,
Dieter Laser, Jürgen Prochnow, Karl Heinz Vosgerau, Heinz Bennent, Hannelore Hoger, Rolf
Becker Produktion: BRD 1975 Länge: 106 min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie:
kommerzielle und nichtkommerzielle Ausleihe
Schlöndorffs Verfilmung von Heinrich Bölls Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder
Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann (1974) ist einer der ersten Filme, die sich ab Mitte der
1970er-Jahre explizit der Thematik des Terrorismus und linksradikalen Milieus sowie der
zeitgenössischen gesellschaftlichen Befindlichkeiten zuwenden. Dabei setzt er sich – wie viele
Filme dieser frühen Zeit – weniger mit dem Phänomen des Terrorismus direkt als vielmehr mit
der so genannten „Sympathisanten“-Problematik und dem gesellschaftlichen Umgang mit der
Bedrohung durch den Terrorismus auseinander. So geht es vor allem um Fragen individuellen
Handlungsspielraums und die zentrale Rolle der Medien, insbesondere der Sensations-Presse.
Katharina Blum lernt auf einer Karnevals-Party Ludwig Götten kennen, verliebt sich in ihn und
nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Am nächsten Morgen wird ihre Wohnung von der Polizei
gestürmt, die nach Ludwig wegen terroristischer Aktivitäten fahndet. Als Katharina sich weigert,
Ludwig auszuliefern und mit der Polizei zu kooperieren, gerät sie ins Visier von Polizei und
Presse. Es beginnt eine vor allem durch die Boulevard-Presse initiierte Hetz- und
Verleumdungskampagne. Aber auch Polizei und Teile der Bevölkerung springen nicht gerade
zimperlich mit Katharina um – es kommt zu Pauschalverdächtigungen, Verleumdung,
Vorurteilen und Unterstellungen auf allen Seiten. Dabei arbeiten Journalisten und Polizei eng
zusammen und wenden zweifelhafte Methoden der Informationsbeschaffung und -verwertung
an. Die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem verschwimmen zunehmend, eine
Privatsphäre und Würde des Einzelnen gibt es nicht mehr.
Die ästhetische Gestaltung des Filmes verstärkt die Atmosphäre von Hysterie und Paranoia. Viele
Kameraeinstellungen sind aus Beobachterperspektiven gefilmt, wodurch Gefühle der
Überwachung und Verfolgung hervorgerufen werden. Unterstützt wird diese Atmosphäre durch
das Setting während des Karnevals, so insbesondere durch die permanente Präsenz verkleideter
Personen. Durch dieses Gestaltungsmittel verschwimmen die Grenzen zwischen Bevölkerung,
Terroristen, nach denen gefahndet wird, und Polizisten, die verkleidet fahnden. Die Musik wird
ebenfalls oft verstärkend eingesetzt, um ein Verfolgungsszenario und eine hysterische,
klaustrophobische Atmosphäre aufzubauen.
Die Einblendung der Nachworte: „Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit
gewissen journalistischen Praktiken sind weder beabsichtigt noch zufällig, sondern
unvermeidlich“ lässt den Film – wie auch die Vorlage Bölls – zu einer Anklage der Berichterstattung
des so genannten Sensationsjournalismus werden. Böll, selbst Opfer einer Kampagne
der Springer-Presse und des „Sympathisantentums“ der linksradikalen Szene verdächtigt, nimmt
in seiner Erzählung noch direkter Bezug auf die Methoden der BILD-Zeitung.
Obwohl der Film eher unspektakulär und unkonventionell gehalten ist, war er in dieser frühen
Zeit der finanziell wie beim Publikum erfolgreichste Film zu diesem Thema. Darüber hinaus
erhielt er mehrere Preise, unter anderem den Bundesfilmpreis für Angela Winkler und Jost
Vacano.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0073858/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_verlorene_Ehre_der_Katharina_Blum_%28Film%29
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/ff/Uebersicht,,,,,,,,AF809B45F8334047AA1DF47A0931F8FA,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutschesfilmhaus.de/filme_einzeln/sch_einzeln/schloendorff/verlorene_ehre_der_katharina_blum_die.htm
Mutter Küsters’ Fahrt zum Himmel
(Drama)
Regie: Rainer Werner Fassbinder Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder unter der Mitarbeit von
Kurt Raab Kamera: Michael Ballhaus Musik: Peer Raben Darsteller: Brigitte Mira, Gottfried
John, Ingrid Caven, Margit Carstensen, Karlheinz Böhm, Matthias Fuchs, Irm Hermann, Armin
Meier Produktion: BRD 1975 Länge: 120 min erhältliche Fassung: DVD (113 min),
Filmkopie: kommerzielle und nichtkommerzielle Ausleihe
Das einfache und völlig unpolitische Leben von Mutter Küsters gerät aus den Fugen, als sie die
Nachricht erhält, dass ihr in der Fabrik arbeitender Mann dort einen Vorgesetzten erschlagen und
anschließend Selbstmord begangen hat, nachdem Massenentlassungen angedroht worden waren.
Sie muss hilflos mit ansehen, wie die Familie zerbricht, ein Illustrierten-Reporter ihre
Gutgläubigkeit ausnützt und ihren Mann in der Öffentlichkeit als „Fabrikmörder“ hinstellt, die
Tochter sich die unerwartete Publizität für ihre Karriere als Sängerin zunutze macht und sie sich
selbst bald in der Einsamkeit wiederfindet. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich einem
bürgerlichen und wohlhabenden Ehepaar zu, das sich in der DKP engagiert und sie für ihre
Zwecke zu gewinnen weiß, indem es ihr die Rehabilitierung ihres Mannes verspricht. Mutter
Küsters fühlt sich endlich ernst genommen und tritt in die Partei ein. Als dem Reden und
Mitgefühl jedoch keine Taten folgen, nimmt Mutter Küsters in ihrer Naivität Kontakt zu einem
„Anarchisten“ auf, der für „Aktionen“ ist. Dieser benutzt ihren Fall bei einer Besetzung der
verantwortlichen Zeitungsredaktion für eine dilettantische Geiselnahme, um „alle politischen
Gefangenen in der BRD“ freizupressen, was in einer Katastrophe endet.
Eine ursprünglich für den US-amerikanischen Markt produzierte Fassung bietet ein grundlegend
anderes Ende: Nachdem die Sinnlosigkeit eines Sitzstreiks in der Zeitungsredaktion bald
offenkundig wird und Mitarbeiter wie Aktivisten nacheinander nach Hause gehen, wird die
zurückgebliebene Mutter Küsters vom Hausmeister dazu bewegt, doch mit ihm - er ist ebenfalls
allein – nach Hause zum Abendbrot zu gehen, worauf sie dankbar eingeht.
Der Film wurde von einigen Seiten als pauschalisierende Abrechnung Fassbinders mit der
Frankfurter Gesellschaft und der Linken kritisiert und Fassbinder als unpolitischer Reaktionär
und Verräter angegriffen. Der Titel stellt eine deutliche Anspielung auf den erfolgreichsten
proletarischen Film der Weimarer Republik dar, Mutter Krausens Fahrt ins Glück (1929), der das
Elend des Proletariats einfangen wollte. Darin erzählte Phil Jutzi die Geschichte einer Frau, die
im Berlin der Weltwirtschaftskrise aus Verzweiflung Selbstmord begeht. Doch während bei Jutzi
dank einer machtvollen Arbeiterbewegung Grund zur Hoffnung besteht, ist Fassbinders
Hommage eine pessimistische Absage an die zeitgenössische Befindlichkeit der kommunistischen
Bewegung und ihrer Nachfahren, die längst im Wohlfahrtsstaat angekommen sind.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0073424/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/68/Uebersicht,,,,,,,,75B63242A6124EE9BD015FDF006CB751,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/f_einzeln/fassbinder/fassbinder_mp/mutter_kuesters_fahrt_zum_himmel.htm
1976
Unternehmen Entebbe (Victory at Entebbe)
(Actiondrama, Fernsehfilm)
Regie: J. Marvin Chomsky Drehbuch: Ernest Kinoy Kamera: Lew Adams Musik: Charles
Fox Darsteller: Helmut Berger, Theodore Bikel, Linda Blair, Kirk Douglas, Richard Dreyfuss,
Stefan Gierasch, David Groh, Julius Harris, Helen Hayes, Anthony Hopkins, Burt Lancester,
Elisabeth Taylor Produktion: USA 1976 Länge: 119 min erhältliche Fassung: VHS
Dieser mit zahlreichen bekannten Gesichtern besetzte US-amerikanische Spielfilm war der erste
von drei Filmen, die sich bereits unmittelbar im Anschluss filmisch mit der Flugzeugentführung
von Entebbe auseinandersetzten (siehe vergleichend Operation Thunderbolt [Mitsva Jonatan] und
…die keine Gnade kennen [Raid on Entebbe], beide 1977). 1976 war eine Maschine der Air France auf
dem Weg von Tel Aviv nach Paris von einem palästinensischen Terror-Kommando zusammen
mit den zwei deutschen RZ-Terroristen, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, entführt und
nach Entebbe, Uganda umgeleitet worden. Die Entführer forderten die Freilassung von 53
weltweit inhaftierten Terroristen, darunter jeweils drei Mitglieder der RAF und der Bewegung 2.
Juni. Die israelische Regierung ging dabei zwar auf die Möglichkeit der Verhandlung ein, ohne
dass jedoch tatsächliche Optionen einer Einigung geschaffen worden wären; schlussendlich
stürmte eine Spezialeinheit der israelischen Luftwaffe das Flughafengebäude in Entebbe und
befreite die Geiseln. Ein besonderer Vorgang im Laufe der Geiselnahme war, dass jüdische von
nichtjüdischen Passagieren getrennt wurden, wodurch vielerorts Reminiszenzen an
nationalsozialistische Denkmuster wach wurden.
Die Umsetzung des Stoffes orientiert sich weitgehend an den Ereignissen von 1976. Dabei
werden jedoch auch einige fiktive Elemente und Charaktere eingeflochten, so ein als Hauptfigur
agierendes junges jüdisches Mädchen, das sich allein auf der Reise befindet und dessen Eltern in
Israel um die Rettung der Tochter bangen. Der deutsche Terrorist Wilfried Böse wurde – wie
auch in den anderen beiden Verfilmungen – mit einem deutschen Schauspieler, hier Helmut
Berger, besetzt, wodurch Realitätsnähe suggeriert werden soll. Hauptsächlich werden drei
Narrationsebenen im Lauf des Films verfolgt: die Geschehnisse in der Air-France-Maschine, die
Entscheidungsprozesse der israelischen Regierung und die militärische Befreiung der Geiseln –
eine Struktur, die weitgehend auch in den anderen beiden Filmen anzutreffen ist. Eine weitere
Gemeinsamkeit mit den beiden übrigen Verfilmungen ist die Umsetzung im Format eines
Dramas, das seine Narrationsebenen anhand von Schicksalen einzelner Figuren entwickelt. Der
Film Chomskys weist darüber hinaus Elemente des Action-Genres wie des Melodrams auf.
Die Darstellung des israelischen Staates und der israelischen Regierung fokussiert eine kleine,
exklusive Schaltzentrale der Macht oder eines Krisenstabes; eine Form von Öffentlichkeit taucht
im Film nicht auf. Augenfällig ist dabei auch, dass im Gegensatz zur israelischen Produktion
Operation Thunderbolt (Mitsva Jonatan) die Handlungsspielräume der israelischen Regierungen als
sehr begrenzt und die schließlich gewählte militärische Option als äußerst riskant erscheint. Auch
sonst beschränkt sich der Film auf einige wenige Schauplätze, was jedoch wohl vor allem dem
Produktionshintergrund wie der Genrezuordnung geschuldet ist. Als besonders dramatisch wird
die Trennung der jüdischen von den nichtjüdischen Passagieren gestaltet, die explizit mit der
Selektion in Auschwitz verglichen wird. Auch mehrere Dialoge und die Figur eines ehemaligen
KZ-Häftlings, der den Terroristen seine auf den Arm tätowierte KZ-Nummer zeigt, greifen die
Problematik antisemitischer Kontinuitäten auf.
Interessant ist darüber hinaus in Bezug auf die drei Verfilmungen der Entebbe-
Flugzeugentführung wie auf ihre generelle Wahrnehmung, dass die damaligen Geschehnisse von
1976 im Gedächtnis Israels wie der Vereinigten Staaten sehr präsent sind, wohingegen dieses
Kapitel der Terrorismus-Geschichte in der Bundesrepublik lange in Vergessenheit geraten ist und
zumeist durch die Flugzeugentführung der „Landshut“ nach Mogadischu 1977 überlagert wird,
die erst 20 Jahre nach den Ereignissen in Todesspiel (1997, siehe dort) erstmals filmisch verarbeitet
wurden.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0075391/
Paradies – Eine imperialistische Tragikomödie
(Tragikomödie)
Regie: Zelimir Žilnik Drehbuch: Zelimir Žilnik Kamera: Andrej Popovic Musik: Pedja
Vranesevic & Sparifankel Darsteller: Michael Straleck, Dan van Husen, Gisela Siebauer, Natasa
Stanojevic, Filiz Jakub Produktion: BRD 1976 Länge: 65 min erhältliche Fassung: VHS
In dieser Tragikomödie oder auch Politfarce nähert sich der serbische Regisseur Zelimir Žilnik
dem Thema Terrorismus provokant und parodistisch. Eine Unternehmerin und Konzernchefin,
die kurz vor dem Firmenbankrott steht, beauftragt einige laienhafte Terroristen mit ihrer
Entführung, um ihnen die Verantwortung für ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten zuzuschieben.
Nach einigen Wochen in der Hand der Entführer, so der Plan, kann der Bankrott der Firma als
Fremdverschulden und sie selbst als Gegnerin der destruktiven, anarchistischen Kräfte dargestellt
werden.
Inspiriert wurde der Film angeblich durch die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz,
Spitzenkandidat für das Bürgermeisteramt in West-Berlin, durch die Bewegung 2. Juni am 27.
Februar 1975. Nachdem die Bundesregierung auf die Forderungen der Entführer eingegangen
war, wurden fünf Inhaftierte (Horst Mahler hatte das Angebot abgelehnt) in den Jemen
ausgeflogen, und Lorenz wurde freigelassen.
Paradies ist einer der beiden Filme, die Žilnik, der heute zu den einflussreichsten europäischen
Dokumentarfilmern gezählt wird und das Format des „Doku-Dramas“ maßgeblich mit
entwickelt hat, in der Bundesrepublik drehte. Žilnik hatte 1973 wegen seiner filmischen Arbeit in
Jugoslawien Berufsverbot erhalten und war daraufhin in die Bundesrepublik gekommen. Seine
radikale und sarkastisch-humoristische Demontage der Terrorismusgefahr wirkte im oft
hysterischen Klima Mitte der 1970er-Jahre jedoch ähnlich staatsfeindlich wie das
„Sympathisantentum“ und brachte ihn in Konflikt mit der bundesdeutschen Justiz: Sein Visum
wurde nicht verlängert, woraufhin er das Land verlassen musste. Der zweite in der
Bundesrepublik 1974 entstandene Film, Öffentliche Hinrichtung (9 min), wird ebenfalls oft im
Kontext von RAF und Terrorismus angeführt; er besteht aus einer Montage von polizeilichem
Dokumentationsmaterial und Nachrichtenbildern einer Geiselnahme und versucht damit, die
Fernsehberichterstattung über den Terrorismus als propagandistisch zu demontieren und sich
kritisch mit Fragen der Gewalteskalation und Verbrechensbekämpfung auseinanderzusetzen.
Der Film in der IMDb:
http://www.imdb.com/title/tt0177090/
Der Regisseur Zelimir Žilnik bei Wikipedia:
http://en.wikipedia.org/wiki/%C5%BDelimir_%C5%BDilnik
1977
Das zweite Erwachen der Christa Klages
(Drama)
Regie: Margarethe von Trotta Drehbuch: Margarethe von Trotta, Luisa Francia Kamera:
Franz Rath Musik: Klaus Doldinger Darsteller: Tina Engel, Silvia Reize, Katharina Thalbach,
Marius Müller-Westernhagen, Peter Schneider, Erika Wackernagel Produktion: BRD 1977
Länge: 88 min erhältliche Fassung: VHS, Filmkopie: nichtkommerzielle Ausleihe
Die junge Kindergärtnerin Christa überfällt gemeinsam mit zwei Männern eine Bank in
München, um einen Kinderladen finanziell vor der Schließung zu bewahren. Nur Christa und
einem der Männer gelingt die Flucht, die sich jedoch zu einer verzweifelten Odyssee entwickelt
und in deren Verlauf der Mittäter schließlich erschossen wird. Darüber hinaus will der
Kinderladen das Geld nicht annehmen. Inzwischen macht sich die Bankangestellte und Geisel
Lena auf die Suche nach Christa, um deren Identität zu ermitteln. Christa taucht in Portugal
unter, aber auch dort kommt ihre Vergangenheit bald ans Tageslicht, und sie kehrt nach
Deutschland zurück, wo sie schließlich verhaftet wird – es kommt zu einer Gegenüberstellung,
bei der Lena jedoch leugnet, sie als die Täterin wiederzuerkennen.
Das zweite Erwachen der Christa Klages thematisiert Fragen der sozialen Verantwortung, deren
Verwirklichung und der Handlungsspielräume des Einzelnen. Darüber hinaus wird der Kampf
Christas gegen die Ablehnung von verschiedenen Seiten dargestellt. Der Film bemüht sich,
Pauschalverurteilungen und Schwarz-Weiß-Linien zu vermeiden. Dabei bleibt er dem Phänomen
des gewaltbereiten Terrorismus gegenüber weitgehend indifferent, wenn nicht sogar hilflos.
Deutlich spürbar sind vor allem die feministische Perspektive und die Anknüpfung der
Regisseurin an Ansätze des Autorenfilms bzw. Neuen deutschen Films.
Margarethe von Trotta erhielt für diesen Film, der ihr Regiedebüt war, den Bundesfilmpreis
(Filmband in Silber, bester Film).
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0078536/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/03/Uebersicht,,,,,,,,CE0BC8889EEE4B0A9C13E4DE172ED0CD,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutschesfilmhaus.de/filme_einzeln/t_einzeln/trotta_margarete/zweite_erwachen_der_christa_klages_das.htm
Operation Thunderbolt (Mitsva Jonatan)
(Action, Drama)
Regie: Menahem Golan Drehbuch: Clarke Reynolds, Menahem Golan Kamera: Adam
Greenberg Musik: Dov Seltzer Darsteller: Sybil Danning, Klaus Kinski, Assaf Dayan, Rachel
Marcus, Arik Lavi, Mark Heath, Yehoram Gahon, Yitzak Rabin, Yigal Allon, Shimon Peres
Produktion: IL 1977 Länge: 124 min erhältliche Fassung: VHS
Neben zwei US-amerikanischen Produktionen ist dieser israelische Spielfilm des Regisseurs
Menahem Golan der dritte, der sich filmisch mit der Flugzeugentführung von Entebbe
auseinandersetzt (siehe vergleichend Unternehmen Entebbe [Victory at Entebbe], 1976, und …die keine
Gnade kennen [Raid on Entebbe], 1977). 1976 war eine Maschine der Air France auf dem Weg von
Tel Aviv nach Paris von einem palästinensischen Terror-Kommando zusammen mit den zwei
deutschen RZ-Terroristen, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, entführt und nach Entebbe,
Uganda umgeleitet worden. Die Entführer forderten die Freilassung von 53 weltweit inhaftierten
Terroristen, darunter jeweils drei Mitglieder der RAF und der Bewegung 2. Juni. Die israelische
Regierung ging dabei zwar auf die Möglichkeit der Verhandlung ein, ohne dass jedoch
tatsächliche Optionen einer Einigung geschaffen worden wären; schlussendlich stürmte eine
Spezialeinheit der israelischen Luftwaffe das Flughafengebäude in Entebbe und befreite die
Geiseln. Ein besonderer Vorgang im Laufe der Geiselnahme war, dass jüdische von
nichtjüdischen Passagieren getrennt wurden, wodurch vielerorts Reminiszenzen an
nationalsozialistische Denkmuster wach wurden.
Die Umsetzung des Stoffes ist deutlich bemüht, sich an den tatsächlichen Ereignissen von 1976
zu orientieren. Unterstrichen wird dieser Anspruch des Films auf Authentizität unter anderem
auch dadurch, dass Yitzhak Rabin, Shimon Perez und Yigal Allon sich selbst spielen. Darüber
hinaus kommen vereinzelt weitere Original- bzw. Dokumentaraufnahmen zum Einsatz, vor allem
israelischer Politiker. Auch der deutsche Terrorist Wilfried Böse wurde – wie in den anderen
beiden Verfilmungen – mit einem deutschen Schauspieler besetzt, hier Klaus Kinski. Eine weitere
Gemeinsamkeit ist die Umsetzung im Format eines Dramas, das seine Narrationsebenen anhand
von Schicksalen einzelner Figuren entwickelt. Darüber hinaus lässt sich der Film Golans jedoch
nicht eindeutig einer Genre-Form zuordnen, sondern verbindet vor allem Strukturen des Dramas
mit Elementen des Action- und des Polit-Genres.
Hauptsächlich werden drei Narrationsebenen im Lauf des Films verfolgt: die Geschehnisse in der
Air-France-Maschine, die Entscheidungsprozesse der israelischen Regierung und die militärische
Befreiung der Geiseln – eine Struktur, die weitgehend auch in den anderen beiden Filmen
anzutreffen ist. Die Darstellung des israelischen Staates und der israelischen Regierung
unterscheidet sich grundlegend im Vergleich zu der US-Produktion Chomskys, Victory at Entebbe:
Während die israelische Regierung dort als abgeschlossener Zirkel erscheint, werden hier
vielfältige Aktionsfelder und Personen des Staates wie der Gesellschaft berücksichtigt – von
Regierungsstellen und Parlament über Pressekonferenzen und öffentliche Räume. Die
schlussendliche Entscheidung für eine militärische Befreiung der Geiseln erscheint zwar riskant,
aber bei weitem nicht als fast aberwitziges Unternehmen wie in Chomskys Victory at Entebbe.
Darüber hinaus wird auch hier als besonders dramatisch die Trennung der jüdischen von den
nichtjüdischen Passagieren gestaltet, die explizit mit der Selektion in Auschwitz verglichen wird
und die Problematik antisemitischer Kontinuitäten aufgreift. Hierbei fällt vor allem die
Darstellung der deutschen RZ-Terroristin Brigitte Kuhlemann auf, die augenscheinlich
nationalsozialistische Stereotype bedient. Insgesamt präsentiert die israelische Produktion von
Golan noch ausgeprägter den israelischen Staat und seine militärischen Kapazitäten als
notwendige Konsequenz der Geschichte und einzig wirksame Möglichkeit, sich gegen den
internationalen Antisemitismus zu schützen – wenngleich dieses proisraelische Deutungsmuster
in allen drei Verfilmungen zum Tragen kommt.
Im Film dargestellte Konflikte und Konstellationen verlängerten sich sozusagen in die
Wirklichkeit: Aufgrund der proisraelischen und projüdischen Haltung, die der Film einnimmt,
kam es bei verschiedenen Aufführungen 1977 in deutschen Kinos zu Zwischenfällen: Mitglieder
der RZ verübten aus Protest gegen diese Haltung des Film mehrere Brandanschläge auf
Lichtspielhäuser, die den Film vorführten.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0076398/
Der Film auf Wikipedia:
http://en.wikipedia.org/wiki/Mivtsa_Yonatan_%28film%29
… die keine Gnade kennen (Raid on Entebbe)
(Drama/Actionthriller, Fernsehproduktion)
Regie: Irvin Kershner Drehbuch: Barry Beckerman Kamera: Bill Butler Musik: David Shire
Darsteller: Peter Finch, Charles Bronson, Yaphet Kotto, Horst Buchholz, John Saxon, Jack
Warden, Martin Balsam, Sylvia Sidney Produktion: USA 1977 Länge: 115 min erhältliche
Fassung: VHS (120 min)
Der dritte, für das Fernsehen produzierte Spielfilm, der sich filmisch mit der Flugzeugentführung
von Entebbe auseinandersetzt (siehe vergleichend Victory at Entebbe, 1976, und Operation
Thunderbolt [Mitsva Jonatan], 1977), ist ähnlich prominent besetzt wie schon Victory at Entebbe. 1976
war eine Maschine der Air France auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris von einem
palästinensischen Terror-Kommando zusammen mit den zwei deutschen RZ-Terroristen,
Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, entführt und nach Entebbe, Uganda umgeleitet worden.
Die Entführer forderten die Freilassung von 53 weltweit inhaftierten Terroristen, darunter jeweils
drei Mitglieder der RAF und der Bewegung 2. Juni. Die israelische Regierung ging dabei zwar auf
die Möglichkeit der Verhandlung ein, ohne dass jedoch tatsächliche Optionen einer Einigung
geschaffen worden wären; schlussendlich stürmte eine Spezialeinheit der israelischen Luftwaffe
das Flughafengebäude in Entebbe und befreite die Geiseln. Ein besonderer Vorgang im Laufe
der Geiselnahme war, dass jüdische von nichtjüdischen Passagieren getrennt wurden, wodurch
vielerorts Reminiszenzen an nationalsozialistische Denkmuster wach wurden.
Auch diese Umsetzung des Stoffes ist um eine möglichst realistische Darstellung der Ereignisse
von 1976 bemüht. Der deutsche Terrorist Wilfried Böse wurde – wie auch in den anderen beiden
Verfilmungen – mit einem deutscher Schauspieler besetzt, hier Horst Buchholz. Hauptsächlich
werden drei Narrationsebenen im Lauf des Films verfolgt: die Geschehnisse in der Air-France-
Maschine, die Entscheidungsprozesse der israelischen Regierung und die militärische Befreiung
der Geiseln – eine Struktur, die weitgehend auch in den anderen beiden Filmen anzutreffen ist.
Eine weitere Gemeinsamkeit mit den beiden anderen Verfilmungen ist die Umsetzung im Format
eines Dramas, das seine Narrationsebenen anhand von Schicksalen einzelner Figuren entwickelt.
Darüber hinaus arbeitet der Regisseur Irvin Kershner jedoch vor allem mit Elementen des
Action-Genres und Polit-Thrillers und bemüht sich in seiner Wirkung im Gegensatz zu den
anderen beiden Umsetzungen des Stoffes weniger um Emotionen denn um den Aufbau von
Spannung. Die Darstellung der Trennung der jüdischen von den nichtjüdischen Passagieren
erhält auch hier einen zentralen Stellenwert. Insgesamt liefert der Film stärker als die übrigen
beiden gutes mainstream-Kino und enthält sich dabei weitgehend einer Interpretation des
Geschehens.
1977 wurde der Film mit dem Golden Globe in der Kategorie Bester Fernsehfilm ausgezeichnet
und erhielt darüber hinaus zwei Emmy Awards, wohingegen die anderen beiden Verfilmungen
zwar verschiedene Nominierungen verzeichnen konnten, aber keine Preise erhielten.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0076594/
Der Film auf Wikipedia:
http://en.wikipedia.org/wiki/Raid_on_Entebbe_(tele-movie)
1978
Deutschland im Herbst
(Dokumentarspiel)
Regie: Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Edgar Reitz, Rainer Werner Fassbinder, Alf
Brustellin, Bernhard Sinkel, Maximiliane Mainka, Peter Schubert, Hans-Peter Cloos, Katja Rupé
Drehbuch: Heinrich Böll, Peter Steinbach u.a. Kamera: Michael Ballhaus, Jürgen Jürges, Bodo
Kessler, Dietrich Lohmann, Jörg Schmidt-Reitwein, Colin Mounier u.a. Musik: Joseph Haydn
u.a. Darsteller: Rainer Werner Fassbinder, Liselotte Eder, Armin Meier, Wolf Biermann, Horst
Mahler, Katja Rupé, Hans-Peter Cloos, Vadim Glowna, Petra Kiener, Hannelore Hoger
Produktion: BRD 1977/78 Länge: 116 min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie:
kommerzielle Ausleihe
Der Film Deutschland im Herbst weist vor allem hinsichtlich der formalen Struktur einige
Besonderheiten auf; er kann nur bedingt einer filmischen Form oder einem Genre zugeordnet
werden. Für diesen Umstand findet man unterschiedliche Benennungen von „Episodenstruktur“
über „Kompilationsfilm“ oder schlicht „Collage“ bis zu „Omnibusfilm“. Diese Besonderheit ist
einerseits der Vermischung von fiktionalen mit dokumentarischen Elementen geschuldet – daher
auch die Bezeichnung Dokumentarspiel (im Sinne von Dokumentarfilm mit Spielteilen).
Andererseits ergibt sich diese besondere Struktur aus der Beteiligung von elf namhaften
deutschen Regisseuren des Neuen deutschen Films, deren Herangehensweisen stilistisch und
methodisch höchst unterschiedlich sind. Auch die Gewichtung und Montage der einzelnen
Beiträge ist verschieden – so besteht der Film auch nicht aus einer Aneinanderreihung von elf
unabhängigen Kurzfilmen.
Darüber hinaus gilt Deutschland im Herbst als begriffsprägend: Ihm wird die Entstehung der
Bezeichnung „Deutscher Herbst“ für die Ereignisse 1977 von der Schleyer-Entführung über die
Selbstmorde der inhaftierten RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe in Stuttgart-
Stammheim bis zur Flugzeugentführung der „Landshut“ und der Befreiung der Geiseln in
Mogadischu zugeschrieben.
Inhaltlich kann er als die direkteste Reaktion unterschiedlicher Filmemacher auf die Geschehnisse
im Zusammenhang mit dem „Deutschen Herbst“ bezeichnet werden. Vor allem aber versucht
der Film, beobachtend wie fiktionalisierend, die politische und gesellschaftliche Stimmung in der
Bundesrepublik einzufangen. Dabei fällt nicht jede Szene so drastisch aus wie die des sich selbst
filmenden und angesichts der Ereignisse koksenden bis kotzenden Rainer Werner Fassbinder. So
thematisiert beispielsweise Volker Schlöndorff die Grenzen zwischen Politik und Kunst wie die
Deutungsoffenheit und Instrumentalisierbarkeit von Kunst (hier vor allem Angst vor derselben).
Auf Alexander Kluge geht ein Zusammenschnitt dokumentarischer Aufnahmen zurück, Wolf
Biermann singt und Horst Mahler kommt in der Haft sitzend zu Wort. In fiktiven Episoden geht
eine Geschichtslehrerin auf die Suche nach der deutschen Geschichte und es kommt zu
Szenarios der Verfolgung und Hysterie. Die einzelnen Episoden werden durch die „beiden
Stuttgarter Beerdigungen“ eingerahmt – einerseits das Staatsbegräbnis für den ermordeten Hanns
Martin Schleyer und andererseits die durch den Oberbürgermeister Manfred Rommel
ermöglichte Bestattung der Terroristen. Die musikalische Umrahmung besteht vor allem aus
einer Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen des Deutschlandlieds.
Der Film wurde 1978 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet, war jedoch beim Publikum kein
großer Erfolg.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0077427/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutschland_im_Herbst
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/ce/Uebersicht,,,,,,,,EFF4418E07B442349AC9CEACC84FACE8,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/bi_bu_einzeln/brustellin_alf/deutschland_im_herbst.htm
Die dritte Generation
(Komödie, Satire)
Regie: Rainer Werner Fassbinder Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder Kamera: Rainer
Werner Fassbinder Musik: Peer Raben Darsteller: Volker Spengler, August Brem, Hanna
Schygulla, Susanne Gast, Udo Kir, Harry Baer, Rudolf Mann, Petra Vielhaber, Hilde Krieger
Produktion: BRD 1978/79 Länge: 110 min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie:
kommerzielle und nichtkommerzielle Ausleihe
Die Handlung entspinnt sich um eine Gruppe junger Leute in West-Berlin, die – eher aus
Langeweile denn aus politischer Überzeugung – blinder Aktivismus verbindet. Als einer von
ihnen erschossen wird, gehen sie in den Untergrund und planen die Entführung eines Vertreters
einer amerikanischen Computerfirma, ohne zu bemerken, dass sie selbst Gegenstand von
Manipulation sind – die Industrie braucht den Terrorismus, um den Absatz eines
Computersystems zu steigern. Wirklich sinnvoll erscheint keine ihrer terroristischen Aktionen
und Geheimtuereien; auch bei einem Banküberfall ist der Adrenalinkick am Ende fast ebenso
entscheidend wie das erbeutete Geld.
Dieser Film, der in der Regel als Komödie bezeichnet wird, gibt nur bedingt Anlass zum Lachen.
Er gleicht vielmehr einer Farce oder zumindest einer schwarzen Komödie. Deutlich demonstriert
Fassbinder, was er vom bundesrepublikanischen Terrorismus hält: nicht viel. Nicht politische
Motivationen und Idealismus, sondern Handeln um seiner selbst willen bestimmt die Figuren,
denen auch ein Verständnis jedweder Ideale fehlt. Dabei entsteht Gewalt aber nicht im luftleeren
Raum, sondern aus der Gesellschaft heraus, und der Terrorismus gibt dem Staat im gleichen
Zuge die Legitimation, den Bürger in seinen Freiheitsrechten zu beschneiden. So ist Die dritte
Generation vor allem auch ein oft stilisiert und karnevalesk wirkender Film, der gesellschaftliche
und wirtschaftliche Zustände vom Überwachungsstaat bis zu international operierenden
Konzernen kritisch verarbeitet und sich in bisweilen skurrilen, verqueren und artifiziell wirkenden
Gedankenspielen bewegt. Aus dem Vorspann wie auch vom Plakat des Films stammt der oft
zitierte Satz: „Ich werfe keine Bomben, ich mache Filme. R.W.F.“
Von diesem Szenario waren weder das Publikum noch die staatlichen Geldgeber angetan: So
zogen der WDR und der Berliner Senat ihre finanzielle Unterstützung zurück, und in den Kinos
kam es zu Protesten in Form von Stinkbomben und Farbbeuteln. Auch die bundesdeutsche
Kritik ließ an dem wenig konformen, provokanten Film nur vereinzelt ein gutes Haar.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0079083/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/3c/Uebersicht,,,,,,,,204DA340528E4B0592F32167580364D6,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/f_einzeln/fassbinder/fassbinder_c_e/dritte_generation.htm
Messer im Kopf
(Drama, Politthriller)
Regie: Reinhard Hauff Drehbuch: Peter Schneider Kamera: Frank Brühne Musik: Irmin
Schmidt Darsteller: Bruno Ganz, Angela Winkler, Hans Christian Blech, Heinz Hönig, Hans
Brenner, Udo Samel, Eike Gallwitz, Carla Egerer Produktion: BRD 1978/79 Länge: 113 min
erhältliche Fassung: VHS (108 min), Filmkopie: nichtkommerzielle Ausleihe
Messer im Kopf, wie auch andere frühe Filme, die sich mit der Thematik des bundesdeutschen
Terrorismus auseinandersetzen, greift die Frage des so genannten Sympathisantentums auf.
Hoffmann ist Wissenschaftler, seine Frau bewegt sich in linksradikalen Kreisen. Als er sie in der
Anfangssequenz in einem Jugendclub, in dem sie arbeitet, abholen will, gerät er dort in eine
Fahndungsaktion der Polizei und wird von einem Polizisten in den Kopf geschossen; dabei soll
er diesen angeblich mit einem Messer verletzt haben. Hoffmann wacht traumatisiert und mit
Gehirnschädigungen im Krankenhaus auf und kämpft im weiteren Verlauf des Films um die
Wiedererlangung seiner körperlichen und geistigen Kräfte wie seiner abhanden gekommenen
Erinnerung, um eine (neue) Identität und darum, wieder Mensch zu sein. Währenddessen muss
er mit ansehen, wie sich seine Frau einem jungen Anarchisten zuwendet und ein Ermittler der
Polizei ihn mit rücksichtslosen Methoden und Pauschalverurteilungen wegen Zugehörigkeit zum
terroristischen Milieu überführen will. Gleichzeitig stellen ihn die Linksradikalen als Opfer der
Polizeigewalt hin. Am Ende, als sich bereits niemand mehr für den Fall interessiert, kommt es zur
Konfrontation zwischen Hoffmann und dem Polizisten, der ihn angeschossen hat.
Die Stärke des Films besteht darin, dass der Zuschauer zusammen mit Hoffmann auf weiten
Strecken in Unwissen gelassen wird – es ist nicht klar, ob Hoffmann schuldig oder unschuldig ist,
es gibt keine eindeutigen Schwarz-Weiß-Linien. Dadurch ermöglicht der streckenweise fast
suspense-hafte Film gleichzeitig Empathie wie Distanz und produziert mehr Fragen als Antworten.
Darüber hinaus fängt er eine Atmosphäre von Verdächtigung ein und plädiert für
Differenziertheit statt Pauschalverurteilungen. Diese Differenziertheit ist ebenfalls konsequent in
der Stimmung des Films fortgeführt: So wirkt der Einsatz der Musik düster-melancholisch,
während es gleichzeitig auch subtil humoristische Momente gibt.
Der Film stammt von demselben Regisseur wie das Doku-Spiel Stammheim (1986, siehe dort) und
erhielt 1979 mehrere Auszeichnungen bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises. Darüber
hinaus ist Bruno Ganz in einer frühen Glanzrolle zu sehen.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0077924/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/79/Credits,,,,,,,,1EAEBE5066414F398B3718E184A5A0CBcredits,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/h_einzeln/hauff_reinhard/messer_im_kopf.htm
1981
Die bleierne Zeit
(Drama)
Regie: Margarethe von Trotta Drehbuch: Margarethe von Trotta Kamera: Franz Rath
Musik: Nicolas Economou Darsteller: Jutta Lampe, Barbara Sukowa, Rüdiger Vogler, Luc
Bondy, Verenice Rudolph, Doris Schade Produktion: BRD 1981 Länge: 103 min erhältliche
Fassung: VHS
Der dritte Spielfilm von Trottas entwickelt auf der Grundlage der Biographie und Herkunft der
Ensslin-Schwestern eine fiktive Geschichte um zwei Schwestern, die in einem streng katholischen
Elternhaus der „bleiernen“ und beklemmenden 1950er-Jahre aufwachsen – der Titel, der aus
einem Hölderlin-Gedicht stammt, kann als Anspielung auf die gesellschaftlichen Befindlichkeiten
verstanden werden. Die jüngere und schüchternere der beiden, Marianne (Barbara Sukowa),
wendet sich schließlich dem Terrorismus zu und lässt ihren Sohn und Mann zurück, um in den
Untergrund zu gehen, wohingegen die ältere und in der Jugend rebellischere ältere Schwester
Juliane (Jutta Lampe) ein geradezu bürgerliches Leben führt und versucht, durch ihr Engagement
für eine feministische Zeitschrift politisch etwas zu bewegen. Die zunehmenden Meinungsverschiedenheiten
werden schließlich durch den Gefängnisaufenthalt und Hungerstreiks überlagert
– es kommt zu einer Annäherung der beiden Schwester. Nach dem Selbstmord Mariannes
im Gefängnis versucht Juliane nun verzweifelt, ihre Schwester und die geschehenen Ereignisse zu
verstehen, wobei sie schließlich aus Ungläubigkeit über die Geschehnisse wie besessen nach
Indizien für einen Mord sucht – Parallelen zu Erklärungs- und Argumentationsstrategien im
linksradikalen Milieu sind hierbei kaum zu übersehen.
Die Erzählperspektive verharrt während des gesamten Films bei der Figur der älteren Schwester.
Darüber hinaus wird in Rückblenden immer wieder die Kindheit und Jugend der Mädchen eingeflochten,
vom Erleben der Bombenangriffe während des Krieges bis zur strengen Erziehung
durch Vater und Schule und die damit verbundenen Konflikte. Die Politisierung der beiden
Schwestern im Laufe der 1960er-Jahre wird mit den (üblicherweise bemühten) Anspielungen auf
Verdrängung der bzw. dann Konfrontation mit der NS-Vergangenheit motiviert. Hierfür werden
während einer Filmvorführung der Mädchen Sequenzen von Alan Resnais’ Nuit et brouillard
(1955) gezeigt, einem der zentralen Filme in Bezug auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit in
der frühen Bundesrepublik, der hier für das Beschweigen steht. (Während dieser filmische
Umgang mit der Vergangenheit für die Ensslin-Schwestern hier zu einer Art Schockerlebnis wird,
lassen dieselben Bilder die jugendliche Hauptfigur in einer intertextuellen Referenz in Die Innere
Sicherheit von 2000 [s.u.] völlig unberührt.) Später im Film parallelisiert von Trotta diese
Sequenzen mit vorgeführten Dokumentar-Aufnahmen vom Vietnamkrieg. So sucht der Film
nach Erklärungen für das Phänomen des bundesrepublikanischen Terrorismus und des
gesellschaftlichen Umgangs damit, spart aber jede Form der terroristischen Aktivität oder
Gewalthandlung aus.
Sowohl ästhetisch als auch inhaltlich ist der Film eindeutig dem Autorenkino des Neuen deutschen
Films zuzuordnen. Er war kaum ein finanzieller Erfolg, erhielt jedoch viele Preise, unter anderen
den Goldenen Löwen und den Preis für die Beste Hauptdarstellerin bei der Biennale Venedig
1981, den Bundesfilmpreis 1982 (Filmband in Gold, Bester Film und Beste Hauptdarstellerin),
den Preis der deutschen Filmkritik 1982 und den DDR-Kritikerpreis 1984.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0082081/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_bleierne_Zeit
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/41/Uebersicht,,,,,,,,CDE154B4DE864F78AB4A9B6A72D28D2B,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
1983
Kinder unseres Volkes
(Drama, Fernsehfilm)
Regie: Stephan Rinser Drehbuch: Luise Rinser Kamera: Norbert Stern Musik: Darsteller:
Leslie Malton, Nora von Collande, Katharina Seyferth, Peter Seum, Dietmar Schönherr, Witta
Pohl, Dieter Hufschmidt Produktion: BRD 1983 Länge: 100 min erhältliche Fassung: –
Der Film des Ehepaars Rinser – er Filmemacher, sie einflussreiche und politisch aktive Autorin –
ist eine weithin unbekannt gebliebene Fernsehproduktion und thematisiert das Thema
Terrorismus für diese frühe Zeit Anfang der 1980er-Jahre auffallend direkt. Er versucht vor allem
eine filmische Darstellung der Frage, wie ein einzelner junger Mensch zu einem Suizid
begehenden Terroristen werden kann. Dabei orientiert er sich an den tatsächlichen Biographien
führender Terroristen, insbesondere Ulrike Meinhofs. So wird der Weg eines jungen Mädchens
aus gutbürgerlichem, wohlbehütetem Hause von den Anfängen der Studentenunruhen über erste
Begegnungen mit linksradikalen Ideologien und Gewalt bis zum ersten Banküberfall und
schließlich dem Schritt in die Illegalität nachgezeichnet. In der Biographie Ulrike Meinhofs endet
dieser Weg mit dem Selbstmord und hinterlässt in den Augen der Filmemacher vor allem
Ratlosigkeit. Vor allem versuchen sie auch, die innere und äußere Zerstörung der Hauptfigur
darzustellen.
Besonders Luise Rinser, die unter anderem in der Friedensbewegung aktiv war und enge
Beziehungen zu Nordkorea wie zu vielen Linksintellektuellen in der Bundesrepublik unterhielt,
wurde im Laufe der 1970er-Jahre von verschiedenen Seiten als „Sympathisantin der Terroristen“
angefeindet.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0085793/
1986
Die Reise
(Literaturverfilmung, Biographie)
Regie: Markus Imhoof Drehbuch: Markus Imhoof unter Mitarbeit von Martin Wiebel nach der
gleichnamigen Romanvorlage von Bernward Vesper Kamera: Hans Wiechti Musik: Franco
Ambrosetti Darsteller: Markus Boysen, Corinna Kirchhoff, Claude Oliver Rudolph, Alexander
Mehner, Gero Preen, Christa Berndl, Will Quadflieg Produktion: BRD 1986 Länge: 105 min
erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie: kommerzielle Ausleihe
Dieser frei auf dem gleichnamigen und autobiographischen Roman von Bernward Vesper
basierende Film zeichnet die Biographie eines im Untergrund lebenden Terroristen nach, der
dieses Milieu zusammen mit seinem Sohn verlässt. Dabei wird dessen Werdegang und Weg in
den Untergrund in Rückblenden von der Kindheit bis in die Gegenwart erzählt, wobei der eher
konventionell gehaltene Film von den verschiedenen Zeitebenen in Schachtelmontage mehrmals
vor- und zurückspringt.
Auf der zeitlichen Narrationsebene der Gegenwart befindet sich der männliche Protagonist
zusammen mit seinem sechsjährigen Sohn auf dem fluchtartigen Rückweg nach Deutschland.
Zuvor hat er den Sohn aus einem Guerilla-Lager in Italien entführt (in dem sich die Mutter mit
dem Kind aufhielt), um ihn nicht im terroristischen Milieu aufwachsen zu lassen. Im Lauf des
Films werden auf einer zweiten Narrationsebene seine Kindheit und die Politisierung in den
1960er-Jahren dargestellt. Neben eher allgemein gehaltenen Schilderungen der Protestbewegung
sowie des linksradikalen Milieus und dessen Entstehung werden die individuellen Beziehungen
der Hauptfiguren nachgezeichnet. Die Darstellung der Kindheit am Ende und nach dem Ersten
Weltkrieg und der familiären Beziehungen in den 1960er-Jahren soll ebenfalls den späteren Weg
der Hauptfigur in die Rebellion erklären: Diese stammt aus einem autoritären Elternhaus, in dem
Zucht und gewaltsame Disziplinierung auf der Tagesordnung stehen. Der Vater ist ein auch
nach 1945 der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie und antidemokratischen
Ressentiments anhängender NS-Dichter; das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wird
dementsprechend als konfliktreich dargestellt. Somit gleicht die Motivierung des politischen
Werdegangs der Hauptfigur durch den Konflikt mit der NS-Vergangenheit der Elterngeneration
der Darstellung in anderen Filmen, insbesondere in Die bleierne Zeit (1981), und kann als fast
prototypisch der ganzen Protestgeneration zugeschriebene Prägung bezeichnet werden. Daraus
ergeben sich, auf individuelle Lebensgeschichten beispielhaft heruntergebrochen, moralische
Schuldfragen und Forderungen – im Film kommt mehrmals der Vietnam-Krieg zur Sprache –,
die schließlich im blinden und destruktiven Aktionismus des Terrorismus enden.
Bernward Vesper war der Sohn des NS-Dichters Will Vesper und darüber hinaus der
Lebensgefährte von Gudrun Ensslin, bevor diese ihn verlassen hatte, um zusammen mit Andreas
Baader in den Untergrund zu gehen (die beiden hatten ebenfalls einen gemeinsamen Sohn).
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0091839/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/49/Uebersicht,,,,,,,,99A1B987DD464B57BB7CD12C0392B506,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
1987
Komplizinnen
(Drama)
Regie: Margit Czenki Drehbuch: Margit Czenki Kamera: Hille Sagel Musik: Franz Hummel
Darsteller: Pola Kinski, Therese Affolter, Marianne Rosenberg, Gerlinde Eger, Eva Ebner, Ilse
Pagé, Petra Rennert Produktion: BRD 1987 Länge: 111 min erhältliche Fassung:
Filmkopie: kommerzielle Ausleihe
Frauen betätigen sich in der Männerdomäne des Banküberfalls – dies ist weder ein Novum der
Filmgeschichte noch der Geschichte des bundesdeutschen Linksterrorismus. Der Regisseurin
Margit Czenki geht es aber gerade um das Frausein. Barbara ist wegen Bankraubs zu sieben
Jahren Haft verurteilt worden; im Gefängnis versucht sie, erst allein und dann zusammen mit den
anderen inhaftierten Frauen, das Beste aus dem Haftaufenthalt zu machen, sich gegen Befehle
und Verbote zu behaupten, zu „widerstehen“ und zu leben.
Der Film versucht in seiner Machart nicht die Konventionen des Popcorn-Kinos zu bedienen,
sondern will vielmehr radikales, provokantes und künstlerisch hochwertiges Autorenkino sein.
Auch auf der narrativen Ebene will Komplizinnen Regelverstöße vornehmen; der Film nimmt eine
dezidiert feministische und systemkritische Perspektive ein, problematisiert dabei
Haftbedingungen und versucht, Alltagskonstellationen und Erfahrungen des (weiblichen)
Haftaufenthalts darzustellen. Diese Perspektive kommt nicht von ungefähr: So wurde im Jahr
2000 verschiedentlich berichtet, die auch als Künstlerin aktive Regisseurin sei in Zürich verhaftet
und kurz darauf ausgewiesen worden, da die Schweizer Behörden ein 1975 verhängtes
Einreiseverbot ohne Wissen Czenkis um fünf Jahre verlängert hätten. 1971 war Czenki bei einer
„Aktion der Stadtguerilla München“ an einem Banküberfall beteiligt gewesen. Kurz darauf wurde
sie gefasst – mit Hilfe der Sendung „Aktenzeichen XY“ – und noch in demselben Jahr verurteilt;
1976 wurde sie aus der Haft entlassen.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0093365/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/33/Uebersicht,,,,,,,,3E859A23FF2D41B2B3A32E7D6ED3038D,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
1991
C’est la vie
(Drama, Melodram)
Regie: Daniel Cohn-Bendit, Peter F. Steinbach Drehbuch: Willi Bär, Daniel Cohn-Bendit
Darsteller: Matthias Beltz, Christine Brandt, Konstantin Graudus, Ulrike Kriener, Jean-Pierre
Léaud Produktion: D 1991 erhältliche Fassung: –
Dieser von Daniel Cohn-Bendit und Peter Steinbach gedrehte und weitgehend unbekannt
gebliebene Film ist eine Art Erinnerung der Macher an die „wilden“ 1960er-Jahre. Cohn-Bendit
selbst, heute Abgeordneter der Grünen im Europäischen Parlament, war maßgeblich in die
Protestbewegung Ende der 1960er-Jahre sowie in die Protest- und Hausbesetzerszene in
Frankfurt Anfang der 1970er-Jahre involviert und ist in medialen Diskursen wie
Dokumentationen bezüglich der Themenbereiche Protestbewegung und Linksradikalismus
präsent. In C’est la vie spielt er selbst eine Nebenrolle als erfolgloser Kleinkrimineller.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0101527/
1992
Die Terroristen!
(Politgroteske, Satire)
Regie: Philip Gröning Drehbuch: Philip Gröning, Michael Busch, Ralf Zöller Kamera:
Anthony Dod Mantle, Max Jonathan Silberstein Musik: Alexander Hacke, Michael Busch
Darsteller: Stephanie Philipp, Michael Schech, David Baalcke, Gerhard Fries, Peter Cieslinski,
Volker Sallwey, Lothar Rehfeld Produktion: D 1992 Länge: 93 min erhältliche Fassung:
VHS, Filmkopie: kommerzielle Ausleihe
Diese Politgroteske führt das Phänomen des bundesdeutschen Terrorismus ad absurdum: Drei
Kleinbürger versuchen vergeblich, Bundeskanzler Helmut Kohl mittels einer Bombe in einem
Spielzeugauto umzubringen. Der Film setzt kurz nach dem Mauerfall ein und thematisiert damit
vor allem auch die Wiedervereinigung, Konsumrausch, Entindividualisierung und Wertelosigkeit.
Drei junge Leute gehen vor allem sich selbst auf die Nerven und versuchen, der eigenen inneren
Lähmung, Emotionslosigkeit und Orientierungslosigkeit zu entkommen. In einer Büroetage
hecken sie den Plan aus, „den Dicken“ mittels eines präparierten Spielzeugautos in die Luft zu
sprengen; politische Motivationen spielen dabei kaum eine Rolle. Der Plan misslingt, und statt
Kohl stirbt durch Zufall ein anderer. Die Bekennerbriefe passen zwar nach wie vor zum nun
durchgeführten Anschlag, doch die drei Hauptfiguren verlieren sehr schnell die Lust am
Terrorismus, teilen das erbeutete Geld und zerstreuen sich in verschiedene Himmelsrichtungen
des bundesrepublikanischen Alltags. Die Beute muss zur Finanzierung von HiFi-Artikeln und
Urlaubsreisen herhalten.
Der Film sorgte nicht nur unter Filmkritikern für Aufsehen: Da die drei Hauptprotagonisten des
Films einen Attentatversuch auf Bundeskanzler Kohl planen und durchführen, versuchte dieser –
allerdings vergeblich – die Ausstrahlung des Films im SWR beim Sender selbst wie in einem
offenen Brief zu verhindern. Auch von seiner Machart her ist der Film alles andere als gefällig: Er
wirkt respektlos, knallig-bunt, ironisch-frech, und statt Popcornkino-Kranfahrten gibt es mit
Hand- und Videokamera gefilmte Sequenzen. So weist bereits die Filmästhetik darauf hin, was
dann während der Diskussion um die Ausstrahlung des Films auch von einigen Kritikern
nochmals betont wurde: Hier findet eine Vermischung von Realität und Fiktion im Film wie in
den Köpfen der Hauptfiguren statt – hier gehen Video- und Filmwelt, Fernsehbilder und „reale“
Welt ineinander über. Dabei ist Dargestelltes nicht mit Darstellung zu verwechseln. Und so endet
der Film auch nicht zufällig mit der Einsicht der Hauptfiguren, dass ihre terroristischen Pläne
und Aktivitäten vor allem eines waren – wirr. Dabei verhält sich Terroristen! dem tatsächlichen
Phänomen des bundesdeutschen Linksterrorismus gegenüber weitgehend ignorant und kann
vielleicht am ehesten als Videoclip-ähnliche Karikatur bezeichnet werden – auch der
gesellschaftlichen Zustände und Befindlichkeiten Anfang der 1990er-Jahre.
So können durchaus Analogien zu R.W. Fassbinders Die dritte Generation (1978/79) gezogen
werden. Hierzu schreibt Conny E. Voester (epd Film, 5/1993):
„Auch, was sich seit 1979 verändert hat: blinder Aktionismus der Protagonisten hier wie
da, doch während Fassbinder die Akteure als Marionetten und Opfer einer Verschwörung
interpretiert, die am Ausbau des Machtapparats und dem Abbau demokratischer
Strukturen arbeitet, laufen Grönings ‚Terroristen’ absolut isoliert und entindividualisiert,
nicht einmal mehr außengeleitet, Amok.“
Bei den Internationalen Filmfestspielen von Locarno gewann der Film 1992 den Bronzenen
Leoparden.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0108315/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/40/Uebersicht,,,,,,,,1C19856314A4464397299F30ACDA68BE,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
1993
Vater, Mutter, Mörderkind
(Drama, Fernsehfilm)
Regie: Heiner Carow Drehbuch: Ulrich Plenzdorf Kamera: Martin Schlesinger, Frank
Büschner Musik: Stefan Carow Darsteller: Sebastian Reznicek, Franziska Troegner, Klaus J.
Behrendt, Werner Eichhorn, Alexander Radszun, Nico Wohllebe, Davia Dannenberg
Produktion: D 1992/93 Länge: 95 min erhältliche Fassung: Fernsehmitschnitt
Der Film setzt 1990 ein, kurz nach dem Fall der Mauer: Karl lebt in Schwedt zusammen mit
seiner Mutter und dem angeheirateten Stiefvater Julius, zu dem er ein gutes Verhältnis hat. Kurz
darauf wird Julius als in der Bundesrepublik gesuchter und in der DDR mit falscher Identität und
mit Hilfe der Stasi untergetauchter Ex-Terrorist verhaftet – für Karl und seine Mutter bricht eine
Welt zusammen. Während sie die Distanz sucht, beginnt Karl, der linke und sozialistische Ideale
verinnerlicht hat, sich für die Sache seines Vaters zu begeistern und versucht schließlich am Ende
des Films, diesen mit Hilfe der Schusswaffe des Gefängniswärters während eines Besuchs zu
befreien. Er wird von beiden zur Vernunft gebracht; in der Schlusssequenz fährt Karl mit einem
Auto davon und wirft dabei sein rotes Halstuch weg.
Vater, Mutter, Mörderkind ist weniger ein Film über den bundesdeutschen Terrorismus als vielmehr
ein Film über Wende, Wiedervereinigung, Vorurteile und eine verkehrte Welt der Übergänge wie
Gleichzeitigkeiten, in der verschiedenen Ideologien und Gesellschaftsformen aufeinanderprallen.
Auch gerät er zu einem melancholischen Abschied von linken Ideen und Idealen (symbolisiert
durch das in der Schlusssequenz weggeworfene rote Tuch). Dieser Abschied ist jedoch erst im
Ansatz vorhanden; viele Denk- und Deutungsmuster aus DDR- und DEFA-Zeiten bleiben
präsent. So wird der westdeutsche Anwalt als Trottel dargestellt, Karl verkörpert einen
unschuldigen Glauben an den Sozialismus und will weiter Russisch lernen, und der Gefängnis-
Wachmann, der bei Kriegsende für die Waffen-SS gekämpft hat, vermittelt Karl in der Tradition
des Antifaschismus die Lehren des Zweiten Weltkriegs. Karl selbst erliegt während des Films
zwischenzeitlich den Mitteln von Gewalt und Waffen – er übt sich zusammen mit einem anderen
Jungen auf einem verlassenen Militärgelände in Schießen, Partisanenspielen und ähnlichem. Am
Ende wird dieser Lösung jedoch eine klare Absage erteilt.
Die Figur des Terroristen Julius ist fiktiv, orientiert sich jedoch an Biographien von in der DDR
untergetauchten RAF-Terroristen. Der Stoff wurde auch als Theaterstück verarbeitet und 1994 in
Buchfassung veröffentlicht.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0108475/
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/c_einzeln/carow_heiner/vater_mutter_moerderkind.htm
Der Film und Ulrich Plenzdorf im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/e8/Credits,,,,,,,,09574F431D5B473C8518192A180289E3credits,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
http://www.filmportal.de/df/ff/Uebersicht,,,,,,,,884CC1006E754D92970C54E74871AACC,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Ulrich Plenzdorf auf der Website der DEFA-Stiftung:
http://www.defa-stiftung.de/index.html?http://www.defastiftung.de/05.veroeffentlichungen/biografien/ines_walk/veroeff_biogr_Plenzdorf.html
1994
Rotwang muss weg!
(Komödie, Satire)
Regie: Hans-Christoph Blumenberg Drehbuch: Hans-Christoph Blumenberg Kamera: Klaus
Peter Weber Musik: Gast Waltzing Darsteller: Udo Kier, Sybil Norvak, Heikko Deutschmann,
Beate Finckh, Klaus Bueb, Stephie Kindermann, Patricia Thielemann, Barbara Rudnik, Horst
Tomayer, Issey Miyake Produktion: D 1994 Länge: 82 min erhältliche Fassung: VHS
Schon mit der dem Film folgenden Widmung an Reinhold Schünzel (1888–1954), einen
Regisseur der Weimarer Republik, der bis heute als einer der wenigen deutschen Meister der
Filmkomödie gilt und der während des „Dritten Reiches“ ins Exil ging, macht Regisseur Hans22
Christoph Blumenberg deutlich, worauf es ihm ankommt: Filmemachen soll Spaß machen, und
viele Dinge werden in diesem Leben doch nur unnötig ernst genommen, seien es nun Bratwürste
oder der bundesdeutsche Terrorismus. Das Ergebnis als Komödie zu bezeichnen trifft die Sache
damit doch nicht ganz. Vielmehr gibt sich diese nicht selten in den trash abgleitende Low-
Budget-Produktion sarkastisch-ironisch bis skurril und bitterböse.
In der Handlung, die verschachtelt und in lose verknüpften Rückblenden aus verschiedenen
Perspektiven erzählt wird, finden sich des Öfteren Anklänge an klassische
Verwechslungskomödien der Filmgeschichte: Im Laufe des Film verfolgen unterschiedlichste
Menschen und Gruppierungen aus ebenso unterschiedlichen Motiven das Ziel, den
schwerreichen und untreuen Rotwang zu beseitigen. Die Verstrickung mit dem terroristischen
Milieu und Diskurs findet dabei eher beiläufig statt – so beschließt die Ehefrau, die geplante
Beseitigung ihres Gatten als terroristischen Anschlag zu tarnen. Zudem trachten ihm zwei Ex-
Terroristen nach dem Leben, ein vormals in der Führungsriege des BKA agierender
Imbissbudenbesitzer und ein ehemaliger Stasi-Funktionär. Rotwang selbst tritt dabei gar nicht in
Erscheinung (er wird in den ersten Sekunden des Films erschossen). Stattdessen kommt es zu
vielfachen und sich zuspitzenden Verwirrungen und Verwechslungen. Auf die Schippe
genommen wird dabei insbesondere die Gefahr durch in der Bundesrepublik agierende
Terroristen. Aber auch Boris Becker, das Telefonsex-Business und Jurassic Park werden bemüht
und der Lächerlichkeit preisgegeben.
Darüber hinaus ist Rotwang muss weg durch und durch das, was man gern als einen postmodernen
Film bezeichnet – befrachtet mit Intertextualität und Selbstreferentialität, der Thematisierung der
eigenen Inszenierung, direktem Adressieren des Zuschauers und einem permanenten Reflektieren
des eigenen „Filmemachens“. Alles ist erlaubt, eine Aneinanderreihung von nonsense ist
mindestens so gut wie eine sinnstiftende Gesamthandlung – diese Haltung ist ebenfalls im
Kontext einer gefühlten Krise des bundesdeutschen Films Ende der 1980er- und Anfang der
1990er-Jahre zu verorten. Alles in allem hat im Film bislang keine respektlosere, beiläufigere und
satirischere Thematisierung des bundesrepublikanischen Terrorismus stattgefunden.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0111022/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/19/Credits,,,,,,,,2337F48E426F40C78FDB5E8CF4813993credits,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/bi_bu_einzeln/blumenberg/rotwang_muss_weg.htm
1997
Raus aus der Haut
(Komödie, Liebesfilm, Fernsehfilm)
Regie: Andreas Dresen Drehbuch: Thorsten Schulz, Andreas Dresen Kamera: Andreas Höfer
Musik: Jürgen Ehle & Kulle Dziuk von „Pankow“ Darsteller: Susanne Bormann, Fabian
Busch, Otto Mellies, Christel Peters, Matthias Walter Produktion: D 1997 Länge: 90 min
erhältliche Fassung: DVD (nichtgewerbliche Vorführung, erhältlich beim IKF – Institut für
Kino und Filmkultur), Fernsehmitschnitt
DDR 1977: Vor dem Hintergrund der Schleyer-Entführung und von dieser inspiriert beschließen
die Schülerin Anna und der unglücklich in sie verliebte Marcus, die bei ihrem linientreuen
Direktor Rottmann durch eine ungünstige Verkettung von Ereignissen in Ungnade gefallen sind,
diesen nach dem Vorbild der RAF zu entführen. Da er ihnen die erwünschte
Studienplatzbewerbung nicht gestatten will, gilt es nun, ihn für die Zeit der über die Bewerbung
entscheidenden Lehrerkonferenz aus dem Weg zu schaffen.
Der Film ist vor allem eine durch Zufälle, Verwechslungen und Tragikomödie funktionierende
Liebesgeschichte vor politischem Hintergrund – mit absurden Momenten, für die die RAF und
die Schleyer-Entführung als eine Art Aufhänger fungieren. So geht es vor allem auch um die
Doppelbödigkeit des DDR-Systems und des Realsozialismus, dem schließlich sogar Rottmann
zum Opfer fällt. Das RAF-Bild bleibt dabei harmlos, wird nicht weiter thematisiert und gehört
wie die Rockmusik von den Rolling Stones oder Renft (die mit einem ihrer das System der DDR
zwischen den Zeilen kritisierenden Songtitel den Titel zum Film liefern) zu den Versatzstücken
einer coolen, rebellierenden Jugendkultur. 1998 wurde der Film mit dem „Lukas“-Preis der Jury
Jugendfilm des Internationalen Kinder- und Jugendfilmfestivals in Frankfurt ausgezeichnet.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0127750/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Raus_aus_der_Haut
Der Film im Filmportal:
hhttp://www.filmportal.de/df/63/Uebersicht,,,,,,,,A66482B45D184869B22AEBBAFE729780,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Andreas Dresen auf der Website der DEFA-Stiftung:
http://www.defa-stiftung.de/index.html?http://www.defastiftung.de/05.veroeffentlichungen/biografien/ines_walk/veroeff_biogr_Dresen.html
1999
Die Stille nach dem Schuss
(Drama)
Regie: Volker Schlöndorff Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase in Zusammenarbeit mit Volker
Schlöndorff nach der Biographie von Inge Viett Kamera: Andreas Höfer Musik: verschiedene
Darsteller: Bibiana Beglau, Martin Wüttke, Nadja Uhl, Harald Schrott, Alexander Beyer, Jenny
Schily, Mario Irrek Produktion: D 2000 Länge: 98 min erhältliche Fassung: DVD,
Filmkopie: kommerzielle und nichtkommerzielle Ausleihe
Mit der Literaturverfilmung Die Stille nach dem Schuss nach der Biographie der ehemaligen RAFTerroristin
Inge Viett (im Film Rita Vogt) mit dem Titel Nie war ich furchtloser legte der Regisseur
Volker Schlöndorff einen überraschend konventionellen und gefälligen Spielfilm vor, in den
einzelne Zeitdokumente eingewoben wurden.
Die Hauptfigur Rita Vogt kommt wie von selbst zum Terrorismus – sie ist sozusagen nach und
nach über Zufälle und Verliebtsein „hineingeschliddert“ – und ist den Großteil des Films damit
beschäftigt, in der DDR ihrer Vergangenheit zu entfliehen und sich eine neue Existenz, Identität
und menschliche Bindungen aufzubauen. Auch wenn sie sich bald von ihren terroristischen
Weggefährten zu distanzieren versucht, werden die eigentlichen Werte und Ziele im Sinne einer
sozialistischen Zukunftsutopie weder von der Figur noch aus der Erzählperspektive des Films
verlassen oder in Frage gestellt, was oft als naiv kritisiert wurde.
In der Anfangssequenz wird der Zuschauer direkt in das im terroristischen Milieu angesiedelte
Geschehen hineinkatapultiert – es findet ein happeningartiger Banküberfall statt, nicht ohne
romantische Klischees vom Verteilen von Mohrenköpfen an die Überfallenen und vom
fliehenden, verliebten Terroristen-Pärchen zu bemühen. Auch sonstige Versuche, Zeitgeist und
Mentalität einzufangen, bleiben in Klischees vom Rebellentum stecken. Als dann die ersten
Schüsse fallen und es Tote gibt, wird es plötzlich unerwartet ernst. Nach einer Flucht in die DDR
nimmt Rita das Angebot an, dort unter falscher Identität unterzutauchen, und ist seitdem
bemüht, ein normales Leben im realexistierenden Sozialismus zu führen, wobei sie ihren
Mitbürgern vor allem durch ihre positive Einstellung zu demselben auffällt. Immer wieder wird
sie jedoch von ihrer Vergangenheit eingeholt, nicht zuletzt nach dem Fall der Mauer - sie wird
schließlich beim Grenzübertritt von der Polizei erschossen.
Ein netter, aber undifferenzierter, klischeebehafteter und romantischer Film, der allzu viel
Empathie und Sympathie mit der allzu lebensfrohen Hauptfigur zulässt. Es bleibt der schale
Nachgeschmack, dass es die Verantwortlichen in der DDR eigentlich nur gut gemeint hätten und
die Ex-Terroristin eigentlich die bessere DDR-Bürgerin gewesen sei – da trifft es der englische
Titel, The Legend of Rita, doch um einiges besser. So sind dem Film nicht zuletzt die Wurzeln
seiner beiden Macher im DEFA-Film und im Neuen deutschen Film anzumerken. Inge Viett selbst –
erst seit der Auflösung der „Bewegung 2. Juni“ 1980 Mitglied der RAF (eine der so genannten
„RAF-Einsteiger“) – ist nach ihrer Entdeckung 1992 zu 13 Jahren Haft verurteilt worden und
hat ihre Mitarbeit an dem Film verweigert. Auf der Berlinale 2000 erhielt der Film den Silbernen
Bären für die Beste Darstellerin (sowohl für Bibiana Beglau als auch für Nadja Uhl) sowie den
Blauen Engel (Bester Europäischer Film).
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0234805/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Stille_nach_dem_Schuss
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/c2/Uebersicht,,,,,,,,8E42E0507A7B408F98F92CF036061995,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Filmkritik von Georg Seeßlen:
http://www.filmzentrale.com/rezis/stillenachdemschussgs.htm
Filmkritik von Dirk Schneider:
http://www.filmtext.com/start.jsp?mode=2&lett=S&archiv=128#
Filmkritik von Dietrich Kuhlbrodt:
http://www.filmzentrale.com/rezis/stillenachdemschussschnitt.htm
2000
Die Innere Sicherheit
(Drama)
Regie: Christian Petzold Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki Kamera: Hans Fromm
Musik: Stefan Will Darsteller: Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Bilge Bingul,
Günther Maria Halmer, Bernd Tauber, Katharina Schüttler Produktion: D 2000 Länge: 106
min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie: kommerzielle Ausleihe
Das viel gelobte Regiedebüt von Christian Petzold stellt eine besondere Form der
Thematisierung des bundesdeutschen Linksterrorismus dar. Darüber hinaus handelt es sich
hierbei um eine weitgehend indifferente und implizite Thematisierung – das Phänomen
Terrorismus kann ein zentraler Themenkomplex bei der Lesart des Films sein, muss es aber
nicht, sondern kann ebenso als Hintergrundfolie fungieren.
Darüber hinaus fällt auf, dass Die Innere Sicherheit nicht im zeithistorischen Kontext angesiedelt ist
oder im Lauf des Films darauf zurückgreift. Stattdessen spielt der Film ausschließlich in der
Gegenwart der Jahrtausendwende und nimmt sich der seltenen Perspektive einer Figur der
„Nach-RAF“-Generation an, ohne die Fiktion mit historischen Begebenheiten abzugleichen. Die
aktiven Zeiten des Linksterrorismus sind seltsam fern, und die Handlungen der immer noch im
Untergrund Lebenden wirken relikthaft, zeitenthoben und fast schon deplatziert, politische
Diskurse finden nicht statt – Terroristen als Kleinfamilie.
Jeanne ist 15 und lebt mit ihren Eltern, ehemaligen Terroristen, die im Untergrund geblieben sind
(die Bezeichnungen RAF oder Terrorismus fallen in diesem Zusammenhang nicht), auf ständiger
Flucht. Sie hat nie ein normales Leben mit Freunden und Schule kennengelernt; der Alltag wird
bestimmt von Misstrauen, Anspannung und der Angst, entdeckt zu werden. Als Jeanne, die
spürbar in der Pubertät angelangt ist, im Fluchtland Portugal einen Jungen (Heinrich)
kennenlernt, sich verliebt und zu ihm auch nach der Rückkehr nach Deutschland wiederholt
Kontakt aufnimmt, können die Eltern, selbst in einer prekären Situation, sie immer weniger
kontrollieren. Jeanne will ihren Eltern gegenüber loyal bleiben, ist aber immer stärker hin- und
hergerissen und sehnt sich nach einem normalen Teenagerleben. Währenddessen versuchen die
Eltern, in Deutschland alte Kontakte zu reaktivieren, und planen aus der finanziellen Not heraus
einen Banküberfall. In der Nacht vor ihrer geplanten Flucht nach Brasilien sucht Jeanne ein
letztes Mal Heinrich auf und verrät ihm schließlich ihre Identität, woraufhin er die Polizei
verständigt. Als diese die Familie stellt, kommt es zu einem Unfall, den wahrscheinlich nur Jeanne
überlebt.
Die indirekte Thematisierung des Linksterrorismus ist ebenfalls im Titel des Films fortgeführt. So
lassen sich Assoziationen in Bezug auf die innere Sicherheit des/eines Staates herstellen; zentraler
erscheinen jedoch psychologisierende Bedeutungsebenen in Bezug auf die innere Verfassung und
Befindlichkeit eines Menschen, hier der im Untergrund lebenden und sich in der Pubertät
befindenden Jeanne. Darüber hinaus ist anzumerken, dass die Figuren der Eltern weitgehend
flach und blass bleiben. Über ihre innere Befindlichkeit oder Entwicklung erfährt der Zuschauer
so gut wie nichts; im Zentrum steht die Tochter Jeanne, durch deren Perspektive der Zuschauer
das Geschehen wahrnimmt. Zwar schwingen Fragen nach der Verantwortlichkeit der
terroristischen Eltern dem Kind gegenüber mit, werden aber nicht weiter ausgeführt. So kann der
Film als Problematisierung der Spätfolgen des bundesdeutschen Terrorismus, vor allem aber als
Psychostudie der in diesen schwierigen Konstellationen mit einer Doppelidentität
heranwachsenden Jeanne und einer Kleinfamilie in der Isolation funktionieren; eine filmische
Analyse des terroristischen Milieus ist er kaum. Auch eine intertextuelle Referenz verweist auf
den Umgang des Films mit dem Linksterrorismus und seinen Stellenwert im Film: Jeanne gerät
durch Zufall in eine Vorführung von Alain Resnais’ Nuit et brouillard (1955) vor einer Schulklasse,
eine Szenerie, die ebenfalls in Margarethe von Trottas Die bleierne Zeit (1981, vgl. dort) zu finden
ist. Während dies für die Hauptfiguren von Trottas zum Schockerlebnis wird und der Topos der
beschwiegenen und „unbewältigten Vergangenheit“ maßgeblich ihre politischen Einstellungen
wie Handlungen motiviert, ruft diese Thematisierung des Umgangs mit der NS-Vergangenheit
bei Jeanne keinerlei Reaktion hervor.
Filmästhetisch ist Die Innere Sicherheit auffallend kühl, ruhig, farblos und distanziert gehalten, so
besonders die Bildkompositionen und die mise-en-scène. Dadurch wirkt der Film bisweilen fast
emotionslos und stellt eine Stimmung der Beklemmung und potentiellen Bedrohung wie der
fehlenden Beständigkeit, Normalität und Geborgenheit auch auf dieser Ebene her.
Aufgrund der ähnlichen Thematik von Terroristen auf der Suche nach Normalität, aber auch
aufgrund der zeitlich eng beieinander liegenden Produktion der Filme wurde Die Innere Sicherheit
mitunter mit Schlöndorffs durchgehend anders ausfallendem Die Stille nach dem Schuss verglichen
(1999, vgl. dort). Co-Drehbuchautor Harun Farocki war während des Studiums an der DFFB mit
Holger Meins befreundet gewesen und hatte ebenfalls agitatorische Kurzfilme gedreht. Die Innere
Sicherheit gewann 2001 unter anderem den Deutschen Filmpreis in Gold für den besten Film und
die beste Regie.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0248103/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_innere_Sicherheit
Der Film im Filmportal:
hhttp://www.filmportal.de/df/91/Uebersicht,,,,,,,,BB9DF765486D4827BC0DD2E93D69C20A,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Filmkritik von Barbara Schweizerhof:
http://www.filmzentrale.com/rezis/inneresicherheitbs.htm
Filmkritik von Dirk Schneider:
http://www.filmtext.com/start.jsp?mode=2&lett=I&archiv=452
Film des Monats 2/2001, Jury der Evangelischen Filmarbeit (Begründung):
http://www.gep.de/filmdesmonats/archiv_336_3435.php
Das Phantom
(Politthriller, TV-Spielfilm)
Regie: Dennis Gansel Drehbuch: Dennis Gansel, Maggie Peren; nach dem Buch „Das RAFPhantom“
von Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker Kamera: Axel
Sand Musik: Rainer Kühn Darsteller: Jürgen Vogel, Nadeshda Brennicke, Mathias Herrmann,
Hilmi Sözer, Christoph Hagen Dittmann, Dietrich Hollinderbäumer, Lukas Miko, Herman
Treusch, Ulrich Pleitgen, Peter Bongartz Produktion: D 2000 Länge: 93 min erhältliche
Fassung: DVD
Das durch den Fernsehsender Pro7 finanzierte Filmdebüt des Regisseurs Dennis Gansel verfolgt
vor allem die Intention, dem unwissenden Zuschauer deutsche Zeitgeschichte auf packende Art
und Weise näherzubringen. So ist der Film vor allem ein unterhaltsamer Politthriller mit Krimiund
Action-Elementen.
Die Hauptfigur, der Polizist Leo Kramer, wird dabei genauso unwissend in die Geschehnisse
hineinkatapultiert wie der Zuschauer: Er wird bei einer Routineobservation Zeuge eines Mordes
an zwei unbekannten Personen. Auch sein Kollege und Freund Pit wird erschossen. Da er dabei
seine Dienstpflichten versäumt hat, gerät er selbst bei seinen Vorgesetzten unter Verdacht. Als
daraufhin in die ihm aus Sicherheitsgründen zugeteilte konspirative Wohnung eingebrochen und
dabei seine Dienstwaffe entwendet wird, ist klar, dass es sich bei der Angelegenheit nicht um
einen klassischen Mordfall handelt. Die Ereignisse überstürzen sich, und spätestens nachdem
auch sein Chef mithilfe von Kramers Dienstwaffe erschossen wird, wird Kramer zum Gejagten
beider Seiten. Gleichzeitig versucht er, das verschwundene Observationstonband aufzutreiben
und die Hintergründe des Komplotts aufzudecken. Parallel dazu zeigt ein weiterer
Handlungsstrang die Aktivitäten der Polizei, die anfangs noch nach Kramer fahnden, sich im
Lauf der Ermittlungen jedoch ebenfalls mit den weiterreichenden Dimensionen des Falls
konfrontiert sehen.
Ausgangspunkte sind das bis heute nicht völlig aufgeklärte Attentat auf den
Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank Alfred Herrhausen 1989 sowie die ebenfalls teilweise
ungeklärten Geschehnisse 1993 in Bad Kleinen, als der RAF-Angehörige der so genannten
dritten Generation Wolfgang Grams und ein GSG9-Beamter ihren Verletzungen durch einen
Schusswechsel erlagen. Hierbei waren die Ermittlungsbehörden durch die Hinweise eines VMannes
auf die Spur von Wolfgang Grams und Brigitte Hogefeld gekommen. Hiervon
ausgehend konstruiert der Film auf der Grundlage des Buches „Das RAF-Phantom“ von
Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker (1992 veröffentlicht) ein
Verschwörungsszenario. Mit dem „Phantom“ ist damit die dritte Generation der RAF mit ihren
weitgehend im Dunkeln liegenden Aktivitäten gemeint; der Film spekuliert, ob es diese denn
überhaupt gegeben habe oder nicht andere Kräfte hier ihre Finger im Spiel gehabt hätten. Die
These von der Kriminalisierung der linksradikalen Bewegung durch staatliche Kräfte zum Zweck
des staatlichen Macht- und Kontrollausbaus wie zur Beschneidung der Bürgerrechte und
Beseitigung unbequemer Personen wird hier fortgeführt (die im Buch vorhandene Verbindung
zum Verein „Atlantik-Brücke“ wird im Film außen vor gelassen): Es stellt sich heraus, dass einer
der Ermordeten ein ehemaliger Aktivist der linksradikalen Szene war, der, um einer Verurteilung
zu entkommen, von einer Anwaltskanzlei in Brüssel gekauft wurde und seitdem als „V-Mann“ in
der terroristischen Szene fungierte. Als dieser einem linken Anwalt mitteilt, dass die Ermordung
von Finanzminister Hausmann (das filmische Synonym für Alfred Herrhausen), getarnt als
terroristisches Attentat, von staatlicher Seite initiiert worden war, ist eine Verhinderung des
Aufdeckens dieser brisanten Umstände einigen Menschen durchaus ein paar Leben wert.
Der Film ist spannende Unterhaltung. Manches folgt jedoch zu sehr den Genre-Regeln und
Logiken eines tauglichen TV-Politthrillers – kein Dialog und kein Requisit, die sich nicht im Lauf
des Films in ein narratives großes Ganzes einfügen würden –, so dass Das Phantom bisweilen platt,
konstruiert und gefällig wirkt. Die Qualität als packender Unterhaltungs-Thriller kommt somit
weit vor der Qualität des Umgangs mit dem Thema des bundesdeutschen Linksterrorismus.
Darin sieht dieser Film aber auch nicht seine Aufgabe. Die oberflächlich recherchierte
Darstellung des RAF-Terrorismus, aber auch das plausibel dargestellte Verschwörungsszenario
haben mit der Komplexität der Thematik wenig gemeinsam. Auch ästhetisch merkt man dem
Film die Genre-Orientierung und seine Produktion für das Fernsehen an – Das Phantom stellt sich
als solide und konventionell dar. Der Film erhielt 2001 unter anderen den Adolf-Grimme-Preis in
den Kategorien Regie und Hauptdarsteller.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0136461/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Phantom_%282000%29
2002
Baader
(Spielfilm, Biopic)
Regie: Christopher Roth Drehbuch: Christopher Roth, Moritz von Uslar Kamera: Bella
Halben, Jutta Pohlmann Musik: verschiedene Darsteller: Frank Giering, Laura Tonke, Vadim
Glowna, Birge Schade, Bastian Trost, Jana Pallaske, Michael Sideris Produktion: D 2002
Länge: 110 min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie: kommerzielle Ausleihe
Baader eröffnet mit einer Montage von Zeitdokumenten den Kontext Studentenbewegung,
Demonstrationen, Vietnamkrieg und Ulrike Meinhof. Derartige dokumentarische Einspielungen
finden sich im Laufe des gesamten Films. Darüber hinaus ist diese Darstellung von Baaders
Leben und der ersten Generation der RAF bis 1972 eine bewusst fiktionale Inszenierung, die sich
im Verlauf des Films immer stärker in Richtung Fiktion entwickelt.
In Rückblenden werden die Ereignisse seit dem Jahr 1967 frei nachgezeichnet, beginnend mit
dem Besuch des persischen Schahs und der Erschießung Benno Ohnesorgs über die
Kaufhausanschläge 1968 und den anschließenden Prozess bis zur Verhaftung Baaders und Jan-
Carl Raspes im Jahr 1972. Der Fokus liegt auf der Figur Baaders und dessen Beziehung zu
Gudrun Ensslin sowie den Beziehungen innerhalb der Kerngruppe der RAF. Baader wird hier als
unberechenbare, charismatische Führergestalt mit einem ausgeprägten Machismus und
narzisstischen Geltungsbedürfnis dargestellt, die keine Meinung neben der eigenen gelten lässt.
Dieser Frauenheld ist fast schon eine bewunderte Pop-Ikone der Mädels und Outlaws mit klaren
Präferenzen bezüglich der zu klauenden Autos und der zu konsumierenden Drogen – und will
genau das auch sein. Fehlendes Wissen kompensiert er mit Arroganz, Selbstinszenierung und
kleinkrimineller Energie. Die Darstellung der staatlichen Seite bildet eine weitere
Narrationsebene. Hier fungiert der Chef des BKA (im Film der fiktive Kurt Krone, der jedoch
deutliche Parallelen zu Horst Herold aufweist) als Schlüsselfigur und Repräsentant des Staates,
der eifrig damit beschäftigt ist, den Fahndungsapparat auszubauen und technisch aufzurüsten. In
der Figurenkonstellation des Films werden Baader und Krone fast schon zu Gegenspielern – als
es aber während der Fahndungsjagd auf Baader zu einer fiktiven Begegnung der beiden auf einer
nächtlichen Landstraße kommt, erscheinen sie sich gar nicht so fremd und vielmehr direkt
aufeinander angewiesen. In der Schlusssequenz des Films findet sich der Betrachter schließlich in
einer völligen Fiktion wieder: Die Verhaftung Baaders und Raspes gerät zum Showdown. Dabei
stirbt Baader nach bewährter Hollywood-Dramaturgie und Bonnie & Clyde-Manier im Kugelhagel
der Polizei – Baader inszeniert sich selbst.
So funktioniert Baader als fiktionaler Film. Dass er genau dies auch sein will, hat Regisseur Roth
mehrmals betont: „Ein Dokudrama oder ein Dokumentarfilm ist es auf keinen Fall. Der Film
fiktionalisiert bewusst und endet ja auch mit einer relativ dreisten Lüge, um zu sagen: Das ist
Fiktion.“ Im Hinblick auf diese konterkarierende Intention sind Diskussionen um die spekulative
und verdrehende Darstellung der historischen Kontexte weitgehend irreführend. Gerade aus
dieser Fiktionalisierung heraus kann der Film auch Stärken entwickeln und auf die fließenden
Übergänge zwischen historischen „Realitäten“ und Fiktion aufmerksam machen;
Geschichtsunterricht leistet er hingegen nicht.
Die Montage der Dokumentaraufnahmen wie des insgesamt schnell gehaltenen Schnitts, der
Einsatz der Musik, die mise-en-scène, Kameraeinstellungen und Lichteinsatz – all dies trägt zu einer
filmischen Ästhetik bei, die ein Ineinanderaufgehen von Fiktion und Historie, von Gegenwart
und Vergangenheit befördert. Ähnlich gehen Versatzstücke verschiedener Genres von
Kriminalfilm über Actionkino und Thriller zu Drama und Biopic ineinander über. Daraus folgt
allerdings auch eine Art Charakterlosigkeit des Films. Kritisiert wurde (neben vielem anderen)
mitunter auch die Oberflächlichkeit des Films bezüglich der Baader-Figur – er werde weder als
historische Figur ernstgenommen noch als Mythos demontiert. Stattdessen verharre der Film bei
der Ästhetisierung und Mythologisierung eines coolen, rauchenden, wenn auch ambivalenten
Gangstertypen, reproduziere anekdotenhafte Klischees und enthalte sich jeder eindeutigen
Positionierung. Was Baader gerade damit deutlich demonstriert, ist eine Verabschiedung von
früheren moralischen und politischen Diskursen bezüglich des Themenkomplexes RAF.
Der Film erhielt bei den Internationalen Filmfestspielen von Berlin 2002 den Alfred-Bauer-Preis
für die Regie (Preis der Jury für neue Perspektiven der deutschen Filmkunst).
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0309320/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Baader_(Film)
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/97/Uebersicht,,,,,,,,055CAB5F23584405B5B7F1DD30A826B3,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Offizielle Homepage des Films:
http://www.baader-derfilm.de/
Filmkritik von Ulrich Kriest:
http://www.filmzentrale.com/rezis/baaderuk.htm
Filmkritik von Barbara Schweizerhof (Freitag):
http://www.freitag.de/2002/43/02431301.php
Filmkritik von Oliver Baumgarten (Schnitt):
http://www.schnitt.de/202,1161,1
Tatort: Schatten
(Krimi, Fernsehfilm)
Regie: Thorsten Näter Drehbuch: Thorsten Näter Redaktion: Annette Strelow Kamera:
Michael Faust Darsteller: Sabine Postel, Oliver Mommsen, Camilla Renschke, Peter Sattmann,
Dieter Pfaff, Matthias Koeberlin, Burghart Klaußner, Angela Roy Produktion: D 2002 Länge:
90 min erhältliche Fassung: –
Dieser von Radio Bremen produzierte und erstmals am 28. Juli 2002 ausgestrahlte „Tatort“ mit
Hauptkommissarin Inga Lürsen zeigt, dass der „Schatten“ der RAF und des bundesdeutschen
Linksterrorismus auch nicht vor einem Heiligtum der Deutschen haltmacht, den „Tatort“-
Kommissaren.
Der Journalist Dieter Blohm wird ermordet aufgefunden. Bald liegt der Verdacht nahe, dass
Blohm offenbar einer in den 1970er-Jahren aktiven linken Gruppe angehört und die anderen
Mitglieder dieser Clique nun mit seinem Wissen um deren Zugehörigkeit erpresst hatte. Diese
sind mittlerweile etablierte und erfolgreiche Bürger vom Verleger bis zum Rechtsanwalt. Ein
Mitglied ist mittlerweile sogar bei der Bremer Kripo tätig – Hauptkommissarin Inga Lürsen. Da
bei einem Anschlag der Gruppe im Zuge der Unruhen nach dem Selbstmord Ulrike Meinhofs in
Stuttgart-Stammheim 1976 auf die Auslieferungszentrale einer Bremen Zeitung ein Wachmann
getötet wurde, ist diese Vergangenheit für die Beteiligten ein durchaus heikles Kapitel, auch wenn
Sören Feldmann die Verantwortung für den Mord übernommen hatte und kurz darauf in den
Untergrund gegangen war. Kurz darauf wird besagter Ex-Terroristen Feldmann ausgerechnet
von Lürsen verhaftet, die jedoch bald selbst unter Verdacht und damit auch unter massiven
Druck gerät. Ihr Kollege, Kommissar Stedefreund ist hin- und hergerissen, ob er zu Lürsen
halten soll; sie selbst wird vom Dienst suspendiert und sucht auf eigene Faust nach dem Mörder
wie nach den Spuren der Vergangenheit, um herauszufinden, was damals wirklich geschehen war
– und um ihre Unschuld zu beweisen.
Die ungewöhnliche Thematisierung des durchaus brisanten Sachverhalts, dass nicht wenige der
heutigen Staatsdiener und einflussreichsten Bürger in den 1970er-Jahren aktiv wie passiv auf der
anderen Seite gestanden hatten, wurde bei der Ankündigung der „Tatort“-Folge hervorgehoben.
Darüber hinaus handelt es sich bei der Inszenierung von Thorsten Näter um einen komplex
geschriebenen, innerhalb des Krimi-Genres „Tatort“ souverän umgesetzten Stoff. Besonders das
Dilemma, in dem sich Hauptkommissarin Lürsen wiederfindet, bis hin zur Erklärungsnot
gegenüber der jüngeren Generation in Figur ihrer Tochter, wird glaubwürdig in Szene gesetzt.
Schatten wurde unter anderem 2003 für den Adolf-Grimme-Preis in den Kategorien
Fiktion/Unterhaltung nominiert.
Der Film in der IMDb:
http://us.imdb.com/title/tt0313683/
Nachweis des Films auf der ARD-Website:
http://www.daserste.de/tatort/sendung_dyn~actid,2613~cm.asp
Filmkritik von Wilfried Hippen (die tageszeitung):
http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2002/07/27/a0023
2003
The Raspberry Reich
(Komödie)
Regie: Bruce LaBruce Drehbuch: Bruce LaBruce Kamera: James Carman Musik:
verschiedene Darsteller: Susanne Sachsse, Daniel Bätscher, Andreas Rupprecht, Dean Monroe,
Anton Z. Risan, Daniel Fettig, Gerrit, Joeffrey Produktion: D 2003 Länge: 90 min erhältliche
Fassung: DVD
Um etwa einer Schulklasse das Phänomen RAF und Linksterrorismus nahezubringen, wäre dieser
Film denkbar ungeeignet. Hier geht es im Wesentlichen gar nicht mehr um die eigentliche RAF;
sie dient vielmehr als pop-ikonographische Hintergrundfolie zur Durchsetzung einer Art
„homosexuellen Intifada“ durch eine Gruppe von „Radical Chic“.
Auf der narrativen Ebene folgt in Berlin eine Gruppe junger Männer den revolutionären Plänen
von Gudrun E., die beschlossen hat, die sechste Generation der RAF ins Leben zu rufen und den
Kampf für die Revolution wieder aufzunehmen. Zentrales ideologisches Versatzstück der
Anhängerin Wilhelm Reichs ist dabei, dass die Befreiung des Menschen nur durch die
Abschaffung von Monogamie und Heterosexualität und stattdessen zügellosem heterosexuellem
wie homosexuellem Geschlechtsverkehr erreicht werden könne: Heterosexualität sei „Opium fürs
Volk“ und „There is no revolution without homosexual revolution“. So ist es ein Hauptziel
Gudruns, ihre Jungs zu sexuellen Aktivitäten untereinander zu bewegen. Abgesehen davon, dass
einer von ihnen ihr Freund ist, lautet ihr Credo: „The Revolution is my boyfriend!“ Die erste
Aktion dieser „schwulen Revolution“ soll die spektakuläre Entführung des Bankiers-Sohns
Patrick sein. Allerdings verläuft dieser Auftakt der Mission wenig vielversprechend – das Opfer
hat bereits zum Zeitpunkt der Entführung eine Affäre mit Clyde, einem der Genossen, und auch
die Lösegelderpressung stellt sich als problematisch heraus, da dem Vater des Opfers aufgrund
dessen homosexuellen Neigungen wenig daran liegt, den missratenen Sohn freizukaufen. So setzt
innerhalb der Gruppe bald ein Auflösungsprozess ein; Patrick und Clyde können fliehen und
beginnen Banken zu überfallen, während Gudrun in der Schlusssequenz einen Kinderwagen
schiebend und dem Neugeborenen ideologische Predigten haltend gezeigt wird.
Die oft satirische Handlung ist aber bei weitem nicht die aussagekräftigste Ebene von The
Raspberry Reich. Der Film bezieht seine provokante, oft überzeichnende Radikalität vor allem auch
durch seine Machart, die Kameraführung, die mise-en-scène und die Kombination von Musik und
pop-ikonographischen Elementen der linksradikalen Szene. Besonders die mitunter Musikclipartigen
Montagen, schnelle Schnitte, Mehrfachüberblendungen und durch das Bild laufende
Schriftzüge (meist mit ideologischen Statements) sind hier hervorzuheben. Vor allem aber tragen
dazu die einen Großteil der plot duration (Darstellungs- bzw. Filmzeit) einnehmenden explizit
pornographischen Sexszenen bei, die keine Variante der sexuellen Betätigung (bis zur
Masturbation mit der Waffe) auslassen. Hier kommen die Sozialisation des kanadischen
Regisseurs LaBruce in der pornographischen Filmszene der 1980er-Jahre und seine Schlüsselrolle
in der homosexuellen US-Filmbewegung des New Queer Cinema der 1990er-Jahre deutlich zum
Tragen. Die Permanenz der pornographischen Darstellungen macht diese somit zum eigentlichen
narrativen Element des Films; alles andere wird zu poppig-trashigem und ironischem Beiwerk.
Der Regisseur erklärt hierzu selbst: „Das ist eine Mischung aus Terroristengeschichte und
Schwulenporno. Sie werden staunen, wie gut das zusammenpaßt.“ Schockieren und provozieren
kann er damit allemal – ob man dem Dargebotenen eine tiefere Bedeutung zumessen mag oder
es sich nur um eine ironisierende und negierende Aneinanderhäufung von Fetisch-Objekten,
Klischees und Oberflächen zur Verknüpfung pornographischer Szenen handelt, ist mehr als
umstritten. Vielleicht gehört dieser Film auch eher der Szene als den Kritikern.
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0390418/
Der Film auf Wikipedia:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Raspberry_Reich
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/00/Uebersicht,,,,,,,,E60C327B9C4049BCABAD53443258AFA1,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.htm
Offizielle Homepage des Films:
http://www.theraspberryreich.com/
Filmkritik von Georg Seeßlen:
http://www.filmzentrale.com/rezis/raspberryreichgs.htm
Filmkritik von Frank Brenner (Schnitt):
http://www.schnitt.de/202,2711,1
Filmkritik von Harald Fricke (die tageszeitung):
http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2004/04/01/a0250
Filmkritik von Andreas Busche (fluter.de, Magazin der bpb):
http://film.fluter.de/de/48/kino/2806/?tpid=91&tpl=162
2005
München (Munich)
(Drama, Polit-Thriller)
Regie: Steven Spielberg Drehbuch: Tony Kushner, Eric Roth (nach dem Buch Vengeance von
George Jonas) Kamera: Janusz Kaminski Musik: John Williams Darsteller: Eric Bana, Daniel
Craig, Geoffrey Rush, Mathieu Kassovitz, Ciarán Hinds, Hanns Zischler, Ayelet Zorer, Michael
Lonsdale, Mathieu Amalric, Gila Almagor, Moritz Bleibtreu, Marie-Josée Croze, Oded Teomi,
Meret Becker, Yvan Attal, Lynn Cohen Produktion: USA 2005 Länge: 164 min erhältliche
Fassung: DVD, Filmkopie: kommerzielle Ausleihe
Spielberg entwickelt auf der Grundlage der Ereignisse um die Geiselnahme der israelischen
Mannschaft während der Olympischen Spiele in München 1972 durch palästinensische
Terroristen (Kommando Black September) ein weitgehend fiktives zeitgeschichtliches Drama.
Dabei bildet das Attentat selbst, bei dem alle elf Geiseln der israelischen Mannschaft ihr Leben
ließen, lediglich die mehrmals durch Montagen und Rückblenden eingeflochtene
Rahmenhandlung; die Haupthandlung des Films dreht sich um die inoffiziell durch eine Einheit
des Mossad über Jahre betriebene Liquidierung im Umfeld des Attentats verantwortlicher
Personen. Unter der Führung von Avner Kaufmann werden fünf Männer beauftragt, elf auf
einer Liste stehende Personen zu beseitigen. Im Laufe des Films werden sie jedoch zunehmend
selbst zu Gejagten.
Dass dabei keine klaren Zuordnungen von Gut und Böse, Schwarz und Weiß möglich sind und
nicht nur die Hauptfigur des Avner Kaufmann zunehmend am Sinn des Unternehmens und der
Schuld der zu Beseitigenden zu zweifeln und zu zerbrechen beginnt, macht diesen zu einem der
vielschichtigsten Filme Spielbergs und brachte ihm auch Angriffe von israelischer Seite ein – wie
Vorwürfe des Antizionismus. So impliziere etwa die Darstellung des Kampfes für den
israelischen Staat einen Selbstzweck, bei dessen brutaler Durchsetzung keinerlei Rücksicht auf die
Kosten genommen werde. Andererseits gab es Stimmen, die eine einseitige Darstellung der
Israelis als Opfer kritisierten. Grundsätzlich ist die Rezeption des Films, der in den USA mehr
Kontroversen auslöste als in Europa, als äußerst gespalten zu bezeichnen (siehe hierzu den
Artikel von Annette Vowinckel).
Kritisiert wurde nicht zuletzt ein Ineinanderübergehen von Realität und Fiktion, auch wenn im
Vorspann darauf hingewiesen wird, dass es sich um eine fiktive Verarbeitung des Stoffes handle
(in der englischen Version deutlicher gemacht). Tatsächlich vermischt der Film rekonstruierbare
mit fiktiven Geschehnissen, bedient sich dabei auch der Montage von historischen
Zeitdokumenten (Nachrichtensendungen) mit inszenierten Einstellungen, und historische
Personen gehen in völlig fiktive Charaktere über. Inwieweit die Darstellungen des Mossad und
der Liquidierungseinheit historischen Umständen entsprechen, ist umstritten. Dies gilt
insbesondere auch für die literarische Vorlage des kanadischen Journalisten George Jonas mit
dem Titel Vengeance. The True Story of an Israeli Counter-Terrorist Team (erschienen 1984, dt. Die Rache
ist unser), das auf Gesprächen mit dem selbst erklärten Mossad-Agenten Juwal Awiw basiert. Als
sicher gilt, dass Awiw dem Mossad nie angehört hat. Ebenfalls kritisiert wurden die
Nichtberücksichtigung verschiedener Zeitzeugen und der Umgang mit Zeitdokumenten. Trotz
aller Kontroversen funktioniert der Film als konsumierbarer Genre-Film in mehrfacher Hinsicht.
München erhielt mehrere Nominierungen bei der Verleihung der Golden Globes wie der Academy
Awards 2006, jedoch keinen Preis.
Nicht selten gilt das „Olympia-Attentat“ von 1972 als Beginn des international agierenden
Terrorismus. Unter den freizupressenden Terroristen auf der Liste der Palästinensern standen
unter anderen auch Meinhof und Baader (ebenso ein Mitglied der Japanischen Roten
Armee/JRA). Dadurch wird die von Anfang an vorhandene und auch für das Phänomen des
bundesdeutschen Terrorismus zentrale internationale Dimension deutlich. Darüber hinaus gab
der desaströse Ausgang der Geiselnahme auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck den Anlass zur
Gründung der GSG9, die wiederum eine zentrale Rolle insbesondere im Kontext der
Flugzeugentführung von Mogadischu spielte.
Artikel zur Resonanz auf den Film:
Annette Vowinckel, Eine historische Fiktion, keine fiktive Historie. Spielberg stellt in „München“ Fragen, die keiner
beantworten kann, in: Zeitgeschichte-online, Zeitgeschichte im Film, April 2006, URL: http://www.zeitgeschichteonline.de/zol/portals/_rainbow/documents/pdf/vowinckel_muenchen.pdf.
Pressestimmen zum Film:
http://www.zeitgeschichte-online.de/Portals/_rainbow/documents/pdf/presse_muenchen.pdf
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0408306/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchen_(Film)
Offizielle Homepage des Films:
http://muenchen-film.de/
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
APO - Außerparlamentarische Opposition
BKA - Bundeskriminalamt
bpb - Bundeszentrale für politische Bildung
DFFB - Deutsche Film- und Fernsehhochschule Berlin
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