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Filmstill der polnischen Fernsehserie Sprawiedliwi (Die Gerechten). Mit freundlicher Genehmigung von Piotr Forecki.

Filmstill der polnischen Fernsehserie Sprawiedliwi (Die Gerechten). Mit freundlicher Genehmigung von Piotr Forecki.

Die Republik der Gerechten
Filme über Polen, die Juden retteten
von
Piotr Forecki
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Veröffentlicht am 19. Juli 2016
Aus dem Polnischen übersetzt von Christian Prüfer

Oberflächlich betrachtet, hat das Thema der polnischen „Gerechten“, also jener Polen, die während des Holocaust Juden (zugleich polnische Staatsbürger) gerettet haben, nach den letzten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Jahr 2015 an Bedeutung gewonnen. Im Grunde jedoch hat sich mit dem Wahlsieg der Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość, PiS) nicht viel geändert. Die PiS ist eine populistische, national-katholische Gruppierung, die vorgibt, um den guten Ruf der Nation besorgt zu sein, und nur ungern die dunklen Seiten der polnisch-jüdischen Geschichte anspricht.

Die Rettung von Juden durch Polen während des Zweiten Weltkriegs ist ein seit langem in verschiedenen Bereichen des öffentlichen polnischen Diskurses verankertes Thema. Sowohl jene Personen, die von der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern” mit Medaillen ausgezeichnet wurden, als auch diejenigen Retter/innen ohne Auszeichnung standen und stehen nach wie vor im Dienst der Geschichtspolitik und sollen damit vor allem dem Ansehen Polens im Ausland zugutekommen. Es geht dabei nicht um das Gedenken an die wenigen Helden, sondern um die polnische „Staatsräson” – so die Wortwahl polnischer Politiker – und um das Wohlbefinden der Polen. Ein instrumenteller Umgang mit den Gerechten gestattet es nicht nur, die von Polen an Juden verübten Verbrechen zu vertuschen, sondern auch den allgegenwärtigen polnischen Antisemitismus zu verschleiern.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund die den Gerechten zugeschriebene Funktion, erscheint es nachvollziehbar, dass die Zahl der Initiativen, die den polnischen Rettern von Juden gewidmet ist, sowie der Institutionen, die sich diesem Thema annehmen, seit dem Ende der neunziger Jahre ständig wächst. Bereits im Jahr 1999 wurde das Komitee zum Gedenken an die polnischen Retter der Juden (Komitet dla Upamiętnienia Polaków Ratujących Żydów) gegründet, dem der bekannte polnische Historiker Tomasz Strzembosz vorstand.
Strzembosz war schließlich Hauptwidersacher von Jan Tomasz Gross in der Debatte um die Veröffentlichung des Buches „Nachbarn” („Sąsiedzi”) im Jahre 2000, in dem die Polen mit ihrer Beteiligung an der Ermordung der Juden konfrontiert wurden. Außerdem äußerte Strzembosz die These, dass die Zahl der von Yad Vashem mit der Medaille „Gerechte unter den Völkern” geehrten Polen lediglich die „Spitze eines Eisberges” darstelle. Die Aufgabe des Komitees sei es, nach diesen polnischen Rettern zu suchen, entsprechende Dokumente zu sammeln, die die Gültigkeit dieser These bestätigen sowie ein ihnen gewidmetes Denkmal in Warschau zu errichten. Seit dem Tod von Tomasz Strzembosz im Jahr 2004 führt der Historiker und Senator der Partei Recht und Gerechtigkeit Prof. Jan Żaryn als Vorsitzender des Komitees diese Mission fort.   


Ein Museum für Tausende polnische Retter/innen

Gegenwärtig beschäftigen sich neben dem Komitee zum Gedenken an die polnischen Retter/innen der Juden folgende Institutionen mit der Erinnerung an die Gerechten: die Kanzlei des Präsidenten der Republik Polen, das Außenministerium, das Institut für Nationales Gedenken (Instytut Pamięci Narodowej), verschiedene Museen[1], die Bildungsstiftung Jan Karski (Fundacja Edukacyjna Jana Karskiego), hinzu kommen verschiedene Aktivitäten im rechten und im kirchlichen Lager. In den letzten Jahren sind darüber hinaus zahlreiche, den Gerechten gewidmete Veröffentlichungen, Spiel- und Dokumentarfilme sowie Serien entstanden. Betrachtet man die Ergebnisse dieses Trends, so kann man heute zweifelsohne von einer „Allgegenwärtigkeit der Gerechten” sprechen, wie die Literaturhistorikerin Justyna Kowalska-Leder[2] diesen Sachverhalt lapidar beschrieb. So ist auch die feierliche Eröffnung des nach der Familie Ulma benannten Museums in Markowa[3] am 17. März 2016 zu Ehren jener Polen, die während des Zweiten Weltkriegs Juden retteten, das Ergebnis einer seit Jahren konsequent betriebenen Geschichtspolitik, nicht jedoch eine direkte Folge der jüngsten politischen Veränderungen in Polen. Der von den Deutschen wegen des Versteckens von Juden ermordeten Familie Ulma gebührt – ebenso wie der betroffenen jüdischen Familie Saul Goldman – ohne Zweifel Ehre und Gedenken. Diesem Zwecke jedoch dient das Museum in Markowa nicht.

Die dem Museum zugeschriebenen Funktionen werden in einem vom polnischen Parlament (Sejm) gefassten Beschluss zur Eröffnung dieser Einrichtung deutlich. Darin spricht der Sejm der Selbstverwaltung der Woiwodschaft Karpatenvorland seine Anerkennung aus, die „mit dem Bau eines Museums gesamtpolnischen Charakters als Erste in einem derartigen Ausmaß an das außergewöhnliche Heldentum erinnert und so das lebendige Interesse der gesamten Gesellschaft vertritt”.[4] Die Parlamentarier erwähnen außerdem, dass „das Gedenken an die gerechten Polen – im Sinne dieses Dokuments – zudem eine deutliche Mahnung an die ganze Welt ist, denn im Unterschied zum besetzten Westeuropa drohte in Polen bereits für die geringste Hilfeleistung gegenüber Juden die Todesstrafe”.[5]

Eindeutig äußerte sich auch der polnische Präsident Andrzej Duda zur geplanten Rolle des Museums in Markowa. Bei seinem offiziellen Auftritt aus Anlass der Eröffnungsfeierlichkeiten sprach er unter anderem davon, dass es „dutzende, hunderte dieser Familien“ gegeben habe, „tausende von Menschen, die dafür, dass sie ihren jüdischen Schwestern und Brüdern, ihren Mitbürgern, geholfen haben, ihr Leben opfern mussten”, dass trotz des ungeheuren Risikos „tausende Polen den Mut fanden, wahre Mitmenschen und Mitbürger zu sein, barmherzig zu sein und jener Lehre zu folgen, die sich für uns alle aus dem christlichen Glauben ergibt, der Nächstenliebe”, dass dieses Museum „ihrer aller Denkmal ist.” Er erinnerte auch daran, dass das Museum „...zwar ein tragisches Kapitel zeigt, aber zugleich auch das wichtigste Merkmal der ‚Rzeczpospolita przyjaciół', der Republik der Freunde, veranschaulicht, wo man bereit war, das Leben zu opfern für seinen Freund, seinen Bruder und einen Mitmenschen.” Er bekundete, „als Polen können wir uns würdig fühlen”, und dankte allen Beteiligten, „denn Polen und die historische Gerechtigkeit hatten ein solches Mahnmal nur allzu dringend benötigt”. Der vollständige Text dieser Rede ist auf Polnisch, Deutsch, Hebräisch und Englisch auf der offiziellen Webseite des Präsidenten nachzulesen.[6] Die Feierlichkeiten zur Eröffnung des Museums wurden in achtzehn polnischen diplomatischen und kulturellen Vertretungen in insgesamt vierzehn Ländern auf vier Kontinente übertragen. 


Christliche Barmherzigkeit und Millionen von Gerechten

Einige Tage lang wurde auch in den polnischen Medien landesweit ausführlich über das Museum in Markowa berichtet. Am Vorabend der Museumseröffnung wurde dem polnischen Fernsehpublikum im ersten Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (Telewizja Polska) der Spiel- und Dokumentarfilm „Historia Kowalskich” (Die Geschichte der Kowalskis) unter der Regie von Maciej Pawlicki und Arkadiusz Gołębiewski gezeigt. In Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen produziert, hatte die Premiere im September 2009 stattgefunden, innerhalb der ersten Amtsperiode der damals regierenden Bürgerplattform - Platforma Obywatelska. Entstanden war der Film im Rahmen eines vom Institut für nationales Gedenken (IPN) und vom Nationalen Kulturzentrum (NCK) koordinierten Programms „Życie za życie” (wörtlich: Leben für Leben). Seitdem wurde der Film nicht nur im polnischen Fernsehen gezeigt, sondern unter anderem auch zu besonderen Aufführungen unter der Schirmherrschaft der Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość) auf dem Filmfestival „Niepokorni, Niezłomni, Wyklęci” (wörtliche Übersetzung: Störrische, Unbeugsame, Verstoßene) in Gdynia sowie in der polnischen Botschaft in London. Der Verbreitung des Films widmete sich der Abgeordnete der Partei Recht und Gerechtigkeit, Konrad Szymański, persönlich, in dem er eine geschlossene Vorführung im Europäischen Parlament organisierte. An dieser nahmen nicht nur Abgeordnete teil, sondern auch Vertreter jüdischer Organisationen, des Diplomatischen Corps, der Kommission sowie des Europäischen Rates. Szymański sorgte außerdem dafür, dass über tausend Filmkopien in verschiedenen Sprachen an alle Europaabgeordneten, EU-Kommissare sowie „an alle wichtigen Adressen in Brüssel”[7] verteilt wurden.

Der Spiel- und Dokumentarfilm „Historia Kowalskich” (Die Geschichte der Kowalskis)

Der Film spielt in verschiedenen Zeiträumen: vor dem Beginn des Zeiten Weltkrieges, während des Krieges und in der Gegenwart. Die Handlung beginnt mit einer Szene in einem Warschauer Kaufhaus, mit einem Kameraschwenk auf eine Gruppe junger, fröhlicher Mädchen. Unmittelbar danach sehen wir die jungen Frauen in der polnischen Kleinstadt Ciepielów in der Zwischenkriegszeit, wenn auch natürlich in anderen Kleidern und vor einem anderen Hintergrund. Dies sind die ersten Aufnahmen noch vor dem Vorspann. Die Filmhandlung selbst beginnt damit, dass im Jahr 1968 ein Journalist in Ciepielów auftaucht, um eine Verwandte der Familie Kowalski zu besuchen. Die Familie war von den deutschen Besatzern ermordet worden, weil sie während des Krieges Juden versteckt hatte. Das journalistische Interview leitet eine filmische Rückschau mit Erzählungen von Zeugen, Nachbarn, Polen und Juden ein. Dort und damals, hier und jetzt. Die verschiedenen Ebenen überschneiden sich.

Ciepielów vor dem Krieg. Die Juden leben direkt im Stadtzentrum und betreiben Handel. Die Polen haben die höheren Positionen innerhalb der gesellschaftlichen Sozialstruktur inne, doch im Film sucht man vergeblich nach Erklärungen für diesen Sachverhalt. Die Männer bewundern jüdische Schönheiten und bekommen Darlehen per Handschlag. Zwar gibt es kulturelle und religiöse Unterschiede, die Kinder spielen jedoch miteinander, baden zusammen im Fluss, gehen gemeinsam in die Schule. Die Jugend geht zum Tanz, Jungen und Mädchen flirten miteinander. Die Männer besuchen die Juden in der Synagoge und singen gemeinsam die polnische Nationalhymne. „Wir haben hier gemeinsam gelebt, auch wenn ihre Andersartigkeit spürbar war. Manche haben sehr zurückgezogen gelebt, einige sprachen nur schlecht Polnisch, aber sie haben Polen geachtet” – ergänzt die Stimme der Erzählerin im Hintergrund. Zwar taucht im Verlauf der Handlung ein Antisemit auf, der zum wirtschaftlichen Boykott aufruft, doch wird er als abstoßend, dick und hässlich, unbeliebt und einsam dargestellt.

Filmstill aus der ponischen Serie Sprawiedliwi. Mit freundlicher Genehmigung von Piotr ForeckiFilmstill aus der polnischen Fernsehserie Sprawiedliwi (Die Gerechten). Mit freundlicher Genehmigung von Piotr Forecki.

 

Die Juden hingegen sprechen mit einer wohltuenden und beruhigenden Stimme. Die Orthodoxen im Chalat, mit Bärten und Schläfenlocken versichern, Polen sei ihr Vaterland, in dem sie eine sichere Zuflucht gefunden hätten, und wo sie mit aller Gastfreundschaft empfangen worden seien. „Wir polnischen Juden fühlen uns als Polen mosaischen Glaubens. Wir sind Polen, in Freud und Leid! Es lebe Polen!” Antisemitismus? Ein Pole hat dem anderen die Scheibe eingeschlagen, gebrüllt „Kauf nicht beim Juden”, manchmal schauen die Leute schräg. „Na vielleicht gibt es in Ciepielów fünf solcher Dummköpfe“, sagt einer von ihnen. „Aber wo kaufen sie alle? Beim Juden. Sie sind ein bisschen neidisch auf unsere guten Geschäfte, aber sie tun uns kein Leid an.”

Die in „Die Geschichte der Kowalskis” enthaltenen Anerkennungs- und Loyalitätsbekundungen sowie der Freispruch vom Vorwurf des Antisemitismus stellen eine klassische Variante philosemitischer Gewalt dar. Die Kulturwissenschaftlerin Elżbieta Janicka und der Literaturwissenschaftler Tomasz Żukowski haben die diskursiven Praktiken dieser Gewaltform untersucht und beschrieben.[8] Hierbei gehe es, so Janicka und Żukowski, hauptsächlich um „Inklusion der Toten durch die Lebenden”, um Handlungen der Mehrheit gegenüber der Minderheit, somit Handlungen durch die ausgrenzende Gruppe „an der auszugrenzenden und schließlich ausgegrenzten Gruppe”.[9] Deutlich sichtbar wird dies in „Die Geschichte der Kowalskis” in der Erzählung der Juden über den Alltag in Ciepielów und ihren Ausführungen über die Situation der Juden in Polen im Allgemeinen. So spinnen die Filmfiguren ihre – in Wirklichkeit jedoch unsere – polnische Erzählung zur moralischen Erbauung.

Die Idylle des gemeinschaftlichen Zusammenlebens in Ciepielów wird durch den Kriegsausbruch zerstört. Die Juden müssen Repressionen, Gewalt, Hinrichtungen und Deportationen erdulden. Im nahegelegenen Gutshof wird ein Posten der SS eingerichtet. „Das war eine Folterkammer für Polen und für Juden. Man hatte Angst, am Hof vorbeizugehen, so schrecklich waren die Schreie”, so die Stimme der Erzählerin aus dem Off. Die Hölle der Juden, die sich vor den Augen der verängstigten polnischen Nachbarn abspielt, beschreiben weitere Zeugen mit Entsetzen. Im Film wird nun das Element der Repression durch die Besatzer eingeführt, die denjenigen drohte, die den Juden halfen. Darüber sprechen auch die Juden selbst. „Ob die Gojim uns aufnehmen?”, fragt einer von ihnen. „Und du, Abram? Würdest du das Leben deiner Kinder aufs Spiel setzen, um einen Ungläubigen zu retten?”, antwortet ein anderer mit einer Gegenfrage. Es folgt betretenes Schweigen.

Trotz der Sanktionen kommen die ortsansässigen Polen ihren jüdischen Nachbarn zu Hilfe. Der Priester stellt falsche Taufurkunden aus, die Väter der Familien Kowalski und Skoczylas entscheiden, einige Juden auf ihren Gehöften zu verstecken. Die Zuschauer erfahren in „Die Geschichte der Kowalskis” jedoch nichts über die Motivation der Beschützer und die Bedingungen in den Verstecken. Die Frage, ob sie für ihre Hilfe irgendeine Gegenleistung erhielten oder ob die Juden für ihre Unterbringung finanziell selbst aufkamen, wird nicht gestellt. Dabei muss sie das Heldentum der polnischen Gerechten gar nicht schmälern, sondern stellt vielmehr eine wichtige Ergänzung dar. Die Zuschauer können also schlussfolgern, dass die heldenhaften Entscheidungen in der christlichen Geste der Rettung des Nächsten in Not begründet sind, der Rettung der Nachbarn, der Rettung „unserer” Juden in Ciepielów. „Die christliche Nächstenliebe”, schrieb der Historiker Jan Żaryn in diesem Zusammenhang, „war das Fundament, das wirksam wurde, als Entscheidungen getroffen werden mussten.”[10]

Filmstill der polnischen Fernsehserie Sprawiedliwi (Die Gerechten). Mit freundlicher Genehmigung von Piotr Forecki.Filmstill der polnischen Fernsehserie Sprawiedliwi (Die Gerechten). Mit freundlicher Genehmigung von Piotr Forecki.

 

Im Film wird auch über Polen berichtet, die jene Nachbarn argwöhnisch beobachten, die Juden bei sich versteckt hielten. „Es gab auch solche, die Nachforschungen anstellten”, erinnert sich die Erzählerin. „Sie haben geschaut, ob das Gras zwischen Wald und Haus nicht niedergetreten war. Ja, solche gab es.” Als der Journalist jedoch danach fragt, wie denn die Deutschen überhaupt davon erfahren konnten, dass sich bei den Familien Kowalski, Skoczylas und Kosior Juden versteckt hielten, antwortet die Erzählstimme Folgendes: „Man weiß es nicht. Vielleicht haben sie sie entdeckt, vielleicht hat sie jemand verraten. Vermutungen gab es viele. Unter anderem sagt man auch, dass vielleicht einer der von den Deutschen festgenommenen Juden unter Anwendung von Folter ausgesagt hat. Aber, wissen Sie, selbst wenn das stimmt, dann würde ich ihn nicht verdammen. Ich weiß doch selbst nicht, was ich an seiner Stelle getan hätte.” Damit vollzieht sie eine rhetorische Rückversicherung („Vermutungen gab es viele”), doch letztendlich führt sie hier nur einen Gedankengang weiter aus, der bequem und nützlich erscheint, um den mutmaßlichen Täter von seiner Schuld freizusprechen.

Höhepunkt und gleichzeitig Schlüsselszene des Filmes ist die Verbrennung polnischer Familien, die Juden versteckt hielten, durch die Deutschen: Männer, Frauen und Kinder wurden gemeinsam mit denen verbrannt, die sie zu retten versucht hatten. Alle Sequenzen dieses schrecklichen Dramas erstrecken sich über verschiedene Zeitebenen, aber das Bild der brennenden Scheune in verschiedenen Aufnahmen ist lange zu sehen. Offenbar soll es den Zuschauern im Gedächtnis bleiben. Vor allem jedoch soll es an eine andere Scheune erinnern – an die Scheune nämlich, in der polnische Bewohner der Ortschaft Jedwabne am 10. Juli 1941 ihre jüdischen Nachbarn verbrannten und die Jan Tomasz Gross in seinem Buch „Sąsiedzi” (Nachbarn) beschrieben hat.


Die Zähmung von Jedwabne

Im Juli 2001, während der offiziellen Feierlichkeiten zum Gedenken an die Opfer dieses von Gross in seinem Buch beschriebenen Verbrechens, sagte der damalige israelische Botschafter in Polen, Schewach Weiss, unter anderem: „[…] ich habe in meinem Leben auch andere Nachbarn kennengelernt. Dank ihnen haben ich und meine Familie den Holocaust überlebt. Dank ihnen stehe ich heute vor Ihnen. Ich habe in meinem Leben auch von anderen Scheunen gehört, in denen Juden versteckt wurden.”[11] Die Macher des Films „Die Geschichte der Kowalskis” entschieden sich dafür, noch eine andere Scheune zu zeigen. Eine Scheune, in der Polen nicht nur Juden versteckten, sondern vor allem gemeinsam mit ihren Nachbarn grausam umgebracht wurden. Dahinter sollte die Scheune aus Jedwabne verblassen und der Inhalt des Buches von Gross für ungültig erklärt werden. Gezeigt werden sollten andere Nachbarn –  Menschen, die bereit waren, Juden um jeden Preis zu helfen. Natürlich wird in „Die Geschichte der Kowalskis” der Name Gross und das Wort Jedwabne nicht explizit erwähnt, doch die Assoziation wird eindeutig geweckt. Außerdem, darauf weist Tomasz Żukowski hin, spricht dieser Spiel- und Dokumentarfilm die angebliche jüdische Illoyalität sowie die jüdische Undankbarkeit an.[12] Auch an jene „undankbaren” Juden, die falsche Vorstellungen über die Polen nähren, richtet sich „Die Geschichte der Kowalskis”.  Von einem Journalisten der überregionalen polnischen Tageszeitung „Rzeczpospolita” nach den Gründen für sein Interesse an diesem Thema befragt, antwortete der Regisseur Maciej Pawlicki: „Ich habe mal einen amerikanischen Journalisten kennengelernt, Sohn einer Jüdin aus Lemberg, die von einem Polen gerettet worden war. Er sagte, die Polen seien Antisemiten, ich und meine Frau, wir seien Ausnahmen. Seit Jahren will ich ihn davon überzeugen, dass er sich irrt.”[13] In „Die Geschichte der Kowalskis” soll klar gezeigt werden, dass die Rettung der Juden durch Polen, die dabei ihr Leben aufs Spiel setzten, weit verbreitet war, vielmehr die Normalität der Nachbarschaften darstellte. Der massenhaften Hilfe hätten höchstens die von den Besatzern verhängten drakonischen Strafen entgegengestanden und die damit verbundene Angst um das eigene Leben und das der Familie. Nach Meinung der Autoren jedoch waren die Polen in der Lage, auch diese Angst zu überwinden, was die Schicksale der in „Die Geschichte der Kowalskis” gezeigten polnischen Familien beweisen. „Die Polen sind ein Volk, das keine Verbote akzeptiert”, schrieb Jan Żaryn in diesem Zusammenhang.[14] Der Historiker liefert damit einen wichtigen Hinweis: Eigentlich tritt der Held in „Die Geschichte der Kowalskis” in der Mehrzahl auf. Die Filmhelden sind die Polen – das polnische Volk, das stolze und durch den Filminhalt zusätzlich gepriesene „Wir”. Deutlich wird das in einem Text, der mit den Tatsachen nicht viel gemeinsam hat, diesem „Wir” jedoch die Ehre erweist und die Würde wiedergibt: „Polen und die Ukraine waren die einzigen Länder in Europa, in denen die Deutschen ganze Familien mit dem Tode bestraften, weil sie Juden geholfen hatten.” Historiker schätzen, dass die Mitwirkung von ca. 10-25 Polen notwendig war, um einen einzigen Juden zu retten. Um ihre Nachbarn, die polnischen Juden, zu retten, riskierten zwischen 500 000 und 1 Million Polen ihr Leben.


Spontane Reaktion der Kolwalskis

„Historia Kowalskich” ist nicht der einzige Film über Polen, die Juden vor der Ermordung retteten. Dieses Motiv ist im polnischen Film nach wie vor aktuell und dominierte nach 1989 sogar, auch wenn es auf unterschiedliche Art und Weise in die jeweilige Handlung eingewoben wird.[15] Seit dem 11. April 2010, also noch unter jener Regierung, die derzeit die in der Opposition befindliche Bürgerplattform (PO) bildet, zeigte das polnische Fernsehen sieben Folgen der Serie „Sprawiedliwi” (Die Gerechten) unter der Regie von Waldemar Krzystek. Die Folgen wurden zur Hauptsendezeit, Sonntagabend im ersten Programm gezeigt. Im Durchschnitt sahen 2,73 Millionen Zuschauer die einzelnen Folgen. Die erste Folge wurde zwei Tage nach Beendigung der nationalen Trauer aus Anlass des Absturzes des Präsidentenflugzeugs bei Smolensk ausgestrahlt und verzeichnete 5,34 Millionen Zuschauer.[16] Die Serie des Regisseurs Krystek erscheint indes nur auf den ersten Blick subtiler als „Die Geschichte der Kowalskis”. Zwar wirkt die schauspielerische Leistung besser, ebenso der Schnitt, die Produktion, der Blick auf historische Details, dennoch werden hier genau dieselben Erzählmuster verwendet. „Ich hoffe, die Serie lässt sich im Westen verkaufen”, betont Regisseur Krzystek im Gespräch mit einem Journalisten der Zeitung "Rzeczpospolita". „Die meisten Menschen dort haben keine Ahnung von der Existenz der Żegota.[17] Die Polen gelten dort als Kollaborateure und Antisemiten. Es ist an der Zeit, gegen dieses Vorurteil anzukämpfen. Und was erreicht die Menschen besser als ein Film?”[18]

„Sprawiedliwi” entstand nach einem Drehbuch von Wojciech Tomczyk. Der Film basiert auf tatsächlichen Ereignissen, die der Autor über die Lektüre von Büchern, Zeugnissen, Dokumenten und Gesprächen mit Zeitzeugen recherchierte. „Ich habe viele Bücher gelesen und mit Zeitzeugen gesprochen. Ich habe mich darum bemüht, den Albtraum der Besatzung so getreu wie möglich darzustellen”[19], sagte Tomczyk, und der Regisseur Waldemar Krzystek fügte hinzu: „Das ist keine Geschichte über berühmte Menschen. Es gibt hier keine bekannten Namen (…). Wir haben die Schicksale gewöhnlicher Mitglieder der Żegota vorgestellt. Vergessene Helden, die die ganze mühsame Arbeit verrichteten. Sie haben Säuglinge durch Löcher in den Ghettomauern entgegengenommen, sie versteckt, ihnen falsche Papiere ausgestellt und sie aufs Land geschmuggelt. Und oftmals haben sie dafür mit ihrem Leben bezahlt.”[20]

In Krzysteks Serie rettet fast ganz Polen die polnischen Juden. Die Wahl des Namens Kowalski für die Haupthelden bezieht sich nicht unmittelbar auf die Ereignisse in Ciepielów und die dortigen Kolwalskis, aber sie erfolgte auch nicht zufällig. Es ist der zweithäufigste Name in Polen. Außerdem steht der Name Kowalski stellvertretend für den durchschnittlichen Polen und die durchschnittliche Polin – vergleichbar mit Müller, Meier oder Schmidt im Deutschen. Die Kowalskis in „Die Gerechten” stehen demnach für alle Polen.

Hauptheldin ist die Krankenschwester Barbara Kowalska, die sich an den Untergrundaktivitäten des Hilfsrats für Juden (Rada Pomocy Żydom, Żegota) beteiligt, der sich erst in der vierten Folge als Żegota zu erkennen gibt. Wir sehen sie unter anderem, wie sie dabei hilft, jüdische Kinder durch ein Loch in der Mauer des Warschauer Ghettos zu schmuggeln, die später in ein Kloster kommen. Sie tut das auf Anweisung einer gewissen Irena, und obwohl der Name Sendler[21] in der Serie nicht erwähnt wird, besteht kein Zweifel daran, um wen es sich hier handelt. Barbaras Mann, der Ingenieur Stefan Kowalski, scheut anfangs davor zurück, im Untergrund mitzuwirken, er fürchtet die drohenden Konsequenzen. Später jedoch tut er dies und vollstreckt persönlich die Todesstrafe am Kollaborateur Joachim Pilnik, der für Geld Juden aus dem Ghetto schmuggelt, um sie anschließend der Gestapo zu übergeben. Vorher schon trifft er zufällig in den unterirdischen Gängen der Stadt auf einen Freund aus der Vorkriegszeit, Henryk, der sich dort mit anderen Juden versteckt hält. Stefan bringt ihnen Essen, doch mehr erfahren wir über sie nicht. Schließlich kümmert sich das Ehepaar Kowalski gemeinsam um eine jüdische Familie, die sich im Anbau eines Hofes in der Ortschaft Tarczyn bei Warschau versteckt hält.

Auch das Umfeld der Kowalskis hilft den Juden. Zygmunt, ein Freund von Stefan, nimmt die Sängerin Ina Paloma bei sich auf. Die Familie von Gienek Piątek, dem Hausmeister des Gebäudes, in dem die Kowalskis wohnen, hält die Kaliskis versteckt, denen das Haus vor dem Krieg gehört hatte. Ein Bekannter von Stefan, Eisenbahner aus Treblinka, versteckt den jüdischen Schneider Grosman bei sich, Stefans Chef hingegen beherbergt heimlich die Familie des Rechtsanwaltes Kohn. Vertreter aller gesellschaftlichen Klassen engagieren sich in der Hilfe: der Hausmeister, ein Professor für Architektur, eine Krankenschwester, ein Musiker und ein Ingenieur. Im Hintergrund treten auf: Priester, die falsche Taufscheine ausstellen, Nonnen, die Juden im Kloster verstecken, Einwohner des besetzten Warschaus und Bauern aus der Umgebung. Drehbuchautor Tomczyk erklärte in einem Radiointerview, diese Hilfe für die Juden sei eine „spontane Bewegung” gewesen, eine „natürliche Reaktion”, „die Menschen haben einfach ihre Nachbarn, Arbeitgeber oder Vermieter gerettet”. Seiner Meinung nach verhielt sich zwar die Mehrheit der Polen „gleichgültig den Juden gegenüber”, doch sei dies eine „eher wohlwollende Gleichgültigkeit […]“ gewesen. Über Polen zu sprechen, die „an der Vernichtung ihrer jüdischen Nachbarn beteiligt waren”, ist seiner Meinung nach „eine weitreichende und falsche Verallgemeinerung, denn von so einer Gruppe [der Polen – P.F.] an sich kann nicht die Rede sein”[22].

In der Serie tauchen jedoch auch Polen auf, die man nicht als „Gerechte” bezeichnen kann. Darüber hinaus hat der Regisseur mehrmals darauf hingewiesen, kein „Propagandamaterial” produziert zu haben. Er wolle die Polen nicht „in den Himmel heben”[23], denn schließlich zeige die Serie auch solche, die sich „den Juden gegenüber schäbig” verhalten hätten. Jedoch sei von ihm nicht verlangt worden, negative Einstellungen nachzuzeichnen, denn „wenn man von hervorragenden und mutigen Menschen“ erzähle, müsse „man nicht nach dunklen Seiten suchen, nur um den Kritikern zu gefallen”[24]. Einer der Polen, die sich den Juden gegenüber „schäbig” verhalten, ist ohne Zweifel Joachim Pilnik, der sich an ihnen bereichert und sie der Gestapo ausliefert, also offen mit den Deutschen kollaboriert. Für seine Taten wird er nach einem Urteil des polnischen Untergrunds erschossen. Als Schlesier aus Nowy Bytom wird sein Polentum in der Serie aber hinterfragt. Die Zuschauer lernen ihn in der ersten Folge kennen. Er kommt in die Hauptstadt, um Arbeit zu suchen, spricht schlesisch und wird als kulturell fremd dargestellt. In gewissem Sinne grenzen all diese Unterscheidungsmerkmale die Figur Pilnik aus der echten polnischen nationalen Gemeinschaft aus.

Im Vergleich mit den polnischen Gerechten verkörpert auch Zygmunts Mutter eine negative Figur in der Serie. Als der Sohn nicht zu Hause ist, wirft sie Ina Paloma aus dem Haus, die daraufhin ins Ghetto zurückkehren muss. Sie tut dies aus Angst, vor allem aber aus Eifersucht auf eine andere Frau in der gemeinsamen Wohnung und im Leben ihres Sohnes. Sie handelt im Affekt und wird so die unliebsame Mitbewohnerin los. Da mit dem Affekt viel erklärt und viel verdeckt werden kann, ist die Figur der eifersüchtigen und besorgten Mutter Zygmunts für die Zuschauer leicht zugänglich.

Auch Ignacy Kowalski, Stefans Vater, spricht der Film von seiner Schuld frei. Dieser befindet sich zufällig gerade in der Wohnung des Hausmeisters Piątek, als die Deutschen das Versteck der jüdischen Familie Kaliski entdecken. Um sein eigenes Leben zu retten, beruft er sich auf seine deutschen Wurzeln. „Ich bin Deutscher”, versichert er, woraufhin ihn die deutschen Folterknechte vor eine grausame Wahl stellen, um seine Herkunft zu beweisen: Entweder werde er gemeinsam mit der Familie Piątek und den versteckten Juden an die Wand gestellt, oder er solle sich mit dem Maschinengewehr an der Erschießung beteiligen. Kowalski wählt die zweite Variante. Doch er rettet sein eigenes Leben damit nur scheinbar: Bereits in der nächsten Folge besucht ihn die Familie in einem psychiatrischen Krankenhaus bei Warschau. Durch die Beteiligung an dem Verbrechen verliert er den Verstand, unter dem Druck der Gewissensbisse nimmt er sich schließlich das Leben. Den wahren Grund kennen nur die Schwiegertochter Basia, von Ignacy im Krankenhaus ins Vertrauen gezogen, sowie natürlich die Zuschauer.

Sowohl die Zuschauer der Serie „Die Gerechten” als auch die Produzenten bewegen sich hier in Wirklichkeit im Umfeld der Debatte um das Verbrechen von Jedwabne. Viele an dieser Debatte Beteiligte versuchten zu beweisen, dass die lokale polnische Bevölkerung von den Deutschen zum Mord an den Juden gezwungen worden war. Der Glaube an diese Version der Ereignisse ist in Polen weit verbreitet, wie aus den Ergebnissen einer Umfrage vom November 2002 sowie einer weiteren Umfrage vom Juli 2011 hervorgeht, die anlässlich des 70. Jahrestages des Verbrechens von Jedwabne durchgeführt wurde.[25] Ungefähr die Hälfte aller Befragten, die eine Meinung zu diesem Thema äußerte, behauptete, dass die Polen, welche die jüdische Bevölkerung in Jedwabne ermordet hatten, von den Deutschen dazu aufgefordert oder gezwungen worden seien.[26] Die Macher der Serie „Die Gerechten” griffen also auf ein vorgefertigtes Meinungsbild zurück.

Die Darstellung judenfeindlicher Polen wird in der Serie nicht weiter ausgeführt. Wörter wie „Szmalcownik” (jemand, der Juden um Geld erpresste, indem er zum Beispiel drohte, ihr Versteck zu verraten) werden im Film nicht einmal erwähnt, denn für solche Menschen gibt es in „Die Gerechten” keinen Platz. Es gibt auch keine misstrauischen Blicke der Hausmeister oder der Nachbarn, da schließlich alle den Juden zu Hilfe eilen. Wie auch in „Die Geschichte der Kowalskis” erfahren die Zuschauer der Serie nicht, wie die Deutschen den sich versteckt haltenden Juden auf die Spur kommen. In „Die Gerechten” lässt sich weder jemand für die Hilfe an den Juden bezahlen, noch werden sie von den Polen bestohlen. „Es ist eine Sünde, einen Menschen in Not zu bestehlen” – hören die Zuschauer. Das wichtige Thema „Hilfe für Geld”, die Ausnutzung der verzweifelten Lage der Juden durch die Polen oder die Aneignung von jüdischem Besitz werden im Drehbuch nicht einmal erwähnt. Die Polen teilen das Wenige, das sie haben. „Spontane Bewegung”, „natürliche Reaktion”, „die Menschen haben einfach ihre Nachbarn, Arbeitgeber oder Vermieter gerettet” – solche Worte wiederholen die Macher der Serie „Die Gerechten” oft. Andere Beweggründe, Varianten oder Kontexte sucht man vergebens. Natürlich bezahlen die Polen für die Hilfe auch mit ihrem Leben. So stirbt die Familie Piątek gemeinsam mit den entdeckten Juden, die Familie des Anwalts Kohn verliert – mit Ausnahme des Sohnes Jakub – ihr Leben ebenso wie Stefan Kowalski. Den Heldentod stirbt auch Zygmunt, der nach dem Verlust von Ina und aus Rache dafür, was die Deutschen den Juden antun, mutig das Feuer auf Gestapo-Leute und Soldaten in einem Nobelrestaurant eröffnet.


Die Rahmenhandlung: Auszeichnung einer „Heiligen“

Um die Funktion der Serie „Die Gerechten” zu verstehen, muss ihre Rahmenhandlung in den Blick genommen werden: Jede Folge spielt am Ende einige Minuten im Warschau des Jahres 2009. Die betagte Barbara Kowalska soll mit einer Medaille als „Gerechte unter den Völkern“ für die Rettung von Jakub Kohn ausgezeichnet werden, der jetzt in Israel lebt und ein berühmter Geiger ist. In ihrer Wohnung wird sie von der israelischen Konsulin besucht, die unter anderem betont: „Für uns in Israel ist es wichtig, dass die Gerechten zu uns kommen.” Sie fügt aber auch hinzu: „Das ist auch in eurem Interesse.” Damit meint sie Barbara Kowalska, die Kowalskis, die Polen im Allgemeinen. Barbara will nach Israel reisen, und sie wird in ihrer Entscheidung von ihrer Enkelin Bogna unterstützt. Ihr Sohn Marcin hingegen versucht alles, um sie von diesem Vorhaben abzubringen. Unter anderem führt er an, dass ein gepflanzter Baum in Yad Vashem und eine Medaille den Vater nicht wieder zum Leben erwecken. Er wirft die Frage auf, warum die Ehrung erst jetzt geschehe und ob sie nicht einfach in Ruhe gelassen werden könnten. Schließlich fahren sie zu dritt nach Israel. Dort erwartet sie Jakubs Sohn. Barbara Kowalska wird feierlich die Medaille überreicht, das polnische Fernsehen berichtet über die Ehrung und lässt die Geehrte persönlich zu Wort kommen: „Ich bin doch keine Heldin. Ich habe nur das getan, was in dieser Situation zu tun war. Das war normal.” Die Kowalskis werden in Israel ehrenvoll behandelt, sie treffen sich mit Jakub. Marcin begreift den Sinn des Besuchs und nennt seine Mutter „eine Heilige”. Schließlich kehren sie nach Polen zurück.

Die propagandistische Funktion und die belehrende Intention der Serie werden am besten in der Filmebene der Gegenwart sichtbar, wo sie gekonnt in die Erzählung verwoben sind. Während die drei auf das Flugzeug warten, kommt Bogna mit einem Amerikaner ins Gespräch:

Amerikaner: Wohin fliegen Sie? Bogna: Nach Jerusalem. Amerikaner: Ich auch. Bogna: Wirklich? Amerikaner: Urlaub? Bogna: Nein, kein Urlaub. Ich fahre mit meiner Oma, sie wird als »Gerechte unter den Völkern« ausgezeichnet. Amerikaner: Was für eine Auszeichnung? Bogna: Meine Oma hat während des Zweiten Weltkriegs Juden gerettet. Amerikaner: Deine Oma ist Polin? Bogna: Ja, ich übrigens auch. Amerikaner: Sie ist Polin und hat Juden gerettet? Bogna: Ja. Amerikaner: Ich dachte, die Polen haben mit den Nazis kollaboriert. Bogna: Überhaupt nicht. Meine Oma hat den Juden geholfen. Amerikaner: Das ist sehr ehrenhaft, du musst stolz auf sie sein. Bogna: Ich bin sehr stolz auf sie.”

Diese Szene entlarvt die Serie als eine Art Crashkurs für die der polnischen Geschichte unkundigen Amerikaner und der westlichen Welt, wo die Polen des Antisemitismus und der Beteiligung am Massenmord beschuldigt werden. Von Beginn an sollte sie als Instrument der polnischen Außenpolitik und zur Imagepflege dienen. Zugleich sollte sie die Polen selbst erziehen – zumindest solche wie den Verlobten von Bogna, einen jungen Arzt, der davon überzeugt ist, dass die Juden während des Krieges Kommunisten umbrachten. Er steht in dieser Serie für das personalisierte Unwissen, die fehlenden Geschichtskenntnisse der Polen, für essentielle Bildungslücken in allen gesellschaftlichen Gruppen. „Die Gerechten” soll diese Lücken schließen, aber auch falschen Verleumdungen entgegentreten, indem genau – dem Schwarz-Weiß-Schema entsprechend – geschildert wird, dass die Juden von den Deutschen ermordet wurden und die Polen sie retteten.

Für unerwartete Spannung sorgt die Person Jacek. In der letzten Serienfolge erfahren wir, dass er selbst Jude ist, denn seine Mutter „haben irgendwelche Leute aus dem Ghetto in Białystok herausgebracht”. Der Vater enthüllt ihm dieses Familiengeheimnis und fragt rhetorisch: „Was sollen wir mit dieser Auszeichnung? Ich höre auch so ständig das Gerede vom polnischen Antisemitismus.” Der eingeweihte Jacek wendet sich an Barbara: „Dank Ihnen bin ich am Leben. Das heißt, dank solcher Menschen wie Sie.” Dieses Motiv soll die Frage aufwerfen, wie viele solcher Geheimnisse sich in den Biografien der heute lebenden Polen verbergen. Es geht hier nicht um die Abstammung oder darum, wie viele Juden in Polen leben, sondern darum, dass wir über viele von Polen gerettete Juden nichts wissen.

Auf dem Weg zum Flughafen bittet Barbara darum, am Friedhof anzuhalten, wo die Familie Piątek begraben ist, die von den Deutschen für das Verstecken von Juden ermordet wurde. „Hier haben wir die Familie Piątek 1941 beerdigt. […] Aber das Grab gibt es schon lange nicht mehr. Es gab einfach niemanden, der sich darum gekümmert hat. Sie haben die ganze Familie ermordet.” Sie stellen eine Grabkerze ab, ohne zu wissen, wo genau sich das Grab befindet, und sprechen gemeinsam ein Gebet. Wie viele polnische Gerechte gibt es, die nicht mit einer Medaille ausgezeichnet wurden, für die kein Baum in Yad Vashem gepflanzt wurde? Wie viele sind vergessen worden von Polen, von Israel, von der ganzen Welt? Mit diesen rhetorischen Fragen werden die Zuschauer in der Serie von Krystek konfrontiert. Dadurch erhöht sich die Zahl der polnischen Gerechten. Außerdem werden hier auch die angebliche jüdische Undankbarkeit, die Ignoranz des Westens und polnische Versäumnisse thematisiert. Das vergessene und namenlose Grab der Familie Piątek steht hier stellvertretend auch für andere Gräber unbekannter Polen, die ihre Hilfe für die Juden mit dem Leben bezahlten. So erfüllt es eine ähnliche Funktion wie die Scheune aus „Die Geschichte der Kowalskis”. Vor diesen Gräbern sollen die zahlreichen (oft namenlosen) Ruhestätten in der polnischen Provinz in den Hintergrund treten, in denen die Überreste polnischer Juden ruhen, welche entweder von Polen ermordet oder von ihnen an die polnische Polizei bzw. die deutschen Militärbehörden ausgeliefert worden waren”[27].


Backlash
nach Jedwabne

Mit seinem Buch „Nachbarn” hat Jan Tomasz Gross nicht nur eine heftige Debatte zur Beteiligung von Polen an der Vernichtung der Juden ausgelöst. Infolge dieser Debatte begannen Historiker, jahrelange Versäumnisse der Forschung aufzuarbeiten, denn vorher galt diese Problematik als gesellschaftliches Tabu in Polen. Die Enthüllung der Verbrechen von Jedwabne führte jedoch auch zu einem ganz eigenen backlash – einer heftigen und zwanghaften Reaktion in der polnischen Geschichtspolitik, die die polnischen Leiden und Verdienste während des Zweiten Weltkriegs in den Vordergrund stellt.
Eine Schlüsselrolle in dieser Politik spielen diejenigen Polen, die während des Holocaust Juden retteten. Davon zeugen nicht nur die an ein Massenpublikum gerichteten, hier besprochenen Filme, sondern auch eine Reihe anderer Aktivitäten und Initiativen. Die Filme veranschaulichen sehr gut, wie im Rahmen des herrschenden Diskurses in Polen über die Gerechten und die polnisch-jüdischen Beziehungen während des Krieges gesprochen wird. Diese Erzählweise wurde keineswegs erst von der Partei Recht und Gerechtigkeit begründet. Vielmehr wird dieses Narrativ in unveränderter Form seit Jahren in verschiedenen Medien und Formaten reproduziert.

 


[1] Dazu gehören das Museum der Geschichte der polnischen Juden, Muzeum Historii Żydów Polskich, sowie das Museum der Geschichte Polens, Muzeum Historii Polski.
[2] Justyna Kowalska-Leder, Wszechobecność Sprawiedliwych, in: Zagłada Żydów. Materiały 10 (2014), S. 1073-1083.
[3] Muzeum Polaków Ratujących Żydów Podczas II Wojny światowej im. Rodziny Ulmów w Markowej. [dt. Ein Museum für Polen, die während des 2.Weltkrieges Juden gerettet haben. Es ist nach der Familie Ulmow benannt und befindet sich in der Ortschaft Markowa.]
[4] Sejm podjął uchwałę towarzyszącą otwarciu Muzeum Polaków Ratujących Żydów podczas II wojny światowej im. Rodziny Ulmów w Markowej. [dt. Das Parlament nahm eine Resolution an, die das Museum für die Polen, die Juden retteten, betraf.]
[5] Ebd.
[6] Wystąpienie na uroczystości otwarcia Muzeum Polaków Ratujących Żydów im. Rodziny Ulmów w Markowej, 17.03.2016. [dt. Der Auftritt Andrzej Dudas bei den Feierlichkeiten anlässlich der Eröffnung des Museums.]
[7] Pełna sala na projekcji "Historii Kowalskich" w Parlamencie Europejskim! Szczepionka na "Pokłosie" zostanie też rozesłana na DVD, in: "wPolityce", 28.11.2012.
[8] Janicka Elżbieta/Tomasz Żukowski, Przemoc filosemicka? Nowe polskie narracje o Żydach po roku 2000, Instytut Badań Literackich PAN, Warszawa 2016.
[9] Janicka Elżbieta/Tomasz Żukowski, Przemoc filosemicka, in: PL: Tożsamość wyobrażona, J. Tokarska-Bakir (Hrsg.), Wydawnictwo Czarna Owca, Warszawa 2013, S. 34.
[10] Jan Żaryn, Zapomniani bohaterowie, „Rzeczpospolita” 27.11.2009, S. 2.
[11] Fragment der Rede von Shevach Weiss in Jedwabne am 10. Juli 2001.
[12] Tomasz Żukowski, Fantazmat „Sprawiedliwych” i film „W ciemności” Agnieszki Holland, in: „Studia Litteraria Historica” 2012, Nr. 1, S. 3, abgerufen am 15.05.2016.
[13] Marcin Rafałowicz, Na granicy misterium, in: „Rzeczpospolita” 20.10.2009, S. 2.
[14] Jan Żaryn, Zapomniani bohaterowie, in: „Rzeczpospolita” 27.11.2009, S. 2.
[15] Siehe u.a. Marek Haltof, Polish Film and the Holocaust. Politics and Memory, New York 2012; Malgorzata Pakier, The Construction of European Holocaust Memory: German and Polish Cinema after 1989, Frankfurt am Main et al. 2013; Michael Zok, Die Darstellung der Judenvernichtung im Film, Fernsehen und politischer Publizistik in der Volksrepublik Polen 1968-1989, Marburg 2015 (= Studien zur Ostmitteleuropaforschung Nr. 32) – Anmerkung der Redaktion.
[16] Angaben laut Agnieszka Haska, Na marginesie serialu Sprawiedliwi, czyli (prawie) cała Polska ratuje Żydów, in: „Zagłada Żydów. Studia i Materiały” 2010, Nr. 6, S. 410.
[17] Żegota – Deckname für den Hilfsrat für Juden (polnisch: Rada Pomocy żydom). Die Żegota wurde vom polnischen Untergrundstaat eingerichtet und war von Dezember 1942 bis Januar 1945 im deutsch besetzten Polen aktiv. Fünf polnische sowie zwei jüdische Organisationen waren in der Führung der Żegota vertreten. Repräsentant des Żydowski Komitet Narodowy (Jüdisches Nationalkomitee) war Adolf Abraham Berman, der als Sekretär der Żegota fungierte. Die jüdische Arbeiterpartei Bund war durch Leon Feiner (zunächst Vizevorsitzender, späterer Vorsitzender der Żegota) vertreten. – Anmerkung der Redaktion.
[18] Piotr Zychowicz, Serial TVP o bohaterach Żegoty, in: „Rzeczpospolita” 05.02.2010, S. A9.
[19] Piotr Zychowicz, Serial o polskich bohaterach, in: „Rzeczpospolita” 17.03.2010, S. A8.
[20] Piotr Zychowicz, Serial TVP o bohaterach Żegoty, in: „Rzeczpospolita” 05.02.2010, S. A9.
[21] Irena Sendler: Mitglied der Żegota, rettete zahlreiche jüdische Kinder im Zweiten Weltkrieg aus dem Warschauer Ghetto – Anmerkung der Redaktion.
[22] Das ganze Gespräch kann in der Mediathek des dritten Programms (Trójka) nachgehört werden.
[23] Wojciech Krzyżaniak, Siedem wieczorów Sprawiedliwych, in: „Gazeta Wyborcza” 03.12.2012, S. 16.
[24] Marek Markowski, Nie szukam ciemnych stron, in: „Gazeta Wyborcza” 14.05.2010, S. 4.
[25] Siehe Antoni Sułek, Pamięć Polaków o zbrodni w Jedwabnem, in: „Nauka” 2011, Nr. 3, S. 39-49; Jowita Wiśniewska, Opinie na temat mordu w Jedwabnem. Społeczne reperkusje książki Jana Tomasza Grossa „Sąsiedzi”, in: Żydzi – problem prawdziwego Polaka; Ireneusz Krzemiński (Hrsg.), Wydawnictwa UW, Warszawa 2015, S. 95-122.
[26] Ebd., S. 41.
[27] Jan Grabowski, Prawda leży w mogiłach, in: „Więź” 2011, Nr. 8-9, S. 103.