web_schulz_201709_00_einfuehrung.jpg

Proll, Baader und Ensslin während des Prozesses, Oktober 1968

Horst Soehnlein lights a big cigar as Thorwald Proll, Andreas Baader and Gudrun Ensslin, from left to right, watch him, during the opening of the department store - arsonist - trial in Frankfurt am Main, West Germany, October 14, 1968, Foto: Peter Hillebrecht, © picture alliance/AP Images

Einführung
Zur Geschichte der Roten Armee Fraktion und ihrer Kontexte
von
Jan-Hendrik Schulz
Druckversion

Veröffentlicht am 12. September 2017

Einleitung

Die ursprüngliche Idee einer umfangreichen, online zugänglichen RAF-Chronik entstand in der Redaktion von Zeitgeschichte-online im Frühling/Frühsommer 2007 anlässlich der in Medien und Politik geführten Debatte zum 30. Jahrestag des „Deutschen Herbstes“. Eine solche Chronik sollte nicht zuletzt einen strukturierenden Beitrag zu der damaligen Fülle an neuen Publikationen zum Thema „RAF“ und ihren Aspekten leisten. Heute scheint sich – trotz der Tatsache, dass die Ereignisse von 1977 bereits 40 Jahre zurückliegen – die damalige, zum Teil kontrovers geführte Debatte zwischen ZeitzeugInnen, JournalistInnen, PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen um das Phänomen etwas abgekühlt zu haben. Es bietet sich  an, diesen Zeitpunkt zu „nutzen“, um einen erneuten, distanzierteren Blick auf die Geschichte der RAF zu werfen. Die nun vollständig überarbeitete und um zahlreiche Aspekte erweiterte Chronik soll in diesem Sinne einen Überblick zur langen Geschichte der RAF seit der Studentenrevolte von 1968 bis hin zur Auflösung der Gruppe im April 1998 bieten; auch gegenwärtig geführte Debatten und Kontroversen sollen nicht unberührt bleiben.

Kommentare

Fünf ZeithistorikerInnen stellen parallel zur Chronik ihre Forschungsmeinungen in Form von Kommentaren vor.
Die Kommentare sollen die RAF-Chronik mit unterschiedlichen, aktuellen Positionen aus der Geschichtswissenschaft bereichern und zu einer inhaltlichen Abrundung des Schwerpunkts beitragen. Bei den Kommentaren handelt es sich – darauf sei ausdrücklich hingewiesen – um persönliche Positionen der jeweiligen AutorInnen; diese müssen nicht zwangsläufig miteinander übereinstimmen. Ziel des Schwerpunkts ist es letztlich auch, einen aktuellen Überblick über verschiedene gegenwärtige Forschungsansätze darzustellen.

Einleitend geht Klaus Weinhauer auf den aktuellen Stand der Terrorismusforschung in der Geschichts- und Sozialwissenschaft ein. Der Bielefelder Historiker diskutiert in seinem Kommentar Arbeitsdefinitionen und Phasenmodelle zum gesellschaftlichen Phänomen des Terrorismus. Zudem skizziert er bislang noch unbearbeitete Forschungsfelder. Die ausführliche Literaturauswahl am Schluss des Beitrags soll einen Überblick über die neuesten Publikationen zum Thema seit dem Jahr 2010 geben. Grundsätzlich soll Weinhauers Beitrag auch für „fachfremde“ InteressentInnen Einstiegsmöglichkeiten in den mittlerweile sehr komplex erforschten Themenbereich aufzeigen.

Johannes Hürter befasst sich in seinem Kommentar mit der Thematik der Anti-Terrorismus-Politik in der Bundesrepublik vor und nach der Zäsur des „Deutschen Herbstes“. Dabei geht er der Frage nach, ob die Reaktionen des bundesdeutschen Staates auf die Aktivitäten der RAF als „Überreaktion“ zu bewerten seien oder doch eher von einer rationalen staatlichen „Krisenbewältigungs- und Maßnahmenpolitik“ gesprochen werden könne. Der Kommentar bietet ein übersichtliches Phasenmodell, in dem die wichtigsten Entwicklungen der staatlichen Anti-Terrorismus-Politik in der Bundesrepublik nachgezeichnet werden.

Gisela Diewald-Kerkmann thematisiert in ihrem Kommentar den Umgang der bundesdeutschen Justiz mit politisch-motivierten Angeklagten, die sich der RAF zurechneten; aus Sicht der Justiz bedeutete diese Konfrontation eine neue Herausforderung. Am Beispiel des Stammheimer Verfahrens gibt die Bielefelder Historikerin einen Überblick über die Reaktionen und Maßnahmen von Gesetzgeber und Judikative; diese hätten letztlich, wie die Autorin am Beispiel der „Anti-Terror-Gesetze“ zeigt, eine Erschütterung des „gesamte[n] rechtsstaatliche[n] Gefüge[s] der Bundesrepublik Deutschland“ zur Folge gehabt.

Hanno Balz versteht die RAF in seinem Beitrag primär als Medienphänomen. Balz zeigt auf, in welchem Maße die RAF im Rahmen der Konfrontation mit dem bundesdeutschen Staat auf die Massenmedien zurückgriff und somit den „Terrorismus-Diskurs“ der 1970er Jahren auch von ihrer Seite grundsätzlich mitbestimmte. Der Historiker folgt dabei der These, dass sich die RAF einer spezifischen Kommunikationsstrategie bedient habe, wobei diese über die Medien in der Öffentlichkeit Wirkung entfalten konnte. Balz zeigt in seinem Beitrag, inwieweit die Medien grundsätzlich zu einer gesellschaftlichen Polarisierung und „Frontenbildung“ zwischen Staat und RAF in den 1970er Jahren beitrugen.

Abschließend wirft Petra Terhoeven einen Blick auf die internationale bzw. transnationale Dimension der Geschichte der RAF. Die Göttinger Historikerin argumentiert in ihrem Beitrag, dass der „Deutsche Herbst“ nicht als prinzipiell westdeutsches, sondern vielmehr als westeuropäisches Phänomen zu verstehen sei. Vor allem in Italien hätten die Ereignisse um die „Stammheimer Todesnacht“ am 18./19. Oktober 1977 bei vielen Linken das negative Bild einer repressiven und „postfaschistischen“ Bundesrepublik bestätigen können. Diese Zusammenhänge wären den inhaftierten RAF-Gründungsmitgliedern durchaus bewusst gewesen; mit ihrem als „Staatsmord“ inszenierten Tod, so Terhoeven, hätten sie gezielt eine Mobilisierung von Militanten im westeuropäischen Ausland zu erreichen versucht. Die Historikerin analysiert in ihrem Beitrag die gesellschaftlichen Situation in Italien während des „Deutschen Herbstes“ und zeigt auf, welchen tatsächlichen Einfluss die Ereignisse in der Bundesrepublik auf westeuropäische Linke, insbesondere die Roten Brigaden, hatten.

Ein Periodisierungsvorschlag zur Geschichte der RAF

Die überarbeitete Chronik geht weiterhin von der Prämisse der Version von 2007 aus, dass es sich bei der RAF um ein „heterogenes, binnenstrukturell gewachsenes Phänomen“ handelte, „das als radikalisierte Strömung linker Subkulturen betrachtet werden muss“.[1] Für den Zeitraum von der Gründung der RAF 1970 bis zum „Deutschen Herbst“ des Jahres 1977, der in der geschichts- und sozialwissenschaftlichen Forschung mittlerweile sehr gut untersucht ist, wurden lediglich kleinere Ergänzungen in Form neuer Ereigniseinträge und chronik-interner Kommentare vorgenommen. In der Chronik-Version von 2007 hatten die in der Geschichte der RAF zentralen Kontexte der 1970er Jahre bereits einen großen Raum eingenommen. In der aktualisierten Version soll nun auch erstmals der Blick auf die westdeutschen und internationalen Zusammenhänge der 1980er Jahre geworfen werden.

Zwar war die RAF nach ihrer „Niederlage '77“ nicht länger zu einer ähnlichen Konfrontation mit dem bundesdeutschen Staat fähig; sie verschwand allerdings auch nicht vollkommen von der öffentlichen Bildfläche. Vielmehr blieb die Gruppe eine Akteurin in den linksradikalen Diskursen von antiimperialistischen Antifa-Gruppen, autonomen HausbesetzerInnen und militanten AtomkraftgegnerInnen; dieses diffuse und heterogene radikale Milieu hatte sich seit Anfang der 1980er Jahre im Zusammenhang mit der sogenannten „Jugendrevolte“ herausgebildet. Dabei ist anzumerken, dass in den 1980er Jahren weniger die in einem westeuropäischen Antiimperialismus-Diskurs angesiedelten Mord- und Bombenanschläge der Stadtguerillagruppe, sondern vielmehr die kontinuierlich geführten Hungerstreikkampagnen ihrer Inhaftierten eine Mobilisierung der radikalisierten Teile unterschiedlicher Protestbewegungen erreichen konnten. Der Chronik liegt deshalb ein Periodisierungsvorschlag zugrunde, der über die Zäsur des „Deutschen Herbstes“ 1977 hinaus auch den Zeitraum der 1980er und 1990er Jahre stärker berücksichtigen soll.

Gründungs- und Formierungsphase der Stadtguerillagruppe (1970-1972)

Die erste Phase der RAF setzt mit der „Baader-Befreiung“ im Mai 1970 ein. In der Folgezeit ließen sich zahlreiche RAF-Mitglieder in Ausbildungslagern im Nahen Osten paramilitärisch ausbilden. Zurück in der Bundesrepublik begannen sie, eine Logistik für den bewaffneten Kampf aufzubauen und verübten zahlreiche Banküberfälle. Gleichzeitig veröffentlichte die Gruppe mehrere programmatische Konzeptpapiere, in denen sie im Zuge des eskalierenden Vietnamkriegs den bewaffneten Widerstand gegen den „US-Imperialismus“ auch in der Bundesrepublik zu legitimieren beabsichtigten. Die konzeptionellen Überlegungen sollten während der „Mai-Offensive“ 1972 in die Praxis umgesetzt werden; innerhalb kürzester Zeit verübte die RAF mehrere Sprengstoffanschläge gegen Einrichtungen des US-Militärs, aber auch gegen „zivile“ Ziele, wie etwa den Springer-Verlag in Hamburg. Durch diese militanten Aktionen isolierte sich die RAF sowohl in der westdeutschen Bevölkerung, als auch in der außerparlamentarischen Linken. Nach zahlreichen Hinweisen aus der Bevölkerung gelang es der Polizei bis Juli 1972 den Großteil der RAF-Gründungsmitglieder zu verhaften.

Die „Gefangenenfrage“ (1973-1977)

Die zweite Phase beginnt mit den ersten RAF-Hungerstreiks im Jahr 1973, reicht über das Schlüsselereignis des Todes von Holger Meins im November 1974 und beinhaltet die darauffolgende, durch das RAF-Umfeld initiierte „Knastkampagne“ zur Freilassung der Gründungsmitglieder der RAF, die seit April 1975 im „Stammheim-Prozesses“ angeklagt waren. Ein vorläufiger Höhepunkt der RAF-Aktivitäten in dieser Zeit war die fehlgeschlagene Botschaftsbesetzung in Stockholm am 25. April 1975 durch ein Kommando der Gruppe. Nachdem Ulrike Meinhof am 9. Mai 1976 tot in ihrer Zelle aufgefunden worden war, eskalierte die Konfrontation zwischen RAF und Staat weiter. Der „Offensive '77“, die maßgeblich von der im Februar 1977 entlassenen Brigitte Mohnhaupt initiiert worden war, fielen mehrere ranghohe Persönlichkeiten aus Staat und Wirtschaft zum Opfer: am 7. April erschoss ein RAF-Kommando Generalbundesanwalt Siegfried Buback, am 30. Juli ermordete die Gruppe nach einem erfolglosen Entführungsversuch den Vorsitzenden der Dresdner Bank Jürgen Ponto und am 5. September entführte sie den Präsidenten des Arbeitgeberverbandes Hanns Martin Schleyer. Nachdem die Regierung von Helmut Schmidt gegenüber den Entführern keine Zugeständnisse machte, entführte ein palästinensisches Kommando am 13. Oktober eine Lufthansa-Maschine mit zahlreichen westdeutschen Urlaubern, um den Druck auf die Regierung zu erhöhen. Der „Deutsche Herbst“ endete mit der Geiselbefreiung der „Landshut“ in Mogadischu durch ein GSG9-Kommando am 18. Oktober 1977 und der Ermordung Schleyers durch die RAF; am nächsten Morgen wurden die Gründungsmitglieder der RAF, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, tot bzw. schwer verletzt in ihren Zellen aufgefunden.

Neuformierungsversuche einer zunehmend gesellschaftlich isolierten RAF bei gleichzeitigen mobilisierenden RAF-Hungerstreikkampagnen (1977-1992)

Unmittelbar nach ihrer „Niederlage '77“ tauchten die RAF-Mitglieder, die nicht verhaftet oder bei Schusswechseln mit der Polizei tödlich verletzt worden waren, im Ausland ab, um sich dem hohen Fahndungsdruck in der Bundesrepublik zu entziehen; in dieser Zeit unterliefen sie unter anderem eine paramilitärische Ausbildung im Jemen. Es folgte eine gruppeninterne Neuformierung, infolgedessen sich die Gruppe um Brigitte Mohnhaupt von mehreren Mitgliedern trennte. Mit Unterstützung durch das MfS erhielten die so genannten „Aussteiger“ eine neue Identität in der DDR. In die Bundesrepublik zurückgekehrt, versuchte sich die RAF auf ihre politischen Wurzeln zurückzubesinnen; dabei sollte nicht länger die „Gefangenenfrage“ im Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stehen, sondern wieder „antiimperialistische“ Aktionen gegen den „US-Imperialismus“. Als neues Feindbild galt die aggressive Außenpolitik der US-Administration unter dem neuen US-Präsidenten Ronald Reagan. Obgleich Kritik an den USA in der westdeutschen Linken zu diesem Zeitpunkt stark verbreitet war, erhielt die RAF einen aktiven Rückhalt ausschließlich bei ihren verbliebenen Unterstützern aus den „Antifa-Gruppen“. Die folgenden Anschläge gegen ranghohe US-Militärs, etwa den NATO-Oberbefehlshaber in Europa Alexander Haig  am 25. Juni 1979 sowie gegen den US-General Frederick Kroesen am 15. September 1981, scheiterten weitestgehend und konnten den erwünschten Mobilisierungseffekt nicht erzielen. Auch das „Mai-Papier“ von 1982, in dem die RAF andere westeuropäische Stadtguerillagruppen sowie die militante Linken in der Bundesrepublik für eine „antiimperialistische Front“ zu gewinnen beabsichtigte, blieb außerhalb der unmittelbaren Unterstützerszenen weitestgehend unbeachtet. Die Verhaftungen von Brigitte Mohnhaupt, Adelheid Schulz und Christian Klar im November 1982 sowie von sechs weiteren RAF-Mitgliedern im Juni 1984 brachten die Gruppe schließlich an den Rand des Zusammenbruchs. Um dieses Defizit zu kompensieren, gingen im Sommer 1984 mehrere Angehörige des „Antiimperialistischen Widerstands“, wie sich das unmittelbare militante Umfeld der RAF mittlerweile nannte, in die Illegalität. Gemeinsam mit der französischen „Action Directe“ (AD) beabsichtigte die neue RAF-Gruppe um Eva Haule, Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams – die so genannte „dritte Generation“ – das „Front-Konzept“, wie es im Mai 1982 von der RAF skizziert worden war, mit einer neuen Stoßrichtung in die Tat umzusetzen. Aus Sicht der Stadtguerillagruppen sollten sich die „legal“ lebenden Militanten in der Bundesrepublik (und bestenfalls in ganz Westeuropa) an den gemeinsamen „Offensiven“ gegen den „westeuropäischen Formierungsprozess“ unter Schirmherrschaft des „US-Imperialismus“ beteiligen. Im Zuge des RAF-Hungerstreiks 1984/85, der ausdrücklich auf die militante Mobilisierung des radikalen Milieus ausgerichtet war, gelang es der RAF zwar, das antiimperialistische Unterstützerumfeld der RAF-Gefangenen zu zahlreichen militanten Anschlägen zu mobilisieren; darüber hinaus wurden die zunehmend enthemmten Bomben- und Mordanschläge der RAF und AD, denen im Frühjahr 1985 der Direktor des französischen Verteidigungsministerium Réné Audran und der Vorstandsvorsitzende der Motoren- und Turbinenunion Ernst Zimmermann zum Opfer fielen, auch bei den meisten Linksradikalen mit großer Skepsis gesehen. Vollends isolierte sich die RAF mit der Ermordung des US-Soldaten Edward Pimental, der lediglich wegen seiner Identifikationskarte getötet worden war; der Ausweis wurde für einen verheerenden Bombenanschlag auf der Rhein-Main Air Base in Frankfurt benötigt, für den sich sowohl die RAF als auch die AD verantwortlich zeigten. Die von beiden Gruppen gemeinsam geführte „Offensive 86“ gegen den „militärisch-industriellen Komplex“, bei der der Siemens-Manager Karl-Heinz Beckurts im Juli, der Diplomat Gerold von Braunmühl im Oktober sowie der Direktor von Renault George Besse im Dezember 1986 getötet wurden, konnte außerhalb des zunehmend radikalisierten antiimperialistischen Umfelds der RAF, etwa bei den „Autonomen“, keine mobilisierende Wirkung mehr entfalten. Spätestens nach der Verhaftung der Mitglieder der Action Directe in Frankreich im Frühjahr 1987 lässt sich von einem faktischen Scheitern des „Front-Konzepts“ sprechen. In der Folgezeit gelang es dem Unterstützerumfeld der RAF-Gefangenen allerdings im Zusammenhang mit dem Hamburger „Initiativkreis für den Erhalt der Hafenstraße“ ein Bündnis zu organisieren, das nicht nur Unterstützung im antiimperialistischen und autonomen Spektrum erfuhr, sondern auch Fürsprecher im linksliberalen und humanistischen Lager, etwa in der Grünen Partei, gewinnen konnte. Während des RAF-Hungerstreiks 1989 gelang dem Bündnis eine bundesweite Mobilisierung für die zentrale Forderung der RAF-Gefangenen nach „Zusammenlegung in große Gruppen“. Nach dem relativen Scheitern dieses letzten großen Hungerstreiks begann die RAF nach dem Mauerfall eine neue Offensive, bei der unter anderem  Alfred Herrhausen, Vorsitzender der Deutschen Bank, und Detlef Karsten Rohwedder, Vorsitzender der Treuhandanstalt, im November 1989 bzw. im April 1991 ermordet wurden. Auch vor dem Hintergrund des Erosionsprozesses ihrer Unterstützerszenen erhielt die RAF seit Ende der 1980er Jahre nur noch wenig aktive Unterstützung aus dem linken Spektrum.

Deeskalationsbemühungen bei gleichzeitigen Auflösungstendenzen (1992-1998)

Anfang 1992 schaltete sich Justizminister Klaus Kinkel in die Diskussion um eine frühzeitige Freilassung einiger langjährig inhaftierter sowie schwerkranker RAF-Gefangener ein. Die „illegale RAF“ reagierte mit ihrem „April-Papier“ und kündigte an, die „Eskalation zurückzunehmen“. Wenig später befürwortete die einzige Überlebende der „Stammheimer Todesnacht“, Irmgard Möller, die Bestrebungen der „illegalen RAF“, wobei sich im Umfeld der RAF-Gefangenen erste Spaltungstendenzen zu der Deeskalationserklärung abzeichneten. In ihrem „Juni-Papier“ bekräftigte die „illegale RAF“ den Verzicht auf „bewaffnete Aktionen“, in ihrem „August-Papier“ räumte sie das Scheitern des im „Mai-Papier“ von 1982 propagierten „Front-Konzeptes“ ein. Die Celler RAF-Inhaftierten um Karl-Heinz Dellwo schlossen sich Ende Oktober 1992 den „Illegalen“ an. Die Mitglieder der „illegalen RAF“ unterstrichen ihre Deeskalationsstrategie mit einem Sprengstoffanschlag auf die JVA Weiterstadt am 27. März 1993 – offensichtliches Ziel der Aktion war die Verursachung von Sachschäden, ohne dabei Menschen zu verletzen. Drei Monate später ereignete sich der Zwischenfall in Bad Kleinen, bei dem der RAF-Angehörige Wolfgang Grams und der GSG9-Beamte Michael Newrzella zu Tode kamen. Zudem wurde Birgit Hogefeld verhaftet. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass Klaus Steinmetz, ein Agent des Verfassungsschutzes, der seit Jahren im militanten RAF-Umfeld aktiv war, die Behörden auf die Spur der RAF gebracht hatte. Auch vor diesem Hintergrund erklärten die RAF-Gefangenen um Mohnhaupt den „Bruch“ zu den „Illegalen“ und den mit ihnen sympathisierenden „Celler Gefangenen“; Mohnhaupt kritisierte zudem die zunehmende „Entpolitisierung“ der Stadtguerillagruppe und die aus ihrer Sicht fragwürdige Verknüpfung zwischen bewaffnetem Kampf und „Gefangenenfrage“. Konkret unterstellte sie den „Illegalen“, „Geheimverhandlungen“ im Rahmen der Kinkel-Initiative über das Schicksal der RAF-Gefangenen eingegangen zu sein. Dies stritten die „Illegalen“ in einer Antwort vom November 1993 vehement ab und bezeichneten die Abspaltung als „Todesstoß“ für ihren politischen Zusammenhang. Im März 1994 bekräftigen die „Illegalen“ ein weiteres Mal den Verzicht auf Anschläge und gaben als neues Ziel den Aufbau einer „Gegenmacht von unten“ an. Eine Verständigung zwischen den unterschiedlichen Fraktionierungen erschien nicht länger möglich. In den Folgejahren wurden aufgrund der Kinkel-Initiative mehrere RAF-Inhaftierte entlassen; im April 1998 erklärten die „Illegalen“ das „Projekt RAF“ für beendet.


[1] Jan-Hendrik Schulz, Einführung: Zur Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF) und ihrer Kontexte. Eine Chronik, in: Zeitgeschichte-online, Mai 2007.