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Filmteller für 70mm-Film in einem IMAX-Theater

Filmteller für 70mm-Film in einem IMAX-Theater, 18. Juli 2008, Foto: Rouven David Naßl, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Fiktionale Produktionen: RAF, Linksterrorismus und „Deutscher Herbst“ im Film
Eine kommentierte Filmographie (1967–2007)
von
Anna Pfitzenmaier
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   1967


Tätowierung
(Drama, Jugendfilm)
Regie: Johannes Schaaf Drehbuch: Günter Herburger, Johannes Schaaf Kamera: Wolf Wirth Musik: George Gruntz Darsteller: Helga Anders, Christof Wackernagel, Rosemarie Fendel, Tilo von Berlepsch, Heinz Meier, Heinz Schubert, Wolfgang Schnell, Alexander May Produktion: BRD 1967 Länge: 86 min erhältliche Fassung: VHS, Filmkopie: nichtkommerzielle Ausleihe (unter dem Titel Der Täter ist unter uns)

Das Kinodebüt des Film- und Theaterregisseurs Johannes Schaaf (später u.a. Regisseur von Momo) erzählt die Geschichte des 16-jährigen Außenseiters Benno, der von einem Industriellen- Ehepaar aus einem West-Berliner Jugendheim heraus adoptiert wird (zuvor hatte er eine Waffe gestohlen). Er beginnt eine Lehre als Koch, fühlt sich aber zunehmend unwohl in dem bildungsbürgerlichen Milieu seines neuen Zuhauses – die demonstrativ verständnisvolle und fürsorgliche Haltung der Adoptiveltern empfindet er als aufgesetzt und ihre belehrenden Erziehungsbemühungen (von Grundlagen der deutschen Literatur bis zu bürgerlichen Verhaltensregeln) sind ihm zuwider. Vielmehr fühlt er sich zur Welt des Kleinkriminellen Sigi hingezogen und bandelt mit Gaby an, der Adoptivtochter des Ehepaars; auch bei der Arbeit demonstriert er unangepasstes Verhalten. Der Versuch, Benno in die bürgerliche Welt zu integrieren, misslingt zunehmend und endet schließlich in einer Katastrophe – als Gaby ihn fallen lässt, erschießt Benno den Adoptivvater mit der zu Beginn gestohlenen Waffe.

Tätowierung ist ein Film, der die Befindlichkeiten der Jugend im geteilten Berlin am Vorabend der Studentenbewegung einfängt. Eine Thematisierung von politischer Rebellion findet dabei nicht explizit statt, eher kommen authentisch wirkende Bilder der Jugendkultur wie eine unterschwellige, aber omnipräsente Protesthaltung und konfliktgeladene Unzufriedenheit zum Ausdruck. Über eine indirekte Thematisierung von Rebellion stellt Tätowierung insofern eher unfreiwillig einen direkten Bezug zum späteren bundesdeutschen Terrorismus her: Der Hauptdarsteller Christof Wackernagel wurde später selbst aktives RAF-Mitglied. 1977 wurde er in Amsterdam festgenommen und 1980 zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. In der Haft distanzierte er sich jedoch bald von der RAF und konnte noch vor seiner vorzeitigen Haftentlassung 1987 wieder seinen Aktivitäten als Schauspieler und Autor nachgehen.

 

In der narrativen und filmästhetischen Machart eher unkonventionell gehalten, ist der Film dem Umfeld des Neuen deutschen Films zuzuordnen. Bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 1968 erhielt er mehrere Preise (Filmband in Gold für den besten Film, Alexander May für den besten Schauspieler und Johannes Schaaf für die beste Regie).

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0062408/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%A4towierung_(Film)
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/2a/Uebersicht,,,,,,,,A268C47E6B24421B9D7962E400178A1B,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/sch_einzeln/schaaf_johannes/taetowierung.htm
Der Film beim DIF, Sozialgeschichte des deutschen Films:
http://www.deutsches-filminstitut.de/sozialgeschichte/mov/f011.htm

 

1969


Brandstifter
(Fernsehfilm, WDR-Produktion)
Regie: Klaus Lembke Drehbuch: Klaus Lembke Kamera: Robert von Ackern Darsteller: Margarethe von Trotta, Iris Berben, Veith von Fürstenberg, Christian Friedel, Dieter Noss, Georg Alexander, Marquard Bohm Produktion: BRD 1969 Länge: 65 min erhältliche Fassung:

Dieser Fernsehfilm ist im Umfeld der Studenten-Unruhen und der APO 1968 angesiedelt und thematisiert indirekt die Ursprünge der RAF, indem er die Radikalisierung einzelner Studenten darstellt.

Den Worten, nicht nur Flugblätter zu verbreiten, sondern aktiv „die autoritären Strukturen bloßzulegen“, beschließt Anka, Taten folgen zu lassen. Sie deponiert im Alleingang einen Brandsatz in einem Kölner Kaufhaus – eine Außenseiter-Geschichte, die deutlich Bezug nimmt auf die Brandanschläge auf zwei Kaufhäuser in Frankfurt a.M. im April 1968 durch Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Söhnlein und Thorwald Proll. Die Hauptfigur des Films wird ebenfalls durch die Polizei gefasst.

Die Orientierung an tatsächlichen Begebenheiten ist kaum zufällig, zumal Regisseur Klaus Lembke mit Andreas Baader bekannt war. Der Film versucht allerdings insbesondere durch eine Verlegung der Geschehnisse nach Köln einen fiktionalen Abstand herzustellen. Darüber hinaus stellt er eine aufschlussreiche Bestandsaufnahme der politischen Gemengelage zwischen Spaßguerilla, Hochschulpolitik, Eskapismus und Radikalisierung sowie einen Einblick in zeitgenössische Lebensgefühle und Gedankenwelten dar. Die dokumentarisch-experimentelle und selbstreflexive Filmästhetik ist ebenfalls typisch für den zeitgenössischen Kontext. Bei dem im Film verwendeten Brandsatz handelt es sich angeblich um ein Requisit aus dem Agit-Prop- Film Herstellung eines Molotow-Cocktails (der Holger Meins zugeschrieben wird).

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0064108/

 

1970


Bambule
(Drama, Literaturfilm, Fernsehspiel/SWF)
Regie: Eberhardt Itzenplitz Drehbuch: Ulrike Meinhof Kamera: Ulrich Burtin Darsteller: Petra Redinger, Christine Diersch, Dagmar Biener, Helge Henning, Barbara Schöne, Antje Hagen, Marlene Riphahn Produktion: BRD 1970 Länge: 90 min erhältliche Fassung: Fernsehmitschnitt

Bambule thematisiert die Situation von Heimkindern Ende der 1960er-Jahre und kritisiert die autoritären Methoden der Heimerziehung. Der Film schildert den Alltag in einem Berliner Mädchenheim, der geprägt ist von permanenten Konflikten, Rufen nach Freiheit, Widerstand gegen die Oberaufpasserin, Widersetzungen und meist misslingenden Fluchtversuchen. Formen des Widerstands finden dabei Ausdruck in Musik, exzessiv betriebenem Rauchen und Krach bzw. „Bambule machen“ (was der Gaunersprache entstammt und das Trommeln mit allen möglichen Gegenständen innerhalb und außerhalb von Gefängniszellen als Ausdruck von Protest bezeichnet). Als schlimmer werden nur noch die Zustände in kirchlichen Heimen beschrieben. Aber Alternativen sind nicht einfach zu bekommen – einem Mädchen, Irene, gelingt die Flucht; nach einigen Versuchen, im Leben draußen Fuß zu fassen, die sich als völlig perspektivlos erweisen, kehrt sie jedoch freiwillig wieder zurück. Und Frau Lack, die liberalere Vorstellungen von Erziehung mit- und den Mädchen Verständnis entgegenbringt, steht zwischen den Stühlen ihrer erzieherischen Aufgaben und der Unterstützung der Mädchen – auch hier gibt es keine eindeutigen Antworten und kaum Perspektiven. Am Ende geben die unangepassten Hauptprotagonistinnen ein klares Plädoyer für Aufstand und „Bambule machen“. Dabei erklären sie, man müsse nur wissen, was man wolle, um eine „Aktion zu machen“. Nur indem man „Terror mache“, könne man rauskommen – wer sich füge und anpasse, werde bald vergessen. So ist die letzte Frage des Films – „Wer hat heute Nachtdienst?“ – eine deutliche Bejahung von Aktion und Revolte gegen bestehende Strukturen.

Der Film wurde im Auftrag des Südwestfunks von Ulrike Meinhof produziert, die das Drehbuch geschrieben hatte. Da diese sich zehn Tage vor der Erstausstrahlung an der Befreiung von Andreas Baader beteiligte, landete der Film 1970 im „Giftschrank“ des SWF und wurde erst am 24. Mai 1994 gesendet. Das Drehbuch erschien 1971 unter dem Titel Bambule. Fürsorge – Sorge für wen? bei Wagenbach.

Der Film in der IMDb:

http://german.imdb.com/title/tt0065449/

 

1975


Die verlorene Ehre der Katharina Blum
(Drama, Literaturverfilmung)
Regie: Volker Schlöndorff unter Mitarbeit von Margarethe von Trotta Drehbuch: Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta; nach der gleichnamigen Erzählung von Heinrich Böll Kamera: Jost Vacano Musik: Hans Werner Henze Darsteller: Angela Winkler, Mario Adorf, Dieter Laser, Jürgen Prochnow, Karl Heinz Vosgerau, Heinz Bennent, Hannelore Hoger, Rolf Becker Produktion: BRD 1975 Länge: 106 min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie: kommerzielle und nichtkommerzielle Ausleihe

Schlöndorffs Verfilmung von Heinrich Bölls Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann (1974) ist einer der ersten Filme, die sich ab Mitte der 1970er-Jahre explizit der Thematik des Terrorismus und linksradikalen Milieus sowie der zeitgenössischen gesellschaftlichen Befindlichkeiten zuwenden. Dabei setzt er sich – wie viele Filme dieser frühen Zeit – weniger mit dem Phänomen des Terrorismus direkt als vielmehr mit der so genannten „Sympathisanten“-Problematik und dem gesellschaftlichen Umgang mit der Bedrohung durch den Terrorismus auseinander. So geht es vor allem um Fragen individuellen Handlungsspielraums und die zentrale Rolle der Medien, insbesondere der Sensations-Presse.

Katharina Blum lernt auf einer Karnevals-Party Ludwig Götten kennen, verliebt sich in ihn und nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Am nächsten Morgen wird ihre Wohnung von der Polizei gestürmt, die nach Ludwig wegen terroristischer Aktivitäten fahndet. Als Katharina sich weigert, Ludwig auszuliefern und mit der Polizei zu kooperieren, gerät sie ins Visier von Polizei und Presse. Es beginnt eine vor allem durch die Boulevard-Presse initiierte Hetz- und Verleumdungskampagne. Aber auch Polizei und Teile der Bevölkerung springen nicht gerade zimperlich mit Katharina um – es kommt zu Pauschalverdächtigungen, Verleumdung, Vorurteilen und Unterstellungen auf allen Seiten. Dabei arbeiten Journalisten und Polizei eng zusammen und wenden zweifelhafte Methoden der Informationsbeschaffung und -verwertung an. Die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem verschwimmen zunehmend, eine Privatsphäre und Würde des Einzelnen gibt es nicht mehr.

Die ästhetische Gestaltung des Filmes verstärkt die Atmosphäre von Hysterie und Paranoia. Viele Kameraeinstellungen sind aus Beobachterperspektiven gefilmt, wodurch Gefühle der Überwachung und Verfolgung hervorgerufen werden. Unterstützt wird diese Atmosphäre durch das Setting während des Karnevals, so insbesondere durch die permanente Präsenz verkleideter Personen. Durch dieses Gestaltungsmittel verschwimmen die Grenzen zwischen Bevölkerung, Terroristen, nach denen gefahndet wird, und Polizisten, die verkleidet fahnden. Die Musik wird ebenfalls oft verstärkend eingesetzt, um ein Verfolgungsszenario und eine hysterische, klaustrophobische Atmosphäre aufzubauen.

Die Einblendung der Nachworte: „Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit gewissen journalistischen Praktiken sind weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich“ lässt den Film – wie auch die Vorlage Bölls – zu einer Anklage der Berichterstattung des so genannten Sensationsjournalismus werden. Böll, selbst Opfer einer Kampagne der Springer-Presse und des „Sympathisantentums“ der linksradikalen Szene verdächtigt, nimmt in seiner Erzählung noch direkter Bezug auf die Methoden der BILD-Zeitung. Obwohl der Film eher unspektakulär und unkonventionell gehalten ist, war er in dieser frühen Zeit der finanziell wie beim Publikum erfolgreichste Film zu diesem Thema. Darüber hinaus erhielt er mehrere Preise, unter anderem den Bundesfilmpreis für Angela Winkler und Jost Vacano.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0073858/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_verlorene_Ehre_der_Katharina_Blum_%28Film%29
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/ff/Uebersicht,,,,,,,,AF809B45F8334047AA1DF47A0931F8FA,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutschesfilmhaus.de/filme_einzeln/sch_einzeln/schloendorff/verlorene_ehre_der_katharina_blum_die.htm

 

Mutter Küsters’ Fahrt zum Himmel
(Drama)
Regie: Rainer Werner Fassbinder Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder unter der Mitarbeit von Kurt Raab Kamera: Michael Ballhaus Musik: Peer Raben Darsteller: Brigitte Mira, Gottfried John, Ingrid Caven, Margit Carstensen, Karlheinz Böhm, Matthias Fuchs, Irm Hermann, Armin Meier Produktion: BRD 1975 Länge: 120 min erhältliche Fassung: DVD (113 min), Filmkopie: kommerzielle und nichtkommerzielle Ausleihe

Das einfache und völlig unpolitische Leben von Mutter Küsters gerät aus den Fugen, als sie die Nachricht erhält, dass ihr in der Fabrik arbeitender Mann dort einen Vorgesetzten erschlagen und anschließend Selbstmord begangen hat, nachdem Massenentlassungen angedroht worden waren. Sie muss hilflos mit ansehen, wie die Familie zerbricht, ein Illustrierten-Reporter ihre Gutgläubigkeit ausnützt und ihren Mann in der Öffentlichkeit als „Fabrikmörder“ hinstellt, die Tochter sich die unerwartete Publizität für ihre Karriere als Sängerin zunutze macht und sie sich selbst bald in der Einsamkeit wiederfindet. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich einem bürgerlichen und wohlhabenden Ehepaar zu, das sich in der DKP engagiert und sie für ihre Zwecke zu gewinnen weiß, indem es ihr die Rehabilitierung ihres Mannes verspricht. Mutter Küsters fühlt sich endlich ernst genommen und tritt in die Partei ein. Als dem Reden und Mitgefühl jedoch keine Taten folgen, nimmt Mutter Küsters in ihrer Naivität Kontakt zu einem „Anarchisten“ auf, der für „Aktionen“ ist. Dieser benutzt ihren Fall bei einer Besetzung der verantwortlichen Zeitungsredaktion für eine dilettantische Geiselnahme, um „alle politischen Gefangenen in der BRD“ freizupressen, was in einer Katastrophe endet.

Eine ursprünglich für den US-amerikanischen Markt produzierte Fassung bietet ein grundlegend anderes Ende: Nachdem die Sinnlosigkeit eines Sitzstreiks in der Zeitungsredaktion bald offenkundig wird und Mitarbeiter wie Aktivisten nacheinander nach Hause gehen, wird die zurückgebliebene Mutter Küsters vom Hausmeister dazu bewegt, doch mit ihm - er ist ebenfalls allein – nach Hause zum Abendbrot zu gehen, worauf sie dankbar eingeht.

Der Film wurde von einigen Seiten als pauschalisierende Abrechnung Fassbinders mit der Frankfurter Gesellschaft und der Linken kritisiert und Fassbinder als unpolitischer Reaktionär und Verräter angegriffen. Der Titel stellt eine deutliche Anspielung auf den erfolgreichsten proletarischen Film der Weimarer Republik dar, Mutter Krausens Fahrt ins Glück (1929), der das Elend des Proletariats einfangen wollte. Darin erzählte Phil Jutzi die Geschichte einer Frau, die im Berlin der Weltwirtschaftskrise aus Verzweiflung Selbstmord begeht. Doch während bei Jutzi dank einer machtvollen Arbeiterbewegung Grund zur Hoffnung besteht, ist Fassbinders Hommage eine pessimistische Absage an die zeitgenössische Befindlichkeit der kommunistischen Bewegung und ihrer Nachfahren, die längst im Wohlfahrtsstaat angekommen sind.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0073424/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/68/Uebersicht,,,,,,,,75B63242A6124EE9BD015FDF006CB751,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/f_einzeln/fassbinder/fassbinder_mp/mutter_kuesters_fahrt_zum_himmel.htm

 

1976


Unternehmen Entebbe (Victory at Entebbe)
(Actiondrama, Fernsehfilm)
Regie: J. Marvin Chomsky Drehbuch: Ernest Kinoy Kamera: Lew Adams Musik: Charles Fox Darsteller: Helmut Berger, Theodore Bikel, Linda Blair, Kirk Douglas, Richard Dreyfuss, Stefan Gierasch, David Groh, Julius Harris, Helen Hayes, Anthony Hopkins, Burt Lancester, Elisabeth Taylor Produktion: USA 1976 Länge: 119 min erhältliche Fassung: VHS

Dieser mit zahlreichen bekannten Gesichtern besetzte US-amerikanische Spielfilm war der erste von drei Filmen, die sich bereits unmittelbar im Anschluss filmisch mit der Flugzeugentführung von Entebbe auseinandersetzten (siehe vergleichend Operation Thunderbolt [Mitsva Jonatan] und …die keine Gnade kennen [Raid on Entebbe], beide 1977). 1976 war eine Maschine der Air France auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris von einem palästinensischen Terror-Kommando zusammen mit den zwei deutschen RZ-Terroristen, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, entführt und nach Entebbe, Uganda umgeleitet worden. Die Entführer forderten die Freilassung von 53 weltweit inhaftierten Terroristen, darunter jeweils drei Mitglieder der RAF und der Bewegung 2. Juni. Die israelische Regierung ging dabei zwar auf die Möglichkeit der Verhandlung ein, ohne dass jedoch tatsächliche Optionen einer Einigung geschaffen worden wären; schlussendlich stürmte eine Spezialeinheit der israelischen Luftwaffe das Flughafengebäude in Entebbe und befreite die Geiseln. Ein besonderer Vorgang im Laufe der Geiselnahme war, dass jüdische von nichtjüdischen Passagieren getrennt wurden, wodurch vielerorts Reminiszenzen an nationalsozialistische Denkmuster wach wurden.

Die Umsetzung des Stoffes orientiert sich weitgehend an den Ereignissen von 1976. Dabei werden jedoch auch einige fiktive Elemente und Charaktere eingeflochten, so ein als Hauptfigur agierendes junges jüdisches Mädchen, das sich allein auf der Reise befindet und dessen Eltern in Israel um die Rettung der Tochter bangen. Der deutsche Terrorist Wilfried Böse wurde – wie auch in den anderen beiden Verfilmungen – mit einem deutschen Schauspieler, hier Helmut Berger, besetzt, wodurch Realitätsnähe suggeriert werden soll. Hauptsächlich werden drei Narrationsebenen im Lauf des Films verfolgt: die Geschehnisse in der Air-France-Maschine, die Entscheidungsprozesse der israelischen Regierung und die militärische Befreiung der Geiseln – eine Struktur, die weitgehend auch in den anderen beiden Filmen anzutreffen ist. Eine weitere Gemeinsamkeit mit den beiden übrigen Verfilmungen ist die Umsetzung im Format eines Dramas, das seine Narrationsebenen anhand von Schicksalen einzelner Figuren entwickelt. Der Film Chomskys weist darüber hinaus Elemente des Action-Genres wie des Melodrams auf.

Die Darstellung des israelischen Staates und der israelischen Regierung fokussiert eine kleine, exklusive Schaltzentrale der Macht oder eines Krisenstabes; eine Form von Öffentlichkeit taucht im Film nicht auf. Augenfällig ist dabei auch, dass im Gegensatz zur israelischen Produktion Operation Thunderbolt (Mitsva Jonatan) die Handlungsspielräume der israelischen Regierungen als sehr begrenzt und die schließlich gewählte militärische Option als äußerst riskant erscheint. Auch sonst beschränkt sich der Film auf einige wenige Schauplätze, was jedoch wohl vor allem dem Produktionshintergrund wie der Genrezuordnung geschuldet ist. Als besonders dramatisch wird die Trennung der jüdischen von den nichtjüdischen Passagieren gestaltet, die explizit mit der Selektion in Auschwitz verglichen wird. Auch mehrere Dialoge und die Figur eines ehemaligen KZ-Häftlings, der den Terroristen seine auf den Arm tätowierte KZ-Nummer zeigt, greifen die Problematik antisemitischer Kontinuitäten auf.

Interessant ist darüber hinaus in Bezug auf die drei Verfilmungen der Entebbe- Flugzeugentführung wie auf ihre generelle Wahrnehmung, dass die damaligen Geschehnisse von 1976 im Gedächtnis Israels wie der Vereinigten Staaten sehr präsent sind, wohingegen dieses Kapitel der Terrorismus-Geschichte in der Bundesrepublik lange in Vergessenheit geraten ist und zumeist durch die Flugzeugentführung der „Landshut“ nach Mogadischu 1977 überlagert wird, die erst 20 Jahre nach den Ereignissen in Todesspiel (1997, siehe dort) erstmals filmisch verarbeitet wurden.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0075391/

 

Paradies – Eine imperialistische Tragikomödie
(Tragikomödie)
Regie: Zelimir Žilnik Drehbuch: Zelimir Žilnik Kamera: Andrej Popovic Musik: Pedja Vranesevic & Sparifankel Darsteller: Michael Straleck, Dan van Husen, Gisela Siebauer, Natasa Stanojevic, Filiz Jakub Produktion: BRD 1976 Länge: 65 min erhältliche Fassung: VHS

In dieser Tragikomödie oder auch Politfarce nähert sich der serbische Regisseur Zelimir Žilnik dem Thema Terrorismus provokant und parodistisch. Eine Unternehmerin und Konzernchefin, die kurz vor dem Firmenbankrott steht, beauftragt einige laienhafte Terroristen mit ihrer Entführung, um ihnen die Verantwortung für ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten zuzuschieben. Nach einigen Wochen in der Hand der Entführer, so der Plan, kann der Bankrott der Firma als Fremdverschulden und sie selbst als Gegnerin der destruktiven, anarchistischen Kräfte dargestellt werden.

Inspiriert wurde der Film angeblich durch die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz, Spitzenkandidat für das Bürgermeisteramt in West-Berlin, durch die Bewegung 2. Juni am 27. Februar 1975. Nachdem die Bundesregierung auf die Forderungen der Entführer eingegangen war, wurden fünf Inhaftierte (Horst Mahler hatte das Angebot abgelehnt) in den Jemen ausgeflogen, und Lorenz wurde freigelassen.

Paradies ist einer der beiden Filme, die Žilnik, der heute zu den einflussreichsten europäischen Dokumentarfilmern gezählt wird und das Format des „Doku-Dramas“ maßgeblich mit entwickelt hat, in der Bundesrepublik drehte. Žilnik hatte 1973 wegen seiner filmischen Arbeit in Jugoslawien Berufsverbot erhalten und war daraufhin in die Bundesrepublik gekommen. Seine radikale und sarkastisch-humoristische Demontage der Terrorismusgefahr wirkte im oft hysterischen Klima Mitte der 1970er-Jahre jedoch ähnlich staatsfeindlich wie das „Sympathisantentum“ und brachte ihn in Konflikt mit der bundesdeutschen Justiz: Sein Visum wurde nicht verlängert, woraufhin er das Land verlassen musste. Der zweite in der Bundesrepublik 1974 entstandene Film, Öffentliche Hinrichtung (9 min), wird ebenfalls oft im Kontext von RAF und Terrorismus angeführt; er besteht aus einer Montage von polizeilichem Dokumentationsmaterial und Nachrichtenbildern einer Geiselnahme und versucht damit, die Fernsehberichterstattung über den Terrorismus als propagandistisch zu demontieren und sich kritisch mit Fragen der Gewalteskalation und Verbrechensbekämpfung auseinanderzusetzen.

Der Film in der IMDb:
http://www.imdb.com/title/tt0177090/
Der Regisseur Zelimir Žilnik bei Wikipedia:
http://en.wikipedia.org/wiki/%C5%BDelimir_%C5%BDilnik

 

1977


Das zweite Erwachen der Christa Klages
(Drama)
Regie: Margarethe von Trotta Drehbuch: Margarethe von Trotta, Luisa Francia Kamera: Franz Rath Musik: Klaus Doldinger Darsteller: Tina Engel, Silvia Reize, Katharina Thalbach, Marius Müller-Westernhagen, Peter Schneider, Erika Wackernagel Produktion: BRD 1977 Länge: 88 min erhältliche Fassung: VHS, Filmkopie: nichtkommerzielle Ausleihe

Die junge Kindergärtnerin Christa überfällt gemeinsam mit zwei Männern eine Bank in München, um einen Kinderladen finanziell vor der Schließung zu bewahren. Nur Christa und einem der Männer gelingt die Flucht, die sich jedoch zu einer verzweifelten Odyssee entwickelt und in deren Verlauf der Mittäter schließlich erschossen wird. Darüber hinaus will der Kinderladen das Geld nicht annehmen. Inzwischen macht sich die Bankangestellte und Geisel Lena auf die Suche nach Christa, um deren Identität zu ermitteln. Christa taucht in Portugal unter, aber auch dort kommt ihre Vergangenheit bald ans Tageslicht, und sie kehrt nach Deutschland zurück, wo sie schließlich verhaftet wird – es kommt zu einer Gegenüberstellung, bei der Lena jedoch leugnet, sie als die Täterin wiederzuerkennen.

Das zweite Erwachen der Christa Klages thematisiert Fragen der sozialen Verantwortung, deren Verwirklichung und der Handlungsspielräume des Einzelnen. Darüber hinaus wird der Kampf Christas gegen die Ablehnung von verschiedenen Seiten dargestellt. Der Film bemüht sich, Pauschalverurteilungen und Schwarz-Weiß-Linien zu vermeiden. Dabei bleibt er dem Phänomen des gewaltbereiten Terrorismus gegenüber weitgehend indifferent, wenn nicht sogar hilflos. Deutlich spürbar sind vor allem die feministische Perspektive und die Anknüpfung der Regisseurin an Ansätze des Autorenfilms bzw. Neuen deutschen Films.

Margarethe von Trotta erhielt für diesen Film, der ihr Regiedebüt war, den Bundesfilmpreis (Filmband in Silber, bester Film).

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0078536/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/03/Uebersicht,,,,,,,,CE0BC8889EEE4B0A9C13E4DE172ED0CD,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutschesfilmhaus.de/filme_einzeln/t_einzeln/trotta_margarete/zweite_erwachen_der_christa_klages_das.htm

 

Operation Thunderbolt (Mitsva Jonatan)
(Action, Drama)
Regie: Menahem Golan Drehbuch: Clarke Reynolds, Menahem Golan Kamera: Adam Greenberg Musik: Dov Seltzer Darsteller: Sybil Danning, Klaus Kinski, Assaf Dayan, Rachel Marcus, Arik Lavi, Mark Heath, Yehoram Gahon, Yitzak Rabin, Yigal Allon, Shimon Peres Produktion: IL 1977 Länge: 124 min erhältliche Fassung: VHS

Neben zwei US-amerikanischen Produktionen ist dieser israelische Spielfilm des Regisseurs Menahem Golan der dritte, der sich filmisch mit der Flugzeugentführung von Entebbe auseinandersetzt (siehe vergleichend Unternehmen Entebbe [Victory at Entebbe], 1976, und …die keine Gnade kennen [Raid on Entebbe], 1977). 1976 war eine Maschine der Air France auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris von einem palästinensischen Terror-Kommando zusammen mit den zwei deutschen RZ-Terroristen, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, entführt und nach Entebbe, Uganda umgeleitet worden. Die Entführer forderten die Freilassung von 53 weltweit inhaftierten Terroristen, darunter jeweils drei Mitglieder der RAF und der Bewegung 2. Juni. Die israelische Regierung ging dabei zwar auf die Möglichkeit der Verhandlung ein, ohne dass jedoch tatsächliche Optionen einer Einigung geschaffen worden wären; schlussendlich stürmte eine Spezialeinheit der israelischen Luftwaffe das Flughafengebäude in Entebbe und befreite die Geiseln. Ein besonderer Vorgang im Laufe der Geiselnahme war, dass jüdische von nichtjüdischen Passagieren getrennt wurden, wodurch vielerorts Reminiszenzen an nationalsozialistische Denkmuster wach wurden.

Die Umsetzung des Stoffes ist deutlich bemüht, sich an den tatsächlichen Ereignissen von 1976 zu orientieren. Unterstrichen wird dieser Anspruch des Films auf Authentizität unter anderem auch dadurch, dass Yitzhak Rabin, Shimon Perez und Yigal Allon sich selbst spielen. Darüber hinaus kommen vereinzelt weitere Original- bzw. Dokumentaraufnahmen zum Einsatz, vor allem israelischer Politiker. Auch der deutsche Terrorist Wilfried Böse wurde – wie in den anderen beiden Verfilmungen – mit einem deutschen Schauspieler besetzt, hier Klaus Kinski. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Umsetzung im Format eines Dramas, das seine Narrationsebenen anhand von Schicksalen einzelner Figuren entwickelt. Darüber hinaus lässt sich der Film Golans jedoch nicht eindeutig einer Genre-Form zuordnen, sondern verbindet vor allem Strukturen des Dramas mit Elementen des Action- und des Polit-Genres.

Hauptsächlich werden drei Narrationsebenen im Lauf des Films verfolgt: die Geschehnisse in der Air-France-Maschine, die Entscheidungsprozesse der israelischen Regierung und die militärische Befreiung der Geiseln – eine Struktur, die weitgehend auch in den anderen beiden Filmen anzutreffen ist. Die Darstellung des israelischen Staates und der israelischen Regierung unterscheidet sich grundlegend im Vergleich zu der US-Produktion Chomskys, Victory at Entebbe: Während die israelische Regierung dort als abgeschlossener Zirkel erscheint, werden hier vielfältige Aktionsfelder und Personen des Staates wie der Gesellschaft berücksichtigt – von Regierungsstellen und Parlament über Pressekonferenzen und öffentliche Räume. Die schlussendliche Entscheidung für eine militärische Befreiung der Geiseln erscheint zwar riskant, aber bei weitem nicht als fast aberwitziges Unternehmen wie in Chomskys Victory at Entebbe. Darüber hinaus wird auch hier als besonders dramatisch die Trennung der jüdischen von den nichtjüdischen Passagieren gestaltet, die explizit mit der Selektion in Auschwitz verglichen wird und die Problematik antisemitischer Kontinuitäten aufgreift. Hierbei fällt vor allem die Darstellung der deutschen RZ-Terroristin Brigitte Kuhlemann auf, die augenscheinlich nationalsozialistische Stereotype bedient. Insgesamt präsentiert die israelische Produktion von Golan noch ausgeprägter den israelischen Staat und seine militärischen Kapazitäten als notwendige Konsequenz der Geschichte und einzig wirksame Möglichkeit, sich gegen den internationalen Antisemitismus zu schützen – wenngleich dieses proisraelische Deutungsmuster in allen drei Verfilmungen zum Tragen kommt.

Im Film dargestellte Konflikte und Konstellationen verlängerten sich sozusagen in die Wirklichkeit: Aufgrund der proisraelischen und projüdischen Haltung, die der Film einnimmt, kam es bei verschiedenen Aufführungen 1977 in deutschen Kinos zu Zwischenfällen: Mitglieder der RZ verübten aus Protest gegen diese Haltung des Film mehrere Brandanschläge auf Lichtspielhäuser, die den Film vorführten.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0076398/
Der Film auf Wikipedia:
http://en.wikipedia.org/wiki/Mivtsa_Yonatan_%28film%29

 

… die keine Gnade kennen (Raid on Entebbe)
(Drama/Actionthriller, Fernsehproduktion)
Regie: Irvin Kershner Drehbuch: Barry Beckerman Kamera: Bill Butler Musik: David Shire Darsteller: Peter Finch, Charles Bronson, Yaphet Kotto, Horst Buchholz, John Saxon, Jack Warden, Martin Balsam, Sylvia Sidney Produktion: USA 1977 Länge: 115 min erhältliche Fassung: VHS (120 min)

Der dritte, für das Fernsehen produzierte Spielfilm, der sich filmisch mit der Flugzeugentführung von Entebbe auseinandersetzt (siehe vergleichend Victory at Entebbe, 1976, und Operation Thunderbolt [Mitsva Jonatan], 1977), ist ähnlich prominent besetzt wie schon Victory at Entebbe. 1976 war eine Maschine der Air France auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris von einem palästinensischen Terror-Kommando zusammen mit den zwei deutschen RZ-Terroristen, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, entführt und nach Entebbe, Uganda umgeleitet worden. Die Entführer forderten die Freilassung von 53 weltweit inhaftierten Terroristen, darunter jeweils drei Mitglieder der RAF und der Bewegung 2. Juni. Die israelische Regierung ging dabei zwar auf die Möglichkeit der Verhandlung ein, ohne dass jedoch tatsächliche Optionen einer Einigung geschaffen worden wären; schlussendlich stürmte eine Spezialeinheit der israelischen Luftwaffe das Flughafengebäude in Entebbe und befreite die Geiseln. Ein besonderer Vorgang im Laufe der Geiselnahme war, dass jüdische von nichtjüdischen Passagieren getrennt wurden, wodurch vielerorts Reminiszenzen an nationalsozialistische Denkmuster wach wurden.

Auch diese Umsetzung des Stoffes ist um eine möglichst realistische Darstellung der Ereignisse von 1976 bemüht. Der deutsche Terrorist Wilfried Böse wurde – wie auch in den anderen beiden Verfilmungen – mit einem deutscher Schauspieler besetzt, hier Horst Buchholz. Hauptsächlich werden drei Narrationsebenen im Lauf des Films verfolgt: die Geschehnisse in der Air-France- Maschine, die Entscheidungsprozesse der israelischen Regierung und die militärische Befreiung der Geiseln – eine Struktur, die weitgehend auch in den anderen beiden Filmen anzutreffen ist. Eine weitere Gemeinsamkeit mit den beiden anderen Verfilmungen ist die Umsetzung im Format eines Dramas, das seine Narrationsebenen anhand von Schicksalen einzelner Figuren entwickelt. Darüber hinaus arbeitet der Regisseur Irvin Kershner jedoch vor allem mit Elementen des Action-Genres und Polit-Thrillers und bemüht sich in seiner Wirkung im Gegensatz zu den anderen beiden Umsetzungen des Stoffes weniger um Emotionen denn um den Aufbau von Spannung. Die Darstellung der Trennung der jüdischen von den nichtjüdischen Passagieren erhält auch hier einen zentralen Stellenwert. Insgesamt liefert der Film stärker als die übrigen beiden gutes mainstream-Kino und enthält sich dabei weitgehend einer Interpretation des Geschehens.

1977 wurde der Film mit dem Golden Globe in der Kategorie Bester Fernsehfilm ausgezeichnet und erhielt darüber hinaus zwei Emmy Awards, wohingegen die anderen beiden Verfilmungen zwar verschiedene Nominierungen verzeichnen konnten, aber keine Preise erhielten.

Der Film in der IMDb: http://german.imdb.com/title/tt0076594/
Der Film auf Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Raid_on_Entebbe_(tele-movie)

 

1978


Deutschland im Herbst
(Dokumentarspiel)
Regie: Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Edgar Reitz, Rainer Werner Fassbinder, Alf Brustellin, Bernhard Sinkel, Maximiliane Mainka, Peter Schubert, Hans-Peter Cloos, Katja Rupé Drehbuch: Heinrich Böll, Peter Steinbach u.a. Kamera: Michael Ballhaus, Jürgen Jürges, Bodo Kessler, Dietrich Lohmann, Jörg Schmidt-Reitwein, Colin Mounier u.a. Musik: Joseph Haydn u.a. Darsteller: Rainer Werner Fassbinder, Liselotte Eder, Armin Meier, Wolf Biermann, Horst Mahler, Katja Rupé, Hans-Peter Cloos, Vadim Glowna, Petra Kiener, Hannelore Hoger Produktion: BRD 1977/78 Länge: 116 min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie: kommerzielle Ausleihe

Der Film Deutschland im Herbst weist vor allem hinsichtlich der formalen Struktur einige Besonderheiten auf; er kann nur bedingt einer filmischen Form oder einem Genre zugeordnet werden. Für diesen Umstand findet man unterschiedliche Benennungen von „Episodenstruktur“ über „Kompilationsfilm“ oder schlicht „Collage“ bis zu „Omnibusfilm“. Diese Besonderheit ist einerseits der Vermischung von fiktionalen mit dokumentarischen Elementen geschuldet – daher auch die Bezeichnung Dokumentarspiel (im Sinne von Dokumentarfilm mit Spielteilen). Andererseits ergibt sich diese besondere Struktur aus der Beteiligung von elf namhaften deutschen Regisseuren des Neuen deutschen Films, deren Herangehensweisen stilistisch und methodisch höchst unterschiedlich sind. Auch die Gewichtung und Montage der einzelnen Beiträge ist verschieden – so besteht der Film auch nicht aus einer Aneinanderreihung von elf unabhängigen Kurzfilmen.

Darüber hinaus gilt Deutschland im Herbst als begriffsprägend: Ihm wird die Entstehung der Bezeichnung „Deutscher Herbst“ für die Ereignisse 1977 von der Schleyer-Entführung über die Selbstmorde der inhaftierten RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe in Stuttgart- Stammheim bis zur Flugzeugentführung der „Landshut“ und der Befreiung der Geiseln in Mogadischu zugeschrieben.

Inhaltlich kann er als die direkteste Reaktion unterschiedlicher Filmemacher auf die Geschehnisse im Zusammenhang mit dem „Deutschen Herbst“ bezeichnet werden. Vor allem aber versucht der Film, beobachtend wie fiktionalisierend, die politische und gesellschaftliche Stimmung in der Bundesrepublik einzufangen. Dabei fällt nicht jede Szene so drastisch aus wie die des sich selbst filmenden und angesichts der Ereignisse koksenden bis kotzenden Rainer Werner Fassbinder. So thematisiert beispielsweise Volker Schlöndorff die Grenzen zwischen Politik und Kunst wie die Deutungsoffenheit und Instrumentalisierbarkeit von Kunst (hier vor allem Angst vor derselben). Auf Alexander Kluge geht ein Zusammenschnitt dokumentarischer Aufnahmen zurück, Wolf Biermann singt und Horst Mahler kommt in der Haft sitzend zu Wort. In fiktiven Episoden geht eine Geschichtslehrerin auf die Suche nach der deutschen Geschichte und es kommt zu Szenarios der Verfolgung und Hysterie. Die einzelnen Episoden werden durch die „beiden Stuttgarter Beerdigungen“ eingerahmt – einerseits das Staatsbegräbnis für den ermordeten Hanns Martin Schleyer und andererseits die durch den Oberbürgermeister Manfred Rommel ermöglichte Bestattung der Terroristen. Die musikalische Umrahmung besteht vor allem aus einer Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen des Deutschlandlieds.

Der Film wurde 1978 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet, war jedoch beim Publikum kein großer Erfolg.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0077427/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutschland_im_Herbst
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/ce/Uebersicht,,,,,,,,EFF4418E07B442349AC9CEACC84FACE8,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/bi_bu_einzeln/brustellin_alf/deutschland_im_herbst.htm

 

Die dritte Generation
(Komödie, Satire)
Regie: Rainer Werner Fassbinder Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder Kamera: Rainer Werner Fassbinder Musik: Peer Raben Darsteller: Volker Spengler, August Brem, Hanna Schygulla, Susanne Gast, Udo Kir, Harry Baer, Rudolf Mann, Petra Vielhaber, Hilde Krieger Produktion: BRD 1978/79 Länge: 110 min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie: kommerzielle und nichtkommerzielle Ausleihe

Die Handlung entspinnt sich um eine Gruppe junger Leute in West-Berlin, die – eher aus Langeweile denn aus politischer Überzeugung – blinder Aktivismus verbindet. Als einer von ihnen erschossen wird, gehen sie in den Untergrund und planen die Entführung eines Vertreters einer amerikanischen Computerfirma, ohne zu bemerken, dass sie selbst Gegenstand von Manipulation sind – die Industrie braucht den Terrorismus, um den Absatz eines Computersystems zu steigern. Wirklich sinnvoll erscheint keine ihrer terroristischen Aktionen und Geheimtuereien; auch bei einem Banküberfall ist der Adrenalinkick am Ende fast ebenso entscheidend wie das erbeutete Geld.

Dieser Film, der in der Regel als Komödie bezeichnet wird, gibt nur bedingt Anlass zum Lachen. Er gleicht vielmehr einer Farce oder zumindest einer schwarzen Komödie. Deutlich demonstriert Fassbinder, was er vom bundesrepublikanischen Terrorismus hält: nicht viel. Nicht politische Motivationen und Idealismus, sondern Handeln um seiner selbst willen bestimmt die Figuren, denen auch ein Verständnis jedweder Ideale fehlt. Dabei entsteht Gewalt aber nicht im luftleeren Raum, sondern aus der Gesellschaft heraus, und der Terrorismus gibt dem Staat im gleichen Zuge die Legitimation, den Bürger in seinen Freiheitsrechten zu beschneiden. So ist Die dritte Generation vor allem auch ein oft stilisiert und karnevalesk wirkender Film, der gesellschaftliche und wirtschaftliche Zustände vom Überwachungsstaat bis zu international operierenden Konzernen kritisch verarbeitet und sich in bisweilen skurrilen, verqueren und artifiziell wirkenden Gedankenspielen bewegt. Aus dem Vorspann wie auch vom Plakat des Films stammt der oft zitierte Satz: „Ich werfe keine Bomben, ich mache Filme. R.W.F.“

Von diesem Szenario waren weder das Publikum noch die staatlichen Geldgeber angetan: So zogen der WDR und der Berliner Senat ihre finanzielle Unterstützung zurück, und in den Kinos kam es zu Protesten in Form von Stinkbomben und Farbbeuteln. Auch die bundesdeutsche Kritik ließ an dem wenig konformen, provokanten Film nur vereinzelt ein gutes Haar.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0079083/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/3c/Uebersicht,,,,,,,,204DA340528E4B0592F32167580364D6,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/f_einzeln/fassbinder/fassbinder_c_e/dritte_generation.htm

 

Messer im Kopf
(Drama, Politthriller)
Regie: Reinhard Hauff Drehbuch: Peter Schneider Kamera: Frank Brühne Musik: Irmin Schmidt Darsteller: Bruno Ganz, Angela Winkler, Hans Christian Blech, Heinz Hönig, Hans Brenner, Udo Samel, Eike Gallwitz, Carla Egerer Produktion: BRD 1978/79 Länge: 113 min erhältliche Fassung: VHS (108 min), Filmkopie: nichtkommerzielle Ausleihe

Messer im Kopf, wie auch andere frühe Filme, die sich mit der Thematik des bundesdeutschen Terrorismus auseinandersetzen, greift die Frage des so genannten Sympathisantentums auf. Hoffmann ist Wissenschaftler, seine Frau bewegt sich in linksradikalen Kreisen. Als er sie in der Anfangssequenz in einem Jugendclub, in dem sie arbeitet, abholen will, gerät er dort in eine Fahndungsaktion der Polizei und wird von einem Polizisten in den Kopf geschossen; dabei soll er diesen angeblich mit einem Messer verletzt haben. Hoffmann wacht traumatisiert und mit Gehirnschädigungen im Krankenhaus auf und kämpft im weiteren Verlauf des Films um die Wiedererlangung seiner körperlichen und geistigen Kräfte wie seiner abhanden gekommenen Erinnerung, um eine (neue) Identität und darum, wieder Mensch zu sein. Währenddessen muss er mit ansehen, wie sich seine Frau einem jungen Anarchisten zuwendet und ein Ermittler der Polizei ihn mit rücksichtslosen Methoden und Pauschalverurteilungen wegen Zugehörigkeit zum terroristischen Milieu überführen will. Gleichzeitig stellen ihn die Linksradikalen als Opfer der Polizeigewalt hin. Am Ende, als sich bereits niemand mehr für den Fall interessiert, kommt es zur Konfrontation zwischen Hoffmann und dem Polizisten, der ihn angeschossen hat.

Die Stärke des Films besteht darin, dass der Zuschauer zusammen mit Hoffmann auf weiten Strecken in Unwissen gelassen wird – es ist nicht klar, ob Hoffmann schuldig oder unschuldig ist, es gibt keine eindeutigen Schwarz-Weiß-Linien. Dadurch ermöglicht der streckenweise fast suspense-hafte Film gleichzeitig Empathie wie Distanz und produziert mehr Fragen als Antworten. Darüber hinaus fängt er eine Atmosphäre von Verdächtigung ein und plädiert für Differenziertheit statt Pauschalverurteilungen. Diese Differenziertheit ist ebenfalls konsequent in der Stimmung des Films fortgeführt: So wirkt der Einsatz der Musik düster-melancholisch, während es gleichzeitig auch subtil humoristische Momente gibt.

Der Film stammt von demselben Regisseur wie das Doku-Spiel Stammheim (1986, siehe dort) und erhielt 1979 mehrere Auszeichnungen bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises. Darüber hinaus ist Bruno Ganz in einer frühen Glanzrolle zu sehen.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0077924/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/79/Credits,,,,,,,,1EAEBE5066414F398B3718E184A5A0CBcredits,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/h_einzeln/hauff_reinhard/messer_im_kopf.htm

 

1981


Die bleierne Zeit
(Drama)
Regie: Margarethe von Trotta Drehbuch: Margarethe von Trotta Kamera: Franz Rath Musik: Nicolas Economou Darsteller: Jutta Lampe, Barbara Sukowa, Rüdiger Vogler, Luc Bondy, Verenice Rudolph, Doris Schade Produktion: BRD 1981 Länge: 103 min erhältliche Fassung: VHS

Der dritte Spielfilm von Trottas entwickelt auf der Grundlage der Biographie und Herkunft der Ensslin-Schwestern eine fiktive Geschichte um zwei Schwestern, die in einem streng katholischen Elternhaus der „bleiernen“ und beklemmenden 1950er-Jahre aufwachsen – der Titel, der aus einem Hölderlin-Gedicht stammt, kann als Anspielung auf die gesellschaftlichen Befindlichkeiten verstanden werden. Die jüngere und schüchternere der beiden, Marianne (Barbara Sukowa), wendet sich schließlich dem Terrorismus zu und lässt ihren Sohn und Mann zurück, um in den Untergrund zu gehen, wohingegen die ältere und in der Jugend rebellischere ältere Schwester Juliane (Jutta Lampe) ein geradezu bürgerliches Leben führt und versucht, durch ihr Engagement für eine feministische Zeitschrift politisch etwas zu bewegen. Die zunehmenden Meinungsverschiedenheiten werden schließlich durch den Gefängnisaufenthalt und Hungerstreiks überlagert – es kommt zu einer Annäherung der beiden Schwester. Nach dem Selbstmord Mariannes im Gefängnis versucht Juliane nun verzweifelt, ihre Schwester und die geschehenen Ereignisse zu verstehen, wobei sie schließlich aus Ungläubigkeit über die Geschehnisse wie besessen nach Indizien für einen Mord sucht – Parallelen zu Erklärungs- und Argumentationsstrategien im linksradikalen Milieu sind hierbei kaum zu übersehen.

Die Erzählperspektive verharrt während des gesamten Films bei der Figur der älteren Schwester. Darüber hinaus wird in Rückblenden immer wieder die Kindheit und Jugend der Mädchen eingeflochten, vom Erleben der Bombenangriffe während des Krieges bis zur strengen Erziehung durch Vater und Schule und die damit verbundenen Konflikte. Die Politisierung der beiden Schwestern im Laufe der 1960er-Jahre wird mit den (üblicherweise bemühten) Anspielungen auf Verdrängung der bzw. dann Konfrontation mit der NS-Vergangenheit motiviert. Hierfür werden während einer Filmvorführung der Mädchen Sequenzen von Alan Resnais’ Nuit et brouillard (1955) gezeigt, einem der zentralen Filme in Bezug auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit in der frühen Bundesrepublik, der hier für das Beschweigen steht. (Während dieser filmische Umgang mit der Vergangenheit für die Ensslin-Schwestern hier zu einer Art Schockerlebnis wird, lassen dieselben Bilder die jugendliche Hauptfigur in einer intertextuellen Referenz in Die Innere Sicherheit von 2000 [s.u.] völlig unberührt.) Später im Film parallelisiert von Trotta diese Sequenzen mit vorgeführten Dokumentar-Aufnahmen vom Vietnamkrieg. So sucht der Film nach Erklärungen für das Phänomen des bundesrepublikanischen Terrorismus und des gesellschaftlichen Umgangs damit, spart aber jede Form der terroristischen Aktivität oder Gewalthandlung aus.

Sowohl ästhetisch als auch inhaltlich ist der Film eindeutig dem Autorenkino des Neuen deutschen Films zuzuordnen. Er war kaum ein finanzieller Erfolg, erhielt jedoch viele Preise, unter anderen den Goldenen Löwen und den Preis für die Beste Hauptdarstellerin bei der Biennale Venedig 1981, den Bundesfilmpreis 1982 (Filmband in Gold, Bester Film und Beste Hauptdarstellerin), den Preis der deutschen Filmkritik 1982 und den DDR-Kritikerpreis 1984.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0082081/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_bleierne_Zeit
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/41/Uebersicht,,,,,,,,CDE154B4DE864F78AB4A9B6A72D28D2B,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html

 

1983


Kinder unseres Volkes
(Drama, Fernsehfilm)
Regie: Stephan Rinser Drehbuch: Luise Rinser Kamera: Norbert Stern Musik: Darsteller: Leslie Malton, Nora von Collande, Katharina Seyferth, Peter Seum, Dietmar Schönherr, Witta Pohl, Dieter Hufschmidt Produktion: BRD 1983 Länge: 100 min erhältliche Fassung:

Der Film des Ehepaars Rinser – er Filmemacher, sie einflussreiche und politisch aktive Autorin – ist eine weithin unbekannt gebliebene Fernsehproduktion und thematisiert das Thema Terrorismus für diese frühe Zeit Anfang der 1980er-Jahre auffallend direkt. Er versucht vor allem eine filmische Darstellung der Frage, wie ein einzelner junger Mensch zu einem Suizid begehenden Terroristen werden kann. Dabei orientiert er sich an den tatsächlichen Biographien führender Terroristen, insbesondere Ulrike Meinhofs. So wird der Weg eines jungen Mädchens aus gutbürgerlichem, wohlbehütetem Hause von den Anfängen der Studentenunruhen über erste Begegnungen mit linksradikalen Ideologien und Gewalt bis zum ersten Banküberfall und schließlich dem Schritt in die Illegalität nachgezeichnet. In der Biographie Ulrike Meinhofs endet dieser Weg mit dem Selbstmord und hinterlässt in den Augen der Filmemacher vor allem Ratlosigkeit. Vor allem versuchen sie auch, die innere und äußere Zerstörung der Hauptfigur darzustellen.

Besonders Luise Rinser, die unter anderem in der Friedensbewegung aktiv war und enge Beziehungen zu Nordkorea wie zu vielen Linksintellektuellen in der Bundesrepublik unterhielt, wurde im Laufe der 1970er-Jahre von verschiedenen Seiten als „Sympathisantin der Terroristen“ angefeindet.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0085793/

 

1986


Die Reise
(Literaturverfilmung, Biographie)
Regie: Markus Imhoof Drehbuch: Markus Imhoof unter Mitarbeit von Martin Wiebel nach der gleichnamigen Romanvorlage von Bernward Vesper Kamera: Hans Wiechti Musik: Franco Ambrosetti Darsteller: Markus Boysen, Corinna Kirchhoff, Claude Oliver Rudolph, Alexander Mehner, Gero Preen, Christa Berndl, Will Quadflieg Produktion: BRD 1986 Länge: 105 min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie: kommerzielle Ausleihe

Dieser frei auf dem gleichnamigen und autobiographischen Roman von Bernward Vesper basierende Film zeichnet die Biographie eines im Untergrund lebenden Terroristen nach, der dieses Milieu zusammen mit seinem Sohn verlässt. Dabei wird dessen Werdegang und Weg in den Untergrund in Rückblenden von der Kindheit bis in die Gegenwart erzählt, wobei der eher konventionell gehaltene Film von den verschiedenen Zeitebenen in Schachtelmontage mehrmals vor- und zurückspringt.

Auf der zeitlichen Narrationsebene der Gegenwart befindet sich der männliche Protagonist zusammen mit seinem sechsjährigen Sohn auf dem fluchtartigen Rückweg nach Deutschland. Zuvor hat er den Sohn aus einem Guerilla-Lager in Italien entführt (in dem sich die Mutter mit dem Kind aufhielt), um ihn nicht im terroristischen Milieu aufwachsen zu lassen. Im Lauf des Films werden auf einer zweiten Narrationsebene seine Kindheit und die Politisierung in den 1960er-Jahren dargestellt. Neben eher allgemein gehaltenen Schilderungen der Protestbewegung sowie des linksradikalen Milieus und dessen Entstehung werden die individuellen Beziehungen der Hauptfiguren nachgezeichnet. Die Darstellung der Kindheit am Ende und nach dem Ersten Weltkrieg und der familiären Beziehungen in den 1960er-Jahren soll ebenfalls den späteren Weg der Hauptfigur in die Rebellion erklären: Diese stammt aus einem autoritären Elternhaus, in dem Zucht und gewaltsame Disziplinierung auf der Tagesordnung stehen. Der Vater ist ein auch nach 1945 der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie und antidemokratischen Ressentiments anhängender NS-Dichter; das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wird dementsprechend als konfliktreich dargestellt. Somit gleicht die Motivierung des politischen Werdegangs der Hauptfigur durch den Konflikt mit der NS-Vergangenheit der Elterngeneration der Darstellung in anderen Filmen, insbesondere in Die bleierne Zeit (1981), und kann als fast prototypisch der ganzen Protestgeneration zugeschriebene Prägung bezeichnet werden. Daraus ergeben sich, auf individuelle Lebensgeschichten beispielhaft heruntergebrochen, moralische Schuldfragen und Forderungen – im Film kommt mehrmals der Vietnam-Krieg zur Sprache –, die schließlich im blinden und destruktiven Aktionismus des Terrorismus enden.

Bernward Vesper war der Sohn des NS-Dichters Will Vesper und darüber hinaus der Lebensgefährte von Gudrun Ensslin, bevor diese ihn verlassen hatte, um zusammen mit Andreas Baader in den Untergrund zu gehen (die beiden hatten ebenfalls einen gemeinsamen Sohn).

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0091839/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/49/Uebersicht,,,,,,,,99A1B987DD464B57BB7CD12C0392B506,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html

 

1987


Komplizinnen
(Drama)
Regie: Margit Czenki Drehbuch: Margit Czenki Kamera: Hille Sagel Musik: Franz Hummel Darsteller: Pola Kinski, Therese Affolter, Marianne Rosenberg, Gerlinde Eger, Eva Ebner, Ilse Pagé, Petra Rennert Produktion: BRD 1987 Länge: 111 min erhältliche Fassung: Filmkopie: kommerzielle Ausleihe

Frauen betätigen sich in der Männerdomäne des Banküberfalls – dies ist weder ein Novum der Filmgeschichte noch der Geschichte des bundesdeutschen Linksterrorismus. Der Regisseurin Margit Czenki geht es aber gerade um das Frausein. Barbara ist wegen Bankraubs zu sieben Jahren Haft verurteilt worden; im Gefängnis versucht sie, erst allein und dann zusammen mit den anderen inhaftierten Frauen, das Beste aus dem Haftaufenthalt zu machen, sich gegen Befehle und Verbote zu behaupten, zu „widerstehen“ und zu leben.

Der Film versucht in seiner Machart nicht die Konventionen des Popcorn-Kinos zu bedienen, sondern will vielmehr radikales, provokantes und künstlerisch hochwertiges Autorenkino sein. Auch auf der narrativen Ebene will Komplizinnen Regelverstöße vornehmen; der Film nimmt eine dezidiert feministische und systemkritische Perspektive ein, problematisiert dabei Haftbedingungen und versucht, Alltagskonstellationen und Erfahrungen des (weiblichen) Haftaufenthalts darzustellen. Diese Perspektive kommt nicht von ungefähr: So wurde im Jahr 2000 verschiedentlich berichtet, die auch als Künstlerin aktive Regisseurin sei in Zürich verhaftet und kurz darauf ausgewiesen worden, da die Schweizer Behörden ein 1975 verhängtes Einreiseverbot ohne Wissen Czenkis um fünf Jahre verlängert hätten. 1971 war Czenki bei einer „Aktion der Stadtguerilla München“ an einem Banküberfall beteiligt gewesen. Kurz darauf wurde sie gefasst – mit Hilfe der Sendung „Aktenzeichen XY“ – und noch in demselben Jahr verurteilt; 1976 wurde sie aus der Haft entlassen.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0093365/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/33/Uebersicht,,,,,,,,3E859A23FF2D41B2B3A32E7D6ED3038D,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html

 

1991


C’est la vie
(Drama, Melodram)
Regie: Daniel Cohn-Bendit, Peter F. Steinbach Drehbuch: Willi Bär, Daniel Cohn-Bendit Darsteller: Matthias Beltz, Christine Brandt, Konstantin Graudus, Ulrike Kriener, Jean-Pierre Léaud Produktion: D 1991 erhältliche Fassung:

Dieser von Daniel Cohn-Bendit und Peter Steinbach gedrehte und weitgehend unbekannt gebliebene Film ist eine Art Erinnerung der Macher an die „wilden“ 1960er-Jahre. Cohn-Bendit selbst, heute Abgeordneter der Grünen im Europäischen Parlament, war maßgeblich in die Protestbewegung Ende der 1960er-Jahre sowie in die Protest- und Hausbesetzerszene in Frankfurt Anfang der 1970er-Jahre involviert und ist in medialen Diskursen wie Dokumentationen bezüglich der Themenbereiche Protestbewegung und Linksradikalismus präsent. In C’est la vie spielt er selbst eine Nebenrolle als erfolgloser Kleinkrimineller.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0101527/

 

1992


Die Terroristen!
(Politgroteske, Satire)
Regie: Philip Gröning Drehbuch: Philip Gröning, Michael Busch, Ralf Zöller Kamera: Anthony Dod Mantle, Max Jonathan Silberstein Musik: Alexander Hacke, Michael Busch Darsteller: Stephanie Philipp, Michael Schech, David Baalcke, Gerhard Fries, Peter Cieslinski, Volker Sallwey, Lothar Rehfeld Produktion: D 1992 Länge: 93 min erhältliche Fassung: VHS, Filmkopie: kommerzielle Ausleihe

Diese Politgroteske führt das Phänomen des bundesdeutschen Terrorismus ad absurdum: Drei Kleinbürger versuchen vergeblich, Bundeskanzler Helmut Kohl mittels einer Bombe in einem Spielzeugauto umzubringen. Der Film setzt kurz nach dem Mauerfall ein und thematisiert damit vor allem auch die Wiedervereinigung, Konsumrausch, Entindividualisierung und Wertelosigkeit. Drei junge Leute gehen vor allem sich selbst auf die Nerven und versuchen, der eigenen inneren Lähmung, Emotionslosigkeit und Orientierungslosigkeit zu entkommen. In einer Büroetage hecken sie den Plan aus, „den Dicken“ mittels eines präparierten Spielzeugautos in die Luft zu sprengen; politische Motivationen spielen dabei kaum eine Rolle. Der Plan misslingt, und statt Kohl stirbt durch Zufall ein anderer. Die Bekennerbriefe passen zwar nach wie vor zum nun durchgeführten Anschlag, doch die drei Hauptfiguren verlieren sehr schnell die Lust am Terrorismus, teilen das erbeutete Geld und zerstreuen sich in verschiedene Himmelsrichtungen des bundesrepublikanischen Alltags. Die Beute muss zur Finanzierung von HiFi-Artikeln und Urlaubsreisen herhalten.

Der Film sorgte nicht nur unter Filmkritikern für Aufsehen: Da die drei Hauptprotagonisten des Films einen Attentatversuch auf Bundeskanzler Kohl planen und durchführen, versuchte dieser – allerdings vergeblich – die Ausstrahlung des Films im SWR beim Sender selbst wie in einem offenen Brief zu verhindern. Auch von seiner Machart her ist der Film alles andere als gefällig: Er wirkt respektlos, knallig-bunt, ironisch-frech, und statt Popcornkino-Kranfahrten gibt es mit Hand- und Videokamera gefilmte Sequenzen. So weist bereits die Filmästhetik darauf hin, was dann während der Diskussion um die Ausstrahlung des Films auch von einigen Kritikern nochmals betont wurde: Hier findet eine Vermischung von Realität und Fiktion im Film wie in den Köpfen der Hauptfiguren statt – hier gehen Video- und Filmwelt, Fernsehbilder und „reale“ Welt ineinander über. Dabei ist Dargestelltes nicht mit Darstellung zu verwechseln. Und so endet der Film auch nicht zufällig mit der Einsicht der Hauptfiguren, dass ihre terroristischen Pläne und Aktivitäten vor allem eines waren – wirr. Dabei verhält sich Terroristen! dem tatsächlichen Phänomen des bundesdeutschen Linksterrorismus gegenüber weitgehend ignorant und kann vielleicht am ehesten als Videoclip-ähnliche Karikatur bezeichnet werden – auch der gesellschaftlichen Zustände und Befindlichkeiten Anfang der 1990er-Jahre.

So können durchaus Analogien zu R.W. Fassbinders Die dritte Generation (1978/79) gezogen werden. Hierzu schreibt Conny E. Voester (epd Film, 5/1993):

„Auch, was sich seit 1979 verändert hat: blinder Aktionismus der Protagonisten hier wie da, doch während Fassbinder die Akteure als Marionetten und Opfer einer Verschwörung interpretiert, die am Ausbau des Machtapparats und dem Abbau demokratischer Strukturen arbeitet, laufen Grönings ‚Terroristen’ absolut isoliert und entindividualisiert, nicht einmal mehr außengeleitet, Amok.“

Bei den Internationalen Filmfestspielen von Locarno gewann der Film 1992 den Bronzenen Leoparden.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0108315/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/40/Uebersicht,,,,,,,,1C19856314A4464397299F30ACDA68BE,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html

 

1993


Vater, Mutter, Mörderkind
(Drama, Fernsehfilm)
Regie: Heiner Carow Drehbuch: Ulrich Plenzdorf Kamera: Martin Schlesinger, Frank Büschner Musik: Stefan Carow Darsteller: Sebastian Reznicek, Franziska Troegner, Klaus J. Behrendt, Werner Eichhorn, Alexander Radszun, Nico Wohllebe, Davia Dannenberg Produktion: D 1992/93 Länge: 95 min erhältliche Fassung: Fernsehmitschnitt

Der Film setzt 1990 ein, kurz nach dem Fall der Mauer: Karl lebt in Schwedt zusammen mit seiner Mutter und dem angeheirateten Stiefvater Julius, zu dem er ein gutes Verhältnis hat. Kurz darauf wird Julius als in der Bundesrepublik gesuchter und in der DDR mit falscher Identität und mit Hilfe der Stasi untergetauchter Ex-Terrorist verhaftet – für Karl und seine Mutter bricht eine Welt zusammen. Während sie die Distanz sucht, beginnt Karl, der linke und sozialistische Ideale verinnerlicht hat, sich für die Sache seines Vaters zu begeistern und versucht schließlich am Ende des Films, diesen mit Hilfe der Schusswaffe des Gefängniswärters während eines Besuchs zu befreien. Er wird von beiden zur Vernunft gebracht; in der Schlusssequenz fährt Karl mit einem Auto davon und wirft dabei sein rotes Halstuch weg.

Vater, Mutter, Mörderkind ist weniger ein Film über den bundesdeutschen Terrorismus als vielmehr ein Film über Wende, Wiedervereinigung, Vorurteile und eine verkehrte Welt der Übergänge wie Gleichzeitigkeiten, in der verschiedenen Ideologien und Gesellschaftsformen aufeinanderprallen. Auch gerät er zu einem melancholischen Abschied von linken Ideen und Idealen (symbolisiert durch das in der Schlusssequenz weggeworfene rote Tuch). Dieser Abschied ist jedoch erst im Ansatz vorhanden; viele Denk- und Deutungsmuster aus DDR- und DEFA-Zeiten bleiben präsent. So wird der westdeutsche Anwalt als Trottel dargestellt, Karl verkörpert einen unschuldigen Glauben an den Sozialismus und will weiter Russisch lernen, und der Gefängnis- Wachmann, der bei Kriegsende für die Waffen-SS gekämpft hat, vermittelt Karl in der Tradition des Antifaschismus die Lehren des Zweiten Weltkriegs. Karl selbst erliegt während des Films zwischenzeitlich den Mitteln von Gewalt und Waffen – er übt sich zusammen mit einem anderen Jungen auf einem verlassenen Militärgelände in Schießen, Partisanenspielen und ähnlichem. Am Ende wird dieser Lösung jedoch eine klare Absage erteilt.

Die Figur des Terroristen Julius ist fiktiv, orientiert sich jedoch an Biographien von in der DDR untergetauchten RAF-Terroristen. Der Stoff wurde auch als Theaterstück verarbeitet und 1994 in Buchfassung veröffentlicht.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0108475/
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/c_einzeln/carow_heiner/vater_mutter_moerderkind.htm
Der Film und Ulrich Plenzdorf im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/e8/Credits,,,,,,,,09574F431D5B473C8518192A180289E3credits,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
http://www.filmportal.de/df/ff/Uebersicht,,,,,,,,884CC1006E754D92970C54E74871AACC,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Ulrich Plenzdorf auf der Website der DEFA-Stiftung:
http://www.defa-stiftung.de/index.html?http://www.defastiftung.de/05.veroeffentlichungen/biografien/ines_walk/veroeff_biogr_Plenzdorf.html

 

1994


Rotwang muss weg!
(Komödie, Satire)
Regie: Hans-Christoph Blumenberg Drehbuch: Hans-Christoph Blumenberg Kamera: Klaus Peter Weber Musik: Gast Waltzing Darsteller: Udo Kier, Sybil Norvak, Heikko Deutschmann, Beate Finckh, Klaus Bueb, Stephie Kindermann, Patricia Thielemann, Barbara Rudnik, Horst Tomayer, Issey Miyake Produktion: D 1994 Länge: 82 min erhältliche Fassung: VHS

Schon mit der dem Film folgenden Widmung an Reinhold Schünzel (1888–1954), einen

Regisseur der Weimarer Republik, der bis heute als einer der wenigen deutschen Meister der Filmkomödie gilt und der während des „Dritten Reiches“ ins Exil ging, macht Regisseur Hans22 Christoph Blumenberg deutlich, worauf es ihm ankommt: Filmemachen soll Spaß machen, und viele Dinge werden in diesem Leben doch nur unnötig ernst genommen, seien es nun Bratwürste oder der bundesdeutsche Terrorismus. Das Ergebnis als Komödie zu bezeichnen trifft die Sache damit doch nicht ganz. Vielmehr gibt sich diese nicht selten in den trash abgleitende Low- Budget-Produktion sarkastisch-ironisch bis skurril und bitterböse.

In der Handlung, die verschachtelt und in lose verknüpften Rückblenden aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, finden sich des Öfteren Anklänge an klassische Verwechslungskomödien der Filmgeschichte: Im Laufe des Film verfolgen unterschiedlichste Menschen und Gruppierungen aus ebenso unterschiedlichen Motiven das Ziel, den schwerreichen und untreuen Rotwang zu beseitigen. Die Verstrickung mit dem terroristischen Milieu und Diskurs findet dabei eher beiläufig statt – so beschließt die Ehefrau, die geplante Beseitigung ihres Gatten als terroristischen Anschlag zu tarnen. Zudem trachten ihm zwei Ex- Terroristen nach dem Leben, ein vormals in der Führungsriege des BKA agierender Imbissbudenbesitzer und ein ehemaliger Stasi-Funktionär. Rotwang selbst tritt dabei gar nicht in Erscheinung (er wird in den ersten Sekunden des Films erschossen). Stattdessen kommt es zu vielfachen und sich zuspitzenden Verwirrungen und Verwechslungen. Auf die Schippe genommen wird dabei insbesondere die Gefahr durch in der Bundesrepublik agierende Terroristen. Aber auch Boris Becker, das Telefonsex-Business und Jurassic Park werden bemüht und der Lächerlichkeit preisgegeben.

Darüber hinaus ist Rotwang muss weg durch und durch das, was man gern als einen postmodernen Film bezeichnet – befrachtet mit Intertextualität und Selbstreferentialität, der Thematisierung der eigenen Inszenierung, direktem Adressieren des Zuschauers und einem permanenten Reflektieren des eigenen „Filmemachens“. Alles ist erlaubt, eine Aneinanderreihung von nonsense ist mindestens so gut wie eine sinnstiftende Gesamthandlung – diese Haltung ist ebenfalls im Kontext einer gefühlten Krise des bundesdeutschen Films Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre zu verorten. Alles in allem hat im Film bislang keine respektlosere, beiläufigere und satirischere Thematisierung des bundesrepublikanischen Terrorismus stattgefunden.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0111022/
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/19/Credits,,,,,,,,2337F48E426F40C78FDB5E8CF4813993credits,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Der Film beim Deutschen Filmhaus:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/bi_bu_einzeln/blumenberg/rotwang_muss_weg.htm

 

1997


Raus aus der Haut
(Komödie, Liebesfilm, Fernsehfilm)
Regie: Andreas Dresen Drehbuch: Thorsten Schulz, Andreas Dresen Kamera: Andreas Höfer Musik: Jürgen Ehle & Kulle Dziuk von „Pankow“ Darsteller: Susanne Bormann, Fabian Busch, Otto Mellies, Christel Peters, Matthias Walter Produktion: D 1997 Länge: 90 min erhältliche Fassung: DVD (nichtgewerbliche Vorführung, erhältlich beim IKF – Institut für Kino und Filmkultur), Fernsehmitschnitt

DDR 1977: Vor dem Hintergrund der Schleyer-Entführung und von dieser inspiriert beschließen die Schülerin Anna und der unglücklich in sie verliebte Marcus, die bei ihrem linientreuen Direktor Rottmann durch eine ungünstige Verkettung von Ereignissen in Ungnade gefallen sind, diesen nach dem Vorbild der RAF zu entführen. Da er ihnen die erwünschte Studienplatzbewerbung nicht gestatten will, gilt es nun, ihn für die Zeit der über die Bewerbung entscheidenden Lehrerkonferenz aus dem Weg zu schaffen.

Der Film ist vor allem eine durch Zufälle, Verwechslungen und Tragikomödie funktionierende Liebesgeschichte vor politischem Hintergrund – mit absurden Momenten, für die die RAF und die Schleyer-Entführung als eine Art Aufhänger fungieren. So geht es vor allem auch um die Doppelbödigkeit des DDR-Systems und des Realsozialismus, dem schließlich sogar Rottmann zum Opfer fällt. Das RAF-Bild bleibt dabei harmlos, wird nicht weiter thematisiert und gehört wie die Rockmusik von den Rolling Stones oder Renft (die mit einem ihrer das System der DDR zwischen den Zeilen kritisierenden Songtitel den Titel zum Film liefern) zu den Versatzstücken einer coolen, rebellierenden Jugendkultur. 1998 wurde der Film mit dem „Lukas“-Preis der Jury Jugendfilm des Internationalen Kinder- und Jugendfilmfestivals in Frankfurt ausgezeichnet.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0127750/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Raus_aus_der_Haut
Der Film im Filmportal:
hhttp://www.filmportal.de/df/63/Uebersicht,,,,,,,,A66482B45D184869B22AEBBAFE729780,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Andreas Dresen auf der Website der DEFA-Stiftung:
http://www.defa-stiftung.de/index.html?http://www.defastiftung.de/05.veroeffentlichungen/biografien/ines_walk/veroeff_biogr_Dresen.html

 

1999


Die Stille nach dem Schuss
(Drama)
Regie: Volker Schlöndorff Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase in Zusammenarbeit mit Volker Schlöndorff nach der Biographie von Inge Viett Kamera: Andreas Höfer Musik: verschiedene Darsteller: Bibiana Beglau, Martin Wüttke, Nadja Uhl, Harald Schrott, Alexander Beyer, Jenny Schily, Mario Irrek Produktion: D 2000 Länge: 98 min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie: kommerzielle und nichtkommerzielle Ausleihe

Mit der Literaturverfilmung Die Stille nach dem Schuss nach der Biographie der ehemaligen RAFTerroristin Inge Viett (im Film Rita Vogt) mit dem Titel Nie war ich furchtloser legte der Regisseur Volker Schlöndorff einen überraschend konventionellen und gefälligen Spielfilm vor, in den einzelne Zeitdokumente eingewoben wurden.

Die Hauptfigur Rita Vogt kommt wie von selbst zum Terrorismus – sie ist sozusagen nach und nach über Zufälle und Verliebtsein „hineingeschliddert“ – und ist den Großteil des Films damit beschäftigt, in der DDR ihrer Vergangenheit zu entfliehen und sich eine neue Existenz, Identität und menschliche Bindungen aufzubauen. Auch wenn sie sich bald von ihren terroristischen Weggefährten zu distanzieren versucht, werden die eigentlichen Werte und Ziele im Sinne einer sozialistischen Zukunftsutopie weder von der Figur noch aus der Erzählperspektive des Films verlassen oder in Frage gestellt, was oft als naiv kritisiert wurde.

In der Anfangssequenz wird der Zuschauer direkt in das im terroristischen Milieu angesiedelte Geschehen hineinkatapultiert – es findet ein happeningartiger Banküberfall statt, nicht ohne romantische Klischees vom Verteilen von Mohrenköpfen an die Überfallenen und vom fliehenden, verliebten Terroristen-Pärchen zu bemühen. Auch sonstige Versuche, Zeitgeist und Mentalität einzufangen, bleiben in Klischees vom Rebellentum stecken. Als dann die ersten Schüsse fallen und es Tote gibt, wird es plötzlich unerwartet ernst. Nach einer Flucht in die DDR nimmt Rita das Angebot an, dort unter falscher Identität unterzutauchen, und ist seitdem bemüht, ein normales Leben im realexistierenden Sozialismus zu führen, wobei sie ihren Mitbürgern vor allem durch ihre positive Einstellung zu demselben auffällt. Immer wieder wird sie jedoch von ihrer Vergangenheit eingeholt, nicht zuletzt nach dem Fall der Mauer - sie wird schließlich beim Grenzübertritt von der Polizei erschossen.

Ein netter, aber undifferenzierter, klischeebehafteter und romantischer Film, der allzu viel Empathie und Sympathie mit der allzu lebensfrohen Hauptfigur zulässt. Es bleibt der schale Nachgeschmack, dass es die Verantwortlichen in der DDR eigentlich nur gut gemeint hätten und die Ex-Terroristin eigentlich die bessere DDR-Bürgerin gewesen sei – da trifft es der englische Titel, The Legend of Rita, doch um einiges besser. So sind dem Film nicht zuletzt die Wurzeln seiner beiden Macher im DEFA-Film und im Neuen deutschen Film anzumerken. Inge Viett selbst – erst seit der Auflösung der „Bewegung 2. Juni“ 1980 Mitglied der RAF (eine der so genannten „RAF-Einsteiger“) – ist nach ihrer Entdeckung 1992 zu 13 Jahren Haft verurteilt worden und hat ihre Mitarbeit an dem Film verweigert. Auf der Berlinale 2000 erhielt der Film den Silbernen Bären für die Beste Darstellerin (sowohl für Bibiana Beglau als auch für Nadja Uhl) sowie den Blauen Engel (Bester Europäischer Film).

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0234805/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Stille_nach_dem_Schuss
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/c2/Uebersicht,,,,,,,,8E42E0507A7B408F98F92CF036061995,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Filmkritik von Georg Seeßlen:
http://www.filmzentrale.com/rezis/stillenachdemschussgs.htm
Filmkritik von Dirk Schneider:
http://www.filmtext.com/start.jsp?mode=2&lett=S&archiv=128#
Filmkritik von Dietrich Kuhlbrodt:
http://www.filmzentrale.com/rezis/stillenachdemschussschnitt.htm

 

2000


Die Innere Sicherheit
(Drama)
Regie: Christian Petzold Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki Kamera: Hans Fromm Musik: Stefan Will Darsteller: Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Bilge Bingul, Günther Maria Halmer, Bernd Tauber, Katharina Schüttler Produktion: D 2000 Länge: 106 min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie: kommerzielle Ausleihe

Das viel gelobte Regiedebüt von Christian Petzold stellt eine besondere Form der Thematisierung des bundesdeutschen Linksterrorismus dar. Darüber hinaus handelt es sich hierbei um eine weitgehend indifferente und implizite Thematisierung – das Phänomen Terrorismus kann ein zentraler Themenkomplex bei der Lesart des Films sein, muss es aber nicht, sondern kann ebenso als Hintergrundfolie fungieren.

Darüber hinaus fällt auf, dass Die Innere Sicherheit nicht im zeithistorischen Kontext angesiedelt ist oder im Lauf des Films darauf zurückgreift. Stattdessen spielt der Film ausschließlich in der Gegenwart der Jahrtausendwende und nimmt sich der seltenen Perspektive einer Figur der „Nach-RAF“-Generation an, ohne die Fiktion mit historischen Begebenheiten abzugleichen. Die aktiven Zeiten des Linksterrorismus sind seltsam fern, und die Handlungen der immer noch im Untergrund Lebenden wirken relikthaft, zeitenthoben und fast schon deplatziert, politische Diskurse finden nicht statt – Terroristen als Kleinfamilie.

Jeanne ist 15 und lebt mit ihren Eltern, ehemaligen Terroristen, die im Untergrund geblieben sind (die Bezeichnungen RAF oder Terrorismus fallen in diesem Zusammenhang nicht), auf ständiger Flucht. Sie hat nie ein normales Leben mit Freunden und Schule kennengelernt; der Alltag wird bestimmt von Misstrauen, Anspannung und der Angst, entdeckt zu werden. Als Jeanne, die spürbar in der Pubertät angelangt ist, im Fluchtland Portugal einen Jungen (Heinrich) kennenlernt, sich verliebt und zu ihm auch nach der Rückkehr nach Deutschland wiederholt Kontakt aufnimmt, können die Eltern, selbst in einer prekären Situation, sie immer weniger kontrollieren. Jeanne will ihren Eltern gegenüber loyal bleiben, ist aber immer stärker hin- und hergerissen und sehnt sich nach einem normalen Teenagerleben. Währenddessen versuchen die Eltern, in Deutschland alte Kontakte zu reaktivieren, und planen aus der finanziellen Not heraus einen Banküberfall. In der Nacht vor ihrer geplanten Flucht nach Brasilien sucht Jeanne ein letztes Mal Heinrich auf und verrät ihm schließlich ihre Identität, woraufhin er die Polizei verständigt. Als diese die Familie stellt, kommt es zu einem Unfall, den wahrscheinlich nur Jeanne überlebt.

Die indirekte Thematisierung des Linksterrorismus ist ebenfalls im Titel des Films fortgeführt. So lassen sich Assoziationen in Bezug auf die innere Sicherheit des/eines Staates herstellen; zentraler erscheinen jedoch psychologisierende Bedeutungsebenen in Bezug auf die innere Verfassung und Befindlichkeit eines Menschen, hier der im Untergrund lebenden und sich in der Pubertät befindenden Jeanne. Darüber hinaus ist anzumerken, dass die Figuren der Eltern weitgehend flach und blass bleiben. Über ihre innere Befindlichkeit oder Entwicklung erfährt der Zuschauer so gut wie nichts; im Zentrum steht die Tochter Jeanne, durch deren Perspektive der Zuschauer das Geschehen wahrnimmt. Zwar schwingen Fragen nach der Verantwortlichkeit der terroristischen Eltern dem Kind gegenüber mit, werden aber nicht weiter ausgeführt. So kann der Film als Problematisierung der Spätfolgen des bundesdeutschen Terrorismus, vor allem aber als Psychostudie der in diesen schwierigen Konstellationen mit einer Doppelidentität heranwachsenden Jeanne und einer Kleinfamilie in der Isolation funktionieren; eine filmische Analyse des terroristischen Milieus ist er kaum. Auch eine intertextuelle Referenz verweist auf den Umgang des Films mit dem Linksterrorismus und seinen Stellenwert im Film: Jeanne gerät durch Zufall in eine Vorführung von Alain Resnais’ Nuit et brouillard (1955) vor einer Schulklasse, eine Szenerie, die ebenfalls in Margarethe von Trottas Die bleierne Zeit (1981, vgl. dort) zu finden ist. Während dies für die Hauptfiguren von Trottas zum Schockerlebnis wird und der Topos der beschwiegenen und „unbewältigten Vergangenheit“ maßgeblich ihre politischen Einstellungen wie Handlungen motiviert, ruft diese Thematisierung des Umgangs mit der NS-Vergangenheit bei Jeanne keinerlei Reaktion hervor.

Filmästhetisch ist Die Innere Sicherheit auffallend kühl, ruhig, farblos und distanziert gehalten, so besonders die Bildkompositionen und die mise-en-scène. Dadurch wirkt der Film bisweilen fast emotionslos und stellt eine Stimmung der Beklemmung und potentiellen Bedrohung wie der fehlenden Beständigkeit, Normalität und Geborgenheit auch auf dieser Ebene her.

Aufgrund der ähnlichen Thematik von Terroristen auf der Suche nach Normalität, aber auch aufgrund der zeitlich eng beieinander liegenden Produktion der Filme wurde Die Innere Sicherheit mitunter mit Schlöndorffs durchgehend anders ausfallendem Die Stille nach dem Schuss verglichen (1999, vgl. dort). Co-Drehbuchautor Harun Farocki war während des Studiums an der DFFB mit Holger Meins befreundet gewesen und hatte ebenfalls agitatorische Kurzfilme gedreht. Die Innere Sicherheit gewann 2001 unter anderem den Deutschen Filmpreis in Gold für den besten Film und die beste Regie.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0248103/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_innere_Sicherheit
Der Film im Filmportal:
hhttp://www.filmportal.de/df/91/Uebersicht,,,,,,,,BB9DF765486D4827BC0DD2E93D69C20A,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Filmkritik von Barbara Schweizerhof:
http://www.filmzentrale.com/rezis/inneresicherheitbs.htm
Filmkritik von Dirk Schneider:
http://www.filmtext.com/start.jsp?mode=2&lett=I&archiv=452
Film des Monats 2/2001, Jury der Evangelischen Filmarbeit (Begründung):
http://www.gep.de/filmdesmonats/archiv_336_3435.php

 

Das Phantom
(Politthriller, TV-Spielfilm)
Regie: Dennis Gansel Drehbuch: Dennis Gansel, Maggie Peren; nach dem Buch „Das RAFPhantom“ von Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker Kamera: Axel Sand Musik: Rainer Kühn Darsteller: Jürgen Vogel, Nadeshda Brennicke, Mathias Herrmann, Hilmi Sözer, Christoph Hagen Dittmann, Dietrich Hollinderbäumer, Lukas Miko, Herman Treusch, Ulrich Pleitgen, Peter Bongartz Produktion: D 2000 Länge: 93 min erhältliche Fassung: DVD

Das durch den Fernsehsender Pro7 finanzierte Filmdebüt des Regisseurs Dennis Gansel verfolgt vor allem die Intention, dem unwissenden Zuschauer deutsche Zeitgeschichte auf packende Art und Weise näherzubringen. So ist der Film vor allem ein unterhaltsamer Politthriller mit Krimiund Action-Elementen.

Die Hauptfigur, der Polizist Leo Kramer, wird dabei genauso unwissend in die Geschehnisse hineinkatapultiert wie der Zuschauer: Er wird bei einer Routineobservation Zeuge eines Mordes an zwei unbekannten Personen. Auch sein Kollege und Freund Pit wird erschossen. Da er dabei seine Dienstpflichten versäumt hat, gerät er selbst bei seinen Vorgesetzten unter Verdacht. Als daraufhin in die ihm aus Sicherheitsgründen zugeteilte konspirative Wohnung eingebrochen und dabei seine Dienstwaffe entwendet wird, ist klar, dass es sich bei der Angelegenheit nicht um einen klassischen Mordfall handelt. Die Ereignisse überstürzen sich, und spätestens nachdem auch sein Chef mithilfe von Kramers Dienstwaffe erschossen wird, wird Kramer zum Gejagten beider Seiten. Gleichzeitig versucht er, das verschwundene Observationstonband aufzutreiben und die Hintergründe des Komplotts aufzudecken. Parallel dazu zeigt ein weiterer Handlungsstrang die Aktivitäten der Polizei, die anfangs noch nach Kramer fahnden, sich im Lauf der Ermittlungen jedoch ebenfalls mit den weiterreichenden Dimensionen des Falls konfrontiert sehen.

Ausgangspunkte sind das bis heute nicht völlig aufgeklärte Attentat auf den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank Alfred Herrhausen 1989 sowie die ebenfalls teilweise ungeklärten Geschehnisse 1993 in Bad Kleinen, als der RAF-Angehörige der so genannten dritten Generation Wolfgang Grams und ein GSG9-Beamter ihren Verletzungen durch einen Schusswechsel erlagen. Hierbei waren die Ermittlungsbehörden durch die Hinweise eines VMannes auf die Spur von Wolfgang Grams und Brigitte Hogefeld gekommen. Hiervon ausgehend konstruiert der Film auf der Grundlage des Buches „Das RAF-Phantom“ von Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker (1992 veröffentlicht) ein Verschwörungsszenario. Mit dem „Phantom“ ist damit die dritte Generation der RAF mit ihren weitgehend im Dunkeln liegenden Aktivitäten gemeint; der Film spekuliert, ob es diese denn überhaupt gegeben habe oder nicht andere Kräfte hier ihre Finger im Spiel gehabt hätten. Die These von der Kriminalisierung der linksradikalen Bewegung durch staatliche Kräfte zum Zweck des staatlichen Macht- und Kontrollausbaus wie zur Beschneidung der Bürgerrechte und Beseitigung unbequemer Personen wird hier fortgeführt (die im Buch vorhandene Verbindung zum Verein „Atlantik-Brücke“ wird im Film außen vor gelassen): Es stellt sich heraus, dass einer der Ermordeten ein ehemaliger Aktivist der linksradikalen Szene war, der, um einer Verurteilung zu entkommen, von einer Anwaltskanzlei in Brüssel gekauft wurde und seitdem als „V-Mann“ in der terroristischen Szene fungierte. Als dieser einem linken Anwalt mitteilt, dass die Ermordung von Finanzminister Hausmann (das filmische Synonym für Alfred Herrhausen), getarnt als terroristisches Attentat, von staatlicher Seite initiiert worden war, ist eine Verhinderung des Aufdeckens dieser brisanten Umstände einigen Menschen durchaus ein paar Leben wert.

Der Film ist spannende Unterhaltung. Manches folgt jedoch zu sehr den Genre-Regeln und Logiken eines tauglichen TV-Politthrillers – kein Dialog und kein Requisit, die sich nicht im Lauf des Films in ein narratives großes Ganzes einfügen würden –, so dass Das Phantom bisweilen platt, konstruiert und gefällig wirkt. Die Qualität als packender Unterhaltungs-Thriller kommt somit weit vor der Qualität des Umgangs mit dem Thema des bundesdeutschen Linksterrorismus. Darin sieht dieser Film aber auch nicht seine Aufgabe. Die oberflächlich recherchierte Darstellung des RAF-Terrorismus, aber auch das plausibel dargestellte Verschwörungsszenario haben mit der Komplexität der Thematik wenig gemeinsam. Auch ästhetisch merkt man dem Film die Genre-Orientierung und seine Produktion für das Fernsehen an – Das Phantom stellt sich als solide und konventionell dar. Der Film erhielt 2001 unter anderen den Adolf-Grimme-Preis in den Kategorien Regie und Hauptdarsteller.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0136461/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Phantom_%282000%29

 

2002


Baader
(Spielfilm, Biopic)
Regie: Christopher Roth Drehbuch: Christopher Roth, Moritz von Uslar Kamera: Bella Halben, Jutta Pohlmann Musik: verschiedene Darsteller: Frank Giering, Laura Tonke, Vadim Glowna, Birge Schade, Bastian Trost, Jana Pallaske, Michael Sideris Produktion: D 2002 Länge: 110 min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie: kommerzielle Ausleihe

Baader eröffnet mit einer Montage von Zeitdokumenten den Kontext Studentenbewegung, Demonstrationen, Vietnamkrieg und Ulrike Meinhof. Derartige dokumentarische Einspielungen finden sich im Laufe des gesamten Films. Darüber hinaus ist diese Darstellung von Baaders Leben und der ersten Generation der RAF bis 1972 eine bewusst fiktionale Inszenierung, die sich im Verlauf des Films immer stärker in Richtung Fiktion entwickelt.

In Rückblenden werden die Ereignisse seit dem Jahr 1967 frei nachgezeichnet, beginnend mit dem Besuch des persischen Schahs und der Erschießung Benno Ohnesorgs über die Kaufhausanschläge 1968 und den anschließenden Prozess bis zur Verhaftung Baaders und Jan- Carl Raspes im Jahr 1972. Der Fokus liegt auf der Figur Baaders und dessen Beziehung zu Gudrun Ensslin sowie den Beziehungen innerhalb der Kerngruppe der RAF. Baader wird hier als unberechenbare, charismatische Führergestalt mit einem ausgeprägten Machismus und narzisstischen Geltungsbedürfnis dargestellt, die keine Meinung neben der eigenen gelten lässt. Dieser Frauenheld ist fast schon eine bewunderte Pop-Ikone der Mädels und Outlaws mit klaren Präferenzen bezüglich der zu klauenden Autos und der zu konsumierenden Drogen – und will genau das auch sein. Fehlendes Wissen kompensiert er mit Arroganz, Selbstinszenierung und kleinkrimineller Energie. Die Darstellung der staatlichen Seite bildet eine weitere Narrationsebene. Hier fungiert der Chef des BKA (im Film der fiktive Kurt Krone, der jedoch deutliche Parallelen zu Horst Herold aufweist) als Schlüsselfigur und Repräsentant des Staates, der eifrig damit beschäftigt ist, den Fahndungsapparat auszubauen und technisch aufzurüsten. In der Figurenkonstellation des Films werden Baader und Krone fast schon zu Gegenspielern – als es aber während der Fahndungsjagd auf Baader zu einer fiktiven Begegnung der beiden auf einer nächtlichen Landstraße kommt, erscheinen sie sich gar nicht so fremd und vielmehr direkt aufeinander angewiesen. In der Schlusssequenz des Films findet sich der Betrachter schließlich in einer völligen Fiktion wieder: Die Verhaftung Baaders und Raspes gerät zum Showdown. Dabei stirbt Baader nach bewährter Hollywood-Dramaturgie und Bonnie & Clyde-Manier im Kugelhagel der Polizei – Baader inszeniert sich selbst.

So funktioniert Baader als fiktionaler Film. Dass er genau dies auch sein will, hat Regisseur Roth mehrmals betont: „Ein Dokudrama oder ein Dokumentarfilm ist es auf keinen Fall. Der Film fiktionalisiert bewusst und endet ja auch mit einer relativ dreisten Lüge, um zu sagen: Das ist Fiktion.“ Im Hinblick auf diese konterkarierende Intention sind Diskussionen um die spekulative und verdrehende Darstellung der historischen Kontexte weitgehend irreführend. Gerade aus dieser Fiktionalisierung heraus kann der Film auch Stärken entwickeln und auf die fließenden Übergänge zwischen historischen „Realitäten“ und Fiktion aufmerksam machen; Geschichtsunterricht leistet er hingegen nicht.

Die Montage der Dokumentaraufnahmen wie des insgesamt schnell gehaltenen Schnitts, der Einsatz der Musik, die mise-en-scène, Kameraeinstellungen und Lichteinsatz – all dies trägt zu einer filmischen Ästhetik bei, die ein Ineinanderaufgehen von Fiktion und Historie, von Gegenwart und Vergangenheit befördert. Ähnlich gehen Versatzstücke verschiedener Genres von Kriminalfilm über Actionkino und Thriller zu Drama und Biopic ineinander über. Daraus folgt allerdings auch eine Art Charakterlosigkeit des Films. Kritisiert wurde (neben vielem anderen) mitunter auch die Oberflächlichkeit des Films bezüglich der Baader-Figur – er werde weder als historische Figur ernstgenommen noch als Mythos demontiert. Stattdessen verharre der Film bei der Ästhetisierung und Mythologisierung eines coolen, rauchenden, wenn auch ambivalenten Gangstertypen, reproduziere anekdotenhafte Klischees und enthalte sich jeder eindeutigen Positionierung. Was Baader gerade damit deutlich demonstriert, ist eine Verabschiedung von früheren moralischen und politischen Diskursen bezüglich des Themenkomplexes RAF.

Der Film erhielt bei den Internationalen Filmfestspielen von Berlin 2002 den Alfred-Bauer-Preis für die Regie (Preis der Jury für neue Perspektiven der deutschen Filmkunst).

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0309320/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Baader_(Film)
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/97/Uebersicht,,,,,,,,055CAB5F23584405B5B7F1DD30A826B3,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
Offizielle Homepage des Films:
http://www.baader-derfilm.de/
Filmkritik von Ulrich Kriest:
http://www.filmzentrale.com/rezis/baaderuk.htm
Filmkritik von Barbara Schweizerhof (Freitag):
http://www.freitag.de/2002/43/02431301.php
Filmkritik von Oliver Baumgarten (Schnitt):
http://www.schnitt.de/202,1161,1

 

Tatort: Schatten
(Krimi, Fernsehfilm)
Regie: Thorsten Näter Drehbuch: Thorsten Näter Redaktion: Annette Strelow Kamera: Michael Faust Darsteller: Sabine Postel, Oliver Mommsen, Camilla Renschke, Peter Sattmann, Dieter Pfaff, Matthias Koeberlin, Burghart Klaußner, Angela Roy Produktion: D 2002 Länge: 90 min erhältliche Fassung:

Dieser von Radio Bremen produzierte und erstmals am 28. Juli 2002 ausgestrahlte „Tatort“ mit Hauptkommissarin Inga Lürsen zeigt, dass der „Schatten“ der RAF und des bundesdeutschen Linksterrorismus auch nicht vor einem Heiligtum der Deutschen haltmacht, den „Tatort“- Kommissaren.

Der Journalist Dieter Blohm wird ermordet aufgefunden. Bald liegt der Verdacht nahe, dass Blohm offenbar einer in den 1970er-Jahren aktiven linken Gruppe angehört und die anderen Mitglieder dieser Clique nun mit seinem Wissen um deren Zugehörigkeit erpresst hatte. Diese sind mittlerweile etablierte und erfolgreiche Bürger vom Verleger bis zum Rechtsanwalt. Ein Mitglied ist mittlerweile sogar bei der Bremer Kripo tätig – Hauptkommissarin Inga Lürsen. Da bei einem Anschlag der Gruppe im Zuge der Unruhen nach dem Selbstmord Ulrike Meinhofs in Stuttgart-Stammheim 1976 auf die Auslieferungszentrale einer Bremen Zeitung ein Wachmann getötet wurde, ist diese Vergangenheit für die Beteiligten ein durchaus heikles Kapitel, auch wenn Sören Feldmann die Verantwortung für den Mord übernommen hatte und kurz darauf in den Untergrund gegangen war. Kurz darauf wird besagter Ex-Terroristen Feldmann ausgerechnet von Lürsen verhaftet, die jedoch bald selbst unter Verdacht und damit auch unter massiven Druck gerät. Ihr Kollege, Kommissar Stedefreund ist hin- und hergerissen, ob er zu Lürsen halten soll; sie selbst wird vom Dienst suspendiert und sucht auf eigene Faust nach dem Mörder wie nach den Spuren der Vergangenheit, um herauszufinden, was damals wirklich geschehen war – und um ihre Unschuld zu beweisen.

Die ungewöhnliche Thematisierung des durchaus brisanten Sachverhalts, dass nicht wenige der heutigen Staatsdiener und einflussreichsten Bürger in den 1970er-Jahren aktiv wie passiv auf der anderen Seite gestanden hatten, wurde bei der Ankündigung der „Tatort“-Folge hervorgehoben. Darüber hinaus handelt es sich bei der Inszenierung von Thorsten Näter um einen komplex geschriebenen, innerhalb des Krimi-Genres „Tatort“ souverän umgesetzten Stoff. Besonders das Dilemma, in dem sich Hauptkommissarin Lürsen wiederfindet, bis hin zur Erklärungsnot gegenüber der jüngeren Generation in Figur ihrer Tochter, wird glaubwürdig in Szene gesetzt.

Schatten wurde unter anderem 2003 für den Adolf-Grimme-Preis in den Kategorien Fiktion/Unterhaltung nominiert.

Der Film in der IMDb:
http://us.imdb.com/title/tt0313683/
Nachweis des Films auf der ARD-Website:
http://www.daserste.de/tatort/sendung_dyn~actid,2613~cm.asp
Filmkritik von Wilfried Hippen (die tageszeitung):
http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2002/07/27/a0023

 

2003


The Raspberry Reich
(Komödie)
Regie: Bruce LaBruce Drehbuch: Bruce LaBruce Kamera: James Carman Musik: verschiedene Darsteller: Susanne Sachsse, Daniel Bätscher, Andreas Rupprecht, Dean Monroe, Anton Z. Risan, Daniel Fettig, Gerrit, Joeffrey Produktion: D 2003 Länge: 90 min erhältliche Fassung: DVD

Um etwa einer Schulklasse das Phänomen RAF und Linksterrorismus nahezubringen, wäre dieser Film denkbar ungeeignet. Hier geht es im Wesentlichen gar nicht mehr um die eigentliche RAF; sie dient vielmehr als pop-ikonographische Hintergrundfolie zur Durchsetzung einer Art „homosexuellen Intifada“ durch eine Gruppe von „Radical Chic“.

Auf der narrativen Ebene folgt in Berlin eine Gruppe junger Männer den revolutionären Plänen von Gudrun E., die beschlossen hat, die sechste Generation der RAF ins Leben zu rufen und den Kampf für die Revolution wieder aufzunehmen. Zentrales ideologisches Versatzstück der Anhängerin Wilhelm Reichs ist dabei, dass die Befreiung des Menschen nur durch die Abschaffung von Monogamie und Heterosexualität und stattdessen zügellosem heterosexuellem wie homosexuellem Geschlechtsverkehr erreicht werden könne: Heterosexualität sei „Opium fürs Volk“ und „There is no revolution without homosexual revolution“. So ist es ein Hauptziel Gudruns, ihre Jungs zu sexuellen Aktivitäten untereinander zu bewegen. Abgesehen davon, dass einer von ihnen ihr Freund ist, lautet ihr Credo: „The Revolution is my boyfriend!“ Die erste Aktion dieser „schwulen Revolution“ soll die spektakuläre Entführung des Bankiers-Sohns Patrick sein. Allerdings verläuft dieser Auftakt der Mission wenig vielversprechend – das Opfer hat bereits zum Zeitpunkt der Entführung eine Affäre mit Clyde, einem der Genossen, und auch die Lösegelderpressung stellt sich als problematisch heraus, da dem Vater des Opfers aufgrund dessen homosexuellen Neigungen wenig daran liegt, den missratenen Sohn freizukaufen. So setzt innerhalb der Gruppe bald ein Auflösungsprozess ein; Patrick und Clyde können fliehen und beginnen Banken zu überfallen, während Gudrun in der Schlusssequenz einen Kinderwagen schiebend und dem Neugeborenen ideologische Predigten haltend gezeigt wird.

Die oft satirische Handlung ist aber bei weitem nicht die aussagekräftigste Ebene von The Raspberry Reich. Der Film bezieht seine provokante, oft überzeichnende Radikalität vor allem auch durch seine Machart, die Kameraführung, die mise-en-scène und die Kombination von Musik und pop-ikonographischen Elementen der linksradikalen Szene. Besonders die mitunter Musikclipartigen Montagen, schnelle Schnitte, Mehrfachüberblendungen und durch das Bild laufende Schriftzüge (meist mit ideologischen Statements) sind hier hervorzuheben. Vor allem aber tragen dazu die einen Großteil der plot duration (Darstellungs- bzw. Filmzeit) einnehmenden explizit pornographischen Sexszenen bei, die keine Variante der sexuellen Betätigung (bis zur Masturbation mit der Waffe) auslassen. Hier kommen die Sozialisation des kanadischen Regisseurs LaBruce in der pornographischen Filmszene der 1980er-Jahre und seine Schlüsselrolle in der homosexuellen US-Filmbewegung des New Queer Cinema der 1990er-Jahre deutlich zum Tragen. Die Permanenz der pornographischen Darstellungen macht diese somit zum eigentlichen narrativen Element des Films; alles andere wird zu poppig-trashigem und ironischem Beiwerk. Der Regisseur erklärt hierzu selbst: „Das ist eine Mischung aus Terroristengeschichte und Schwulenporno. Sie werden staunen, wie gut das zusammenpaßt.“ Schockieren und provozieren kann er damit allemal – ob man dem Dargebotenen eine tiefere Bedeutung zumessen mag oder es sich nur um eine ironisierende und negierende Aneinanderhäufung von Fetisch-Objekten, Klischees und Oberflächen zur Verknüpfung pornographischer Szenen handelt, ist mehr als umstritten. Vielleicht gehört dieser Film auch eher der Szene als den Kritikern.

Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0390418/
Der Film auf Wikipedia:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Raspberry_Reich
Der Film im Filmportal:
http://www.filmportal.de/df/00/Uebersicht,,,,,,,,E60C327B9C4049BCABAD53443258AFA1,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.htm
Offizielle Homepage des Films:
http://www.theraspberryreich.com/
Filmkritik von Georg Seeßlen:
http://www.filmzentrale.com/rezis/raspberryreichgs.htm
Filmkritik von Frank Brenner (Schnitt):
http://www.schnitt.de/202,2711,1
Filmkritik von Harald Fricke (die tageszeitung):
http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2004/04/01/a0250
Filmkritik von Andreas Busche (fluter.de, Magazin der bpb):
http://film.fluter.de/de/48/kino/2806/?tpid=91&tpl=162

 

2005


München (Munich)
(Drama, Polit-Thriller)
Regie: Steven Spielberg Drehbuch: Tony Kushner, Eric Roth (nach dem Buch Vengeance von George Jonas) Kamera: Janusz Kaminski Musik: John Williams Darsteller: Eric Bana, Daniel Craig, Geoffrey Rush, Mathieu Kassovitz, Ciarán Hinds, Hanns Zischler, Ayelet Zorer, Michael Lonsdale, Mathieu Amalric, Gila Almagor, Moritz Bleibtreu, Marie-Josée Croze, Oded Teomi, Meret Becker, Yvan Attal, Lynn Cohen Produktion: USA 2005 Länge: 164 min erhältliche Fassung: DVD, Filmkopie: kommerzielle Ausleihe

Spielberg entwickelt auf der Grundlage der Ereignisse um die Geiselnahme der israelischen Mannschaft während der Olympischen Spiele in München 1972 durch palästinensische Terroristen (Kommando Black September) ein weitgehend fiktives zeitgeschichtliches Drama. Dabei bildet das Attentat selbst, bei dem alle elf Geiseln der israelischen Mannschaft ihr Leben ließen, lediglich die mehrmals durch Montagen und Rückblenden eingeflochtene Rahmenhandlung; die Haupthandlung des Films dreht sich um die inoffiziell durch eine Einheit des Mossad über Jahre betriebene Liquidierung im Umfeld des Attentats verantwortlicher Personen. Unter der Führung von Avner Kaufmann werden fünf Männer beauftragt, elf auf einer Liste stehende Personen zu beseitigen. Im Laufe des Films werden sie jedoch zunehmend selbst zu Gejagten.

Dass dabei keine klaren Zuordnungen von Gut und Böse, Schwarz und Weiß möglich sind und nicht nur die Hauptfigur des Avner Kaufmann zunehmend am Sinn des Unternehmens und der Schuld der zu Beseitigenden zu zweifeln und zu zerbrechen beginnt, macht diesen zu einem der vielschichtigsten Filme Spielbergs und brachte ihm auch Angriffe von israelischer Seite ein – wie Vorwürfe des Antizionismus. So impliziere etwa die Darstellung des Kampfes für den israelischen Staat einen Selbstzweck, bei dessen brutaler Durchsetzung keinerlei Rücksicht auf die Kosten genommen werde. Andererseits gab es Stimmen, die eine einseitige Darstellung der Israelis als Opfer kritisierten. Grundsätzlich ist die Rezeption des Films, der in den USA mehr Kontroversen auslöste als in Europa, als äußerst gespalten zu bezeichnen (siehe hierzu den Artikel von Annette Vowinckel).

Kritisiert wurde nicht zuletzt ein Ineinanderübergehen von Realität und Fiktion, auch wenn im Vorspann darauf hingewiesen wird, dass es sich um eine fiktive Verarbeitung des Stoffes handle (in der englischen Version deutlicher gemacht). Tatsächlich vermischt der Film rekonstruierbare mit fiktiven Geschehnissen, bedient sich dabei auch der Montage von historischen Zeitdokumenten (Nachrichtensendungen) mit inszenierten Einstellungen, und historische Personen gehen in völlig fiktive Charaktere über. Inwieweit die Darstellungen des Mossad und der Liquidierungseinheit historischen Umständen entsprechen, ist umstritten. Dies gilt insbesondere auch für die literarische Vorlage des kanadischen Journalisten George Jonas mit dem Titel Vengeance. The True Story of an Israeli Counter-Terrorist Team (erschienen 1984, dt. Die Rache ist unser), das auf Gesprächen mit dem selbst erklärten Mossad-Agenten Juwal Awiw basiert. Als sicher gilt, dass Awiw dem Mossad nie angehört hat. Ebenfalls kritisiert wurden die Nichtberücksichtigung verschiedener Zeitzeugen und der Umgang mit Zeitdokumenten. Trotz aller Kontroversen funktioniert der Film als konsumierbarer Genre-Film in mehrfacher Hinsicht. München erhielt mehrere Nominierungen bei der Verleihung der Golden Globes wie der Academy Awards 2006, jedoch keinen Preis.

Nicht selten gilt das „Olympia-Attentat“ von 1972 als Beginn des international agierenden Terrorismus. Unter den freizupressenden Terroristen auf der Liste der Palästinensern standen unter anderen auch Meinhof und Baader (ebenso ein Mitglied der Japanischen Roten Armee/JRA). Dadurch wird die von Anfang an vorhandene und auch für das Phänomen des bundesdeutschen Terrorismus zentrale internationale Dimension deutlich. Darüber hinaus gab der desaströse Ausgang der Geiselnahme auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck den Anlass zur Gründung der GSG9, die wiederum eine zentrale Rolle insbesondere im Kontext der Flugzeugentführung von Mogadischu spielte.

Artikel zur Resonanz auf den Film:
Annette Vowinckel, Eine historische Fiktion, keine fiktive Historie. Spielberg stellt in „München“ Fragen, die keiner beantworten kann, in: Zeitgeschichte-online, Zeitgeschichte im Film, April 2006, URL: http://www.zeitgeschichteonline.de/zol/portals/_rainbow/documents/pdf/vowinckel_muenchen.pdf.
Pressestimmen zum Film:
http://www.zeitgeschichte-online.de/Portals/_rainbow/documents/pdf/presse_muenchen.pdf
Der Film in der IMDb:
http://german.imdb.com/title/tt0408306/
Der Film auf Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchen_(Film)
Offizielle Homepage des Films:
http://muenchen-film.de/

 

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