Im Folgenden geht es um eine topographische Analyse der Situation an den Orten, die vom Muzeum Treblinka verwaltet werden. Es sind dies u.a.: das Gelände des ehemaligen nationalsozialistischen Vernichtungslagers Treblinka II (1942–1943), der Exekutionsort (Miejsce Straceń) beim ehemaligen NS-Arbeitslager Treblinka I (1941–1944) sowie die eh. Bahnhofsanlage im Dorf Treblinka, ca. fünf Kilometer vom eh. Todeslager Treblinka II entfernt.
Seit Erscheinen des Artikels „Negacjonizm po polsku“ von Elżbieta Janicka in der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza am 19. April 2024 (eine deutsche Übersetzung von Katrin Stoll erschien am 14. Mai 2024 bei zeitgeschichte | online) haben die Verunstaltung der denkmalgeschützten Gedenkanlage von 1964 und die geschichtsverfälschenden Praktiken an den Orten in Treblinka, die zum Muzeum Treblinka gehören, nicht ab-, sondern zugenommen. Die Installierung eines Internationalen Treblinka-Rates im Juli 2025 durch das polnische Kulturministerium änderte daran nichts.
Wir dokumentieren im Folgenden eine deutsche Übersetzung eines offenen Briefes, den die Antisemitismus- und Holocaustforscherin Elżbieta Janicka (Prof. im Instytut Slawistyki PAN, Warszawa) am 13. April 2026 an die Vorsitzende des International Treblinka Council, Prof. Havi Dreifuss (Yad Vashem und Tel Aviv University), schrieb. Er erschien am 19. April 2026 in der Gazeta Wyborcza. Elżbieta Janickas Fotos entstanden im Rahmen einer von Katrin Stoll und Studierenden der Friedrich-Schiller-Universität Jena durchgeführten Exkursion „Tatorte der Shoah in Polen. Damals und heute“ (29.3.–12.4. 2026). Zwar antwortete Havi Dreifuss am 4. Mai 2026 in der Gazeta Wyborcza auf den offenen Brief. Der Briefwechsel erschien zudem in K. Les Juifs, l'Europe, le XXIe siècle. Indes, die geschichtsverfälschenden Praktiken und die unzulässigen Eingriffe in die symbolische Landschaft des Geländes wurden nicht unterbunden. Ein Protest am 8. Juni 2026 an der eh. Bahnhofsstation im Dorf Treblinka und eine von Prof. Jan Grabowski (Ottawa) und Elżbieta Janicka verfasste Protesterklärung verhallten ohne Echo.
Am 5. September 2026 fand eine „patriotisch-religiöse Gedenkfeier zu Ehren der Opfer des Arbeitslagers Treblinka I und des Zweiten Weltkriegs“ statt, abgehalten vom lokalen Bischof und vom Direktor des Muzeum Treblinka, Edward Kopówka. Es wurde eine katholische Messe auf den Gräbern der jüdischen Ermordeten des Exekutionsortes (Miejsce Straceń) gefeiert, deren jüdische Identität negiert wird. Dieser Tatort der Shoah wird systematisch christianisiert.
Grund genug die Beschreibung Elżbieta Janickas, die nichts an Aktualität eingebüßt hat, erneut zur Sprache zu bringen und die Verantwortlichen aufzufordern, alle materiellen Zeichen mit antijüdischer Stoßrichtung zu entfernen und sich dafür einzusetzen, die Debatte um die Spezifik der Shoah im deutsch besetzten Polen und den polnischen Kontext wiederzubeleben.
Katrin Stoll, Warszawa, den 20. September 2026
Sehr geehrte Frau Professor Dreifuss,
Seit Ihrer Ernennung zur Vorsitzenden des Internationalen Treblinka-Rates ist von den Orten, die vom Muzeum Treblinka verwaltet werden, kein einziges der sich dort befindlichen antisemitischen Artefakte entfernt worden.
Nicht nur sind die Ortsnamen Jedwabne, Radziłów, Goniądz, Kleszczele, Grajewo und ähnliche in den Steinen auf dem Gelände des ehemaliger Lagers Treblinka II weiterhin eingraviert. Unerschütterlich stehen auch alle Artefakte, die ich in meinen drei Memoranden an das polnische Ministerium für Kultur und nationales Erbe (vom 8. Mai 2024, 18. Januar 2025 und 19. April 2025) aufgelistet habe. Ich habe mir damals erlaubt, Ihnen die Memoranda nach Ihrer Amtsübernahme zu schicken.
Kreuze zieren weiterhin die Gräber der jüdischen Opfer und religiöse katholische Zeremonien – wie der Kreuzweg – finden weiterhin an dem eh. Exekutionsort (Miejsce Straceń) beim ehemaligen NS-Strafarbeitslager Treblinka I statt. Das Denkmal zu Ehren eines polnischen Nutznießers, der als Polnischer Gerechter erscheint, steht weiterhin an dem Ort der ehemaligen Bahnhofsstation im Dorf Treblinka und ist Gegenstand des Kults. Auf dem beigefügten Foto sind die das Denkmal umgebende Grabkerzen und weiß-rote Kränze [in den Nationalfarben Polens, K.S.] zu sehen. Die Aufschrift einer Grabkerze lautet: „Muzeum Treblinka – pamiętamy“ [Muzeum Treblinka – wir erinnern].
Zugleich verfallen nach wie vor die beiden letzten historischen Bahnhofsgebäude und der Bahnhofsbrunnen. Ebenso wurde nichts unternommen, um Dutzende Gräber jüdischer Opfer, die sich im Umkreis des ehemaligen Bahnhofsgeländes befinden, sowie ein größeres Massengrab in dem nahegelegenen polnischen Dorf Wólka Okrąglik zu identifizieren.
Vielmehr nimmt die Politik der Leugnung (negacjonistyczna polityka) zu, sowohl qualitativ als auch quantitativ.
1.
Ein weiteres Denkmal, bereits das dritte, wurde am Exekutionsort beim eh. Lager Treblinka I gebaut. Die Inschrift darauf lautet: „Zum Gedenken an die an diesem Ort ruhenden 49 Personen unbekannter Nationalität und Religionszugehörigkeit – Gefangene des deutschen Arbeitslagers Treblinka I (1941–1944) ermordet von deutschen Tätern und zum Gedenken an die Verstorbenen, die an Erschöpfung oder Krankheiten starben und 2019 vom Institut des Nationalen Gedenkens aus der Umgebung des «Miejsce Straceń» exhumiert wurden.“
Dieses neue Denkmal etabliert ein neues Erzählmuster, das genauso perfide ist wie die bisher angewandten Muster: a) die Darstellung der Ereignisse als deren Gegenteil; b) die Jedwabne-Lüge[1]; c) die falsche Symmetrie des polnischen und jüdischen Schicksals; d) die Entfernung der jüdischen Opfer aus der Erzählung.
Das neue Erzählmuster stellt eine neue Art der De-Judaisierung von Treblinka I und möglicherweise auch anderer Orte der Shoah dar. Treblinka I wurde bisher durch die Methode der Entfernung jeglicher Hinweise auf Juden und Jüdinnen de-judaisiert:
- a) durch die offizielle Beschreibung des Exekutionsortes (Miejsce Straceń) am selben Ort,
- b) durch die Errichtung eines zusätzlichen, zweiten Denkmals und die Umbenennung des ursprünglichen und allen Opfern gewidmeten Denkmals [von 1964, K.S.] in: „polnisches Denkmal“ und weitere Manipulationen, die ich detailliert in dem Artikel „Negacjonizm po polsku“ beschrieben habe.
Die neueste Methode ist ausgefeilter. Sie macht die Opfer für das Verfahren zur Entfernung verantwortlich. Der erste Schritt ist die Exhumierung, der zweite die objektive, wissenschaftliche Feststellung, dass sich die Nationalität und die Religionszugehörigkeit der exhumierten sterblichen Überreste nicht bestimmen ließen.
Auf diese Art und Weise wird gegenwärtig die „Frage“ der ungefähr 10.000 bis 12.000 jüdischen Opfer von Treblinka I „gelöst“. Wenn dieser Prozedur jedoch nicht sofort Einhalt geboten wird, wird sie an anderen Orten angewandt werden, wie Gruben mit jüdischen Opfern, die über ganz Polen verstreut sind, um nur eines von möglichen Beispielen zu nennen.
Die Gedenkanlage von Treblinka aus dem Jahr 1964, welche die beiden Lager, die Kiesgrube, den Schwarzen Weg und die betonierte Straße mit Fahrspur (an der später illegalerweise ein riesiges Kreuz gebaut wurde) umfasst, wurde als Denkmal eingestuft (Denkmalverzeichnis, Entscheidung Nummer A-406/757 vom 22. März 1966). Nichts darf somit der ursprünglichen Form der Gedenkanlage von 1964 hinzugefügt werden. Das Projekt von Franciszek Duszeńko, Adam Haupt und Franciszek Strynkiewicz – ein künstlerisches Werk von Weltrang – verliert nach und nach seine ursprüngliche Gestalt.
2.
Die Errichtung der sog. Mauerwand der Namen der jüdischen Opfer von Treblinka. Wie Sie als Historikerin wissen, ist die Erstellung einer solchen Liste in Bezug auf die Juden und Jüdinnen Polens, die die größte Opfergruppe von Treblinka darstellen, nicht möglich (Faktoren sind u.a.: das Fehlen von Dokumenten; die verschwindend geringe Zahl von Überlebenden auf dem Territorium des deutsch besetzten Polens, der polnische Pakt des Schweigens nach dem Zweiten Weltkrieg; die Niederlage der polnischen Nachkriegsjustiz in der Sache des sog. August-Dekrets von 1944[2]). Diese völlig elementare Offensichtlichkeit beendet jegliche Diskussion. Trotz dieser Tatsache wird das Unternehmen vom Muzeum Treblinka fortgesetzt, unterstützt und beworben.
Wir haben es hier mit einem zweifachen – historischen und moralischen – Skandal zu tun, weil die im Entstehen begriffene Liste der Namen den polnischen Teil der Verantwortung für diejenigen Juden und Jüdinnen annulliert, die schlussendlich von den Deutschen getötet wurden – außerhalb von Treblinka, während der Deportationen und später – und zwar aufgrund des Verhaltens von Polen, die Juden und Jüdinnen die Flucht unmöglich machten oder sie jagten und den Deutschen auslieferten. Juden und Jüdinnen wurden auch direkt von Polen ermordet, ohne deutsche Teilnahme. Das waren keine Einzelfälle. Die Opfer dieser Verbrechen würden heute als Opfer von Treblinka eingeordnet.
***
Die heutige Situation auf dem Gelände, das zum Muzeum Treblinka gehört, spiegelt eine Reflexion Walter Benjamins: „auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.“[3]
Die historische Wahrheit und die Holocaustforschung haben bereits genug unter den bisherigen polnischen Strategien – sowohl von unten als auch von oben – des whitewashing gelitten. Es ist Zeit, den Kampf mit ihnen und den in immer neuen Varianten auftretenden Lügen aufzunehmen.
Ein Ausbleiben von Widerspruch von Seiten des Internationalen Treblinka-Rates käme einer Legitimierung des Ist-Zustands gleich. Ich rufe Sie dazu auf, die beschriebene Entwicklung der Ereignisse offen zu verurteilen und die sofortige Entfernung der Elemente zu verlangen, die der Gedenkanlage von 1964 hinzugefügt wurden und deren Liste sich im Besitz des polnischen Ministeriums der Kultur und des nationalen Erbes befindet.
Hochachtungsvoll,
Elżbieta Janicka
Warszawa, den 13. April 2026
Aus dem Polnischen übersetzt von Katrin Stoll
Bereits im April 2024 erschien auf zeitgeschichte | online eine Übersetzung des Artikels "Negationismus auf polnische Art" von Elżbieta Janicka.
[1] Am 10. Juli 1941 wurde die jüdische Bevölkerung in Jedwabne von ihren polnischen Nachbarn vor Ort ermordet. Die „Lüge von Jedwabne“ ist die Behauptung, dass die Deutschen dieses Verbrechen begangen hätten. Vgl. Elżbieta Janicka, Kłamstwo jedwabieńskie, in Kwartalnik Historii Żydów (2026), im Erscheinen.
[2] „Dekret des Polnischen Komitees für die Nationale Befreiung vom 31. August 1944 über die Strafzumessung für faschistisch-hitleristische Verbrecher, die sich des Mordes und der Misshandlung der Zivilbevölkerung und von Kriegsgefangenen schuldig gemacht haben, sowie für Verräter der polnischen Nation“:
Paragraph 1 des Dekrets lautet wie folgt: „Wer im Einvernehmen mit der deutschen Besatzungsmacht:
a) an der Tötung von Zivilisten oder Kriegsgefangenen, an deren Misshandlung oder Verfolgung beteiligt war,
b) zum Nachteil von Personen handelte oder handelt, die sich auf dem Gebiet des polnischen Staates aufhalten, insbesondere durch die Festnahme oder Auslieferung von Personen, die von den Besatzungsbehörden aus beliebigen Gründen gesucht oder verfolgt werden (mit Ausnahme der Strafverfolgung wegen der Begehung gewöhnlicher Straftaten),
wird mit der Todesstrafe bestraft.“ https://isap.sejm.gov.pl/isap.nsf/DocDetails.xsp?id=WDU19440040016
[3] Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, in: ders., Ein Lesebuch, Frankfurt am Main 1996, S. 665– 675, hier: S. 667.
Zitation
Elżbieta Janicka, Katrin Stoll, Geschichtsfälschung in Treblinka. Offener Brief an die Vorsitzende des International Treblinka Council, Prof. Havi Dreifuss , in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/geschichtsfaelschung-treblinka