Es beginnt mit einer Rückblende in grobkörnigem Schwarz-Weiß. Ein blinder Soldat wird von einem Arzt behandelt. Immer näher hält der Arzt eine Kerze vor das Auge des Blinden. Kann er wirklich nicht mehr sehen oder tut er nur so? Leidet der Blinde womöglich an Hysterie? Der Arzt jedenfalls ist sich sicher, dass der Blinde eigentlich noch sehen kann und dass die Ursachen der Erblindung in seiner Psyche zu finden sind. Also behandelt er ihn mit Hypnose, um ihn von seinen Leiden zu heilen.
Die Szene stammt aus der fünften und finalen Staffel von „Babylon Berlin“, die im September 2026 in der ARD angelaufen ist. Waren die vorangegangenen Staffeln vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise 1929-1932 angesiedelt, springt die Haupthandlung der Serie zum Abschluss ins Jahr 1933, mitten in die nationalsozialistische Machtübernahme. Die Rückblende führt uns jedoch in das Jahr 1918.
Beide Figuren basieren auf historischen Persönlichkeiten: Bei dem Arzt handelt es sich um den deutschen Psychiater und Neurologen Edmund Forster. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs praktizierte er im Reservelazarett Pasewalk, dem Schauplatz der Handlung, wie uns eine Einblendung verrät. Der erblindete Soldat ist der Gefreite Adolf Hitler, der sich vom 21. Oktober bis zum 19. November 1918 tatsächlich im Reservelazarett Pasewalk aufhielt. Hier erlebte er die Novemberrevolution und das Kriegsende, wovon er in „Mein Kampf“ berichtet.[1]
Hitler war in Pasewalk, weil er nach einem Senfgasangriff an der Westfront vorübergehend erblindet war. Genauere Überlieferungen zu seiner Behandlung gibt es nicht. Seine Krankenakte, die eventuell Auskunft geben könnte, ist bereits seit dem Ende der 1920er Jahre verschollen. Für eine Behandlung von Hysterie durch Hypnose gibt es keinerlei Belege. Es ist nicht einmal gesichert, dass sich der Psychiater Edmund Forster und der Patient Adolf Hitler 1918 in Pasewalk überhaupt begegnet sind.
Ist es vor diesem Hintergrund legitim, dass sich die Kriminalhandlung der fünften Staffel von „Babylon Berlin“ um Hitlers verschwundene Krankenakte spinnt und dass die Serie eine Hypnose in Pasewalk als Ausgangspunkt wählt, um die „Machtergreifung“ von 1933 zu erzählen? Wo endet die künstlerische Freiheit und wo beginnt die Geschichtsklitterung? Welche Rolle spielt historische Authentizität in fiktionalen Filmen und Serien? Und welche Aufgabe kommt der Geschichtswissenschaft bei der Bewertung solcher Produktionen zu? „Babylon Berlin“ lädt zur Auseinandersetzung mit diesen Fragen ein.
Geschichte auf dem Prüfstand
Faktenchecks sind wichtig geworden. Seitdem wir im postfaktischen Zeitalter leben, gibt es Faktenchecks im Nachgang von Polittalkshows, Wahlkampfarenen etc. Immer häufiger werden auch Fachhistoriker*innen um Faktenchecks gebeten. Das ist nicht vollkommen neu. Schon lange übernehmen Historiker*innen die historische Fachberatung von Filmen und prüfen vorab die Drehbücher auf ihre historische Korrektheit. Häufig treten sie in Geschichtsdokus zudem als Expert*innen auf, um als „Talking Heads“ die Geschichte zu erzählen und das Gezeigte zu beglaubigen. Neu ist dagegen, dass Historiker*innen vermehrt gebeten werden, die historische Authentizität fiktionaler Filme kritisch zu bewerten, nachdem diese bereits im Kino oder im Fernsehen angelaufen sind.[2]
Das ist einerseits viel zu kurz gesprungen, denn was ist schon authentisch? Was ist überhaupt der Unterschied zwischen einem wissenschaftlichen Geschichtsbuch und einem fiktionalen Geschichtsfilm, wenn man in postmoderner Perspektive davon ausgeht, dass es sich bei beiden um Narrative handelt, die sich lediglich in ihrem Objektivitätsanspruch unterscheiden? Historische Authentizität schmilzt in moderner kulturwissenschaftlicher Betrachtung ohnehin zu einer bloßen Behauptung. Es gibt sie nicht. Nichts ist wirklich echt. Uns interessieren vielmehr die Modi der Authentisierung, also wie etwas echt gemacht wird, damit man glaubt, es sei echt.[3] Der bloße Faktencheck ist aus einer solchen Perspektive eine krasse Unterforderung.
Andererseits gibt es ein großes gesellschaftliches Bedürfnis nach Echtheit und ihrer Überprüfung. Und Historiker*innen tragen Verantwortung dafür, dieses Bedürfnis ernst zu nehmen, statt es Populist*innen zu überlassen. Dies gilt umso mehr in postfaktischen Zeiten, in denen Geschichtsmythen und historische Verschwörungserzählungen Hochkonjunktur haben und jede*r im Netz oder am Rednerpult einfach alles behaupten kann. Historiker*innen kommt dann durchaus die Aufgabe zu, zur historischen Aufklärung beizutragen und dem populistischen Geschichtsrevisionismus zu widersprechen, indem sie auf historische Fakten und wissenschaftliche Standards pochen.
„Babylon Berlin“ ist weit davon entfernt, bewusst Geschichtsrevisionismus zu betreiben. Die Serie ist der historischen Aufklärung verpflichtet und leistet seit der ersten Staffel, die 2017 ausgestrahlt wurde, viel für ein kritisches Geschichtsbewusstsein, indem sie den heutigen Zuschauer*innen das Scheitern der Weimarer Republik vor Augen führt. Indem sie zeigt, wie die Republik von rechts zerstört wurde, sensibilisiert sie für die Gefahren der Gegenwart. Das macht einen Teil des Erfolgs von „Babylon Berlin“ aus. Die Serie erscheint uns unglaublich aktuell und sie besitzt einen Standpunkt, der die Feinde der Demokratie gestern und heute klar verortet.[4]
Dieser Botschaft ordnet die Serie von Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries alles unter. Das gilt auch für die historische Korrektheit. Seit der ersten Staffel gibt es einige historische Ungenauigkeiten: Mal fährt eine Dampflok durchs Bild, die eigentlich erst viele Jahre später produziert wurde, mal gibt es eine Staatsgrenze, die historisch gar nicht existierte, und mal sieht man Gebäude am Berliner Alexanderplatz, die erst ein paar Jahre später entstanden. All das sind lässliche Kleinigkeiten, die die Handlung unterstützen, ohne die Geschichte in Frage zu stellen. Selbst als Gustav Stresemann in der dritten Staffel kontrafaktisch beim Frühstück stirbt, weil ihm der deutschnationale Oberst Wendt bei seinem Herzanfall nicht zu Hilfe eilt, dient dieser kleine Eingriff in die Geschichte vor allem der dramaturgischen Zuspitzung und versinnbildlicht das Sterben der Republik.[5]
Kontrafaktische Geschichte
Der historischen Triftigkeit der Serie taten diese historischen Ungenauigkeiten in den ersten Staffeln keinen Abbruch.[6] Sie dienten dramaturgischen Zwecken, beglaubigten die Handlung und vermittelten historische Kernbotschaften im Sinne politischer Aufklärungsarbeit. Man kann hierin sogar ein bewusstes Spiel mit der Geschichte sehen. „Babylon Berlin“ erzählt eine alternative Geschichte.
Kontrafaktisches Erzählen ist keine neue Idee. Schon Victor Hugo spekuliert in „Les Misérables“ ausführlich darüber, was gewesen wäre, wenn Napoleon bei Waterloo gewonnen hätte. Der Historiker Richard J. Evans versteht Geschichte als Aneinanderreihung von Ereignissen und Abzweigungen.[7] Die NS-Zeit ist gerade in Film und Fernsehen dafür ein populäres Beispiel: „SS-GB“, „Fatherland“ und „The Man in the High Castle“ setzen sich mit dem Gedankenspiel auseinander, was wohl gewesen wäre, wenn die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten. Dieses Gedankenspiel begann bereits, als der Krieg noch lief und die deutsche Niederlage noch nicht absehbar war. So beginnt schon Fritz Langs „Man Hunt“ (1941) mit einem Mann, der Hitler im Visier hat. Kurz bevor er abdrückt, fällt ein Blatt vom Baum und verdeckt das Zielfernrohr. Die Chance, Hitler zu erschießen, wird vereitelt von einem Blatt im Wind.
Die fünfte Staffel von „Babylon Berlin“ ist eine Aneinanderreihung von solchen Was-wäre-wenn-Momenten, von Kipppunkten, an denen alles anders hätte werden können: Helga Rath bekommt in der letzten Folge heimlich eine Tablette verabreicht. Ihr wird übel, sie wirft ihr Weinglas um, und so tropft der Wein auf das Kabel des Sprengsatzes, der Hitler töten soll. Die Bombe geht nicht hoch. Es sind Butterfly-Effekte. Tom Tykwer hat hiermit schon in seinem Film „Lola rennt“ (1998) experimentiert, der dieselbe Geschichte ausgehend von kleinen Zufällen dreimal anders erzählt.
Der große Schmetterling von „Babylon Berlin“ ist die Krankenakte. Sie ist der Aufhänger der Krimihandlung, sie ist der Treibstoff. Was historisch fragwürdig ist, ist dramaturgisch durchaus legitim, denn die Krankenakte ändert nichts am Ausgang der Handlung. Am Ende ist sie eher ein MacGuffin. Sie steht für die kontrafaktische Idee, dass irgendetwas irgendwie irgendwas hätte ändern können.
Doch das Spiel mit der kontrafaktischen Geschichte in „Babylon Berlin“ ist zaghaft. Hätte es die Geschichte wirklich verändert, wenn Hitler blind geblieben wäre oder wenn die Akte über seine Behandlung in Pasewalk als Druckmittel verwendet worden wäre? Hätte ihn das als Reichskanzler verhindert? All das verkennt die antisemitische Haltung der Bevölkerung und den Willen, sich einer menschenverachtenden Diktatur unterzuordnen. Und es überhöht die Figur des Diktators.
Die ganze Handlung der fünften Staffel ergibt nur aus heutiger Perspektive Sinn. Wir wissen, was passieren wird, wir wissen um die Opfer von Krieg und Völkermord. Denn warum die fiktiven Verschwörer – eine illustre Gruppe aus dem Serienhelden Gereon Rath, einem SA-Mann und Mitgliedern der organisierten Kriminalität – den fiktiven Anschlag planen, bleibt seltsam vage. Nur für uns Zuschauer*innen ist das klar: Wir interpretieren das Tatmotiv im Wissen um den weiteren Verlauf der Geschichte. Nähme man die Perspektive des Jahres 1933 ernst, wäre das Attentat ein Mordanschlag, der nichts mit Widerstand zu tun hat.
Stark ist die kontrafaktische Erzählung dort, wo es nicht nur um Hitler geht. Elisabeth Behnke (Fritzi Haberland) gibt sich als Schwester von Rosa Luxemburg aus und versucht auf diese Weise, KPD und SPD zu vereinen. In einer Szene sitzen Vertreterinnen der beiden zerstrittenen Arbeiterparteien bei Elisabeth Behnke zu Hause und schreien sich an. Schütteln möchte man sie: Reißt euch zusammen, ihr müsst doch wissen, wie groß die Gefahr der NSDAP ist! Tut euch zusammen, bitte! Aber es ist zu spät. Die Serie legt nahe, dass es 1933 die Option einer Zusammenarbeit gegeben hätte. Was wäre gewesen, wenn SPD und KPD zusammengearbeitet und so die Machtübernahme der NSDAP verhindert hätten?
Die fünfte Staffel ist in ihrer Grundidee dem kontrafaktischen Erzählen verpflichtet. Sie kann es aber nicht zugeben und konsequent durchziehen. Weil Hitler eben Hitler ist, kann sie nicht enden wie Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009), wo Hitler am Ende im Kino verbrennt. Die Serie traut sich nicht. Das Spiel mit der kontrafaktischen Geschichte endet wohl aus Respekt vor der tatsächlichen Historie. Statt Hitler wird Alfred Nyssen (Lars Eidinger) in die Luft gesprengt, allein in seinem Schloss, im wahnhaften Zwiegespräch mit seiner toten Mutter. Die semifiktionale Figur Nyssen verbindet auf seltsame Weise den historischen Großindustriellen Thyssen mit dem heutigen Tech-Giganten Musk. Lars Eidinger überzieht die Darstellung auf gewohnte Weise bis an die Grenze zur Albernheit.
In die Rolle des Diktators schlüpft Clemens Schick. Doch abgesehen von den Rückblenden ins Jahr 1918 hören wir Hitler in der Serie nur ein einziges Mal sprechen, wenn er im Haus des Rundfunks die Rede vom 1. Februar 1933 hält. Währenddessen sitzt Charlotte Ritter in der U-Bahn und liest in „Mein Kampf“. Darüber kippt im Off die Stimme des Schauspielers in den Ton der Originalrede. Charlotte packt das Buch weg und sieht sich um. Dann hält die Kamera für einen Moment auf den Gesichtern der Menschen in der U-Bahn inne. Sie schauen nacheinander in die Kamera, während Hitler von den deutschen Männern und Frauen spricht: ein rauchender alter Mann, eine junge Frau mit gescheiteltem Haar, Männer und Frauen mit Hüten und Mänteln und rotgefrorenen Gesichtern. Sie alle blicken regungslos in die Kamera. Glauben sie an das, was Hitler da sagt? Wen werden sie am 5. März 1933 wählen? Werden sie die nächsten Jahre überleben? Die Rede ist endlos. Charlotte ist längst zu Hause am Küchentisch, da läuft sie immer noch im Radio, die Propagandamaschine der Nazis, die Stimme Hitlers in den Köpfen der Menschen. Folgerichtig sind wir in der nächsten Szene mit Chefredakteur Heymann in einem der ersten Konzentrationslager. Aus den Worten folgen bereits Taten.
Die Worte haben zugleich eine beglaubigende Funktion. Hitler wird über ein historisches Tondokument authentifiziert. In der Handlung, die im Jahr 1933 spielt, ist er somit keine fiktionale Figur. In der Rückblende (Pasewalk 1918) hingegen, die historisch nicht belegt ist, bekommt er Text. Das ist ein unentschiedener Umgang mit der Figur. Hitler wird bewusst zur Nebenfigur degradiert, um ihn nicht zu übermächtig erscheinen zu lassen. Da die Nebenfigur jedoch die Handlung trägt und die Geschichte hinter der Geschichte maßgeblich prägt, wird sie unversehens wieder zur monströsen Hauptfigur.
Dabei lebt „Babylon Berlin“ eigentlich von seinen überzeugenden Nebenfiguren, die die Serie so reichhaltig machen. Hierzu gehört Doris (Lilli Fichtner). Sie war in den ersten Staffeln Charlottes Kollegin in der Mordkommission und ihre Mitstreiterin beim Tanzmarathon. In der letzten Staffel sagt sie voller Überzeugung: „Ich bin Sozialistin, Nationalsozialistin!“ und verteilt Flugblätter „Frauen für Hitler“. Doris verkörpert die Überzeugte, die Begeisterte. Doch in der letzten Folge macht die Serie einen Rückzieher. Ein Topshot zeigt Doris von oben in der Wahlkabine. Es ist dunkel, sie ist allein, eine einzelne Lampe beleuchtet den Stimmzettel zur Reichstagswahl am 5. März 1933. Der Stift verharrt über den Kreisen zum Ankreuzen. Schnitt, Nahaufnahme ihres Gesichts, das Hakenkreuz am Revers. Schnitt, der Stift zittert leicht über dem ersten Kreis, mit dem man seine Stimme der NSDAP gibt. Zurück auf ihr Gesicht: Sie schluckt, ringt mit sich. Was Doris schließlich wählt, bleibt offen. Die Serie entzieht sich den Konsequenzen. Sie kann die geliebte Nebenfigur das Kreuz nicht bei der NSDAP setzen lassen. Dabei muss zuvor ausgerechnet diese Frauenfigur fast im Alleingang das Mitläufertum darstellen. 1933 haben mehr als 17 Millionen Menschen für die NSDAP gestimmt.
Am Ende gehen sie: Die couragierte Charlotte Ritter, der queere Reinhold Gräf und die resolute Elisabeth Behnke. Die guten Figuren, die nur Fiktion sind, können Berlin verlassen. Was aus Doris wird, wissen wir nicht. Und dann kippt die Serie in einen Modus, der ihre Gemachtheit gleichzeitig offenlegt und verschleiert. Die Figuren, die auf realen Persönlichkeiten beruhen, blicken in den letzten Minuten in die Kamera und durchbrechen somit die vierte Wand. Wir erfahren in kurzen Einblendungen, was aus den historischen Personen geworden ist. Wir erschauern vor dem traurigen Schicksal des linken Anwalts Hans Litten und des aufrechten Publizisten Carl von Ossietzky, der für die fiktive Figur Heymann Pate stand. In diesem Moment weiß die Serie selbst nicht mehr, was Fiktion und was Realität ist.
Geschichtsmythen und Verschwörungserzählungen
Alternative Geschichtserzählungen sind vollkommen legitim – solange sie nicht historische Authentizität behaupten. Diesen Anspruch auf Echtheit und Wahrhaftigkeit vermitteln die Macher der Serie jedoch nicht nur in zahlreichen Interviews zum Serienstart.[8] Diesen Anspruch generiert auch die Serie selbst mit ihrer Aussage, Ausstattung und Ausstrahlung. Die ernsthafte These, die detailgetreuen Kostüme und der immense Erfolg der Serie erzeugen eine turmhohe Erwartungshaltung, die sie kaum mehr erfüllen kann. Da fällt das Spielen mit der Geschichte immer schwerer, zumal die Serie in der fünften und letzten Staffel in der Zeit des Nationalsozialismus angekommen ist.
Von Staffel zu Staffel greifen die Protagonist*innen mehr und mehr in die tatsächliche Geschichte ein.[9] Zugleich treten neben den fiktiven Hauptfiguren immer mehr historische Persönlichkeiten auf. In der fünften Staffel spielt nun selbst Hitler eine Rolle. Dabei zeigen die allermeisten Filme – mit Ausnahme vielleicht von Charlie Chaplins zeitgenössischer Satire „Der große Diktator“ (1940) und Dani Levys Film „Mein Führer“ (2007) mit Helge Schneider, – dass man sich an Hitler nur die Finger verbrennen kann. Selbst der große Bruno Ganz scheiterte in „Der Untergang“ (2004) an der Darstellung des Diktators.[10] Der Schatten, den die nationalsozialistischen Propagandabilder werfen, ist einfach zu groß. Die fünfte Staffel von „Babylon Berlin“ tappt in die Falle, die sie sich selbst gestellt hat, denn um Hitler ranken sich unzählige halbgare und halbwissenschaftliche Mythen und ziehen im Schlepptau zweifelhafte Geschichtsbilder nach sich, die „Babylon Berlin“ unfreiwillig fortspinnt.
Das beginnt mit der Pasewalk-Geschichte am Anfang: Der Mythos, dass Hitler unter Hysterie litt und mutmaßlich von dem Psychiater Edmund Forster mit Hypnose behandelt wurde, basiert v.a. auf dem Roman „Ich, der Augenzeuge“, den der Emigrant Ernst Weiß 1939 im Pariser Exil geschrieben hat,[11] sowie auf einem psychologischen Bericht, der 1943 im Auftrag des Nachrichtendiensts des US-Kriegsministeriums (OSS) erstellt wurde, um Hitler zu verstehen. Die psychologisierende Deutung hat sich danach verselbständigt, weil die Behandlung in Pasewalk als perfekte Projektionsfläche diente. Immer wieder wurde sie von amerikanischen Wissenschaftlern aufgegriffen, nicht jedoch von der seriösen NS-Forschung, denn entscheidend ist nicht die vermeintliche Hysterie Hitlers, sondern die Hysterie, in die ein Großteil der Deutschen 1933 verfiel.
Ob Hitler an Hysterie litt und hypnotisiert wurde, erklärt nicht im Geringsten die Funktionsweise des Nationalsozialismus, sondern verklärt eher die Schuld der Deutschen. Die Deutschen sind 1933 nicht von einem hypnotisierten Hypnotiseur hypnotisiert worden, sondern haben überwiegend freiwillig mitgemacht und „dem Führer entgegengearbeitet“.[12] Viele fielen in Windeseile um, um in der neuen Diktatur Karriere zu machen, und traten hierfür bereits im März 1933 in die NSDAP ein. Diese so genannten „Märzgefallenen“ werden in der fünften Staffel aber so gut wie gar nicht thematisiert, obwohl „Märzgefallene“ sogar der Titel von Volker Kutschers Romanvorlage ist, von der sich die Serie allerdings fast komplett gelöst hat.[13] Mitläufer*innen gibt es, wie gesagt, kaum in „Babylon Berlin“. So zeigt die finale Staffel eigentlich nur verfassungstreue Republikfreunde, die sich auf verlorenem Posten gegen die Diktatur stemmen, oder eingeschworene Republikfeinde, die die Weimarer Demokratie schon seit Jahren bekämpfen. Die riesige Personengruppe zwischen diesen beiden Lagern, die ab 1933 die neuen Machthaber aus purem Opportunismus oder aus dem Glauben an die vermeintliche „Volksgemeinschaft“ unterstützte, kommt in der fünften Staffel entschieden zu kurz.
Nur ganz wenige entschlossen sich zum Widerstand – und schon gar nicht bereits 1933. Umso befremdlicher ist es, dass im Serienfinale ein Attentatsversuch auf Hitler inszeniert wird, der verblüffend an den Anschlag vom 20. Juli 1944 erinnert. Wie Stauffenberg platziert auch die fiktive Hauptfigur Gereon Rath eine Bombe unter einem riesigen Eichentisch. Die Vorverlegung des Attentatsversuchs von 1944 auf 1933 ist aber eine krasse Geschichtsklitterung, auch wenn sie der dramaturgischen Zuspitzung der Handlung dienen soll. Denn die Attentäter um Stauffenberg entschlossen sich nicht bereits 1933 zum Widerstand, sondern verübten den Anschlag auf Hitler erst im Juli 1944, als sich die deutsche Kriegsniederlage durch die Landung der Alliierten in der Normandie endgültig abzeichnete. Zu diesem Zeitpunkt war der Massenmord an den europäischen Juden längst zum größten Teil erfolgt.[14] 1933 hätte er noch verhindert werden können, aber damals gab es keinen einzigen ernstzunehmenden Versuch, Hitler mit Gewalt zu stoppen.[15] Auch hier entlastet die Serie also die damaligen Deutschen, indem sie gleich zu Beginn der Diktatur einen aufrechten Attentatsversuch inszeniert.
Hitler entgeht dem Anschlag im Finale, weil er zum brennenden Reichstag gerufen wird. Der Brand ist aber keine Überraschung für ihn, sondern von den Nazis von langer Hand geplant. Auf diese Weise strickt die Serie die Geschichte vom inszenierten Reichstagsbrand weiter und behauptet, dass die Nazis hinter dem Brandanschlag steckten. Dabei ist die Täterfrage bis heute umstritten, wobei die meisten anerkannten Historiker*innen zur Alleintäterthese tendieren.[16] Zwar gibt es nach wie vor Zweifel daran, dass Marinus van der Lubbe den Reichstag allein angezündet hat.[17] Diese Zweifel gründen auf seinem eingeschränkten Sehvermögen, folgen späteren Aussagen ehemaliger SA-Männer und sehen die Nazis für die Brandstiftung verantwortlich, weil sie deren Nutznießer waren.
Aber nicht alles in der Geschichte erklärt sich nach dem simplen Prinzip „Cui bono?“. Es gibt auch historische Kontingenz und das geschickte Ausnutzen von Anschlägen fremder Hand. Timothy Snyder nennt dies „Terrormanagement“.[18] Genau das haben die Nationalsozialisten nach dem 27. Februar 1933 gemacht. Sie brauchten den Reichstag gar nicht selbst anzuzünden. Wichtig war, dass ihnen ein wirrer niederländischer Anarchist mit seinem Brandanschlag die perfekte Begründung lieferte, um ihre politischen Gegner, die Demokratie und den Rechtsstaat auszuschalten.
Indem die Serie die Nazis als Hintermänner des Reichstagsbrands inszeniert, nimmt sie die Deutschen abermals aus der Schuld, weil sie von den Nazis hinters Licht geführt wurden. Das war allerdings gar nicht nötig. Es brauchte keine heimliche Verschwörung, sondern nur ein Volk, das bereitwillig und sehenden Auges mitmachte. Genau das ist das Gefährliche an Verschwörungserzählungen. Sie entlasten die große Mehrheit der Menschen, indem sie die Schuld auf eine kleine Gruppe vermeintlicher Strippenzieher im Dunkeln projizieren.
„Babylon Berlin“ hat so ein Finale nicht verdient. Im Nationalsozialismus angekommen, verliert die profunde Weimar-Serie ihre historische Genauigkeit und begibt sich ohne Not ins Fahrwasser entlastender Geschichtsmythen und Verschwörungserzählungen. Das ernstzunehmende Plädoyer der Serie zur Verteidigung unserer heutigen Demokratie wird konterkariert, indem sie die damaligen Deutschen zugleich aus der Verantwortung nimmt. So verfehlt der flammende Appell im brennenden Reichstag, der sich am Ende an uns richtet, seine Wirkung.[19] Denn es kommt nicht nur darauf an, unsere Demokratie gegen ihre Feinde zu verteidigen, sondern vor allem darauf, selber aufrecht zu bleiben.
[1] Vgl. hierzu die kritische Ausgabe des Münchener Instituts für Zeitgeschichte: Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, Herausgegeben im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin von Christian Hartmann u.a., München 2016.
[2] Vgl. Stefanie Felkel und Frederik Tourneau, Wie viel Wahrheit steckt in der neuen Staffel von »Babylon Berlin«?, in: Spiegel-Online, 10.09.2026, URL: https://www.spiegel.de/geschichte/babylon-berlin-wie-viel-wahrheit-steckt-in-der-neuen-staffel-der-serie-a-f7410290-c481-4e7a-a93b-0b41687f2183?sara_ref=re-xx-cp-sh [letzter Zugriff: 10.10.2026].
[3] Vgl. Achim Saupe, Authentizität, Version: 3.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 25.08.2015, URL: https://docupedia.de/zg/saupe_authentizitaet_v3_de_2015; DOI: https://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.705.v3.
[4] Vgl. Hanno Hochmuth, Mythos Babylon Berlin. Weimar in der Populärkultur, in: Hanno Hochmuth, Martin Sabrow und Tilmann Siebeneichner (Hg.), Weimars Wirkung. Das Nachleben der ersten deutschen Republik, Göttingen 2020, S. 111-125.
[5] Vgl. Hanno Hochmuth und Bettina Köhler, Oberflächengenauigkeiten. Zum Geschichtsbild von BABYLON BERLIN, in: Zeitgeschichte-online, Dezember 2021, URL: https://zeitgeschichte-online.de/film/oberflaechengenauigkeiten; Hanno Hochmuth und Bettina Köhler, Wenn Stresemann beim Frühstück stirbt. Babylon Berlin und das Bild der Weimarer Republik, in: Geschichte für heute 15 (2022) H. 3, S. 5-18.
[6] Vgl. Olaf Guercke, Babylon Berlin und der Anfang vom Ende der Weimarer Republik. Wie eine moderne Fernsehserie Geschichte erzählt (=Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung 26), Bonn 2020, URL: https://library.fes.de/pdf-files/bibliothek/16464.pdf [10.10.2026].
[7] Vgl. Richard J. Evans, Veränderte Vergangenheiten. Über kontrafaktisches Erzählen in der Geschichte, München 2014.
[8] Vgl. etwa Achim von Borries, Henk Handloegten, Tom Tykwer, Volker Bruch und Clemens Schick im Gespräch mit Marion Brasch, rbb radioeins, 09.09.2026, URL: https://www.radioeins.de/programm/sendungen/mofr1921/_/babylon-berlin--achim-von-borries--henk-handloegten-und-volker-b.html [10.10.2026].
[9] Dies problematisiert auch Volker Kutscher, der Autor der Romanvorlage von „Babylon Berlin“: „How a Democratic Country Could Become a Dictatorial Monster“. A Conversation with Volker Kutscher About His Crime Novels, Babylon Berlin, and the Lessons of the Past, in: International Public History 8 (2025) H. 2, S. 191-194; DOI: https://doi.org/10.1515/iph-2025-0034.
[10] Vgl. Frank Bösch, Film, NS-Vergangenheit und Geschichtswissenschaft. Von „Holocaust“ zu „Der Untergang“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 55.1. (2007), S. 1-32.
[11] Der Roman erschien postum erst 1963: Ernst Weiß, Ich, der Augenzeuge. Roman, Icking 1963.
[12] Vgl. Ian Kershaw, „Working Towards the Führer“. Reflections on the Nature of the Hitler Dictatorship, in: Contemporary European History 2 (1993) H. 2, S. 103-118.
[13] Volker Kutscher, Märzgefallene. Gereon Raths fünfter Fall, Köln 2014.
[14] Vgl. Julia Franke, Attentat - 20. Juli. Zu spät! Umsturzversuch und Holocaust, in: Fritz Backhaus, Dan Diner u.a. (Hg.), Roads not Taken. Oder: Es hätte auch anders kommen können. Deutsche Zäsuren 1989-1848, München 2023, S. 134-151.
[15] Vgl. Wolfgang Benz, Allein gegen Hitler. Leben und Tat des Johann Georg Elser, München 2023, S. 52.
[16] Vgl. etwa Richard J. Evans, Das Dritte Reich und seine Verschwörungstheorien. Wer sie in die Welt gesetzt und wem sie nutzen, München 2020, S. 123-171; Sven Felix Kellerhoff, Der Reichstagsbrand. Die Karriere eines Kriminalfalls, Berlin 2008.
[17] Vgl. etwa Jens Bisky, Die Entscheidung. Deutschland 1929-1934, Berlin 2024, S. 490.
[18] Vgl. Snyder, Timothy, Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand, München 2017, S. 103-110.
[19] Vgl. Tobias Becker, Vergessen durch Erinnerung. Das Finale von „Babylon Berlin“, in: Geschichte der Gegenwart, 12.10.2026, URL: https://geschichtedergegenwart.ch/vergessen-durch-erinnerung-das-finale-von-babylon-berlin [18.10.2026].
Zitation
Hanno Hochmuth, Bettina Köhler, Eingriff in die Geschichte. Zur historischen Authentizität von Babylon Berlin, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/eingriff-die-geschichte