Die Übernahme der DDR-Regierungsstipendiaten durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Jahr 1990 stellt eine bislang wenig beachtete Entscheidung im Kontext der deutschen Wiedervereinigung dar. Der Beitrag zeigt, dass hier – entgegen dem dominierenden Muster institutioneller Abwicklung – ein Integrationsansatz verfolgt wurde. Auf Grundlage eines Zeitzeugenprojekts werden die Entscheidungsprozesse rekonstruiert und in einem Podcast aufbereitet. Die zwanzig Episoden eröffnen zugleich neue Perspektiven auf den internationalen Studierendenaustausch in der DDR und diskutieren dessen Bedeutung für die Gegenwart. Die zugrundeliegenden sechzig biografischen Interviews sind öffentlich zugänglich und stehen für weitere wissenschaftliche Auswertungen zur Verfügung.
Eine offene Frage im Jahr 1990
Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung stellte sich 1990 eine konkrete und folgenreiche Frage: Wie sollte mit den rund 7.000 internationalen Studierenden verfahren werden, denen die DDR durch die Vergabe von Stipendien eine mehrjährige akademische Ausbildung zugesichert hatte?
Mit dem Zusammenbruch der DDR entfiel nicht nur die institutionelle Grundlage dieser Zusagen. Zur Disposition standen auch finanzielle Verpflichtungen in Höhe von etwa 150 Millionen DM sowie die außenpolitische Glaubwürdigkeit Deutschlands gegenüber den Herkunftsländern der Studierenden.
Vor diesem Hintergrund setzte sich der DAAD erfolgreich dafür ein, diese Verpflichtungen zu übernehmen. Der Beitrag argumentiert, dass diese Entscheidung einen atypischen Integrationsprozess darstellt, der sich deutlich vom sonst dominierenden Muster der institutionellen Abwicklung in der frühen Transformationsphase unterschied.
Integration statt Abwicklung
Die Entscheidung ist vor dem Hintergrund der Transformationsdynamik nach 1989 bemerkenswert. In vielen Bereichen wurde die Wiedervereinigung als Übertragung westdeutscher Strukturen bei gleichzeitiger Abwicklung ostdeutscher Institutionen vollzogen.
Im Fall der DDR-Regierungsstipendiaten wurde hingegen ein anderer Weg eingeschlagen. Der DAAD entwickelte ein organisatorisches Modell, das Elemente beider Systeme verband: Die Betreuung der Studierenden blieb dezentral an den Hochschulen verankert, während die Koordination durch ein neu geschaffenes Büro in Berlin erfolgte.
Von besonderer Bedeutung war die Integration ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des DDR-Wissenschaftsministeriums. Diese personelle Kontinuität steht konträr zu verbreiteten Mustern der frühen 1990er Jahre und verweist auf ein pragmatisches Verständnis internationaler Verantwortung, das auf beiden deutschen Seiten vorhanden war.
Zugleich hatte die Entscheidung eine außenpolitische Dimension: Die Bundesregierung signalisierte Verlässlichkeit gegenüber den Partnerländern der DDR und vermied potenzielle diplomatische Irritationen in einer Phase globaler Umbrüche.
Ein Zeitzeugenprojekt zur Rekonstruktion
Das hier zugrundeliegende Zeitzeugenprojekt wurde im Kontext des DAAD-Jubiläums 2025 initiiert. Ziel war es, die Ereignisse multiperspektivisch zu rekonstruieren und für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Im Mittelpunkt standen 60 biografisch-narrative Interviews mit:
- westdeutschen Entscheidungsträgern,
- ehemaligen Mitarbeitenden ostdeutscher Wissenschaftsverwaltungen,
- internationalen Studierenden.
Die Interviews wurden 2023/24 erhoben, überwiegend in persönlichen Umgebungen geführt und mit mobiler Technik aufgezeichnet. Die qualitativ-narrative Herangehensweise ermöglichte dichte und reflektierte Darstellungen individueller Erfahrungen bei vergleichsweise geringem technischem Aufwand. Das Projekt wurde von Mitarbeitenden des DAAD und studentischen Praktikantinnen und Praktikanten umgesetzt. In der Konzeptionsphase kamen nützliche Hinweise von der Universität Halle-Wittenberg und der Deutschen Welle Akademie.
Ein folgenreicher Perspektivwechsel
Eine zentrale methodische Erkenntnis des Projekts bestand in der Notwendigkeit eines Perspektivwechsels. Zunächst standen die Umbruchsprozesse nach 1989 im Fokus. Schnell zeigte sich jedoch, dass eine ausschließliche Konzentration auf die Transformation den analytischen Blick verengt.
Erst durch die Einbeziehung der Lebensrealitäten in der DDR entstand ein differenzierteres Bild. Die leitende Frage verschob sich von „Wie wurde die Transformation erlebt?“ hin zu „Wie wurde in der DDR gelebt, gelernt und internationaler Austausch organisiert?“
Dieser Perspektivwechsel veränderte auch die Gesprächssituation: Die Interviewten konnten ihre Erfahrungen jenseits eines rein retrospektiven Deutungsrahmens eigenständiger darstellen. Dadurch traten bislang wenig beachtete Aspekte hervor, etwa:
- die Attraktivität der DDR als Studienort für junge Menschen aus Afrika und Asien,
- die institutionell gut organisierte sprachliche und fachliche Vorbereitung,
- sowie die restriktiven politischen Rahmenbedingungen akademischer Mobilität.
Insgesamt zeigt sich in den Interviews, dass die DDR im Bereich des internationalen Studierendenaustauschs über differenzierte und funktional ausgebaute Strukturen verfügte.
Hinzu kommt, dass die DDR nicht nur Studierende aufnahm, sondern auch selbst gezielt Studierende ins Ausland entsandte, insbesondere in Staaten des sozialistischen Bündnissystems.
Diese Befunde legen nahe, den internationalen akademischen Austausch der DDR nicht ausschließlich als Ausdruck systempolitischer Konkurrenz zu verstehen, sondern als eigenständiges Handlungsfeld mit spezifischen Logiken und Praktiken.
Vom Interviewkorpus zur digitalen Vermittlung
Insgesamt entstanden Interviews mit einer Gesamtdauer von rund 90 Stunden. Das Material wurde in ein multimediales Angebot überführt, das Podcasts, Videointerviews und filmische Formate umfasst.
Das Projekt verbindet damit klassische historische Forschung mit Ansätzen der Public History. Es trägt zur Sicherung von Zeitzeugenwissen bei und erweitert zugleich dessen Vermittlung an unterschiedliche Öffentlichkeiten. Der Korpus an Interviews bietet ein reiches Quellenreservoir für weitere Arbeiten zur Alltags-, Sozial- und Politikgeschichte.
Und heute?
Die Übernahme der DDR-Regierungsstipendiaten durch den DAAD kann als Beispiel für ein institutionelles Handeln gelten, das sich nicht allein an kurzfristigen Effizienzlogiken orientierte, sondern normative und internationale Dimensionen berücksichtigte.
Die Interviews machen deutlich, wie stark einzelne Entscheidungsträger den Verlauf dieses Prozesses prägten – und dass alternative Entwicklungen möglich gewesen wären.
Zugleich zeigen die Ergebnisse, dass die Geschichte des internationalen Studierendenaustauschs in der DDR differenzierter betrachtet werden muss, als es gängige Transformationsnarrative nahelegen.
Vor dem Hintergrund aktueller geopolitischer Herausforderungen stellt sich die Frage nach der Verlässlichkeit internationaler Bildungskooperationen erneut. Die hier untersuchte Konstellation verweist darauf, dass Entscheidungen in Umbruchphasen nicht nur kurzfristige Effekte haben, sondern langfristig die Wahrnehmung und Gestaltung internationaler Beziehungen prägten.
Projekt und Materialien
Die zwanzig Episoden sowie die sechzig Interviews sind als Videos online zugänglich:
www.youtube.com/@DieDDRundwirimDAAD
Vollständige Projektseite mit allen Medien sowie Kurzbiografien und Hintergrundinformationen zum Projekt: DDRundWir
Direkt zu den biografischen Interviews: DDRundWir
Als Audiopodcast: Die DDR und wir im DAAD - Podcast - Apple Podcasts
Die DDR und wir im DAAD | Podcast on Spotify
Literatur:
Heinz Wegener, Förderung und Hochschulintegration in- und ausländischer Betreuungsstipendiaten der DDR im Vereinigungsprozess Deutschlands 1986–1996. Die DAAD-Arbeitsstelle Berlin-Mitte. Bonn: DAAD, 1999 (DAAD-Forum 21), als PDF verfügbar.
Kontakt: alexander.haridi@daad.de und ddrundwir@daad.de
[i] [Bild: ASBM…/ Bildrechte: DAAD/ Bildlegende: Das Bild zeigt ostdeutsche Mitarbeitende der „DAAD-Arbeitsstelle Berlin-Mitte“ (ASBM) mit dem westdeutschen Leiter des Büros (3. von links oben) auf einem Betriebsausflug in Rostock 1993.
[ii] Bildrechte: DAAD. Bildlegende: Die ASBM startete am 4.10.1990 im Gebäude des ehemaligen Außenministeriums der DDR. Die Mitarbeitenden waren vom aus den Reihen des DDR-Ministeriums für Bildung und Wissenschaft rekrutiert worden. Die Aufgabe der ASBM war die Fortführung und teilweise Abwicklung des internationalen Studierendenaustausches der DDR)
[iii] (Bildrechte: Dr. Karamba Diaby)/ Bildlegende: Karamba Diaby kam 1985 zum Studium in die DDR und absolvierte zunächst eine sprachliche und fachliche Studienvorbereitung am Herder-Institut in Leipzig. Im Anschluß studierte und promovierte er in Halle. 2013-25 war er Mitglied des Deutschen Bundestages. Herr Diaby ist einer von 56 interviewten Zeitzeugen.
[iv] Bildlegende: Podcast und Einzelinterviews sind unter anderem auf YouTube verfügbar.
Zitation
Alexander Haridi, Integration statt Abwicklung. Die Übernahme der DDR-Regierungsstipendiaten durch den DAAD 1990. Ein Zeitzeugenprojekt., in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/integration-statt-abwicklung