Mit wachsendem Interesse an Geschlechterfragen sowie weiblichen Protagonistinnen aus dem Bereich der Kunst rückten primär in den letzten dreißig Jahren Fotografinnen immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit. Auch das Bauhaus Museum in Berlin widmet sich dieser Thematik mit der Ausstellung „Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen“. Zwischen dem 17. April und dem 4. Oktober 2026 sind dort rund 300 Fotografien von 29 Künstlerinnen aus dem Sammlungsbestand des Bauhaus-Archivs / Museum für Gestaltung in den Räumlichkeiten des Museums für Fotografie in Berlin zu sehen. Mit der Ausstellung verfolgt die Kuratorin Kristin Bartels das Anliegen, die Geschichte der modernen Fotografie aus weiblicher Sicht zu erzählen und so „gegen vergangene und gegenwärtige Tendenzen anzuarbeiten, Frauen in den Schatten von Männern zu stellen“.[1]
Sichtbarkeit von Fotografinnen
Im Zentrum der Ausstellung stehen die Jahre der Weimarer Republik (1919-1933), einer Zeit, in der das Bauhaus großen Einfluss auf die Entwicklungen in Kunst, Design und Architektur ausübte. Diese Jahre waren geprägt von gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüchen, wodurch Frauen verfassungsrechtlich garantiert neue Möglichkeiten erhielten. Gleichzeitig entwickelte sich die Fotografie weiter und bot eine gesellschaftliche Nische für berufliche und künstlerische Entfaltung sowie finanzielle Unabhängigkeit. Im Laufe des 20. Jahrhunderts gerieten jedoch zahlreiche der damals aktiven Fotografinnen zunehmend in Vergessenheit. Die Ausstellung präsentiert daher neben Arbeiten von mittlerweile etablierten Künstlerinnen wie Lucia Moholy und Florence Henri auch Werke von bislang weniger bekannten Fotografinnen wie Irene Hoffmann und Grit Kallin-Fischer. Ziel der Kuratorinnen ist es, diese Künstlerinnen erneut sichtbar zu machen und ihren Werken Raum innerhalb der Fotografiegeschichte einzuräumen. Ergänzt wird die Präsentation durch Einblicke in das spätere Schaffen der Künstlerinnen, wodurch sowohl Kontinuität und Weiterentwicklungen als auch Brüche und Ambivalenzen innerhalb ihrer künstlerischen Praxis nachvollziehbar werden. Einen weiteren Exkurs bilden die Arbeiten von Künstlerinnen des Institute of Design, dem US-amerikanischen Nachfolgeinstitut des Bauhauses. Um der anhaltenden Marginalisierung weiblicher Kunst sowie der im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen oft noch immer geringeren institutionellen und finanziellen Wertschätzung entgegenzuwirken, integriert die Ausstellung zudem Arbeiten der zeitgenössischen Künstlerinnen Kalinka Gieseler, Caroline Kynast und Sinta Werner. Beabsichtigt ist ein Dialog zwischen Gegenwartskunst und jeweils historischen Positionen sowie Perspektiven der Ausstellung. Diesen Werken ist ein eigener Ausstellungsraum am Ende des Rundgangs gewidmet. Die übrige Ausstellung gliedert sich in sechs thematische Abschnitte: Das Selbst im Blick, Das Bild der Frau, Fotografieunterricht am Bauhaus, Kunst und Experiment, Menschen und Länder sowie Faszination Architektur.
Sich selbst im Blick
Zu Beginn der Ausstellung stehen Formen weiblicher Selbstdarstellung im Mittelpunkt. Die präsentierten Arbeiten thematisieren die Suche nach weiblicher Identität in einer gesellschaftlichen Umbruchszeit. Während einige Fotografinnen Elemente traditioneller Weiblichkeitsvorstellungen aufgriffen, etwa damenhafte Kleidung, Accessoires und Posen, die noch deutlich vom 19. Jahrhundert geprägt waren, verwendeten andere bereits Symbole feministischen Widerstands und feministischer Emanzipation. Dazu zählten Kurzhaarfrisuren und Minikleider ebenso wie die zuvor überwiegend männlich konnotierte Zigarette. Viele Künstlerinnen integrierten Spiegel in ihre Selbstporträts und erzeugten dadurch Reflexionen, Verzerrungen sowie perspektivische Brechungen. Um diese visuellen Effekte auch für die Betrachtenden erfahrbar zu machen, erweitert eine interaktive Installation mit spiegelnden Kugeln die Ausstellung.
Im darauffolgenden Ausstellungsabschnitt steht das in der Popkultur tradierte Bild der „Neuen Frau“ im Mittelpunkt. Die von Frauen geschaffenen Fotografien, die wiederum Frauen darstellen, greifen dabei zentrale experimentelle Elemente des „Neuen Sehens“ auf. Hierzu zählen unter anderem ungewöhnliche Perspektiven, die Betonung diagonaler Bildkompositionen, das Spiel mit Licht und Schatten sowie mit unterschiedlichen Materialien.
Zwischen Anleitung, Kunst und Experiment
Das dritte Kapitel widmet sich dem Fotografieunterricht am Bauhaus. Fotografie galt damals als objektives Mittel der Dokumentation und war stark von der Neuen Sachlichkeit geprägt, die eine nüchtern wirkende, sachlich-dokumentarische Bildsprache propagierte. Neben der Reklamefotografie nahm insbesondere das Stillleben einen zentralen Platz im Unterricht ein, da es die experimentelle Auseinandersetzung mit Bildaufbau, Lichtführung und Perspektive ermöglichte. Ein Ausstellungstisch bietet Einblicke in die zeitgenössischen Kameramodelle und technologischen Entwicklungen der Fotografie.
Im vierten Kapitel lädt eine interaktive Station mit Overheadprojektor die Besuchenden dazu ein, eigene Collagen zu gestalten und diese direkt an die Wand zu projizieren. Inhaltlich widmet sich dieser Bereich der Entwicklung der Collage von einer beliebten Freizeitbeschäftigung bürgerlicher Frauen hin zu einem zentralen Ausdrucksmittel der künstlerischen Avantgarde. Mithilfe der Collage setzten sich zahlreiche damalige Künstlerinnen mit ihrem Selbstverständnis als Frau auseinander und reflektierten zugleich die gesellschaftlichen Erwartungen an Weiblichkeit, denen sie ausgesetzt waren. Darüber hinaus vermittelt der Abschnitt Einblicke in das Fotogramm – die Kunst der kameralosen Fotografie, bei der mithilfe von lichtempfindlichem Fotopapier, Schablonen und Belichtung Bilder entstehen – sowie dessen Verbindung mit der Collage.[2]
Der Übergang zum fünften Kapitel wird von einem Abschnitt unterbrochen, der keinem der sechs thematischen Kapitel zugeteilt wurde. Ausschließlich die Wände dieses Abschnitts sind in einem kräftigen Lila gestrichen. Passend zu der Farbgestaltung zieren die Wände Motive, die verschiedene Bauhäusler*innen in intimen Momenten und Positionen zeigen. Beziehungen zu Freund*innen und Geliebten werden in den Portraits thematisiert, aber auch die Nacktheit des Körpers aus einer zu jener Zeit noch raren weiblichen Perspektive.
„Menschen und Länder“ – Zwischen Bildwürdigkeit und Exotisierung
Im Anschluss folgt das Kapitel „Menschen und Länder“, das sich insbesondere dem Fotojournalismus widmet. Das Kapitel ist thematisch breit und wird in weitere Unterkapitel aufgeteilt. So werden Fotografien des Stadt- und Landlebens, Bildreportagen „fremder Länder und Kulturen“, die sozialistische Arbeiter*innenbewegung zu Beginn der 1930er Jahre, Portraits von Kindern und sozialen Gruppen der Gesellschaft – etwa People of Colour, arme und kranke Menschen, die bis dahin kaum dokumentiert wurden – ausgestellt. Aber auch Portraitfotografien berühmter Persönlichkeiten stehen im Fokus.
Kontextualisiert wird das Kapitel – wie andere Ausstellungsbereiche – anhand kurzer Ausstellungstexte. Die Texte weisen darauf hin, dass diese Form der Personenfotografie erst durch die steigende Popularität des Fotojournalismus in den 1920er und 1930er Jahre möglich wurde. Vor allem durch Reisereportagen sowie Portraits von Kindern und berühmten Persönlichkeiten konnten die Fotografinnen ihren Lebensunterhalt verdienen, mussten sich jedoch gegen eine große Konkurrenz behaupten. Stärker hinterfragt werden könnten die Fotografien marginalisierter Menschen der Gesellschaft. Die Texte ordnen zwar ein, dass mit der Popularität des Fotojournalismus die Frage der Bildwürdigkeit auf Menschen aller sozialen Schichten ausgeweitet wurde und diese Entwicklung dazu führte, dass einzelne Personen – oft namenlos und anonym abgedruckt – stellvertretend für gesamte soziale Gruppierungen stilisiert wurden. Dennoch könnte die Rolle der Fotografinnen in diesem Kontext kritischer betrachtet werden. Durch ihre Fotografien trugen auch sie zu klischeebehafteten Stereotypisierungen sowie zur Exotisierung von Menschen bei. Da es sich bei den Fotografinnen oft um Weiße Frauen aus vergleichsweise privilegierten Verhältnissen handelte, wäre eine stärkere Reflexion der intersektionalen Diskriminierungsmechanismen, die diesen Darstellungen zugrunde lagen, wünschenswert.
Nennenswert für das Kapitel „Menschen und Länder“ ist zudem die kontrastierende Präsentation eines Portraits der zeitgenössischen Künstlerin Caroline Kynast. Zwischen den zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotografien sticht die Farbfotografie stark hervor.
Rechte am eigenen Werk – Wie emanzipatorisch war das Bauhaus wirklich?
Das sechste Kapitel der Ausstellung befasst sich mit der „Faszination Architektur“. Die Architekturfotografie des Bauhauses gehört zu einem der populäreren Motive. Besonders bekannt sind die Fotografien des Bauhausgebäudes Dessau, die die Fotografin Lucia Moholy anfertigte. Ohne sie dafür zu entlohnen oder gar zu beteiligen, nutzte Walter Gropius, der Gründer des Bauhauses, ihre Fotografien, um das Bauhaus und seine Architektur zu bewerben. Nach Moholys Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland behielt er viele ihrer Negative, welche er erst nach einem Rechtsstreit in den 1950er Jahren zurückgab. Dieser Fall verdeutlicht, wie Frauen auch im Umfeld des Bauhauses benachteiligt wurden und trotz eingeschränkter Möglichkeiten selbstbestimmten Arbeitens patriarchalen Machtstrukturen ausgesetzt blieben. Der Fall Moholy dekonstruiert den Mythos vom Bauhaus als emanzipatorischem El Dorado.
Im Anschluss an die Präsentation der Bauhaus-Fotografien folgt der letzte Ausstellungsraum mit den drei zeitgenössischen Künstlerinnen. Jede der drei repräsentiert mit ihrer Kunst wiederum eines der vorherigen Kapitel. So stellt Sinta Werners Kunst das zeitgenössische Pendant zu „Faszination Architektur“ dar, Caroline Kynasts Portraitfotografien entsprechen dem Abschnitt „Menschen und Länder“, und Kalinka Gieselers Collagen lassen sich dem Kapitel „Kunst und Experiment“ zuordnen.
Ein wichtiger Beitrag mit offenen Perspektiven
Die Ausstellung setzt auf eine klassische Inszenierung, indem die Ausstellungsmacher*innen auf traditionelle Formen der Präsentation zurückgreifen. Die Werke werden mit entsprechenden Beschriftungen geordnet an den Wänden präsentiert, wobei der Fokus klar auf den Fotografien liegt. Besonders hervorzuheben ist dabei die beeindruckende Zahl der vertretenen Fotografinnen sowie der ausgestellten Arbeiten. Insgesamt wird nur sparsam mit inszenatorischen Elementen gearbeitet, und interaktive Formate treten nur vereinzelt auf. Eine Ausnahme bildet ein akustisches Projekt, das in Zusammenarbeit mit der Berliner Nelson-Mandela-Schule entstanden ist: Über QR-Codes können Besucher*innen Audiobeiträge abrufen, in denen sieben Schülerinnen des Kunst-Leistungskurses 2025/26 ihre persönlichen Perspektiven auf ausgewählte Fotografien teilen. Zudem bieten zwei Tablets die Möglichkeit, sich näher mit den Biografien der Bauhaus-Fotografinnen zu befassen.
Inhaltlich weist die Ausstellung jedoch einige Schwächen auf. So wird auf die veränderte rechtliche Situation von Frauen nach dem Ersten Weltkrieg verwiesen, zentrale Einschränkungen weiblicher Lebens- und Arbeitsrealitäten bleiben jedoch oft ungenau oder nur am Rande berücksichtigt. Dadurch wird die starke soziale Differenzierung weiblicher Handlungsspielräume, insbesondere die Abhängigkeit von Herkunft und ökonomischen Ressourcen, nicht ausreichend sichtbar gemacht. Auch die Darstellung beruflicher Möglichkeiten wirkt stellenweise verkürzt: Zwar wird die Fotografie als emanzipatorische Nische benannt, die faktische Begrenztheit dieser Option durch Zugangshürden, ungleiche Verdienstmöglichkeiten und fortbestehende patriarchale Strukturen wird jedoch nicht konsequent ausgearbeitet. Ebenso bleibt die Spannung zwischen rechtlicher Gleichstellung und tatsächlicher gesellschaftlicher Praxis häufig unbeachtet, wodurch ein teilweise vereinfachtes Bild weiblicher Emanzipation in der Zwischenkriegszeit entsteht. Auch die Ambivalenz zwischen neuen Formen weiblicher Sichtbarkeit und der gleichzeitigen Reproduktion normativer Weiblichkeitsbilder wird nicht analytisch aufgegriffen, sodass die historische Komplexität weiblicher Repräsentation nicht durchgehend deutlich wird. An einigen Stellen entsteht dadurch eher der Eindruck einer popkulturellen Rezeption als einer differenzierten historischen Einordnung. Da die Ausstellung von einem vielfältigen, zumeist kostenlosen Programm aus Führungen und Vermittlungsangeboten begleitet wird, besteht jedoch die Möglichkeit, dass einzelne Themenbereiche vertiefend aufgegriffen werden. Ein Ausstellungskatalog zu der Fotografie-Ausstellung – die ihren Fokus auf die Werke selbst legt – wäre eine ideale Ergänzung, um die inhaltlichen Lücken zu schließen.
Ausstellung: Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen
Zeitraum: 17.04.2026 bis 04.10.2026
Ort: Museum für Fotografie in Berlin
Eintritt: 12 Euro, Ermäßigt 6 Euro
[1] Zitat von Kristin Bartels bei der Pressekonferenz „Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen“ am 15. April 2026.
[2] Vgl. Pressemappe „Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen“. 15. April 2026.
Zitation
Sophie Stegemann, Lotta Pauline Hopf, Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen. Eine Ausstellungsrezension über die Bauhaus-Fotografinnen im Museum für Fotografie, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/neue-frau-neues-sehen-die-bauhaus-fotografinnen