Wie steht es um die Zivilgesellschaft in Russland, das einen aggressiven Krieg gegen die Ukraine und die liberal-demokratische Ordnung führt? Wie viel Widerstand gibt es da, wie viel Mitmachen? Wer repräsentiert dieses Russland: die Opfer der Propaganda, die aktiven Mitgestalter dieser Politik oder die passiven Mitläufer? Um diese Fragen kreist die Dokumentation der Regisseure Lyobov Sinitsina (Pseudonym) und Torstein Grude. Vier Jahre lang haben sie in Russland gedreht, das Resultat ist seit einigen Wochen in der arte-Mediathek zu sehen.
Ein Land zwischen Propaganda und Widerstand?
Als ich gefragt wurde, ob ich eine Rezension über „Russland im Krieg“ schreiben wolle, habe ich innerlich stark gezuckt, allein schon aufgrund des Untertitels: „Ein Land zwischen Propaganda und Widerstand“. Als Ukrainerin fällt es mir besonders auf, dass Russland auch im liberalen westlichen Diskurs oft als „gespaltene“ Gesellschaft dargestellt wird. Als Opfer der Umstände und nicht als aggressiver Staat mit einer langen imperialen Geschichte, dessen Politik von Millionen von Menschen in Russland (und nicht nur dort) unterstützt und mitgetragen wird. Putin ist schließlich nur ein Spiegel der russischen Gesellschaft und nicht deren Ausnahme. Es wird jedoch weiterhin überwiegend von „Putins Krieg“, aggressiver russischer Propaganda und Angst gesprochen. Diese verzerrte Sicht vermittelt letztlich auch die arte-Dokumentation.
Der Film schildert die Geschichten unterschiedlicher Menschen, die in Russland leben. Im Zentrum steht eine Fotografin, Julia, die trotz des Risikos die (spärlichen) Proteste und Schauprozesse dokumentiert; sie zeigt das Schicksal von denen, die vom Regime verhaftet und verurteilt wurden, aber auch von denen, die den Krieg aktiv unterstützen: zum Beispiel die Unternehmerin Alena aus der Kleinstadt Resch in der Nähe von Jekaterinburg. Alena organisiert eine freiwillige Initiative zur Unterstützung der lokalen Soldaten, die, in den Worten der russischen Propaganda, an der „speziellen militärischen Operation“ teilnehmen.
Der Titel deutet zwar auf die Spaltung der Gesellschaft hin, die Dokumentation selbst präsentiert aber, ob gewollt oder ungewollt, eine andere Realität. Die Mehrheit der russischen Bevölkerung befürwortet die Politik ihres Staates oder versucht, „apolitisch“ zu bleiben. „Warum leben wir in einem solchen Land?“, fragt eine der Protagonistinnen. „Ich weiß warum. Weil es hier keine Gemeinschaft gibt, sondern nur eine apathische Menschenmasse.“ Der Film suggeriert mehrmals, dass in Russland „jede Anti-Kriegsbewegung zum Scheitern verurteilt“ sei, verschweigt jedoch den wahren Grund dafür: die fehlende Fähigkeit von Russen und Russinnen, Verantwortung für ihr eigenes Land zu tragen. Den Widerstand leisten lediglich einzelne Mutige, in einem Land mit mehr als 140 Millionen Menschen.
Die einzelnen Mutigen und Angst
Die porträtierten Regimegegner leben in Angst und werden im Film als „Verzweifelte“ bezeichnet. Die eindrücklichsten Geschichten sind die von der Künstlerin Alexandra Skotschilenko, die für ihre Antikriegs-Aufkleber im Supermarkt verhaftet wurde, oder die von dem 16-jährigen Jegor, der versuchte, einen Brandanschlag auf ein Rekrutierungszentrum der russischen Armee zu verüben, und zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde. „Ich habe nicht gedacht, dass er zu solchen radikalen Taten bereit war“, teilt die Mutter von Jegor mit. Wie viel Widerstand gibt es in Russland und wie viel Verzweiflung?
Die Kritiker des Regimes treffen sich heimlich, ähnlich wie es die sowjetischen Dissidenten getan haben. Sie besprechen die Nachrichten, schreiben Briefe an die Inhaftierten, unterstützen einander. Einer aus dieser Gruppe ist der ältere Künstler Nikolai aus Sankt Petersburg, dessen Sohn 2018 kurz vor den russischen Präsidentschaftswahlen verhaftet wurde. Erst dann wurde Nikolai politisch, wie er im Gespräch selbst zugibt. Seit Beginn des Angriffskrieges trug er einen Jutebeutel mit der Aufschrift „Nein zum Krieg“. Das war sein Ein-Mann-Protest, mit dem er nach zwei Verhaftungen aufhörte. Es wurde für ihn zu gefährlich.
Die Schicksale der Regimegegner berühren. Doch der Film vermittelt einen irreführenden Eindruck davon, was die russische Opposition ausmacht. Auch in dieser Dokumentation überwiegt wieder das Opfernarrativ die Frage nach der Verantwortung. Der Krieg wird im Film als Zäsur ab Februar 2022 markiert. Die illegale Annexion der Krim und die langjährige russische Beteiligung am Krieg im Osten der Ukraine werden dabei ausgeblendet. Denn gegen Putin zu sein, bedeutet nicht unbedingt antiimperialistisch zu sein. Das gilt für viele Vertreter des Anti-Putin-Lagers,[1] auch für Alexei Navalny, der im Film als Märtyrer und als Symbol des Widerstandes inszeniert wird. „Der russische Liberalismus endet dort, wo die ukrainische Unabhängigkeit beginnt“, besagt ein bekanntes ukrainisches Sprichwort. Auch von Navalny sind zahlreiche nationalistische und imperialistische Äußerungen in Bezug auf die Ukraine dokumentiert.[2]
Ein anderes Russland gibt es nicht
Die Dokumentation zeigt auch die Stützen des Putin-Regimes. Sie sammeln Spenden, verbreiten Propaganda und unterstützen den Krieg. Alenas Initiative in Resch ist nur ein Beispiel dafür. Die Kirche, viele Prominente und viele Großunternehmer sind auch mit dabei. „Einnahmen und Spenden nehmen zu“, stellen die Autoren des Films in Bezug auf Alenas Bewegung fest. Die große Mehrheit der Gesellschaft hat die Spielregeln akzeptiert und beteiligt sich am Angriffskrieg. So sieht das Russland von heute aus, auch wenn es von außen gerne anders gesehen werden will.
Auf einer Kriegsveranstaltung, bei der auch Alena dabei ist, hält ein Lokalpolitiker eine Rede. Er werde oft gefragt, warum Russland zweigeteilt sei. Dann antworte er: „Es gibt bei uns kein zweites Russland. Wir haben nur ein echtes Russland. Und das ist das Russland, das heute in diesem Saal vertreten ist.“ Damit hat er recht. Ein „anderes Russland“ gibt es nicht. Das „andere Russland“ – das Russland der klassischen Literatur, des Balletts, der Widerstandsromantik – ist eine Fiktion. Das Russland von heute ist ein faschistisches Land, das einen Vernichtungskrieg führt und das für ganz Europa eine Gefahr darstellt.[3] Das sollte man endlich klar benennen, für den Frieden in Europa und für eine andere Zukunft, auch in Russland selbst.
Russland im Krieg. Ein Land zwischen Propaganda und Widerstand ist noch bis zum 17.11.2026 in der arte-Mediathek zu sehen.
[1] Franziska Davies, Anti-Putin does not mean anti-imperial. Why the romanticisation of Russian dissidents is misleading. In: Geschichte der Gegenwart, 14. November 2024.
[2] Anastasiia Kondrat, Alexei Navalny: why do Ukrainians consider him an imperialist? In: Svidomi, 17. Februar 2024.
[3] Was ist Z-Faschismus? Die Philosophin Eva von Redecker im Gespräch mit Moritz Rudoph. In: Deutschland Archiv, 30.10.2022.
Zitation
Kateryna Chernii , Russland im Krieg. Eine neue Dokumentation auf Arte zeigt die russische Opposition, vermittelt aber einen irreführenden Eindruck, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/russland-im-krieg