Silent Friend von Ildikó Enyedi verwebt Handlungen aus drei Zeitebenen. Grete kämpft Anfang des 20. Jahrhunderts darum, an der biologischen Fakultät einer Universität als erste Studentin akzeptiert zu werden. Aus finanzieller Not wird sie Assistentin eines Fotografen und entdeckt die Pflanzenfotografie. In den frühen 1970ern gerät Hannes in eine studentische Welt zwischen Protest und alternativen Lebensformen. Er führt die Experimente seiner jungen Kommilitonin Gundula zur Reaktion einer Geranie auf Umwelteinflüsse fort, als diese sich auf Reisen begibt. Während der Corona-Epidemie in den 2020ern ist der Gastwissenschaftler Tony aus Hongkong im Gästehaus der Universität gestrandet. Der Neurowissenschaftler beginnt seine Methoden auf Pflanzen anzuwenden.
Während die drei Geschichten die historischen Veränderungen der Gesellschaft und der wissenschaftlichen Forschung zeigen, steht ein 1837 gepflanzter Ginkgobaum im botanischen Garten und erinnert uns an die langen Rhythmen von Natur und Erkenntnis. Diesen folgt der Film in poetischen Bildern und führt seine Protagonist*innen und das Publikum in einen Prozess des aufmerksamen Sehens und Hörens. Hochkarätig international besetzt gewann SILENT FRIEND auf renommierten Festivals unter anderem in Venedig und Chicago Auszeichnungen.
Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive bietet der Film verschiedene Ebenen der Interpretation an. Als eine Wissenschaftsgeschichte gelesen, beginnt diese mit der Diskussion früher Beschreibungen der pflanzlichen Fortpflanzung und zeigt das mühsame Sezieren und Präparieren von Pflanzen, die auf Expeditionen in allen Erdteilen gesammelt und beschrieben werden. Diese Geschichte biologischer Forschung verbindet sich mit der Entwicklung bildgebender Verfahren, wenn Grete in der ersten Zeitebene anfängt, mit Makro-Fotografie Strukturen von Blüten, Blättern und Früchten zu dokumentieren und sich als begleitende Fotografin für die nächste Forschungsreise des Universitätsassistenten anbietet. Mit Zeitrafferaufnahmen von aufkeimenden Pflanzen verweist die Regisseurin auf die filmischen Möglichkeiten, mit bloßem Auge nicht wahrnehmbare Abläufe visuell erfahrbar zu machen.
In den frühen 1970er Jahren misst die Studentin Gundula in ihren Experimenten elektrische Ströme im Erdreich um die Geranie und visualisiert diese mit einem Drucker als Kurven. Ihr Kommilitone Hannes treibt den Versuch bis zu einer absurd anmutenden Installation weiter, bei der die Messströme mit dem Türsummer der Gartenpforte verbunden werden. In den 2020ern schließlich nutzt Tony die Technologie zur Gehirnstrommessung und deren Visualisierung in computergenerierten Bildern zur Erforschung des Ginkgobaums, den er mit einem Netz aus Elektroden versieht, und versucht auch andersherum, seine Gehirnströme an den Baum zu senden.
Die drei Episoden können auch unter dem Aspekt einer Sozialgeschichte des universitären Mikrokosmos und seines gesellschaftlichen Umfelds gelesen werden. Das Abitur als Voraussetzung einer Zulassung zum Studium kann Grete nur vorweisen, weil sie von ihren Eltern eine Schulbildung in der Schweiz finanziert bekam. Um das Biologiestudium aufzunehmen, muss sie vor einem Gremium von Ordinarien eine mündliche Prüfung ablegen. Genüsslich versuchen die alten Herren sie mit anzüglichen Fragen in Verlegenheit zu bringen, indem sie eine von männlicher Sexualphantasie durchsetzte Theorie zur Fortpflanzung von Pflanzen mit ihr diskutieren. Gretes Weg erinnert an den der Genetikerin und Kulturpflanzenforscherin sowie NS-Widerständlerin Elisabeth Schiemann, die 1908 in Berlin zu studieren begann und gegen alle Widerstände eine beeindruckende Forscherinnenlaufbahn und Karriere einschlug.
Sexistisches Gebaren von Professoren gegenüber Studentinnen wird in den späteren Zeitebenen nicht mehr thematisiert. In den 1970ern ist Gundula selbstverständlich Studentin und führt Experimente durch. Auch im studentischen Miteinander haben sich die Verhältnisse gewandelt. Zu Beginn des Jahrhunderts wird hinter dem Rücken der Kommilitonin gekichert, wenn der Assistent mit Grete ein fachliches Gespräch führt und sie verliert ihr Zimmer, weil die Wirtin ihre frühmorgendlichen Besuche des Botanischen Gartens als unzüchtig interpretiert. In den 1970er Jahren ist es Gundula, die Hannes provoziert, der von ihrer Freizügigkeit irritiert und eingeschüchtert ist. In den 2020ern schließlich holt sich der Neurologie-Professor bei einer Biologie-Professorin per Videokonferenz Rat und bezeichnet sich dabei als ihr Schüler, der von ihr lernen will. Die Realität an den Universitäten sieht leider bis heute nicht so gleichberechtigt und wertschätzend aus.
Die fulminante Bildsprache von Ildikó Enyedi und ihrem Kameramann Gergely Pálos mit den bereits erwähnten eindrucksvollen Aufnahmen von pflanzlichen Prozessen kann auch als eine theoretische Auseinandersetzung mit Geschichte aufgefasst werden, insofern diese ein spezifisches Zeitverhältnis konstruiert. Der alle drei Zeitebenen verbindende 1837 gepflanzte Ginkgobaum aus dem Marburger botanischen Garten erinnert an den Busch bei Kaliningrad, der nicht empfindet, dass Kaliningrad einmal Königsberg hieß und zu Deutschland gehörte, aus Alexander Kluges Film Die Patriotin. In Kluges Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte und Geschichtstheorie dient die Aufnahme vom Busch als eine „unmittelbar identifikatorische Darstellung“, die Grundlage ist, um daraus in der Montage den Busch als eine Beziehung zu konstruieren, mit der die Reichweite historischen Wandels vermessen wird (Eder/Kluge: Ulmer Dramaturgien. Reibungsverluste, 1980).
In Silent Friend verdeutlicht der Ginkgo, wie relativ geschichtliche Zeitspannen als Maßstab sind. Die Lebensspanne des Baumes umfasst mehrere Menschengenerationen, die einer Blüte nur einige Tage. Die Zeitrafferaufnahmen vom Aufkeimen einer Pflanze veranschaulichen einen Prozess, der so langsam ist, dass er ohne das technische Hilfsmittel nicht als Bewegung wahrnehmbar ist. Mit spezifisch filmischen Zeitverhältnissen wird hier das jeder Geschichtserzählung innewohnende Zeitverhältnis auf seine Bedeutung und Relevanz hin befragt. Ganz im Sinne der Akteur-Netzwerk-Theorie zeigt Silent Friend auf, wie die menschliche Beobachtung auch durch ihr Objekt und die sozialen wie technologischen Bedingungen der Forschung bestimmt wird. Ganz explizit wird im Film die Frage gestellt, ob nicht nur wir Menschen die Pflanzen beobachten, sondern die Pflanzen ebenso uns Menschen. Wie wohl die Geschichte der letzten 100 Jahre aus der Perspektive des Ginkgobaumes aussieht?
Silent Friend
Regie/Drehbuch: Ildikó Enyedi
D/F/HU 2025, 145‘
Zitation
Olaf Berg, Zeitschichten oder Wenn die Pflanze zurückschaut. SILENT FRIEND von Ildikó Enyedi, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/zeitschichten-oder-wenn-die-pflanze-zurueckschaut