von Rebecca Wegmann

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18. Mai 2023

In blau-weißen Farben ziehen Quellwolken über die Leinwand. Aus dem Off erklingen laut und schallend dumpfe Glockenschläge. Archivaufnahmen von Menschen am Strand folgen, dann wird die Leinwand schwarz. Schließlich hören die Zuschauer:innen eine englische Männerstimme: Ein Voice-Over-Sprecher datiert den 8. August 1988: „Dearest Fiona, the weekend slipped by before I could bring pen to paper.” [1] So beginnt der Feature-Film Dearest Fiona der Künstlerin Fiona Tan, der im Rahmen der Sektion Forum der 73. Berliner Filmfestspiele im Februar 2023 in Berlin Premiere feierte.

Dearest Fiona (2023) montiert filmisches Archivmaterial aus der Sammlung des Amsterdamer Eye Filmmuseums mit vertonten Briefen, die der Vater der Künstlerin im ersten Jahr ihres Studiums an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam schrieb. Die dreißig von dem schottischen Schauspieler Ian Henderson eingelesenen Briefe umfassen die Zeitspanne vom 2. August 1988 bis zum 2. September 1990, in der sowohl auf privater als auch zeithistorischer Ebene viel geschehen ist: Eine Zwischenzeit, die nicht nur Initiation eines neuen Jahrtausends war, sondern auch eine neue Weltordnung einläutete.

 

Identitätsfragen einer kosmopolitischen Künstlerin

Die renommierte Künstlerin Fiona Tan ist international bekannt für ihre multimedial gestalteten Installationen aus Film und Fotografie, die sich mit Fragen der Identität, der Erinnerung und dem Gedächtnis auseinandersetzen. 2009 vertrat Tan die Niederlande auf der Biennale von Venedig. Ihre Arbeiten sind in zahlreichen internationalen Sammlungen zu finden, unter anderem im Tate Modern, im New Museum, im New York Guggenheim Museum, im Stedelijk Museum Amsterdam und im Centre Pompidou. Wie auch in Dearest Fiona konzipiert die Künstlerin, die sich weniger einer Nation zugehörig, als vielmehr als Kosmopolitin[2] versteht, ihre Werke bewusst aus einer autobiografischen Perspektive und verhandelt dabei ihre migrantische, postkoloniale, transnationale Identität.

Als jüngste von drei Kindern eines indonesisch-chinesischen Vaters und einer angelsächsisch-australischen Mutter mit schottischen Wurzeln wurde Fiona Tan 1966 in Pekanbaru (Indonesien), der Hauptstadt der Provinz Riau an der Ostküste der Insel Sumatra, geboren. Kurz nach ihrer Geburt zog die Familie nach Melbourne (Australien), wo die Künstlerin bis zu ihrem Schulabschluss 1984 lebte. Im Spiegel ihrer postkolonialen, migrantischen Herkunft verhandelt Tan in ihren Arbeiten Fragen der Zugehörigkeit und Identifikation.

Ihre erste Fernsehdokumentation May You Live in Interesting Times, die im Juli 1997 von dem niederländischen Sender VPRO ausgestrahlt wurde, ist eine Rekonstruktion der Familiengeschichte der Tans, die nach einem missglückten Putschversuch im September 1965 aus Indonesien flohen und sich in der ganzen Welt verstreuten.[3] Um die Wurzeln ihrer Herkunft zu ergründen, interviewte Tan ihre Verwandten in China, in Indonesien, in Schottland und Australien. Mit ihren Installationen stellt Tan Narrative nationaler, kultureller Kohärenz in Frage.[4] Ihr dritter Feature-Film Dearest Fiona ist ihrem Vater Tan Soen Houw (1935-2016), José Luis Alonso Hernandez (1942-2022) und Frans Dijkstal (1931-2022) gewidmet.

 

Gefilmte Vergangenheit: Visuelle Rätsel in der Gegenwart

Die bewegten Stummfilm-Bilder in Dearest Fiona sind überwiegend in den Niederlanden zwischen 1896 und 1930 entstanden. Die Autor:innenschaft des Materials ist zumeist unbekannt. Circa ein Drittel entspringt Arbeiten der niederländischen Filmpioniere Willy Mullens (1880-1952) und Jan Cornelis Mol (1981-1954). Die stummen, schwarz-weißen, teilweise nachkolorierten Filmbilder wurden in Zusammenarbeit des Eye Filmmuseums und des Netherlands Institute for Sound & Vision in Hilversum digitalisiert. In Dearest Fiona dienen diese Archivbilder nicht der Illustration oder Beglaubigung des Gesprochenen, sondern erschaffen ein Panorama des Lebens in den Niederlanden im frühen 20. Jahrhundert. Visueller Fokus sind zunächst die alltäglichen Arbeiten der Menschen an der Küste und auf dem Land: Reben stechen, Sand schippen, Muscheln fangen und ernten, Netze ausfahren und einholen, Fische sortieren, das Beladen und Abladen der Fische, Menschen bei der Arbeit auf den Feldern, Kühe melken, Schafe auf die Weide treiben, die Ernte von Tulpen und vieles mehr. Heutigen Zuschauer:innen ist nicht immer ganz klar, was die gefilmten Menschen genau machen. Unweigerlich lässt man sich auf die visuellen Rätsel ein und überlegt, um was es sich bei den dargestellten Tätigkeiten handelt. Anfang des 20. Jahrhunderts existierten Berufe, die in einer postmodernen, digitalisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ausgestorben sind. Die Bilder halten das Handwerk der Kuiperij, auf deutsch Küferei, fest. Heute gibt es nur wenige Menschen in Deutschland, die noch das Handwerk des Fassbindens beherrschen.[5]  Vollkommen ausgestorben ist die über Jahrhunderte europaweit praktizierte Tradition des Treidelns (niederländisch Jagen), bei dem Menschen an Land mit Seilen Schiffe auf Wasserwegen ziehen.

Film still: Zwei Jungen treideln in Dearest Fiona. Regie von Fiona Tan, Niederlande 2023. © Fiona Tan, Antithesis Films

Das visuelle Material allein verursacht eine nostalgische Stimmung der Vergänglichkeit: Ein Bewusstseinsstrom aus Bildern vergangener Zeiten, der die Endlichkeit der menschlichen Lebenszeit und die Vergänglichkeit aller Dinge impliziert. Nach etwa dreißig Minuten des 100-minütigen Films wechseln die Bildmotive vom ländlichen ins städtische: Die Industrialisierung beginnt. Die Zuschauer:innen werden Zeug:innen des Aufstiegs von Fabriken und der Mechanisierung der Arbeit: Lokomotiven erleichtern und beschleunigen den Transport von Waren und Gütern und die Dampfmaschine ersetzt die menschliche Handarbeit. Die Filmbilder inszenieren eine Nation im Übergang von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft. Um die stummen Bilder auf der Leinwand zum Leben zu erwecken, unterlegte die Künstlerin diese in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Sounddesigner Hugo Dijkstal mit einer atmosphärischen Toncollage, die versucht, das filmisch Abgebildete im Audio nachzuahmen.

 

Vertonte Briefe: Vom Vater an die Tochter

Über die stummen Bilder von vor hundert Jahren liest Ian Henderson mit seiner dunklen, sanften Stimme jene Briefe, die der Vater der Künstlerin ihr während ihres ersten Studienjahres aus Australien nach Amsterdam schickte. Immer mit der Anrede Dearest Fiona beginnt der Vater Tan Soen Houw die Briefe an seine erwachsene Tochter Fiona, die fast 15.000 Kilometer entfernt von Australien in Amsterdam versucht, als Künstlerin in Ausbildung Fuß zu fassen. Lediglich der Vater erhält eine Stimme, nur seine Briefe werden in Dearest Fiona vertont. Trotzdem bleibt die Künstlerin als angeschriebene Tochter-Figur keine leere Hülle. Die Briefe des Vaters sind auch Antworten auf unsichtbare, unhörbare Fragen der Tochter. Neben den stummen Bildern können die Zuschauer:innen über konkrete Beschreibungen in den Briefen des Vaters Charaktere und Bilder imaginieren: Dieser sitzt mit seinem Lieblingshund Heidi auf seinem Schoß in einem Schaukelstuhl auf einer Veranda im australischen Brisbane und schreibt dabei einen Brief an seine Tochter. Der Vater schreibt einerseits über für das Publikum teilweise unzusammenhängende Banalitäten des Alltags: Über das Chaos im Büro, über die Renovierungsarbeiten im Haus, über die mehr oder weniger erfolgreiche Entwurzelung eines Baumes im Garten und andere Familienereignisse wie Geburtstage, Feiertage sowie die Tode. Andererseits verstecken sich in den Briefen des Vaters subtile Lebensratschläge an die Tochter sowie konkrete politische Positionen und Diagnosen zeithistorischer Ereignisse.

Film still: Tulpenpflückerinnen in Dearest Fiona. Regie von Fiona Tan, Niederlande 2023. © Fiona Tan, Antithesis Films

Wo Vergangenheit und Gegenwart zusammentreffen

Den Zuschauer:innen erscheint die Montage aus dem Archivmaterial und den vertonten Briefen zunächst semantisch unverbunden. Lange suchen sie nach einer Verbindung, um Zusammenhänge zu erkennen. Erst nach zwei Dritteln des Films werden diese evident. Im zwölften Brief vom 26. Februar 1989 kommentiert der Vater eine Postkarte, die seine Tochter aus Amsterdam geschickt hat und auf der eben jene Gracht in Amsterdam abgebildet ist, an der Fiona zu dieser Zeit wohnt: „The canals are of course intimately related to Dutch history and to a very large extend also to Indonesia.For many of these handelhuizen that the ships were sent to Indonesia, spice island, to buy spices which were sold in Europe with a great profit.” Währenddessen zeigen die Bewegtbilder auf der Leinwand, wie in einem niederländischen Hafen Gewürze von einem Schiff aus der damaligen Kolonie Niederländisch-Indien ausgeladen werden. Nicht nur hier werden die komplexen Verbindungen zwischen Indonesien und den Niederlanden sichtbar. Auch das Erlernen der niederländischen Sprache ist immer wieder Thema der Briefe. Einmal zeigt der Vater Verständnis, wenn die Tochter ihm über ihre Schwierigkeiten mit der Aussprache des Niederländischen berichtet. Ein anderes Mal, am 20. November 1989, schreibt der Vater seiner Tochter einen Brief über seine Kindheitserinnerungen: „It all seems strange to think back to the learning of Dutch history and geography as a boy in Indonesia, and to read about the Batavieren and the Watergeuzen. The first novels I read about Indonesia were also by Dutch authors. I must have gone through an identity crisis without knowing what they were.” In ihrer gemeinsamen Identität und Herkunft verbinden Vater und Tochter die Geschichte beider Länder.

Film still: Hafenarbeiter entladen Gewürze in Dearest Fiona. Regie von Fiona Tan, Niederlande 2023. © Fiona Tan, Antithesis Films

 

Zwischenzeit und Übergänge: „Time is marching on“

Immer wieder ist die Zeit selbst Thema der Briefe des Vaters. Dieser steht kurz vor der Pension, sein Arbeitsleben hat er als Geologe im öffentlichen Dienst verbracht. In vielen Briefen bemerkt er nicht nur bei sich selbst Symptome des Älterwerdens: An seine neue, stärkere Brille, „an insignia of age“, habe er sich noch nicht gewöhnt. Auch sein Lieblingshund Heidi leidet an Altersschwäche, da sie nicht mehr wie die anderen Hunde über den Gartenzaun springt. Der plötzliche Tod eines Freundes des Vaters sowie Heidis Versterben verweisen erneut auf das Motiv der Vergänglichkeit.

Gleichzeitig entwerfen die Briefe des Vaters eine kommentierte Chronologie einer Ereignisgeschichte der Jahre 1988 bis 1990: Am 31. August 1988 beschreibt der Vater, dass die Liberalen in Australien die Migration aus asiatischen Ländern bremsen wollen, und kritisiert diese Rassendiskriminierung. Am 1. November 1988 schreibt der Vater über den dreizehntägigen Australien-Besuch der niederländischen Königin Beatrix. Am 10. Februar 1989 hebt der Vater in seinem Brief hervor, dass Joan Kirner im Rahmen einer Regierungsumbildung zur Bildungsministerin und gleichzeitig zur stellvertretenden Premierministerin in Victoria wurde und betont, dass sie die erste Frau in einem so hohen Regierungsamt sei. Schon am 4. September 1989 sagt Vater Tan die Wiedervereinigung der deutschen Staaten sowie das globale Aussterben des Staatssozialismus voraus. Am 12. Februar 1990 schreibt der Vater über die politischen Veränderungen in Südafrika, bewundert den Einfluss Nelson Mandelas aus dem Gefängnis heraus und hofft, dass dessen Bemühungen ohne Blutvergießen zur Besserung der Situation führen. Währenddessen werden auf der Leinwand junge Frauen im Badeanzug am Strand lachend und plantschend gezeigt.

Besonders Umweltfragen und die wiederholt beschriebenen Auswirkungen des Treibhauseffekts auf den Alltag des Vaters haben nicht an Aktualität verloren: Naturkatastrophen wie das Erdbeben von Spitak 1988, das Tankerunglück vor der argentinischen Küste oder die Waldbrände in Australien sowie das Aufkommen von Lösungsansätzen wie Recycling oder Wassersparen prägen die Briefe des Vaters. Auch auf der Leinwand werden diese negativen Auswirkungen sichtbar: Im Kontext der Industrialisierung wird Massentierhaltung visualisiert, ebenso erinnern Bilder überschwemmter Dörfer an aktuelle Erscheinungsbilder des Klimawandels.

Dearest Fiona ist eine Mischung aus einem visuellen Porträt der Niederlande zu Beginn des 20. Jahrhunderts und einer vertonten Autobiografie der Künstlerin. Die Gegenüberstellung von individueller Lebensgeschichte und Gesellschaftsgeschichte lädt die Betrachtenden dazu ein, sowohl über die Bedeutung der Vergänglichkeit des Lebens nachzudenken – zu Beginn des Jahrhunderts, in der jüngeren Vergangenheit und in der Gegenwart. Der erzählende Vater fungiert als moralischer Kompass, der liebevoll und fürsorglich seiner in Selbstzweifeln versinkenden Tochter Verständnis zeigt und mit seinen Ratschlägen versucht, sie dabei zu unterstützen, ihren eigenen Weg im Leben zu finden. Ein liebender Vater schreibt seiner Tochter, dass es immer wieder Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheiten geben wird, er aber keinen Zweifel daran hat, dass sie ihren Weg schon finden werde. Der ausgesprochene Rat an die Tochter wirkt ebenso wie eine Proklamation an die Zuschauer:innen in der Zukunft: „All you can do, is to do the best you can!” Ebenso wirkt dies wie eine Aufforderung an eine nachgeborene Generation, die das Vertrauen einer älteren Generation innehat, Lösungen für gegenwärtige Probleme in der Zukunft zu finden. Dearest Fiona ist eine hochkomplexe, assoziative, audiovisuelle Montage über eine Vater-Tochter-Beziehung, die die Zuschauer:innen mit Fragen über das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konfrontiert.

 

 


[1] Wenn nicht anderweitig markiert, stammen die Zitate in dieser Rezension aus den vertonten Briefen des Vaters aus dem Film Dearest Fiona
[2] Jacqueline Lo: Moving Images, Stilling Time. The Art of Fiona Tan. In: Third Text, Volume 28, 2014. Issue 1: The Transnational Turn. East Asian Mobility. S.57.
[3] Vgl. Els Hoek: Fiona Tan. Erster Entwurf für einen eklektischen Atlas. In: Fiona Tan, akte 1 (Ausstellungskatalog). Villa Arson Nice, Centre National d´Art Contemporain, 25.10.2002-08.01.2003; De Pont Foundation for Contemporary Art, Tilburg (NL), 25.01.2003-11.05.2003 und Daadgalerie, Berlin 31.05.2003-03.08.2003, Amsterdam 2003. S.105.
[4] Jacqueline Lo: Moving Images, Stilling Time. The Art of Fiona Tan. In: Third Text, Volume 28, 2014. Issue 1: The Transnational Turn: East Asian Mobility. S.66.
[5] Vanessa Lange: Fassmacher in dritter Generation: So arbeitet einer der letzten Küfer Deutschlands. In: Merkur.de 8. Mai 2020, [zuletzt abgerufen am 18. Mai 2023].