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Foto: Am Set bei den Dreharbeiten zu "Warschau 44" 
Pressematerial/Akson Studios

Der Warschauer Aufstand in Videoclip-Ästhetik
Der polnische Blockbuster „Warschau ’44“ läuft im ZDF – und kaum jemand schaut hin
von
Florian Peters
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Als der von der deutschen Presse beinahe einhellig mit Lob überhäufte Fernseh-Mehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ im Juni 2013 zur Primetime im polnischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, war das Interesse östlich der Oder ebenso groß wie die Empörung. Über alle politischen Lager hinweg war man in Polen entsetzt über die offensichtliche Exkulpationsstrategie, die der ZDF-Produktion über das Schicksal junger Deutscher an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs zugrunde lag. Während die deutschen Protagonisten der Serie mehr oder weniger ohne eigenes Zutun in die Mühlen von Krieg und Gewalt zu geraten schienen, waren die negativen Rollen eindeutig besetzt: mit sadistischen Nazis einerseits und antisemitischen polnischen Partisanen andererseits. In Bezug auf die völlig misslungene Darstellung der Widerstandskämpfer der polnischen Armia Krajowa brauchte man den Filmemachern noch nicht einmal bösen Willen unterstellen, demonstrierten sie doch kaum mehr als das gewöhnliche Maß an Gedankenlosigkeit und Unwissen, das viele Deutsche den nichtjüdischen Opfergruppen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entgegenbringen.[1]

Vor diesem Hintergrund ist es beinahe als diplomatische Geste der Wiedergutmachung zu deuten, dass das ZDF anlässlich des diesjährigen Jahrestags des Warschauer Aufstands von 1944 den polnischen Kinofilm „Warschau ’44“ (Originaltitel: „Miasto 44“) in seinem Hauptabendprogramm präsentierte. Dabei trifft es die Sache nicht ganz, den Blockbuster, der im vergangenen Jahr über anderthalb Millionen Polen in die Kinos lockte, als polnische Antwort auf „Unsere Mütter, unsere Väter“ zu betrachten. Schließlich liefen die Vorbereitungen für den aufwändig produzierten Film, der eine lang erwartete Neuinterpretation des innerhalb der vergangenen Jahrzehnte zum nationalen Mythos aufgestiegenen Warschauer Aufstands bieten will, bereits seit acht Jahren. Dennoch haben beide Produktionen einiges gemeinsam – vor allem ihr Anliegen, junge Zielgruppen für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu interessieren und die Erfahrungen der Zeitzeugengeneration für deren Nachkommen zeitgemäß aufzubereiten. Auch die enorme öffentliche Aufmerksamkeit, die beide Filme in ihren Produktionsländern erfuhren, ist vergleichbar. Während „Unsere Mütter, unsere Väter“ im deutschen Fernsehen ein Millionenpublikum erreichte, sorgte „Warschau ’44“ in Polen monatelang für volle Kinos. In Deutschland hingegen war das Interesse an der polnischen Sicht auf den Warschauer Aufstand überschaubar: Im Abendprogramm des ZDF erreichte „Warschau ’44“ nur miese Einschaltquoten (1,06 Millionen Zuschauer, 5,6% Marktanteil)[2] und bestätigte damit einmal mehr die Asymmetrie der gegenseitigen Wahrnehmungen von Deutschen und Polen.

Es ist allerdings ohnehin zu bezweifeln, ob deutsche Fernsehzuschauer, die am Sonntagabend von der Wiederholung des „Tatorts“ auf „Warschau ’44“ umgeschaltet hätten, aus diesem Film etwas über den Warschauer Aufstand und die Tragik des polnischen Kampfes gegen die deutsche Besatzung gelernt hätten. Nicht zu Unrecht fiel das Echo der polnischen Filmkritik nach dessen Premiere sehr geteilt aus, wobei die kritischen Stimmen deutlich überwogen.[3] Interessant ist „Warschau ’44“ nicht so sehr als filmkünstlerisch überzeugendes Werk, sondern in erster Linie als Produkt und Spiegelbild der gegenwärtigen polnischen Geschichtskultur.

 

Der Aufstand der Twentysomethings

Der polnische Verleih bewarb „Warschau ’44“ mit dem nicht eben subtilen Slogan „Liebe in Zeiten der Apokalypse“, und man muss zugeben, dass der Gehalt des Films damit treffend auf den Punkt gebracht ist. Ebenso wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ den Krieg an der Ostfront zeigt „Warschau ’44“ den Warschauer Aufstand konsequent aus der Perspektive junger Menschen, die zwar adrett historisch kostümiert sind, im Grunde aber so denken und fühlen wie heutige Twentysomethings: Die einen stehen darauf, in Berliner Eckkneipen mit ihren Freunden konspirativ Swing zu tanzen, die anderen flirten am sommerlichen Weichselstrand mit hübsch gestylten Mädchen aus ihrer In-Group. Politik, Ideologien, Krieg sind ihnen kein inneres Bedürfnis, eher eine von außen auferlegte Bewährungsprobe, der man sich anfangs noch mit jugendlichem Elan stellen mag – die aber rasch ihre zerstörerische Übermacht beweist. Die frappierend ähnlichen Eingangsszenen und Erzählperspektiven beider Produktionen machen überdeutlich: Es geht um maximales Identifikationspotenzial für die avisierte Zielgruppe der postideologischen Gegenwartsjugend.

Die Dramaturgie von „Warschau ’44“ wird von einer einigermaßen durchschaubaren Dreiecksgeschichte zwischen dem eher durch Zufall zum Aufständischen gewordenen braven Offizierssohn Stefan (Józef Pawłowski) und zwei jungen Warschauerinnen getragen, die als Meldegängerin beziehungsweise Sanitäterin ebenfalls für die Freiheit Polens, vor allem aber um die Liebe Stefans kämpfen. Der Film begleitet diese Protagonisten vom Beginn der Kampfhandlungen am 1. August 1944 über das Inferno der deutschen Angriffe auf die eingekesselte Altstadt und die traumatische Flucht durch die Warschauer Kanalisation bis hin zur in der Tat apokalyptisch inszenierten Zerstörung der polnischen Hauptstadt. Der melodramatische Handlungsstrang um die drei Hauptfiguren, die sich im Verlauf des Aufstands in wechselnden Konstellationen begegnen, wird mit der voranschreitenden Gewalteskalation in mehreren Stadtteilen Warschaus verwoben. Dabei streift der Film verschiedene, teils auf tatsächlichen historischen Begebenheiten beruhende Episoden und Aspekte des zweimonatigen Aufstands. Politische oder militärstrategische Überlegungen oder gar die in Polen beinahe geschichtsphilosophisch betrachtete Frage nach dem Sinn des Aufstands im Zwiespalt zwischen deutschem Terror und drohender neuer Unfreiheit unter sowjetischer Herrschaft bleiben weitgehend außen vor. 

Man könnte meinen, der 33-jährige Regisseur Jan Komasa hätte das bereits 1984 formulierte Urteil des polnischen Historikers Tomasz Strzembosz über den Aufstand zum Leitmotiv seines Films erkoren: „Obwohl er von Generälen und Obersten organisiert, begonnen und geführt wurde, war dieser Warschauer Aufstand – wie kaum eine andere Schlacht – das Werk der Zwanzigjährigen, ihre Sache, ihre Tat, das große Abenteuer ihres Lebens.“[4] Während Strzembosz seine Deutung des Warschauer Aufstands als „große und schöne Erhebung der Jugend“ damals, in den letzten Jahren des Staatssozialismus, nur in einem oppositionellen Untergrundverlag publizieren konnte, ist sie heute nicht nur mainstreamtauglich geworden, sondern sogar zum Kern einer dezidierten staatlichen Geschichtspolitik: „Warschau ’44“ wurde von der staatlichen polnischen Filmförderung mit Millionenbeträgen subventioniert und stand unter der Schirmherrschaft des (in diesen Tagen aus dem Amt scheidenden) polnischen Staatspräsidenten Bronisław Komorowski. Staatliche Geschichtsmuseen und das Institut des Nationalen Gedenkens steuerten didaktische Materialien zur Verwendung im Schulunterricht bei, um der polnischen Jugend den Aufstand als „eines der wichtigsten Ereignisse der polnischen Geschichte“ näherzubringen.[5]

 

Die Generation Videospiel verfilmt den Aufstand

So sehr „Warschau ’44“ also in seiner Grundanlage den etablierten Leitlinien der polnischen Geschichtspolitik entspricht, so wenig kann man Komasa vorwerfen, sich nicht um eine ästhetische Aktualisierung seines Gegenstands zu bemühen. An der politischen Verve, mit der Strzembosz die jungen Aufständischen noch als nationalbewusste Freiheitskämpfer idealisierte, liegt ihm offensichtlich nicht viel. Stattdessen setzt der junge Regisseur, der durch einen hoch gelobten Spielfilm über einsame Seelen in virtuellen Chatrooms bekannt geworden ist („Sala Samobójców”, engl. Verleihtitel „Suicide Room”), voll auf aufwändige Spezialeffekte und weitere Stilmittel des Blockbuster-Kinos. Der Schrecken des Krieges mitten in einer dicht besiedelten Großstadt wird schonungslos gezeigt, wenn es etwa nach der Explosion eines mit Sprengstoff präparierten deutschen Panzerwagens Blut und Leichenteile regnet. Als Kontrast dazu bietet „Warschau ’44“ Liebesszenen in Super-Slowmotion, die an Kitsch kaum zu überbieten sind, beispielsweise als sich Stefan und seine Angebetete Biedronka (Zofia Wichłacz) im Kugelhagel der Gefechte zum ersten Mal küssen. Die Videoclip-Ästhetik wird durch einen für historische Filme untypischen Soundtrack unterstrichen, der von Czesław Niemen bis zu elektronischen Beats reicht. In einigen Gefechtsszenen folgt die Kamera sogar in Egoshooter-Manier den Gewehrläufen – offenbar ein weiteres Zugeständnis an die Sehgewohnheiten der Generation Videospiel.

Man kann diese ästhetische Modernisierung mögen oder nicht – zur Dramaturgie des Films trägt sie ebenso wenig bei wie zu einem vertieften Verständnis der historischen Situation der jungen Warschauerinnen und Warschauer, die im August 1944 auf einen raschen Sieg vertrauten und sich hilflos in einem wochenlangen Inferno aus Zerstörung und Tod wiederfanden. Die Charaktere des Films sind psychologisch flach gezeichnet und entfernen sich kaum von gängigen Stereotypen: Um die Liebe Stefans konkurrieren eine sensible, immer etwas verhuscht wirkende Blondine aus gutem Hause und eine zupackende Brünette aus dem einfachen Volk (Anna Próchniak). Eine Entwicklung ihrer Persönlichkeit lässt sich – übrigens im Gegensatz zu „Unsere Mütter, unsere Väter“ – nicht nachvollziehen, was auch am reaktiven Spiel der jungen, zuvor großenteils unbekannten Schauspieler in den Hauptrollen liegen mag. Es gelingt dem Film jedenfalls nicht, einen wirklichen Spannungsbogen aufzubauen, der über die Reihung einzelner, jeweils auf größtmögliche Intensität getrimmter Emotionen hinausreichen würde. Dies vor allem unterscheidet Komasas Verfilmung des Warschauer Aufstands von seinem unvermeidlichen Referenzpunkt, dem 1957 im Zuge des Tauwetters entstandenen, ungemein wirkmächtigen Film „Kanal“ von Andrzej Wajda. Wie der renommierte polnische Filmkritiker Tadeusz Sobolewski treffend anmerkte, diente die Kontrastierung von Kampf und Zerstörung mit einer Liebesgeschichte bei Wajda noch dem Ziel, „das Grauen des Krieges und die Absurdität des Aufstands“ herauszustellen – bei Komasa dagegen geht es nur noch um die „Intensität des Erlebens“.[6]

Historisch umstrittene Aspekte des Warschauer Aufstands geraten auf diese Weise zu Nebensächlichkeiten. Zwar bemüht sich „Warschau ’44“ sichtlich, Fragen nach dem Verhältnis der Aufständischen zu kommunistischen Kampfeinheiten, zu überlebenden jüdischen Warschauern und zur leidenden Zivilbevölkerung der Stadt zu thematisieren und damit den Eindruck eines hurrapatriotischen Heldenepos zu vermeiden. Die Bitte eines befreiten Juden, sich der Armia Krajowa anzuschließen, wird von einem Kommandeur zunächst abgelehnt, von einem anderen dann aber doch akzeptiert. Die elitäre Arroganz mancher AK-Kommandeure und Unmutsäußerungen von Zivilisten werden nicht verschwiegen. Es gibt einen „bösen Polen“, der seine Machtfülle zur Erlangung sexueller Gefälligkeiten bis hin zur versuchten Vergewaltigung auszunutzen versucht, ebenso wie einen „guten Deutschen“, der sich für die Verschonung einzelner Aufständischer einsetzt. Letzten Endes entscheidet sich der Film jedoch mit der Fokussierung auf seine jungen Hauptfiguren für die Perspektive der polnischen Eliten, bei denen adlige Herkunft oder zumindest (wie beim Hauptprotagonisten Stefan) die Wohlerzogenheit des Sprosses einer patriotischen Offiziersfamilie zum guten Ton gehören. Die durch den drückenden Mangel der Besatzungszeit enorm verschärfte soziale Frage bleibt vollkommen unterbelichtet, und die kommunistischen Kämpfer werden als tumbe Volltrottel dargestellt, die sich von den Deutschen schon beim ersten Angriff kopflos abschießen lassen.

„Warschau ’44“ lässt seine Zuschauer im Grunde ratlos zurück. Die offensive Emotionalisierung und das Dauerfeuer der Spezialeffekte können nicht verbergen, dass der Film in keiner Weise plausibel macht, warum es eigentlich diesen Aufstand brauchte, der zigtausende Menschenleben forderte und eine europäische Metropole in Schutt und Asche legte. Die idyllischen Anfangsszenen lassen den Schrecken der deutschen Besatzungsherrschaft allenfalls erahnen, und einen wirklichen Grund, ihr Leben im Kampf gegen die bis an die Zähne bewaffneten Deutschen zu riskieren, scheint es für Stefan und seine Freunde nicht zu brauchen.

Damit illustriert der Film eindrucksvoll, wie sehr der Warschauer Aufstand inzwischen, auch Dank systematischer Bemühungen staatlicher Geschichtspolitik, zum unhinterfragten Gründungsmythos des heutigen Polens geworden ist. Die für ein deutsches Fernsehpublikum lehrreichste Szene des Films ist deshalb wohl seine computeranimierte Schlusssequenz, in dem aus der apokalyptischen Szenerie des Herbstes 1944 die glitzernde Skyline des modernen Warschau unserer Tage aufersteht. „Warschau ’44“ ist ein eindrucksvolles Zeugnis der ungebrochenen Präsenz des Warschauer Aufstands im historischen Bewusstsein der Polen und zugleich ein mehr oder weniger gelungener Versuch, diese durch ästhetische Modernisierung fortzuschreiben. Zu Einsichten in das dunkelste Kapitel der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte trägt der Film hingegen wenig bei.




[1] Vgl. den Themenschwerpunkt "Polnische Reaktionen auf 'Unsere Mütter, unsere Väter'" auf Zeitgeschichte-online, Juli 2014 sowie den Kommentar von Christoph Classen, Unsere Nazis, unser Fernsehen, in: Zeitgeschichte-online, April 2013.
[2] Siehe: Peer Schader: “Warschau ’44” erreicht im ZDF nur wenige Zuschauer, “Terra X” stark mit “Geschichte der Tiere”, in: Meedia, 3.8.2015.
[3] Vgl. die Zusammenschau in deutscher Sprache bei Krzysztof Ruchniewicz: Warschau ’44. Ein Film über den Warschauer Aufstand für die junge Generation?, in: Erinnerungskulturen. Erinnerung und Geschichtspolitik im östlichen und südöstlichen Europa, 29.7.2015.
[4] Tomasz Strzembosz: Refleksje o Polsce i podziemiu (1939-1945). [Lublin] 1987, S. 85.
[5] Materiały edukacyjne przygotowane przez Instytut Pamięci Narodowej i Muzeum Historii Polski, 
[6] Tadeusz Sobolewski: Sobolewski recenzuje „Miasto 44“: „Doskonała imitacja wielkiego kina“, in: Gazeta Wyborcza, 30.7.2014.