von Mara Weise

  |  

12. Januar 2024

Dieser Text ist im Gesamtzusammenhang der von uns entwickelten Handreichung  zu sehen und soll als ein Beispiel für die darin vorgeschlagenen Phase 1 dienen. Ohne bereits viel über das jeweilige Denkmal zu wissen oder recherchiert zu haben, steht in dieser Phase die erste Begegnung sowie das Sammeln von Eindrücken, Assoziationen und Fragen im Mittelpunkt.

Das Denkmalensemble am Hamburger Dammtor belegt auf eindrückliche und nachvollziehbare Weise mehrere Eigenschaften von Denkmälern als Geschichts-Sorte, also als spezifischer „medialer Repräsentation[…] von Geschichte“ [1]. Denkmäler als Geschichts-Sorte zu betrachten, ermöglicht es, wie hier dargelegt wird, einen multiperspektivischen Blick nicht nur auf den medialen Gegenstand, sondern auch auf die damit einhergehenden Produktions- und Rezeptionsprozesse zu werfen. Das Kriegerdenkmal, das im Fokus des Denkmalensembles steht, wurde 1934 zur Erinnerung an die Soldat*innen des Infanterieregiments „Hamburg“ Nr. 76 errichtet. Der Schriftzug lautet „Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen“ und ist damit Ausdruck eines nationalistisch und militaristisch geprägten kollektiven Gedächtnisses und dessen Deutungsangebote für die Geschichte des Ersten Weltkrieges im Jahre 1934, dem zweiten Jahr des NS-Regimes.

Doch ist dieses Ensemble der Geschichts-Sorte Denkmal so spannend und besonders, weil es auch die Veränderungen des kollektiven Gedächtnisses und unterschiedliche Deutungsangebote aufzeigt – offizielle, öffentlich anerkannte Deutungsveränderungen sowie inoffizielle, weniger privilegierte und autorisierte Deutungsangebote.

Mahnmale neben dem „Kriegsklotz“, Foto: Mara Weise, 16.10.2022, CC BY-SA 4.0.

Offiziell erwirkte Veränderungen des Erinnerungsortes sind die linkerhand neben dem Denkmal errichteten, gleich drei Gegendenkmäler oder vielmehr: Mahnmale. Der erste Mahnmalskomplex, bestehend aus den zwei Teilen „Hamburger Feuersturm“ und „Untergang von KZ-Häftlingen“, wurde 1985/86 fertiggestellt (s. Bild 2). Hier ist zu erwähnen, dass ursprünglich vier Teile geplant waren, dafür jedoch laut offizieller Darstellung der Stadt die bereitgestellten Mittel nicht ausreichten[2]  (zur Frage der Ressourcen s. den Beitrag „Setzungen “, zu Gegendenkmälern allgemein s. den Beitrag „Rezeption: Intervention und Sturz“ ). Das dritte Mahnmal ist ein Deserteursdenkmal in Gedenken an Opfer der Militärjustiz des NS-Regimes, das im Jahre 2015 fertiggestellt wurde (s. Bild 1 rechts).

Gerahmt wird der gesamte Denkmalskomplex von zwei im Boden verankerten Steintafeln (s. Bild 1 links und Bild 2 vorne im Bild), auf denen jeweils eingemeißelt steht: „Der Zweite Weltkrieg war ein Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen.“ und darunter, in Großbuchstaben: „Deutscher Bundestag, Beschluss vom 15. Mai 1997“ Insbesondere diese Tafeln verdeutlichen die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen mit den Denkmälern vor Ort. Das Kriegerdenkmal steht weiterhin an seinem Platz, ist nun jedoch mit Gegendenkmälern konfrontiert und mit der Wiedergabe eines öffentlichen Bundestag-Beschlusses kommentiert. Hier wurde also von offizieller Seite entschieden, ein umstrittenes Denkmal an seinem Platz zu erhalten, den Erinnerungsort aber weiter auszugestalten, um die Kontroversität abzubilden . Eine aktive Auseinandersetzung mit dem Geschichts-Sort- Denkmal ist für aufmerksame Vorbeispazierende deutlich zu sehen.

Diese aktive Auseinandersetzung mit dem Denkmalensemble am Hamburger Dammtor lässt sich zuletzt auch in den Markierungen mit schwarzer Farbe an verschiedenen Stellen des Denkmalensembles erkennen. Dass nicht alle mit der offiziellen Vorgehensweise der Erhaltung des Denkmals einverstanden sind, zeigen diese nicht-autorisierten und damit nicht-privilegierten Markierungen auf dem Kriegerdenkmal und der Steintafel. Auf dem Kriegerdenkmal wurden einige Wörter durchgestrichen, sodass der Schriftzug nun als „Deutschland muss sterben“ gelesen werden könnte, was wiederum auf den gleichnamigen Song der Punkband „Slime“[3] verweist. Zudem sind die Köpfe der Soldat*innen sowie der obere Rand des Denkmals schwarz markiert. Auf der vor dem Denkmal befindlichen Steintafel ist zudem das Wort „Rojava“ und damit der Name der autonomen kurdischen Republik im Norden Syriens zu lesen. Die Kommentierung könnte darauf verweisen, dass es auch in der heutigen Zeit weitere Angriffs- und Vernichtungskriege gibt, erklärt wird dies nicht weiter. Diese Kommentierung verbildlicht beispielhaft die fortlaufende aktive Auseinandersetzung mit der Geschichts-Sorte Denkmal , die an diesem prominenten Ort sicherlich auch in Zukunft weitergeführt werden wird.

 


[1] Thorsten Logge: “History Types” and Public History | Geschichtssorten” und Public History, 28.06.2018, in: Public History Weekly, aufgerufen am 30.11.2022.
[2] Denkmäler am Dammtor. Sehenswürdigkeiten am Dammtor-Bahnhof, in: hamburg.de, aufgerufen am 17.10.2022.
[3] SLIME: Deutschland muss sterben, in: YouTube, aufgerufen am 17.10.2022. Zugleich auf: SLIME: Deutschland, in: Slime I. Raubbau, Aggressive Rockproduktionen 1981.