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 Elżbieta Janicka

Reklame für ein Buch, das die polnische Täterschaft des Verbrechens in Jedwabne negiert. Daneben Plakate, die das gegenwärtige Deutschland und Russland als gleichrangige Quelle der Bedrohung für Polen zeigen. Aufgenommen von Elżbieta Janicka in Warschau im Juli 2016.

Mit freundlicher Genehmigung der Fotografin

Verordnete Geschichte? Zur Dominanz nationalistischer Narrative in Polen
Eine Einführung
von
Katrin Stoll und Sabine Stach und Magdalena Saryusz-Wolska
Druckversion

Veröffentlicht am 19. Juli 2016


Prolog

Am 17. November 2015, drei Monate nach seiner Vereidigung als neuer Staatspräsident von Polen, lud Andrzej Duda ausgewählte Historiker, Publizisten, Museumsleiter und Politiker in seinen Wohnsitz, den Warschauer Belvedere-Palast, ein. Das Treffen war als programmatischer Auftakt für die Erarbeitung einer neuen geschichtspolitischen Strategie für Polen konzipiert.[1] In seiner Eröffnungsrede ließ Duda keinen Zweifel daran, welch hohe Priorität der „richtige“ Umgang mit der Vergangenheit für Polen – und damit für sein eigenes Amtsverständnis – habe: „Geschichtspolitik zu betreiben, ist eine der wichtigsten Tätigkeiten des Präsidenten. Der Präsident ist der höchste Vertreter der Republik Polen. Es gibt eine große Erwartung ihm gegenüber, und ich möchte dieser gerecht werden.“[2] Wenngleich Wojciech Kolarski, Unterstaatssekretär in der Kanzlei des Präsidenten, das breite Meinungsspektrum der Geladenen betonte[3] – neben Anhängern der neuen Regierung der rechtskonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) waren auch einige ihrer Kritiker gekommen –, gab der Präsident den inhaltlichen Rahmen vor, in dem die Strategie zu entwickeln sei. Im Kern, so Duda, gehe es um die „Frage: Wie sollen wir – in der schwierigen und spezifischen Situation, in welcher Polen sich in Europa befindet – handeln, um das patriotische Fundament zu stärken? […] Wie [sollen wir] diese Politik möglichst vernünftig betreiben?“[4]

Damit skizzierte der polnische Präsident Geschichtspolitik als ein wichtiges Politikfeld, das zur Stärkung des Landes nach innen und außen unentbehrlich sei. Als zentrales Anliegen hob er den Schutz des „guten Namens“ Polens in der Welt hervor. Wie bereits in einem Fernsehduell, das er sich im Vorfeld der Wahl mit seinem Konkurrenten, dem damaligen Präsidenten Bronisław Komorowski (Bürgerplattform Platforma Obywatelska – PO), geliefert hatte, führte Duda ein Beispiel an, das den defizitären Umgang mit Vergangenheit besonders drastisch belegen sollte: die Bezeichnung „polnische Konzentrationslager“ für jene Konzentrations- bzw. Vernichtungslager, die die Nazis im Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet des deutsch besetzten Polens errichtet hatten. Mit dieser Wortwahl sieht er nicht allein die besonders brutale Besatzungsherrschaft der Deutschen in Polen marginalisiert. Vielmehr werde Polen, so die Sorge, zunehmend von außen hauptverantwortlich für den Holocaust gemacht – insbesondere seit der Veröffentlichung von Jan Tomasz Gross´ Buch „Nachbarn“ (2001) über den Mord an den Juden von Jedwabne im Juli 1941, der von christlichen Polen verübt wurde. Es sei, so Duda, eine staatliche Aufgabe, dem kritischen Aufarbeitungsdiskurs entschieden entgegenzutreten und ihm positive Bilder entgegenzusetzen.

Welche historischen Narrationen stattdessen Teil eines „patriotischen Fundaments“ sein sollen, wurde nach dem programmatischen Auftakt der Veranstaltung im Warschauer Belvedere hinter verschlossenen Türen diskutiert. Mit Blick auf die Redner lässt sich jedoch erahnen, dass weitgehend Konsens über die Interpretation der Vergangenheit bestanden haben dürfte. Neben dem Kulturminister Piotr Gliński und seinem Stellvertreter Jarosław Sellin sprachen u.a. der Gründer der Vereinigung „Verein des guten Namens – Polnische Liga gegen Verleumdung“ („Fundacja Reduta Dobrego Imienia – Polska Liga przeciw Zniesławieniom“), Maciej Świrski, und der Leiter des präsidialen Beratungsgremiums „Nationaler Entwicklungsrat“ („Narodowa Rada Rozwoju“), Andrzej Nowak, mit Vertretern des Museums des Warschauer Aufstands, Journalisten der auflagenstarken, rechtskonservativen Presse (der wöchentlichen Illustrierten „wSieci“ und der Tageszeitung „Gazeta Polska“) sowie einer Reihe PiS-naher Historiker. Viele der Versammelten setzen sich bereits seit etlichen Jahren öffentlich für das vom Präsidenten klar umrissene affirmative Geschichtsbild ein, dessen Kern die Ablehnung einer (selbst)kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte, die Etablierung kämpferischer Helden und ein ausgeprägter Antikommunismus sind.


Die Kontinuität der Narrative

Bei den polnischen Parlamentswahlen im Oktober 2015 erlangte die rechtskonservative PiS die absolute Mehrheit. Seitdem steht Polen im Fokus internationaler Aufmerksamkeit. Der von der PiS angekündigte „gute Wandel“ („dobra zmiana“), hinter dem sich Angriffe auf Demokratie und Rechtsstaat verbergen, nahm bereits kurz nach dem formalen Wechsel der Amtsgeschäfte konkrete Formen an und ist im In- wie Ausland auf heftige Kritik gestoßen.[5] In nur wenigen Wochen wurden unter der neuen Premierministerin Beata Szydło und dem Parteivorsitzenden Jarosław Kaczyński ein Gesetz zur Neuordnung des Verfassungsgerichts sowie ein „Überwachungs-“ und ein neues Mediengesetz beschlossen.[6] Ebenso schnell wurden populistische Wahlversprechen eingelöst, wie die Rücknahme der Schulreform, welche die Schulpflicht bereits für sechs- statt siebenjährige Kinder einführte, oder die Einführung des Kindergeldes. Zudem wurden etliche leitende Posten in öffentlichen Institutionen, etwa beim Staatsfernsehen TVP Telewizja Polska und beim öffentlichen Rundfunk Polskie Radio[7], neu besetzt.

Eine weitere Gesetzesnovelle, die jüngst beschlossen wurde, zeigt, dass der von oben dirigierte personelle Wechsel in der Zukunft auch die Geschichtswissenschaft und -kultur im engeren Sinne betreffen wird: Das Gesetz sieht eine Neukonstituierung des Instituts für nationales Gedenken (Instytut Pamięci Narodowej – IPN), in dem u.a. die Akten des kommunistischen Sicherheitsdienstes lagern, vor.[8] Den legislativen Umbau öffentlicher Strukturen ergänzend, initiiert die Regierung neue Bildungsprogramme, baut bestehende Infrastrukturen aus und fördert gezielt jene didaktischen Projekte, Museen und Institutionen, die große, identitätsstiftende Erzählungen über die Vergangenheit der polnischen Nation vermitteln. Eines dieser Prestigeprojekte ist das Museum der Geschichte Polens (Muzeum Historii Polski), das bereits während der PO-Regierung entwickelt wurde und zum 100. Jahrestag der polnischen Unabhängigkeit im Jahr 2018 eröffnet werden soll.

Im Folgenden soll die jüngste Warschauer Geschichtspolitik in ihren Grundzügen skizziert werden. Welche Motive dominieren diese Politik, welche sind neu? Wogegen richtet sich ihr konzertierter Einsatz?
Wir vertreten die These, dass das Propagieren eines einseitig positiven, triumphalen, nationalistischen Bilds der Vergangenheit[9] keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der neuen rechtskonservativen PiS-Regierung ist. Vielmehr greifen die Warschauer Protagonisten auf altbekannte Motive der polnischen Geschichtskultur zurück – sowohl auf jene, die sie in ihrer ersten Amtszeit von 2005 bis 2007 verwendeten, als auch auf solche, die viel tiefer in die polnische Geschichte zurückreichen. Viele Elemente der derzeit dominanten politischen Rhetorik haben ihre Wurzeln in der polnischen Romantik des 19. Jahrhunderts, als das Land zwischen den Großmächten Preußen/dem Deutschen Reich, Russland und Österreich-Ungarn aufgeteilt war. Im symbolischen Universum dieser Provenienz dominiert die Vorstellung Polens als homogener Abstammungsgemeinschaft, die durch eine gemeinsame Leidensgeschichte und christliche Werte zusammengehalten werde. Das Bild von der heldenhaft leidenden Nation kulminiert im Mythos von Polen als Christus der Völker, dem sogenannten Messianismus. Demnach, so die Literaturwissenschaftlerin Maria Janion, sei Polen „besonderem Leid und Unrecht ausgesetzt und werde vom Bösen bedrängt, weil es von Gott auserwählt worden sei – als Opfer für andere sündige und böse Völker wie insbesondere Russen und Deutsche.“[10]

Es dominiert damit ein ethno-nationalistisches, polenzentristisches Bewusstsein.[11] Dreh- und Angelpunkt ist die „Nation“, wobei der Katholizismus als Ausdruck kollektiver Identifikation und nationaler Zugehörigkeit gilt („Polak-katolik“). Dieser Nations-Begriff, der bestimmte Gruppen von vornherein ausschließt (in erster Linie die Juden), blieb auch in der Volksrepublik zentraler Bezugspunkt sowohl des offiziellen[12] als auch des oppositionellen[13] Diskurses. Während die sozialistische Führung versuchte, ihm die starke katholische Prägung zu nehmen, erwies sich gerade sein religiöses Moment als Grundlage für den polarisierenden Nationalismus innerhalb der Oppositionsbewegung der 1970er und 1980er Jahre. Es ist somit wenig überraschend, dass die Kategorie der Nation heute nicht allein in der Erzählung der Konservativen und der PiS-Anhänger eine Hauptrolle spielt. Auch für die liberale Bürgerplattform PO, die sich ebenfalls als Erbin der antikommunistischen Opposition sieht, fungiert sie als Referenzrahmen. Im Unterschied zu den Liberalen privilegieren die Rechten den Begriff der Nation aber nicht nur, sondern stellen ihn sogar über die Verfassung. Kornel Morawiecki, der Abgeordnete der rechtsradikalen Partei Kukiz 15, erklärte im Sejm: „Über dem Recht steht das Wohl der Nation. […] Ein Recht, das nicht der Nation dient, ist gesetzeswidrig.“[14]

Den Versuch, das affirmativ-nationalistische Selbstbild mit politischen Mitteln gegen Kritik von außen zu schützen, findet man bereits in der Volksrepublik. Auch wenn die derzeitige Regierung sich vehement von derjenigen der Machthaber des Staatssozialismus abgrenzt, ähneln sich beide in ihrem Anspruch, den Diskurs über Polen umfassend steuern zu wollen. Ebenso wie die Entscheidungsträger der Volksrepublik versuchten, durch gezielte Kulturpolitik die Verstärkung negativer Stereotype über ihr Land zu verhindern,[15] wenden sich auch gegenwärtig rechtskonservative Politiker und Publizisten gegen eine (selbst)kritische Geschichtsdarstellung etwa in polnischen Filmen.[16]

Die im dominanten symbolischen Universum präferierte Erzählung vom heldenhaft leidenden polnischen Volk, das im Laufe der Geschichte immer wieder in seiner Existenz bedroht gewesen sei und nur durch die kulturelle Weitergabe der nationalen Tradition habe überdauern können, basiert auf einer Semantik des Stolzes. Diese steht im auffälligen Kontrast zur deutschen Erinnerungskultur, die vor allem auf der Distanzierung von der eigenen Vergangenheit beruht. Dieser Kontrast ist besonders augenscheinlich, wenn man bedenkt, dass die polnische Rechte den Begriff „Geschichtspolitik“ selbst aus dem deutschen Diskurs übernommen hat, wie der Politologe Aleksander Smolar ausgeführt hat: Während in Deutschland weitestgehend Konsens darüber bestehe, dass das geschichtspolitische Wirken des Staates ein Werkzeug sei, mit dem freiheitlich-demokratische Werte gestärkt und das Erbe eines übersteigerten Nationalismus überwunden werden sollte, sähen die polnischen Akteure Geschichtspolitik gerade als Generator von Patriotismus und nationaler Identitätsbildung.[17] Dieses Verständnis von Geschichtspolitik widerspricht dem Streben nach einer pluralistischen Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Gewalterfahrung des 20. Jahrhunderts, wie sie große geschichtspolitische Projekte auf EU-Ebene, darunter das „Haus der Europäischen Geschichte“ in Brüssel, anstreben.

Obgleich die Rechte keineswegs nur in Polen zu den aufstrebenden politischen Kräften gehört, irritiert Beobachter, die mit der polnischen Situation nicht vertraut sind, die Vehemenz, mit der die nationalistisch-heroische Geschichtsdarstellung derzeit nach innen und außen vermarktet wird. Darüber hinaus bleibt die neueste Geschichtspolitik nicht bei der Popularisierung des affirmativ-nationalen Vergangenheitsbezugs stehen. All jene historischen Erzählungen, die keine positive Bezugnahme auf die eigene Vergangenheit zulassen, sollen aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen werden.

Die heutigen PiS-Politiker knüpfen an das Konzept einer Geschichtspolitik an, das sie und ihre Anhänger selbst seit über zehn Jahren entwickeln: „Eine öffentliche Auseinandersetzung über Gedächtnis, Vergangenheit und Geschichte der Polen zu stärken und entsprechende Institutionen zu gründen, um einen 'affirmativen Patriotismus' in Polen zu schaffen sowie ein positives Bild Polens im Ausland herzustellen“,[18] formulierte der konservative Publizist Marek Cichocki 2006 deren Ziel. Diese Art von Geschichtspolitik wurde von der PO-Regierung (2007-2015) nicht verworfen. Die Diskurse, die die polnische Öffentlichkeit in dieser Zeit prägten, waren zwar facettenreicher und differenzierter, dennoch blieben die Vertreter der PO dem Konzept treu, der Staat solle die außergewöhnliche, positive Rolle Polens in der Geschichte Europas in der Innen- und Außenpolitik hervorheben.[19] Diesem Ziel dienten u.a. die großen, international angelegten Jubiläumsfeierlichkeiten im Jahr 2009: siebzig Jahre nach dem Überfall NS-Deutschlands auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges und zwanzig Jahre nach dem Ende des Kommunismus.

Eine neue Qualität, die seit den Präsidentschaftswahlen im Mai 2015 und den Parlamentswahlen im Oktober desselben Jahres zu beobachten ist, zeigt sich in der Radikalisierung des Diskurses und in dem Bekenntnis, die Geschichte zu instrumentalisieren. Sie äußert sich in der Variation und Zuspitzung bestimmter Erzählstränge und -modi und geht einher mit der zielgerichteten Verdrängung und Überlagerung solcher Narrative, die es als destruktive „Pädagogik der Scham“[20] zu überwinden gelte. Um diese Verschiebungen sichtbar zu machen, werden wir zunächst einige Aspekte herausstellen, die Ausdruck der anvisierten „Politik des nationalen Stolzes“ („polityka dumy narodowej“) sind.[21] Danach sollen jene Erzählungen im Mittelpunkt stehen, die diesem affirmativen Geschichtsbild zuwiderlaufen: Welche Themenfelder werden durch staatlich-öffentliche Initiativen domestiziert oder gar verdrängt? Wogegen richtet sich die Exklusion bestimmter Narrationen? Die von uns vorgenommene Trennung zwischen affirmativen und exkludierenden Mechanismen der gegenwärtigen staatlichen Geschichtspolitik Polens dient freilich allein analytischen Zwecken. Beide sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille.


Intensivierung des ethno-nationalistischen Narrativs oder: Der Stolz auf die eigene Vergangenheit

Bereits Monate zuvor aufwändig beworben, wurde am 1. März 2016 der „Nationale Gedenktag der ‚Verstoßenen Soldaten‘“ (Narodowy Dzień Pamięci „Żołnierzy Wyklętych”) in Polen mit offiziellen Feierlichkeiten begangen. Der Tag ist dem Gedenken an die Mitglieder verschiedener antikommunistischer Widerstandsorganisationen gewidmet, die den Kampf um die polnische Unabhängigkeit mit Ende des Zweiten Weltkrieges keineswegs als beendet ansahen und zwischen 1944 und 1963 im Untergrund gegen die neue polnische Staatsführung und die Sowjetisierung des Landes kämpften.[22] Der Gedenktag war bereits 2011 unter der Präsidentschaft von Bronisław Komorowski (PO) eingeführt worden. Komorowski hatte damit eine Initiative seines Amtsvorgängers Lech Kaczyński (PiS) fortgeführt.[23] Aktiv begangen wurde der Gedenktag nun unter Andrzej Duda, der in diesem Jahr das Patronat über die Feierlichkeiten übernahm. Die Veranstaltungen fanden nicht nur in Warschau, sondern auch in zahlreichen anderen polnischen Städten statt. Anlässlich des Gedenktages wurden z.B. in einem Gymnasium in Płock Mitglieder der faschistischen Vorkriegsorganisation ONR (Obóz Narodowy Radykalny) empfangen, die zusammen mit den Schülern der „Verstoßenen Soldaten“ gedachten.[24]

Die öffentliche Ehrung der „Verstoßenen Soldaten“ am 1. März stellte den symbolischen Höhepunkt einer Informationskampagne dar, mit der bereits seit Monaten ganze Untergrundeinheiten und einzelne Helden popularisiert worden waren. Fast täglich waren in den polnischen Medien – in populärhistorischen Publikationen, Dokumentationen und der Tagespresse – Porträts bislang unbekannter „Heroen“ erschienen. Zunehmend stellten sie gar jene Helden in den Schatten, die bislang den Kern des heroischen Topos gebildet hatten: die Kämpfer im Warschauer Aufstand von 1944.[25] Die neue Popularität der „Verstoßenen Soldaten“ und die öffentliche Erinnerung an sie werden in diesem Themenschwerpunkt von Maria Kobielska analysiert.[26]

Bemerkenswert ist die Passgenauigkeit, mit der sich die jüngst so populär gewordenen „Verstoßenen Soldaten“ in den oben skizzierten Wertekanon einfügen lassen, der bis heute die gesellschaftliche Sozialisation in Polen prägt. Das Märtyrer-Motiv gehört fest zum nationalen Selbstbild, das auch im zentral festgelegten Literaturkanon für polnische Schüler und Schülerinnen tradiert wird. Eine zentrale Rolle darin spielen die Werke romantischer Dichter wie Adam Mickiewicz und Juliusz Słowacki sowie des Schriftstellers Henryk Sienkiewicz, der seine historischen Romane am Ende des 19. Jahrhunderts verfasste. Der Kanon wird entlang solcher Werte wie Patriotismus, Aufopferung und Heldentum konstruiert: Vor allem werden Helden geehrt, die bereit waren, ihr Leben für das Vaterland zu opfern. Diese Perspektive stärkt die Wahrnehmung des eigenen Schicksals als „außergewöhnlich“, verleiht ihm eine sinnstiftende Deutung und betont die integrative Funktion, die es immer wieder im Laufe der Geschichte übernommen hat: Sowohl die Aufstände gegen die Großmächte Russland, Preußen/Deutsches Reich und Österreich-Ungarn im 19. Jahrhundert als auch der Kampf der polnischen Heimatarmee gegen die deutsche Besatzung Polens seit 1939 sowie das Engagement der antikommunistischen Opposition in den 1970er Jahren und der freien Gewerkschaft Solidarność seit Anfang der 1980er Jahre lassen sich als heroisches Opfer für „Gott und Vaterland” im Rahmen dieses romantischen Paradigmas interpretieren. Die Partisanen, die auch nach dem offiziellen Ende des Zweiten Weltkriegs ihren bedingungslosen Kampf für Polen weiterführten, scheinen diese Aufopferungsbereitschaft in ganz besonderer Weise zu verkörpern. Vor allem diejenigen, die 1947 nicht auf das Angebot einer Amnestie eingingen, sondern ihren Kampf im Untergrund fortsetzten, erfahren höchste staatliche Würdigung.

Eine andere Bedeutungsebene offenbart sich mit Blick auf den Begriff „Verstoßene Soldaten“, der sich gegen andere Bezeichnungen – „żołnierze drugiej konspiracji” (Soldaten der zweiten Konspiration), „żołnierze niezłomni“ (standhafte Soldaten) – durchgesetzt hat. Hierbei handelt es sich bezeichnenderweise nicht um einen analytischen, sondern um einen kommemorativen Terminus, zu dessen Popularisierung 1993 die Wanderausstellung „żołnierze wyklęci“ („Verstoßene Soldaten“) der „Fundacja Pamiętamy“ (Stiftung „Wir erinnern uns“) sowie 1996 das gleichnamige Buch des Publizisteni Jerzy Ślaski beitrug.[27] Wenngleich die Partisanen für ihren Kampf um Freiheit und nationale Unabhängigkeit geehrt werden, lenkt die kollektive Bezeichnung die Aufmerksamkeit auf ihre Rezeptionsgeschichte: In der Volksrepublik wurden sie als „Banditen des reaktionären Untergrunds“ verfolgt, viele von ihnen wurden in den 1940er und 1950er Jahren hingerichtet. Während die Teilnehmer des Warschauer Aufstandes seit den 1980er Jahren zunehmend in die staatliche Erinnerungskultur integriert wurden, konnten die „Verstoßenen Soldaten“ als antikommunistische Kämpfer hier keinen Platz finden. Doch auch nach dem politischen Umbruch von 1989 rückten sie, im Gegensatz zu den Aufstandshelden, nicht in den Fokus der Aufmerksamkeit. Ihre breite Heroisierung setzte erst vor wenigen Jahren ein.

Es scheint gerade dieses Schicksal einer doppelten Verdrängung – physische Verfolgung und die anschließende Unterdrückung ihres Andenkens bis in die jüngste Zeit – zu sein, das für den heutigen Märtyrerstatus der „Verstoßenen Soldaten“ von höchster Bedeutung ist. Das Selbstverständnis, durch intensive Geschichtspolitik einer verborgenen „Wahrheit“ endlich zum Durchbruch zu verhelfen, bezieht sich dabei keineswegs allein auf die Zeit des Staatssozialismus, sondern ebenso – und in besonderem Maße – auf die sogenannte Dritte Republik: Der Vorwurf an die Vertreter des liberalen Demokratiemodells, das 1989 eingeführt wurde, lautet, sie hätten die Gedächtnisinhalte, auf die man stolz sein könne, zugunsten jener vernachlässigt, die lediglich eine „Gemeinschaft der Scham“[28] erzeugen könnten. Eine solche Kritik am Umgang mit der eigenen Vergangenheit ist jedoch keine Erscheinung der letzten Monate. Bereits seit mehr als zehn Jahren fordern die rechten Kräfte eine neue Geschichtspolitik, die stärker identitätsprägend – und regulierend – wirken soll. Sie soll den Debatten, die spätestens seit der bereits erwähnten Publikation von Jan Tomasz Gross‘ Buch „Nachbarn“ 2001 um die von Polen an Juden begangenen Verbrechen während des Holocaust geführt werden, einen positiven Gedächtnisinhalt entgegenstellen und den kritischen Aufarbeitungsdiskurs zu den Themen Holocaust und Antisemitismus überdecken.

Als Programmatik der geforderten „Politik des nationalen Stolzes“ kann der Sammelband „Gedächtnis und Verantwortung“ („Pamięć i odpowiedzialność“) gelten, den die Historiker Robert Kostro und Tomasz Merta 2005 herausgaben. Die Herausgeber beklagen darin „das Fehlen einer kohärenten Vision der Geschichtspolitik, die begrenzte Fähigkeit des Staates, auf die Versuche einer Re-Interpretation der Vergangenheit durch die Nachbarstaaten zu reagieren, Mängel der historischen Bildung“ und fordern „die Ausarbeitung eines Modells einer aktiven Geschichtspolitik des Staates“ zur „Popularisierung des Wissens über unsere Vergangenheit unter Ausländern, aber auch unter Polen“.[29] Besonders klar wird die Stoßrichtung dieser Kritik in dem Beitrag, den Kostro, der heutige Direktor des Museums der Geschichte Polens (Muzeum Historii Polski), zusammen mit Kazimierz Michał Ujazdowski, dem damaligen Minister für Kultur und nationales Erbe, verfasste. Die Autoren halten einen kritischen Umgang mit den „eigenen Fehlern und Schwächen“ durchaus für berechtigt, sie verwerfen „das nationale Ritual der Selbstzerfleischung“ jedoch als überholt und konstatieren den Verlust positiver Muster in einer Zeit moralischer Verunsicherung.[30] An dieses affirmative Modell knüpft die derzeitige Regierung an. So betonte der Verteidigungsminister Antoni Macierewicz im März 2016, Geschichtspolitik beruhe darauf, „die Wahrheit über die hervorragenden Taten der polnischen Nation zu sagen“.[31]

In der Vorstellung, dass eine bestimmte – nämlich eine positiv-identifikatorische – Form des Vergangenheitsbezuges bis in die jüngste Zeit hinein durch politische Eliten in Polen verhindert worden sei, fließen Geschichte und Gedächtnis zusammen. Zugleich offenbart sie einen Wahrheitsbegriff, welcher der (postmodernen) Auffassung vom konstruktiven und selektiven Charakter von Erinnerung diametral entgegengesetzt ist. Die Verfechter der heroisch-patriotischen Geschichtspolitik sehen sich, wie etwa Piotr Witek in seiner Analyse aus dem Jahr 2010 herausgestellt hat, als Vertreter einer aufständischen, emanzipatorischen „Gegengeschichte“[32] und eignen sich damit einen Begriff an, der ursprünglich aus der linken Geschichtsschreibung stammt.[33] Erstgenannte wollen die (eine) historische Wahrheit durchsetzen, die in den kontroversen Debatten der 2000er Jahre ausgeblendet worden sei. Die heutigen Geschichtspolitiker sehen sich als Vorkämpfer einer positiven Geschichte, die durch den angeblichen bisherigen Fokus auf negative, kritische Momente der polnischen Vergangenheit zu stark marginalisiert worden sei. Sie sind davon überzeugt, dass historisches Wissen in erster Linie außerhalb von Universitäten und Archiven generiert werde und sprechen der akademischen Geschichte sogar ab, ein Ort „historischer Wahrheit“ zu sein. Diese zu identifizieren und zu vermitteln wird somit – gleichsam notwendigerweise – in den Aufgabenbereich der Politik übertragen und gesellschaftlichen Akteuren überlassen, welche die Politik „des guten Wandels“ befürworten. Geschichtspolitik erscheint damit als ein Politikfeld neben anderen, das wie Außen-, Innen- oder Kulturpolitik seinen festen Platz im Regierungshandeln hat.[34]

Es ist letztlich ein mythisches Verständnis von Geschichte, das die Verfechter einer starken Geschichtspolitik ihrem Handeln zugrunde legen.[35] Und wie jeder Mythos mit Kultorten und Ritualen verbunden ist, zielt auch die jüngste geschichtspolitische Aktivität der PiS-Regierung darauf ab, eine breite Infrastruktur zu schaffen, um ihre Meistererzählung zu tradieren. Eine Schlüsselrolle wird dabei dem IPN und verschiedenen großen Museumsprojekten zugeschrieben, wie das Kulturministerium im Dezember 2015 einmal mehr unterstrich: „Das Beispiel IPN, Museum des Warschauer Aufstandes, das Museum der Geschichte der polnischen Juden – das sind Beweise dafür, wie notwendig diese Institutionen sind, um die historische Wahrheit zu entdecken, sie zu verbreiten, ungerechte Stereotype zu zerstören“, betonte der Vizekulturminister Sellin und ergänzte: „Diese Infrastruktur werden wir erweitern.”[36] Er ließ keinen Zweifel daran, dass die derzeit geplanten großen Häuser – das Museum der Geschichte Polens in Warschau, das Józef-Piłsudski-Museum in Sulejówek und weitere Einrichtungen – das Gefühl des nationalen Stolzes popularisieren sollen. Alternative Perspektiven sind hierbei programmatisch ausgeschlossen: „Die kritische Strömung […] kann nicht die Museumserzählung […] dominieren. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass das Museum der Geschichte Polens im Geist der Affirmation und des Stolzes auf die polnische nationale und staatliche Tradition entsteht.“[37]

Selbst das Museum des Zweiten Weltkriegs (Muzeum II Wojny światowej), das zu Zeiten der PO-Regierung initiiert wurde, muss derzeit um seine ursprüngliche Konzeption bangen. Die geplante Ausstellung (das Museum befindet sich noch in der Bauphase) konzentriert sich auf die Zeit 1939-1945 als größte Katastrophe der europäischen Geschichte: „In der historischen Erzählung wird besonderer Nachdruck auf das Schicksal von Individuen, Gesellschaften und Nationen gelegt werden. Die Militärgeschichte wird den Hintergrund der Erzählung über das alltägliche Leben der Zivilisten und Soldaten, den Okkupationsterror sowie […] Völkermord, Widerstand gegen den Okkupanten und die große Politik bilden.”[38] So heißt es über die geplante gesamteuropäische Perspektive im Programmpapier. Dieses Konzept wurde allerdings von Kulturminister Gliński infrage gestellt. Seiner Ansicht nach mangelt es dem Museum an einer „polnischen Perspektive auf den Krieg“.[39] Sein Stellvertreter, Jarosław Sellin, argumentierte zudem: „Die Erzählung ist zu universalistisch, und es sollte doch die polnische Interpretation dominieren.“[40]

Dass Museen als Werkzeuge der Identitätspolitik genutzt werden, ist keineswegs neu. Dies zeigt etwa ein Blick in das bereits 2004 eröffnete Museum des Warschauer Aufstandes, das von Lech Kaczyński, dem damaligen Warschauer Bürgermeister, späterem Staatspräsidenten und beim Flugzeugabsturz in Smolensk tödlich verunglückten Zwillingsbruder des PiS-Vorsitzenden Jarosław Kaczyński, initiiert wurde. Darin wird der Warschauer Aufstand – eine militärische Niederlage mit verheerenden Folgen für die polnische Zivilbevölkerung – als moralischer Sieg über die deutschen Besatzer dargestellt.[41] Zudem „holocaustisieren“ die Ausstellungsmacher bestimmte Ereignisse (z.B. werden Fotografien von ausgemergelten Menschen und Leichen verwendet, die an Bilder aus den befreiten Konzentrationslagern erinnern).  Dies deutet darauf hin, dass hier zugleich eine Gegenerinnerung zur Erinnerung an den ersten Aufstand in Warschau und den ersten Aufstand im deutsch besetzten Europa überhaupt – der Aufstand der Juden des Warschauer Gettos im April 1943 – geschaffen werden soll.

Typisch für die PiS-Verteter ist das klare Bekenntnis zu einem mythischen, eindimensionalen Geschichtsverständnis, mit dem man sich von pluralistischen, vielstimmigen Ausstellungskonzepten distanziert. Explizit verwerfen die Konservativen die gemeinschaftsstiftende Funktion staatsbürgerlicher Werte zugunsten nationaler Zugehörigkeit. Zugleich verbindet sich der Ruf nach einer klaren nationalen Erzählung heute mehr denn je mit der Forderung nach modernen, populären, marktkonformen Aufbereitungen. So drängten sowohl die polnische Premierministerin Beata Szydło als auch Kulturminister Gliński wiederholt auf die Produktion eines Filmes, der die polnische Geschichte in Hollywood-Manier aufbereiten soll und so einem breiten, internationalen Publikum näherbringen kann. Anlass für die Forderung nach dem neuen Film war, dass sich dieser von dem mit einem Oscar ausgezeichneten polnischen Spielfilm „Ida” (2013) des Regisseurs Paweł Pawlikowski  abgrenzen sollte. [42]


Exklusionen oder: Der Umgang mit dem schamhaften geschichtlichen Erbe

Die offene Forderung, Geschichte als Ressource zur nationalen Identitätsstiftung einzusetzen, basiert auf einer dichotomen Sichtweise, die eine klare Trennlinie zwischen Freunden und Feinden zieht. Vielschichtige, multiperspektivische Erzählungen, die sich diesem Schwarz-Weiß-Schema entziehen, haben in einer solchen Geschichtspolitik ebenso wenig einen Platz wie ambivalente Heldenfiguren. Doch wer sind diese „Feinde“, gegen die sich die Geschichtspolitik von oben richtet? Welche Narrative laufen dem gewünschten positiven Vergangenheitsbezug zuwider, und welche Mittel der Regulierung werden als legitim und notwendig erachtet, um deren Einfluss zu begrenzen?

Das klar formulierte Ziel der intensivierten Geschichtspolitik ist es, all jenen Aussagen entgegenzutreten, die dem Ruf Polens schaden. Diese werden als schädlich, als antipolnisch und aus diesem Grunde als „falsch“ deklariert. Insbesondere betrifft diese Exklusion jene Themen, die den eindeutigen Opferstatus Polens im Zweiten Weltkrieg herausfordern. Dazu zählen Diskussionen des Verhältnisses von Polen und Juden, aber auch über Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg. Indem sie diese Themen bearbeiten, bewegen sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, Publizisten und Publizistinnen, Filmemacher und Filmemacherinnen, Künstler und Künstlerinnen oder Kuratoren und Kuratorinnen auf einem Feld, das mit zunehmender Skepsis beobachtet wird. Dies gilt nicht allein für polnische Kulturschaffende, sondern ebenso für medienwirksame Produktionen aus dem Ausland. Insbesondere Deutschland steht dabei im Fokus der Politiker: So nahm Andrzej Duda in seiner Auftaktrede zur Durchführung der geschichtspolitischen Offensive den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ zum Ausgangspunkt, um die „feindliche“ Geschichtspolitik des Nachbarlandes zu skizzieren und einen polnischen Gegenpart zu fordern.[43]

Die große Popularität der „Verstoßenen Soldaten“ verdeutlicht eine zweite Stoßrichtung der Geschichtspolitik: Die moralische Würdigung der Kämpfer im Untergrund steht exemplarisch für eine verstärkte antikommunistische[44] Rhetorik. Indem der Widerstand gegen die kommunistische Herrschaft – etwa durch die Schirmherrschaft des Präsidenten über die Gedenkfeierlichkeiten – zur Staatsräson erklärt wird, wird ihre Würdigung zum moralischen Argument gegen alles, was mit „dem Kommunismus“ in Verbindung gebracht wird. „(Post)Kommunist“ zu sein, wird auf diese Weise zum Schlagwort, das sich gegen alle politischen Kontrahenten der Rechtskonservativen – zum Teil ehemalige Weggefährten heutiger PiS-Politiker – wenden lässt: gegen Linke, Linksliberale und alle, die an den Vorgängerregierungen seit 1989 beteiligt waren. Als Vertretern der „Dritten Republik“ wird ihnen vorgeworfen, weder das Erbe des Kommunismus effektiv bekämpft noch positive Vergangenheitsbezüge zur Verfügung gestellt zu haben. Die polnische Verfassung von 1997, die von der PiS derzeit demontiert wird, erscheint in dieser Logik als „ein Teil des ganzen dysfunktionalen postkommunistischen Systems“, als Produkt und Manifestation einer „fassadenhaften Demokratie“[45]. Die „wahre“ Demokratie hat im Narrativ der PiS erst im Oktober 2015 begonnen. Indem die pluralistische Verfasstheit des öffentlichen Vergangenheitsdiskurses nach 1989 als Ausdruck der Bevormundung und Ausgrenzung des eigenen nationalistischen Geschichtsbildes diffamiert wird, zielt die neue konservative Geschichtspolitik somit darauf ab, ihre Vorgänger umfassend zu delegitimieren.

Zur negativen Figur avancierte selbst Lech Wałęsa, nachdem sich die seit langem kursierenden Gerüchte um seine Zusammenarbeit mit der kommunistischen Geheimpolizei Anfang der 1970er Jahre durch Archivfunde bestätigten. Es spielt dabei keine Rolle, dass diese Dokumente, die im Haus des kürzlich verstorbenen kommunistischen Generals Czesław Kiszczak gefunden wurden, belegen, dass sich Wałęsas Zusammenarbeit mit der Geheimpolizei auf eine kurze Periode beschränkte und er danach konsequent gegen die kommunistische Regierung handelte. Wie Karol Franczak und Magdalena Nowicka in ihrem Beitrag für dieses Themenportal herausarbeiten, wird Wałęsa von der PiS als Verräter dargestellt. Auch die Verhandlungen mit den Kommunisten am sogenannten runden Tisch von 1989 werden als Verrat gedeutet. Letztlich wird die gesamte „Dritte Republik“ von 1989 bis 2015 (mit Ausnahme der ersten PiS-Regierung 2005-2007) als „(post)kommunistische“ Zeit interpretiert. Eine tatsächliche politische Transformation habe demnach gar nicht stattgefunden.

Die geschichtspolitischen Akteure in Polen nutzen verschiedene Mittel, um sämtliche als „feindlich“ etikettierte Interpretationen zu marginalisieren oder zu überdecken. Sie reichen von der Einflussnahme auf konkrete Ausstellungen – zum Beispiel die Nachkriegsgalerie im Museum der Geschichte für die polnischen Juden[46] – bis hin zu strafrechtlichen Maßnahmen. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Figur „der polnischen Gerechten“, bei der es sich laut Elżbieta Janicka um eine „Ritual-Erzählung“[47] handelt, die bereits während des Zweiten Weltkriegs entstand (1942-1943). Diese diskursive Figur tauche immer dann im öffentlichen Diskurs auf, wenn vom polnischen Antisemitismus die Rede sei (z.B. nach den Pogromen der unmittelbaren Nachkriegszeit, während der antisemitischen Kampagne 1968, im Zusammenhang mit Claude Lanzmanns Film Shoah, nach der Jedwabne-Debatte).[48] Der Versuch, Polen als Judenretter-Nation darzustellen, ziele darauf ab, die neuesten Erkenntnisse der polnischen Holocaustforschung[49], wonach die Rettung von Juden während des Holocaust gegen die soziale Norm der polnischen Mehrheitsgesellschaft verstoßen habe, im öffentlichen Raum zu überdecken.[50] Piotr Forecki geht in seinem Beitrag auf die neuesten Initiativen des Kults um die „polnischen Gerechten unter den Völkern“ ein, in dem die Juden als Objekt und symbolisches Kapital für die Erinnerungskultur der Mehrheitsgesellschaft behandelt werden.

Die Polen hätten sich, so der Holocaust-Überlebende und Schriftsteller Henryk Grynberg, im „Epicenter“[51] der von den Deutschen betriebenen und organisierten „Endlösung“ befunden. Die Verfolgung der Juden habe sich vor ihren Augen abgespielt, folglich habe es kaum passive Zuschauer des Holocaust gegeben, ja es habe gar nicht die Möglichkeit gegeben, sich in dieser Stellung wiederzufinden.[52] Nichts-Tun und Desinteresse seien, so auch Jan Tomasz Gross, keine der möglichen Verhaltensoptionen gewesen.[53] Die polnischen Juden mussten sich nicht nur vor den deutschen Besatzern fürchten, sondern auch – bzw. vor allem – vor ihren polnischen Nachbarn.[54] Diese Forschungsergebnisse lehnen die Vertreter eines affirmativen Geschichtsbilds deswegen ab, weil sie dem Identitätskonzept einer unbefleckten nationalen „Wir“-Gemeinschaft widersprechen.[55] Auch der Kult um die „Verstoßenen Soldaten“ lässt sich in diese Richtung interpretieren: Deren Heroisierung dient zugleich der Camouflage von Verbrechen, die von den Partisanen an Zivilisten und Minderheiten (Weißrussen, Juden) begangen wurden. Sie ist möglich, weil es einen gesellschaftsübergreifenden antikommunistischen Konsens gibt. Dass Antikommunismus und Antisemitismus oft Hand in Hand gehen – so auch bei einigen Partisanen, die Holocaust-Überlebende ermordeten –, und im Feindbild der żydokomuna (Judäo-Kommune) verschmelzen, wird dabei gezielt ausgeblendet.[56] Im Sinne der Denkstruktur der Verschwörung argumentierend, behaupteten Anhänger dieses Feindbilds, Juden würden den polnischen Staat mit Hilfe des Kommunismus unterwandern und die Macht an sich reißen.[57]

Ein gutes Beispiel für die Verbreitung des Feindbilds der żydokomuna ist das Titelbild der rechtskonservativen Wochenzeitschrift „Do rzeczy“ (2016 Nr. 21), auf dem ein Jude und ein Kommunist zu sehen sind.[58] Beide wurden stereotypisch abgebildet: der Jude mit langem Bart und Schläfenlocken; der Kommunist in Uniform und Mütze mit sowjetischem Stern. Beide Männer schauen sich gegenseitig an. Die Unterschrift dazu lautet: „Judäo-Kommune oder Rüpel-Kommune“ (żydokomuna czy chamokomuna). In dem dazugehörigen Artikel plädiert der Autor, Piotr Zychowicz, für das Aufrechterhalten der Vorstellung von Juden als Unterstützer des internationalen Kommunismus, gegen den sich wiederum die PiS und ihre Anhänger wenden. Auf diese Weise nimmt „Do rzeczy“ das Feindbild der żydokomuna in den Mainstream der polnischen Medien auf, womit der Antisemitismus im öffentlichen Raum legitimiert wird. Die Bildsprache der rechtskonservativen Presse ist Gegenstand des Beitrags von Magdalena Saryusz-Wolska. Darin analysiert sie die charakteristischen und wiederkehrenden Feind- und Kampfbilder, die den Rahmen des nationalistischen Geschichtsdiskurses bilden.

Die Tendenz, in massenwirksamen Aufbereitungen in das für die nationale Identität als kritisch erachtete polnisch-jüdische Thema regulierend einzugreifen, hat seit dem Regierungswechsel eine deutliche Verstärkung erfahren. Aus Umfragen der letzten Jahre geht hervor, dass nur zwei Prozent aller Polen die Vernichtung der Juden als wichtiges Ereignis der polnischen Geschichte betrachten.[59] Die Tatsache, dass der Holocaust nicht als Bestandteil der polnischen Vergangenheit und Identität wahrgenommen wird, erklärt, wieso politisch gesteuerte Exklusionsmechanismen, die sich auf polnische Verbrechen an den Juden im Zweiten Weltkrieg beziehen, die Akzeptanz der Mehrheitsgesellschaft finden. In jüngster Zeit sorgten zwei weitere Fälle für Aufmerksamkeit: die mediale Intervention im Falle des Filmes „Ida“ und die Kampagne gegen Jan Tomasz Gross. Als „Ida“, ein Film der am Rande von der Ermordung einer jüdischen Familie durch polnische Bauern erzählt, im Februar 2016 zum ersten Mal nach dem Regierungswechsel im polnischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, überließ der staatliche Sender TVP die Interpretation des Spielfilms nicht allein den Zuschauern selbst. Vielmehr nahm das Fernsehen eine wertende Rahmung vor, indem vor der Ausstrahlung distanzierende Kommentare von Krzysztof Kłopotowski (TVP Kultura), Piotr Gursztyn (TVP Historia) und Maciej Świrski ("Verein des guten Namens") gesendet wurden. Kłopotowski suggerierte, dass der Film eine ‚jüdische Perspektive‘ zeige, denn der Regisseur habe „jüdische Wurzeln“.[60] Danach wurden Texttafeln[61] eingeblendet, die auf die angebliche Verzerrung der historischen Wahrheit im Film hinwiesen, indem sie herausstellten, dass viele Juden während des Zweiten Weltkriegs von Polen gerettet worden waren.[62]

Auf einer anderen Ebene ist der staatliche Umgang mit dem Historiker und Soziologen Jan Tomasz Gross angesiedelt. Am 14. Januar 2016 wandte sich die Kanzlei des Präsidenten an das Außenministerium mit der Bitte um Stellungnahme zu der Frage, ob Gross ein ihm 1996 verliehener polnischer Verdienstorden wieder abzuerkennen sei.[63] Der Präsident reagierte damit auf eine Forderung, die der Präsident der Vereinigung „Verein des guten Namens“ an Staatspräsident Duda gerichtet hatte. In diesem Fall ging die geschichtspolitische Initiative also von unten aus und wurde von oben bereitwillig aufgegriffen und fortgeführt. Auf einen offenen Brief von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, in dem sich diese mit Gross solidarisieren,[64] reagierte Präsident Duda dagegen nicht. Seit Herbst 2015 findet eine Kampagne statt, in der die Anwendung rechtsstaatlicher Mittel im geschichtspolitischen Diskurs gefordert wird: Mit Verweis auf Gross‘ öffentliche Äußerungen über Polen hat die Warschauer Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen den Wissenschaftler eingeleitet, das sich auf § 133 des polnischen Strafgesetzbuches bezieht. § 133 Absatz 2 lautet: „Wer öffentlich die Nation oder die Polnische Republik beleidigt, unterliegt einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.“[65] Gross wurde am 13. April 2016 fünf Stunden von der Staatsanwaltschaft in Katowice vernommen – wegen eines im September 2015 in der Tageszeitung „Die Welt“ erschienenen Artikels, in dem er schreibt, Polen hätten während des Zweiten Weltkriegs mehr Juden umgebracht als deutsche Okkupanten. Er hat zudem die These aufgestellt, die Haltung der polnischen Gesellschaft zu den Flüchtlingen habe ihre Wurzeln in der nicht-aufgearbeiteten Haltung der Polen gegenüber den Juden während des Holocaust.[66]

Was sich in Maßnahmen wie diesen zeigt, ist der Wille zu einer offenen, juristischen Einflussnahme auf den historischen Diskurs. Diesen von oben zu regulieren, um das nationalistische Narrativ als einzigen legitimen Diskurs zu etablieren, ist das erklärte Ziel der neuen PiS-Geschichtspolitik. Indem die Regierungspartei auf diese Weise einen Alleinvertretungsanspruch auf die Festschreibung des gesellschaftlichen „Fundaments“ erhebt, verhält sie sich – folgt man dem Demokratieverständnis Chantal Mouffes – „antidemokratisch“. [67]


Fazit

Zentrale Institution für die polnische Geschichtspolitik soll in Zukunft offenbar das Institut für Nationales Gedenken (IPN) sein, das als Archiv, Forschungsinstitution und Bildungseinrichtung fungiert. Mit Inkrafttreten des neuen IPN-Gesetzes werden zum einen  die Kompetenzen des IPN deutlich ausgeweitet, indem es unter anderem die Aufgaben des bisherigen Gedenkstättenrates Rat zur Bewahrung des Gedenkens an Kampf und Martyrium (Rada Ochrony Pamięci Walk i Męczeństwa) übernimmt.[68] Zum anderen soll das Institut enger an die Weisungen der Regierung gebunden werden. Doch weit über die Personalentscheidungen hinaus wird der Spielraum des Instituts mit der Umgestaltung stark ausgedehnt: Das Institut soll laut den Autoren der Gesetzesnovellierung dazu dienen, Patriotismus zu stärken und zu diesem Zweck explizit solchen Publikationen „entgegenwirken“, die „unwahre“ historische Fakten verbreiten, welche die „polnische Republik und die Nation verleumden“.[69] Das IPN würde sich damit in eine „historische Polizei“[70], so die Befürchtung des Journalisten Adam Leszczyński, verwandeln.  

Das Gesetz zur Umgestaltung des IPN wurde am 31. Mai 2016 von Präsident Duda unterzeichnet. Einmal mehr macht diese Initiative deutlich, wie entschlossen die derzeitige Regierung vorgeht, um die von ihr präferierte nationalistische Sicht auf die Vergangenheit zu propagieren. Inwiefern ihr Versuch, diese zum dominierenden Narrativ zu machen, langfristig Erfolg haben wird, ist offen. Dass die Bestrebungen, die Deutungshoheit über die Geschichte zu monopolisieren, jedoch höchst problematisch sind, steht außer Zweifel. Entgegen der Mitte der 1990er geäußerten Vermutung der polnischen Literaturwissenschaftlerin Maria Janion, dass das Paradigma der polnischen Romantik seine Relevanz als Wertesystem zu verlieren beginne,[71] scheint dessen normative Kraft stärker denn je. Rückblickend hat die Vergangenheitsdeutung im Rahmen des polnischen Märtyrer- und Opfermythos seine Bedeutung – trotz (oder wegen?) der hitzigen Debatten um die Beteiligung der Polen am Holocaust, um Flucht, Vertreibung und vergeblichen Heroismus – nie verloren. Mit ihrer geschichtspolitischen Offensive greift die rechtskonservative Regierung bekannte Motive auf, die fest in der Geschichtskultur Polens verankert sind. Das ist nichts Neues.

Zu fragen ist jedoch, inwieweit die neue Instrumentalisierung der nationalistischen Deutung Einfluss auf eine freie Geschichtskultur und -wissenschaft hat. Inwiefern ist die Freiheit wissenschaftlicher Arbeit schon jetzt eingeschränkt? Dass Historikerinnen und Historiker im In- und Ausland durch ihre Tätigkeit als Vertreter antipolnischer Propaganda diffamiert werden, ist bereits Realität, wie das Beispiel von Jan Tomasz Gross zeigt. Auch, dass Archivdokumente gezielt zur Demontage politischer Gegner genutzt werden, hat sich in der Affäre um Lech Walęsas angebliche Spitzeltätigkeit deutlich gezeigt. Darüber hinaus erregt der staatlich verordnete Fokus auf das agonale, affirmative und märtyrologische Bild, das Geschichte vor allem entlang großer Heldenmythen erzählt, Sorgen hinsichtlich des historischen Fächerspektrums, das in Polen auf öffentliche Förderung angewiesen ist: Welche Perspektive haben alltags-, mentalitäts- oder geschlechterhistorische Ansätze, die ganz andere Sichtweisen auf Widerstand und Unterdrückung aufzeigen als politik- bzw. militärhistorische? Welche Perspektiven hat die Holocaustforschung? Wo wird in Zukunft diejenige Geschichte diskutiert und debattiert werden, die nicht der positiven Identitätsstiftung, sondern der kritischen Selbstreflexion und der Verhandlung unbequemer Fragen dient?

Warschau im Juni 2016




[1] Die Eröffnungsstatements aller Mitglieder sind unter dem folgenden Link abrufbar (in polnischer Sprache).
[2] Andrzej Duda inauguruje prace nad powstaniem Strategii Polskiej Polityki Historycznej. „Pytanie, jak to robić?“ [Przemówienie Prezydenta], in: "W Polityce", 17.11.2015.
[3]We wtorek spotkanie nt. Strategii polityki historycznej państwa“, 13.11.2015. [dt. Am Dienstag findet ein Treffen statt, bei dem über die historischen und politischen Strategien des Staates gesprochen wird.]
[4] Andrzej Duda inauguruje prace nad powstaniem Strategii Polskiej Polityki Historycznej. „Pytanie, jak to robić?“ [Przemówienie Prezydenta], in: "W Polityce", 17.11.2015.
[5] Inwieweit sich die Versuche der PiS-Regierung, einen autoritären Staat zu schaffen (so Andrzej Leder in dem Interview dieses Themenschwerpunkts), mit dem Begriff der Faschisierung oder gar des Faschismus erfassen lassen, ist umstritten. Vgl. dazu die Auseinandersetzung zwischen Joanna Tokarska-Bakir und Marek Beylin. Joanna Tokarska-Bakir, Rzeźnik na horyzoncie. Joanna Tokarska-Bakir o sekcie polskiej, in: "Gazeta Wyborcza", 16.04.2016; Joanna Tokarska-Bakir, Zawartość faszyzmu w faszyzmie, in: "Gazeta Wyborcza", 07.05.2016; Marek Beylin, PiS to nie faszyzm, in: "Gazeta Wyborcza", 30.04.2016; Marek Beylin, Co z tym PiS-em, in: "Gazeta Wyborcza", 14.05.2016.
[6] Für eine Analyse der konservativen Revolution in Polen vgl. die Beiträge, in: Osteuropa 66 (2016), S. 1-2.
[7] Ihm steht seit Januar 2016 der mit verschiedenen rechten Parteien verbundene Politiker Jacek Kurski vor.
[8] Siehe dazu auch Florian Peters, Patriotische Geschichtsschreibung im Staatsauftrag. Polens neue Rechtsregierung bricht mit der historischen Legitimation des Neuanfangs von 1989, in: Zeitgeschichte-online, Mai 2016.
[9] Zu der Frage, inwiefern sich dieses Bild der Vergangenheit auf kollektiven Narzissmus zurückführen lässt, vgl. das Interview mit Andrzej Leder in diesem Themenschwerpunkt.
[10] Maria Janion, Polen in Europa, in: dies., Die Polen und ihre Vampire. Studien zur Kritik kultureller Phantasmen, Berlin 2014, S. 85-121, hier: S. 113.
[11] Aus dem Global Value Survey von 2012 geht hervor, dass 71 Prozent der Polen die Bereitschaft bekundete, für ihr Land in den Krieg zu ziehen. Zum Vergleich: die Mehrheit der Befragten in Deutschland und Holland bekundete diese Bereitschaft nicht. Vgl. Polityka 12 (3051), 16.03.2016-22.03.2016.
[12] Marcin Zaremba/Robert Brier, Im nationalen Gewande: Strategien kommunistischer Herrschaftslegitimation in Polen 1944-1980 (Klio in Polen 14), übersetzt von Andreas R. Hoffmann, Osnabrück 2011.
[13] Zu Konzepten der Nation im ostmitteleuropäischen Dissens siehe: Gregor Feindt, Auf der Suche nach politischer Gemeinschaft: Oppositionelles Denken zur Nation im ostmitteleuropäischen Samizdat 1976-1992, Berlin 2015.
[14] Zitiert nach Maciej Stasiński, Prawo nie święte, nad prawem jest narod, in: "Gazeta Wyborcza", 26.11.2015. Vgl. auch Marta Bucholc/Maciej Komornik, Die PiS und das Recht. Verfassungskrise und polnische Rechtskultur, in: Osteuropa 66 (2016), S. 79-93.
[15] Michael Zok, Die Darstellung der Judenvernichtung im Film, Fernsehen und politischer Publizistik der Volksrepublik Polen 1968-1989 (= Studien zur Ostmitteleuropaforschung 34), Marburg 2015, S. 92.
[16] Ein sehr gutes Beispiel für das Andauern dieser Rhetorik sind die heftigen Diskussionen um die Darstellung der Judenvernichtung im Film „Ida“ von Paweł Pawlikowski, der 2014 den Oscar für den besten ausländischen Film erhielt. Mehr dazu in: Magdalena Saryusz-Wolska, Geschichtspolitik in Polen. Die Debatten um den preisgekrönten Film „Ida“ Paweł Pawlikowskis, in: Zeitgeschichte-online, November 2015.
[17] Aleksander Smolar, Władza i geografia pamięci, in: Piotr Kosieski (Hg.), Pamięc jako przedmiot władzy, Warszawa 2008, S. 49-74, hier: S. 49.
[18] Marek Cichocki, Polityka pamięci, in: "Rzeczpospolita", 11.06.2006, zitiert nach: Katrin Steffen, Ambivalenzen des affirmativen Patriotismus. Geschichtspolitik in Polen, in: Osteuropa 56 (2006), S. 219-233, hier: S. 219.
[19] Als Beispiel für diese Strategie analysiert Piotr Forecki den Semi-Dokumentarfilm „Historia Kowalskich“ (2009) und die TV-Serie „Sprawiedliwi“ (2010), in Zeitgeschichte-online.
[20] Siehe etwa das Plädoyer Bronisław Wildsteins während des Treffens am 17.11.2015. Vgl. Paweł Wroński,  Prezydent Duda bierze się za polityke historyczna, czyli skonczyc z tą pedagogiky wstydu, in: "Gazeta Wyborcza", 18.11.2015.
[21] Als unmittelbares Beispiel für diese Rhetorik kann die Eröffnungsrede während der Debatte des Nationalen Entwicklungsrates (Narodowa Rada Rozwoju, ein Beratungsgremium des Präsidenten) im Februar 2016 genannt werden. Andrzej Duda betonte: „Wir als Nation können auf etwas stolz sein, weil wir eine schöne und lange Geschichte haben“. Siehe auch: Narodowa Rada Rozwoju o polityce historycznej. Prezydent Duda: "Nie zbuduje się młodych pokoleń przywiązanych do swojej Ojczyzny, jeżeli nie będą dumni ze swojej tradycji, in: "w Polityce", 16.02.2016.
[22] Der Historiker Rafał Wnuk hat darauf hingewiesen, dass die „Verstoßenen Soldaten“ als homogene Gruppe nicht existieren. Das Einzige, was die als „Verstoßene Soldaten“ bezeichnete Personen verbinde, sei, dass sie sich entschieden hätten oder dazu gezwungen worden seien, bewaffneten Widerstand gegen die Einführung des Kommunismus in Polen zu leisten. Vgl. Wszystkie koszulki Kukiza. Rozmowa z prof. Rafałem Wnukiem, in: "Gazeta Wyborcza", 20.02.2016.
[23] Paweł Rokicki, Glinciszki i Dibinki. Zbrodnie wojenne na wileńszczyźnie w połowie 1944 roku i ich konsekwencje we współczesnych relacjach polsko-litweskich, Warszawa 2015, S. 213-221.
[24] Die ONR-Aktivisten verkündeten danach stolz, sie seien das erste Mal seit 1934 wieder offiziell in einer Schule empfangen worden. Łukasz Woźnicki/Milena Orłowska, ONR w najstarzsej szkole w kraju, in: "Gazeta Wyborcza", 18.03.2016.
[25] Vgl. auch die Einschätzung von Marcin Zaremba, Wyblakłe powstanie i chłopaki z lasu [rozmowa Jakuba Dymka], in: "Krytyka Polityczna", 01.03.2016.
[26] Vgl. außerdem: Gerhard Gnauck, Die verfemten Soldaten, in: "Neue Zürcher Zeitung", 28.05.2016.
[27] Jerzy Ślaski, Żołnierze wyklęci, Warszawa 1996.
[28] Zdzisław Krasnodębski, Demokracja peryferii, Danzig 2003, S. 264, zitiert nach Piotr Witek, Geschlossene und offene Geschichtspolitik. Die polnische Dimension des europäischen Ringens mit der Vergangenheit, in: "Historie. Jahrbuch des Zentrums für historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaft 3 (2009/2010)", S. 23-50, hier: S. 28.
[29] Robert Kostro/Tomasz Merta, Pamięć i odpowiedzialność, 2005, S. VIIf.
[30] Robert Kostro/Kazimierz Michał Ujazdowski, Odzyskać pamięć, in: Robert Kostro/Tomasz Merta: Pamięć i odpowiedzialność, S. 43-54, hier: S. 45.
[31] „Polityka historyczna to mówienie prawy o własnej historii“. Adam Leczczyński, MON zrobi naszą historię, in: "Gazeta Wyborcza", 18.03.2016.
[32] Witek, Geschlossene und offene Geschichtspolitik, S. 38f.
[33] Ewa Domańska, Historia niekonwencjonalna. Refleksja o przeszłości w nowej humanistyce, Poznań 2006.
[34] Sogar der Verteidigungsminister Antoni Macierewicz gab am 17. März 2016 das Engagement des Verteidigungsministeriums in diesem Bereich bekannt. Adam Leszczyński, MON Macierewicza zajmie się historią. "Przyszedł czas, aby mówić prawdę o wspaniałych czynach narodu polskiego”, in: "Gazeta Wyborcza", 18.03.2016.
[35] Piotr Witek, Geschlossene und offene Geschichtspolitik, S. 42.
[36] Polska dumna ze swojej historii! Sellin: "Nie może być wątpliwości, że Muzeum Historii Polski powstaje w duchu afirmacji polskiej tradycji narodowej", in: "W Polityce", 10.12.2015.
[37] Ebd.
[38] Misja i cele. Pomysł utworzenia placówki muzealnej przedstawiającej losy Polski w latach 1939–1945 na szerokim tle europejskim zaprezentował Prezes Rady Ministrów Donald Tusk w grudniu 2007 r. [dt. Mission und Ziele. Ein Entwurf zur Eröffnung einer musealen Einrichtung, in der die Schicksale Polens in den Jahren 1939-45 dargestellt werden, wurde durch Premierminister Donald Tusk, im Dezember 2007 vor europäischem Publikum präsentiert.]
[39] Katarzyna Miłkowska: Kontrowersje wokół Muzeum II Wojny światowej w Gdańsku.
[40] Ebd.
[41] Zu den Gründen vgl. das Interview mit Andrzej Leder.
[42] Mehr dazu in: Saryusz-Wolska, Geschichtspolitik in Polen, in: Zeitgeschichte-online, November 2015.
[43] Andrzej Duda inauguruje prace… Interessant ist dabei seine positive Haltung gegenüber dem Film an sich: Formal würdigte er ihn als Beispiel einer äußerst gelungenen Geschichtspolitik, die freilich von der gegnerischen Seite komme und den eigenen Ansichten zuwiderlaufe. Mehr zu den Diskussionen über den Film im Themenschwerpunkt „Polnische Reaktionen auf Unsere Mütter, unsere Väter“, in: Zeitgeschichte-online, Juli 2014.
[44] Der Antikommunismus nimmt zum Teil absurde Züge an. So kündigte der Chef des Instituts für Nationales Gedenken (IPN), Łukasz Kamiński an, er wolle die polnischen städtischen Selbstverwaltungen dazu überreden, die Denkmäler, die im öffentlichen Raum an die Befreiung durch die Rote Armee erinnern, zu entfernen, damit sie „nicht länger falsches Zeugnis der Geschichte ablegten“. In einem offenen Brief an Łukasz Kamiński erinnerte Jerzy Jedlicki den IPN-Chef daran, dass die Rote Armee das nationalsozialistische Deutschland zusammen mit Großbritannien und den USA militärisch besiegt habe und dass Nazi-Deutschland ohne die Offensive der Roten Armee den Zweiten Weltkrieg sehr wahrscheinlich gewonnen hätte und Polen dann bis heute eine „Sklavenprovinz des Hitlerreiches“ gewesen wäre. Jerzy Jedlicki, Przeciw narodowej niepamięci. List otwarty do szefa IPN, in: "Gazeta Wyborcza", 05.04.2016.
[45] Marta Bucholc/Maciej Komornik, Die PiS und das Recht, S. 88.
[46] Vgl. Z Heleną Datner rozmawia Poldek Sobel, in: "Plotkies" (62), 29.12.2014. Vgl. auch: Jankiel, Chasydzi i Tuwim. O Muzeum Historii Żydów Polskich z Heleną Datner rozmawia Piotr Paziński, in: "Midrasz" 183 (2015), S. 5-10; Helena Datner, Żydowski punkt widzenia. Pyta Kacha Szaniawska, in: Dziennik Opinii Krytyka Polityczna, 30.05.2015. Für eine ausführliche kritische Analyse der Dauerausstellung vgl. Elżbieta Janicka, The Embassy of Poland in Poland. The Polin myth in the Museum of the History of Polish Jews (MHPJ) as narrative pattern and model of minority-majority relations (aus dem Polnischen übersetzt von Katrin Stoll und Jakub Ozimek), im Erscheinen.
[47] Zderzenie cywilizacji. Z Elżbietą Janicką rozmawia Michał Siermiński. [dt. Zivilisationszusammenstoß. Mit Elzbieta Janicka spricht Michael Siermiński.]
[48] Ebd. Tomasz Żukowski schreibt dazu: „Das Motiv der Gerechten taucht zusammen mit Ausbrüchen oder der Wiederbelebung des Antisemitismus auf. […] Das Sprechen über die Rettung der Juden, verbunden mit der Anschuldigung an sie, die „Schmähung Polens” zu betreiben, hat den Krieg überlebt und ist bis heute nicht delegitimiert. […] Die Erzählung über die Gerechten bedeutet die Aufnahme der Juden in die polnische Gemeinschaft allein zu dem Zweck, sie sofort auszuschließen.“ Tomasz Żukowski, Sprawiedliwi – sposób dyskryminacji Żydów?, in: "Przekrój", 08.10.2012, S. 20-22.
[49] Jan Grabowski, Hunt for the Jews. Betrayal and Murder in German-occupied Poland, Bloomington 2013; Barbara Engelking, Jest taki piękny słoneczny dzień. Losy Żydów szukujących ratunku na wsi polskiej 1942-1945, Warszawa 2011.
[50] Elżbieta Janicka, The Square of Polish Innocence: POLIN of the History of Polish Jews in Warsaw and its Symbolic Topography, in: East European Jewish Affairs 45 (2015), S. 200-2014 (aus dem Polnischen übersetzt von Katrin Stoll).
[51] Henryk Grynberg, Obsesyjny temat, in: ders., Prawda nieartystyczna, Berlin 1984, S. 133-144, hier: S. 143.
[52] “[…] Entgegen dem, was oft geschrieben wird, gab es keine passiven Zuschauer des Holocaust. Es gab diese Möglichkeit nicht. Wer schaute, nahm teil, erklärte sich – und sei es nur durch einen Blick.” Henryk Grynberg, Holocaust jako nowe doświadczenie literackie, in: Tomasz Majewski/Anna Zeidler-Janiszewksa (Hg.), Pamięć Shoah. Kulturowe reprezentacje i praktyki upamiętnienia, Łódź 2011, S. 785-796, hier: S. 787.
[53] Jan Tomasz Gross, Sprawcy, ofiary, i inny, in: "Zagłada Żydów" 10 (2014), S. 885-888, hier: S. 886.
[54] Dies geht aus zahlreichen jüdischen Zeugnissen hervor. Für einen Überblick vgl. Feliks Tych, Długi cień Zagłady. Szkice historyczne, Warszawa 1999.
[55] Die Folge sind „Rituale des Nichtwissens“ und die Weigerung, die verstörende Realität des Holocaust zur Kenntnis zu nehmen und mit der Gegenwart in Beziehung zu setzen. Am 9. Mai 2016 fand unter Beteiligung von Jan Gross und Elżbieta Janicka eine öffentliche Debatte in Warschau statt, in der die gesellschaftlichen Mechanismen und Charakteristika der „Rituale des Nichtwissens“ analysiert wurden. Laut Andrzej Leder ist die polnische Gesellschaft in Sachen Aufarbeitung der eigenen Beteiligung am Holocaust und des Holocaust-Bewusstseins tief gespalten. Vgl. das Interview mit Andrzej Leder in dieser Ausgabe.
[56] Bartłomiej Kuraś, Ministerstwo organizuje wakacje z "wyklętymi" dla dzieci rolników. Na wyraźne życzenie prezesa Kaczyńskiego, in: "Gazeta Wyborcza", 20.05.2016; Ders.: Żydach w Krościenku, in: "Gazeta Wyborcza", 28.05.2016. Zum Antisemitismus der Untergrundorganisation "Wolność i Niezawisłość", die im Herbst 1945 gegründet wurde, vgl. Joanna Tokarska-Bakir, Pogrom jako akt kontroli społecznej. Springfield 1908 - Polska 1945-46, unveröffentlichtes Manuskript. Privatarchiv Katrin Stoll.
[57] Agnieszka Pufelska, Die „Judäo-Kommune. Ein Feindbild in Polen; das polnische Selbstverständnis im Schatten des Antisemitismus 1939 - 1948, Paderborn 2007.
[58] "Tygodnik Do Rzeczy", Ausgabe 21/2016 (172), Żydokomuna czy chamokomuna.
[59] Die letzte Umfrage dazu wurde am 28.04.2016 veröffentlicht. Vgl. Interesse an und Kenntnis von der Geschichte, Fragmente in deutscher Übersetzung sind hier abgedruckt, S. 15.
[60] Tadeusz Sobolewski, „Nie można robić karthasis wbrew narodowi!”, in: "Gazeta Wyborcza", 27.-28.02.2016.
[61] Dies hatten konservative Kreise bereits für die Kinoausstrahlungen Ende 2014 gefordert. Siehe: Saryusz-Wolska, Geschichtspolitik in Polen, in: Zeitgeschichte-online, November 2015.
[62] "Ida" w TVP z dodatkowym komentarzem. "Więcej było sporu niż wdzięczności", 26.02.2016.
[63] Adam Leszczyński, PiS kole order Grossa, in: "Gazeta Wyborcza", 10.02.2016.
[64] Vgl. Liste von Gelehrten List uczonych w obronie Prof. Grossa, in: "Gazeta Wyborcza", 12.02.2016.
[65] Kto publicznie znieważa Naród lub Rzeczpospolitą Polską, podlega karze pozbawienia wolności do lat 3. Kodeks karny, art. 135, § 2. [dt. Wer die Nation oder die polnische Republik beleidigt wird mit einer Haftstrafe von bis zu 3 Jahren nach Strafgesetzbuch Art. 135, § 2 bestraft.]
[66] Prokuratura przesłuchała Jana Tomasza Grossa z powodu artykułu o Polakach zabijających Żydów podczas wojny, 14.04.2016, vgl. auch Czy Gross obraził naród polski, "Gazeta Wyborcza", 15.04.2016.
[67] Chantal Mouffe schreibt: „[W]e can begin to understand that for democracy to exist, no social agent should be able to claim any mastery of the foundation of society.“ Chantal Mouffe, The Democratic Paradox, New York 2000, S. 21.
[68] Zmiany w IPN już pewne! Prezydent Duda podpisał odpowiednią ustawę. [dt. Es gibt einige Änderungen des IPN. Der Präsident Duda unterzeichnete das entsprechende Gesetz.]
[69] Prof. Andrzej Friszke, Nadchodzi IPN Szmaciaków, in: "Gazeta Wyborcza", 04.04.2016.
[70] Adam Leszczyński, Nowy IPN - Ministerstwo prawdy i policja historyczna, in: "Gazeta Wyborcza", 25.03.2016.
[71] Maria Janion, Zmierzch paradygmatu, in: dies., Czy będziesz wiedział, co przeżyłeś?, Warszawa 1996. Zur Bedeutung des „romantischen Paradigmas” in der polnischen Kultur nach 1989 vgl. Bogusław Bakuła, Die Last der Freiheit. Polnische Kultur 1989-1999, in: Osteuropa 59 (2009), S. 37-51, hier: S. 44-45.