Die Heroisierung des Hermann Göring

Der Spielfilm "Nürnberg" von James Vanderbilt

Ein Freund sagte nach dem Schauen des Films "Nürnberg" von Regisseur James Vanderbilt sehr treffend: „Eigentlich könnte der Film auch 'Göring' heißen. Vanderbilt, so ist es in Filmbesprechungen zu "Nürnberg" zu lesen, wagte sich mit seinem Film an ein Topos, an dem sich schon viele versucht haben: das Böse des Nationalsozialismus zu verstehen. Leider ist Vanderbilt gescheitert und hat, sicherlich unbeabsichtigt, eine posthume Heroisierung des "Reichsmarschalls" Hermann Göring vorgenommen. Um den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1945/46 geht es, anders als der Titel suggeriert, nur am Rande.

Das Faszinosum des nationalsozialistischen Bösen

Bezeichnenderweise beginnt der Film mit der Festnahme Hermann Görings durch US-amerikanische GIs. Dem Publikum wird deutlich gemacht, um wen es in den nächsten zweieinhalb Stunden hauptsächlich gehen soll: das böse Genie Göring, den "Reichsmarschall" und zweiten Mann im untergegangenen NS-Staat. Portraitiert wird Göring durch die Gespräche mit dem herbeigeholten US-amerikanischen Psychiater Douglas M. Kelley. Dieser hat die Aufgabe, die Verhandlungsfähigkeit der Angeklagten zu analysieren. Kelleys persönlicher Antrieb speist sich daraus, dass Böse im Menschen verstehen zu wollen – am Beispiel der Elite des NS-Staates. Tatsächlich passiert es Kelley, dass er sich vom Charme und der Demagogie Görings einwickeln lässt und eine Vertrautheit aufbaut, die ihn sogar zum Boten für Nachrichten an Görings Familie werden lässt. Der Schockmoment im Gerichtssaal bei der Betrachtung des Films aus den Konzentrationslagern führt zu einer Kränkung bei Kelley, die der einer gebrochenen Freundschaft gleicht.

Regisseur Vanderbilt ist an der Verfilmung dieser eigentümlichen Beziehung gelegen. Dabei verkennt er, dass die historische Figur des Kriegsverbrechers Göring dadurch eine filmische Heroisierung erfährt. Das Publikum wird über lange Strecken des Films Zeuge der Intelligenz und demagogischen Gewieftheit Görings. Der rührselige Kelley, der dem nichts entgegnet, lässt Göring gewähren. Der „Held“ Göring erhält noch einmal eine letzte große Bühne. Andere internierte Kriegsverbrecher wie Rudolf Heß, Julius Streicher oder Robert Ley werden als Karikaturen vollkommen überzeichnet. Interessante Nazi-Größen des Prozesses wie Hitlers Lieblingsarchitekt Albert Speer oder sein Chefideologe Alfred Rosenberg, deren Rollen in Nürnberg eine differenzierende Betrachtung ermöglichen, tauchen im Film gar nicht auf. Durch diese Zuspitzung auf die Person Görings wird der Nürnberger Prozess nur zu einer Fassade für die Thematisierung der Beziehung zwischen Göring und Kelley.

Die Nürnberger Prozesse – die Wiege des Völkerstrafrechts

Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg war rechtshistorisch eine Zäsur. Die internationale Anklage eines Regimes wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder gegen den Frieden war der Versuch der verbrecherischen Monstrosität des Holocausts juristisch gerecht zu werden. Der Prozess gilt daher als Wiege des modernen Völkerstrafrechts und der Justiziabilität von Genoziden.  Der Film versucht diese Geschichte als zweiten Erzählstrang aufzunehmen. Einer historischen Beispiellosigkeit ist inhärent, dass es Pionierarbeit bedarf, um ein Exempel zu statuieren. Abgebildet wird diese schwierige Aufgabe in der Figur des US-amerikanischen Chefanklägers Robert H. Jackson. Leider wird der Prozess der alliierten Anklage, der bereits seit 1941 in der Diskussion um den Umgang mit Nazi-Deutschland war, ausgeblendet. Es war von den Alliierten auch diskutiert worden, die Nazi-Verbrecher ohne Anklage zu erschießen. Ein Glück für die Nachwelt, dass sie das Recht über die Rache stellten.

Der Erzählstrang setzt unvermittelt ein und weckt sofort Zweifel an einer solchen Anklage und der Notwendigkeit des Erfolgs. Es mag der filmischen Dramaturgie zuträglich sein, dass der Druck des Gewinnenmüssens thematisiert wird, doch die Genese dieser Anklage aus dem Krieg selbst heraus wird dabei unterschlagen. Dabei ignoriert die Erzählung auch die Ankläger aus der Sowjetunion. Diese werden filmisch gar nicht miteinbezogen, obwohl es faktisch eine alliierte Gemeinschaftsaufgabe war.

Douglas M. Kelley oder Gustave M. Gilbert?

Im Jahr 2013 veröffentlichte der Journalist Jack El-Hai die Story des Psychiaters Douglas M. Kelley über dessen Zeit in Nürnberg. Vanderbilt war offenbar daran gelegen diese Geschichte zu verfilmen. Der historisch wichtigere österreichisch-jüdische Psychiater Gustave M. Gilbert bekommt nur eine marginale Rolle, obwohl er fortan der führende Experte für die psychologische Betrachtung des NS-Systems werden sollte. Gilbert kam der angeklagten Nazi-Elite ebenfalls sehr nah, doch bewahrte er sich die professionelle Distanz im Sinne des Prozesses. Die Beweggründe Vanderbilts die Figur des Douglas Kelley auszuwählen können nur gemutmaßt werden: Seine problematische Nähe zu Göring, seine Abreise vor Prozessende und die Umstände seines Suizides mittels Zyankali im Jahr 1958 schienen dem Regisseur dramaturgisch wertvoller als die Abbildung der Professionalität Gilberts. Der Topos das Böse verstehen zu wollen, hätte auch mit der historischen Figur Gilbert bestens funktioniert, zumal dieser als überlebender Jude eine interessante, wenn nicht gar gewinnbringendere, filmische Dramaturgie ermöglicht hätte.

Eine vertane Chance

Im November 2025 veröffentlichte der ARD in seiner Podcastreihe "Alles Geschichte" eine vierteilige Serie zu dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess.[1] In einer dichten Erzählung wird das Ereignis vor 80 Jahren differenziert betrachtet. An eine filmische Umsetzung kann ebenso der Anspruch gestellt werden, eine vielschichtige Geschichte der Nürnberger Prozesse zu erzählen. Leider verpasst Vanderbilt die Chance einen Film zu kreieren, der der Dimension der Prozesse gerecht wird. Die Szene des Show-Downs im Gerichtssaal zwischen Chefankläger Robert Jackson und Göring im Zeugenstand macht es deutlich:  Der Film möchte lieber den gewieften Schurken Göring präsentieren, statt eine erkenntnisbringende filmische Verarbeitung eines der wichtigsten Kriegsprozesse anzubieten. Wenn sie sich dafür interessieren, was damals in Nürnberg warum, wie und mit welchen nachhaltigen Folgen passierte, nutzen sie lieber andere Medien oder die musealen Angebote der Stadt. „Nürnberg“ wird ihnen dazu keine Antworten liefern.

Filmcredits:

Nürnberg, Regie: James Vanderbilt, USA, 2025

[1] Die erste Episode finden Sie hier (abgerufen am 12.05.2026)

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Zitation

Tobias Rischk, Die Heroisierung des Hermann Göring Der Spielfilm "Nürnberg" von James Vanderbilt. Der Spielfilm "Nürnberg" von James Vanderbilt, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/die-heroisierung-des-hermann-goering-der-spielfilm-nuernberg-von-james-vanderbilt