Der preisgekrönte Dokumentarfilm FASSADEN der Regisseurin Alina Cyranek verhandelt das Thema partnerschaftliche Gewalt an Frauen. Mithilfe verschiedener Elemente wie Performance, Interviews und Einblendungen der titelgebenden Häuserfassaden, deren Geheimnisse sich einer oberflächlichen Betrachtung entziehen, eröffnet der Film einen neuen Zugang zu diesem sensiblen Thema. Statt eine klassische Einzelfall-Erzählung zu präsentieren, verwebt die Regisseurin die wahren Geschichten von vier von Gewalt betroffenen Frauen zu einer Gesamtgeschichte. Zu ihrem persönlichen Schutz und, um individuelle Zuschreibungen zu verhindern, treten die Frauen in der Dokumentation selbst nicht auf. Die Geschichte liegt als Voice-Over, gesprochen von Sandra Hüller, über der Performance der beiden Tänzer*innen (Gesa Volland und Damian Gmür) und den eingeblendeten Häuserszenen. Häuserfassaden mit Vorstadtcharakter, schöne Altbauwohnungen, ein schlichter Wohnungskomplex oder von Häusern mit Seelage – sie alle verweisen auf eine Gewalt, die überall um uns herum stattfindet. Jede vierte Frau erlebt mindestens einmal in ihrem Leben partnerschaftliche Gewalt, und dennoch bleibt das Thema weiterhin ein Tabu in der Gesellschaft.
Hinter den Fassaden
Als der Film beginnt, bleibt das Bild lange Zeit schwarz. Langsam baut sich die Musik (Freya Arde) auf. Die erste Szene zeigt zwei Körper unter einem weißen Tuch. Nah beieinander und eng umschlungen – durch das Tuch wirkt es fast, als wäre dort nur ein einziger Körper zu sehen. Mit Einsetzen der Erzählung nehmen die Bewegungen zu. Ein voneinander weg und zueinander hin. Bald verrutscht das Tuch, die beiden Körper sind immer deutlicher zu erkennen. Die Silhouette eines Mannes und ein weiterer, weiblich gelesener Körper werden sichtbar – der zweite Körper fest umschlungen von dem Tuch und dem Mann. Währenddessen beginnt die Geschichte: Die Sprecherin Sandra Hüller erzählt aus einer Ich-Perspektive, vom romantischen Kennenlernen und der Entstehung der Beziehung. Aus überschwänglichen Liebesbekundungen, einem schnellen Zusammenziehen und dem folgenden Hausbau entwickelt sich allmählich eine von Kontrolle und Manipulation geprägte Dynamik. Die nächste Szene zeigt die Häuser am See. Es ist ein ruhiges Bild, zu hören sind Vogelgezwitscher und Wasserplätschern. Dann wird die Erzählung fortgesetzt: die Kontrolle wird immer stärker, die Frau distanziert sich zunehmend von ihrem Umfeld und verliert sich langsam selbst. Mit dem nächsten Szenenwechsel – zurück zu den beiden Körpern, das Tuch ist verschwunden – verändert sich die gesamte Atmosphäre des Films. Das Ruhige weicht einer ansteigenden Spannung. Die Musik wie auch die Bewegungen nehmen an Intensität zu, während sich die Gewaltspirale immer weiterdreht. Die Fassade beginnt zu bröckeln. Zu Lovebombing, Kontrolle, Isolation und Manipulationen – Formen psychischer Gewalt – reihen sich die ersten physischen Angriffe, die mit der Zeit immer brutaler werden. Die Gewalt wird nicht nur in der Erzählung wiedergegeben, sie spiegelt sich auch in der Performance und der Musik wider. Während die Erzählung ruhig bleibt, ringen die beiden Tänzer*innen zunehmend intensiver miteinander – Bilder, die zum Teil schwer auszuhalten sind. Folgend wird das erste Interview eingeblendet. Auf den schwarzen Raum, in dem die Performance stattfindet, folgt ein ganz in Weiß gehaltener Raum, mit einem weißen Stuhl, auf den sich ein Polizist setzt. Er berichtet von seinen beruflichen Erfahrungen mit häuslicher Gewalt an Frauen. Dass ein Polizist und keine Polizistin befragt wird, lässt sich in der Erzählung wiederfinden: Es können nicht alle Hämatome aufgenommen werden, denn unter den gerufenen Polizisten befindet sich keine Frau.
Unabhängig von der Dokumentation, ist es für betroffene Frauen oft schwierig, bei Einsätzen oder innerhalb der Dienststellen fast ausschließlich männlichen Polizisten gegenüberzutreten.
Und so setzt der Film seine Erzählung weiter fort: Performance, Szenen von Häusern, Interviews. Eine Fachärztin der Rechtsmedizin, zwei Sozialarbeiterinnen, eine Psychologin und eine Rechtsanwältin erzählen von ihren beruflichen Erfahrungen mit partnerschaftlicher Gewalt. Die Wut und das Unverständnis über die Politik sowie das Wegsehen von Nachbar*innen, Verwandten, Kolleg*innen und Freund*innen ist groß. Es wird klar, dass häusliche Gewalt, partnerschaftliche Gewalt etwas Unangenehmes ist, unangenehm mitanzusehen, unangenehm mitanzuhören – à la „Wir wollen da nicht mit reingezogen werden“ oder „Bestimmt hat sie ihn provoziert“.
Betroffene von häuslicher Gewalt benötigen im Schnitt etwa sieben Jahre, um sich aus einer gewaltvollen Beziehung zu lösen. Nicht selten kehren sie auch mindestens einmal zu ihrem Täter zurück. Besonders erschreckend ist die Erkenntnis, dass es wirklich überall und jeder passieren kann. Unabhängig von Alter und sozialem Stand, Beruf oder dem kulturellen Hintergrund, sind Frauen von häuslicher Gewalt betroffen. Nachdenklich macht insbesondere der Hinweis der Fachärztin, dass selbst Sozialarbeiterinnen, die sich spezifisch mit dem Thema „Häusliche Gewalt“ beschäftigen, lange in Gewaltbeziehungen verbleiben. Dadurch wird deutlich, wie tief psychologische und emotionale Abhängigkeitsmechanismen in solchen Beziehungen verwurzelt sind.
It wasn’t „the others“ who had this problem
Die ersten Filme über partnerschaftliche Gewalt an Frauen entstanden in Deutschland im Kontext der Frauenhausbewegung der 1970er Jahre. Es handelte sich dabei um feministische Filmproduktionen: Kurzfilme, Dokumentationen, Spielfilme. Ihr Ziel war es, partnerschaftliche Gewalt an Frauen – insbesondere in der Ehe – zu politisieren und das Thema in die breite Gesellschaft zu tragen.[1] Im April 1976 wurde im ARD Sarah Haffners Dokumentation Schreien nützt nichts – Brutalität in der Ehe ausgestrahlt. Die Künstlerin war im Zuge ihrer Recherche auf über 400 Fälle „häuslicher Gewalt“ aufmerksam geworden – ein Begriff, der in Deutschland bis dahin noch nicht etabliert war; man sprach stattdessen von „geschlagenen Frauen“.[2]
Einige Monate nach Ausstrahlung der Dokumentation gelang es einer Frauenhaus-Initiative, an der auch Haffner beteiligt war, nach zweijährigem Engagement das erste Frauenhaus in West-Berlin zu eröffnen. Die Finanzierung wurde erst nach zunehmendem öffentlichen Druck durch die Medien und der bevorstehenden Bundestagswahl genehmigt. Nach nur wenigen Tagen waren die 80 Plätze, die das Haus anbieten konnte, bereits belegt.
Ebenfalls an Haffners Filmprojekt beteiligt war die Schweizer Filmregisseurin Cristina Perincioli. Nach einem Aufenthalt bei der Frauenhausbewegung in England, bei dem sie Betroffene interviewt hatte, führte sie ihre Recherchen in West-Berlin fort. Auf der Suche nach gewaltbetroffenen Frauen wurde sie zu ihrer Überraschung in ihrem eigenen Umfeld im Frauen-Zentrum fündig:
I was quite astonished when women from the women’s center groups spoke up to say they were personally affected, women I thought I knew, women I had worked with! It wasn’t “the others” who had this problem, it was right there among us![3]
Zwei Jahre nach Gründung des Frauenhauses strahlte das ZDF Perinciolis Dokudrama Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen aus. Die Produktion war in Zusammenarbeit mit Frauen aus dem neugegründeten Frauenhaus entstanden. Statt professionelle Schauspielerinnen zu casten, standen die Betroffenen selbst vor der Kamera.[4] Diese und viele weitere Produktionen forderten die Gesellschaft und Politik auf, Gewalt an Frauen in der Ehe nicht weiter als etwas Persönliches, sondern als ein öffentliches und gesamtgesellschaftliches Problem zu verstehen.
Erst 1997, zwanzig Jahre nach Erscheinen Sarah Haffners Dokumentation, wurde die Vergewaltigung in der Ehe strafrechtlich mit der außerehelichen Vergewaltigung gleichgestellt. Knapp zwanzig Jahre später tritt 2014 in Deutschland die Istanbul-Konvention in Kraft, die bis heute unzureichend umgesetzt wird. All dies verdeutlicht, wie schwerfällig der Prozess voranschreitet und wie aktuell das Thema bleibt – auch fünfzig Jahre nach den ersten Filmproduktionen über häusliche Gewalt an Frauen.
Für mehr Empathie
Alina Cyraneks Film Fassaden ist kein entspannendes Entertainment für den Feierabend. Die Regisseurin gibt genau denjenigen eine Stimme, die noch immer nicht gehört werden: Gewaltbetroffenen Frauen und denen, die sie in ihrem Leben auffangen und begleiten. Gleichzeitig zeigt Cyranek ihr cineastisches Gespür: Sie balanciert kunstvoll zwischen emotional berührenden Momenten und sachlich informierenden Szenen. Der Film beweist, dass es keiner brutalen Gewaltszenen bedarf, um Empathie für die Frauen zu empfinden.
Der Film läuft seit dem 12. Februar 2026 im Kino. Termine finden sich hier.
Filmcredits:
Fassaden, Regie: Alina Cyranek.
Erzählung: Sandra Hüller.
Deutschland 2025, Laufzeit: 87 Min.
Sprache: Deutsch, mit englischen Unteriteln.
Produktion: hug films.
[1] Sophie Holzberger, „Ich habe nichts zu verlieren“: Filme aus den Frauenhäusern, in: Reperages. Texte zum frühen feministischen Film der Schweiz, 01/2025, (letzter Zugriff: 10.02.2025).
[2] FrauenMediaTurm, „Frauenhäuser: Zuflucht für bedrohte Frauen und Kinder“, online verfügbar: FrauenMediaTurm - Feministisches Archiv und Bibliothek (letzter Zugriff: 11.02.2026).; Cristina Perincioli, Berlin goes feminist, Kapitel: Women Against Violence (1974-76), Unterkapitel: The first women’s shelter, (letzter Zugriff: 12.02.2025).
[3] Cristina Perincioli, Berlin goes feminist, Kapitel: Women Against Violence (1974-76), Unterkapitel: The first women’s shelter, (letzter Zugriff: 12.02.2025).
[4] Sophie Holzberger, „Ich habe nichts zu verlieren“: Filme aus den Frauenhäusern, in: Reperages. Texte zum frühen feministischen Film der Schweiz, 01/2025, (letzter Zugriff: 10.02.2025).
Zitation
Sophie Stegemann, FASSADEN - Partnerschaftliche Gewalt ist keine Privatsache. Partnerschaftliche Gewalt ist keine Privatsache, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/fassaden-partnerschaftliche-gewalt-ist-keine-privatsache