Im Sommer 2025 mobilisierte eine Vielzahl junger rechter Gruppen, darunter die Jungen Nationalisten, Jung und Stark und Deutsche Jugend Voran, gegen Christopher Street Days (CSD) im gesamten Bundesgebiet, mindestens 70 CSDs wurden gestört.i Auf den Bannern der Rechten prangten homosexuellen- und queerfeindliche Parolen wie „Nein zum CSD! Unsere Stadt bleibt Hetero!“.ii
Das Verhältnis der radikalen Rechten zu Homosexualität ist aktuell wie historisch vornehmlich durch Diskriminierung und Verfolgung geprägt. Doch nicht nur, es finden sich Ambivalenzen, was sich auch an Figuren wie der Co-Vorsitzenden der AfD Alice Weidel zeigt, deren Lebensentwurf als lesbische Mutter von ihrer eigenen Partei, der AfD, eigentlich abgelehnt wird.iii
Auch in der Geschichte gab es immer wieder Momente, in denen die Rechte intensiv über ihr Verhältnis zu männlicher Homosexualität und damit über Männlichkeit an sich diskutierte - weibliche Homosexualität blieb dabei oft außen vor. So wurde Ernst Röhms Homosexualität bis zu seiner Ermordung 1934 geduldet, solange Röhm nützlich für den Aufstieg des Nationalsozialismus war. An die Ermordung schloss sich eine Verfolgungswelle an, der weibliche wie männliche Homosexuelle sowie andere queere Menschen zum Opfer fielen.
Auch im bundesdeutschen Neonazismus der 1980er-Jahre kam es zu Kontroversen darüber, ob Homosexualität als Privatsache zu gelten habe oder mit der eigenen Ideologie unvereinbar sei. Dieser Auseinandersetzung war der Fememord an Johannes Bügner durch Hamburger Mitglieder der Aktionsfront Nationaler Sozialisten im Jahr 1981 vorangegangen. Der homosexuelle rechte Aktivist Bügner wurde als Verräter mit 22 Messerstichen hingerichtet.
In diesen innerrechten Debatten taucht in Deutschland immer wieder ein Name auf: Hans Blüher. Röhm las aufmerksam die Schriften des 1888 geborenen Schriftstellers und Michael Kühnen, einer der bekanntesten Anführer der Neonaziszene der 1980er Jahre, griff Blühers Thesen in Folge des Mordes an Bügner auf: In seinen Schriften stellte Kühnen Homosexualität nicht nur als akzeptabel dar, sondern konstatierte einen erheblichen Nutzen für die rechte Bewegung.iv
Ein ähnliches Spannungsfeld zeigte sich in den 2000er-Jahren auch in der neurechten Zeitschrift Sezession. Hans Blüher tauchte erneut als polarisierender Stichwortgeber auf. Dieser Beitrag will der Rezeption und der Bedeutung Blühers für die Debatten um Homosexualität und Männlichkeit in der Neuen Rechten nachgehen. Dabei wird auch die Rolle des Antisemitismus betrachtet, wobei zunächst in die Ideen Blühers eingeführt wird.
Blühers Vorstellungen vom Männerbund
Hans Blüher prägte mit seinen Theorien den Diskurs um Homosexualität in der Jugendbewegung im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Er wurde bekannt als Chronist des Wandervogel, einer einflussreichen, politisch schillernden Gruppe jener Zeit. Im Jahr 1912 erschienen die drei Teile von Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Darin umreißt Blüher erstmals seine Theorie des Männerbundes als Gruppe von Männern, die homoerotisch miteinander verbunden sind.
In den zwei Teilen von Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft, die 1917 und 1919 erschienen, baute er diese Theorie weiter aus und löste sie vom Beispiel der Jugendbewegung. Der Männerbund sei, so die zentrale These, die Grundlage des Staates – nicht die Familie, die lediglich zur Fortpflanzung notwendig sei. Jeder Männerbund sei aufgebaut aus mehreren männlichen Gesellschaften, in deren Kern jeweils der sogenannte Männerheld stehe. Dieser sei ein vollinvertierterv, also homosexueller Mann, der erotische Verbindungen zu den Männern der männlichen Gesellschaft eingehe. Der Männerheld habe zu einigen Mitgliedern der männlichen Gesellschaft sexuelle Beziehungen, zu den meisten aber nur eine sublimierte erotische Verbindung. Für Blüher sind Sexualität und Körper dabei voneinander getrennte Bereiche, ihre Männlichkeit müssten die erotisch miteinander verbundenen Männer daher nicht einbüßen. Die Gendergrenzen zog Blüher strikt, „Verweiblichung“ lehnte er vehement ab, in der Wandervogelchronik stellte er sie als etwas Jüdisches dar. Sublimiertevi Homosexualität sei in Form des Männerbundes nützlich, da dieser Grundlage des Staates sei. Indem Blüher der Inversion einen gesellschaftlichen Nutzen und breiten Teilen der männlichen Bevölkerung einen (wenn auch noch so kleinen) Grad an Inversion zuschrieb, fügte er einen „homosexuellen Anteil in den Kern dessen ein[], was unter normaler Männlichkeit verstanden wurde.“vii. Blüher entwickelte so seine Theorie des Männerbunds zu einer allgemeinen „Sexualtheorie der Gesellschaft“.viii Frauen und Schwarzen bleibe diese Form idealisierter Sublimierung hingegen verwehrt. Sie seien zu „triebhaft“: Schwarze Männer seien „hypermaskulin“, Frauen fehle vor allem der (nicht nur bei Blüher) männlich konnotierte Logos. Auch die Existenz von vollinvertierten, also homosexuellen Frauen, bestreitet Blüher. Frauen, Schwarze, Juden und Jüdinnen seien so nicht in der Lage, Männerbünde (oder Frauenbünde) zu bilden und könnten somit wenig zur Kultur beitragen.
Antisemitismus wird in der Weimarer Republik mit Schriften wie Secessio judaica (1922) und Die Erhebung Israels gegen die christlichen Güter (1931) zu einem der Hauptthemen Blühers. In diesen Schriften fordert er die Deutschen dazu auf, sich gegen Juden und ihre „korruptiven Gedankengänge“, die er exemplarisch in Marxismus oder Psychoanalyse verortet, zu „erheben“ und Juden und Jüdinnen aus Deutschland zu vertreiben. Unterließen sie es, würden die Juden Deutschland zerstören. Dabei wollte Blüher seinen Antisemitismus stets als „geistig“ verstanden wissen. Die von ihm in Abgrenzung zum Vulgärantisemitismus genannte Form kritisierte er, weil dieser die Juden und Jüdinnen unterschätze: Entweder würden ihnen nur materielle Ziele unterstellt oder es würde nur die „Rasse“ in den Blick genommen. Blühers „geistiger“ Antisemitismus verbindet dagegen rassistischen Antisemitismus und christlichen Antijudaismus.
Homosexualität und Blüher in der Sezession
In der bundesdeutschen (Neuen) Rechten ist eine Rezeption Blühers verbreitet, die seine Männerbundtheorie eher als Staatstheorie begreift und die homosexuellen Anteile der Theorie marginalisiertix. In der Sezession jedoch ist dies anders. Dort gehören Blühers Männerbund und Homosexualität untrennbar zusammen. Im Zeitraum von 2009 bis 2015 fanden die Ideen Blühers dort besondere Beachtung. Wenn er auch keineswegs das Ansehen oder die Relevanz von Ikonen wie Ernst Jünger besitzt, so gehört Blüher offenbar zum Kanon der (Neuen) Rechten.
Zu den Autoren, die sich mit Hans Blüher in der Sezession befassten, gehören der unter dem Pseudonym Martin Lichtmesz schreibende Martin Semlitsch, der Blüher als seinen „Hausheiligen“ bezeichnet, sowie Siegfried Gerlich, Ernst Noltes Biograf und regelmäßiger Gastautor in der Sezession.
Homosexualität wird von ihnen in zahlreichen Artikeln in zwei polare Kategorien eingeteilt, einer „männlichen“ und einer „verweiblichten“ Form von Homosexualität. Die „männliche“ Form assoziiert Gerlich mit einem „griechisch-römischen“, „pädagogische[m] Eros“, der sich in der deutschen Geschichte finden ließe, die „verweiblichte“ mit einem „jüdisch-christlichen“, „perverse[m] Eros“x. Diese Form sei „neurotisch“, „dekadent“ und „pervers“. „Verweiblichte“ Homosexuelle würden Anderen ihre Sexualität aufdrängen, wohingegen „männliche“ Homosexuelle ihre Sexualität eher sublimieren, also in kulturell nützliche Formen gießen würden. Homosexualität von Frauen wird kaum thematisiert, diese wird nicht im gleichen Ausmaß als Bedrohung des Status Quo wahrgenommen. Werden Lesben erwähnt, dann als Feministinnen, die politische Forderungen bezüglich Ehe und Familie stellen würden, die sie selber nicht beträfen und zu denen sie deswegen kein Recht hätten.
Der Homosexuelle im Männerbund
Mithilfe von Blühers Konzept des Männerbundes führen Lichtmesz und Gerlich den „männlichen“ Homosexuellen als positives Gegenbeispiel an, um sich vom „heutigen Trend“ einer als verweiblicht wahrgenommenen Homosexualität abzusetzen. Auch von „der Frauendomäne Familie“xi und vom Judentum grenzen sie den blüherschen Männerbund ab.
Der Männerheld in dessen Zentrum verkörpere „genau jene archetypische heroische Männlichkeit, die heute als obsolet gilt. Im Männerbund könne also eine Männlichkeit ausgelebt werden, die heutzutage gesamtgesellschaftlich abgewertet würde. Nicht nur sei der Männerheld „charismatisch“, „mobilisierend“, „viril“ und die „zentrale[] innere[] Sehnsucht des Mannes“. Lichtmesz erklärt den Männerheld sogar zum „Gralswächter der unkorrumpierten Männlichkeit“xii. Er verkörpere Männlichkeit schlechthin und schütze sie vor Angriffen. Die offene Homosexualität des Männerhelden wird bei Lichtmesz aber bewusst im Dunkeln gelassen. Für Blüher hat dieser auch sexuelle Beziehungen zu Mitgliedern der männlichen Gesellschaft. Für Lichtmesz steht die sublimierte Sexualität über der aktiven, die er als linke Forderung abweist. Sublimierte Sexualität sei „unerläßlich“, um die Funktionsweise gesellschaftlicher Organisationen wie Krankenhaus und Armee zu garantieren, er bewertet sie also positiv.
Wie um zu versichern, dass der homophobe Status Quo innerhalb der Rechten nicht angerührt wird, betont Lichtmesz, dass Blüher „gewiß nicht zufällig, [Anm. im Original] den absolut ,Invertierten‘ innerhalb des Spektrums der sexuellen Neigung ganz ,links‘ an[siedelt], den absolut Heterosexuellen ganz ,rechts‘“. Selbst Blüher gehe davon aus, dass der rechte „Normalfall“ heterosexuell sei. Seine „dezidiert ,rechte[]‘ Politisierung der Homosexualität“ hebt Lichtmesz hervor.xiii Dabei handelt es sich bei Blüher nicht um eine politische Einteilung, sondern lediglich um eine Darstellung seiner Vorstellung des Sexualitätsspektrums. Lichtmesz nutzt jeden noch so unbedeutenden Aspekt, der ihm dabei hilft, das blühersche Männerbundkonzept innerhalb der Rechten zu etablieren und zu normalisieren.
Die Verschwörungserzählung von der „Homolobby“
Als Bedingung für Toleranz gegenüber Homosexualität wird in der Sezession angegeben, dass Homosexuelle sich in den rigiden Grenzen zu bewegen hätten, die die Rechte für sie gezogen hat. Ihre Lebensweise solle nicht die heterosexuelle Kleinfamilie imitieren, die Autor_innen der Sezession wiederholt als bedroht darstellen.
„Homophobie“ hingegen gebe es nicht: Wird der Begriff „Homophobie“ gebraucht, erfolgt dies meist in Anführungszeichen, um zu verdeutlichen, dass sie nur als Konstrukt oder als Erfindung der sogenannten Homolobby wahrgenommen wird. Beschwerden von Homosexuellen über Diskriminierung seien dementsprechend „inflationär“. Thematisiert Lichtmesz „Homophobie“ direkt, so hebt er hervor, dass sie etwas Natürliches, ein „instinktiver Widerwille“, sei und damit „niemals aus der Welt verschwinden kann“xiv.
Widerstand gegen Heterosexismus werten die Autoren generell durch das Bild der sogenannten Homolobby ab, die sie auch „Schwulenvertretungs-Industrie“ oder „Regenbogenkampagne“ nennen.xv Dabei handelt es sich um die Verschwörungserzählung, eine mehr oder weniger verborgene Organisation setze gegen den Willen der Mehrheit eine übertriebene Form von Gleichstellung von LGBTIQ und Frauen durch und schade damit der heterosexuellen Kleinfamilie inklusive ihrer Kinder. Eigentlich ginge es aber um andere verdeckte Motive, zum Beispiel den „Angriff auf die Demokratie“ oder die „Status- und Machtausweitung“.xvi Homosexuelle selbst profitierten von der „Homolobby“, vor allem dadurch, dass sie nun Heterosexuelle unterdrücken würden. So könnten sie ihre „abweichende Sexualität“ als „Hebel [nutzen], um die Legitimität der Werte der Mehrheit, ja deren sexuelle Identität selbst in Frage zu stellen.“xvii
„Steuern“ würden diese „Lobby“ vor allem Linke, die (Bundes-)Regierung bzw. Politiker_innen respektive die „Elite“.xviii Ausgeführt werden muss diese Verschwörungserzählung für die Leser_innen der Sezession nicht. Ihnen ist dieses Kollektivsymbol bereits bekannt, Anspielungen reichen somit aus, um die Bedeutung zu vermitteln.
Doch nicht alle Homosexuellen seien nach der Meinung der Sezession Teil dieser vermeintlichen Verschwörung. Sowohl Lichtmesz als auch Gerlich betonen, dass es Homosexuelle gebe, die sich von dieser nicht vertreten fühlten.xix Dabei handele es sich in erster Linie um die besagten „männlichen“ Homosexuellen, die der blüherschen Vorstellung entsprechen, wie zum Beispiel der rechte US-amerikanische Schriftsteller Jack Donovan, der stets seine kämpferische Männlichkeit betont und die Schwulenszene ablehnt. Hingezogen fühle er sich zum „Ausdruck des Archetyps MANN überhaupt. Und die Werte und Qualitäten, die mit der archetypischen Männlichkeit assoziiert werden, stehen in einer gegensätzlichen Polarität zu den Werten und der zentralen Kultur der schwulen Szene.“, zitiert ihn Lichtmesz in einem Artikel über den „schwulen Eros“.xx
Strukturell antisemitische Verschwörungserzählungen finden sich in der Sezession nicht nur in der Erzählung der „Homolobby“, sondern auch in Blühers Vorstellung der „korruptiven Gedankengänge“: Linke würden von Juden gesteuert daran arbeiten, Deutschland mithilfe von Marxismus und Psychoanalyse zu zerstören. Lichtmesz zitiert Blühers Idee mehrmals in Bezug auf Linke, ohne zu erwähnen, dass dies im Originalzitat alles von Juden orchestriert würde – der antisemitische Ursprung des Zitates ist somit nur für Leser_innen erkennbar, die mit Blühers Werk vertraut sind.
Ergänzt werden diese Verschwörungserzählungen durch offenen Antisemitismus. So unterstellt Gerlich Juden und Jüdinnen einen „perversen Eros“. Zusätzlich dienen Juden Lichtmesz als Abgrenzung zum männlichen Homosexuellen im blüherschen Männerbund. So schreibt Lichtmesz zwar über einem von ihm identifizierten Männerbund, bestehend aus einem israelischen Rabbi und seinen Studenten. Allerdings nicht ohne zu betonen, dass dieser eigentlich nicht existieren könne, weil bereits Blüher darauf hingewiesen habe, dass es Juden und Jüdinnen dafür an der nötigen Männlichkeit fehlen würde. Laut Lichtmesz sei dies ein „weitere[r] Defekt des verstreuten Volkes“.xxi Den Leser_innen sollen also bereits „Defekte“ des Judentums, die im Artikel nicht erläutert werden, bekannt sein, die Liste würde hier um einen Punkt erweitert.
Antisemitismus spielt in den Artikeln eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Immer wieder führt er alle Diskursstränge zusammen, auch über die Artikel hinweg. Homosexualität, Männerbund und Hass auf politische Gegner_innen werden verbunden durch die Verschwörungserzählung der „Homolobby“, die eine Form des strukturellen Antisemitismus darstellt. Die Autor_innen der Sezession nutzen diesen, um LGBTIQ und feministische Bewegungen abzuwerten, gleichzeitig nutzen sie Heterosexismus, um Juden und Jüdinnen abzuwerten.
In den analysierten Artikeln liegt also eine Verschränkung antisemitischer und heterosexistischer Diskurse vor, wie sie seit dem 19. Jahrhundert immer wieder auftritt. Dabei ist Antisemitismus nicht ein Thema, das parallel zu der Frage nach Sexualität und Geschlecht verläuft, sondern aufgrund von Verschwörungserzählungen deren Kern betrifft. Dabei zeigt sich, wie konstitutiv Antisemitismus für die Neue Rechte ist. Er strukturiert die Diskurse um Geschlecht und Sexualität.
Was bedeutet das für das neurechte Männerbild?
Die Rezeption von Hans Blühers Theorie zum Männerbund in der Sezession kann als Suchbewegung verstanden werden. Das rechte Männerbild soll „in eine modernisierte Form überführt“xxii werden. Homosexualität in Gänze abzulehnen, gilt auch in neurechten Kreisen teilweise als nicht mehr zeitgemäß. Blühers Männerbund bietet hierfür ein Konzept von Männlichkeit an, das dezidiert rechts ist und dem klassischen Bild des rechten kämpferischen Mannes entspricht. Gleichzeitig würde das rechte Männerbild eine Modernisierung erfahren, wenn homosexuelle Männer, wie von Blüher gefordert, Anerkennung finden. Ein ideologisches Angebot, ohne dass auf heroische Männlichkeit, Heterosexismus und Antisemitismus verzichtet werden muss. Dies dient der Kritikabwehr: Einerseits wird der linke und liberale Vorwurf der Schwulenfeindlichkeit in der Sezession zurückgewiesen, andererseits der Angriff von rechts vermeintlich pariert, schließlich sei die Homosexualität im Männerbund nicht die „neurotische“, „dekadente“, „heute verbreitete“ Form.
Was bei Blüher diesem Zweck nicht dient, wird dementsprechend in der Sezession nicht rezipiert: die Themen Antifeminismus und Jugendbewegung, für die er seinerzeit gelesen wurde und der Männerbund als Staatstheorie, dessen Rezeption in anderen Teilen der Rechten verbreitet ist.
Dass die meisten Artikel, in denen Blüher rezipiert wird, in den Jahren 2009 bis 2015 erschienen, kann ein Hinweis darauf sein, dass diese Suchbewegung abgeschlossen ist. Grund für die verstärkte Rezeption gerade in diesen Jahren könnten die Debatten um die Ehe für Alle gewesen sein, die 2017 verankert wurde, sowie jene über die „Krise der Männlichkeit“, die zu dieser Zeit in Wissenschaft und Feuilleton geführt wurden. Es bleibt die Frage, welche Suchbewegungen die Blüher-Rezeption abgelöst haben und ob sich die Liberalisierungsversuche mit dem verstärkten Hass auf Homosexuelle in den letzten Jahren reduziert haben.xxiii So kann die vermehrte Transfeindlichkeit der letzten Jahre als neuer Austragungsort des Geschlechterdiskurses interpretiert werden, in dem nicht der Umweg über Sexualität gegangen wird, sondern Geschlecht noch direkter verhandelt wird. Gemeinsam ist beiden Diskursen das Bestehen auf rigiden nicht veränderbar binären Geschlechterbildern.
Der Text wurde redaktionell betreut von Paul Räuber und Sebastian Bischoff.
i Luisa Gehring, Im Visier von Rechtsextremen: Mehr als 70 CSDs in 2025 wurden gestört, in: Amadeu Antonio Stiftung (2025).
ii o. A, Zwischen Mobilisierung und Misserfolg: Neonazis demonstrieren gegen den CSD in Bautzen, in: Recherche Nord (2025).
iii Gareth Joswig, Who the fuck is Alice?, in: taz (2025).
iv Michael Kühnen, Nationalsozialismus und Homosexualität, Paris, 1986; siehe auch: Robert Claus und Yves Müller, Männliche Homosexualität und Homophobie im Neonazismus, in: Robert Claus, Esther Lehnert, Yves Müller (Hg.) „Was ein rechter Mann ist...“: Männlichkeiten im Rechtsextremismus, Berlin, 2010, S. 109-126.
v Inversion ist ein zeitgenössisch viel genutzter Begriff für Homosexualität. Blüher assoziiert den Begriff „Homosexualität“ mit einer Psychologie, die diese als krank ansieht und wählt Inversion als neutraleren und nicht nur auf die Sexualität fokussierten Begriff.
vi Blühers Verhältnis zur Psychoanalyse war ambivalent. Gerade zu Beginn seiner Tätigkeit nutzte er psychoanalytische Begriffe und Konzepte. Mit Sigmund Freud tauschte er sich im Jahr 1912 über ihre teilweise überschneidende, teilweise divergierende Sicht auf „Inversion“ aus. 1913 brach Freud mit Blüher, allerdings nicht aufgrund dessen Antisemitismus, sondern weil Blüher in einer konkurrierenden psychoanalytischen Zeitschrift, dem Zentralblatt für Psychoanalyse, veröffentlichte – mit dessen Herausgeber Wilhelm Stekel war Freud zerstritten. John Neubauer, Sigmund Freud und Hans Blüher in bisher unveröffentlichten Briefen, in: Psyche 50 (2) (1996), S. 129.
Nach seiner anfänglichen Begeisterung stellte sich Blüher in seinen späteren Werken wie Secessio judaica (1922) gegen die Psychoanalyse und wertete sie antisemitisch ab.
vii Claudia Bruns, Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur, 1880-1934, Köln u.a. 2008, S. 287.
viii ebd., S. 193.
ix Siehe z. B. Armin Mohler und Karlheinz Weißmann, Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein Handbuch, 6., völlig überarb. und erw. Aufl., Graz 2005; Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann (Hg.), Staatspolitisches Handbuch. Band 1-3, Schnellroda 2019; auch in der Nation Europa erschienen Artikel basierend auf Hans Blühers Texten.
x Siegfried Gerlich, Ambivalenzen männlicher Homosexualität, in: Sezession 59 (2014), S. 16.
xi ebd., S. 17.
xii Martin Lichtmesz, Vom schwulen Eros, in: Sezession 36 (2010), S. 31.
xiii ebd.
xiv Siegfried Gerlich, Ambivalenzen männlicher Homosexualität, in: Sezession 59 (2014), S. 13; Martin Lichtmesz, Vom schwulen Eros, in: Sezession 36 (2010), S. 29; Martin Lichtmesz, Gabriele Kuby und die Homosexuellen, Sezession online (2009).
xv Martin Lichtmesz, Vom schwulen Eros, in: Sezession 36 (2010), S. 31, 29; Martin Lichtmesz, Männerbund auf israelisch, Sezession online (2010).
xvi Martin Lichtmesz, Frankreich und die Sorgen des Nils Minkmar, in: Sezession online (2013).
xvii Martin Lichtmesz, Vom schwulen Eros, in: Sezession 36 (2010), S. 29.
xviii Martin Lichtmesz, Vom schwulen Eros, in: Sezession 36 (2010), S. 28f; Siegfried Gerlich, Ambivalenzen männlicher Homosexualität, in: Sezession 59 (2014), S. 19; Ellen Kositza, Polyamorie, in: Sezession 67 (2015), S. 16; Martin Lichtmesz, Frankreich und die Sorgen des Nils Minkmar, in: Sezession online (2013); Martin Lichtmesz, Männerbund auf israelisch, in: Sezession online (2010).
xix Martin Lichtmesz, Vom schwulen Eros, in: Sezession 36 (2010), S. 31; Siegfried Gerlich, Ambivalenzen männlicher Homosexualität, in: Sezession 59 (2014), S. 19.
xx Martin Lichtmesz, Vom schwulen Eros, in: Sezession 36 (2010), S. 31; Siegfried Gerlich, Ambivalenzen männlicher Homosexualität, in: Sezession 59 (2014), S. 31.
xxi Martin Lichtmesz, Männerbund auf israelisch. In: Sezession online (2010).
xxii Fabian Virchow, Tapfer, stolz, opferbereit – Überlegungen zum extrem rechten Verständnis „idealer Männlichkeit“, in: Robert Claus u. a. (Hg.): „Was ein rechter Mann ist...“: Männlichkeiten im Rechtsextremismus, 2. Auflage, Texte / Rosa-Luxemburg-Stiftung 68 (Berlin 2010), S. 58.
xxiii Welche Strategien Homosexuelle in der AfD heutzutage zum Umgang mit den genannten Ambivalenzen nutzen, zeigt Patrick Wielowiejski in Rechtspopulismus und Homosexualität. Eine Ethnografie der Feindschaft, Frankfurt am Main 2024.
Zitation
Lea Tewes, „Gralswächter der unkorrumpierten Männlichkeit“. Männerbünde und Homosexualität in der neurechten Zeitschrift Sezession, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/gralswaechter-der-unkorrumpierten-maennlichkeit