strret_afterwar-1.jpg

Straßenszene im Nachkriegspolen nachgestellt im Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk.

Straßenszene im Nachkriegspolen nachgestellt im

Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk. (Foto: Roman Jocher, 23.3.2017)

 

Streit um das Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk
Wie soll man „polnische Geschichte“ zeigen?
von
Daniel Logemann
Druckversion

Veröffentlicht am 6. April 2017

Anmerkung der Redaktion: Eine erste Fassung des Textes in englischer Sprache wurde am 23. Oktober 2016 im Cultures of History Forum veröffentlicht.

Am 23. März 2017 wurde in Gdańsk das Museum des Zweiten Weltkriegs eröffnet. Damit schafften der Museumsdirektor Paweł Machcewicz und seine Kollegen nach einem verbitterten Streit über die Zukunft des Museums Fakten. Die PiS-Regierung hatte auf verschiedenen Wegen versucht, die Eröffnung des Museums zu verhindern, Einfluss auf die Dauerausstellung zu nehmen oder zumindest den Museumsdirektor und seine engsten Mitarbeiter zu entlassen. Konsequenterweise blieben Vertreter der Regierung und des Kulturministeriums der Veranstaltung genauso fern wie zwei Monate zuvor, als die Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit präsentiert worden war.

Der Konflikt um das Museum steht paradigmatisch für den Umgang der PiS-Regierung mit ihren Vorgängern: Einerseits rechnet die Parteielite um Jarosław Kaczyński mit ihrem politischen Widersacher Donald Tusk ab, der das Museum initiierte und förderte. Zum anderen hat die PiS eine nationalistische Ausrichtung der polnischen Geschichtspolitik zum Ziel.[1] Letztendlich geht es um die grundsätzliche Frage, ob Geschichte deutungsoffen gelehrt und präsentiert werden darf oder als nationale Meistererzählung vermittelt wird.

Donald Tusks museales Flaggschiff – Ein Angriff auf die polnische Identität?

Seit die Museumsdirektoren Paweł Machcewicz und Piotr M. Majewski im Jahr 2008 die programmatischen Grundrisse für die Dauerausstellung vorgelegt hatten, stand das Museum in der Kritik rechtskonservativer PolitikerInnen, HistorikerInnen und PublizistInnen.[2] Die Direktoren wollten vor allem die Grausamkeit und die katastrophischen Folgen des Krieges für die Zivilbevölkerung darstellen. Militärgeschichte sollte indes nur ein Nebenstrang sein. Insbesondere sollten die ostmitteleuropäischen und polnischen Erfahrungen der „Bloodlands“ Timothy Snyders ins Bewusstsein der Besucher gerückt werden. Damit spielt die Sowjetunion in allen Phasen der musealen Präsentation eine wichtige Rolle und wird der nationalsozialistischen Politik an die Seite gestellt. Die KritikerInnen der Ausstellung monierten von Anfang an, dass das Museum die polnische Perspektive vernachlässige. Die Ausstellung müsse Polens Heldentaten an allen Fronten des Krieges zeigen und den polnischen Opferstatus bestätigen. Eine Universalisierung der Kriegserfahrung führe, so die Kritik, zur Verwischung der Grenzen zwischen Opfern und Tätern und sei letztlich der Ausdruck eines europäischen und deutschen Versuchs, die polnische Geschichte umzuschreiben. Durch die Betonung der Leiden von Zivilisten würden auch Deutsche zu Opfern und somit deutsche Verbrechen relativiert.[3] Jarosław Kaczyński selbst sprach 2008 im polnischen Sejm davon, dass man den „Holocaust, der die Polen betraf“, zeigen solle.[4] Als Oppositionspolitiker drohte Kaczyński noch im Juni 2013: „Wir werden die Gestalt des Museums des Zweiten Weltkriegs so verändern, dass die Ausstellung in diesem Museum die polnische Perspektive darstellt.“ [5] Ziel müsse eine neue Geschichtspolitik sein, die die polnische Würde und die polnischen Interessen vertrete. Die Schulbildung junger Polen dürfe nicht auf Schamgefühlen beruhen, sondern auf Würde und Stolz.


Die polnische Geschichte soll wieder polnisch werden: die Regierungszeit der PiS

Die Versuche, das Museum in seiner geplanten Form zu verhindern, nahmen zunächst einen scheinbar harmlosen Ausgang. Am 23. Dezember 2015 gründete das polnische Ministerium für Kultur und nationales Erbe das Museum der Westerplatte und des Krieges 1939. Im April 2016 kündigte Kulturminister Piotr Gliński überraschend an, das Museum der Westerplatte mit dem Museum des Zweiten Weltkrieges zu verbinden und zudem den neuen Namen für beide Museen zu übernehmen. Dies sollte angeblich zu einer „erhöhten Effektivität zum Erhalt und der Verbreitung der nationalen und staatlichen Traditionen“ führen und die Ausgaben der Staatskasse „rationalisieren“.[6] Eine erste unmittelbare Reaktion auf diese Pläne kam von Paweł Adamowicz, dem Stadtpräsidenten von Gdańsk. Er drohte damit, dem zusammengelegten Museum das notariell kostenlos zur Verfügung gestellte Baugrundstück zu entziehen, falls Namen und Statuten geändert würden.[7] Kulturminister Gliński ruderte prompt zurück und beließ es aus rechtlichen Gründen weiterhin bei dem ursprünglichen Namen.

In den folgenden Monaten versuchte das Kulturministerium auf verschiedene Weise, dem Museum zu schaden und eine Zusammenlegung zu forcieren. Immer wieder wurde die geschichtspolitische Ausrichtung der Institution attackiert. Vizeminister Jarosław Sellin, ein erklärter Gegner des Museums, gab im April 2016 ein Interview für die Tageszeitung Dziennik Bałtycki, in dem er auf einer Darstellung der polnischen Opfer- und Heldennarration bestand: „Kein Volk hat in der Zeit des Zweiten Weltkriegs zwei Totalitarismen Widerstand geleistet, keins hat eine solch grausame Besatzung erlebt, kein anderes Volk hat bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges an allen Fronten gekämpft. Unser Anteil am Zweiten Weltkrieg ist besonders. Schauen Sie bitte auf solche Museen wie Yad Vashem in Jerusalem oder das Kriegsmuseum in London [Imperial War Museum, D.L.]: Da erzählt man von jüdischen und britischen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg.“[8] Sellins Argumentation reflektierte dabei keineswegs die Ausrichtung dieser Institutionen. Während sein Argument bei Yad Vashem grosso modo zutrifft, stellt etwa das Imperial War Museum seit langer Zeit das Geschehen des Holocaust in einem gesonderten Bereich aus. Auch Sellins Geschichtsbild ist (bewusst) verkürzt – ähnlich könnten beispielsweise auch Belarussen oder Russen behaupten, vorrangig Opfer des Krieges geworden zu sein. Damit offenbarte die PiS ihre geschichtspolitische Orientierung, Opferdiskurse zu vergleichen und gegeneinander auszuspielen.

In der Sitzung einer Sejmkommission zu Fragen der Kultur am 8. Juni 2016, die sich dem Museum widmete, führte der PiS-Abgeordnete Dariusz Piontkowski aus: „Wir haben das Recht dazu, das in Polen gebaute Museen die polnische Perspektive darstellen.“ Der Streit kreise darum, „ob das Museum so ein kosmopolitisches sein solle, wo britische und amerikanische Historiker uns erzählen, wie wir Polen uns den Zweiten Weltkrieg vorstellen sollen“. Die Ausstellung entspreche stellenweise nicht den Bedürfnissen der Polen.[9]  Der Umgang mit dem Begriff „Kosmopolitismus“ ist aufschlussreich. In der Sowjetunion und den Staaten des staatssozialistischen Europas galt dieser Vorwurf vor 1989 dem weltanschaulichen Gegner und wurde in stalinistischen Diffamierungsdiskursen synonym mit imperialistisch oder jüdisch verwendet. Dies zeigt, wie tief verwurzelt manche PiS-Politiker, die selbsterklärten Erneuerer Polens, mental und diskursiv in staatssozialistischen Diskursen sind, die sie zu bekämpfen vorgeben. Zu politischen Angriffen kamen zudem sehr konkrete Maßnahmen der Staatsgewalt. Gliński schickte eine Kommission von Wirtschaftsprüfern ins Museum. Das Museum war bereits in den vergangenen Jahren sowohl vom Kulturministerium als auch vom Obersten Rechnungshof kontrolliert worden – jeweils ohne wesentliche Beanstandungen. Nun stand ausgerechnet jener Beamte der neuen Kommission vor, der bereits unter der Vorgängerregierung die ministerielle Kontrolle des Museums verantwortet und nichts beanstandet hatte. Überflüssig zu sagen, dass die Mitarbeiter des Museums den Eindruck haben mussten, man wolle sie bewusst unter Druck setzen und sie bei der Öffnung des Museums behindern.

Mobilisierung der Befürworter – Verteidigung des Museums

Die Museumsmacher waren aller Vorwürfe zum Trotz nicht untätig geblieben und hatten eine breit angelegte Kampagne zu ihrer Verteidigung ins Leben gerufen. Wiederholt trat insbesondere der Museumsdirektor Machcewicz in polnischen und internationalen Medien an die Öffentlichkeit, was ein starkes Presseecho hervorrief.[10] Unterstützt wurden die Museumsvertreter zudem vom Museumsrat und dem international besetzten wissenschaftlichen Beirat des Museums.[11] Weltweit kam es zu Solidaritätserklärungen. Machcewicz bediente sich einer Kriegsmetapher, um die zunehmend festgefahrene Lage zu beschreiben: „They [das Ministerium] thought they could do a blitzkrieg, but now we have the Battle of Stalingrad.”[12] Im Sommer veröffentlichte das Museum den Katalog zur noch nicht eröffneten Dauerausstellung.[13] Mehrere Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Museums verschonten die Regierung nicht mit harscher Kritik. Norman Davies rechnete als Sprecher des Beirats mit Jarosław Kaczyński ab. Der Stil der Regierung sei „bolschewistisch” und „paranoid”: „The Law and Justice government does not want a bunch of foreign historians to decide what goes on in ‘their’ museum.”[14] Diplomatischer drückte sich Timothy Snyder aus, der vor allem fachliche Argumente ins Feld führte:

Unlike other museums devoted to history’s most devastating war, which tend to begin and end with national history, the Gdańsk museum has set out to show the perspectives of societies around the world, through a sprawling collection gathered over the last eight years, and through themes that bring seemingly disparate experiences together. It is hard to think of a more fitting place for such a museum than Poland, whose citizens experienced the worst of the war.[15]

Für Snyder konnte es keine bessere Methode geben, polnische Geschichte darzustellen, als sie in globale Entwicklungen einzubetten, ohne sie dabei zu nivellieren. Er sah in der voraussichtlichen Schließung des Museums nicht nur einen großen Verlust für das historische Bewusstsein Polens, sondern vielmehr eine kulturelle Tragödie: “The preemptive liquidation of the museum is nothing less than a violent blow to the world’s cultural heritage.”[16] Der deutsche Historiker Ulrich Herbert glaubte, die Eröffnung des Museums solle grundsätzlich verhindert werden. Er verwies in einem Interview für den Sender Deutschlandradio Kultur darauf, dass der Propagandabegriff „kosmopolitisch“ in Polen als Tarnbegriff für „jüdisch“ zu verstehen sei. Man habe als Beiratsmitglied zudem deutlich zu spüren bekommen, dass Stimmen von nicht-polnischen Historikern nicht erwünscht seien.[17]


Verwissenschaftlichung oder Politisierung der Debatte? Drei Rezensionen und die darauf folgenden Gegenreaktionen

Eine nächste Etappe der Auseinandersetzung war erreicht, als die durch das Ministerium angeforderten drei Rezensionen der Dauerausstellung im Juli 2016 veröffentlicht wurden.[18] Wiederum war der Austausch zwischen Anhängern der Regierung und dem Museum nicht fachlicher Art, sondern voreingenommen und festgefahren. Zwei Verfasser, Piotr Semka und Jan Żaryn, wiederholten ihre Vorwürfe aus dem Jahr 2008. Der dritte Rezensent, Piotr Niwiński, ist Professor der Geschichte in Gdańsk. Aus der gleichen Historikerschule der Katholischen Universität Lublin wie der Vizedirektor des Museums, Janusz Marszalec, hatte er vor einigen Jahren noch mit dem Museum zusammengearbeitet. Was er sich vom Abfassen der Rezension erhoffte, muss offen bleiben. Jedenfalls versuchte Niwiński vor der unvermeidlich gewordenen Veröffentlichung seiner Rezension, Kontakt zu einigen Mitarbeitern des Museums aufzunehmen und sie gegen Machcewicz auf seine Seite zu ziehen.[19]

Keiner der Rezensenten hatte den Versuch unternommen, den Aufbau der Ausstellung zu besichtigen. Ihre Bewertungen beruhten auf einer vom Museum zu diesem Zwecke zur Verfügung gestellten Dokumentation. Niwiński entwarf eine lange Liste von Mängeln, gab aber weder eine substantielle Einschätzung der existierenden Konzepte, noch machte er konkrete Veränderungsvorschläge. So kann man den Kern seiner Kritik dahingehend zusammenfassen, dass das Museum lediglich das ganze Unglück des Krieges zeige, statt die positiven Effekte des Krieges hervorzuheben:

[...] i.e. the forging of the human nature, the most noble motifs triggered by extreme situations […]. The exhibition is meant to warn against the horror of warfare, but few of its elements set such behaviours as patriotism, civic stance, or devotion to other as examples to be followed.[20]

Demgegenüber wandte sich Semka entschieden gegen den thematischen, und seiner Meinung nach ahistorischen Zugriff im Hauptteil des Museums. In einer Serie von kleineren Kritikpunkten nannte er es u.a. einen Skandal, dass der polnisch-ukrainische Konflikt in Wolhynien marginalisiert werde. Insgesamt war Semkas Kritik scharfzüngiger als die der anderen Kritiker. Die Abwendung von militärischen Themen zugunsten des Schicksals der Zivilbevölkerung würde die Vermittlung von Charakterstärke oder schlicht des Stolzes auf militärische Erfolge verdrängen. Er sprach sich, wie bereits 2008, dafür aus, dass polnisches Märtyrertum und der Ruhm der polnischen Armee den Mittelpunkt der Ausstellung bilden müssten. Ansonsten drohe Polen die Gefahr, dass das Land in eine Linie mit den Tätern des Holocaust gestellt werde – Chiffre dafür sind die sogenannten „polnischen Lager“, eine Wendung, die in Polen inzwischen mit Gefängnis bestraft werden kann. Semka stellte sich gegen die angebliche Heroisierung von Opfern in der Ausstellung, wie sie seit den 1970er Jahren mit der Umdefinition des Holocaust als Ausnahme des Kriegsgeschehens erfolgt sei. Zudem würden im Museum die deutschen Opfer aufgrund der Universalisierung der Kriegserfahrung in hohem Maße Anerkennung erlangen, während versäumt werde, die Deutschen als Schuldige zu benennen. Semka kam zu dem Schluss, dass die Ausstellung den polnischen Anforderungen nicht gerecht werde und an entscheidenden Stellen verändert werden müsse. Es gelte schließlich, die Erinnerung an die Ahnen aufrecht zu erhalten:

We must remind Europe that we fought Nazism on our own initiative and without cowardly indecisiveness. We are truly and deeply indebted to our grandfathers whose heroism has been forgotten in Europe.[21]

Auch der dritte Rezensent Jan Żaryn war der Meinung, dass in erster Linie die polnische Geschichte erzählt werden müsse. Dabei spitzte er seine Kritik zu. Wie die anderen Rezensenten sah er das Holocaust Memorial Museum in Washington und Yad Vashem in Jerusalem als geeignete Bezugspunkte:

Indeed, the general message [should be]: this nation is exceptional living under pressure from both imperialist and totalitarian systems, forced to build everything from scratch time and time again, rooted deeply in the Polish spirit through God and culture, willing to go into far-reaching devotion, composed of individualists who are at the same time deeply attached to family solidarity.[22]

Żaryn fand auch die Formel für ein gutes polnisches Museum:

In other words, the Museum is for the world, but tells about Poland and the Polish – about who we are today, and why we are what we are: loving freedom, Catholic, patriotic, etc. and most of all – proud of our history.[23]

Wie nicht anders zu erwarten, konnte die im August 2016 folgende Antwort der Museumsmacher die programmatischen Diskrepanzen zwischen Kritikern und Museumsmachern nicht aufheben. Außer einer detaillierten Replik auf der Internetseite des Museums schrieben Machcewicz und der Lubliner Historiker und Museumsmitarbeiter Rafał Wnuk eine ausführliche Stellungnahme für die Tageszeitung Rzeczpospolita, in der sie ihren Standpunkt und ihre Verteidigungslinie klar machten, aber auch ins Polemische abglitten. Sie stellten klar, dass eine Verhinderung der Eröffnung durch die Regierung der „brutalste, präzedenzloseste Eingriff in die Autonomie kultureller Institutionen und in die Sphäre von öffentlich verhandelter Geschichte im freien Polen” sei.[24] Die Autoren verteidigten nicht nur das Konzept des Museums, sondern verstanden das Museum zudem als Gradmesser für die Situation der politischen Kultur im Land. Während sie Regierung und Kulturminister bezichtigten, in autoritäre Verhaltensmuster abzugleiten, verschonten sie insbesondere Semka nicht mit Kritik: Sie warfen ihm vor, einen politischen Kampf zu führen, der jenem kommunistischer Machthaber gegen jüdische Polen im Jahr 1968 gleiche. Damals habe man „Kosmopoliten” nach Israel geschickt, heute verweise Semka die Museumsmacher nach Brüssel. Dabei müsse es Raum für unterschiedliche Geschichtsbilder und Museen geben. Wenn Semka meine, die Universalisierung der Kriegserfahrung sei eine Abwendung von Freiheit und Pluralismus, sei er im Irrtum. Vielmehr fordere dieser selbst die Einführung einer eindimensionalen monopolisierten Erzählung.[25] Als sowohl das Museum als auch der Stadtpräsident von Gdańsk die Rezensenten und Entscheidungsträger zu einer öffentlichen Debatte über die Ausstellung einluden, lehnten sie eine Öffnung der Debatte ab. Für Semka hatte die Debatte bezeichnenderweise erst mit der Replik der Museumsmacher politische Dimensionen erreicht. Er verkündete in einem rechtsgerichteten Internetportal, er stünde zwar für eine redliche Debatte zur Verfügung, nicht aber für eine „mediale Show“.[26]


Offenes Ende?

Das Ministerium versuchte derweil Nägel mit Köpfen zu machen. Man berief den Militärhistoriker und bisherigen Direktor des polnischen Armeemuseums Zbigniew Wawer zum Bevollmächtigten des Ministers zur Zusammenlegung der Museen und beauftragte eine Anwaltskanzlei mit der Organisation der Zusammenlegung. Diese sollte am 1. Dezember 2016 erfolgen. Nach einem Treffen mit Machcewicz ließ sich Wawer jedoch davon überzeugen, aufgrund von Verpflichtungen gegenüber den Baufirmen eine Zusammenlegung auf den 1. Februar 2017 zu verschieben. Die Museumsmitarbeiter wurden angeschrieben und davon in Kenntnis gesetzt, dass sich mit der Zusammenlegung der Museen sowohl ihre bisherigen Verantwortungsbereiche als auch ihre Gehälter verändern könnten. Im Spätsommer 2016 erhob Machcewicz beim Verwaltungsgericht Einspruch gegen die Zusammenlegung. Dem wurde stattgegeben. Der polnische Beauftragte für Bürgerrechte folgte ihm in dieser Sache, und sie erreichten eine einstweilige Verfügung gegen die Zusammenlegung. Der Minister akzeptierte diese jedoch nicht und erhob seinerseits Einspruch.

So verging die Zeit bis zum 1. Februar 2017 im Museum mit fieberhaften Vorbereitungen auf eine Deadline, die nicht in der Eröffnung, sondern in einem Ende des Museums münden konnte. Am 23. Januar 2017 luden die Museumsdirektoren zu der oben erwähnten ersten öffentlichen Präsentation der neuen Dauerausstellung ein. In seiner Einführungsrede erwähnte Machcewicz jene acht Tage, die ihm voraussichtlich noch im Amt verbleiben würden. Er verteidigte nochmals das der Ausstellung zugrunde liegende Geschichtsbild. Tusk würdigte er als den Gründer des Museums, der sich jedoch nie angemaßt habe, den im Museum beschäftigten HistorikerInnen Inhalte vorzuschreiben. HistorikerInnen, PressevertreterInnen und LeihgeberInnen hatten einen positiven Eindruck von der Ausstellung. Auch das weltweite Medienecho auf die Präsentation war positiv.[27] Die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita würdigte die Arbeit der Ausstellungsmacher ausdrücklich:

Das [die Ausstellung] ist keine Übersicht der Kriegshandlungen, Schlachten oder der Bewaffnung – obwohl dies alles auch präsent ist – es ist eine breit angelegte [Übersicht der] Geopolitik, mit Polen in der Hauptrolle. Und darin ist der Mensch das Wichtigste.[28]

Einige Tage später, am 24. Januar entschied das Oberste Verwaltungsgericht, den Fall der Zusammenlegung wieder an das Verwaltungsgericht in Gdańsk zurückzuweisen. Damit schien der Zusammenschluss der beiden Museen endgültig besiegelt. Der Showdown endete aber schließlich damit, dass das Gericht die Zusammenlegung auf Grund des Einschreitens der Gdańsker Stadtverwaltung am 30. Januar erneut aufschob. Minister Gliński ging in die nächste Instanz, eine Entscheidung wird am 5. April 2017 erwartet. Offen bleibt, wie das Ministerium mit dem politisch motivierten Vorwurf umgeht, das Museum sei im Ganzen 90 Millionen Zloty teurer als ursprünglich veranschlagt.[29] Es ist zu vermuten, dass diese Information nicht zugunsten von Machcewicz ausgelegt werden wird. Es gibt bereits eine ganze Reihe Unterstellungen. So behauptete Sellin, die Inneneinrichtung eines zum Museum gehörenden Hotels habe 14 Millionen Zloty gekostet. Dieser Betrag wurde jedoch für die gesamte Endfertigung und Inneneinrichtung des Museums ausgegeben.[30] Am Ende wird keine der Parteien ohne Schaden aus der Situation herauskommen. Die bisherigen Versuche der Regierung, das Museum des Zweiten Weltkriegs mit dem Ende 2015 gegründeten Museum der Westerplatte zusammenzulegen, sind bisher gescheitert. Alle bürokratischen und psychologischen Mittel haben nicht gefruchtet. Auf der anderen Seite konnten die Museumsmacher niemanden aus dem gegnerischen Lager davon überzeugen, dass die Institution in ihrer jetzigen Form erhaltenswert sei. Auf der Strecke bleibt nach diesem Streit auch die offene Gesellschaft, in der Differenzen ausgehandelt oder ausgehalten werden. Dies hätte mit den Worten der ehemaligen Mitarbeiterin des Museums, Anna Müller, eine der großen Stärken der Ausstellung sein sollen:

This ambiguity is not, as some critics of the museum claim, a result of conceptual problems, but rather a result of reflection on a war and the role of modern museology that combines emotional and intellectual messages to add nuance and to make us uncomfortable in order to pose questions and prompt reflection. The diversity and the richness […] also tell us something unique about the daily heroism and the martyrology that we Poles hold so dear to our lives.[31]

 

Mehr zum Thema:

Eklat beim Danziger Weltkriegsmuseum. Polens Regierung setzt neuen Chef ein. Der Streit um das Danziger Weltkriegsmuseum und die polnische Geschichtspolitik ist eskaliert: Der bisherige Direktor wurde entmachtet, da die Regierung es patriotischer möchte. In:  Tagesspiegel (online) vom 6.4.2017

Auf der Museumsseite des Museums des Zweiten Weltkriegs findet sich eine kurze Erklärung zur neuen  Museumsleitung.

Felix Ackermann: Weltkriegsmuseum in Danzig. In Polen dokumentiert ein Museum die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und blickt über dessen Ende hinaus, In: NZZ vom 6.4.2017

Beiträge von Florian Peters:
Polens Streitgeschichte kommt ins Museum. Wie neue Museen in Danzig und Warschau die polnische Geschichtskultur verändern
Lokales Holocaust-Museum oder nationalistische Geschichtsfälschung? Das Museum für die Familie Ulma im südostpolnischen Markowa
Patriotische Geschichtsschreibung im Staatsauftrag. Polens neue Rechtsregierung bricht mit der historischen Legitimation des Neuanfangs von 1989
Der Warschauer Aufstand in Videoclip-Ästhetik. Der polnische Blockbuster „Warschau ’44“ läuft im ZDF – und kaum jemand schaut hin

Außerdem:

Ein Themenschwerpunkt Hg. von Magdalena Saryusz-Wolska und Sabine Stach und Katrin Stoll, Verordnete Geschichte? Zur Dominanz nationalistischer Narrative in Polen
Geschichtspolitik in Polen. Die Debatten um den preisgekrönten Film "Ida" von Pawel Pawlikowski von Magdalena Saryusz-Wolska

 


[1] Zur Geschichtspolitik seit dem Regierungswechsel im Herbst 2015 und der Verortung des Streits um das Museum des Zweiten Weltkriegs darin siehe auch Florian Peters. Remaking Polish National History: Reenactment over Reflection, Cultures of History Forum, 23.10.2016.
[2] Paweł Machcewicz and/ Piotr M. Majewski. Muzeum II Wojny Światowej. Zarys koncepcji programowej. Przegląd Polityczny, 91/92 (2008): 4651.
[3] See Piotr Semka, Dziwaczny pomysł na muzeum II wojny Światowej. Rzeczpospolita, 28.10.2008: http://www.rp.pl/artykul/211086-Dziwaczny-pomysl-na-muzeum-II-wojny-swia... Piotr Semka and Cezary Gmyz. Przypominamy światu polską historię. Rzeczpospolita, 3.11.2008.
[4] 29. Posiedzenie Sejmu w dniu 20 listopada 2008 r. Informacja prezesa Rady Ministrów na temat stanu realizacji programu działania rządu w rok po jego powołaniu.
[5] Kaczyński zapowiada aktywną politykę historyczną. Dzieje.pl, 29.06.2013.
[6] Obwieszczenie Ministra Kultury i Dziedzictwa Narodowego o zamiarze i przyczynach połączenia państwowych instytucji kultury Muzeum II Wojny Światowej w Gdańsku oraz Muzeum Westerplatte i Wojny 1939. Official Journal of the Minister of Culture and National Heritage, 15.04.2016.
[7] Adamowicz: "Miasto przeznaczyło grunt tylko na Muzeum II Wojny Światowej. Może prof. Gliński się pomylił". Radio Gdansk,18.04.2016.
[8] Dziennik Bałtycki, Jarosław Sellin: Dwa gdańskie muzea o wojnie nie mają uzasadnienia.
[9] Zapis przebiegu posiedzenia komisji, 8.6.2016.
[10] See Prof. Paweł Machcewicz, dyrektor Muzeum II Wojny Światowej: Zniszczyć. O to im chodzi? Gazeta Wyborcza, 25.05.2016; Florian Hassel, Nichts als Würde und Stolz, Süddeutsche Zeitung, 18.03.2016: Stephan Stach, Jede Nation hat eben ihre eigene Wahrheit, Frankfurter Allgemeine,  23.05.2016.
[11] Ein vollständiger Überblick zu den Reaktionen des Advisory Boards findet sich auf den Nachrichtenseiten des Museums May 2016.
[12] Rachel Donadio , A Museum Becomes a Battlefield Over Poland’s History. The New York Times, 10.11.20016.
[13] Muzeum II Wojny Światowej. Katalog wystawy głównej, praca zbiorowa, Gdańsk 2016.
[14] Duval Smith, Alex. ‘Vindictive’ Polish leaders using new war museum to rewrite history, says academic. The Guardian 24.04.2016.
[15] Timothy Snyder, Poland vs. History, New York Review of Books, 03.05.2016.
[16] Ibid.
[17] Die polnische Rückwärts-Volte, Ulrich Herbert im Gespräch mit Anke Schaefer, Deutschlandradio Kultur, 13.09.2016.
[18] Die Rezensionen auf Polnisch und Englisch auf der Homepage des Museums.
[19] Diese Informationen hat der Autor in Gesprächen mit Mitarbeitern des Museums erhalten.
[20] Piotr Niwiński. Review of the functional and content programme of the main exhibition produced by the Museum of the Second World War in Gdańsk and authored by Prof. dr. hab. Paweł Machcewicz, dr hab. Piotr M. Majewski, dr Janusz Marszalec, dr hab. Prof. KUL Rafał Wnuk. Museum of the Second World War, 14 July 2016.
[21] Piotr Semka. Review of the document: ‘Functional and Content Programme of the Main Exhibition’, produced by the Museum of the Second World War in Gdańsk, that is the team of: prof. dr hab. Paweł Machcewicz, dr hab. Piotr M. Majewski, dr Janusz Marszalec, and dr hab. Prof. KUL Rafał Wnuk. Museum of the Second World War, 14 July 2016.
[22] Jan Żaryn. Inside review. Functional and Content Programme of the Main Exhibition. Museum of the Second World War in Gdańsk, 24.3.2016. Museum of the Second World War, 14 July 2016.
[23] Ibid.
[24] Paweł Machcewicz and Rafał Wnuk. O Muzeum II Wojny Światowej. Rzeczpospolita, 07.08.2016.
[25] Ibid.
[26] Piotr Semka o sporze ws. Muzeum II Wojny Światowej: „Jestem otwarty na rzeczowe rozmowy ale nie mam ochoty na medialny show”. Wpolityce.pl, 10.09.2016.
[27] Julia Szyndzielorz. Dispute over ‘patriotism’ delays opening of Gdańsk’s new war museum. The Guardian, 28.01.2017. Florian Hassel. Mehr Patriotismus, weniger Schuld. Süddeutsche Zeitung 26.01.2017. Gerhard Gnauck. Museum in Danzig. Nicht national genug. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2017. Polen: Krach um Weltkriegsmuseum. ZDF, Heute in Europa, 23.01.2017.
[28] Michał Stankiewicz. Antywojenny przekaz Muzeum II Wojny Światowej w Gdańsku. Rzeczpospolita, 13.02.2017.
[29]
Adam Leszczyński. Gliński zmienia strategię walki z niepokorną dyrekcją Muzeum II Wojny Światowej. Gazeta Wyborcza, 26.10.2016.
[30] Nieprawdziwe zarzuty wiceministra kultury i dziedzictwa narodowego Jarosława Sellina i Wiadomości TV.
[31] Anna Muller. Objects have the power to tell history. Political Critique, 04.09.2016.