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Sowjetische Spezialeinheit in Afghanistan, 18. Februar 1988

Bild: A. Solmonov | Sowjetische Spezialeinheit in Afghanistan | 18.02.1988 |
RIA Novosti archive, image #827836 | CC-BY-SA 3.0

Von der Sowjetunion lernen?
26 Jahre nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan
von
Felix Ackermann und Michael Galbas
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Veröffentlicht: Februar 2015

 

2015 jährte sich im Februar zum 26. Mal der Abzug sowjetischer Truppen aus Afghanistan. Auch wenn der sowjetische Einsatz jenseits der eigenen Landesgrenzen geführt wurde, veränderte der Krieg in Afghanistan die jeweiligen Gesellschaften spätestens mit der Rückkehr der Soldaten.[1] Exemplarisch können diese Veränderungen anhand der Veteranen des sowjetisch-afghanischen Krieges von 1979-1989 und des Umgangs mit seinen Folgen in verschiedenen post-sowjetischen Gesellschaften nachgezeichnet werden.
Dieser Text skizziert Strategien der sozialen, juristischen und medialen (Re-)integration von oftmals traumatisierten Kriegsteilnehmern des sowjetischen Afghanistankrieges in einen sich stark verändernden gesellschaftlichen Kontext im Zuge des Zusammenbruchs der UdSSR.[2] Im letzten Teil werden Anknüpfungspunkte und neue Fragestellungen für Kriegsfolgeforschungen in vergleichender und transkultureller Perspektive aufgezeigt.[3]

Der sowjetische Afghanistankrieg und seine Folgen

Der Übertritt der afghanischen Grenze durch sowjetische Truppen am 25. Dezember 1979 führte sowohl innerhalb der Sowjetunion als auch international zu einem Vertrauensverlust für die Sowjetunion.[4] Das erklärte Ziel des Einmarsches war die Wahrung des sowjetischen Einflusses und die Wiederherstellung der Ordnung in dem vom Bürgerkrieg heimgesuchten Nachbarland.[5] Die sowjetischen Truppen hatten dabei keinen direkten Kampfauftrag. Sie sollten zentrale Infrastrukturen überwachen, die afghanische Armee ausbilden und sie logistisch im Kampf gegen die gegnerischen Mujaheddin unterstützen. Hierfür entsandte die Sowjetunion im Laufe der Intervention über 600.000 Armeeangehörige und ziviles Personal. Die militärische Präsenz der Sowjetunion in Afghanistan bewirkte jedoch das Gegenteil: Anstatt das Land „zu befrieden“, wurde die sowjetische Armee in innerafghanische Konflikte hineingezogen, was weitere militärische Auseinandersetzungen mit sich brachte.[6] Die Kriegsführung der Mujaheddin konzentrierte sich auf Guerillataktiken, die insgesamt den Tod von etwa 15.000 sowjetischen Soldaten forderten.[7] Ohne ihre strategischen Ziele erreichen zu können, beendete die sowjetische Führung die Intervention am 15. Februar 1989 mit dem Abzug der Truppen.

Das Ausmaß der militärischen Auseinandersetzungen stand in krassem Widerspruch zu den offiziellen sowjetischen Darstellungen eines defensiven Einsatzes. Dieser wurde eigentlich als Unterstützung im Rahmen einer internationalistischen Bruderhilfe für ein befreundetes Land und als Akt der Selbstverteidigung nach Artikel 51 der UN-Charta bezeichnet.[8] Innenpolitisch beschleunigte die Diskrepanz zwischen offiziellen Darstellungen und tatsächlichem Kriegsverlauf die Erosion des Vertrauens der Bevölkerung in die sowjetischen Institutionen und deren Herrschaftspraktiken.[9] Zudem lässt sich der Krieg auf außenpolitischer Ebene auch als letztes großes imperiales Schlachtfeld des Kalten Krieges beschreiben. So wurde der Einmarsch auf Seiten der Westmächte als Expansion gewertet.[10] Trotz seiner geographischen Beschränkung auf Afghanistan hatte der Krieg globale Auswirkungen. Die USA waren zwar nicht direkte Kriegspartei, unterstützten allerdings die Mujaheddin finanziell und in Form von Waffenlieferungen. Der Krieg besiegelte damit auch das Ende der Entspannungspolitik im Kalten Krieg. Zahlreiche westliche Länder, darunter auch die Bundesrepublik, folgten dem amerikanischen Boykott der Olympischen Sommerspiele in Moskau 1980. Ein erneutes Wettrüsten der beiden Supermächte begann. Mittelfristig trug dies zum wirtschaftlichen Niedergang der UdSSR bei. Der Einsatz in Afghanistan kann als beschleunigender Faktor, aber nicht als Ursache für den Zerfall der Weltmacht gesehen werden.[11]

Die Rückkehr der sowjetischen Soldaten in unterschiedliche Republiken

Die Rückkehr der Soldaten fiel zusammen mit den politischen Umwälzungen, die zum Ende der Sowjetunion führten. In der ersten Phase waren die Afghanistan-Veteranen weitgehend auf sich selbst gestellt. Die gegründeten Veteranenverbände kämpften vor allem in Russland erbittert um politischen Einfluss, Anerkennung und Sozialleistungen. Aufgrund der mangelnden staatlichen Unterstützung nutzte ein Teil der Soldaten in dieser Zeit das in Afghanistan geknüpfte Netzwerk, um kriminelle Strukturen aufzubauen.[12] Erst ab Mitte der 1990er Jahre wurde der Einsatz, der sich selbst als Afgancy beschreibenden Veteranen, in den neuen nationalstaatlich definierten Kontext rechtlich und sozial anerkannt. In der Russländischen Föderation etwa erhielten die Kriegsteilnehmer 1995 per Gesetz den Status von „Veteranen von Kampfhandlungen auf den Territorien anderer Staaten“, was ihnen Versehrtenrenten und medizinische Versorgung sicherte.[13] Die Afgancy sind jedoch bis heute nicht mit den Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges gleichgestellt. Dies spiegelt sich auch in einer geringeren sozialen Absicherung wider. Um diesbezüglich eine Angleichung zu erreichen, lässt sich seit den 2000er Jahren eine Kooperation größerer Veteranenverbände mit staatlichen Institutionen beobachten, die mit einer Verdrängung kritischer Veteranenverbände aus dem öffentlichen Raum etwa von Russland oder Belarus einhergeht. Im Rahmen dieser Kooperation zwischen Staat und nicht-oppositionellen Veteranenverbänden entwickelte sich auch nach und nach ein gemeinschaftliches Geschichtsverständnis über den Afghanistankrieg. Vertreter des Staates und der Veteranenverbände zeichnen seither ein zunehmend heroisierendes Bild des Einsatzes. Kritische Aspekte, wie das Leid der Soldaten, und strategische sowie militärische Fehler spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Das heroische Geschichtsbild fungiert für staatliche Vertreter als Instrument eines nationalen Identitätsaufbaus und dient als soziales Reintegrationsangebot an die Veteranen. Die Verbandsvertreter möchten dagegen über das Bild eine gesellschaftliche Wertschätzung generieren. Das Streben nach gesellschaftlicher und politischer Anerkennung führt dazu, dass die Veteranenverbände derzeit zunehmend außenpolitische Ziele Russlands umsetzen. Die Ukraine-Krise des Jahres 2014 belegt diese These. So unterstützten laut der russischen Zeitung „Novaja Gazeta“ russische Veteranenverbände die Separationsbestrebungen auf der Krim, indem sie die dortigen politischen Akteure in Propagandatechniken – zuvor auch psychologische Kriegsführung genannt – unterwiesen und vor Ort das ukrainische Militär beobachteten.[14]      

Das Bild divergiert allerdings in den anderen post-sowjetischen Ländern teilweise sehr stark. In der Ukraine forderten die Afghanistanveteranen ebenfalls eine breitere politische und gesellschaftliche Unterstützung. Anders als in Russland führte dieses Streben jedoch nicht zu einer Kooperation mit staatlichen Einrichtungen. Im Gegenteil: Teile der ukrainischen Afghanistanveteranenverbände waren aktiv an den Protesten auf dem Majdan Nesaleschnosti beteiligt und haben damit nicht nur symbolisch zum Abtreten von Präsident Janukowitsch beigetragen.[15]

In den baltischen Staaten wiederum, sind die Veteranen zwar organisiert, treten aber nicht in der Öffentlichkeit auf, um soziale Rechte einzufordern. Mit den dominanten nationalen Befreiungsnarrativen lässt sich der Afghanistankrieg und die Beteiligung litauischer, lettischer und estnischer Soldaten nur schwer verbinden. In Belarus kam es noch 2007 zu einer öffentlichen Auseinandersetzung um soziale Privilegien, als der autoritäre Präsident Aljaksandr Lukaschenka etwa Ermäßigungen im öffentlichen Nahverkehr ersatzlos streichen ließ.[16] Damals protestierten noch Veteranenverbände, die nicht mit dem Staat kooperierten. Inzwischen haben sie gänzlich an Bedeutung verloren, weil sie über keine materiellen Ressourcen verfügen, um Veteranen zu unterstützen, und ihnen weitgehend der Zugang zur landesweiten Öffentlichkeit jenseits des Internets verwehrt bleibt.[17] Zur gleichen Zeit haben diejenigen, die eng mit dem Regime Lukaschenka kooperieren, Ressourcen erhalten, um Veteranen zu unterstützen und die Erinnerungen vom eigenen Einsatz im öffentlichen Gedächtnis zu verankern.[18] Das prominenteste Beispiel dafür ist die Stiftung „Pamjat Afgana“, die bei Minsk den militärischen Themenpark „Linija Stalina“ betreibt, in dem auch Kriegsgerät aus Afghanistan zur „patriotischen Erziehung der Jugend“ zur Schau gestellt wird.[19]

In den verschiedenen Kontexten lässt sich zeigen, wie unterschiedliche gesellschaftliche Akteure sowie die Kriegsteilnehmer selbst mit der Erfahrung des sowjetisch-afghanischen Kriegs umgehen. Ein Spezifikum resultiert aus der Asymmetrie dieses Konflikts in Verbindung mit der sowjetischen Leugnung seines kriegerischen Charakters. Diese Haltung erschwert es den politischen und gesellschaftlichen Akteuren oftmals, den Afghanistankrieg und seine Veteranen in einem kohärenten Sinnzusammenhang zu verorten. Leisteten die Afghanistanveteranen einen bewaffneten Wiederaufbau oder sind sie als Helden zu sehen, die das Vaterland in Afghanistan verteidigt haben, ähnlich der Veteranen im Großen Vaterländischen Krieg? Hinzu kommt, dass der Afghanistankrieg aufgrund seines Verlaufs, seines Umfangs und seiner Bedeutung im Schatten eben jenes Großen Krieges steht.
Der Sieg im Vaterländischen Krieg ist in Russland, der Ukraine und Belarus der alles überragende Referenzpunkt zur Ausbildung postsowjetischer Identitäten und eines nationalen Selbstbewusstseins.[20]

 

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[1] Deutsche Veteranen des Zweiten Weltkrieges beeinflussten mit ihren Kriegserzählungen beispielsweise den öffentlichen Diskurs über den Krieg in den Anfangsjahren der Bundesrepublik. Vgl. Schwelling, B.: Krieger in Nachkriegszeiten – Veteranenverbände als geschichtspolitische Akteure der frühen Bundesrepublik, in: Claudia Fröhlich; Horst-Alfred Heinrich (Hg.), Geschichtspolitik. Wer sind ihre Akteure, wer ihre Rezipienten?, Stuttgart 2004, S. 69-80.
[2] Der vorliegende Beitrag basiert auf den Ergebnissen der Sektion „Learning from the Soviet Union? Strategies of Social Inclusion of Afghan War Veterans“ unter der Leitung von Felix Ackermann und Michael Galbas auf dem 50. Deutschen Historikertag in Göttingen am 25.09.2014. Vgl.:Tagungsbericht HT 2014: Von der Sowjetunion lernen? Der gesellschaftliche Umgang mit Veteranen des Sowjetisch-Afghanischen Krieges. 23.09.2014–26.09.2014, Göttingen, in: H-Soz-Kult, 10.10.2014, (04.04.2014).
[3] Siehe hierzu die Untersuchung der legitimatorischen Argumente der sowjetischen und der NATO Interventionen in Afghanistan von Katja Mielke und Conrad Schetter. Mielke, K.; Schetter, C.: Wiederholt sich Geschichte? Die legitimatorischen Deutungsmuster der Intervention in Afghanistan 1979 und 2001, Peripherie. Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt, 29 (2009)116, S. 448-468.
[4] Vgl. Gibbs, D.N.: Die Hintergründe der sowjetischen Invasion in Afghanistan 1979, in: Bernd Greiner; Christian Th. Müller; Dierk Walter (Hg.), Heiße Kriege zum Kalten Krieg, Hamburg 2006, S. 291-314.
[5] Johnson, R.: The Afghan Way of War. Culture and Pragmatism a Critical History, London 2011, S. 208.
[6] Sapper, M.: Die Auswirkungen des Afghanistan-Krieges auf die Sowjetgesellschaft. Eine Studie zum Legitimitätsverlust des Militärischen in der Perestrojka, Diss., Münster; Hamburg 1994, S. 87.
[7] Krivošeev, G. F.; et al.: Rossija i SSSR v vojnach XX veka. Poteri vooružennych sil. Statističeskoe issledovanie, Moskva 2001, S. 539.
[8] Siehe hierzu die von Pierre Allan und Dieter Kläy zusammengetragenen Dokumente zum Afghanistankrieg. Allan, P.; Kläy, D.: Zwischen Bürokratie und Ideologie. Entscheidungsprozesse in Moskaus Afghanistankonflikt, Bern; Stuttgart; Wien 1999.
[9] Braithwaite, R.: Afgantsy. The Russians in Afghanistan 1979-89, London 2012, S. 330.
[10] Siehe hierzu den Sammelband von Heinrich Vogel. Vogel, H. (Hg.): Die sowjetische Invasion in Afghanistan. Entstehung und Hintergründe einer weltpolitischen Krise, Baden Baden 1980.
[11] Zu den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges und die Auseinandersetzungen darüber siehe u. a. Sapper, M.: Die Auswirkungen des Afghanistan-Krieges auf die Sowjetgesellschaft; Maley, W.: The Afghanistan Wars, Basingstoke; New York ²2009; Kalinosvky, A.: A Long Goodbye: The Politics and Diplomacy of the Soviet Withdrawal from Afghanistan, 1980-1992, Cambridge 2011.
[12] Siehe hierzu den Beitrag von Jan C. Behrends, Ein sowjetisches Vietnam: Afghanistan als Gewaltraum (1979-1989), in: Zeitgeschichte-online, Februar 2013 (04.11.2014).
[13] Federal´nyj zakon N 5-f3 „O veteranach“ ot 12 janvarja 1995], RG 15.01.1995, (04.04.2014).
[14] Specturisty, Novaja Gazeta, 01.07.2014, (04.11.2014).
[15] Butusov, J.: 'Afganci Maidanu: Vimoga odna – povnoe perezavantažennja vladi, Dzerkalo Tižnja. Ukraina, 07.02.2014 (04.11.2014).
[16] Smirnov, E.: Konstitucjonnyj sud abjazan vosstanovit´nai prava. Afganiec, Specjalnyj vypusk, (2008) 3-4.
[17] Afgancy trebujut ot Mjasnikoviča vernut´ l´goty, Belorusskij Partizan, 9.9.2013 (04.11.2014).
[18] Siehe dazu auch den Beitrag von Felix Ackermann: Wem gehört der Große Sieg? Die öffentliche Aushandlung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Belarus, in: Zeitgeschichte-online, Juli 2014, (04.11.2014).
[19] Ebd.
[20] Vgl. Gudkov, L.: Die Fesseln des Sieges. Russlands Identität aus der Erinnerung an den Krieg, Osteuropa, 55 (2005) 4–6, S. 56–73.
[21] Vgl. hierzu das laufende Dissertationsprojekt von Michael Galbas „Erinnerungen an den sowjetischen Afghanistankrieg“ am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz.