Belén Vierci, Marisa Cubero, Arturo Fleitas, Alberto Sanchez, Natalia Cálcena in "Narciso" von Marcelo Martinessi. Panorama ©La Babosa Cine
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Belén Vierci, Marisa Cubero, Arturo Fleitas, Alberto Sanchez, Natalia Cálcena
Narciso von Marcelo Martinessi
PRY, DEU, URY, PRT, ESP, FRA 2026 Panorama
©La Babosa Cine 

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Narciso von Marcelo Martinessi
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Narciso von Marcelo Martinessi
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Flammen und fließendes Wasser

Marcelo Martinessis Spielfilm Narciso

Der Radiomoderator Narciso geht mit seinem Zimmer in Flammen auf. Sein Mord erschüttert im Spielfilm über ihn schon ziemlich am Anfang. Der genaue Hergang der Tat bleibt im Dunkeln und Regisseur Marcelo Martinessi signalisiert schnell, dass es sich hier nicht um einen Krimi handelt und das Publikum besser keine klare Auflösung erwarten sollte. Stattdessen blickt der Film zurück und gewährt einen sehr selektiven Blick darauf, was dem gewaltsamen Tod vorausging. Die Handlung spielt im Paraguay des Jahres 1959, in der frühen Phase der Diktatur des deutschstämmigen Generals Alfredo Stroessner – ein Regime, das im deutschsprachigen Raum weit weniger präsent ist als die Diktaturen der Nachbarländer Brasilien und Argentinien. Zu unrühmlicher Bekanntheit gereicht im deutschsprachigen Kontext oftmals nur, dass Josef Mengele genau im Jahr der Filmhandlung Unterschlupf in jenem Land fand.

Marcelo Martinessi könnte dies nun ändern– sein Film möchte zumindest ausgesprochen viel über die Vergangenheit seiner Heimat Paraguay erzählen. Mit Die Erbinnen legte Martinessi 2018 bereits den ersten paraguayischen Wettbewerbsbeitrag der Berlinale-Geschichte vor – mit „Narciso“ ist er erneut Teil der Berliner Filmfestspiele, diesmal in der Sektion Panorama.

 

Ein ungeklärter Toter in Buch und Film

Narciso (gespielt von Diro Romero) kommt aus Argentinien zurück in die paraguayische Hauptstadt Asunción. Von seiner Reise hat er eine frisch geweckte Leidenschaft für amerikanische Rock’n’ Roll-LPs im Gepäck. Mit dieser Begeisterung infiziert er sein Umfeld. Schnell steigt er zum Moderator einer Musiksendung auf. Seine bloße Präsenz löst bei fast allen anderen Charakteren, unabhängig von Geschlecht und Alter starkes Begehren und Sehnsüchte aus. Martinessi begreift den Menschen Narciso eher als Symbol, denn als mit üppigen biografischen Details und Psychologisierungen ausstaffierten Protagonisten.

Der Film ist inspiriert vom gleichnamigen Roman des Autors Guido Rodríguez Alcalá, der wiederum auf dem realen Schicksal des Radiomoderators und Tänzers Bernardo Aranda basiert. Aranda verbrannte wie Narciso in seiner Wohnung unter bis heute ungeklärten Umständen. Die paraguayischen Medien sowie die Polizei präsentierten den Fall als Verbrechen aus Leidenschaft im homosexuellen Milieu. Diese Darstellung war Auftakt erhöhter staatlicher Repressionen gegen homosexuelle Männer– neben den fast schon erwartbaren Maßnahmen gegen ausländische Einflüsse und insbesondere Rockmusik. In den Zeitungen war damals zu lesen, dass die Polizei, um den Tod Arandas aufzuklären, 108 verdächtige Personen von „fragwürdigem moralischen Benehmen“ (dudosa conducta moral) verhörte. Aus der Zahl 108 (gesprochen „ciento ocho“) wurde in der Folge eine bis heute gebräuchliche Bezeichnung für Menschen, die als abweichend von der sexuellen Norm wahrgenommen werden. Ähnlich wie der Begriff queer wird auch ciento ocho in Paraguay mittlerweile stolz als Selbstbezeichnung verwendet.

 Martinessis Entscheidung Narciso hauptsächlich als Chiffre zu inszenieren, könnte auch mit den wenigen überlieferten Quellen zusammenhängen – selbst Dokumentationen mit wissenschaftlichem Anspruch fokussieren sich deswegen stärker auf die Folgen des Mordes als auf die Person Bernardo Aranda.[1] Der Nachwelt bekannt sind vor allem die Spekulationen über Arandas Bisexualität.[2]

Trotz des historischen Settings und der vielen internationalen Kooperationspartner des Films verbirgt sich hinter "Narciso" kein opulentes Kostümdrama, welches die historische paraguayische Hauptstadt vollständig zum Leben erweckt: Zwar in Asunción gedreht, beschränkt sich die Handlung auf wenige Räume, meist dunkle Straßenzüge. Dennoch beharrt der Film in der Ausstattung – etwa in der getragenen Mode – auf einer Darstellung der 1950er-Jahre und setzt nicht auf Verfremdungsmomente durch bewusst eingesetzte Anachronismen. Neben der räumlichen Begrenzung ist das Figuren-Ensemble, das Regisseur Martinessi für sein Werk auswählt, übersichtlich – auf die Darstellung des Diktators verzichtet er sogar ganz. Zentraler Schauplatz sind die Räume des Senders Radio Capital, an dem die mannigfaltigen Konflikte des Films ausgetragen werden: Traditionelle paraguayische Folk-Musik gegen modernen Rock n’ Roll, politische Einflussnahme gegen kreative Freiheiten, unterdrücktes Begehren gegen den Willen zur Anpassung.

 

Das Radio als Bühne im Schatten der Diktatur

Der Filmschaffende Martinessi war 2010, in einer kurzen Phase der demokratischen Öffnung Paraguays, verantwortlich für die Konzeption eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders. Die dort gemachten Erfahrungen dürften seinen zweiten Spielfilm stark beeinflusst haben, denn er gibt der Inszenierung des tatsächlichen Radio-Machens – wenn auch in stark stilisierter Form – viel Raum in seinem Film: So moderiert Narciso seine Sendung vor Live-Publikum, wobei der Protagonist zu Songs von Buddy Holly tanzt und so gekonnt seinen Körper zur Schau stellt. Daneben kann man als Zuschauer einer On-Air-Inszenierung von Bram Stokers "Dracula" beiwohnen, die ein weiteres Beispiel für die zahlreichen Symbole und Referenzen des Films ist. Selbst wenn die Handlung gerade abseits der Mikrofone stattfindet, sind im Hintergrund Radionachrichten zu vernehmen, in denen der mediale Kontrollanspruch der Diktatur sich manifestiert. Der Film unterstreicht einmal mehr die Rolle, die Medien für den Erhalt, aber auch beim Sturz von autoritären Regimen spielen.

Ebenso wie eine eindeutig auf eine narrative Auflösung hinauslaufende Handlung, vermeidet Martinessi die in vielen Historienfilmen so typische Teleologie. Er versucht stattdessen die Ambivalenzen eines spezifischen Moments der paraguayischen Geschichte zu konturieren. Der amerikanische Botschafter, geschützt durch sein Amt und seine Herkunft, begehrt Narciso relativ gefahrlos, während der Chef des Radiosenders wegen dieses Verlangens um seine Stellung und seine Ehe fürchten muss. So zeichnet der Regisseur ein äußerst ambivalentes Bild der Modernisierung Paraguays. Die mit Hilfe der USA erwirkte Einführung von sauberem, fließendem Wasser in Asunción kontrastiert der Film durch Schnitte mit den Verhaftungen homosexueller Männer nach dem Mord an Narciso. Mit sehr eindeutigen Mitteln inszeniert Martinessi die Säuberung des Wassers parallel zur Säuberung politisch unerwünschter Elemente. In diesem Bereich liegt eine der Schwächen des Werks, das so viel sagen möchte, dabei aber manchmal vergisst ein Film zu sein. Meist geht der wunderschön gefilmte Narciso aber deutlich subtiler vor, und thematisiert dabei auch die Komplizenschaft der paraguayischen Gesellschaft in der Militärdiktatur sowie die Anpassungsstrategien ihrer Mitglieder – sprachlich verdichtet in dem Nebeneinander von Guaraní und Spanisch.

Narciso ist ein etwas unausgewogener, aber wichtiger Film – einer, der eine lange verschwiegene Geschichte ins Licht rückt und dabei klug genug ist, keine falschen Gewissheiten anzubieten. Es wird spannend sein zu sehen, ob der Film als symbolisch überladen oder als eindrückliches Porträt der Vergangenheit in Paraguay aufgenommen werden wird, wo – mit Unterbrechungen – immer noch die rechtskonservative Partido Colorado regiert, der schon Alfredo Stroessner angehörte.

 


[1] Erwing Augsten Szokol, 108 ciento ocho, 2. Aufl., Asunción 2013, S. 14 ff., (abgerufen am 19. Februar 2026).
[2] Anselmo Ramos, “A Hundred and Eight” and a Burned Body: The Story Not Told by the Truth and Justice Commission, in: Peter Lambert und Andrew Nickson (Hg.), The Paraguay Reader: History, Culture, Politics, Durham/London 2012, S. 305–308, hier S. 306.

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Zitation

Tom Koltermann, Flammen und fließendes Wasser . Marcelo Martinessis Spielfilm Narciso, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/flammen-und-fliessendes-wasser