In der Moderne Nachkriegseuropas wurde – nach den Verheerungen des II. Weltkriegs und der NS-Diktatur – vielerorts „Gewaltabkehr als gesellschaftliches Projekt“ begriffen: Militarismus galt zunehmend als verpönt, und auch in Gefängnissen und Bildungseinrichtungen standen die Zeichen in Richtung einer Entgewaltlichung.[1] Diesen friedvoll-zivilen Ambitionen standen spätestens seit den 1970er Jahren als zunehmend irritierendes Phänomen stetig um sich greifende Fangewalt und Zuschauerkrawalle gegenüber, die sich während und im Umfeld von Fußballspielen entluden und zu erschreckenden „Jagdszenen“ auch in Bundesliga-Stadien führten. Der Film Heysel 85 fokussiert den Kulminationspunkt dieser Entwicklungen: Am 29. Mai 1985 fanden im Brüsseler Heysel-Stadion, nach massiven Gewaltausbrüchen auf den Rängen des Europäischen Cupfinales zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin, 41 Stadionbesucher den Tod, Hunderte wurden verletzt. Der Spielfilm schickt die fiktive Figur der 30-jährigen Marie, Tochter und Pressesprecherin des Brüsseler Bürgermeisters, ins Zentrum des Geschehens. Auf der Homepage der Berlinale ist „Heysel 85“ mit den Slogans „Furchtlose Frauen“ und „Familie ist kompliziert“ getaggt, und das ist ärgerlich: Denn mit solchen platten Schlagworten wird ein filmischer Ansatz, der visuell und dramaturgisch komplex, historisch informiert und dennoch allegorisch angelegt ist, zur scheinbaren Familien-Soap weichgespült. Das hat der Film nicht verdient.
Der Bürgermeister von Brüssel etwa steht als Typus stellvertretend für die Generation von Politikern und Sportfunktionären, die im Angesicht veralteter und maroder Sportstätten die heraufziehende Gefahr unterschätzten: Denn neben der Unkontrollierbarkeit der Fans stellten die damaligen Infrastrukturen, die noch nicht dem Leitkonzept der „Sicherheit“ gehorchten, den zweiten hoch riskanten Faktor dar. Dementsprechend war Heysel 85 auch nicht die erste oder letzte Katastrophe dieser fatalen Dekade: Bereits am 20. Oktober 1982 waren im Moskauer Luschniki-Stadion nach einem Spiel des HFC Haarlem gegen Spartak Moskau mehr als 300 Menschen zu Tode gequetscht worden, was das Sowjetregime allerdings vertuschte. Und hohe Todeszahlen waren erneut am 15. April 1989 zu beklagen, als 96 Menschen im Hillsborough Stadium im britischen Sheffield bei einer Massenpanik umkamen. [2]
Dass es dennoch Heysel war, das den Status eines beklemmenden „europäischen Erinnerungsortes“[3] erhielt, war zum einen dem schieren Ausmaß eruptiver Gewalt geschuldet. Ins Bildgedächtnis schrieb sich der europäische Katastrophenabend zudem ein, da Teile der Randale und schließlich auch das sportliche Finale selbst, das trotz bereits horrender Opferzahlen noch angepfiffen und ausgespielt wurde, als transnationales Medienereignis stattfand.
Die zentrale Dimension des historischen Datums fängt der Film meisterlich ein: Es ist der Schock über den plötzlich und unerwartet hereinbrechenden Zivilisationsbruch, den das Ereignis darstellte: Internationale Zeitungen überschlugen sich in den nächsten Tagen entsprechend mit Titeln über den „Rückfall in Barbarei“, über die „Schande Europas“, ja sogar einen „Olocausto“.[4]
Diese omnipräsente und schlagartige Reminiszenz an Weltkrieg und Vernichtung, die sich in den zeitgenössischen medialen Reaktionen spiegelte, verfolgt auch der Film konsequent. Denn in der Tat trat das Desaster ja just zu dem Zeitpunkt ein, als Europa soeben mit 40 Jahren Kriegsende auch die finstersten Kapitel seiner Geschichte in weitem Abstand hinter sich gelassen wähnte.
Der Film vergegenwärtigt die dauerhafte Präsenz dieser gewaltvollen Vergangenheit in den Biografien der Beteiligten: Anfangs noch als ein nonchalantes Konversationsthema, als der für die Ehrentribüne angereiste italienische Diplomat stolz erzählt, er habe die Kriegszeit „im Widerstand“ verbracht und der Brüsseler Bürgermeister auf seinen Einsatz als „Medic“ für die US-Truppen verweist. Mit dem Sturm der Zuschauer aus Block X auf Block Z steht der Schrecken der Vergangenheit dann jedoch wieder real im Raum. Marie, die das Gemetzel auf den Rängen zunächst nur als Lautkulisse in den Katakomben des Stadions wahrnimmt, wirkt verängstigt und hilflos angesichts des herangrollenden Unheils über ihr wie die Schutzsuchenden in einem Bunker während der Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs. Die in ihre Fan-Outfits uniform gekleideten leblos Zurückbleibenden übersäen schließlich den Boden des Stadions wie einst die uniformierten Gefallenen auf einem der Schlachtfelder des Ersten oder Zweiten Weltkriegs. Unwillkürlich evoziert die Filmemacherin im Angesicht dieser Leichenberge im Sportareal die Frage, inwieweit sich das „friedvolle“ Europa mit seinen Fußballkriegen nicht doch bewusst oder unbewusst einen Ersatzraum für Gewalt geschaffen hatte.
Und die Protagonistin: sie ist eine Frau – vor allem aber ist Marie (Achtung: Nomen est Omen!) im Blau der Jungfrau Maria gewandet vor allem die Mater Dolorosa, die den Schmerz vielleicht lindern, die Katastrophe aber nicht verhindern kann. Das Filmplakat zeigt sie denn auch bereits als seltsam entrückte Figur, die eher durch die Szenerie des Schlachtfeldes hindurchschreitet, als einzugreifen.
Trotz einiger Längen ist der Film sehenswert, da er versucht, zum universellen Kern der Katastrophe vorzudringen. Doch müssten die Tags anders lauten, treffender wäre wohl: „Der Mensch ist kompliziert“ und „Geschichte der Gewalt.“
Heysel 85
von Teodora Ana Mihai (Regie, Buch), Lode Desmet (Buch), Isabelle Darras (Buch) mit Violet Braeckman, Matteo Simoni, Josse De Pauw, Fabrizio Rongione, Paolo Calabresi• 91'• Belgien, Niederlande, Deutschland 2026• Farbe• Niederländisch, Englisch, Italienisch, Französisch
Datenblatt der Berlinale zum Film.
[1] Thomas Schaarschmidt/Winfried Süß/Peter Ulrich Weiß, Gewaltabkehr als gesellschaftliches Projekt. Leitbilder und Ambivalenzen in der Geschichte der Bundesrepublik, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 15 (2018), H. 2, https://zeithistorische-forschungen.de/2-2018/5586 , Druckausgabe: S. 203-221.
[2] Jutta Braun, Vom Troublemaker zum Integrationsstifter? Fußball und Gewaltprävention in Deutschland vor und nach 1989, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 15 (2018), H. 2, https://zeithistorische-forschungen.de/2-2018/5592 ,Druckausgabe: S. 302-328.
[3] Clemens Kech, Heysel and its Symbolic Value in Europe’s Collective Memory, in: Wolfram Pyta/Nils Havemann (Hg.), European Football and Collective Memory, Basingstoke 2015, S. 152-170.
[4] “Holocaust” at the Heysel Stadium | Holocaust Visual Archive
Zitation
Jutta Braun, Im Block Z. Heysel 85 erzählt die Fußball-Katastrophe als Teil europäischer Gewaltgeschichte, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/im-block-z