Die eingangs gezeigten Aufnahmen im Dokumentarfilm „Was an Empfindsamkeit bleibt“ wirken unbeschwert: Szenen einer Jugend im Vergnügungspark, man sieht die Regisseurin Daniela Magnani Hüller, damals 16 Jahre alt, lachend in der Achterbahn und unterwegs im Zug. Im Hintergrund singt Chico Buarque das brasilianische Sambalied „Roda Viva“, die Lyrics unterlegen die Leichtigkeit dieser Szenen mit einer unheilvollen Vorahnung: „Time has turned in a second.”
Es folgt ein Schnitt, dann eine Bushaltestelle bei Nacht und die Stimme der Regisseurin aus dem Off: „Er sagt, dass er mich jetzt umbringen wird. Ich schreie ihm ins Gesicht, dass er sich ficken soll.“ Nüchtern und im Präsens erzählt sie, was ihr vor 14 Jahren widerfuhr: Die damals 16-jährige Daniela Magnani Hüller überlebte einen Femizidversuch, ein Mitschüler griff sie mit dem Messer an und verletzte sie schwer.
Mit ihrem autobiografischen Dokumentarfilm-Debüt, das in diesem Jahr in der Sektion Forum der Berlinale lief, rekonstruiert Magnani Hüller die Tat und ihre Umstände. Sie kehrt zurück an die Orte der Vergangenheit und befragt Personen im Umfeld des Geschehens: eine Polizistin, eine Lehrerin, eine Mitschülerin, einen Arzt und einen Staatsanwalt. Die Interviews sind meist gefilmt in der Totalen in öffentlichen Gebäuden, Magnani Hüller ist nur von hinten zu sehen, der Fokus liegt auf den Befragten. Die Überlebende eines Femizidversuchs befragt die Umstehenden nach den Gründen für ihr (Nicht-)Handeln. Damit kehrt sie den Blick um. Dieses einzigartige Interview-Setting macht das System sichtbar, das geschlechtsbezogene Gewalt ermöglicht. Schicht um Schicht legt der Film die Mechanismen frei, die dazu führten, dass der Femizidversuch nicht verhindert werden konnte.
Die Gewalt begann mit Blicken. In der zehnten Klasse dreht sich ein Mitschüler in der ersten Reihe zu ihr um und starrt sie stundenlang an. Alle in der Klasse nehmen es wahr. Während die Mitschüler*innen mit Gesprächen und Sichtsperren intervenieren, schweigt die Lehrerin. Zwar informiert sie später, nachdem der Täter Daniela Magnani Hüller in den sozialen Medien bedroht hat und sie ihn dafür angezeigt hat, die Schulleitung. Doch, wie die Lehrerin selbst rückblickend im Gespräch sagt, unterschätzte sie die Gefahr vollkommen und wurde durch den Versuch, die Situation zu schlichten, zur Vertrauten des Täters. Es sind Szenen wie diese, in denen der Film besonders stark ist: Im Gespräch verschränken sich damalige und heutige Perspektive, Innen- und Außenwahrnehmung, vergangenes Handeln und alternative Handlungsoptionen.
Dazwischen schaltet Magnani Hüller körnige Super 8-Streifen und Digicam-Aufnahmen, verwackelte Bilder der Vergangenheit, die an den Rändern ausfransen und die Gegenwart prägen. Sie rahmen ihre Erinnerungen, etwa an die erste Reaktion ihrer Mutter, als Magnani Hüller ihr von den starrenden Blicken des Mitschülers erzählt: Wenn sie nicht wolle, dass sie angeschaut wird, solle sie sich eben nicht so hübsch machen für die Schule. Diese Schuldumkehr selbst seitens der Mutter zeigt, wie tief misogyne Deutungsmuster gesellschaftlich verankert sind.
Drei Wochen nach der Gewalttat zurück an der Schule hat sich Magnani Hüller einen neuen Blick angewöhnt, um den neugierigen Blicken der anderen nicht zu begegnen, und das Kollegium schweigt zum Geschehenen. In ihren Fragen an die Beteiligten von damals rückt die Filmemacherin die strukturellen Dimensionen von geschlechtsbezogener Gewalt in den Blick: Bewährungsauflagen, ein Rechtssystem, das Betroffene nicht hinreichend schützen kann, die Rolle der Schule und ihr Schweigen, retraumatisierende Anhörungen und belastende Spurensicherungen am Körper – visuell unterlegt mit dem Präparieren eines Falters.
Der englische Titel „Sometimes I imagine them all at a party” verweist darauf, dass Gewalt gegen Frauen jede treffen kann. Manchmal, so Magnani Hüller, träume sie, dass alle Frauen, die Opfer eines Femizids wurden, auf einer Party sind. Sie sei im selben Raum, verbunden, aber außen vor.
Die Folgen der Tat prägen das Weiterleben; Jahre später sagt Magnani Hüller über ihre nasse, an den Beinen klebende Jeans nach einem Bad im Meer: „Ich glaube, es ist das erste Mal, dass ich meine Haut wieder spüre.“ Am Ende, mitten im Schnittprozess des Films, bekommt sie eine bedrohliche Email, die Täterwissen enthält. Die Polizei sieht keinen Handlungsbedarf, ein Kontaktverbot kann nur kurzzeitig verhängt werden und geht auf Kosten der Betroffenen. Feuerwerk implodiert, verwischte Jahrmarktaufnahmen greifen das Erzählmuster vom Anfang auf und deuten darauf hin, wie das Trauma in die Gegenwart wirkt.
Die Schatten der Vergangenheit und die Folgen von Femiziden, hier für die Angehörigen, thematisiert auch der Kurzfilm „Miriam“ der mexikanischen Filmemacherin Karla Condado, der bei den Berlinale Shorts lief. Sie verarbeitet darin den Femizid an ihrer Tante, die von ihrem Partner getötet wurde, als Condado noch ein Kind war. Sie wählt dafür den Zugang eines filmischen Briefs, adressiert an ihre Tante – und ähnliche visuelle Erzählmuster wie Daniela Magnani Hüller.
Eingangs wird eine Facebook-Nachricht der Tante mit dem Dia-Projektor an die Wand geworfen und immer unschärfer gestellt, bis nur noch eine weiße Fläche zu sehen ist. „The image fades, just like my memory“, kommentiert Condado. Auch in „Miriam“ illustrieren Super 8-Aufnahmen und Dias das Leben der Angehörigen, nachdem eine Frau getötet worden ist. Sie zeigen die Umrisse einer transparenten Frau auf der Straße, Familienfeste, Schatten und überbelichtete Aufnahmen, ein Palimpsest verpasster Augenblicke: die „blurry images“ aus ihrer Kindheit, zu denen Condado immer wieder zurückkehrt. Sie verbindet die verschwommenen Bilder mit dem Nachdenken über das Erinnern und die Bedingungen des Schweigens und Sprechens. Sie hinterfragt, ob sie, die noch ein Kind war und nur noch wenig erinnert, über den Femizid an ihrer Tante sprechen kann. Wie bei Daniela Magnani Hüller lassen sich die Super 8-Aufnahmen in „Miriam“ als ein Versuch deuten, die Erinnerungen aus der Distanz der Gegenwart zu rahmen und zu reflektieren: Die Filmstreifen lassen viel Raum auf der Leinwand schwarz, es kommt zu Auslassungen und Überblendungen.
In ihrer Familie legt sich nach dem Mord an ihrer Tante Schweigen über das Geschehene, und doch prägt es Karla Condado bis heute: Ihr Vater ermahnt sie, auf sich aufzupassen, sie sendet stets ihren Standort und alle umarmen sie beim Abschied, als sei es das letzte Mal. „Sometimes, it’s just too much”, wird per Collagen-Subtext als Kommentar eingeblendet, und dann: “Well it was too much, because now I get it”. Am 8. März 2025 erzählt sie ihrem Vater beim Frühstück von ihrem Film. Zum ersten Mal sprechen sie über alles, was nur noch in abstrakten Substantiven sagbar ist: das Verschwinden, die Suche, die Ermittlung, der Fundort, der Schmerz. Der Film spart Details über den Femizid aus und zentriert stattdessen die Abwesenheit, das Schweigen und das Erinnern.
Während Karla Condado sich in ihrem filmischen Brief den Folgen für die Angehörigen über Emotionen nähert, wählt Daniela Magnani Hüller die sachliche Konfrontation mit der Vergangenheit. Beide Zugänge entfalten ihre Wucht und zeigen am Ende unterschiedliche, gleichermaßen starke Wege auf, mit der erlebten Gewalt umzugehen: das Schweigen brechen, Wut und Rachefantasien.
Gemeinsam ist ihnen eine Neuperspektivierung von Gewalt gegen Frauen. „Was an Empfindsamkeit bleibt“ und „Miriam“ verschieben die Perspektive von einer oft täterzentrierten Berichterstattung über Femizide zu den Betroffenen geschlechtsbezogener Gewalt. Dadurch werden sie zu Subjekten der Geschichte, die ihr Umfeld befragen. Diese Perspektive ermöglicht es, die gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Bedingungen in den Blick zu nehmen, unter denen Frauen von Männern getötet werden.
Was an Empfindsamkeit bleibt von Daniela Magnani Hüller (Regie, Buch) 91' Deutschland 2026 Farbe Deutsch, Portugiesisch Untertitel: Englisch
Premiere im Rahmen der Sektion Forum der Berlinale
Miriam von Karla Condado (Regie, Buch) 20' Mexiko 2026 Schwarz-Weiß Spanisch Untertitel: Englisch
Premiere im Rahmen der Berlinale Shorts
Zitation
Elisabeth Kimmerle, Den Blick umkehren. Femizide aus Sicht der Überlebenden und Angehörigen. „Miriam“ und „Was an Empfindsamkeit bleibt“ im Programm der 76. Berlinale, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/den-blick-umkehren-femizide-aus-sicht-der-ueberlebenden-und-angehoerigen