Ein "Emerging Field"
Seit einiger Zeit widmen sich zeithistorische Projekte und Arbeitsbereiche verstärkt Themen und Gegenständen aus dem Bereich des Kunstfeldes. Hierbei liegt nahe, dass die seit zwei Jahrzehnten intensivierte Forschung zu Kunstraub und diktatur- und kriegsbedingten Kulturgutverlusten entscheidende Impulse für diese Konjunktur gesetzt hat. Denn Debatten, die sich mit Raubkunst, Beutekunst und sogenannten „Arisierungen“ beschäftigten, siedelten sich zumeist im Schnittfeld von Zeitgeschichte und Kunstgeschichte an. „Die in diesem Kontext boomende Provenienzforschung wirkte als Katalysator, der einer gesellschaftsgeschichtlichen Perspektive den Weg bahnte– denn von der Frage nach der Herkunft der Objekte leitete sich der kritische Blick auf die Strukturen des Kunstbetriebs und offizielle wie informelle Kontinuitäten über den Epochenwechsel von 1945 hinaus ab“.1
Auch wenn dieser Aufschwung der Zeitgeschichte des Kunstbetriebs mithin eng mit der Geschichte und Nachwirkung des Nationalsozialismus verknüpft ist, so erschöpft sich ihr Potential bei Weitem nicht in diesem Bereich. So ließen sich die demokratie- und sozialhistorischen Bezüge und Bedeutungen des Kunstfelds für die Zivil- und Arbeitsgesellschaft, als Faktor sozialer Ungleichheit, als Gegenstand von Vermarktung und Korruption oder als Arena, in der Geschlechterbeziehungen verhandelt werden, ebenso untersuchen wie die politischen Implikationen nationaler Traditionen und globalgeschichtlicher Verflechtungen.
Der folgende Beitrag möchte das Spannungsfeld von Zeit- und Kunstgeschichte konkret in drei Schritten exemplarisch ausmessen: Zunächst soll die Bedeutung des Kunstfeldes für die Nachgeschichte des Nationalsozialismus und das Selbstverständnis der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft untersucht werden. Vergangenheitspolitische Strategien innerhalb der Kunstszene werden hierbei mit dem Begriff der Dekontaminierung analytisch gefasst. Ein zweiter Teil beschäftigt sich mit einer methodischen Grundfrage: dem spezifischen Verhältnis von Werk und Biografie sowie den Konsequenzen, die sich hieraus für die kuratorische Praxis und (kunst-)historische Reflexion in der Bundesrepublik ergaben und ergeben. Gezeigt wird dies anhand der wechselhaften politisch-ästhetischen Einordnung der Protagonisten des Expressionismus und der „NS-Kunst“ in Retrospektiven von den 1950er bis in die 1980er Jahre. Schließlich erörtert der Beitrag, wie sich wissenschaftliche Erträge der zeithistorischen Erforschung der Kunstförderung und künstlerische Positionen zur Vergangenheitspolitik produktiv aufeinander beziehen lassen.
Das Dossier wird in den kommenden Wochen und Monaten um weitere aktuelle Beiträge ergänzt.
1 Jutta Braun/Winfried Süß: Einleitung, in: Dies. (Hg.): Kunst und Kultur nach dem Nationalsozialismus. Göttingen 2025 (= BGNS, Bd. 40), S. 7-25, hier S. 13.
Zitation
Jutta Braun, Maria Neumann, Kunst + Geschichte. Perspektiven der Forschung, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/kunst-geschichte